Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Glaubens- und Sittensachen (res s. materia fidei et morum) oder Glaubens- und Sittenlehren (doctrina de fide vel moribus) ist der technische Ausdruck für die Bezeichnung derjenigen Gegenstände, welche unter die Lehrgewalt der Kirche fallen, d. h. bezüglich deren die Kirche durch ihre unfehlbare Auctorität die religiös-sittliche Überzeugung ihrer Glieder regeln kann. Der Ausdruck bildet zunächst den Gegensatz zu den res ad disciplinam pertinentes, weil die Bethätigung der richterlichen und gesetzgebenden Gewalt der Kirche bezüglich dieser Dinge direct bloß thatsächlichen Gehorsam, nicht auch Glauben fordert. Dabei ist aber keineswegs ausgeschlossen, daß Gegenstände der Disciplin zugleich in das Gebiet des Glaubens und der Sitten hineinbezogen werden können und müssen (s. b. Art. Disciplin V.); im Gegentheil soll gerade die Doppelbestimmung (res fidei et morum) unter den mores die Disciplin, inwieweit dieselbe sittlicher Natur ist, mit begreifen. Diese Doppelbestimmung ist übrigens nur eine nähere Erklärung und Entwicklung der einfachen Bestimmung »materia fidei«, welche, wo sie allein steht, im kirchlichen Sprachgebrauch denselben Umfang hat. Besonders deutlich ist dieß in den Kundgebungen Martins V. über die Censuren des Konstanzer Concils gegen Wiclif und Hus: während er in der Bulle Inter cunctas art. 6 die Verwerfung alles dessen verlangt, quod condemnavit (Concilium Const.) esse fidei vel bonis moribus contrarium, hatte er im Concil selbst erklärt, er bestätige ausschließlich omnia et singula determinata, conclusa et decreta in materia fidei. Ebenso erhellt die Universalität des Ausdrucks materia fidei daraus, daß die Theologen die Censurwürdigkeit einer Lehre constatirt finden, sobald diese fidei aliquo modo nociva ist. In der That wird die materia morum nur deßhalb beigefügt, um hervorzuheben, daß die unfehlbare Lehrgewalt nicht abstract auf die Überlieferung der geoffenbarten Lehre als solcher, sondern auf die ganze praktische Lehre sich erstreckt, durch deren ungetrübte Reinheit sowohl die Wahrung der Heiligkeit der Kirche wie die sichere Führung der Gläubigen auf dem Wege des Heils bedingt wird. Diesen Umfang erlangt aber auch der Ausdruck materia fidei dadurch, daß dazu außer den die substantia fidei bildenden Offenbarungswahrheiten auch solche Lehren gerechnet werden, welche zur integritas fidei gehören, in ähnlicher Weise, wie man bei einem organischen Ganzen essentielle und integrale Theile und beim ersten Menschen die übernatürliche Mitgift der Integrität von den wesentlichen Bestandtheilen seiner Natur unterscheidet. Die integritas fidei aber umfaßt, subjectiv betrachtet, das richtige Urtheil über alle solche Dinge, ohne deren richtige Erkenntniß der Glaube nicht in sich selbst gesichert sein würde oder doch nicht das ganze innere und äußere, private und öffentliche Leben vollkommen durchdringen und regeln könnte oder gar in diesen Einflüssen wesentlich gefährdet werden würde. Zunächst kommen hier in Betracht diejenigen Folgerungen aus der Offenbarungslehre, welche die theoretische Entwicklung und praktische Anwendung derselben darstellen; solche Lehren fallen dann unter die materia fidei auch in dem Sinne, daß sie zum Inbegriff der durch den Glauben zu erkennenden Wahrheiten gehören, also auch causaliter theologische Wahrheiten und mittelbare Glaubenslehren sind. Indirect gehören sodann zur materia fidei solche Wahrheiten und Thatsachen, welche nicht aus der Offenbarung, sondern durch Vernunftmittel erkannt werden, aber doch zu der Offenbarung in enger Beziehung stehen, sich mit derselben berühren und in Wechselwirkung treten. Diese Beziehung, Berührung und Wechselwirkung beruht darauf, daß die betreffenden Wahrheiten 1. dieselben Gegenstände betreffen, über welche auch die Offenbarung uns Aufschluß geben soll, also inhaltlich religiöser oder sittlicher Natur sind; daß 2. die richtige Erkenntniß derselben für die unmittelbaren oder mittelbaren Zwecke der Offenbarung (die Reinheit und Sicherheit des Glaubens und der Sitten, das Heil der Seelen, die Würde und das Wohl der Kirche) von wesentlichem Interesse und Einfluß ist; daß sie darum 3. namentlich diejenigen Elemente enthalten, vermittels welcher die volle, concrete Geltendmachung und allseitige Entwicklung und Anwendung der geoffenbarten Wahrheit in ihren theologischen Consequenzen erzielt wird. Sie bilden gleichsam die Atmosphäre für den Baum der Offenbarungswahrheit, welche, in derselben Region mit ihm liegend, ihm Schutz und zugeich Stoff zur weitern Entwicklung darbietet; oder das Vorland des von der Offenbarung direct beherrschten Gebietes, welches im Dienste der Offenbarung, wenn schon nicht durch sie, beherrscht und beleuchtet werden muß, wenn die Offenbarung ihren Zweck vollständig erfüllen soll; oder den Stoff (materia) im engern Sinne, woran und wodurch sich der Geist der Glaubenswahrheiten concret darstellt und bethätigt. Näherhin gehören in dieses Gebiet 1. in Beziehung auf den Glaubensinhalt als solchen und den Glauben selbst: a. Sinn und Brauchbarkeit der Ausdrücke, welche zur Darstellung des Glaubensinhaltes verwendet werden können und müssen (z. B. das ὁμοούσιος); b. Sinn und Auctorität von Texten und Zeugnissen, durch deren richtige Erkenntniß die Reinheit und Sicherheit des Glaubens an die geoffenbarte Wahrheit entweder positiv (wie bei den Offenbarungsurkunden und kirchlichen Entscheidungen) oder negativ (wie bei glaubenswidrigen Schriften und Behauptungen) bedingt ist (sogenannte dogmatische Thatsachen); 2. in Beziehung auf die mittelbaren Zwecke der Offenbarung, das Heil der Seelen, Würde und Wohl der Kirche, Sitte und Cultus: a. einerseits die Würdigung nicht geoffenbarter, aber durch Vernunft und Erfahrung als nothwendig und zweckmäßig sich herausstellender Mittel und Einrichtungen zu einem dieser Zwecke (z. B. Kirchenstaat, religiöse Orden, Disciplinarvorschriften nach ihrer Berechtigung und Nothwendigkeit); andererseits auch die Würdigung der Dinge, namentlich der Meinungen und Äußerungen, welche dem Glauben, den guten Sitten, dem Heile der Seelen und dem Urtheile der Kirche schädlich sind; b. die Erklärung des mit dem geoffenbarten Gesetze parallel laufenden und von ihm vorausgesetzen Naturgesetzes auch in denjenigen Punkten, von welchen die Offenbarung selbst nicht redet (z. B. Duell); c. die Feststellung und Würdigung von Thatsachen und Verhältnissen, welche die concrete Anwendung des göttlichen Gesetzes bedingen und modificiren (z. B. die Verhältnisse, welche das Zinsnehmen durchweg erlauben, oder welche durchweg occasio proxima zur Sünde constituiren); d. endlich die Feststellung und Würdigung von Thatsachen, ohne deren richtige Kenntniß das religiöse Leben, besonders der Cultus, nicht in würdiger und entsprechender Weise geordnet werden könnte (so namentlich die Thatsache der Heiligkeit derjenigen Personen, welche von der Kirche zur öffentlichen Verehrung ausgestellt werden). Daß alle diese Dinge die beiden ersten obengenannten Bedingungen an sich tragen, liegt auf der Hand; es ist aber auch leicht einzusehen, wie von allen diesen Wahrheiten, sei es die volle, concrete Geltendmachung, sei es die volle Entwicklung und Anwendung der einen oder andern Glaubenswahrheit abhängt, und folglich auch die dritte Bedingung zutrifft. – Wenn die Vernunft und das Gewissen der einzelnen Gläubigen diese Wahrheiten im Interesse der Offenbarung und ihrer Zwecke mit in Erwägung zu ziehen hat, so fällt um so mehr die Beurtheilung derselben als ein judicium in favorem fidei et salutis animarum (Bulle Inter cunctas Martins V.) der zum Schutze und zur Geltendmachung des Offenbarungsinhaltes von Gott eingesetzten Auctorität anheim, besonders wo der Gegenstand von wesentlicher und allgemeiner Bedeutung für die Integrität des Glaubens und seiner Zwecke ist und daher nicht bloß für einzelne, sondern für alle Gläubigen objectiv zur materia fidei gehört. Die Unfehlbarkeit derartiger Urtheile wird am meisten von denjenigen, welche die enge Beziehung unserer Gegenstände zur Offenbarung angreifen, bekämpft, weßhalb gewöhnlich die Besprechung derselben nur bei Gelegenheit der kirchlichen Lehrgewalt und Unfehlbarkeit Platz findet. (Vergleich d. Art. Glaubensregel.)

[Scheeben.]


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