Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Iberien ist der kirchengeschichtliche Name für die fruchtbare und stark bevölkerte Thalebene am Kaukasus, welche der obere Cyrus oder Kur durchströmt, und welche zur byzantinischen Zeit Georgien genannt wurde, jetzt aber Grusien (= Gursien oder Kursien) heißt. Die ältesten Bewohner dieses Landes, welche mit den Iberern der pyrenäischen Halbinsel keinen nachweisbaren Zusammenhang hatten, waren nicht indogermansichen Stammes, obwohl die einheimische Sage den Stammvater Kartlos als Sohn des Gen. 10, 3 genannten Thogorma bezeichnet. Sie hatten unter arischem, vermuthlich medischem Einfluß eine bedeutende Cultur erlant, waren Ackerbauer und lebten in Städten und Dörfern ἀρμενιστὶ καὶ μηδιστὶ ἐσκευασμένοι (Strab. 11, 3, 3). Ihre Religion war der arische Cultus des Ahuramazda, den sie Aramasd nannten; der Tempel desselben stand zu Harmozica, wo nach Moses von Chorene bei Einführung des Christenthums ein Simulacrum Aramuzdis zerstört wurde. Der Name Phrixupolis, den nach Strabo (11, 2, 18) einst die iberische Stadt Ideessa geführt hat, läßt auf eine Colonisation durch die Griechen schließen. Zu Herodots Zeit wurde Iberien zur persischen Monarchie gerechnet (Herod. 3, 97). Unter dem syrischen König Antiochus Epiphanes sollen viele der verfolgten Juden sich in Iberien niedergelassen haben. Im Abendland erhielt man erst durch die Kriegszüge der Römer, namentlich durch Pompejus’ Zug nach Kaukasien (65 v. Chr.), und in Folge davon durch Strabo’s Bericht (11, 2, 18 sqq.) Kunde von Iberien. Seit Trajan stand das Land unter römischem Einfluß und blieb unter demselben bis zum Tode Julians; hierauf ward es von dem persischen König Sapor erobert (Ammian. Marc. 27, 12). Die weitere Geschichte des Landes verläuft in fortwährendem Ringen um eigene Selbständigkeit gegenüber den Persern, Oströmern, Türken und Russen, zeitweise auch in blühender Entwicklung unter kraftvollen einheimischen Königen und Königinnen. Die Einführung des Christenthums wird durch die Landessage den Aposteln Andreas und Simon, sowie auch dem römischen Soldaten Eliaz, welchem bei der Kreuzigung der Rock Jesu durch das Loos zugefallen sein soll, zugeschrieben (Klaproth, Journal Asiat. XIII, 1834, 47). Nach geschichtlichen Angaben ward das Christenthum in Iberien durch die hl. Nunia oder Nino bekannt, welche als Gefährtin der hll. Ripsima und Gajana bei der diocletianischen Verfolgung ihre Jungfräulichkeit im fernen Osten zu sichern suchte. Sie lebte in größter ascetischer Strenge bei Mzcheth (Mzchita), der damaligen Hauptstadt von Iberien, und heilte durch ihr Gebet unter anderen Kranken auch die Gemahlin des damaligen Königs Mirian. Dieß führte erst die Königin selbst, dann auch ihren Gemahl zum Glauben an den wahren Gott und den Erlöser, vermuthlich im J. 318, nach Einigen erst 327. Da es aber für beide kein Mittel gab, das Katechumenat zu beendigen, so sandte Mirian um einen Bischof nach Constantinopel und erhielt als solchen von Constantin d. Gr. Eustathius oder Eustachius von Antiochien nebst einer Anzahl von Priestern und Clerikern. Zum Danke für die erhaltene Taufe soll Mirian ihm einen Nagel vom heiligen Kreuz nebst anderen kostbaren Reliquien verehrt haben; die letzteren werden noch jetzt in einigen Kirchen des Landes verehrt, den erstern aber führten 1802 die Russen nach Moskau über, wo er in der Cathedrale gezeigt wird. Mit Hilfe Nino’s und der griechischen Sendboten gelang es dem frommen König, sein ganzes Volk zur Annahme des Christenthums zu bewegen (Rufini Hist. eccl. 10, 10). Nino starb 315 und ward zu Signach, einem Städtchen der Provinz Kachethi, begraben, wo ihre Ruhestätte noch heute in größten Ehren steht. Iberien wurde dem Patriarchat Antiochien einverleibt; als erster für das Land geweihter Bischof wird ein Johannes genannt. Die junge Kirche mußte aber noch im 4. Jahrhundert große Gefahren bestehen, indem der Patriarch Mobidakh zum Arianismus und König Mirdat IV. zum Heidenthum abfiel. Trotzdem erstarkte das Christenthum zusehends und wurde im Anfang des 5. Jahrhunderts auch in den Nachbarländern verbreitet. Einige Anachoreten unter Leitung eines heiligen Mannes Joseph bekehrten Daghestan, das alte Albanien, ein Höfling Justinians, Namens Frumentus, predigte in Imerethi. Um diese Zeit tritt der alte Name Iberien gegen den Namen Georgien zurück. Derselbe wird wohl von dem heiligen Martyrer Georg hergeleitet, der ein Verwandter der hl. Nino gewesen sein soll; eine andere Ableitung stellt ihn nach geringer Wahrscheinlichkeit mit dem griechischen γεωργός, Ackerbauer, zusammen; vermuthlich stammt er aus alter Tradition, da schon Pomponius Mela (2, 1, 5) in diesen Gegenden die Georgi als seßhafte Bewohner erwähnt. Im J. 455 wurde Tiflis erbaut und zum Sitz eines Katholikos oder Erzbischofs für Georgien erklärt; im folgenden Jahrhundert erhielt die georgische Kirche durch den Anstoß, welchen der hl. Mesrop in Armenien gegeben hatte, die heilige Schrift in der Landessprache (s. d. Art. Bibelübersetzungen II, 730). Im J. 556 entzog der Katholikos Farsman sich der Jurisdiction des antiochenischen Patriarchen; allein erst 601, unter dem Katholikos Saba, ward die Selbständigkeit der georgischen Provinz anerkannt. Während des 6. Jahrhunderts erfuhr die iberische oder georgische Kirche dauernden Einfluß von Syrien her; syrische Missionare trugen außerordentlich zur Hebung des religiösen Lebens bei, aber auch Sendlinge der Manichäer fanden sich von Syrien her ein, um Propaganda zu machen. Letztere wurden zwar gewaltsam vertrieben, ließen aber ihre gnostischen Schriften im Lande zurück und stifteten damit mancherlei Unheil. Inzwischen mußten die iberischen Christengemeinden schwere Prüfungen durch die Einfälle der Perser erleiden, deren Könige um diese Zeit die Kirche in ihren Ländern grausam verfolgten. Der Sieg des Kaisers Heraclius über Schapur befreite Georgien von diesem Druck, brachte es aber in größere Abhängigkeit von den byzantinischen Herrschern. Schon um die Mitte des 7. Jahrhunderts brach dann eine neue Calamität für das Land durch den Ansturm des Islam herein. Dem Ommijaden Merwan, welcher Persien erobert hatte, gelang es, zwei Glieder der königlichen Familie zur Annahme der neuen Religion zu bestimmen; als er sich aber überzeugte, daß diese nur äußerlich geschehen sei, und daß beide insgeheim ihre christlichen Übungen fortsetzten, ließ er sie grausam um’s Leben bringen. Nun wüthete Merwan gegen alles in Georgien, was christlich war, und ließ die Kirchen der Erde gleich machen. Unter solchen Umständen hielt der damalige König Mir es für das Gerathenste, sich mit dem Clerus, einer Abtheilung des Heeres und einem großen Theile der Bevölkerung in die Schluchten des Kaukasus zurückzuziehen, so daß die feindlichen Eindringlinge bald durch Mangel an Lebensmitteln genöthigt waren, das Land zu räumen. Zu Anfang des 8. Jahrhunderts versuchte ein anderer Ommijade, Schumschum Assim, mit Feuer und Schwert den Islam in Georgien einzuführen. Der König Artschill starb 718 unter grausamen Qualen für seinen Glauben und wird deßwegen in der georgischen Kirche als Martyrer verehrt. Gegen Ende des nämlichen Jahrhunderts machte Abulkasem von Persien aus den nämlichen Versuch, und dießmal fielen über 100 der angesehensten Männer als Opfer ihres christlichen Heldenmuthes; allein die Lehre Mohammeds konnte jetzt so wenig wie früher in Georgien Fortschritte machen. Während des 9. und 10. Jahrhunderts blieben die Araber theils wegen ihrer inneren Streitigkeiten, theils wegen des Schutzes, den die Byzantiner gewährten, von Georgien fern. Seit 1070 bemühten sich die Perser um Ausbreitung des Islams daselbst, bis David II. (der Erneuerer, 1089–1130) mit einer in Georgien noch nie gesehenen Energie das Land von allen Eingedrungenen säuberte, das Christenthum als Staatsreligion erklärte, die Kirchen wieder herstellte und in kraftvoller Regierung die glücklichste Zeit Georgiens herbeiführte.

Leider fällt mit dieser äußern Blüte des Reiches der tiefste innere Verfall desselben zusammen; denn damals hatte der byzantinische Einfluß bereits den größten Theil des Clerus zum Schisma des Photius hinübergezogen, und Georgien kann seit dem 12. Jahrhundert nur als Provinz der griechischen Kirche betrachtet werden, obwohl es eine eigenthümliche Liturgie und seinen eigenen Festkreis behielt. Der Umstand, daß seitdem niemals 50 Jahre ohne blutige Kriege daselbst verflossen, hat in Georgien wie in Armenien eine sehr große Unwissenheit beim Clerus befördert; bei den verheerenden Einfällen der persischen und türkischen Mohammedaner waren die Gemeinden oft lange ohne Hirten, und so ist es erklärlich, daß nur wenige Katholiken in Georgien übrig blieben und in einzelnen Gegenden das alte Heidenthum wieder auftauchte. Als im 13. Jahrhundert Genua die Herrin des schwarzen Meeres geworden war, und zugleich die Fortschritte der Kreuzfahrer die Hoffnungen der morgenländischen Christen erweckten, gelang es wieder abendländischen Priestern, in Georgien Aufenthalt zu nehmen. Eine Folge ihrer Thätigkeit waren die Beziehungen, welche 1224 die Königin Russutana nach dem Tode ihres Gemahls mit Papst Honorius III. anknüpfte. Dieselben führten zu einem längern Briefwechsel zwischen den folgenden Päpsten und den Herrschern in Georgien, und so bereitete sich langsam die Rückkehr der Bevölkerung zum Gehorsam gegen die römische Kirche vor. Ein Stillstandt dieser Bewegung ward durch die Einfälle der Tataren herbeigeführt, welche unter Dschingischan und Timurleng das Land in namenloses Elend versetzten und von den Bewohnern den Übertritt zum Islam erzwangen. Eine bessere Zeit schien unter Alexander I. (1419–1424) anzubrechen, der sein Land von jeder fremden Abhängigkeit frei machte und alle Mohammedaner vertrieb; unglücklicherweise aber theilte dieser sein Reich, das die schon früher getheilt gewesenen Provinzen Imerethi, Karthli und Kachethi vereinigte, unter seine drei Söhne, und diese zersplitterten ihre Antheile wieder unter ihre Familien, so daß einmal 26 Fürsten zugleich in Georgien regierten. Seit dieser Zeit ward die Selbständigkeit des heldenmüthigen Volkes immer mehr von den Türken einerseits, von den Persern andererseits untergraben. Einzelne Fürsten traten zum Islam über, andere suchten, um die christliche Religion nicht mit demselben vertauschen zu müssen, den unheilvollen Schutz des russischen Czaren nach. Inzwischen hatte 1441 Eugen IV. das bekannte Decret erlassen, in welchem wie den Armeniern so auch den Georgiern die bei der Vereinigung mit der katholischen Kirche zu beobachtenden Normen vorgezeichnet waren. Der König von Karthli, Constantin II. (1469 bis 1505), sandte den Basilianermönch Nilus an den damaligen Papst Alexander VI., um diesem den Gehorsam und die Rückkehr zur katholischen Kirche anzubieten, falls es ihm gelänge, die abendländischen Mächte zur Unterdrückung der mohammedanischen Bedränger Georgiens zu vermögen. Die Vereinigung mit Rom konnte unter einer solchen Bedingung freilich nur schwer zu Stande kommen; allein in der Folge unterwarf sich doch König Theimuras von Kachethi in aller Form dem Papste Urban VIII. und trat in die katholische Kirche ein. Leider konnte er trotz aller Tapferkeit dem Andrang der Perser nicht Stand halten; denn um diese Zeit begann Schah Abbas, der mit Unrecht der Große genannt wird, die Eroberungszüge, welche zugleich die Erweiterung seiner Macht und die Ausbreitung des schiitischen Mohammedanismus bezweckten. Seine greuelhafteste That in Georgien war die Niedermetzelung von mehreren Tausend Mönchen, welche sich im Kloster Garedscha bei Tiflis zu einem alljährlich wiederkehrenden Lichterfeste versammelt hatten und durch den Kerzenglanz bei der Procession den Persern weithin sichtbar geworden waren. Außerdem verwüstete er zahllose Kirchen und Klöster und ließ viele Tausende von Männern und Frauen in Persien ansiedeln und dort zur Annahme des Islams zwingen. Vor solcher Gewalt mußte Theimuras nach Imerethi fleihen, so daß die gehoffte Vereinigung auch dießmal nicht zu Stande kam. Indessen hatte das Beispiel des Königs doch die Folge, daß einige edle Männer aus dem Volke sich nach Rom mit der Bitte wandten, ihnen Priester zu senden, welche dem von den verheirateten schismatischen Geistlichen in ihrem Lande gegebenen Ärgerniß steuern könnten.

Dieser Anregung entsprach die Propaganda bereitwillig, indem sie um das Jahr 1626 Missionare aus dem Theatinerorden nach Georgien entsandte. Dieselben errichteten zuerst zu Achalzikhe in dem türkisch gewordenen Theile von Imerethi eine Niederlassung, worauf sechs von ihnen sich nach der georgischen Stadt Gori begaben und daselbst unter dem Titel von Ärzten ihren Aufenthalt nahmen. Letztere konnten bald eine Kirche und ein Klösterchen aus Holz bauen und gewannen eine ausgedehnte Wirksamkeit. Im J. 1648 wurden die Theatiner durch Kapuziner ersetzt, und diese machten sich ebenfalls so beliebt, daß sie in Tiflis 1661 eine Niederlassung gründen durften und 1678 daselbst eine Kirche mit Kloster erhielten. Seit der Anwesenheit abendländischer Priester wuchs die Zahl der Katholiken in Georgien beständig, und der zwölfte Minister der Kapuziner erhielt 1741 vom König den Bauplatz geschenkt, auf dem eine sehr schöne Kirche in italienischem Stil nebst massivem Klosterbau errichtet werden konnte. Dieser freudige Aufschwung der katholischen Mission erlitt eine traurige Unterbrechung durch die Bedrückungen des persischen Schahs Hussein, der damals als Suzerän in Georgien waltete. Dieser hielt den König Wachtang von Karthli gefangen, bis er sich zur Annahme des Islams verstand, und verfolgte die Katholiken auf jede denkbare Weise. König Constantin III. von Kachethi nahm aus Berechnung den Islam an und ward vom Schah nun auch zum König von Karthli ernannt, so daß die Katholiken jede Stütze verloren. In dieser Noth verwandte 1719 sich Papst Clemens XI. in einem Schreiben, welchem Kaiser Karl VI., der Senat zu Venedig und der Großherzog von Toscana Briefe ähnlichen Inhalts beigegeben hatten, eindringlich bei dem persischen Herrscher, um das Loos der Katholiken in Georgien zu verbessern, und verschaffte ihnen dadurch größere Freiheit. Bereits war eine große Zahl von angesehenen Männern und Frauen und selbst eine Tochter des Königs heimlich vom Schisma oder vom Islam zur Kirche übergetreten, und selbst der Patriarch Antonius, ein Sohn des Königs Jesso, hatte in der Stille denselben Schritt gethan. Da er öffentlich noch nicht als Katholik auftreten konnte, so suchte er wenigstens im Sinne der Kirche zu wirken und unter den schismatischen Priestern heilsame Reformen einzuführen, sowie die freiwillige Übernahme des Cölibats zu bewirken. Ein schismatischer Mönch jedoch entlockte ihm sein Geheimniß und verrieht dieß dem mohammedanischen König Theimuras II. Dieser vertrieb nunmehr, vermuthlich aus Furcht, den Russen mißfällig zu werden, die Kapuziner aus ihrer Kirche und ihrem Kloster zu Tiflis, sowie aus ihrer Niederlassung zu Gori, und verwies sie sämmtlich des Landes, so daß sie sich, um noch eine heimliche Seelsorge ausüben zu können, auf das türkische Gebiet nach Achalzikhe zurückzogen. Der Patriarch Antonius wurde über die russische Grenze gebracht, und mehrere Bischöfe wurden von ihren Sitzen vertrieben. Damit begann eine allgemeine Verfolgung der Katholiken. In dieser aber gelang es weder Drohungen noch Bitten, jemanden zum Abfall zu bewegen, und die Treue der katholischen Georgier zeigte wohl, was für die Kirche unter anderen Umständen in dem alten Iberien wäre zu hoffen gewesen. Die schismatischen Geistlichen des benachbarten Armenien ließen sich diese Gelegenheit nicht entgehen, um gegen die katholischen Missionare zu Achalzikhe Verleumdungen jeder Art zu verbreiten, allein die türkische Regierung schützte dieselben und sicherte ihren Aufenthalt daselbst noch für lange Jahre. Nach achtjähriger Verbannung ward auch der Patriarch Antonius, den die Georgier noch heute mit gerechter Bewunderung den Großen nennen, wieder zurückgerufen und setzte in demselben Geiste, wie früher, seine reformirende Wirksamkeit noch für einige Jahre fort. Mit ihm durften auch die Kapuziner wieder als Ärzte zurückkommen, weil sie als solche in der Zwischenzeit unentbehrlich erschienen waren. Ihre schöne Kirche war jedoch in ein Heumagazin für die jetzt im Lande auftretenden Russen verwandelt worden. Schon 1744 hatte Irakli oder Heraclius II. der Kaiserin Katharina den Eid der Treue geleistet, um sich gegen die persische Übermacht sicherzustellen; 1783 wurde mit Rußland ein Vertrag geschlossen, welcher Georgien zu einem russischen Vasallenstaat machte, und 1802 ward Georgien russische Provinz mit dem Sitze der Regierung in Tiflis. Im Frieden von Adrianopel endlich wurden auch die der Pforte unterworfenen Theile von Georgien und damit Achalzikhe an Rußland abgetreten. Seit dieser Zeit genoß die katholische Kirche in Georgien die beschränkte Duldung, welche sie in Rußland überhaupt hatte. Zu Achalzikhe und in dessen Umgegend waren noch in türkischer Zeit mehrere kleinere Kirchen gebaut worden, an welchen armenische unirte Priester die Seelsorge versahen. Unter dem russischen Generalgouverneur Tsitsianow, einem geborenen Georgierfürsten, konnten 1807 die Kapuziner sich wieder zu Tiflis ein Kloster und eine Kirche bauen; letztere wurde seitdem erweitert und verschönert, bleib aber für die stets wachsende Zahl der Katholiken immer zu klein, so daß in der Folge der Bau einer zweiten katholischen Kirche nothwendig wurde. Auch in Gori errichteten die Kapuziner 1817 ein neues Kloster mit Kirche, wobei sie an einem Dominicaner von georgischer Herkunft wirksame Unterstützung fanden. Ein anderes Kapuzinerkloster befand sich zu Kotais am Ufer des Rioni, des alten Phasis; außerdem hatten die eifrigen Patres noch hier und da an kleineren Orten Stationen errichtet. Alle diese Stützpunkte wurden im Winter 1845 den Katholiken entrissen, indem General Gurko sämmtliche Kapuziner aus Georgien vertrieb. Zugleich ward die georgisch-griechische Kirche ihrer Selbständigkeit beraubt, mit der russischen Nationalkirche vereinigt und unter einen russischen Exarchen gestellt. Jetzt ist Grusien der katholischen Diöcese Ispahan zugetheilt. In Constantinopel besteht ein unirt-georgisches Kloster als Pflanzstätte für die Erhaltung und Ausbreitung der unirt-georgischen Kirche, welche im Kauskasus mit einem eigenen Ritus noch fortlebt. Da nach russischem Gesetz in Georgien keine unirten Priester geweiht werden dürfen und fremdländische Missionare nicht zugelassen werde, so bereitet die Congregation in Constantinopel junge Leute goergischer Nation für den Priesterstand vor und läßt nach empfangener Weihe die jungen Apostel als russische Unterthanen in ihre Heimat zur Ausübung einer im Stillen zu übenden Seelsorge zurückkehren (Zeitschr. »Das heilige Land«, Köln 1874, 183 ff.).

Die geistige Geschichte Iberiens beginnt mit der Pflege seiner eigenthümlichen Sprache in sehr früher Zeit. Das Iberische oder Georgische kann wohl eine agglutinirende Sprache heißen, gehört aber einer Periode sprachgeschichtlicher Entwicklung an, welche vor der Einwanderung semitischer, arischer und ural-altaischer Stämme in Kaukasien liegt, und kann in dieser Hinsicht mit dem Baskischen verglichen werden. Schon im 9. vorchristlichen Jahrhundert erscheint das Iberische in schriftlichen Denkmalen; denn die geheimnißvollen Keilinschriften, welche in der Umgegend von Van gefunden worden sind, zeigen eine sprachliche Verwandtschaft nur mit dem heutigen Georgischen. Nach der einheimischen Sage erhielt das Iberische seine eigenthümliche Schrift durch den König Farnawas, der zur Zeit Alexanders d. Gr. gelebt haben soll. Diese Schrift, heißt es, sei der alten Zendschrift nachgebildet gewesen; um die darin liegende Erinnerung an das Heidenthum zu beseitigen, hätten die christlichen Priester des 4. Jahrhunderts ihr eine andere, nämlich abgerundete Gestalt gegeben, und so sei die heutige georgische Schrift entstanden. Richtiger ist, daß nach Einführung der Schrift in Armenien (s. d. Art. Armenische Sprache etc.) Mesrop auch den benachbarten Georgiern die von ihm erfundene Schrift anpaßte, und daß diese mit der Zeit im gewöhnlichen Verkehr die heutige cursive Gestalt erhielt, während in den liturgischen Büchern ihre alte eckige Form beibehalten wurde. Die Literatur des Landes beginnt mit der Übersetzung der heiligen Schrift in das Georgische (s. d. Art. Bibelübersetzungen II, 730). An diese schlossen sich Übertragungen von Schriften griechischer Kirchenväter, bis im 11. Jahrhundert auch eine weltliche Literatur entstand. Damals bemühte sich König Bagrat IV. um die Hebung des einheimischen Schriftthums und ließ die Schriften griechischer Classiker in’s Georgische übersetzen; erhalten ist eine Anzahl von Schriften des Aristoteles. Einzelne moralische, pädagogische und astronomische Bücher wurden damals aus dem Arabischen übersetzt. Aus der nämlichen Zeit stammen Übersetzungen lyrischer griechischer Gedichte von Georg Aphoni, sowie eine Sammlung kirchlicher Lieder von dem Patriarchen Antonius. Die eigentliche Blütezeit der georgischen Literatur war das 12. Jahrhundert; seitdem hat sie mehr an Ausdehnung als an Gehalt gewonnen. Immer blieb, dem religiösen Sinne des Volkes entsprechend, ein großer Theil der entstandenen Schriften der häuslichen oder gemeinsamen Erbauung gewidmet. Im 18. Jahrhundert ließ der König Wachtang V., nachdem er aus der persischen Gefangenschaft zurückgekehrt war, auf Grund der Basiliken des griechischen Kaisers Leo des Weisen ein georgisches Gesetzbuch ausarbeiten, welches noch jetzt als Grundlage des Rechtslebens gilt udn wie ein heiliges Kleinod verehrt wird. Der nämliche König ließ aus den vorhandenen Klosterchroniken und Reichsannalen eine Geschichte Georgiens von Anfang bis auf seine Zeit herstellen und inaugurirte damit eine historische Literatur, welche jedoch nie über die Landesgeschichte hinausgegangen ist. Daneben diente in den letzten Jahrhunderten das georgische Schriftthum dem Bestreben, die Geisteserzeugnisse fremder Nationen bekannt zu machen; auch Confutse’s Sittenlehren, Petrarca’s Sonette, Fenelons Telemach wurden neben vielem Andern in’s Georgische übertragen. Besonders ward daneben immer die Lyrik gepflegt; die epische Dichtung bewegt sich seit dem 12. Jahrhundert in der Erzählung von Abenteuern nach orientalischem Geschmack; das Drama ist erst seit der Errichtung eines Theaters zu Tiflis 1850 möglich geworden und begann mit Übersetzungen aus dem Russischen. Leider mußte seit der russischen Occupation der alte ritterliche Sinn der Nation einer leichtfertigen und oberflächlichen Lebensanschauung weichen, welche sich in Romanen und in Feuilletons der neu gegründeten Zeitungen wiederspiegelt und eine neue Blütezeit der Literatur nicht in Aussicht stellt. (Vgl. Ruf. Hist. Eccl. 10, 10; Mosis Choren. Hist. arm. 2, 83; 3, 54; Le Quien, Oriens christ. I, 1333; Klaproth, Reise in den Kaukasus und nach Georgien, 2 Bde., Halle und Berlin 1812–1814, darin II, 62–238 Geschichte von Georgien; Brosset, Histoire ancienne de la Géorgie [georgisch und französisch], Petersb. 1849; Le même, Hist. moderne de la Géorgie [georg. und franz.], 3 vols., ib. 1856–1857; Villeneuve, La Géorgie, Paris 1871; A. Leist, Georgien, Leipzig 1888; Rottiers, De la religion chrétienne en Géorgie, Journ. asiat. XI, 1827, 193; Joselian’s History of the Georgian Church, transl. by Malan, London 1865; Alter, Über georgische Literatur, Wien 1798.)

[Kaulen.]


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