Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Hoffnung im gewöhnlichen Sinne ist die Zuversicht, ein gewünschtes, aber nicht vorhandenes Gut zu erlangen (2 Par. 22, 9). Im biblischen Sprachgebrauch bedeutet das Wort neben einer solchen Zuversicht in objectivem (1 Cor. 13, 13) oder subjectivem Sinne (Röm. 8, 24, a) auch das erwartete Gut selbst (Ps. 21, 9. Röm. 8, 24, b). Im theologischen Sinne versteht man unter Hoffnung eine übernatürliche, eingegossene Tugend, durch welche wir die übernatürlichen Güter von Gott unter eigener Mitwirkung zu erlangen vertrauen. Es ist daher in der Hoffnung ein doppelter Act, Verlangen und Vertrauen, einbegriffen. Beides muß auf übernatürliche Güter gerichtet sein, weil die Hoffnung sonst nicht in den Kreis des sittlichen Lebens gehören und demnach keine Tugend sein könnte. Diese übernatürlichen Güter sind auch Gegenstand des Glaubens; gleichwohl ist die Hoffnung vom Glauben verschieden (vgl. 1 Cor. 13, 13. Eph. 3, 12), weil auf das betreffende Object hier die Erkenntniß dort der Wille gerichtet ist. Auch von der Liebe ist die Hoffnung unterschieden, weil jene Gott als näheres und als entfernteres Object, d. h. Gott an sich (amore amicitiae) erstrebt, während die Hoffnung Gott nur als näheres, dabei aber sich selbst als entfernteres Object (amore concupiscentiae) sucht. Die übernatürlichen Güter nämlich, welche den Gegenstand der Hoffnung bilden, sind vor Allem Gott selbst und dessen Besitz in der ewigen Seligkeit, dann die Gnade, welche uns zur Seligkeit verhilft, aber auch alle anderen Mittel, welche zu derselben hinführen können, wie die Fürbitte der Heiligen oder irdische Güter, insofern sie auf das ewige Ziel hinleiten (2 Mach. 15, 8). Nach dem Zusammenhang, welchen alle diese Güter haben, kann man deßhalb auch mit den alten Theologen die Hoffnung kurzweg definiren als certa exspectatio futurae beatitudinis ex Dei gratia et nostris meritis (P. Lombard. Sent. l. 4, dist. 26 ad 1). Dagegen können bloß eingebildete Güter nicht Gegenstand der Hoffnung sein, und es bleibt für die Heiden, welche nach dem Tode ein Dasein auf einem Stern oder das Fortleben in einem edlen Thiere oder den Aufenthalt in Walhalla u. dgl. erwarten, das Wort des Apostels bestehen, daß sie keine Hoffnung haben (1 Thess. 4, 13). Aber auch die unbestimmte Zuversicht, daß Gott es gut mit dem Menschen meine, kann den Namen der Hoffnung im eigentlichen Sinne nicht tragen. Wie das Materialobject, so ist auch das Formalobject der Hoffnung Gott selbst, mag nun seine Allmacht (Röm. 4, 21) oder seine Güte (Judith 13, 17. 18) oder seine Wahrhaftigkeit (Hebr. 10, 23) als nächster Beweggrund angesehen werden. Da aber der Glaube lehrt, daß Gott dem Menschen die ewige Seligkeit nicht ohne den Gebrauch seines freien Willens ertheilen will, so schließt die Hoffnung nicht die absolute Gewißheit der Seligkeit ein, insofern niemand seiner eigenen Treue und Beharrlichkeit bis zum Ende sicher sein kann. Nur eine relative Sicherheit gewährt die Hoffnung, insofern es sicher ist, daß Gott sein Wort nicht brechen und seinen Beistand nicht versagen wird; allein wegen der Erfahrung an uns selbst bleibt bei der Hoffnung immer die Furcht als actus concomitans bestehen, gemäß dem, was der Apostel (Phil. 2, 12) vorschreibt: »Wirket euer Heil mit Furcht und Zittern.« Da nun sowohl das Ziel als der Beweggrund der Hoffnung Gott selbst ist, so ist dieselbe eine theologische Tugend, und sie muß übernatürlich und eingegossen heißen, weil die menschliche Natur, um einer solchen Entscheidung für Gott fähig zu sein, über sich selbst erhoben werden muß. Die Hoffnung ist, wie jede Tugend, entweder habituell oder actuell. Die habituelle Hoffnung ist die von Gott eingegossene Bereitwilligkeit und Fertigkeit, alle übernatürlichen Güter zu erwarten; die actuelle Hoffnung ist jede Übung des Verlangens nach dem Übernatürlichen. Subject der Hoffnung können nach dem Gesagten nur diejenigen sein, für welche Gottes Besitz ein nicht vorhandenes, aber erreichbares Gut ist, denn nur solche können zugleich verlangen und vertrauen. Die Hoffnung findet sich daher bei allen Getauften, welche den Habitus derselben nicht in sich ertödtet haben. Das Tridentinum lehrt Sess. VI, cap. 7, daß dem Menschen bei der Rechtfertigung zugleich mit der Verzeihung der Sünden der Glaube, die Hoffnung und die Liebe als übernatürliche Tugenden eingegossen werden; bei Juden, Heiden und Irrgläubigen also, welche das ewige Leben erwarten, kann aus Mangel des übernatürlichen Glaubens nur eine menschliche und natürliche, keine theologische Hoffnung vorhanden sein. Wohl aber kann schon eine einzige schwere Sünde, welche gegen das Wesen derselben gerichtet ist, die habituelle Hoffnung vernichten. Die Tugend der Hoffnung bleibt bei den Seelen im Fegfeuer, weil sie die übernatürlichen Güter zu erhalten verlangen und vertrauen; an die Stelle der eigenen Mitwirkung tritt bei ihnen die satispassio, insofern sie bei derselben mit dem Willen Gottes einverstanden sind. Dagegen können die Verdammten nicht mehr hoffen, weil sie weder das Verlangen nach übernatürlichen Gütern haben, noch auf die Erlangung derselben vertrauen dürfen. Mortuo homine impio, nulla erit ultra spes (Sprichw. 11, 7). Aus dem entgegengesetzten Grunde brauchen die Seligen im Himmel nicht mehr zu hoffen, weil sie den Gegenstand der Hoffnung schon besitzen. Spes autem, quae videtur, non est spes; nam quod videt quis, quid sperat? (Röm. 8, 24.) Dem entsprechend konnte in dem Gottmenschen Jesus Christus schon während seines irdischen Lebens keine Hoffnung sein; denn da seine menschliche Seele vom ersten Augenblicke der Empfängniß an die Anschauung Gottes hatte, so konnte sie diese nicht mehr verlangen, noch zu erhalten vertrauen. Ob der Act des Verlangens, womit Jesus für seinen menschlichen Leib die Verherrlichung erwartete, Hoffnung im theologischen Sinne genannt werden kann, ist zweifelhaft (S. Thom. Aq. Summ. th. 3, q. 7, art. 4). Für den status viatoris ist die Hoffnung zur Seligkeit unerläßlich. Zunächst wird die habituelle Hoffnung für Erwachsene und Unerwachsene necessitate medii erfordert, weil das Tridentinum lehrt: Fides, nisi ad eam spes accedat et caritas, neque unit perfecte cum Christo, neque corporis ejus vivum membrum efficit. Der Act der Hoffnung ist ebenfalls necessitate medii nothwendig für die noch nicht Gerechtfertigten, weil sie desselben zur Vorbereitung auf die Rechtfertigung bedürfen ,dum pecatores se esse intelligentes a divinae justitiae timore, quo utiliter concutiuntur, ad considerandam Dei misericordiam se convertendo in spem eriguntur (Conc. Trid. Sess. VI, cap. 6). Aber auch für die Gerechtfertigten bleibt dieselbe necessitas medii bestehen, weil sie ohne Hoffnung nicht in der rechten Weise um die zur Beharrlichkeit nothwendigen Gnaden bitten können (vgl. Röm. 8, 24: Spe enim salvi facti sumus). Geboten (necessarius necessitate praecepti) ist der Act der Hoffnung schon deßwegen, weil ohne ihn der Habitus derselben nicht bestehen bleiben kann; allein der Apostel schreibt auch bestimmt (1 Tim. 6, 17): Praecipe non sperare in incerto divitiarum, sed in Deo vivo. Dieses Gebot verpflichtet, wie die Vorschrift, den Glauben zu erwecken, aus allgemeinen Rücksichten beim Eintritt in den Vernunftgebrauch, bei Todesgefahr und sonst öfter im Leben; aus speciellen Gründen dann, wenn Tugendacte zu erwecken sind, welche die Hoffnung voraussetzen, z. B. beim Empfang des Bußsacraments, oder wenn man gegen die Hoffnung versucht wird. Daher ist von Alexander VII. die Behauptung verworfen worden (Thes. damnat. 24. Sept. 1665, n. 1): Homo nullo unquam vitae suae tempore tenetur elicere actum fidei, spei et caritatis ex vi praeceptorum divinorum ad eas virtutes pertinentium. Selbstverständlich ist hier nicht bloß an formelle, sondern auch an virtuelle Acte der Hoffnung gedacht; dagegen ist die Lehre, es genüge zur Seligkeit, wenn der Act der Hoffnung beim menschlichen Handeln bloß interpretirt werden könne, von Alexander VIII. als häretisch erklärt worden (Prop. damn. 24. Aug. 1690). Früchte der Hoffnung für das christliche Leben sind: 1. der himmlische Sinn oder ein Wandel im Himmel Phil. 3, 20), d. h. die Richtung alles Denkens, Wollens und Handelns auf Gott und das Hintansetzen alles Irdischen gegenüber dem ewigen Ziele im Himmel (Luc. 10, 42); 2. die christliche Geduld, deren höchster Ausdruck das Martyrium ist, d. h. der praktische Glaube, daß »wir mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm verherrlicht werden« (2 Cor. 1, 7. Röm. 8, 18). Gegen die Hoffnung versündigt man sich, indem man entweder gar nicht, oder zu viel oder zu wenig hofft. Die erste Sünde ist der irdische Sinn und die Gleichgültigkeit, womit der Mensch nur für den Augenblick lebt; die zweite heißt Vermessenheit; die dritte wird in ihren Anfängen Kleinmuth, in ihrer Ausbildung Verzweiflung genannt (s. d. Art. Sünden gegen den heiligen Geist). (Vgl. Lombard. l. 3. dist. 26. dazu Bonavent.; Thomas 2, 2, q. 17. 18; Sporer. Theol. mor. Tract. II in primum praec. decal. c. 4; Schwane, Specielle Moraltheologie I, 2, Freiburg 1878, 71 ff.; Marc. Institutt. morales Alphons., Romae 1885, I, 316 sq.)

[Kaulen.]


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