Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 5, Sp. 1442]Häresie (αἵρεσις, αἱροῦμαι) bedeutet ursprünglich »Wahl«, sodann das Erwählte, besonders die erwählte Lebensrichtung, die religiöse oder politische Parteirichtung (Flav. Jos. Bell. Jud. 2, 8, 1) und die Partei selbst, wie bei den Juden die der Sadducäer (Apg. 5, 17), Pharisäer (ebd. 15, 5; 26, 5) und Essener (Flav. Jos. Antt. 13, 5, 9: κατὰ τὸν χρόνον τοῦτον τρεῖς αἱρέσεις τῶν Ἰουδαίων ἦσαν … ἡ μὲν Φαρισαίων … ἡ δὲ Σαδδουκαίων, ἡ τρίτη δὲ Ἐσσηνῶν). Auch die christliche Lehre (Apg. 24, 14) und die Christengemeinde wurde von den Juden αἵρεσις genannt (Apg. 24, 5; 28, 22; Justin. Dial. 18. 108). Bei den späteren Griechen waren die Philosophenschulen αἱρέσεις, bei den Christen die Irrlehren und von der Kirche getrennten Secten (2 Petr. 2, 1; Ignat. Eph. 6; Trall. 6; Clem. Alex. Strom. 1, 19). Nach späterem christlichem Sprachgebrauche bezeichnet das Wort ausschließlich die Irrlehre im objectiven Sinne und subjectiv das hartnäckige Festhalten derselben. Der Dogmatiker beschäftigt sich mehr mit der Häresie im objectiven, der Moralist mit Häresie im subjectiven Sinne. Gleichbedeutend mit Häresie ist Ketzerei. Man leitet das Wort Ketzer (ketter) ab von Katharer (καϑαρός), einem Namen, den sich eine manichäische Secte des Mittelalters beilegte. Die Italiener nannten sie mit Umwandlung des ϑ in z Gazari, woher das deutsche Ketzer.

Nicht jede falsche Lehre in Glaubenssachen ist nach kirchlichem und theologischem Sprachgebrauche eine Häresie, sondern nur diejenige, welche zu einer von der Kirche klar dargelegten Glaubenslehre unzweifelhaft in directem Widerspruche steht. Wenn die Glaubenslehre, mit welcher die falsche Behauptung streitet, weder durch eine endgültige Definition, noch durch das gewöhnliche Lehramt der Kirche klar als geoffenbarte [Bd. 5, Sp. 1443] Lehre zu glauben vorgelegt ist, so mag die falsche Lehre eine sententia haeresi proxima sein, eine Häresie darf sie nicht genannt werden. Ist ferner der Gegensatz, welcher zwischen einer klar vorgelegten Glaubenswahrheit und einer falschen Lehre besteht, kein unmittelbarer, d. h. enthält die letztere nicht formell in sich, sondern nur in den aus ihr abgeleiteten Folgerungen eine Negation der Glaubenslehre, so ist die falsche Lehre nicht häretisch, sondern eine propositio theologice erronea. Endlich muß, damit eine falsche Lehre Häresie genannt werden könne, ihr directer Gegensatz zur Glaubenswahrheit so klar vorliegen, daß über denselben kein Zweifel obwaltet. Wenn nur Wahrscheinlichkeitsgründe für die Annahme eines solchen Gegensatzes vorliegen, so wird die Lehre von der Kirche höchstens als eine sententia de haeresi suspecta, haeresin sapiens censurirt. Das Läugnen einer genügend vorgelegten Glaubenswahrheit, ja der Zweifel an derselben ist Häresie im subjectiven Sinne des Wortes oder die Sünde der Häresie. Doch wird diese Sünde, obgleich sie auch von einem Nicht-Christen begangen werden kann, nur bei demjenigen Häresie genannt, welcher der Lehrauctorität der Kirche unterworfen ist. Sie kann eine bloß innerliche oder eine auch äußerliche d. h. durch Worte oder äquivalente Zeichen geäußerte, ferner eine materielle oder eine formelle sein. Eine materielle ist sie, wenn der Christ, welcher der Irrlehre anhängt, nicht weiß, daß sie von der rechtmäßigen Auctorität verworfen ist, sei es, daß er die Lehrauctorität der Kirche zwar anerkennt, aber über die Thatsache der Verwerfung jener Lehre nicht unterrichtet ist, sei es, daß er die Lehrauctorität aus unverschuldetem Irrthum nicht anerkennt. Letzteres ist in der Regel bei denjenigen der Fall, welche im Protestantismus erzogen sind. Die Häresie ist eine formelle, wenn der Christ einer Lehre mit Hartnäckigkeit anhängt, obgleich er sowohl von der Lehrauctorität der Kirche, wie von dem directen Widerspruche, in welchem jene Lehre mit einer klar dargelegten Glaubenslehre steht, unterrichtet ist. Die Verwerfung der gesammten Lehre der Kirche oder des Christenthums nennt man Apostasie.

Durch die formelle Häresie trennt sich der Christ ipso facto von der Einheit der Kirche und hört auf, ein Mitglied derselben zu sein. Denn die Einheit der Kirche als einer Religionsgesellschaft ist ganz besonders eine Einheit des Glaubens. Die der Kirche wesentliche Glaubenseinheit besagt nun nicht, daß ein jedes Mitglied jede einzelne der geoffenbarten Wahrheiten kennt und glaubt, so daß alle Glaubensgenossen im Bekenntnisse aller im Einzelnen erkannten Wahrheiten übereinstimmen; dieses ist ja unmöglich. Andererseits genügt es zur wesentlichen Glaubenseinheit auch nicht, daß sich Alle übereinstimmend zu einigen wichtigeren Artikeln, den Fundamentalartikeln, bekennen, während sie frei sind hinsichtlich der Annahme der übrigen Offenbarungslehren. Denn diese Unterscheidung zwischen Glaubenssätzen, [Bd. 5, Sp. 1444] die man, um Mitglied der Kirche Christi zu sein, annehmen muß, und anderen, die man unbeschadet der Zugehörigkeit zur Kirche läugnen darf, ist durchaus willkürlich; im Gegentheile ist es leicht, aus Schrift und Tradition nachzuweisen, daß es unter den von Gott geoffenbarten Wahrheiten keine einzige gibt, welche man nach Belieben annehmen oder verwerfen kann. Jene Glaubenseinheit der Kirche Christi besteht darin, daß alle ihre Mitglieder die geoffenbarten Wahrheiten, welche von der durch Christus eingesetzten Lehrauctorität genügend vorgelegt und ihnen als solche bekannt sind, annehmen und den Willen haben, sich in allen anderen Lehrpunkten der Entscheidung derselben Auctorität zu fügen. Diese Einheit kann einerseits der Kirche Christi nicht fehlen, wie dieß aus der Einsetzung einer Lehrauctorität folgt, und andererseits ist sie nicht nur eine genügende Glaubenseinheit der Einen Kirche, sondern auch eine wunderbare, großartige Einheit einer zahlreichen, über den ganzen Erdkreis verbreiteten Gesellschaft, indem die Glaubensgenossen aller Länder je nach dem Maße ihrer Bildung eine große Summe von Wahrheiten explicite kennen und in vollster Übereinstimmung glauben, alle anderen aber implicite in der Anerkennung Einer Lehrauctorität annehmen und bei etwaigen Meinungsverschiedenheiten in Glaubenssachen sich dem Urtheilsspruch der gemeinsamen Lehrauctorität zu unterwerfen bereit sind. Von dieser Einheit fällt der Katholik ab, wenn er auch nur eine einzige Lehre läugnet, welche er als endgültig festgesetzte erkennt. Durch Läugnung einer einzigen erschüttert und vernichtet er ja auch seinen Glauben überhaupt, da es für ihn keinen vernünftigen Grund geben kann, die übrigen Lehren in Hingabe an die Lehrauctorität anzunehmen, wenn er diese in Bezug auf einen einzigen Lehrpunkt für ungenügend erachtet. Es besteht aber eine Controverse, ob der Häretiker schon durch eine bloß innere Häresie aufhört, Mitglied der Kirche zu sein, wie Suarez (De fide, Disp. 91, s. 1, n. 23 sq.) annimmt, oder nur dann, wenn er die Häresie äußerlich kundgibt, wie Bellarmin (Controv. de eccles. milit. 3, cp. 10) glaubt. Die erstere Ansicht hat eine neue Stütze an einem Ausspruche Pius’ IX. gefunden, welcher in der Bulle Ineffabilis Deus in Bezug auf die unbefleckte Empfängniß Maria’s sagt: Quapropter si qui secus ac a Nobis definitum est, quod Deus avertat, praesumpserit corde sentire, ii noverint, ac porro sciant, se proprio judicio condemnatos naufragium circa fidem passos esse et ab unitate Ecclesiae defecisse, ac praeterea facto ipso suo semet ipsos poenis a jure statutis subjicere, si, quod corde sentiunt, verbo aut scripto aut alio quovis externo modo significare ausi fuerint. Durch diese Bemerkung ist natürlich die Controverse nicht entschieden. Vgl. zu dieser übrigens nicht sehr wichtigen Controverse unter den neueren Theologen Murray, De Eccl. I, 193 sqq. und Palmieri, De Rom. Pontif. Proleg. [Bd. 5, Sp. 1445] 47, von denen jener zu Suarez’, dieser zu Bellarmins Ansicht hinneigt.

Das Vergehen der Häresie wurde schon seit apostolischer Zeit schwer geahndet, und schon früh entstanden feste Normen hinsichtlich der über Häretiker zu verhängenden Strafen. Diese sind theils rein kirchliche, theils bürgerliche. Die kirchlichen Strafen sind Excommunication (s. unten), Irregularität (c. 18, C. I, q. 1; Innoc. I. a. 414; c. 5, D. LI), Unfähigkeit der Erlangung eines kirchlichen Beneficiums, welche auf Sohn und Enkel übergeht, wenn der Vater, auf den Sohn, wenn die Mutter sich der Häresie schuldig gemacht hat (c. 2. 15 in VI, 5, 2), Verlust des kirchlichen Begräbnisses. Für Geistliche tritt noch hinzu Suspension, Verlust der kirchlichen Ämter und Würden und Degradation (Genaueres hierüber bei München, Das canonische Gerichtsverfahren und Strafrecht II, 323 ff.). Die weltlichen Strafen wurden gemeinschaftlich von Kirche und Staat über die Häretiker verhängt, so jedoch, daß der weltlichen Gewalt das Urtheil über die Häresie nicht zuerkannt wurde (c. 18 in VI, 5, 2). Die meisten Strafgesetze wurden schon von den altrömischen Kaisern erlassen, besonders aus Anlaß der Gewaltthätigkeit und Unsittlichkeit mancher Secten des 4. und 5. Jahrhunderts, und finden sich im bürgerlichen Rechtscodex (De haereticis et Manichaeis et Samaritis 1, 5). Das Verbrechen der Häresie wurde ähnlich bestraft wie das Majestätsverbrechen, weil es als grobe Verletzung der Majestät Gottes und Verläugnung der Grundlage der christlichen Gesellschaft aufgefaßt wurde. Manche der Strafbestimmungen erscheinen uns sehr hart, theils wegen der Verfeinerung unserer Sitten, wie auch wegen der unserer Zeit eigenen sentimentalen Abneigung gegen ernste Ahndung der Verbrechen überhaupt, theils wegen eines unrichtigen Urtheils über das Verbrechen der Häresie und der Verringerung unserer Scheu vor derselben. Verbannung und Todesstrafe, Infamie und Verlust der bürgerlichen Rechte, Vermögensconfiscation und Inhabilität für öffentliche Ämter – letztere bis zur zweiten Generation von väterlicher, zur ersten von mütterlicher Seite ausgedehnt – waren Strafen der Häresie. Aus den Criminalgesetzgebungen der neueren Zeit ist die Häresie fast ganz unter den zu bestrafenden Verbrechen verschwunden; in Deutschland fing man im 16. Jahrhundert schon an, die Häresie nicht mehr als bürgerliches Verbrechen zu betrachten (vgl. Jarcke, Hdb. d. gemeinen deutschen Strafrechts II, 12). Nach dem Beispiele der Apostel (1 Tim. 1, 20) verhängte die Kirche von Alters her die Strafe der Excommunication über die Häretiker; doch trat diese erst mit dem Richterspruche ein (c. 37, C. XXIV, q. 3). Seit dem vierten Lateranconcil wird sie ipso facto incurrirt (c. 8. 13, X 5, 7) und durch die Bulla coenae wurde sie dem apostolischen Stuhle reservirt. Das geltende Recht ist in der Constitution Apostolicae Sedis (12. October 1869) enthalten: Die Excommunication [Bd. 5, Sp. 1446] trifft die Häretiker, ihre Anhänger und alle diejenigen, welche die Häretiker (als solche zum Schutze gegen die Strafe) aufnehmen, ihnen Vorschub leisten, sie vertheidigen, und diese Censur ist speciali modo dem Papst reservirt. Dieselbe Strafe trifft omnes et singulos scienter legentes sine auctoritate Sedis Apostolicae libros eorundem … haereticorum haeresin propugnantes … eosdemque libros retinentes, imprimentes et quomodolibet defendentes. (Näheres im Archiv f. K.-R. XXVI, 155 ff.; Lehmkuhl, Theol. moralis II, 923; Marc, Instit. mor. Alphons. 1315.)

Kaum eine andere kirchliche Lehre ist dem modernen religiösen Liberalismus so verhaßt, wie die von der Strafbarkeit der Häresie. Ist ja die Freiheit, zu glauben und zu denken, was man will, das Idol der heutigen Zeit, und dieses anzutasten gilt als eine unerträgliche Geistesknechtung. Hierin aber liegt die Läugnung des Christenthums. »Gehet hin in alle Welt,« sagt Christus den Aposteln bei Gründung seiner Kirche, »verkündet das Evangelium aller Creatur. Wer glaubt und sich taufen läßt, wird selig; wer nicht glaubt, wird verdammt werden« (Marc. 16, 15). Wenn Christi Wort also überhaupt etwas bedeutet, so steht es dem Menschen nicht frei, das von den Aposteln verkündigte Evangelium ganz oder theilweise nach Belieben anzunehmen oder zu verschmähen; diese Freiheit bestand weder zu Zeiten der Apostel, noch besteht sie seit ihrem Tode, da auch nach dem Tode der Apostel die Predigt des Evangeliums fortgesetzt werden sollte, und darum die Worte Christi nicht nur an die Apostel, sondern auch an ihre Nachfolger gerichtet sind. Fügt ja der Heiland an der Parallelstelle (Matth. 28, 19 f.) auch hinzu, daß er bei ihnen bleiben werde bis zum Ende der Zeiten (vgl. Joh. 14, 16). Die von der göttlich eingesetzten Auctorität verkündete Offenbarungswahrheit von sich weisen, ist also eine Sünde, und zwar eine in sich und in ihren Wirkungen sehr schwere und verhängnißvolle Sünde, besonders bei demjenigen, welcher der Kirche schon angehört, denn sie ist die Läugnung einer Wahrheit, für welche Gott selbst sich verbürgt, eine Lossagung von der Kirche Gottes, eine Handlung, welche den Glauben, die Grundlage und Wurzel des ganzen christlichen Tugendlebens vernichtet und die Kirche bekämpft und in Secten spaltet. Einem solchen Vergehen durch Bestrafung zu begegnen, ist also ebensowohl in der Ordnung, wie die Bestrafung irgend eines andern Vergehens, falls nur eine mit Strafgewalt ausgerüstete Auctorität besteht, in deren Bereich das Vergehen fällt. Eine solche Auctorität aber besteht in der Kirche, wie dieses aus ihrer Natur und der seit apostolischen Zeiten in der Kirche üblichen Praxis folgt. Daß die Väter seit Anfang des Christenthums und die Apostel selbst in Bezug auf Häretiker sehr intolerant waren und »Abweichungen von ihren Worten sehr ernst nahmen« (vgl. Kahnis in Herzogs Encyklopädie [Bd. 5, Sp. 1447] für protest. Theologie 2. Aufl., V, 521), können auch die Protestanten nicht läugnen, wie sehr auch diese Thatsache dem protestantischen Fundamentalprincip von der freien Forschung entgegensteht. Der hl. Paulus spricht über diejenigen, welche eine von der seinigen abweichende Lehre vortragen, das Anathem aus (Gal. 1, 9); der hl. Johannes nennt die Häretiker Antichristen (1. Joh. 4, 3. 2 Joh. 7) und verbietet, sie ins Haus aufzunehmen oder auch nur zu grüßen (2 Joh. 10); der hl. Petrus nennt sie Pseudoapostel, trügerische Arbeiter, welche sich in Nachahmung Satans, der die Gestalt eines Lichtengels annimmt, in Apostel umgestalten, falsche Lehrer, welche den Herrn, der sie erkauft hat, verläugnen und das bald eintretende Verderben über sich heraufbeschwören (2 Petr. 2, 1; vgl. ebd. 17); dem Apostel Judas Thaddäus sind sie wasserlose Wolken, welche von den Winden umhergetrieben werden, unfruchtbare, zweimal erstorbene, entwurzelte Bäume, wilde Meereswogen, welche wie Schaum ihre eigene Schande aufspritzen, Irrsterne, denen die ewige Finsterniß bevorsteht (Jud. 12 ff.). Den Widerspänstigen in Corinth droht Paulus mit der Gewalt, die ihm der Herr gegeben; er werde kommen, »allen Ungehorsam zu ahnden« (2 Cor. 10, 1 ff.). Den Vorstehern, welche sie in der Kirche eingesetzt, empfehlen die Apostel die strengsten Maßregeln gegen die Häretiker, so der hl. Paulus in den Pastoralbriefen, und er selbst geht mit seinem Beispiele voran. »Einige haben am Glauben Schiffbruch gelitten,« so schreibt er an Timotheus (1 Tim. 1, 20), »zu denen Hymenäus und Alexander gehören, welche ich dem Satan überliefert habe, damit sie lernen, nicht zu schmähen.« Dieselbe Sprache, wie die Apostel, führen die Väter über Häretiker und Häresie. Der Martyrer Ignatius nennt die Häretiker »wilde Thiere in Menschengestalt«, welche man nicht nur nicht aufnehmen, sondern auch so meiden solle, daß man sie nirgendwo antreffe. Nur habe man für sie zu beten, damit sie sich etwa bekehren (Smyrn. 4). Bekannt ist, was der hl. Irenäus erzählt (Haer. 3, 3. 4), daß der Apostel Johannes das Bad verließ, sobald er vernommen, der Häretiker Cerinth sei im Bade, und daß der Johannesschüler Polycarp, von Marcion befragt, ob er ihn kenne, antwortete: »Ich kenne dich, den Erstgeborenen des Teufels.« Es ist überflüssig, andere Stellen mitzutheilen, in welchen die Väter mit den Häretikern schonungslos in’s Gericht gehen und die Häresie als ein höchst strafwürdiges Verbrechen an den Pranger stellen. Viele ihrer Stellen sind ja allgemein bekannt. Von den Protestanten tadeln die Einen diese Aussprüche der Väter als Zeichen einer einseitigen Unduldsamkeit, während die Anderen sie billigen und sich selbst oder ihren Religionsgenossenschaften das Recht zuschreiben, in ähnlicher Weise gewisse auftauchende Lehren als Häresien zu verurtheilen; eine Ansicht, welche sie bei Verwerfung einer Lehrauctorität unmöglich rechtfertigen können. Wenn dagegen die katholische Kirche den [Bd. 5, Sp. 1448] Bannfluch über die Häresie ausspricht, so befindet sie sich mit ihren eigenen Grundlehren wie mit den Lehren der ältesten und apostolischen Zeit in vollster Harmonie. Will man die angefeindete Lehre von der Gewalt, die Häresie zu bestrafen, verstehen, so muß man sie im Zusammenhange mit den übrigen Lehren der katholischen Kirche betrachten. Hierher gehört zunächst die schon berührte Lehre von der Glaubenspflicht Aller, in Folge deren die Häresie wirklich ein Verbrechen ist, und die Lehre von der Souveränität der Kirche und ihrer vollen Regierungs- und Strafgewalt in kirchlichen Dingen. Stehen diese Lehren, sowie die Lehre von der Unfehlbarkeit der Kirche fest – und für jeden dieser Lehrpunkte gibt es vollgültige, anderswo beizubringende Beweise –, so ist die Kirche nicht nur zur Bestrafung der Häretiker berechtigt und verpflichtet, sondern erwirbt sich auch durch dieselbe um die übernatürlichen Güter die höchsten Verdienste. Sind freilich obige Sätze falsch, so ist das Vorgehen der kirchlichen Obern gegen die von ihren Lehren abweichenden Christen eine unerträgliche Anmaßung und Geistestyrannei, wie es eine solche war bei Heinrich und Elisabeth von England, sowie auch bei den sogen. Reformatoren, welche ohne alle von Gott verliehene Auctorität und ohne Anspruch auf Unfehlbarkeit Abweichungen von ihren Lehren gewaltsam niederhielten, ja durch Kerker und Schwert unterdrückten oder durch die weltliche Obrigkeit unterdrückt wissen wollten. Nicht so steht es mit dem auctoritativen Verwerfungsurtheile und der Bestrafung der Häresie durch die katholische Kirche. Sie handelt kraft göttlichen Auftrages und einer von Gott empfangenen Gewalt, und was sie als Irrthum durch endgültigen Spruch verwirft, ist wirklich Irrthum. Die Furcht, sie möchte die Wissenschaft schädigen oder die Freiheit der Forschung unterdrücken, hat offenbar zur Voraussetzung, daß sie irren könne. Schreitet sie mit Unfehlbarkeit gegen die Häresie ein, so kann sie unmöglich dem Forscher entgegentreten, wenn er sich auf dem rechten Wege befindet; sie verhindert ihn nur, abzuirren. Ebensowenig ist zu befürchten, daß die Bestrafung der Häresie die Heuchelei fördere. Diese Furcht war der Grund für den hl. Augustinus, sich im Kampf mit den Donatisten gegen die Bestrafung derselben zu erklären. Mea primitus sententia non erat, schreibt er an Vincentius (Ep. 93, al. 48, n. 17), nisi neminem ad unitatem Christi esse cogendum, verbo esse agendum, disputatione pugnandum, ratione vincendum, ne fictos catholicos haberemus, quos apertos haereticos noveramus. Aber er wurde, wie er hinzufügt, durch die Bekehrungen, welche die Strafe bewirkte, eines Bessern belehrt, und seine frühere Ansicht widerruft er ausdrücklich im zweiten Buche (c. 5) der Retractationen: Tunc mihi non placebat (schismaticos ad communionem vehementer arctari), quoniam nondum expertus eram, vel quantum malum eorum auderet impunitas, vel quantum eis in melius mutandis [Bd. 5, Sp. 1449] conferre posset diligentia disciplinae. Es kann ja immerhin einmal vorkommen, daß jemand eine Häresie im Herzen hegt, aber aus Furcht vor Strafe Glauben heuchelt. Doch wird die Hauptwirkung der Strafe sein, daß sie, abgesehen von der Genugthuung, welche sie für das Vergehen bietet, letzteres als das kennzeichnet, was es wirklich ist, und darum von demselben abhält, daß sie denjenigen, der es begangen, zur Bekehrung führt und das Umsichgreifen der Häresie verhindert. – Ohne Strafgewalt wäre die Kirche der Häresie gegenüber hilflos, wie die protestantischen Religionsgenossenschaften, und gerade so wie diese würde sie sich in tausend Secten auflösen. Der Bestand einer in sich einigen Kirche, wie Christus sie gestiftet, ist ohne Strafgewalt unmöglich, – was zugleich ein Beweis ist, daß Christus seiner Kirche diese Gewalt wirklich verliehen; denn er hat ihr doch verliehen, was zu ihrem Bestande nothwendig ist. – Es braucht kaum hinzugefügt zu werden, daß die Kirche die Ausübung ihrer Strafgewalt nur denjenigen gegenüber für berechtigt hält, bei welchen eine juridisch nachweisbare Schuld vorliegt. Ein durchaus unehrliches Kampfmittel der Gegner der Kirche ist die Behauptung, daß die Kirche, falls sie zu Macht und Ansehen gelangen sollte, die im Protestantismus Erzogenen zwingen würde, die ererbte Religion mit der katholischen zu vertauschen. Weit mehr haben die Katholiken von der Willkür akatholischer und ungläubiger Regierungen und Kammermajoritäten zu fürchten, als die Protestanten von dem weisen, nach festen Grundsätzen geregelten Walten der Lehrauctorität der katholischen Kirche. Selbst gegen solche, welche wegen persönlichen Abfalles von der Kirche als schwer schuldbar angesehen werden, hat die Kirche seit Jahrhunderten keine anderen weltlichen Strafen mehr angewandt oder gutgeheißen, als solche, welche, wie z. B. die Verbannung, zum Schutze gegen Ansteckung nothwendig erschienen; es sind eben die Ursachen und Umstände weggefallen, welche in älterer Zeit gerade solche Strafen nothwendig und zweckmäßig machten. (Vgl. Döllinger, Kirche u. Kirchen 86 ff.; Scheeben, Period. Bl. III, 1871, 59 ff.)

Wie verderblich auch die Häresien sind, so haben sie doch immerhin ihr Gutes. Sie wirken in der Kirche wie ein Gewitter in der Natur, reinigend und klärend. Auch von der eigentlichen Häresie gilt das Wort des hl. Paulus: »Es müssen auch Spaltungen sein, damit die Bewährten unter euch offenbar werden« (1 Cor. 11, 19). Von großem Nutzen sind die Häresien, weil sie die Kirche veranlassen, die im Offenbarungsschatz enthaltenen Wahrheiten im Einzelnen klar und scharf zu formuliren, zu begründen, mit einander zu vergleichen, zu erklären, durch Gegenüberstellung der sie negirenden Irrthümer in’s Licht zu stellen und feierlich als göttlich geoffenbarte Wahrheiten der gesammten Christenheit zu verkünden. Wie dieß im Laufe der Jahrhunderte geschehen, zeigt die Kirchengeschichte, [Bd. 5, Sp. 1450] speciell die Dogmengeschichte.

An Häresien hat es seit Anfang des Christenthums nicht gefehlt. Auch wurde schon früh die Geschichte derselben behandelt. Schon der Martyrer Justin verfaßte ein historisches Werk über Häresien, Σύνταγμα κατὰ πασῶν τῶν γεγενημένων αἱρέσεων (I. Apol. n. 26), welches nicht auf uns gekommen. Er mag das Wort Häresie in einem etwas weitern Sinne gebraucht haben. Das Hauptwerk des hl. Irenäus wird zwar gewöhnlich und schon von Eusebius und Hieronymus unter dem Titel Libri contra haereses citirt, beschäftigt sich aber seinem eigentlichen Titel entsprechend hauptsächlich nur mit den gnostischen Irrlehren. Weiter greifen die seinem Schüler Hippolytus vielfach zugeschriebenen Philosophumena oder Widerlegung aller Häresien. Sie sind großentheils eine Darstellung häretischer Lehrsysteme. Hippolyt schrieb auch ein Σύνταγμα gegen alle Häresien, welches verloren gegangen ist, und welches nach Lipsius die Grundschrift für den Catalogus haereticorum des Pseudo-Tertullian, wie für die Werke des hl. Epiphanius und Philastrius war. Epiphanius beschreibt und widerlegt in seinem Panarion gegen 80 Häresien, von denen aber 20 der vorchristlichen Zeit angehören; er nimmt also den Begriff Häresie in einem weitern Sinne, wie auch sein Zeitgenosse Philastrius, welcher im Liber de haeresibus 156 Häresien, nämlich 28 vorchristliche und 128 christliche, vorführt. Kurz und bündig wird Geschichte und Lehre aller Häresien von Simon Magus bis auf Pelagius dargelegt vom hl. Augustinus in seiner an den Diacon Quodvultdeus gerichteten Schrift De haeresibus. 80 Ketzereien führt er auf. Theodoret schrieb eine Αἱρετικῆς κακομυϑίας ἐπιτομή in fünf Büchern. Die ersten vier Bücher enthalten die Geschichte der Häretiker von Simon Magus bis auf Eutyches. Noch einige andere Werke über Häresien aus der Väterzeit seien hier bloß kurz dem Titel nach aufgeführt: Prädestinatus (vgl. Nirschl., Lehrb. der Patrologie und Patristik III, 170); Leontius’ Scholion oder das Buch von den Secten (ebd. 553); Anastasius’ Sinaita Capitulum (ebd. 609); Johannes Damascenus’ De haeresibus (ebd. 614). – Die Zeit der Scholastik hat keine Werke dieser Art aufzuweisen. Aus der neueren Zeit ist zu erwähnen die ketzerfreundliche und gegen alle Bekämpfer der Ketzereien sich feindlich gegenüberstellende »Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie« von Gottfried Arnold, in 17 Büchern nach den vorgeführten 17 Jahrhunderten (bis 1688). In erster Auflage (Frankfurt a. M. 1729) erschien sie in einem Foliobande; aber durch viele Zusätze und Supplemente vermehrt, umfaßt sie in einer nach des Verfassers Tode herausgegebenen Auflage (Schaffhausen 1740) drei Foliobände. Der mit großem Fleiß geschriebene »Entwurf einer vollständigen Geschichte der Ketzereien« von Chr. Wilh. Walch blieb unvollendet und führt in seinen elf Bänden [Bd. 5, Sp. 1451] (Leipzig 1762) nur die Häresien bis zum Bilderstreite vor. Johann Konrad Füeßlin behandelt in den drei Bänden seiner Kirchen- und Ketzerhistorie der mittlern Zeit (Frankfurt und Leipzig 1770–1774) nur die Häresien der Schweiz und diejenigen, welche zu jenen in besonderer Beziehung stehen. Die Ketzereien des 11., 12. und 13. Jahrhunderts sind dargestellt bei Christ. Ulr. Hahn, Geschichte der Ketzereien des Mittelalters, Stuttgart 1845–1847; Hilgers (Kritische Darstellung der Häresien und der orthodoxen Hauptrichtungen, Bonn 1837) kam nicht über die erste Abtheilung des ersten Bandes hinaus. Von den neuesten hierher gehörenden Publicationen verzeichnen wir noch R. A. Lipsius, Zur Quellenkritik des Epiphanios (Wien 1865) und Die Quellen der ältesten Ketzergeschichte neu untersucht (Leipzig 1875); Hilgenfeld, Ketzergeschichte des Urchristenthums (Leipzig 1884); M. Menendez Pelayo, Hist. de los heterodoxos españoles (Madrid 1820, 2 voll.). Über die Häresien des Mittelalters Alex. Lombard, Pauliciens, Bulgares et Bonshommes en Orient et Occident (Gen. et Bâle 1879); Du rôle des hérésies dans le développement du christianisme au moyen-âge (Revue pol. et littér. II. XVII, 1195 ss., 1879). – Zum Nachschlagen bequem ist Gotti, Veritas religionis christianae II, Venet. 1750; Ph. Fritz, Ketzerlexikon, 3 Bde., Regensburg 1838 ff. und das Werk Dictionnaire des hérésies, des erreurs et des schismes par M. l’abbé J. J. Claris im 11. und 12. Bande der von Migne herausgegebenen Encyclopédie théologique.

[Granderath S. J.]


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