Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Investiturstreit heißt ein jahrzehntelanges Ringen der Kirche mit den weltlichen Mächten um ungehinderte Ausübung ihrer Disciplinargewalt. Während des 10. und 11. Jahrhunderts war die Ausübung dieses ihr von Gott verliehenen Rechtes besonders durch zwei Laster gefordert, welche den geistlichen Stand von seiner Höhe herabgebracht hatten: durch Concubinat und durch Simonie. Beide Verirrungen hatten hauptsächlich deßwegen zu einer erschreckenden Verkommenheit führen können, weil der Kirche das Recht, die Inhaber einer Pfründe oder eines Amtes zu investiren, in ausgedehntem Maße von der Laienwelt beschränkt oder genommen worden war. Den Anlaß hierzu hatte in letzter Instanz schon die Staatsidee Karls des Großen geboten. Für den Gedanken einer Weltmonarchie, zu welcher die geistliche und die weltliche Macht harmonisch verbunden sein sollten, waren die schwachen Nachfolger des großen Kaisers nicht reif, und auch ihrer ganzen Zeit fehlte diejenige Geistesbildung, welche bei Durchführung einer so großartigen Idee vorauszusetzen gewesen wäre. Die Folge davon war, daß die weltlichen Gewalthaber sich von derselben nur das aneigneten, was ihre Macht zu fördern im Stande war, und wie schon Karl der Große selbst durch manche Anordnungen bedenklich in die Sphäre der Kirchengewalt eingegriffen hatte, so glaubten auch die Fürsten des 10. und 11. Jahrhunderts ihre Souveränität bis in das Gebiet der kirchlichen Jurisdiction, namentlich bei Übertragung geistlicher Stellen, ausdehnen zu dürfen. Dazu kam eine Reihe anderer Ursachen, welche zum Theil bloß localer Natur waren. Die Eroberung des römischen Reiches durch die germanischen Völker hatte allmälig eine große Veränderung der kirchlichen Ordnung herbeigeführt. Bis dahin hatte der öffentliche Gottesdienst nur in den bischöflichen Cathedralen und den Pfarrkirchen stattfinden dürfen. Nun aber gestatteten die Bischöfe, daß die Großen der überwindenden Nationen die Lidones oder Colonen auf ihren ausgedehnten Grundbesitzungen zu eigener, von dem Pfarrgottesdienst verschiedener Religionsübung vereinigten und dazu besondere Geistliche verwendeten. Die Grundsätze des bei den germanischen Völkern herrschenden Lehnswesens wurden nun auch so weit ausgedehnt, daß die Herrschaften, welche eine Kirche bauten, sowie die Kosten des Gottesdienstes bestritten und den Geistlichen besoldeten, deßwegen die Wahl und die Institution der betreffenden Persönlichkeit als ein Recht ansahen. So sehr dieß auch den kirchlichen Grundsätzen zuwider lief, so ließen doch viele Bischöfe, sei es durch die Noth der Zeit, sei es durch Mangel an Verständniß und Pflichtgefühl, sich in diesem Stücke zur Nachgiebigkeit verleiten. Die Folge davon war, daß die Seelsorge für die familia servilis et censualis oft unfähigen und unwürdigen Personen übertragen wurde. Schon Agobard von Lyon (De Privil. et Jure sacerdotii 9 bei Migne, PP. lat. CIV, 138) tadelt mit scharfen Worten, daß fränkische Bischöfe auf Verlangen der Hochgestellten solche Männer zu Priestern weihten, welche sich bei den letzteren durch nichts Anderes empfohlen hätten, als durch die Geschicklichkeit in der Besorgung des Marstalls, in der Abrichtung der Jagdhunde und im Aufwarten bei Tisch. Daß solche »phaffen« für Jungfräulichkeit und Cölibat weder Verständniß noch guten Willen hatten, ist begreiflich. Das Einschreiten der Bischöfe aber gegen die öffentliche Heirat oder das geheime Concubinat solcher Kirchendiener wurde durch die Grundherren verhindert. Diese dehnten den Begriff der Hörigkeit, in welcher ihre Leute standen, auch auf die Person des Geistlichen aus, welcher für die Leute angestellt war und von ihnen besoldet wurde. Die Jurisdiction der Bischöfe sahen sie daher als einen Eingriff in ihre Freiherrlichkeit an und widerstanden, selbst mit bewaffneter Hand, jeder Anwendung der bischöflichen Strafgewalt gegen die ihnen untergebene Geistlichkeit. Selbst aber übten sie keine Controle über das Leben ihrer Geistlichen; bei der Verwilderung der Zeit war die Sittlichkeit auch in den höheren Ständen so gesunken, daß ein Geistlicher um so beliebter sein mußte, je weniger sein Beispiel und sein Wort die Ausschweifungen der Herrschaft rügte. Die schlimmste Folge war, daß die Kinder solcher Cleriker sich regelmäßig durch die Investitur der Gutsherren in die Kirchenämter drängten und jedem Einschreiten des Bischofs gegenüber sich auf ihre Hörigkeit und die daraus resultirenden Rechte beriefen. Diese Verhältnisse hatte Papst Benedict VIII. (s. d. Art.) wohl erkannt und erwogen, als er nach Pavia im J. 1018 die Reformsynode berief, auf welcher er persönlich den Vorsitz führte. Hier wurde gleich nach Eröffnung der Verhandlungen ein ausführliches Decret des Papstes gegen die Cleriker verlesen, welche mit Weibern oder Concubinen zusammenlebten und ihre Kinder mit Kirchengütern versorgten. Um die strengen, hier gefaßten Maßregeln durchführen zu können, bestimmte die Synode vor Allem, daß die Söhne und Töchter der Cleriker, seien sie von Freien oder Unfreien, Frauen oder Concubinen geboren, de familia ecclesiae seien, nie freigelassen werden dürften und nicht im Stande seien, auch durch die Vermittlung eines Freien etwas zu erwerben. Das Concil war freilich auch genöthigt, der Unenthaltsamkeit der Pfarrgeistlichkeit entgegen zu treten; denn das Beispiel der sogen. hörigen Geistlichkeit wurde von den Pfarrern als rechtskräftige Gewohnheit bezeichnet, auf welche hin sie Frauen nahmen und das ehelose Leben als nur der vita communis inhärirend bezeichneten. Auch auf das Beispiel der Priester im Alten Testament, welche sämmtlich verheiratet gewesen, beriefen sie sich, so daß die Synode nachdrücklich hervorzuheben hatte, wie selbst jene für die Zeit, da sie gottesdienstliche Pflichten zu verrichten hatten, zur Enthaltsamkeit verpflichtet waren. Hier läßt nun der Wortlaut der Acten noch tiefer in das Verderbniß der Zeit blicken. Es heißt nämlich in dem betr. Decret (Mansi XIX, 345): Si vero illi ad tempus abstinebant, cur episcopis, presbyteris, diaconibus et omnibus, qui sunt in clero, jugiter non est abstinendum, quibus juge et verum est sacrificium? quotidie enim aut in missarum solemniis aut orationum frequentiis aut baptismi sacramentis occupantur. Daß auch die höhere Geistlichkeit als in das Laster verfallen erscheint, ist zunächst aus den Zuständen in der Lombardei zu erklären. Hier hatte der ritterbürtige Adel sich vor der Tyrannei der mächtigen Herzoge und Markgrafen in die Städte geflüchtet und mit dem Lehnsverbande auch die edelmüthige Gesinnung aufgegeben, welche die Zierde des Adels bilden muß; während anderswo das Ritterthum sich in idealer Weise auszubilden begann, verloren sich hier die adeligen Patricier in die kaufmännischen Bestrebungen, welche die Städte groß machten. Bei einem solchen Adel wurden die hohen Kirchenämter, die ihnen wegen ihres Standes leichter zugänglich waren, der Einkünfte wegen geschätzt und als Gegenstand kaufmännischer Speculation betrachtet, ohne daß die Bewerber im Geringsten sich geistlicher Sitten und eines enthaltsamen Lebens hätten befleißigen mögen. Aus dem Umstande aber, daß die Beschlüsse der Synode von Pavia von Kaiser Heinrich II. sogleich zu Reichsgesetzen erhoben und im folgenden Jahre 1019 auch zu Goslar von einer dazu berufenen Synode angenommen wurden, läßt sich schließen, daß in Deutschland der höhere Clerus ebenfalls nicht frei von dem Laster der Unenthaltsamkeit geblieben war.

Den hiermit geschilderten Mißbräuchen folgte beim niedern Clerus die Simonie auf dem Fuß. Dem Adel in Deutschland und Frankreich, der seinen Besitz in Schwelgerei und wilder Lust verpraßte, war jede Mehrung seiner Einkünfte willkommen, und nachdem zuerst die Bewerber selbst statt der sonst gesuchten Eigenschaften Geld angeboten hatten, riß bald der Mißbrauch ein, daß die Geistlichen ihren Kindern entweder Kirchenstellen selbst oder Anwartschaften auf solche von den Gutsherren für Geld erkauften. Hier blieb es immerhin bei geringerem Schaden für die Kirche, so lange es nur um ein Amt ging; schlimmer ward das Verderben, als es nach naturgemäßem Verlauf auch möglich wurde, für Geld oder Geldeswerth die Weihe zu erlangen, und dieß geschah, sobald die Laieninvestitur auch zur simonistischen Übertragung der Bischofswürde geführt hatte.

Die Quelle dieses letztern Mißbrauches, der die Kirche in ihren Grundfesten erschüttern mußte, lag in den allmälig wachsenden Eingriffen gekrönter Häupter in die Bischofswahlen. In Deutschland geschahen diese noch in Andenken an das Vorgehen Karls des Großen und wurden erst nicht als Übelstände empfunden. Als Konrad I. für Bremen statt des dort gewählten Lundrad den hl. Unni zum Erzbischof bestimmte, wußte man ihm Dank für die bessere Wahl und schrieb dieselbe göttlicher Eingebung zu. Auch die Ernennung Meinwerks für Paderborn durch Kaiser Heinrich II. war zum Vortheil der Kirche. Allein schon unter Otto II., welcher den für Magdeburg einstimmig gewählten Othrik verworfen und dafür den Bischof Giselher zum Erzbischof ernannt hatte, war die innere Unhaltbarkeit der kaiserlichen Mitwirkung zu den Bischofswahlen offenkundig geworden, wenngleich Otto bei Papst Benedict VII. um Bestätigung der Wahl nachgesucht hatte. Seit Konrad I. bestand diese Mitwirkung zuerst nur darin, daß die zum Bischof gewählte Persönlichkeit vor der Consecration vom Kaiser oder König die Genehmigung erhielt. Im Allgemeinen hatte ja das Reichsoberhaupt ein Interesse daran, von der Würdigkeit eines hochgestellten Geistlichen, welchem Sitz und Stimme auf den Reichstagen übertragen werden sollte, gewiß zu sein. Bei denjenigen Bisthümern indeß, welche vormals zu der großen fränkischen Monarchie gehört hatten, äußerte auch das Lehnswesen seine Wirkungen. Als die schwachen Karolinger sich durch gegenseitige Fehden aufrieben, hatten sie, wie ihren zuverlässigen Vasallen, so auch einzelnen Kirchen Krongüter zur Unterhaltung einer Mannschaft geschenkt. Da nun der Bischof Inhaber und Nutznießer des Kirchengutes war, so wurde er seit der Schenkung ohne Weiteres als Lehnsträger und Vasall des Herrschers angesehen, und es wurde deßwegen gefordert, daß er sich nach der Wahl ebenso, wie der erstgeborne Sohn nach dem Tode eines Vasallen, dem Fürsten zur Belehnung vorstelle. Das gewöhnliche Symbol der Investitur, Schwert und Lanze, paßte für den Bischof nicht, weil er von persönlichem Kriegsdienst und von der Leistung der Gefolgschaft frei war. Demnach geschah die Belehnung Anfangs durch die bloße Genehmigung, und es ward dem Bischof auch der Lehnseid erlassen, weil die Herrscher auf die Treue des geistlichen Standes ohnehin rechneten. Ein solcher Mangel der herkömmlichen Form aber wurde im Mittelalter schwer ertragen, und man griff bald wieder zu einem Symbol, ohne welches damals eine Investitur kaum gedacht werden konnte. Heinrich II. belehnte Meinwerk von Paderborn mit einem Handschuh. Otto II. überreichte, als die Gesandten aus Magdeburg seine Genehmigung für die Wahl Othriks nachsuchten, dem Bischof Giselher einen bischöflichen Stab als Symbol für die Verwerfung des Einen und die Belohnung des Andern. Beide Male aber war noch von keinem Lehnseide die Rede. Erst Konrad II. ging hier weiter. Von ihm erzählt Wipo, er habe bei der Besitzergreifung von Burgundien unter den lombardischen Ständen auch den Erzbischof von Mailand zu sich beschieden und ihm durch feierlichen Treueid als Lehnshörigen verpflichtet (Monum. Germ. SS. XI, 263). Dieß mochte bei dem Bestreben der Lombarden, sich durch eigene Königswahl vom deutschen Reiche zu trennen, berechtigt erscheinen; daß Konrad aber von der Tragweite der kaiserlichen Gewalt unrichtige Ansichten hegte, bewies er bald nachher bei der Erledigung des Bisthums Basel. Dasselbe vergab er um eine große Summe Geldes an einen vornehmen Cleriker, der Udalrich hieß. Dies ist wohl das erste Beispiel von simonistischem Verkauf einer Bischofswürde. Zwar berichtet Wipo (l. c.), der König habe dies bald bereut und das Gelübde gemacht, nie mehr ein Bisthum oder eine Abtei für Geld zu übertragen; wenn er aber hinzusetzt in voto paene bene permansit: so ist doch wohl anzunehmen, daß Konrad die nämliche Sünde auch noch mehr begangen hat. In der That sagte sein Nachfolger Heinrich III. auf der Synode zu Pavia 1046, nachdem er in einer berühmt gewordenen Rede die simonistischen Bischöfe zur Rechenschaft gezogen und diese ihn um Verzeihung gebeten hatten: »Geht, verwaltet gut, was ihr schlecht empfangen habt, und betet um so eifriger für meinen Vater, der in die nämliche Schuld verwickelt ist« (Rud. Glabri Hist. 5, 5 bei Migne, PP. lat. CXLII, 697).

Kurzsichtig erscheint jedoch Heinrich III., insofern er nicht erkannte, wie sehr die Form der Investitur die simonistische Verleihung der Bisthümer beförderte. Unter ihm nämlich war schon allgemein die Sitte eingeführt, daß die Bischöfe vom Kaiser mit Ring und Stab investirt wurden. Es ist wohl kein Zweifel, daß dieser Gebrauch auf Otto II. zurückzuführen ist. Die Nachricht Wipo’s über die Einsetzung Giselhers zum Erzbischof von Magdeburg scheint auf ein nicht durch die Umstände herbeigeführtes, sondern aus Überlegung hervorgegangenes Mittel der Übertragung hinzuweisen, und man darf wohl annehmen, daß Otto hiermit den einseitig aufgefaßten Staatsgedanken Karls des Großen ausführen wollte. Nach dem bestehenden Recht konnte die Belehnung überhaupt nichts Anderes bedeuten, als daß der Bischof die ehemaligen Krongüter durch landesherrliche Schenkung besitze und seinem Landesherrn dafür zur Treue verpflichtet sei. Da aber das germanische Mittelalter in die zur Investitur gewählten Gegenstände eine Symbolik hineinzulegen gewohnt war, so bedeutete die Wahl von Stab und Ring kaiserliche Ansprüche auf eine bedenkliche Machterweiterung. Der Stab war nach verjährter Bedeutung das Zeichen der bischöflichen Jurisdiction, der Ring das Bild für das Band, welches den Hirten an seine Heerde durch geistige Ehe gefesselt hielt. Behielt nun der Kaiser sich vor, die Bischöfe durch Stab und Ring zu investiren, so war damit angedeutet, daß er denselben ihr geistliches Amt übertrage, und in weiterer Folgerung, daß die geistliche Gewalt aus der weltlichen hervorgehe und dieser untergeordnet sei.

Diese Folgerung wurde von der weltlichen Macht auch bald gezogen. Immer mehr griffen Kaiser, Könige und Herzoge dem Wahlrecht der Capitel oder dem noch bestehenden Rechte des Clerus und des Volkes vor und ernannten Bischöfe mit Umgehung der rechtmäßig Gewählten oder vor jeder Möglichkeit einer canonischen Wahl. An vielen Kirchen hörten die Wahlen ganz auf, indem die Capitel nach dem Tode des Bischofs den Stab und den Ring desselben an den kaiserlichen Hof sandten und dem Kaiser das Ernennungsrecht förmlich devolvirten. Dieser übergab dann seinem Candidaten die Symbole der bischöflichen Gewalt und überließ es ihm, sich die Consecration zu verschaffen. Hiermit war aber auch der Anschauung des germanischen Rechtes entgegen gehandelt, indem den Kirchen etwas vorenthalten wurde, was den weltlichen Vasallen zustand. Bei diesen hatte der Erstgeborne immer auf das freigewordene Lehen ein Recht, welches ihm vom Landesherrn nicht verkümmert werden durfte; dem Erbrecht aber war das Wahlrecht gewiß analog, und die Umgehung oder Aufhebung desselben bildete immerhin eine Rechtskränkung von Seiten dessen, der das Recht schützen sollte. Allein auch die Bischöfe, welche auf diese Weise in ihr Amt eintraten, vergingen sich schwer gegen das heilige Recht und die Gesetze ihrer Kirche und ließen sich zu Dienern der weltlichen Macht herabwürdigen, welche so oft die Ausübung des geistlichen Amtes beeinträchtigte. Es war natürlich, daß solche Männer, welche von Begeisterung für die Kirche erfüllt waren und mit den Pflichten des geistlichen Amtes Ernst machen wollten, sich zu einer derartigen Demüthigung unter die weltliche Macht nicht herbeiließen; desto größer war aber bald die Zahl derjenigen, welche die Kirchengüter als die Hauptsache, das bischöfliche Amt nur als eine lästige Bedingung ansahen und sich diese bloß um jener willen gefallen ließen. Solchen Männern durften die weltlichen Lehnsherren schon ansinnen, daß sie ihnen Heeresfolge leisteten und in Allem sich den weltlichen Lehnsträgern gleichstellten. Was aber schlimmer war, es fanden sich unter diesen Candidaten sehr bald auch solche, welche für die bischöfliche Würde Geld anboten, und die Landesherren ließen sich diese Gelegenheit, ihren Fiscus zu vermehren, nicht entgehen. Schon Konrad II. hatte, wie oben bemerkt, fällige Bisthümer für Geld hingegeben. Auf der Synode zu Reims 1049 gab der Bischof von Nevers der Wahrheit das Zeugniß, seine Eltern hätten für ihn das Bisthum für vieles Geld, allein ohne sein Vorwissen gekauft; der Bischof von Caoutances erklärte, sein Bruder habe ohne sein Wissen für ihn ein Bisthum gekauft, und er habe es nicht annehmen wollen, sei aber zur Übernahme gezwungen worden; der Bischof von Nantes mußte eingestehen, daß sein Vater Bischof gewesen und er nach dessen Tode das Amt für Geld erhalten habe (Mansi XIX, 727 sqq.). Auf der Synode zu Toulouse 1056 legte der Vicecomes Berengar von Narbonne eine Klageschrift gegen den dortigen Erzbischof Gaufred vor, wonach dieser seinen Stuhl um 100 000 Solidi und das Bisthum Urgel für seinen Bruder Wilhelm ebenfalls um 100 000 Solidi erkauft hatte; zu letzterem Zwecke habe er seine eigene Kirche geplündert und Kirchengewänder, Reliquienbehälter und Kreuze an spanische Juden verkauft (Mansi XIX, 850 sq.). Solcher Beispiele sind während des 11. Jahrhunderts aus den Acten der Synoden und den Berichten der Chronisten unzählige zu verzeichnen. Zwar Heinrich III. war zu gewissenhaft, um Ring und Stab feilzuhalten und damit Unwürdigen den Zutritt zu den Bisthümern zu eröffnen; allein es gab auch in seiner Umgebung Personen von Einfluß, bei denen man durch Geld und Geschenke Zugang und Empfehlung finden konnte. Nachdem aber erst der bischöfliche Stand durch Simonie erniedrigt und entehrt war, wurde der Lebensnerv der Kirche durch dieses Laster unterbunden. Bischöfe, welche Ring und Stab angekauft hatten, trugen auch kein Bedenken, die Weihen für Geld zu ertheilen. Wie sehr auch die Synoden des 10. und des 11. Jahrhunderts auf die wissenschaftliche und sittliche Prüfung der Ordinanden drangen, so waren doch im 11. Jahrhundert unwissende, unsittliche, trunksüchtige, beweibte Cleriker durchaus nichts Seltenes; der Mangel an Unterricht und das Beispiel der Geistlichen ließ Scham und sittliches Gefühl auch in der Laienwelt nicht aufkommen, und ein großer Theil der christlichen Länder war in Gefahr, wieder der Barbarei zu verfallen. Das waren die Folgen der Laieninvestitur.

Gegen das Laster der Simonie wie gegen die Verletzung des Cölibatsgesetzes hatte freilich die Kirche den Kampf niemals unterlassen. Eine ganze Reihe von Synoden seit der Karolingerzeit, deren Acten erhalten sind, erließ auch Verbote und Strafbestimmungen für die Simonie; so die Synoden zu Aachen 817, Rom 826, Paris 829, Aachen 836, Diedenhofen 844, Meaux 845, Mainz 847, 851, 888, Vienne 892, Pavia 1046, Rom, Reims, Mainz 1049, Toulouse, S. Jago de Compostela 1056, Vienne und Tours 1060. Daß bei dieser Aufzählung keine Synode aus dem 10. Jahrhundert genannt werden kann, hat in der unsäglichen Noth dieser Periode seinen Grund; die Concilien, welche während derselben gehalten wurden, mußten sich mit der Rüge und Strafe von Verbrechen jeder Art, namentlich gegen die natürliche Ordnung, beschäftigen, und die damalige Verwilderung trägt die Schuld, daß die Acten dieser kirchlichen Versammlungen nur unvollständig erhalten sind. Wenn aber in den erhaltenen Protokollen aus diese Zeit immer die Beobachtung der Canones eingeschärft wird, so ist gewiß besonders auch der sonst namentlich aufgeführte Canon II des allgemeinen Concils von Chalcedon gemeint, der die Simonie auf’s Strengste untersagt. Was den Cölibat der Cleriker betrifft, so gibt es aus keiner Zeit, auch aus den schlimmsten Zeiten des 10. Jahrhunderts nicht, eine kirchliche gesetzgeberische Äußerung, welche nicht auf’s Entschiedenste die Sünden dagegen rügte und strafte. Seitdem aber die Laieninvestitur beiden Lastern so zu sagen Thür und Thor geöffnet hatte, konnte das bloße Verbieten und Strafen nicht mehr als hinreichendes Mittel gelten. Ein so weit verbreitetes Übel konnte nur durch eine vollkommene Reform unterdrückt werden, und diese war eben an der Wurzel des Verderbens vorzunehmen. Die kirchlichen Ämter und Pfründen mußten als unantastbares Eigenthum der Kirche, und die Verleihung der dazu gehörigen Rechte lediglich als Ausfluß der Kirchengewalt erklärt werden, wenn die rechte Ordnung in der Kirche und die Sittlichkeit im christlichen Volke gewahrt bleiben sollte. Wie nun der allmächtige Gott für seine Kirche zur Zeit der Reformbedürftigkeit jedesmal den Mann erweckt, der die Krankheit der Zeit erkennt und die Heilung der Schäden unternimmt, so war auch schon zur Zeit Konrads II. der Mann geboren, welcher die Kirche von dem durch diesen bereiteten Unheil erlösen sollte. Der große Hildebrand hatte als Berather von fünf Päpsten die Nothwendigkeit einer kirchlichen Reformation begriffen und sein Leben der Herbeiführung derselben geweiht. Wie er den Kampf gegen die weltliche Macht aufnahm und fortsetzte, um die Investitur durch Ring und Stab der weltlichen Gewalt zu nehmen, s. in den Artt. Gregor VII. und Heinrich IV. Der erste Vorstoß, welchen Hildebrand in diesem Kampfe führte, war das 6. Decret der Lateransynode von 1059, das jedenfalls aus seiner Initiative hervorgegangen ist. Nach demselben durfte kein Cleriker oder Presbyter von einem Laien ein Kirchenamt annehmen, weder umsonst noch um Geld. Nach Abhaltung dieser Synode sandte Nicolaus II. ebenfalls auf Hildebrands Betreiben den Cardinallegaten Stephan nach Frankreich, und dieser hielt 1060 zu Vienne und zu Toulouse Synoden, auf welchen die Bestimmung wiederholt wurde, daß niemand ohne Zustimmung des Bischofs eine große oder kleine Kirche von einem Laien irgendwie annehmen dürfe; um Geldeswerth aber dürfe er sie auch von einem Cleriker oder Mönch so wenig annehmen, wie von einem Laien; sonst verlören beide, Verkäufer wie Käufer, diese Kirche. Nachdem dann Hildebrand als Gregor VII. Papst geworden war, that er auf der großen Fastensynode zu Rom 1075, der zweiten von ihm daselbst abgehaltenen Versammlung den entscheidenden Schritt, dessen weltgeschichtliche Bedeutung bald aus den weitgreifenden Folgen klar wurde. Gregor berichtet darüber selbst in einem Schreiben an Heinrich IV. (Jaffé, Biblioth. rerum germ. II, 220): »Auf der im laufenden Jahre beim apostolischen Stuhle versammelten Synode, der Wir nach Gottes Anordnung vorsaßen, und bei der auch einige von den Deinen anwesend waren, haben Wir, um dem bereits drohenden Ruin der Kirche zu wehren, zurückgegriffen auf die Verordnungen und Lehren der Väter, und ohne etwas Neues, Selbstersonnenes einzuführen, haben Wir die ursprüngliche und wichtigste Regel der kirchlichen Disciplin erneuern zu müssen geglaubt. Es gibt nämlich für niemanden, auch für die Hirten nicht, einen andern Eingang, als den von Christus mit den Worten angezeigten: ›Ich bin die Thüre; wer durch mich hineingeht, der wird selig werden.‹ Dieses Decret nenen manche, welche die weltlichen Ehren den göttlichen vorziehen, eine unerträgliche Last und Beschwerniß; Wir aber bezeichnen es viel richtiger als die zum Heile nothwendige Wahrheit und Leuchte, die nicht nur von Dir und den Deinen, sondern von allen christlichen Fürsten und Völkern ehrerbietig angenommen und befolgt werden muß.« Den Wortlaut dieses Decrets geben Hugo von Flavigny und Anselm von Lucca gleichlautend an (Mon. Germ. SS. VIII, 412; Migne, PP. lat. CXLIX, 468): Si quis deinceps episcopatum vel abbatiam de manu alicujus laicae personae susceperit, nullatenus inter episcopos vel abbates habeatur, nec ulla ei ut episcopo vel abbati audientia concedatur. Insuper ei gratiam beati Petri et introitum ecclesiae interdicimus, quoadusque locum, quem sub crimine tam ambitionis quam inobedientiae, quod est scelus idololatriae, cepit, non deserit. Similiter etiam de inferioribus ecclesiasticis dignitatibus constituimus. Item si quis imperatorum, ducum, marchionum, comitum, vel quilibet saecularium potestatum aut personarum investituram episcopatus vel alicujus ecclesiasticae dignitatis dare praesumserit, ejusdem sententiae vinculo se astrictum sciat. Die heldenmüthige Kühnheit dieses Decretes erscheint um so bewundernswerther, wenn man bedenkt, wie tief der dadurch getroffene Mißbrauch mit den Anschauungen der Zeit verwachsen war. Zwar die innere Berechtigung des fraglichen Verbotes mußte auch damals jedem Billigdenkenden einleuchten. Allein von den Meisten wurde dasselbe so ausgelegt, als werde dem Landesherrn mit dem Verbot der Investitur auch jeder Einfluß auf die Besetzung der geistlichen Stellen abgesprochen. Dieß wäre, namentlich für Deutschland, eine zu weitgehende Forderung gewesen. Hier waren die Bischöfe und Äbte zugleich Reichsfürsten, und dem Kaiser mußte Alles daran gelegen sein, auf ihren Stühlen Männer seines Vertrauens und Vorkämpfer gegen die Unabhängigkeitsgelüste der weltlichen Lehnsträger zu sehen. Auch hatte der Kaiser wegen der den geistlichen Stellen incorporirten Krongüter, der sog. Regalien, ein unabsprechbares Recht, zur Besetzung der Bisthümer und Abteien mitzuwirken. Das Verbot endlich, daß ein Laie ein Kirchenamt übertrage, konnte in seiner allgemeinen Form auch von der bedingten Verleihung, d. h. von der Präsentation oder Nomination verstanden und so als Eingriff in die uralten Rechte der Kirchenpatrone angesehen werden. Die Schwierigkeit, hier die berechtigten Ansprüche der Laiengewalt ohne Gefährdung des kirchlichen Grundsatzes zur Geltung gelangen zu lassen, verursachte den erbitterten Kampf, welcher unter dem Namen Investiturstreit bekannt ist, und es dauerte lange Zeit, bis in den Geistern die nothwendige Klarheit aufleuchtete und die richtige Ausgleichung zwischen den scheinbar entgegenstehenden Ansprüchen gefunden war.

Diese Schiwerigkeit konnte der Erkenntniß eines Gregor VII. nicht verborgen bleiben; daher eilte er auch jetzt nicht, das fragliche Decret zu publiciren, sondern suchte wieder zuerst die Fürsten einzeln für die Befolgung desselben zu gewinnen (Hefele, Conc.-Gesch. V, 50. 60). wie Heinrich IV. seine Mäßigung vergalt, ist bekannt (s. oben V, 1112). Das Verbot der Laieninvestitur ward erneuert auf zwei Synoden des Jahres 1078, nachdem inzwischen der Papst in den einzelnen christlichen Ländern ihm durch seine Legaten Geltung zu verschaffen gesucht hatte. Heinrich IV. dagegen ernannte dem Decret zum Trotz Bischöfe für erledigte und nicht erledigte Stühle und investirte sie mit Ring und Stab. Um so entschiedener wurde nun das Verbot auf der römischen Fastensynode des Jahres 1080 wiederholt (Jaffé l. c. 398). Für einige Jahre brachten dann der Tod Gregors VII. und die denselben begleitenden Umstände den obschwebenden Streit zum Stillstand. Papst Victor III. aber trat, wie bei allen übrigen Stücken, so auch bezüglich der Investitur in Gregors Fußstapfen und erneuerte im August 1087 auf einer Synode zu Benevent das Verbot der Laieninvestitur und der Simonie auf’s Entschiedenste. Sein Tod verhinderte jedoch weitere Maßregeln; diese unternahm nunmher Urban II., und zwar zunächst auf einer Synode zu Melfi 1089. Hier ward unglücklicher Weise damit begonnen, dem Decret Gregors eine schärfere Form zu geben, in welcher es gar zu leicht mißverstanden werden konnte. In den Synodaldecreten ward nämlich bestimmt: Can. 5. Kein Laie darf einen Zehnten oder eine Kirche oder überhaupt etwas der Kirche Gehöriges ohne Erlaubniß des Bischofs oder des Papstes an ein Kloster oder ein Canonicat vergeben. 6. Kein Abt oder Propst darf etwas, das der Kirche gehört, ohne Erlaubniß des Bischofs annehmen. … 8. Kein Cleriker darf von einem Laien die Investitur empfangen, bei Strafe der Absetzung. In dem Ausdruck dieses letztern Canons blieb eine Unbestimmtheit, welche leicht zu der Frage Veranlassung geben konnte, ob die allgemeine Form auch die Verleihung der Regalien einschließen und damit ein anerkanntes Recht bestreiten wolle. Indessen fuhr Urban II. fort, die Reformgedanken Gregors zur Ausführung zu bringen. Während in England nach dem Tode Wilhelms des Eroberers noch kein Entgegenkommen seitens der königlichen Regierung zu erwarten war und König Wilhelm der Rothe mit den Kirchenämtern und dem Kirchengut ganz nach Willkür schaltete, reiste der Papst 1095 nach Frankreich und versammelte hier den einheimischen Clerus zu einer Synode in Clermont. Auch hier ward verkündigt, daß niemand ein geistliches Amt von einem Laien empfangen dürfe, Könige und Fürsten keine Investitur ertheilen könnten, kein Bischof oder Priester dem Könige oder sonst einem Laien das ligium fidelitatis (den Lehnseid in seiner ganzen Ausdehnung) schwören dürfe (Can. 15–17). Die genauere Einschärfung, welche in dieser Form liegt, konnte leicht wieder Irrthümer bezüglich der weltlichen Stellung der Kirchenfürsten hervorrufen. Inzwischen setzte der englische König sein tyrannisches Verfahren fort und nöthigte schließlich den hl. Anselm, welcher sich der Investitur durch ihn nicht unterziehen wollte, beim Papste Schutz zu suchen. Anselms Sache war einer von den Gründen, welche Urban II. veranlaßten, eine große Synode 1098 nach Bari zu berufen; auch hier wurde nach einem Briefe Paschalis’ II. »gegen die Pest der Laieninvestitur die Excommunication ausgesprochen« (Mansi XX, 1061). Dasselbe geschah auf der Synode zu Rom 1099.

Anselm von Canterbury war kaum nach England zurückgekehrt, als König Heinrich I. Beauclerc von ihm verlangte, er solle nun den Lehnseid leisten und Ring und Stab von ihm entgegennehmen. Dieß führte in England zu einer vorläufigen glücklichen Lösung, bei welcher zuerst die nöthige Unterscheidung zwischen der kirchlichen und der weltlichen Stellung der Prälaten zur Klarheit gebracht wurde (s. d. A. Anselm, der hl., I, 890). In Deutschland hatte der Untergang Heinrichs IV. (s. ob. V, 1672 f.) die Hoffnung erweckt, daß die Rechte der Kirche nunmehr zur Anerkennung gelangen würden. Allein der junge König Heinrich V. nahm das Recht der Investitur ganz im Geiste seines Vaters in Anspruch und belehnte bei jeder Erledigung eines Bischofsstuhls mit Ring und Stab unter dem Beistande der Bischöfe selbst. Daher wollte Paschalis II. sich nach Deutschland begeben, um durch persönliche Bemühung bei Heinrich den Kirchengesetzen Achtung zu verschaffen. Er hatte als Vorbereitung dazu den Weg der Versöhnlichkeit eingeschlagen, indem er auf der Synode zu Guastalla 1106 die ungezählten Bischöfe und Priester im Kaiserreich, welche wegen ihrer Investirung der Excommunication verfallen waren, lossprach und bestätigte, wofern sie sonst würdig waren. Allein bei näherer Informirung fand Paschalis gerathener, sich nach Frankreich zu wenden. Hier empfing er drei Bischöfe als Gesandte Heinrichs V., um die Frage wegen der Investitur zu regeln; diese aber nahmen eine drohende Haltung an und verhießen, die Frage werde zu Rom mit dem Schwerte entschieden werden. Der Papst ließ sich dadurch nicht abschrecken, auf einer Synode zu Troyes 1107 nochmals das Verbot der Laieninvestitur in entschiedenster Form zu verkünden und dasselbe den einzelnen Bischöfen gegenüber mit Strenge aufrecht zu halten. Da er auch fürchten mußte, Heinrich V. werde die Kaiserkrone erlangen, ohne auf die Investitur in der bisherigen Form verzichtet zu haben, so erneuerte er das Verbot derselben auf der Lateransynode 1110 und ließ sich von dem Normannenherzog und den Römern, wie er auch schon Philipp in Frankreich gethan hatte, für den Fall der Noth Beistand gegen den deutschen König geloben. Inzwischen hatte Heinrich an den Papst Gesandte geschickt, um die Kaiserkrone zu begehren. Paschalis, an den schon Anselm von Canterbury wegen der zu Guastalla bewiesenen Nachsicht eine Mahnung geschickte hatte, stellte die Bedingung, daß der Kaiser sich als Schirmherrn der Kirche erweise. Indessen wartete Heinrich die Rückkehr der Gesandten gar nicht ab, sondern trat im August desselben Jahres seine Romfahrt mit einem großen Heere an und nahm auch Gelehrte mit, um seine Pläne nicht nur mit dem eisernen, sondern auch mit dem geistigen Schwerte durchzusetzen. In Toscana begann er Unterhandlungen mit der Gräfin Mathilde; dieselbe erkannte ihn als ihren Oberherrn an und erhielt dagegen außer der Bestätigung ihrer Besitzungen noch das Versprechen, daß er nichts gegen den römischen Stuhl unternehmen werde. Von Arezzo aus schrieb er nach Rom an Senat und Volk, er sei gekommen, damit »Gerechtigkeit werde der Kirche und von der Kirche, den Römern und von den Römern«. Die Gesandten, welche diesen Brief überbrachten, hatten am 4. Februar 1111 eine Zusammenkunft mit Bevollmächtigen des Papstes, und hierbei kam es zu einem Vertrag, welcher die Streitsache nicht beenden konnte, weil ihn auszuführen nicht möglich war. Derselbe lief nämlich darauf hinaus, daß der König alle Lehen, Krongüter und landesherrlichen Rechte oder Regalien, welche seit Karls des Großen Zeiten mit Kirchenstellen verbunden seien, aus kirchlichen Händen zurücknehmen und dagegen auf die Investitur verzichten solle. Der ideal angelegte Papst konnte glauben, die deutschen Prälaten würden bereit sein, den größern Theil ihrer irdischen Güter dem Interesse der kirchlichen Freiheit zu opfern; allein die deutschen Gesandten kannten jedenfalls ihre Bischöfe besser, als daß sie im Ernst an die Ausführbarkeit eines solchen Abkommens gedacht hätten. Wenn die Bevollmächtigten gleichwohl auf das Anerbieten eingingen, so geschah dieß in boshafter Absicht, weil nunmehr die Stimmung der deutschen Kirchenfürsten unfehlbar sich gegen den Papst kehren mußte. In der nämlichen Absicht machten sie auch die Einwendung, »ihr Herr werde der Kirche solche Gewalt nicht anthun und solchen Kirchenraub nicht begehen«; allein der arglose Papst ließ versichern, am nächsten Sonntag Estomihi, den 12. Februar, werde er den Prälaten die Rückgabe bei Strafe der Excommunication befehlen. In diesem Sinne ward nun ein Vertrag aufgesetzt und von Heinrich V. auch zu Sutri, einige Meilen von Rom, beschworen, so daß derselbe den Namen des Concordats von Sutri erhalten hat Unedler Weise wollte der Kaiser dabei sich die Clausel vorbehalten, daß das zu erwartende päpstliche Edict auch von den deutschen Prälaten angenommen werde. Als nun der Augenblick der Krönung herangekommen war und der Papst den König einlud, vorher den Verzicht auf die Investitur auszusprechen, versicherte Heinrich eidlich, seine Absicht sei nicht, den Bischöfen, Äbten und Kirchen etwas zu nehmen, was ihnen die früheren Kaiser geschenkt hätten. Offenbar that er dieß in derselben Absicht, wie auch seine Gesandten, nämlich um alles entstehende Odium auf den Papst zu wälzen. Denn nunmehr verlangte er, der Papst möge seine Zusage wegen der Regalien erfüllen, weil dieser Schritt durch den Verzicht auf die Investitur vorausgesetzt sei. Wirklich hatte Paschalis schon die hierüber ausgefertigte Urkunde bei sich, hatte aber das Edict erst nach der Krönung publiciren wollen. Bei der nun entstehenden Erörterung erschien der Papst, der Heinrichs unredliche Gesinnung zu durchschauen anfing, entschiedener und fester, als der König erwartet hatte; derselbe versuchte daher, ihn durch Drohungen einzuschüchtern, und als er ihn darüber nur um so entschiedener fand, gab er seinen deutschen Söldnern Befehl, den Papst nebst den meisten Cardinälen gefangen zu nehmen. Hierüber erbittert, griffen die Römer die Deutschen mit den Waffen an; es entstand ein großes Blutbad, in welchem Tausende auf beiden Seiten fielen und Heinrich selbst nur mit Mühe sich durch die Flucht rettete. Den gefangenen Papst schleppte er nun auf seinen Zügen in der Umgegend von Rom mit sich und sparte weder Drohungen noch Versprechen, um ihn zur Nachgiebigkeit zu bewegen; allein nichts vermochte dessen Pflichttreue zu beugen, und selbst als Heinrich ihm vorstellen ließ, durch die Investitur vergebe man ja nicht Kirchen und Kirchenämter, sondern bloß Regalien, ließ er sich nicht irre machen, theils weil er die Bedeutung der Symbole nicht unterschätzte, theils weil er Heinrichs unzuverlässige Gesinnung jetzt kannte. So verflossen zwei Monate, während deren die Römer alle Schrecken einer unvorhergesehenen Belagerung zu tragen hatten. Da Heinrich außer Papst und Cardinälen noch viele Gefangene gemacht hatte, deren Befreiung, ja deren Leben von dem Worte des Papstes abhing, so ward Paschalis während dieser Zeit von allen Seiten bestürmt, nachzugeben, und man wies ihn auf die Verwüstung der Kirchen und auf ein Schisma als unausbleiblich hin. Da sprach er endlich das denkwürdige Wort: Cogor pro ecclesiae liberatione, und that für die Kirche, was er für sein Leben und seine Freiheit nie gethan haben würde. Er versprach jetzt, in einem besondern Edict zu erklären, daß der König die ohne Simonie und frei, aber mit seiner Zustimmung gewählten Bischöfe und Äbte mit Ring und Stab investiren dürfe. Die Consecration dürften sie erst nach der Investitur erhalten, und den Erzbischöfen und Bischöfen solle es nicht mehr verboten sein, die vom König Investirten zu weihen. Damit war den Wahlen die Freiheit genommen, insofern niemand mehr ohne des Königs Genehmigung ein Kirchenamt erhalten konnte; außerdem war das Zugeständniß erzwungen, daß der König wirklich investire, und bei der bestehenden Unklarheit über die Bedeutung der Investitur konnte der Grundsatz, daß die geistliche Gewalt nicht aus der weltlichen fließe, schwerlich zur Anerkennung gebracht werden. Nachdem der hierauf gebaute Vertrag, der auch die Freilassung der Gefangenen und die Verzeihung für den deutschen König in sich schloß, von beiden Seiten beschworen war, erfolgte die Kaiserkrönung, und Heinrich zog nach Deutschland zurück.

Der neue Kaiser hatte Italien noch nicht verlassen, als von allen Seiten der Unwille gegen den Papst wegen des getroffenen Vergleiches sich laut machte. Schon die Cardinäle, welche der Gefangenschaft entgangen waren und den Vertrag nicht hatten zu unterzeichnen brauchen, hielten in Abwesenheit des Papstes noch 1111 eine Zusammenkunft zu Rom, worin sie das Verfahren des Papstes mißbilligten. Bittere Vorwürfe machte demselben dann der Abt Bruno von Monte Cassino in einem Briefe, den Baronius zu Monte Cassino wieder aufgefunden hat (Watterich, Vitae pontiff. II, 70). Bald gab auch der französische Episcopat seiner Unzufriedenheit mit dem Geschehenen ernsten Ausdruck, und obendrein mußte der Papst erfahren, daß der Kaiser nach wie vor die Kirchen bedränge und des höchsten Unrechts walte. So entschloß Paschalis sich noch gegen Ende des Jahres 1111, sein Zugeständniß zurückzunehmen. Demnach berief er für den März 1112 ein großes Concil nach Rom. Hier reinigte sich Paschalis zuerst durch Ablegung eines Glaubensbekenntnisses und Gelobung der Treue gegen die kirchlichen Canones, womit das Investiturverbot implicite schon erneuert war. Dann aber widerrief auf Vorschlag des Bischofs Gerard von Angoulême »das Concil in Gemeinschaft mit dem Papste« das zugestandene Privilegium in aller Form als unerlaubt, und diese Erklärung wurde mit der Unterschrift von 114 Bischöfen, 15 Cardinalpriestern und 8 Cardinaldiaconen durch Gerard von Angoulême selbst und einen Cardinal dem Kaiser persönlich notificirt. Damit war den französischen Bischöfen jedoch noch nicht genügt. Während die Lateransynode aus Rücksicht auf den Papst sich jedes Vorgehens gegen den Kaiser enthalten hatte, ward derselbe auf Synoden zu Vienne 1112, sowie in dem nämlichen Jahre auf einer Reihe von Particularconcilien zu Jerusalem, in Ungarn, in Frankreich und in Deutschland, ferner 1114 zu Beauvais, 1115 zu Reims, zu Köln und zu Châlons-sur-Marne, 1118 zu Köln und zu Fritzlar, meist auf Betreiben des hierin unermüdlichen Cardinallegaten Kuno von Präneste, mit Excommunication belegt. Der griechische Kaiser Alexius glaubte sogar die Unzufriedenheit gegen Heinrich V. ausbeuten zu können, indem er sich geneigt erklärte, vom Papst die Kaiserkrone anzunehmen; doch scheiterte dieß an dessen Forderung, den römischen Primat anzuerkennen. In Deutschland erhoben sich die Sachsen gegen den excommunicirten Kaiser, und der Krieg, in welchen er hierdurch verwickelt wurde, endete mit einer Niederlage für ihn. Dagegen schien ihm in Italien ein neues Glück zu erblühen, als die Gräfin Mathilde von Toscana starb, die ihn als Oberherrn anerkannt hatte. Um ihre Hinterlassenschaft in Besitz zu nehmen, zog er zum zweiten Mal mit einem Heere über die Alpen. In Oberitalien fand er sympathische Aufnahme, konnte alle Besitzungen Mathildens in seine Botmäßigkeit aufnehmen und hoffte nun auch bei dem Papste seine Forderungen gütlich durchsetzen zu können. Allein der Papst hatte bereits eine Synode in den Lateran beschieden, welche eine Reihe von Disciplinarfällen entscheiden sollte; sie ward am 6. März 1116 eröffnet. Hier brachten die Bischöfe den Vertrag von Sutri wieder zur Sprache, und der Papst gestand ein, einen Fehler gemacht zu haben, vertheidigte sich aber würdevoll dagegen, den Glauben preisgegeben zu haben. Auch die abermalige Verkündigung der Excommunication gegen Heinrich verhinderte er, bestätigte aber im Übrigen die Erklärung, welche er schon auf der Lateransynode von 1112 gegeben hatte. Als dann der Kaiser gegen Rom heranzog, floh Paschalis nach Benevent, sehr gegen den Wunsch Heinrichs. Diesem nämlich erstanden in Deutschland immer neue Gegner, und eine Aussöhnung mit dem Papste mußte er in seiner Lage als höchst wünschenswerten Vortheil ansehen; so schickte er wieder Gesandte. Allein er gelangte bei Paschalis nicht zum Ziel, was er auch von günstigem Erfolg nach Deutschland berichten mochte. Der Papst verwies ihn auf eine Synode, und er wußte zu gut, was er von einer solchen zu erwarten habe. Nun zog er in Rom selbst ein und verlangte, daß man nach altem Brauch am Osterfest ihm feierlich die Krone aufsetze; allein kein Cardinal gab sich dafür her, und nur der gerade anwesende Erzbischof Burdinus von Braga ließ sich bereit finden, den Stellvertreter des Papstes zu machen. Dafür ward dieser von Paschalis excommunicirt, und Heinrich blieb rathlos, so sehr er sich auch bemühte, den Adel Roms für sich zu gewinnen. Im Sommer 1117 mußte er sein Heer der Hitze wegen aus Rom führen, und der Papst konnte nun, von Normannen unterstützt, wieder in den leoninischen Stadttheil von Rom einziehen. Da erkrankte Paschalis und starb nach wenigen Tagen im Januar 1118.

Gleich nach seinem Tode versammelte der Cardinalbischof von Porto die in Rom anwesenden Cardinäle, und in einstimmiger Wahl ward der Cardinal Johannes von Gaeta zu Paschalis’ Nachfolger bestimmt. Der neue Papst, der sich Gelasius II. nannte (s. d. Art.), mußte jedoch vor dem zurückkehrenden Kaiser nach Gaeta entfliehen. Heinrich stellte unter dem Vorwande, daß ihm die erforderliche Theilnahme an der Wahl nicht gestattet gewesen, nun den Erzbischof Burdinus als Gegenpapst auf, der den Namen Gregor VIII. annahm (s. d. Art.). Gelasius erneuerte die Excommunication über den Eindringling und sprach dieselbe nunmehr auch über den Kaiser aus; indeß konnte er auch nach Heinrichs Abzug das von Parteien zerrissene Rom nicht wieder gewinnen, ging nach Frankreich und starb schon 29. Januar 1119 zu Clugny. Von ihm empfohlen, ward der Erzbischof Guido von Vienne sein Nachfolger unter dem Namen Calixtus II. (s. d. Art.). Schon im April 1119 verkündete der neue Papst, daß er im nächsten Herbst eine große Friedenssynode zu Reims abhalten wolle. Zu dieser erklärte auch der Kaiser, durch die Noth gedrängt, der kirchlichen Aussöhnung wegen sich begeben zu wollen, und so war der erste Schritt gethan, um zwischen der kirchlichen und der weltlichen Gewalt die richtige Ausgleichung herbeizuführen. Freilich war die Gesinnung Heinrichs V. nicht so aufrichtig und zuverlässig, daß der Friede hätte ohne Schwierigkeit zu Stande kommen können. Obwohl ihm schon längst der Unterschied zwischen Investitur und Verpflichtung zu Vasallendienst klar geworden war, wollte er doch in die Beschränkung der bisher geübten Machtvollkommenheit nicht willigen, und Calixt II. mußte ihn erst mit der Excommunication treffen und seine Unterthanen vom Treueid entbinden, ehe er sich dazu verstand, den Verhältnissen Rechnung zu tragen. Der Papst besaß nämlich die Sympathien der ganzen katholischen Welt, gewann täglich an äußerer Macht und hatte in den Normannen mächtige Bundesgenossen. Letztere hatten auch den Gegenpapst gefangen und dem Papste ausgeliefert, so daß dieer ihn in ein Kloster interniren konnte, wo er unbußfertig verschied. Infolge davon hatte der einflußreiche Erzbischof Bruno von Trier, bisher Anhänger Gregors VIII., sich dem rechtmäßigen Papst unterworfen; auf beiden Seiten verlangte man in Deutschland nach Frieden, und bald mußte Heinrich V. fürchten, das Schicksal seines Vaters zu erleben. Demnach fand er sich im September 1121 auf einer Zusammenkunft mit den päpstlichen Gesandten zu Würzburg bereit, ein Versprechen zu erneuern, das er bereits am 24. October 1119, vor der Reimser Synode, gegeben hatte. Dasselbe lautete: »Ich, Heinrich, römischer Kaiser deutscher Nation, entsage aller Investitur auf Kirchen, gewähre wahren Frieden allen, welche seit Beginn dieses Streites auf Seiten der Kirche kämpften, und gebe deren Güter, sowie die der Kirchen zurück. Sind diese Güter nicht in meinem Besitz, so will ich treulich zur Wiedererlangung derselben verhelfen. Entsteht aber Streit, so soll über Kirchengüter das kirchliche, über weltliche das weltliche Gericht entscheiden.« Dem gegenüber konnten freilich die Legaten nicht die Zusage aufrecht halten, womit der Papst früher dieses Versprechen erwiedert hatte: die Gewährung des kirchlichen Friedens an den Excommunicirten stand dießmal nicht in ihrer Macht. Daher einigte man sich zur Aufrichtung eines allgemeinen Friedens, dessen Verletzung mit dem Tode bedroht wurde, und sprach die königlichen und fiscalischen Güter dem Reich, die kirchlichen der Kirche, das Geraubte den Beraubten zu. Rücksichtlich der Excommunication wurde nichts bestimmt, sondern Alles dem Papst anheimgegeben; es wurden Gesandte an denselben abgeordnet, um das Geschehene zu melden und die Abhaltung eines allgemeinen Concils zu erbitten, auf dem man vom heiligen Geist die Schlichtung aller Differenzen erwarten dürfe. Der Zusatz, daß im Falle einer Verletzung der Übereinkunft durch den Kaiser die Fürsten zusammenstehen und ihm Vorstellungen machen sollten, erhöhte deren Ansehen bedeutend, und so schlossen sich bald sämmtliche Reichsfürsten dem getroffenen Abkommen an. Hiermit würde der Investiturstreit sein Ende erreicht haben, wenn nicht bald eine Gelegenheit gekommen wäre, bei welcher Heinrich V. zeigte, wie weit er von dem Vorsatz entfernt war, die theoretisch anerkannten Grundsätze praktisch auszuführen. Nach dem Tode des von ihm in das Herzogthum Ostfranken wieder eingesetzten Bischofs Erlung (gest. 28. Dec 1121) übertrug der Kaiser das Bisthum Würzburg dem jungen, noch dem Laienstande angehörigen Grafen Gebhard von Henneberg und schützte ihn gegen den canonisch gewählten Rudger von Vaihingen, dessen Weihe unter den Augen der päpstlichen Legaten vollzogen war. Es wäre zum Bürgerkrieg gekommen, wenn die Legaten nicht den Ausbruch verhindert hätten. Mittlerweile waren von Rom drei Cardinäle als Legaten nach Deutschland gekommen, welche den Frieden herbeiführen sollten. Da die Idee einer doppelten Investitur, einer geistlichen und einer weltlichen, schon längst in den Geistern zur Anerkennung gekommen war, so handelte es sich nur noch um den starren Sinn des Kaisers. Diesem sandte nun Calixt 19. Februar 1122 ein freundliches Schreiben, worin er ihm seine liebevolle Gesinnung betheuerte und ihm erklärte, daß er keines seiner Kronrechte antasten wolle. Auf Anregung der Legaten kam es zu einer großen, erst nach Mainz ausgeschriebenen, dann nach Worms verlegten Versammlung, in welcher am 23. September 1122 endgültig ein Vertrag geschlossen wurde, der seitdem das Wormser Concordat oder das Pactum Calixtinum genannt wird (s. d. Art. Concordate V, A, 1). Die Übereinkunft lautete: »Ich Heinrich, von Gottes Gnaden römischer Kaiser, Augustus, überlasse aus Liebe zu Gott, zur heiligen Kirche und zum Papste und um meines Seelenheiles willen Gott und seinen heiligen Aposteln Petrus und Paulus und der heiligen Kirche alle Investitur mit Ring und Stab und gestatte, daß in allen Kirchen Wahl und Consecration frei seien. Alle Güter und Regalien des hl. Petrus, welche vom Anfange dieses Streites an bis heute, sei es unter meinem Vater oder unter mir, weggenommen wurden, gebe ich der heiligen römischen Kirche zurück oder werde, falls sie in anderen Händen sind, zu ihrer Rückerstattung mithelfen. Auch die Güter aller anderen Kirchen, ebenso der Fürsten und aller Cleriker und Laien, werde ich nach dem Rathe der Fürsten und der Gerechtigkeit gemäß zurückgeben oder, falls ich sie nicht selber besitze, für ihre Rückerstattung thätig sein. Ich gewähre wahren Frieden dem Papste Calixt, der heiligen römischen Kirche und allen, die auf ihrer Seite stehen oder standen. Auch will ich der römischen Kirche in allem, worin sie mich zu Hilfe ruft, treu beistehen.« Es folgte die Unterschrift von neun geistlichen und neun weltlichen Fürsten, an der Spitze die Erzbischöfe von Mainz und Köln. Andererseits: »Ich Calixt, Diener der Diener Gottes, an meinen geliebten Sohn Heinrich, durch Gottes Gnade römischen Kaiser. Ich gebe zu, daß die Wahlen der Bischöfe und Äbte des deutschen Reiches, die zum (deutschen) Königreich (in specie) gehören, in Deiner Gegenwart ohne Simonie und Gewalt vorgenommen werden, und daß, wenn zwischen den Parteien ein Streit entsteht, Du unter dem Beirath des Metropoliten und der Comprovinzialbischöfe für den berechtigteren Theil (saniori parti) die Entscheidung gibst und ihm zu seinem Rechte verhilfst. Der Erwählte soll von Dir mittels des Scepters die Regalien empfangen, diejenigen ausgenommen, welche offenbar der römischen Kirche gehören, und soll Dir leisten, was er wegen dieser Regalien dem Rechte nach schuldig ist. In den anderen Theilen des Kaiserthums (d. h. außerhalb des deutschen Königreichs, also in Italien und Burgund) soll der Consecrirte innerhalb sechs Monaten von Dir die Regalien durch das Scepter empfangen. In allem, worüber du eine Klage an mich bringst, will ich nach der Pflicht meines Amtes Dich unterstützen. Ich gewähre wahren Frieden Dir und allen, welche während dieses Streites auf Deiner Seite stehen oder standen.«

Bei der Verkündigung des Vertrags in feierlichem Hochamte ward der Kaiser ohne weitere Formalitäten vom Cardinallegaten Lambert von Ostia wieder in den Kirchenfrieden aufgenommen, und es hatte nunmehr durch Klärung des Verständnisses und Abgrenzung der Ansprüche das Verhältniß der beiden Gewalten zu einander eine Form erhalten, welche den Frieden aus innerer Nothwendigkeit verbürgte. Die Kaiser hatten deßwegen so sehr auf die Beibehaltung der Investitur mit Ring und Stab gedrungen, weil ihnen dieß das einzige Mittel schien, ihren Einfluß auf die kirchlichen Stellen zu wahren. Einen solchen Einfluß mußten sie wünschen, weil die Bischöfe und Äbte, wie schon oben gesagt, ihnen ihrer geistlichen Würde wegen bei der Opposition gefährlicher, bei der Hilfeleistung nützlicher waren als alle ihre anderen Vasallen. Wollten die Kaiser diese weltliche Bedeutung der Prälaten als das Hauptsächliche ansehen und deßwegen der kirchlichen Gewalt die Mitwirkung bei der Vergebung der Ämter verweigern, so gingen sie gewiß über die ihnen zustehenden Grenzen hinaus. Umgekehrt wäre es zu weit gegangen gewesen, wenn die Päpste dem Kaiser jede Mitwirkung hätten wehren wollen, weil das kirchliche Amt die Hauptsache, die weltliche Stellung nur secundär sei. Jetzt ward jedwedem das Seinige gegeben; der Kirche fiel die freie Wahl ihrer Vorsteher zu, der Kaiser konnte bei der Wahl die Interessen des Reiches wahren. In letzterer Hinsicht hatte die Kirchengewalt zwar verständige, aber doch sehr bedeutende Concessionen gemacht und dadurch ihre Mäßigung bewiesen. Dem Kaiser blieb die Befugniß, bei den Wahlen im eigentlichen Deutschland (nicht in Italien und Burgund) persönlich anwesend zu sein und seine Wünsche geltend zu machen, ferner bei streitigen Wahlen (ebenfalls nur in Deutschland) den Ausschlag zu geben, und endlich jede persona ingrata durch Aufschiebung der Belehnung mit den Regalien von der Consecration und dem Antritt des kirchlichen Amtes für unbestimmte Zeit fernzuhalten. Für Italien und Burgund konnte der Papst dem Kaiser engere Grenzen ziehen, weil hier die weltliche Bedeutung der Bischöfe eine ungleich geringere war, als in Deutschland. Bei dem ganzen Einigungswerk ist die Bedeutung nicht zu unterschätzen, welche der Ausweg der Belehnung mit dem Scepter hatte. Das Mittelalter, welches die Symbole nirgends entbehren wollte, konnte sich den feierlichen Act der Belehnung ohne symbolische Investitur gar nicht denken; Ring und Stab waren deßwegen gewählt, weil man erst zwischen der geistlichen Würde und der weltlichen Stellung der Bischöfe und Äbte nicht unterschieden hatte; jetzt war das Mittel gefunden, das einer gerechten Forderung entsprach, ohne eine Mißdeutung zu unberechtigten Ansprüchen möglich zu machen.

Vermuthlich ward zu Worms auch die durchaus unverfängliche Eidesformel festgestellt, welche die Kirchenfürsten fortan dem König schwören sollten: »Von dieser Stunde an werde ich dem Kaiser nach bestem Wissen und Gewissen treu sein; ich werde an keinem Anschlage auf sein Leben, seine Glieder, sein Reich und seine rechtmäßige Gewalt Antheil nehmen und innerhalb des Reiches ihn gegen jedermann, der es ihm nehmen will, bestens unterstützen.« Daß dieser Eid unter anderen Verhältnissen im Wesentlichen das Nämliche besagt, wie der jetzt von den katholischen Bischöfen dem Landesherrn zu schwörende Eid, ist einleuchtend.

Die zu Worms getroffene Vereinbarung erhielt in dem 8. und 9. Canon der Lateransynode vom Jahre 1123, der neunten allgemeinen, ihre feierliche Sanction. Nur vorübergehend wurde danach noch der Versuch gemacht, die sanctionirte Ordnung zwischen den beiden Gewalten zu stören. Als König Lothar von Innocenz II. aufgefordert wurde, den Gegenpapst Anaclet aus Rom zu vertreiben, begehrte er als Preis für die Hilfeleistung die Wiedereinräumung der Investitur, wie sie seine Vorfahren besessen hätten, indem das Reich durch Verlust dieses Privilegiums sehr geschwächt sei. Diesem Ansinnen trat der hl. Bernhard freimüthig entgegen, und da auch die deutschen Prälaten sich demselben durchaus nicht günstig gestimmt zeigten, so stand Lothar von seinem Verlangen bald wieder ab. Bei seiner Krönung zum Kaiser wiederholte er das Ansinnen, die Investitur, wie sie früher gewesen, als Gegenleistung für seine Hilfe zugestanden zu erhalten; doch ließ er auf die eindringliche Mahnung des hl. Norbert ebenso bald wie früher von seiner Forderung wieder ab. Dagegen bestätigte ihm Innocenz durch Urkunde vom 8. Juni 1133 feierlich die im Wormser Concordate zugestandenen Rechte. (Vgl. Katerkamp, Kirchengesch. IV, Münster 1830, 522; V, 1834, 52, 239; Damberger, Synchronist. Gesch. des M.-A. VI–VIII, Regensburg 1853 ff.; Gfrörer, Papst Gregorius VII. und sein Zeitalter, VII, Schaffhausen 1861; Giesebrecht, Gesch. der deutschen Kaiserzeit III, 2, Braunschweig 1877, 885; Hefele, Conciliengeschichte IV, Freiburg 1879, 921; V, 1886, 1885.)

[Kaulen.]


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