Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Keuschheit (ἁγνεία, castitas) ist eine zur Cardinaltugend der Mäßigkeit, durch welche das Begehren irdischen Glückes nach der Ordnung der Vernunft und des göttlichen Willens geregelt wird (S. Th. 2, 2, q. 141, a. 2), gehörige Tugendspecies (pars subjectiva temperantiae). Zumeist bedarf solcher Regelung der Sinnengenuß, und die Mäßigkeit im engern Sinne (als specielle Tugend) bezeichnet daher auch die Tugend, durch welche die rechte Ordnung des sinnlichen Genusses gewahrt wird (temperantia qua specialis virtus est solum circa concupiscentias et delectationes, S. Th. l. c. a. 3–5). Sie äußert sich als Enthaltsamkeit (abstinentia) und Nüchternheit (sobrietas) (qq. 146 u. 149), d. h. als rechte Ordnung im Genusse dessen, was zur Erhaltung des Lebens dient, der Speise und des Trankes, – und als Keuschheit (castitas), d. h. als rechte Ordnung in Befriedigung des Geschlechtstriebes, welcher zur Fortpflanzung und Erhaltung des menschlichen Geschlechtes dient (ib. q. 151). Beide Tugenden sind specifisch von einander verschieden (a. 3). Die Keuschheit als allgemein nothwendige Tugend besteht darin, daß von der freien Seelenthätigkeit (Gedanken und Begehren) und vom ganzen äußern freien Thun alles ferngehalten wird, was Gott in Ansehung des Geschlechtsgenusses verboten hat. Weil Gott den Gebrauch der Zeugungsfähigkeit nur in der rechtmäßigen Ehe erlaubt und die dadurch erzielte Fortpflanzung des menschlichen Geschlechtes zum primären Zweck der Ehe gesetzt hat, so ist mit der Keuschheit im ehelosen Leben jede Art von Geschlechtsgemeinschaft und jedes freie Begehren danach, im Ehestande aber jede Geschlechtsgemeinschaft mit anderen Personen als dem Gatten, und jedes freie Begehren danach, und mit dem Gatten jeder geschlechtliche Verkehr, welcher nach der Natur des Actes weder mittelbar noch unmittelbar dem Zwecke der Ehe dienen kann, unvereinbar. Aus dem nämlichen Grunde steht jede Art von Sünde gegen die Keuschheit im Widerspruche mit der heiligen Ordnung der Ehe. Daher faßt das göttliche Verbot alle zusammen mit dem einen Worte »Du sollst nicht ehebrechen«. Die Keuschheit der Unverheirateten muß Jungfräulichkeit sein, – die der Verheirateten ist Heilighaltung der von Gott als Urheber der Natur gesetzten und von Gott als Urheber der Gnade geheiligten Ordnung zur Vermittlung des Lebens an Kinder. Nur wenn die Ehegatten von dieser Keuschheitspflicht in ihren gegenseitigen Beziehungen geleitet sind, bleiben sie frei von der Herrschaft niederer Leidenschaften, nur dann beruht ihre Liebe auf sittlichen Motiven, und nur dann bleibt ihre Ehe eine Quelle reinen, gesunden, kraftvollen Lebens des Leibes und der Seele. Übung des an sich erlaubten ehelichen Lebens nur um der sinnlichen Befriedigung willen ist niemals erlaubt, sondern wäre jedenfalls wenigstens läßliche Sünde.

Begleiterin der Keuschheit, ohne welche sie nicht Bestand haben kann, ist die Schamhaftigkeit (pudicitia), d. h. diejenige Tugend, welche von den eigenen Sinnen sowohl als von denen anderer Personen alles ferne hält, was zur Verletzung der Keuschheit anlocken könnte. Tugendhafte Anlagen, welche die Übung der Mäßigkeit überhaupt und der Keuschheit insbesonders erleichtern, und hinwieder durch diese bestärkt werden, sind Ehrbarkeit (verecundia), d. i. Scheu vor allem, was irgendwie ungeziemend ist, und Zartsinn (honestas), feines Gefühl für alles, was schicklich und rein ist ( S. Th. 2, 2, qq. 144 sq.). Die vorzüglichste Tugend (virtus potentialis) der Mäßigkeit und Keuschheit, welche zu ihrer vollkommenen Übung führt, ist die Selbstbeherrschung (continentia). Insoferne sie sich im Kampfe gegen die Leidenschaft zu behaupten hat, welche noch nicht vollkommen niedergekämpft ist, ist sie erst eine Vorstufe der Mäßigkeit und Keuschheit und steht diesen im Range nach (l. c. q. 155). Die höchste Vollendung der Keuschheit ist der freiwillige, aus wahrem Tugendmotive geleistete Verzicht auf alle und jede geschlechtliche Befriedigung nach Leib und Seele, die Tugend der Jungfräulichkeit (s. d. Art.). Ihr eignet eine besondere übernatürliche Kraft und Opferfreudigkeit, weil sie den stärksten Naturtrieb besiegt hat, und eine engelgleiche Schönheit, weil sie Leib und Seele von jeder Befleckung durch Sinnlichkeit frei erhält. Damit ist durch sie zugleich das hauptsächlichste Hinderniß für den Verkehr der Seele mit Gott und die Vereinigung mit ihm entfernt (1 Cor. 7, 32 ff.). – Die Tugend der Keuschheit wird vom göttlichen Worte hoch gepriesen. Dieß geschieht schon im Alten Bunde (Weish. 4, 1 f. Eccli. 26, 20), noch mehr aber im Neuen. Der göttliche Heiland zählt sie unter jene Bethätigungen des christlichen Tugendlebens, welche zumeist der Seligkeit würdig machen (Matth. 5, 8). Die heiligen Apostel bezeichnen sie als besondere Wirkung (1 Thess. 4, 8) und Frucht des heiligen Geistes (Gal. 5, 23); als ein hauptsächliches Kennzeichen des christlich evangelischen Lebens (1 Thess. 4, 3 ff. Röm. 6, 12 ff. Gal. 5, 16 ff. 2 Cor. 7, 1. 1 Petr. 2, 11. 2 Tim. 2, 22). Dem entsprechend sind auch alle Schriften der heiligen Väter und Lehrer der Kirche und der Heiligen voll des Lobes über die »Engeltugend«. Gleichwohl steht sie an innerem Werthe denjenigen Tugenden nach, deren Object unmittelbare Vereinigung mit Gott (theologische Tugend) oder unmittelbare Weihung des Geschöpfes an Gott (Religion), oder Hinopferung der höheren Güter des Lebens (Martyrium) und des eigenen Willens (Gehorsamsgelübde) (vgl. S. Th. 2, 2, q. 152, a. 5) ist.

Das der Keuschheit entgegengesetzte Laster, die Unkeuschheit (luxuria), ist der gerade Gegensatz zu dem oben erklärten Tugendcharakter derselben. Es ist in allen seinen Äußerungen direct oder indirect Angriff auf die heilige Ehe. Es ist Entweihung und Schändung des vom dreieinigen Gotte zu hoher Würde erhobenen Menschen. Der Leib des Unkeuschen steht nicht mehr, wie der göttliche Schöpfer es will, im Dienste des Geistes, und wird nicht mehr dadurch selbst erhöht und vergeistigt (1 Cor. 6, 13), sondern die Seele wird Sklavin der schnöden Lust und dadurch der Materie, dem unvernünftigen Wesen ähnlich (Ps. 48, 13. Gen. 6, 3). Der Unreine hat keinen Sinn mehr für die dem Menschen durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes zu Theil gewordene Würde und seine Einverleibung in ihn durch die Annahme an Kindes Statt von Seiten Gottes (1 Cor. 6, 15). Das Werk des heiligen Geistes, welcher durch die Rechtfertigung Leib und Seele des Menschen zu seinem Tempel geweiht und geheiligt hat, wird zerstört (1 Cor. 6, 19 ff.). Ist auch jede Sünde der dem Kinde Gottes eigenen Heiligkeit entgegen, so kann doch keine so wie die Unkeuschheit die Person des Menschen entehren, weil sie diese selbst zu ihrem Gegenstande macht (1 Cor. 6, 18). Die Sünden der Unkeuschheit haben daher auch schon ihrer Natur nach die traurigsten Folgen für den Einzelnen und damit für die Familie. Der hl. Thomas (2, 2, q. 153, a. 5) führt als solche auf: geistige Blindheit (caecitas mentis), Blödigkeit und Stumpfsinn für alle Wahrheit, besonders für die religiösen Wahrheiten (1 Cor. 2, 14), Unbeständigkeit (inconsideratio, inconstantia), insofern dem Geiste des Unreinen das Gepräge der Schwäche aufgedrückt ist; ferner von Seiten des Willens: Haß Gottes, Anhänglichkeit an das Irdische, Scheu vor dem Ewigen (odium Dei, affectus praesentis saeculi et horor futuri); er hegt Gleichgültigkeit, Widerwillen, Haß gegen alles, was ihn hindern will, die schnöde Lust zu genießen. Indem diese Sünden derartige Schwächung des Geistes und Überwucht der Leidenschaft bewirken, weden sie schnell zur Gewohnheit. Dann verliert der Glaube seinen Einfluß auf die Seele, ja er wird von ihr als lästige Schranke abgeworfen; die Gnade wird verachtet, die heiligen Sacramente werden vernachlässigt oder sacrilegisch behandelt. Unbußfertigkeit bis zum Tode, Verzweiflung, Selbstmord sind häufig das Ende eines unkeuschen Lebens. Für den Leib hat die Ausschweifung die Schwächung des Nervensystems, Zerrüttung des Organismus zur Folge und führt langsame Zerstörung des Lebens herbei. Was wird aus der Familie, wenn Väter und Mütter vor der Ehe sich in Gottesentfremdung durch Unkeuschheit zu derartigen Schwächlingen an Leib und Seele gemacht haben? Was wird aus der Gesellschaft, wenn Sittenlosigkeit in weite Kreise eingedrungen ist? Zur Zerstörung des leiblichen, geistigen, übernatürlichen und socialen Lebens führt die Unkeuschheit (Spr. 5, 2 ff. Job 31, 1 ff.; 34, 26 ff. Eccli. 19, 2 f.). Tod ist auch die Strafe, welche die göttliche Gerechtigkeit über dieses Laster verhängt in der Sintflut (Gen. 7), im Untergange der Pentapolis (Gen. 19), im plötzlichen Tode Onans (Gen. 38, 9. 10). Todesstrafe spricht das mosaische Gesetz aus über die Verbrechen der Unzucht (Lev. 18, 29; 20, 10–18; 21, 9. Deut. 22, 20–25; 27, 20–23). In der Ewigkeit erwartet der Tod höllischer Unseligkeit unter allen Sünden in erster Linie den Unreinen (1 Cor. 6, 9. Gal. 5, 19 ff. 2 Petr. 2, 9 ff.).

Nach katholischer Lehre gehören die Sünden gegen die Tugend der Reinheit unter die peccata mortalia ex genere suo toto; ihr Object ist nie der Art, daß es nach dem Ausdrucke der Schule parvitas materiae bilden könnte. Leibes- und Seelenthätigkeit sind bei jedem vollkommen freien, auf sexuelle Befriedigung in irgend einer Weise gerichteten Act so an einander gebunden, daß die ganze Seelenkraft im Sinnengenusse absorbirt und ungetheilt ihm hingegeben wird (Matth. 5, 28). Läßliche Sünde gegen die Keuschheit ist nur möglich, insolange es an voller Einwilligung oder an genügender Zurechenbarkeit fehlt (Prop. 40 damn. ab Alexandro VII). Häretische Behauptung ist es, die Geschlechtsgemeinschaft sei nie Sünde, weil sie nur der Neigung der Natur entspreche (verurtheilt von Clemens V. auf dem Concil von Vienne 1312; c. 3, Clem. De haer. 5, 3); ebenso die Lehre, es gebe einen Zustand christlicher Vollkommenheit, in welchem dem Leibe Alles zu gestatten sei, weil die Seele vollkommen mir Gott geeeinigt sei und unstörbarer Ruhe in ihm genieße (so einige aftermystische Secten des Mittelalters; die jansenistische Mystik [Quietismus] Propp. M. de Molinos 17. 41–43, 47–52 ab Innoc. XI damn.). Dagegen ist es auch ein jansenistischer Irrthum, daß selbst die an sich ganz unfreien Regungen der Begierlichkeit den Sünden beizuzählen seien. Specifisch werden die Sünden der Unkeuschheit unterschieden vor Allem in ihrem Gegensatze gegen die drei Güter der Ehe: proles (Mißbrauch des Geschlechtes in einer Weise, die ganz und gar den natürlichen Zweck der Ehe, die Zeugung, ausschließt; widernatürliche Sünden); – fides (Geschlechtsgemeinschaft unter Einhaltung der Ordnung der Natur, aber in einer auf unsittlichen Motiven beruhenden Verbindung der Personen); – sacramentum (Versündigung unter Verletzung der aus der sacramentalen, unauflöslichen ehelichen Verbindung hervorgehenden gegenseitigen Treuepflicht). 1. Widernatürliche Sünden begreifen unter sich, von der geringern zur größern Sündhaftigkeit aufsteigend, die Specien: mollities sive pollutio sive onania (für sich allein – unter Mitwirkung einer Person desselben Geschlechtes – verschiedenen Geschlechtes ohne Concubitus – verschiedenen Geschlechtes durch copula naturalis, sed prohibendo generationem prolis); sodomia (imperfecta sive copula cum persona diversi sexus non servato vase naturali oder perfecta sive copula cum persona ejusdem sexus); bestialitas (copula cum creatura irrationali). – Dieser ganzen Klasse von unreinen Sünden eignen zumeist die oben aufgeführten Eigenschaften und Folgen unreiner Sünden (c. 12 ad 14, C. XXXII, q. 7). Sie bilden den äußersten Gegensatz gegen die Ehe, deren Zweck sie gänzlich vereiteln, ziehen die menschliche Person in die tiefste Entwürdigung herab und erzeugen als Folge der Entnervung in ihr Widerwillen gegen jede heilige eheliche Verbindung und Unfähigkeit hierfür. Als totale Verkehrung der Ordnung fordern sie den Schöpfer zur Strafe heraus (S. Th. 2, 2, q. 154, a. 12) und gehören daher unter die gegen den Himmel schreienden Sünden (Gen. 37, 2; 18, 20 ff.; vgl. 19, 13. Lev. 20, 13). Nach dem hl. Paulus (Röm. 1, 21–32) sind sie die äußerste Grenze von Erniedrigung des von Gott abgefallenen und sich selbst vergöttlichenden Menschengeistes. Die alten Bußcanones verhängen über die Sünden gegen die Natur die strengsten Strafen (Eus. Amort, Theol. eclect., App. ad tract. de poenit.). Die Behauptung, die Selbstbefleckung sei nicht naturrechtlich, sondern nur durch positiv göttliches Gesetz verboten, ist von Innocenz XI. 1679 verworfen (Prop. 49). 2. Sünden intra naturam (außereheliche, nicht widernatürliche Geschlechtsgemeinschaft). Unter diese Klasse gehören die Sünden: fornicatio, incestus, sacrilegium. Auch die Sünden dieser Klasse sind gegen das Naturgesetz und nicht etwa bloß gegen das positiv göttliche Verbot (Prop. 48 damn. ab Innoc. XI), und sehr schwer (Röm. 1, 29. 1 Cor. 5, 9 ff.; 6, 9. Eph. 5, 3. 5. Hebr. 13, 4. Off. 21, 8). Die in der sündhaften Verbindung erzeugten Kinder sind immer mehr oder weniger gefährdet am Leibe (häufig Abortus und Mord) und an der Seele (ererbte böse Neigungen, mangelhafte Erziehung, oft gänzliche Verwahrlosung), an der Ehre und dem socialen Wohle. Es concurrirt sodann bei diesen Sünden immer Schuld des einen und Mitschuld des andern Theils. Die Complicen sind endlich verantwortlich für alle den beiderseitigen Familien zugehenden Nachtheile und alles gegebene Ärgerniß. Eine besondere Steigerung von Schuld nehmen die Sünden dieser Klasse an, wenn die Gelegenheit zu denselben freiwillig zu einer immerwährenden gemacht und beibehalten wird im Concubinat. (Kirchliche Strafen dagegen s. Trid. Sess. XXIV, De ref. matrim. cap. 8.) 3. Ehebruch. Unter diese Klasse gehören a. alle unreinen Sünden einer verheirateten Person mit einer ihr nicht angetrauten; ist auch diese verheiratet, so ist die Sünde doppelter Ehebruch (c. 4, C. XXXII, q. 4). Beide Theile tragen außer ihrer eigenen Schuld und Mitschuld an der Sünde des Andern die Verantwortung für alle Nachtheile, welche dritten Personen und namentlich dem schwer gekränkten Gatten und seiner Familie aus der Sünde erwachsen. b. Alle widernatürlichen Acte der Ehegatten für sich allein und unter einander. Auch diesen ist der Charaker der Entweihung des Sacraments der Ehe eigen, welches die Gatten an sich tragen, und sie sind weit schwerer, als die gleichen Sünden nicht verheirateter Personen, von welchen sie auch der Species nach verschieden sind (c. 11, C. XXXII, q. 7). Der Ehebruch unter Christen ist eine Art Sacrileg, weil ein Attentat gegen den durch das heilige Sacrament der Ehe unauflöslich gewordenen Bund der Gatten, – der Bruch eines heiligen, vor Gott und der Kirche feierlich erklärten Gelöbnisses, – die größte Ungerechtigkeit gegen den andern Gatten (1 Cor. 7, 2–4; vgl. Eccli. 23, 25 ff.; Spr. 6, 30 ff.; Num. 5, 12–31). 4. Schwere Sünde der Unkeuschheit ist aber auch alles, was entweder der Absicht des Handelnden nach oder gemäß der Natur des Actes, vorausgesetzt, daß er freiwillig und ohne rechtfertigenden Grund gesetzt wird, eine zur geschlechtlichen Befriedigung drängende Erregung in sich selbst oder in Anderen hervorruft. Dahin gehören innere Sünden, wie freiwillige Gedanken und Vorstellungen, frei genährtes Wohlgefallen daran, freiwillig geweckte Begierde, demgemäß zu handeln; dann das Reden, Lesen, Hören von Dingen, welche unreine Lust zu wecken geeignet sind, wenn die Gefahr der Einwilligung in die erweckte Lust vorhanden ist (Eph. 5, 3–12). Sie können auch schwere Sünde werden durch großes damit gegebenes Ärgerniß. Ferner äußeres Benehmen und Handeln, das die böse Lust reizt, als Blicke (Matth. 5, 28), Berührungen, Küsse und Umarmungen, welche zufolge ihrer Natur oder absichtlicher längerer Andauer oder der besondern Leidenschaftlichkeit starken Reiz üben. – Die Sünden aller aufgeführten Specien obiger vier Klassen von Unkeuschheit nehmen noch eine weitere specifisch von der Unkeuschheit als solcher verschiedene Sündhaftigket an, wenn sie begangen werden von Personen, welche durch das Gelübde der Reinheit oder durch heilige Weihen Gott geweiht sind, oder wenn sie solche Personen zum Gegenstande haben (Gottesraub, sacrilegium); ferner wenn sie zum Gegenstande haben eine innerhalb der ersten vier Grade verwandte Person. Ist sie im ersten Grade der geraden Linie blutsverwandt (Eltern und Kinder), so bildet dieß eine besondere Species von Blutschande. Ist sie geistlich verwandt, so ist die Sünde gleichfalls eine eigene Species von Incest; – wenn die Sünde herbeigeführt wurde durch Anwendung stricter Ungerechtigkeit welcher Art nur immer unmittelbar gegen die zur Sünde verführte Person, wie durch physische Vergewaltigung oder schwere Bedrohung (stuprum), oder durch Lüge, Betrug, moralischen Zwang, dem schwer zu widerstehen war, Mißbrauch der Auctorität.

Im Hinblicke auf die Macht des Naturtriebes zu geschlechtlicher Befriedigung ist es eines Jeden Pflicht, durch die geeigneten Mittel sich gegen dieselbe zu schützen. Das erste und nothwendigste Mittel ist, jede Vorstellung des Unreinen der Phantasie und dem Gedankenkreise ferne zu halten, sowie alles und jedes, was eine solche hervorzurufen vermag. Man darf sich nicht einmal lange mit Erforschung des Gewissens über das Verhalten bei vorher gehabten Versuchungen aufhalten, weil diese dadurch leicht wieder herbeigerufen werden könnten. Ebenso wenig darf man aus Furcht viel an Versuchungen denken, weil sie dadurch leicht herbeigeführt werden. Dieser Feind wird nur besiegt durch die Flucht, durch möglichste Abwendung der Sinne und der Gedanken und Einbildungen von den unreinen Vorstellungen (S. Greg. Nyss. De fug. fornicat.: Quando jacit telum forma meretricia, honestum est tergum vertere et adversum vultum fugere). Daher das zweite Mittel: Flucht jeder Gelegenheit, durch welche unreine Begierlichkeit angeregt wird; solche sind namentlich: a. unbewachte Blicke auf Personen des andern Geschlechtes (Eccli. 42, 12 f.; 23, 4; 9, 1–13. Job 31, 1. 2); b. Freiheit in Unterredung und Umgang mit denselben (2 Sam. 11, 2 ff. Gen. 34, 2. Dan. 13, 8 ff. 1 Petr. 3, 3. 1 Tim. 2, 9); Ambros. Expos. in ps. 118, serm. 16, n. 3; Chrys. Hom. in. Matth. 17, n. 2; August. Ep. 211, n. 10; Enarr. in ps. 50; Greg. Mor. 21, 2); c. seiner Natur nach allgemein verderblicher Verkehr mit dem andern Geschlechte in Tänzen (Ambros. De virgg. 3, 5, n. 25; Chrysost. Hom. 48 in Matth., n. 2 sq.) und Liebesverhältnissen (Spr. 7, 5); d. Beschauen unreiner Bilder, Lectüre sinnlicher literarischer Darstellungen (Clem. Alex. Coh. ad gentes c. 4; Chrys. Exp. in ps. 113, n. 4; August. Confess. 1, 16), Theilnahme an Theatern, welche zur Sinnlichkeit reizen, oder Anwohnung bei denselben (Tertull., De spect. c. 10. 13). In Ansehung aller dieser Dinge darf man nicht der Praxis der Welt und der verkehrten sogen. öffentlichen Meinung huldigen, sondern nur dem Grundsatze Christi: Si oculus tuus dexter scandalizat te, erue eum et projice abs te. Das dritte Mittel ist Flucht des Müßiggangs. Die immerwährende Erfahrung bestätigt die Regel des hl. Hieronymus (Ep. 125 ad Rust., n. 11: Facito aliquod operis, ut te semper diabolus inveniat occupatum; vgl. Epp. 22 ad Eustoch.). Er bekennt darin, daß ihn der rege auf Studium der Sprachen verwendete Fleiß am wirksamsten gegen die unreinen Versuchungen geschützt habe. Das vierte ist Nüchternheit und Mäßigkeit (Röm. 13, 14. Eph. 5, 18. Luc. 21, 34. Jer. 5, 7; Tertull. De jejun. c. 1; Hieron. Adv. Jovin. 2, 8; Greg. M. Reg. past. P. 3, adm. 20). Das fünfte ist Demuth und Selbstverläugnung; wer zuerst das eigene Ich besiegt hat und zu beherrschen versteht, wird auch das Fleisch besiegen. Keuschheit und Demuth, sowie die auf der Demuth zumeist beruhenden Tugenden Gebetseifer und Glaube, stehen in innigster Verbindung (S. Greg. Mor. 21, 3). In der Regel geht dem Abfall vom Glauben Unsittlichkeit vorher. Ubi incipit quis luxuriari, incipiet deviare a vera fide (S. Ambr. Ep. ad Labien.). Häufig aber ist auch Unkeuschheit die Strafe des Stolzes und des Unglaubens (Röm. 1, 26; S. Greg. Mor. 32, 14). Das sechste Mittel ist beharrliche Übung der Abtödtung und Selbstbeherrschung auch in kleinen Dingen. Es wird daraus die nöthige Kraft gewonnen, auch in schweren Kämpfen zu siegen (1 Cor. 9, 25 ff. Ez. 16, 49). Das siebente ist Gebet (Weish. 8, 21; Orig. Comm. in Matth. 19, 11; Chrysost. De virgin. c. 36; August. Conf. 6, 11; 20, 30; Serm. 343; n. 4) und häufiger würdiger Empfang der heiligen Sacramente der Buße und des Altars (Catech. Rom. P. 3, c. 7, q. 4–7). (Vgl. Summa Theol. S. Thomae 2, 2, q. 151–156; Lehmkuhl, Theol. Mor. P. 1, div. 3, tr. 3; Äg. Jais, Das Wichtigste für Eltern, Schullehrer und Aufseher der Jugend, besonders für Seelsorger, 5. Aufl., München 1833; J. Zwerger, Die schönste Tugend und das häßlichste Laster, Graz 1876; Bossuet, Sermon sur l’amour des plaisirs; Debreyne, Essai sur la théologie morale, 2e partie, chap. 1–2, und Précis de physiologie humaine, Bruxelles 1848; Hufeland, Makrobiotik, 8. Aufl. Berlin 1860; C. Kappellmann, Pastoralmedicin, 6. Aufl. Aachen 1887; J. R. Schmitz, Die Moralität der Bekanntschaften, beleuchtet vom Charakter der Ehe, Crefeld 1855; J. P. Vatter; Die Bekanntschaften, eine Pest der Jugend, Würzburg 1846.)

[Pruner.]


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