Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Jacob von Brescia, ein Dominicaner, geboren zu Brescia, bekleidete um die Mitte des 15. Jahrhunderts das Amt eines Generalinquisitors in seiner Vaterstadt und veranlaßte durch sein Einschreiten gegen den Minoriten Jacob della Marca die Controverse zwischen den Dominicanern und Minoriten: »ob jenes Blut Jesu Christi, welches am Kreuz vergossen und vom Leibe abgesondert auf die Erde herabfiel und von dem göttlichen Heilande am Auferstehungstage wieder zum glorificirten Leibe reassumirt wurde, während der drei Tage des Todes Christi die hypostatische Union mit dem Logos verloren habe oder nicht, und ob es folglich anzubeten gewesen sei oder nicht«. Jacob della Marca, ein schon betagter Minorit, der 40 Jahre theils in Italien, theils in Ungarn mit Beifall dem Amte eines Predigers vorgestanden, hatte am Ostertage 1462 zu Brescia, nach der damals viel verbreiteten Unsitte, auf der Kanzel mit seltsamen Quästionen zu glänzen, in der Predigt unter Anderm vorgebracht, das am Kreuz vergossene und auf die Erde herabgefallene Blut des Heilandes sei die drei Tage nach dem Tod bis zur Auferstehung mit der Gottheit nicht vereinigt geblieben und daher auch kein Gegenstand der Adoration gewesen. Diese Meinung galt dem Inquisitor Jacob von Brescia als eine Häresie; er ließ noch am nämlichen Tage einen seiner Ordensgenossen die Kanzel besteigen und durch diesen den Satz des Minoriten für häretisch erklären. Gekränkt, noch in seinen alten Tagen der Häresie bezichtigt zu werden, hielt am folgenden Tage Jacob della Marca wieder eine Predigt, um sich von der Anschuldigung zu reinigen, und berief sich zu seiner Rechtfertigung auf die Schriften des berühmten Minoriten Franz de Mayronis (s. d. Art.) und andere Auctoritäten. Vergebens suchte der Bischof von Brescia die sich mehr und mehr verbreitende Flamme des Streites auszulöschen; jeder der zwei Orden nahm seinen Genossen in Schutz, auch das Volk nahm an dem Streite Antheil, und beide Parteien beschuldigten einander der Ketzerei. Zur Beilegung dieser ärgerlichen Wirren ließ Papst Pius II. zu Weihnachten 1463 zu Rom in seiner, der Cardinäle und vieler Prälaten und Doctoren Gegenwart eine Disputation über die angeregte Frage zwischen drei Dominicanern und drei Minoriten abhalten. Der Hauptredner der Dominicaner war Gabriel von Catalanum, dem Jacob von Brescia und Vercellinus von Vercelli beigegeben waren; unter den Minoriten führte vornehmlich Franz von Savonna, der nachherige Papst Sixtus IV., das Wort, und ihm stand ein französischer Minorit Wilhelm zur Seite, der von den Franzosen Monarch in der Theologie und Doctor der Doctoren genannt, von den Italienern aber fast als ein in der Disputation unterlegener Marktschreier geschildert wurde. Die Disputation dauerte drei Tage und lief sehr anständig ab, obwohl die Disputatoren vor Eifer mitten im Winter am ganzen Leibe wie im Hochsommer schwitzten. Ebenso verdienen die Gelehrsamkeit und der Scharfsinn, womit die Disputatoren ihre Meinung begründeten, allen Beifall, und es ist, was bei Disputationen so selten vorkommt, besonders zu rühmen, daß man sich gegenseitig über den status quaestionis genau und klar verständigt hatte: man war nämlich von Seite der Dominicaner nicht gemeint, zu disputiren (und zu schreiben) de totalitate sanguinis Christi effusi in die passionis, hoc est, utrum totum sanguinem effusum in die passionis Christus resumserit in die resurrectionis vel non totum, nec de sanguine circumcisionis vel de aqua lateris Christi et similibus, sondern, wie es hieß, solummodo intendimus loqui de sanguine fuso in die passionis et reassumto in die resurrectionis, utrum scilicet tali sanguini in triduo mortis Christi divinitas Verbi unita personaliter vel ab eo separate fuerit etc. (Quétif et Echard I, 824) Dieß war eine Limitirung der Streitfrage im Hinblick auf eine frühere Erklärung des Papstes Pius II., der Satz aliquid de sanguine Christi in terris remansisse enthalte nichts gegen die christliche Religion. Das Endresultat blieb, daß, obwohl die Mehrzahl der Cardinäle und der Papst selbst der Meinung der Dominicaner den Vorzug gaben, ein Declarationsdecret auf eine andere Zeit verschoben wurde, da man die Minoriten, die man zur Kreuzpredigt gegen die Türken nothwendig hatte, nicht verletzen wollte. Übrigens war die Meinung der Minoriten schon unter Papst Clemens VI. (1342 bis 1352) zu Barcelona gepredigt, aber vom Papst mißbilligt worden. (Siehe über diese Controverse Quétif et Echard, Script. Ord. Praed. I, 822 bis 825, wo auch die über diesen Gegenstand damals verfaßten Schriften angeführt werden; Gobelinus, Commentarii Pii II., ed. Bandini, Francof. 1614, 278–292.)

[Schrödl.]


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