Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Karthäuserorden (Ordo carthusiensis) ein Orden, der den Ruhm genießt, dem Geiste seiner Stiftung nie in dem Grad untreu geworden zu sein, daß er einer Reformation bedurft hätte, hat den hl. Bruno von Köln (s. d. Art.) zu seinem Stifter. Bruno nebst seinen Genossen war von dem Bischof von Grenoble, Hugo, die wilde, unfruchtbare und fast unbewohnbare Einöde Chartreuse (Karthause), vier Stunden von Grenoble, zum Aufenthaltsorte angewiesen worden, welche dem Orden den Namen gab. Nachdem sich die neuen Bewohner der Wüste auf einer Anhöhe eine Kirche erbaut und ringsherum Zellen, anfangs für je zwei und später für je einen, errichtet hatten, widmeten sie sich einer Lebensweise, welche an ascetischer Strenge die aller Orden übertraf. Allein schon nach sechs Jahren folgte Bruno, nachdem er Landuin zum Prior ernannt hatte, dem Rufe seines Schülers Papst Urban II. nach Rom. Von diesem erhielt er nachmals die Erlaubniß, in die ihm von dem Grafen Roger geschenkte Einöde della Torre, im Bisthum Squillace, mit einigen Schülern zu ziehen, und stiftete dort das erste Haus seines Ordens in Italien, genannt Sta. Maria dell’ Eremo oder del Romitorio. In demselben unterzog er sich mit seinen Genossen unter der Regel des hl. Benedict den strengsten Übungen; sein Orden aber hatte sich anfangs keiner günstigen Verbreitung zu erfreuen. Der fünfte Prior der Karthause, Guigo (gest. 1137), zeichnete seine Übungen auf, um sie auch anderen Häusern des Ordens mitzutheilen. Diese Satzungen (Consuetudines Carthusiae) wurden nachmals von Bernard de la Tour mit Zusätzen auf’s Neue gesammelt (1258) und ein Jahr darauf auf dem Generalcapitel bestätigt, erlitten aber auch in dieser Form 1368, 1509 und 1681 Zusätze; in der zuletzt angenommenen Form wurden sie von Papst Innocenz XI. bestätigt und dienen dem Orden noch heutigen Tages zur Richtschnur (Nova Collectio statutorum Ord. Carthusiensis, Paris. 1682; J. Masson, Explication de quelques endroits des anciens Statuts de l’Ordre des Chartreux, à la Correrie 1693; Constitutions des Religieuses Chartreuses, ib. 1693; Troisième partie du nouveau recueil des Statuts pour les Frères laics, ib. 1693). Der Karthäuserorden selbst wurde schon 1170 von Papst Alexander III. feierlich bestätigt. – Was nun seine innere Gliederung anlangt, so bestand er zunächst aus Mönchen (Patres) und Laienbrüdern (Conversi). Beide Klassen beobachteten nach der Verschiedenheit ihres Amtes und ihrer Bildung etwas verschiedene Satzungen. Die Mönche lebten je einer in einer Zelle, von den Brüdern getrennt; hier theilte sich ihre Zeit in Stillschweigen, Gebet und Arbeit Gerade in diesen einfachen Zellen wurden durch den Fleiß und die Emsigkeit der Mönche namhafte und zahlreiche Abschriften der alten Classiker, merkwürdiger Documente etc. angefertigt. Nur an den Capitelfesten speisten diese Mönche gemeinschaftlich; dasselbe geschah auch am Todestage eines Bruders, um sich gegenseitig über den Verlust trösten zu können. Sonst bereiteten sie sich ihre Speisen selbst in ihren Zellen und erhielten das hierzu Nöthige aus den Händen des Koches. Der Gebrauch von Butter, Öl und Fett fand gar nicht statt, das Weintrinken war dagegen nur an Fasttagen untersagt; dreimal in der Woche durften sie mit besonderer Erlaubniß des Priors, damit das Verdienst des Gehorsams noch dazu komme, bei Wasser und Brod fasten, an den Vigilien der acht Hauptfeste des Ordens aber mußten sie dieß thun. Die Fasten dauerten von Kreuzerhöhung bis Ostern, während welcher Zeit täglich nur einmal gegessen wurde, wogegen aber alle anderen strengen Übungen untersagt waren. An Capiteltagen durften sich die Mönche mit einander unterhalten, und ebenso war es ihnen gestattet, mit den Gästen zu verkehren, eine Begünstigung, die ihnen nachmals entzogen wurde. Zuweilen durften sie auch gemeinschaftlich arbeiten und innerhalb der Mönchsschranken spazieren gehen. Nachmals wurden die Nachtwachen eingeführt, indem die Mönche um Mitternacht zur Mette aufstehen mußten; am Morgen mußten sie dann der Conventualmesse und Nachmittags der Vesper und Complet anwohnen. Später durfte jeder Priester täglich das heilige Meßopfer darbringen. Die Kleidung war weniger noch als gering; ein stechendes Gewand verletzte den abgezehrten Körper, und die übrige Bedeckung bestand aus einem Tuchrock mit ledernem oder hänfenem Gürtel, Scapulier und Kapuze von weißer Farbe. Almosen zu erbitten war nicht gestattet. Der Prior wurde von den Mönchen eines jeden Klosters gewählt; denn diese mußten den Trefflichsten kennen. Ein Mönch und ein Laienbruder leiteten das Weltliche, und dieß war anfangs so gering, daß der Orden von allgemeinen geistlichen Steuern, z. B. zu den Kreuzzügen, befreit blieb; später wuchsen mit päpstlicher Erlaubniß die Besitzungen, deren Ertrag zu geistlichen Zwecken gewissenhaft verwendet wurde. Weniger als der Weichlichkeit widerstand man der Neigung zu hohen kirchlichen Würden; so wurde schon 1134 zum ersten Mal ein Karthäuser Cardinal, und 1237 beglich ein päpstlicher Gesandter, der Karthäuser und Bischof von Modena war, einen Streit zwischen dem deutschen Orden und dem Könige von Dänemark. Natürlich war bei einem solchen Wirkungskreis die päpstliche Dispens von gewissen Verpflichtungen des Ordens nöthig. – Im J. 1141 wurde das erste Generalcapitel zu Grenoble gehalten. Es erschienen auf demselben alle Vorsteher, und an ihrer Spitze stand der Prior der Hauptkarthause bei Grenoble. Sie waren zur Gesetzgebung für den ganzen Orden berechtigt und zu genauer Aufsicht über alle Klöster verpflichtet; in eiligen Dingen konnte der Prior der Hauptkarthause, nach Befragung der nächsten Vorsteher, oder auch ganz allein entscheiden. Schon 1164 erkannten fast alle Bischöfe die Exemtion der Karthäuser und ihre Unterwerfung unter das Generalcapitel an; letzteres durfte von den Vorstehern bei Berichten an den Papst nicht übergangen werden. Vergehungen gegen die Ordensregel wurden mit Ausstoßung bestraft. Leistete ein Vorsteher den Mahnungen nicht Folge, so durfte ihn der Prior der Hauptkarthause mit Zustimmung der Versammlung absetzen; dasselbe konnte indessen auch mit dem Prior der Hauptkarthause geschehen. Ohne Zustimmung des Generalcapitels konnte kein neues Kloster angelegt werden. Der Oberprior wurde aus den Mönchen und Vorstehern des ganzen Ordens gewählt. Im J. 1254 wurde den Mönchen der Hauptkarthause ihr Vorrecht, auf den Generalcapiteln mit den Prioren der übrigen Karthausen gleiches Stimmrecht auszuüben, abgenommen, und ein Jahr später ward festgesetzt, der Prior der Hauptkarthause bei Grenoble habe mit fünf Vorstehern sechs Wähler entweder aus den Mönchen des Mutterklosters oder aus den Vorstehern zu ernennen, die dann aus ihrer Mitte und den übrigen Mönchen acht Definitoren zu bestimmen hätten. Dieser Commission nun mit dem Prior der Hauptkarthause steht die gesetzgebende Gewalt zu, nur nicht gegen die Grundeinrichtung des Ordens. Die Mehrheit der Stimmen entscheidet; widerspricht aber der Oberprior, so wählt er, die Definitoren und Vorsteher der Karthause je einen Schiedsrichter, und der Spruch dieser drei Schiedsrichter hat entscheidende Geltung. Etwaige Milderung der Ordensstrenge gilt erst, wenn sie von drei Versammlungen nach einander bestätigt worden ist. Aufzunehmende hatten ein volles Probejahr zu erstehen. Wer in dieser Zeit für unfähig erkannt wurde, mußte früher in einen minder strengen Orden treten, durfte aber nach späteren Bestimmungen in die Welt zurückkehren. Die Laienbrüder lebten gemeinschaftlich; sie mußten Sorge tragen für die Bedürfnisse des Klosters, trieben Handwerke, bestellten den Feldbau, beaufsichtigten und leiteten die Viehzucht. Die Anzahl der Mönche eines jeden Klosters war von Guigo auf 14, die der Laienbrüder auf 16 festgesetzt. In der Folge mußte diese Anzahl je nach den Besitzungen der Karthausen erhöht werden. Ähnliches galt vom Viehstand. Außer den Laienbrüdern wurden zum Feldbau und zu Diensten außerhalb der Klosterbesitzungen Oblaten (Oblati, Redditi, Rendus) aufgenommen. Sie hielten ein Probejahr, thaten wie die Laienbrüder Profeß, folgten aber milderen Satzungen, so daß diejenigen, welche wegen schwächlicher Gesundheit die Aufnahme in den Orden nicht erlangen konnten, zu ihnen gesellt wurden. Papst Gregor IX. bestätigte 1232 diese Einrichtung.

Was nun die Geschichte dieses Ordens anlangt, so entstand schon 1193 eine Art Fraction desselben, die sich aber nie selbständig gestaltete. Einen Religiosen, Namens Guido, trieb nämlich die große Strenge zur Flucht aus dem Kloster Luvigny, und er erhielt hierauf von dem Herrn von Montcorne einen zur Gemüsepflanzung fruchtbaren Ort, wo der Anschluß mehrerer Gefährten die Gründung eines Hauses möglich machte. Die Brüder, welche nach ihrem ersten Wohnsitz den Namen Fratres caulitae, in Schottland de valle olerum erhielten, verpflichteten sich zu genauer Beobachtung der Regel des hl. Benedict, jedoch mit Beibehaltung einiger Satzungen und der Kleidung der Karthäuser. In der Folge verbreiteten sie sich auch nach Schottland, wo sie drei Häuser erhielten. Später sollen 30 Priorate von dem Stammkloster abgehangen haben.

Der Karthäuserorden erhielt bald kirchliche Bedeutung, und schon Papst Alexander III. errang durch seinen Einfluß in den meisten Ländern, sogar bei den Römern Anerkennung (Bolland., Junii V, 232). Der Orden verbreitete sich später auch glücklich und zählte schon 1360 über 200 Mönchs- und Nonnenklöster; sein Ruf erscholl aus dem Munde selbst strenger Richter, und nicht selten wurden seine Mönche zu Visitatoren der Klöster anderer Orden verwendet. Das päpstliche Schisma des 14. Jahrhunderts aber theilte auch diesen Orden, indem die italienischen Klöster Urban VI. und die französischen und spanischen Clemens VII. und deren Nachfolger anerkannten, und jede Partei unter einem eigenen General ihre Versammlungen hielt. Nach der Erwählung Gregors XII. vereinigten sie sich wieder unter Einem Haupte. Der ganze Orden war zu seiner Blütezeit in 16 Provinzen getheilt, von denen jede zwei von dem Generalcapitel erwählte Visitatoren hatte. Manche Karthausen gelangten zu dem Besitze großer Reichthümer und vieler Schätze der Kunst und Wissenschaft. Der Orden schenkte der Kirche eine Reihe von Heiligen, 4 Cardinäle, 70 Erzbischöfe und Bischöfe und viele treffliche Schriftsteller. In der französischen Revolution wurde die große Karthause bei Grenoble zerstört; die Denkmäler der Cardinäle und Päpste sind dabei verschwunden, die Bücher zerstreut und die Gemälde verloren gegangen. Indeß wurde sie 1816 wieder von einigen Religiosen bezogen, und allmälig erhoben sich auch neue Abteien, Notre-Dame du Gard (Diöcese Amiens), Portes und Sélignac (Diöcese Belley), Notre-Dame de Mougères (Diöcese Montpellier), Bosserville (Diöcese Nancy), Valbonne (Diöcese Nîmes), Vauclaire (Diöcese Périgueux), Glandier (Tulle). Da neuerdings ihr Besitzstand in Frankreich bedroht wurde, siedelte der Orden 1883 nach Cowfeld (Sussex) in England über. Die schweizer Abteien Ittingen im Thurgau und Part-Dieu in Freiburg fielen der Revolution 1848 zum Opfer. Die italienischen Abteien, von denen besonders die große Certosa di San Casciano bei Florenz, die Certosa bei Pisa, die Certosa Santa Maria degli Angeli in Rom berühmt waren, wurden durch die Piemontesen ihrer Besitzungen beraubt. – Es gab auch Karthäuserinnen, die sich bald über fünf Klöster ausbreiteten. An ihrer weitern Verbreitung hinderte sie das Verbot eines Generalcapitels der Mönche (1368), für sie neue Klöster zu errichten. Die Zeit ihrer Stiftung läßt sich nicht genau ermitteln; indeß scheint ihr Ursprung bis auf Guigo, den fünften Prior der Karthause, hinaufzureichen. Sie folgten, wenigstens später, denselben Satzungen wie die Mönche, nur mit dem Unterschiede, daß sie gemeinschaftlich speisten. Die Klosterfrauen wurden Diaconissen genannt, und ihre Einweihung geschah durch den Bischof mit Überreichung der Stola, des Manipulums und eines schwarzen Schleiers; indeß trugen sie diese Auszeichnung nur am Tage ihrer Einweihung und an ihrem Jubiläumsfeste. In Frankreich entstand 1821 ein Haus zu Beauregard in der Diöcese Grenoble.

Literatur. Chronicon Carthusiense Petri Dorlandi cum notis Theod. Petrei, Col. 1608; Miraeus (Lemire), Bibliotheca Carthusiana, s. illustr. Carth. Ordinis scriptorum catalogus, Col. 1609; J. Corbin, Hist. sacrée de l’Ordre des Chartreux, Par. 1653; C. J. Morstius, Theatrum chronol. Ordinis Carth., Taurini 1681; Annales O. Carth., Coreriae 1687. 1703; Arn. Raisse, Origines Carthusiarum Belgii, Duaci 1632; Dubois, La grande Chartreuse, Grenoble 1846.

[Fehr.]


Zurück zur Startseite.