Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 5, Sp. 1729]Heinrich Tocke, Domherr von Magdeburg und Brandenburg, Professor der Theologie zu Rostock, Hofprediger des Kurfürsten Friedrich I. von Brandenburg, wurde um 1390 in Bremen geboren, studirte in Erfurt und wurde daselbst um 1412 Magister artium, später Baccalaureus formatus. Im J. 1419 wurde er als Professor an die neuerrichtete Universität Rostock berufen, und 1424 ward er deren Rector; bald darauf (um 1426) kam er in’s Domcapitel nach Magdeburg und ward als einer der kenntnißreichsten und erleuchtetsten Theologen in Bälde der einflußreiche Rathgeber des dortigen Erzbischofs. In der Fehde, welche zwischen letzterem und den Bürgern von Magdeburg wegen Neubefestigung der Stadt 1429–1435 ausbrach, übernahm Tocke mit anderen Mitgliedern des Capitels die Mittlerrolle und ging auch als Legat nach Basel, um die Angelegenheit seines Erzbischofs beim dortigen Concil zu vertreten, bis derselbe persönlich auf dem Concil erschien. Hier erkannte man sofort die Tüchtigkeit und das Geschick des Magdeburger Domherrn und verwandte ihn bei den Unterhandlungen mit den Böhmen. So erscheint Tocke einmal zu Eger, zweimal zu Prag und zu Regensburg in thätigem Antheil an den Ausgleichsversuchen (Hefele, Conc.-Gesch. VII, 475. 525. 543. 547. 568. 578; Monumenta Conc. general. saec. XV, Vindob. 1857, 361 sqq.; Märkische Forschungen XVI, 1881, 187 ff.). Als 1435 endlich mit Magdeburg Friede geschlossen worden, kehrte Tocke mit seinem Erzbischof dahin zurück und war fortan unermüdlich thätig für Reform des kirchlichen Lebens und Hebung kirchlicher Mißbräuche. In erster Linie beschäftigte ihn hierbei die Untersuchung des angeblichen Wunderblutes zu Wilsnack, über dessen Entstehung er bereits 1411 sonderbare Berichte vernommen hatte, und gegen dessen abergläubischen Cultus er von 1443 an seinen ganzen Einfluß [Bd. 5, Sp. 1730] aufwandte. – Am 16. August 1383 hatte der Ritter Heinrich von Bülow elf zu den Mensalgütern des Bischofs von Havelberg gehörige Dörfer, darunter auch das arme Wilsnack, niedergebrannt. Des letztern Pfarrer, Johannes Calbutz, der während des Unglücks in Havelberg abwesend war, fand bei seiner Rückkehr Ort und Kirche in Asche gelegt. Bei Wegräumung des Schuttes fand man am dritten Tage den Altar gänzlich verkohlt, und der Pfarrer glaubte darum auch die im Tabernakel geborgenen drei consecrirten Hostien (tres pro necessitatibus et viatico infirmorum hostias) mitverbrannt. Die ganze Einwohnerschaft hatte sich nach dem benachbarten Groß-Lüben begeben, und da bei der Armut des Ortes an einen Neubau der Kirche nicht wohl zu denken war, gedachte der Pfarrer seine Gemeinde zu verlassen und anderweitige Verwendung zu suchen. Vor seiner beabsichtigten Abreise, in der Nacht zum Sonntag, wurde er in dreimaliger Vision aufgefordert, kommenden Sonntag (24. August) zu Wilsnack zu celebriren. Der Aufforderung gemäß begab sich der Pfarrer am folgenden Morgen mit Meßrequisiten von Groß-Lüben nach Wilsnack. Hier fand er zu seinem Erstaunen den Altar bereits hergerichtet und die drei Hostien unversehrt, nur am Rande etwas angesengt, auf dem Corporale liegend; in der Mitte derselben aber zeigte sich quasi gutta sanguinis. In der Nacht zuvor hatte es stark geregnet, trotzdem waren Hostien und Corporale trocken geblieben. Albert Crantz (Hist. Vandal. l. 9, c. 11) berichtet, die Hostien wären gleichsam in eine zusammengewachsen und blutend gewesen. Nach Beendigung des Gottesdienstes brachte der Pfarrer die drei Hostien nach Groß-Lüben, wo sie in der Kirche aufbewahrt wurden. Acht Tage später sah man in der Nacht fünf Kerzen vor dem Sacramente brennen, wovon andern Tages bei der Feier der heiligen Messe zwei von selbst auslöschten, während die drei anderen, ohne abzunehmen, fortbrannten, bis ein zweifelsüchtiger Bauer sie auslöschte, worauf sie sich nicht mehr entzünden wollten. Von da an geschahen auf Anrufung des Wunderblutes zu Wilsnack angeblich eine ganze Reihe von Wunderzeichen, freilicht oft recht eigenthümlicher und absurder Art, so daß Wilsnack in Bälde eine der berühmtesten Wallfahrten war, und daß daselbst bereits 1384 der Bau einer neuen, herrlichen Kirche begonnen wurde. Zu letzterem Zwecke hatte man von Urban VI. unter dem 10. März 1384 eine Ablaßbulle erwirkt, während die vier Bischöfe von Magdeburg, Lebus, Brandenburg und Havelberg gleichzeitig in einem andern Ablaßbrief den Gläubigen die Thatsache der Zerstörung Wilsnacks, sowie der dortigen Wundererscheinungen mittheilten. Sofort wurden bleierne Zeichen, die wunderbaren Hostien darstellend, angefertigt und an die zahlreich erscheinenden Pilger vertheilt oder besser verkauft. Die Bischöfe von Havelberg, welche sich durch eine neue Bulle Bonifaz’ IX. vom 15. August 1395, hauptsächlich [Bd. 5, Sp. 1731] wohl aus lucrativen Gründen, in den Besitz der Pfarrei Wilsnack zu setzen wußten, zeigten sich von da an als hartnäckige Beschützer und Förderer des dortigen Cultus; aber auch andere norddeutsche Bischöfe, vor Allem die Kurfürsten von Brandenburg, schenkten der Wallfahrt von Wilsnack zeitweilig ihre warmen Sympathien. Merkwürdigerweise dachte kein Mensch an eine genaue kirchliche Untersuchung des ganzen Herganges und noch weniger an eine ernstliche Prüfung der oft crassen Wunderzeichen; in gutmüthiger Leichtgläubigkeit nahm man Alles, selbst die sonderbarsten Aussagen, ohne Weiteres als wahr hin. Der erste, welcher gegen die Wilsnacker Wallfahrt öffentlich auftrat, war Bischof Konrad Soltow von Verden (1400–1407), indem er den Pilgern ihre bleiernen Hostien gewaltsam wegnehmen ließ. Eine frappant unwahre Wundererzählung lenkte sodann auch die Aufmerksamkeit des Erzbischofs Zbynek von Prag auf die Angelegenheit. Durch eine eigene Comission, zu welcher auch Hus gehörte, ließ er die angeblichen Wunderzeichen genauer auf ihren Wahrheitsgehalt untersuchen. Aus diesem Anlaß verfaßte Hus einen eigenen Tractat De omni sanguine Christi glorificato (Hussii opera I, 191 sqq., Norimb. 1713), eine Frage, die nun an der Prager Universität lebhaft discutirt wurde. Das Ergebniß der Untersuchung war ein auf der Diöcesansynode zu Prag 1405 erlassenes Verbot der Wallfahrt nach Wilsnack (item mandat omnibus clericis per dioecesim, quibus datum est, verbum Dei proponere, ut prohibeant in suis praedicationibus et exhortationibus, ne laici amodo peregrinari debeant ad quendam locum Welsenag ad sanguinem prout dicunt; Höfler, Concil. Prag. 47). Die Vorkommnisse zu Prag, dann der angebliche Selbstverrath des Betrugs durch den Erfinder, den Pfarrer Johannes, der schon 1386 aus unbekannten Ursachen aus Wilsnack vertrieben wurde, und der den Franciscanern und Dominicanern zu Magdeburg das Angebot gemacht haben soll, ihnen einen noch größern Concursus zu verschaffen, als zu Wilsnack, veranlaßten nun auch die sächsischen Bischöfe, zur Sache Stellung zu nehmen. Es geschah dieß auf einer Provincialsynode zu Magdeburg 1412, welche dem Bischof von Havelberg zehn Artikel zu eingehender Rechtfertigung und gewissenhafter Prüfung der Angelegenheit vorlegte (Hartzheim, Concil. Germ. V, 35). Daß die Sache, welche schon so viel von sich reden gemacht, auch zu Konstanz und Basel zur Sprache kam, ist höchst wahrscheinlich, doch fehlen authentische Berichte (Ludecus, Historia 149; Synodalrede Tocke’s von 1451). Ein energischer Gegner erstand dem Wunderblut von Wilsnack in Heinrich Tocke. Hatte er schon bisher gerechte Bedenken gegen den dortigen Cultus gehegt, so konnte er sich am 12. Juli 1443 durch Augenschein an Ort und Stelle von der völligen Grundlosigkeit der ganzen Wunderaffaire hinlänglich überzeugen. Daß das Ganze nichts als [Bd. 5, Sp. 1732] ein verwerfliches Geldgeschäft sei, stand ihm nun außer allem Zweifel. Treffend kennzeichnet Crantz (l. c.) die Erscheinung mit den Worten: avaritia postquam concepit, parit miraculum; miraculum vero superstitionem gignit. Tocke war sich übrigens der Schwierigkeit seiner Aufgabe durchaus bewußt; er erkannte recht wohl, welche Gefahr dem Glaubensleben des Volkes sowohl bei längerer Fortdauer als bei rascher Hebung derartiger Auswüchse drohe: populus semel incalescens aut devotione aut superstitione non facile revocatur (Crantz l. c.). Er ging daher nicht stürmisch und polternd, sondern klug und behutsam vor. Leider hatte man an maßgebender Stelle nicht das nöthige Verständniß für den erleuchteten Eifer des einsichtsvollen Mannes. Sowohl der Bischof von Havelberg als auch der Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg traten ihm, statt ihn aufrichtig zu unterstützen, überall hindernd, ja feindlich in den Weg. Tocke’s eindringlichste Mahnungen blieben beim Bischof (1443) wie beim Kurfürsten (1444) gleich erfolglos; ja letzterer veranlaßte nun den Franciscaner Matth. Döring (Wadding, Annal. Min. XI, 180; Märk. Forsch. XVI, 198), das Wunderblut von Wilsnack in einem eigenen Tractat zu vertheidigen. Günstigere Aussichten schienen sich zu eröffnen, als 1445 Graf Friedrich von Beiglingen Erzbischof von Magdeburg wurde. Dieser ging ganz auf Tocke’s Bestrebungen ein und unterstützte ihn namentlich betreffs Wilsnacks thatkräftig. Man hielt dafür, durch persönliche Besprechungen und Verhandlungen am ehesten aufklärend wirken und damit zu einem erwünschten Resultat kommen zu können. So wurden durch den Erzbischof gleich Anfang des Jahres 1446 drei solcher Conferenzen veranlaßt. Tocke hatte hierfür mit Zugrundlegung der Artikel von 1412 (s. oben) 30 Thesen und 7 Fragen ausgearbeitet, worin die Bedeutung und Tragweite der Angelegenheit in würdigster Weise dargelegt wird. Der Bischof von Havelberg, für den die Verhandlungen hauptsächlich bestimmt waren, hielt sich von ihnen allen systematisch fern, wußte dagegen mit dem Kurfürsten von Brandenburg den Papst in’s Intersse zu ziehen und erwirkte von Eugen IV. unter dem 5. Februar 1446 eine neue Ablaßbulle. Tocke dagegen erbat sich von der theologischen Facultät zu Erfurt ein Gutachten, und dieses fiel ganz zu seinen Gunsten aus. Nun bestimmte er den Erzbischof zu einer neuen Conferenz, und diese wurde im September 1446 zu Burg abgehalten. Als Vertheidiger des Wunderblutes traten daselbst die Franciscaner Döring und Johannes Kannemann, Studienrector zu Magdeburg, im Namen des Bischofs von Havelberg und des Kurfürsten auf. Letzterer suchte jetzt auch den Erzbischof umzustimmen, dieser aber lud ihn und den Havelberger Bischof zu einer neuen Conferenz auf Februar 1447 nach Fischbeck ein. Der Bischof erschien abermals nicht, der Kurfürst aber zeigte sich jeder Belehrung unzugänglich [Bd. 5, Sp. 1733] und suchte sich von Nicolaus V. unter dem 10. September 1447 abermals eine Bestätigungsbulle für Wilsnack zu erwirken. Um der Gefahr der Idolatrie vorzubeugen, gestattete Nicolaus, wie schon Eugen IV., den drei Hostien eine neue consecrirte beizulegen, womit die Wallfahrt nach Wilsnack auf’s Neue geschützt schien. Die Gegner gaben sich jedoch damit noch nicht zufrieden; vielmehr berief der Erzbischof, nachdem die Angelegenheit in den Jahren 1449 und 1450 auf mehreren Conferenzen abermals eingehend besprochen und reiflich durchberathen worden, auf den Juni 1451 eine Provinzialsynode in seine Metropole. Dieselbe wurde von besonderer Bedeutung durch die Anwesenheit des Cardinallegaten Nicolaus von Cusa, der ihr präsidirte. Als principale negotium wurde neben der Klosterreform die Wilsnacker Wallfahrt behandelt. Tocke eröffnete die Discussion mit einer eingehenden, den historischen Verlauf der Streitfrage ausführlich schildernden bedeutungsvollen Rede, die noch handschriftlich vorhanden ist. Der Erfolg war ein durchschlagender; Cusa erließ unter dem 5. Juli 1451 von Halberstadt aus ein Schreiben an alle Erzbischöfe Deutschlands, worin er kraft päpstlicher Vollmacht und unter Androhung des Interdicts den fernern Cultus des Wunderblutes untersagt. Allein der Havelberger Bischof und der Kurfürst Friedrich II. trotzten auch dem päpstlichen Legaten, und als der Erzbischof dem Verbot desselben durch Excommunication und Interdict Nachachtung verschaffen wollte, griff der Bischof von Havelberg, durch den Kurfürsten gestützt, unbedenklich auch seinerseits nicht bloß zu kirchlichen, sondern auch zu physischen Waffen gegen seinen Metropoliten. Es entstand blutige Fehde, zu deren Austrag sich beide Theile nach Rom wandten. Nicolaus V. gab unter dem 6. März 1453 einen Entscheid, wodurch wohl die Fehde zwischen den beiden Kirchenfürsten beigelegt, aber auch der Fortbestand des Cultus zu Wilsnack factisch zugestanden wurde. In Folge dessen gab der Erzbischof von Magdeburg den weitern Kampf als erfolglos auf, und da eben um diese Zeit auch Tocke gestorben zu sein scheint, dauerte die Wallfahrt zum Wunderblut ungestört weiter. In den Jahren 1471 und 1500 wurden sogar weitere Ablaßbriefe für Wilsnack erlassen (Riedel, Cod. dipl. Brandenb. A. II, 163) und die Wallfahrt dahin scheint nicht selten in förmliche Manie ausgeartet zu sein, so in den Jahren 1475 (Stolle, Thüring.-Erfurt. Chronik, Bibliothek des literar. Ver. in Stuttgart 1854, XXXII, 128 ff.) und 1487 (Sächs. Chron., Riedel l. c. D. I, 248). Aus dieser Zeit datiren auch viele und reiche Stiftungen an die Wilsnacker Kirche, und die Wallfahrt dahin dauerte ungeschmälert weiter, selbst weit in die Reformationszeit hinein, bis zur Vernichtung der wunderbaren Hostien 1552. Im genannten Jahre (am 28. Mai) erbrach der 1548 nach Wilsnack entsandte protestantische Prediger Joachim Ellefeld, von Agricola aufgemuntert, [Bd. 5, Sp. 1734] gewaltsam das Tabernakel, zerschlug das Krystallglas, worin die angeblichen Wunderhostien aufbewahrt wurden, und warf letztere in’s Feuer. Damit hatte die Wallfahrt nach Wilsnack ihr Ende gefunden. (Vgl. Historia inventionis et ostensionis vivifici sacramenti in Wilsnagk, Lubec. 1520; Ludecus, Matthäus [Decan der Stiftskirche zu Havelberg], Historia von der erfindung, wunderwerken und zerstörung des vermeinten heiligen Bluts zur Wilsnagk, Wittenberg 1586; Heinrich Tocke’s Synodalrede von 1451, handschriftlich auf der Behördebibliothek zu Dessau Cod. MS. 5533, deutsch in »Blätter f. Handel u. Gewerbe«, Magdeb. 1882, 167 ff.; dann vor allen: Das Wunderblut von Wilsnack [1383–1552], quellenmäßige Darstellung seiner Geschichte von Ernst Breest, Oberpfarrer zu Wilsnack, in Märk. Forschungen 1881, XVI, 131 ff.)

[Knöpfler.]


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