Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Kirche bedeutet im heutigen Sprachgebrauch 1. das zur Abhaltung des Gottesdienstes bestimmte Gebäude, metonymisch auch den Gottesdienst selbst; 2. die in diesem Gebäude versammelte religiöse Gemeinde; 3. die Gesammtheit der mit Jesus Christus zu Einer Gnadenanstalt vereinigten Christenheit. In dieser dreifachen Bedeutung entspricht das Wort vollkommen dem lateinischen ecclesia, das aus der griechischen Bibel in die Vulgata und in die Kirchensprache herübergenommen worden ist. Das griechische ἐκκλησία ist ursprünglich profaner Bedeutung und steht als Bezeichnung einer Versammlung nach allgemeinem Sinne in der Septuaginta z. B. Ps. 25, 5. Eccli. 26, 5, wie im Neuen Testament Apg. 19, 32. 1 Cor. 14, 19. Das nämliche Wort aber brauchen die alexandrinichen Übersetzer regelmäßig auch für das hebräische קָהָל in der Anwendung auf die jüdische Gemeinde als religiöse Einrichtung, z. B. Deut 23, 1 ff., neben dem gewöhnlichen συναγωγή. Das Neue Testament hat dann den letztern Ausdruck (abgesehen von dem wohlberechtigten Gebrauch bei Jac. 2, 2) auf die jüdische Gemeinde oder Gemeindeversammlung beschränkt und nennt jede Gemeinde von Christen ausschließlich ἐκκλησία, z. B. Philem. 2. Offenb. 2, 1. Diese Unterscheidung ist in dem griechischen wie in dem lateinischen Sprachgebrauch der Christen allgemein beibehalten worden. Schon die späteren griechischen Übersetzer der heiligen Schrift brauchen aber den fraglichen Ausdruck auch für den Ort der religiösen Versammlung (Field, Orig. Hexapla 2 Sam. 5, 8; Holmes et Parsons ib.), und ihnen folgt darin der hl. Paulus (1 Cor. 11, 18. 22). Dieß ist eine nicht fernliegende Metonymie, wird aber vom hl. Augustinus ausdrücklich erklärt: Ecclesia dicitur locus, quo Ecclesia congregatur (Quaestt. super Levit. 3, 57). Das nämliche Wort dient nun auch nach dem Bilde, das der Heiland Matth. 16, 18 anwendet, zur Bezeichnung des dritten mit dem Wort Kirche verbundenen Begriffes, nämlich der großen christlichen Heilsanstalt, welche durch das steinerne Gotteshaus symbolisirt wird. Dieß geschieht wieder in Anknüpfung an den biblischen Sprachgebrauch (Eph. 5, 23 ff.) z. B. bei Cyrill von Jerusalem (Cat. 18, 26). Schon Origenes macht aufmerksam, daß in diesem Worte außer der Berufung durch Jesum Christum zugleich die Freiwilligkeit des Eintritts bezeichnet sei, wie sie sich für Menschen gezieme, während συναγωγή die zwangsweise Vereinigung von Thieren bedeute; ähnlich will auch der hl. Augustinus, vermuthlich mit Beziehung auf Offenb. 2, 9; 3, 9, in dem Unterschied der beiden Bezeichnungen die Verschiedenheit der unter dem Gesetz der Freiheit stehenden Christengemeinschaft von der unter der Knechtschaft des Gesetzes befindlichen Judengemeinde erkennen (vgl. Cat. Rom. 1, 10, 3). Nach dieser dreifachen Bedeutung nun ist das Wort ecclesia in sämmtliche romanische Sprachen und weiter übergegangen. Dagegen werden die drei vereinigten Bedeutungen in den slavischen wie in den germanischen Sprachen durch eine Umformung aus dem griechischen κυριακόν ausgedrückt. Diese vom Adjectiv κυριακός »dem Herrn gehörig« (1 Cor. 11, 20. Offenb. 1, 10) herstammende Form, für welche seit dem 11. Jahrhundert auch κυριακή gebraucht wird, bezeichnet seit dem 4. Jahrhundert das christliche Gotteshaus. In diesem Sinne erscheint das Wort, das im Can. 15 der Synode zu Ancyra 314 noch zweifelhafter Bedeutung ist, unbestritten im Canon 13 der Synode zu Neocäsarea (zwischen 314 und 325), sowie in Eusebius’ Kirchengeschichte (H. E. 9, 10, 12). Wenn nun im 28. Canon der Synode zu Laodicea (zwischen 343 und 383) verordnet ist, daß die Agapen nicht in den κυριακοῖς ἢ ἐκκλησίαις gehalten werden sollen, so läßt sich danach vermuthen, daß κυριακόν, umgekehrt wie ecclesia, auch auf die einzelne christliche Gemeinde übertragen worden ist. Dagegen ist im Griechischen die Verschiebung der Bedeutung zum Begriff der einen christlichen Kirche nicht wahrzunehmen. Diese Erweiterung des Sinnes haben erst die germanischen und die slavischen Völker vollzogen; denn nur diese haben, wie oben gesagt, das griechische Wort in ihre Sprachen aufgenommen. Eine solche Einbürgerung läßt sich bei den Slaven leicht erklären, weil sie die christlichen Begriffe nur durch griechische oder durch deutsche Glaubensboten in verhältnißmäßig später Zeit kennen gelernt haben. Daß aber die Germanen, welche durch lateinische Missionare das Christenthum erhielten, das Wort für die christliche Heilsanstalt direct, ohne den Umweg durch das Lateinische, aus dem Griechischen herübergenommen haben, ist ein bis jetzt ungelöstes Räthsel. Schon Walafrid Strabo hat die auffallende Thatsache durch die Annahme zu erklären gesucht, daß die arianischen Goten das Wort aus dem Griechischen erhalten und den übrigen Stämmen mitgetheilt hätten (De rerum eccles. exord. et increm. 7). Allein in der gotischen Bibelübersetzung, die doch arianischen Ursprungs ist, steht in der erstgenannten Bedeutung nur gudhûs (Joh. 18, 20) oder alh (Marc. 11, 11); für die beiden anderen Bedeutungen hat Ufila gar kein Wort gebildet, sondern aíkklêsjô beibehalten. Man könnte denken, das Wort sei aus Gallien über die keltischen Länder hinüber, aus denen die Glaubensboten der Germanen stammten, in’s Deutsche gekommen; allein auch die Sprachen, welche hierbei in Betracht kommen, kennen nur ecclesia, breton. ilis, irisch eaglis, schottisch eaglais. Sonach bleibt nicht übrig, als die Thatsache einfach als unerklärlich anzuerkennen. Bei seinem ersten Auftreten im Deutschen zur Zeit des 9. Jahrhunderts hat das Wort in der Form chiricha (aus dem Plural κυρίακα mit Genuswechsel gebildet, wie biblia aus βιβλία) schon die dritte der angegebenen Bedeutungen und bezeichnet die sichtbare Heilsanstalt Jesu Christi (Taufgelübde in Wackernagels Lesebuch I, 22). Vermuthlich liegt auch hier das Bild des aufgebauten Gotteshauses zu Grunde (Schmeller, [altfränk.] Evang. Matth. 16, 18 mina kirichun); denn sonst steht für den fraglichen Begriff ladhunc, gelathing, christenheit, samanunc (Maßmann, Die deutschen Abschwörungs- etc. Formeln vom 8. bis zum 12. Jahrhundert, Quedlinb. 1839, 71–79, altfr. Matth. 18, 17). Alle diese Ausdrücke sind seit dem Anfang des 2. Jahrtausends aus dem Deutschen verdrängt, und das eine Wort kirche oder kilche umschließt die sämmtlichen in Rede stehenden Bedeutungen. Von diesen kommt hier nur der zweifache Begriff von Gemeinde zur Sprache; über den Begriff in concretem Sinn s. d. Artt. Basilika, Baustil.

I. Die Lehre von der Kirche. 1. Begriff der Kirche. Jesus selbst hat zuerst im Anschlusse an die Bußpredigt des Täufers die Nähe des Himmelreiches, des Reiches Gottes verkündigt. Es war dieß das von den Propheten verheißene messianische Reich, in welchem die bußfertigen Sünder, die zur Kindeseinfalt und Demuth zurückgeführten und wiedergeborenen Jünger, unter dem vom Himmel herabgestiegenen Messias und menschgewordenen Gottessohne zu einer durch das Band des Glaubens und der Liebe befestigten Gemeinschaft vereinigt, sich der himmlischen Gaben des Erlösers erfreuen und für das wahre Himmelreich in der Hoffnung auf die Wiederkunft des Menschensohnes vorbereiten sollten. Bald zeigte sich aber die Unmöglichkeit, unter den damaligen Juden die Idee des Himmelreiches allseitig zu verwirklichen. Die Anfeindungen und Verfolgungen, welche Jesus selbst zu erdulden hatte und für seine Jünger voraussah und vorausverkündigte, veranlaßten ihn, bereits in den Gleichnissen vom Himmelreich die durch die menschliche Unvollkommenheit und Bosheit drohenden Hindernisse anzudeuten. Als aber seine Predigt zu einer Krisis unter den Juden und unter den Jüngern führte, und es sich klar herausstellte, daß das jüdische Volk in seiner großen Mehrzahl das Himmelreich von sich weise, da sprach Jesus zum ersten Male ausdrücklich von der Kirche, welche er an die Stelle der jüdischen Synagoge setzen werde. Von den Evangelisten berichtet nur Matthäus hierüber, 16, 18 und 18, 17. Beide Stellen setzen den Begriff von ecclesia voraus, um ihre Bedeutung, Macht und Organisation im Unterschied zur Synagoge hervorzuheben. Dieser Begriff konnte, abgesehen von der Einrichtung des Alten Bundes, aus dem entnommen werden, was Jesus vorher über das Himmelreich und über die Berufung, Aussendung und Bestimmung der Apostel gesagt hatte. Denn hatte Jesus Gläubige um sich gesammelt, die Apostel zu Menschenfischern berufen, sie mit der Wundergabe ausgerüstet, zur Verkündigung des Evangeliums ausgesandt und in die Geheimnisse des Himmeleiches eingeführt, so konnte er unter seiner Kirche, welche er auf den Felsen Petri zu bauen versprach, nur ein geistiges Gebäude verstehen, in welchem ähnlich, wie die Juden in der Theokratie als Volk Gottes vereinigt waren, alle Gläubigen, Jünger und Apostel durch den sichtbaren Felsen unter sich und mit dem unsichtbaren Herrn und Christus verbunden werden sollten. Die zweite Stelle läßt noch deutlicher erkennen, daß diese Gemeinschaft von einer privaten Vereinigung zu unterscheiden und aus der Menge der Gläubigen und den mit besonderer Gewalt ausgestatteten Aposteln zusammengesetzt ist. Die anderen Evangelisten gebrauchen den Ausdruck nicht, weil sie, für heidenchristliche Leser schreibend, weniger die Organisation der neuen Gemeinde hervorheben wollten. Was sie aber von dem Reiche Gottes, von den Aposteln und von der Sendung des heiligen Geistes berichten, weist unzweifelhaft auf die nach dem Tode des Herrn zu gründende Kirche hin, auch wenn man von der allegorischen Deutung des ungenähten Rockes und der Öffnung der Seite Jesu absieht. In der Apostelgeschichte und in den Briefen müssen wir daher die genaueren Angaben über den Begriff der Kirche suchen. Das Wort wird hier sowohl von den Einzelkirchen als von der Gesammtkirche gebraucht. Indem noch Apg. 19, 32. 39. 40 an die gewöhnliche Bedeutung des Wortes erinnert wird, zeigt sich klar, wie der Begriff auf Grund des alttestamentlichen Vorbildes zuerst in den Einzelkirchen realisirt, allmälig mit dem Evangelium selbst weiter ausgedehnt und zuletzt zu einem alle Einzelkirchen zusammenfassenden Allgemeinbegriff wurde. So lange die Gläubigen in Jerusalem die ganze Christenheit bildeten, waren sie »die Kirche«. Als sich aber von dieser Mutterkirche aus das Christenthum weiter verbreitete, Tochterkirchen aus ihr hervorwuchsen, aber mit der Mutterkirche verbunden blieben, mußte man zwischen der Kirche und den Kirchen unterscheiden. So wird 9, 31 von der Kirche berichtet, daß sie in ganz Judäa und Galiläa und Samaria Frieden hatte.

Der Apostel Paulus hat den Begriff der Kirche nicht erst aufgebracht, sondern hat ihn bereits vorgefunden. Denn was die Apostelgeschichte über ihn berichtet, daß er gegen die Kirche gewüthet habe (8, 3), gesteht er selbst von sich mit bitterem Schmerze (1 Cor. 15, 9. Gal. 1, 13). Dagegen hat er, wie alle wichtigen Lehren des Glaubens, so auch die Lehre von der Kirche durch seine tiefsinnigen Speculationen in ihrer ganzen Tragweite erfaßt und dargestellt. Nach seiner innern und äußern Seite, nach dem religiös-sittlichen Gehalt wie nach seiner Bedeutung für äußere Gemeinschaft hat er den Begriff zur vollen Ausbildung gebracht. Er nennt die Einzelkirchen (Röm. 16, 4. 1 Cor. 4, 17; 6, 4; 7, 17. 2 Cor. 8, 1. 18. 19; 11, 28. Gal. 1, 22. Col. 4, 16) und die Kirchen in den einzelnen Häusern (Röm. 16, 5. 1 Cor. 16, 19. Col. 4, 15. Philem. 2), in welchen sich die Gläubigen zur gemeinsamen Feier versammelten (1 Cor. 11, 16. 22), aber ebenso die Kirche überhaupt (Gal. 1, 13. 1 Cor. 15, 9. 1 Tim. 3, 5. 15) als Kirche Gottes und Kirche Christi (Eph. 1, 22; 5, 25. 27. 32. Apg. 20, 28). Sie ist als solche die Säule und Grundfeste der Wahrheit, eine ideale, geistige, aber eine wirkliche Größe, ein wahres Haus Gottes unter den Menschen. Zwei Bilder sind es namentlich, durch welcher der Apostel das Wesen der Kirche anschaulich zu machen sucht, das Bild von einem Gebäude und das von einem Organismus. Beide verbinden in treffender Weise das äußere und das innere, das sichtbare und das unsichtbare Moment des Begriffes und lassen in dem sichtbaren Leib die belebende Seele erkennen. Das eine Bild ist bei Matthäus, das andere bei Johannes vom Herrn selbst vorbereitet. Jesus hat verheißen, er wolle seine Kirche auf den Felsen Petri bauen und die Schlüssel des Himmelreiches Petrus als dem Verwalter des Hauses übergeben. Er verweist die Juden (21, 42) an die Psalmstelle (117, 22): »Der Stein, welchen die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden; vom Herrn ist dieß geschehen, und es ist wunderbar in unsern Augen.« Deßhalb wird das Haus Gottes, das messianische Reich, von den Juden weggenommen und zu den Heiden gebracht. Diese Voraussetzungen im Alten Testament und in den Verheißungen des Herrn verwendet der Apostel zu einem bis in’s Einzelne ausgeführten Bilde von dem Gebäude der Kirche, zunächst in Anwendung auf die Einzelkirche zu Corinth. Er selbst hat als ein weiser Baumeister nach der Gnade, die ihm verliehen worden ist, den Grundstein Jesus Christus gelegt. Einen andern Grundstein als den, der da liegt, Jesus Christus, kann aber niemand legen. Auf diesen Grundstein hat er die Kirche aufgebaut aus edlen Metallen und kostbaren Steinen (1 Cor. 3, 10 ff.), so daß die Christen ein Tempel Gottes sind und der heilige Geist in ihnen wohnt. Sie sind nicht mehr Fremdlinge und Beisassen, sondern mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes, auferbaut auf dem Grund der Apostel und Propheten, während Jesus Christus der Eckstein ist, durch welchen der ganze Bau zusammengefügt ist und zu einem heiligen Tempel im Herrn, zur Wohnung Gottes im Geiste erwächst (Eph. 2, 19 bis 22). Gott wohnt und wandelt unter ihnen; er ist ihr Gott und sie sind sein Volk (2 Cor. 6, 16). Durch die Gegenwart Gottes, die Einwohnung des heiligen Geistes erhält der Tempel eine unsichtbare Kraft, eine unerschütterliche Grundlage, während die vom Geiste erfüllten Gläubigen die sichtbaren Steine des geistigen Gebäudes sind. Diesen Gedanken führt der hl. Petrus noch weiter aus, indem er die innige Verbindung zwischen dem von den Bauleuten verworfenen Eckstein und den lebendigen Steinen, welche aus den Gläubigen darauf gebaut werden, hervorhebt und das geistige Haus, die heilige Priesterschaft mit hellen Farben schildert (1 Petr. 2, 4–10). Indem die Gläubigen zu diesem lebendigen Gebäude aufgebaut werden, dienen sie zur Auferbauung der Kirche (1 Cor. 14, 12) und (nach dem zweiten oben genannten Bilde) zur Auferbauung des Leibes Christi (Eph. 4, 12). Dieser Leib empfängt sein Leben von dem auferstandenen und verklärten Christus, welcher das Haupt der Kirche ist. Wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, aber alle einzelnen Glieder Einen Leib bilden, so ist es auch mit dem Leibe Christi. Denn durch Einen Geist sind wir alle zu Einem Leibe getauft worden, Juden oder Griechen, Knechte oder Freie, und sind Alle mit Einem Geiste getränkt worden. Und die Einen hat Gott gesetzt in der Kirche zu Aposteln, zu Propheten, zu Lehrern. Sind etwa Alle Apostel? Alle Propheten? Alle Lehrer? (1 Cor. 12, 12–31. Röm. 12, 5.) Christus ist das Haupt des Leibes, der Kirche, der da ist der Anfang, der Erstgeborene von den Todten, auf daß er in Allem den ersten Platz habe (Col. 1, 18; 3, 15). Ihn hat der Vater über Alles der Kirche als Haupt gegeben, welche ist sein Leib, die Fülle dessen, der Alles in Allen erfüllt (Eph. 1, 22. 23). Das Ziel dieses Leibes ist der vollkommene Mann (4, 13), zu welchem die Glieder herangereift sind, wenn sie der ganzen Fülle Christi theilhaftig geworden sind. Wie der Leib anfänglich klein und schwach ist, aber bereits die Anlage zum ganzen, vollkommenen Mann hat, so ist auch die Kirche ein kleiner Organismus; aber sie besitzt in ihrem Haupte die Kraft, Alles an sich zu ziehen, sich über die ganze Erde auszudehnen, sich innerlich und äußerlich zu entwickeln und so dem Vollalter entgegenzureifen.

Im Alten Testament wird der Bund zwischen Jehova und seinem Volke als eine Ehe dargestellt. Im Neuen Testament erscheint der Herr selbst als Bräutigam, um sich eine Braut zuzubereiten (Matth. 9, 15; 25, 1 ff. Joh. 3, 29. Offenb. 19, 7. 8; 21, 9–11). Der Apostel benutzt dieses Bild, um die Verbindung Christi mit der Kirche nach den Analogie der Verbindung zwischen Adam und Eva zu erklären: »Der Mann ist das Haupt des Weibes, wie auch Christus das Haupt der Kirche und der Erlöser des Leibes. Wie die Kirche Christo unterthan ist, so seien es auch die Frauen den Männern in allen Stücken. Die Männer sollen die Frauen lieben, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich für sie dargebracht hat, damit er sie heilige, nachdem er sie gereinigt durch das Wasserbad mit dem Worte, damit er für sich die Kirche herrlich darstelle, ohne Flecken und Runzeln oder etwas dergleichen, auf daß sie heilig sei und ohne Fehl … Denn niemand hat noch sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern jeder hegt und pflegt es, wie auch Christus die Kirche, weil wir Glieder seines Leibes sind. Dieses Geheimniß ist groß, ich sage es aber mit Bezug auf Christus und die Kirche« (Eph. 5. 23–32). Wie man auch das »Geheimniß« erklären mag, unzweifelhaft wird die Verbindung zwischen Adam und Eva das Vorbild für die innige, lebendige Vereinigung Christi mit seiner Braut, der Kirche. In dem Grundgeheimniß der Menschwerdung wurde diese Vereinigung hergestellt. Indem sich aber der Gottmensch mit der Kirche verbindet und sie reinigt und heiligt, setzt er die Menschwerdung, die Verbindung Gottes mit den Menschen in geheimnißvoller Weise fort. Hat er nicht eine individuelle, sondern die allgemeine menschliche Natur, gleichsam ein compendium generis humani angenommen, so hat er ganz besonders den Leib der Kirche mit sich verbunden, um dadurch das Werk der Menschwerdung für die ganze Menschheit fruchtbar zu machen. Er hat ja die Gläubigen auserwählt vor der Grundlegung der Welt, auf daß sie heilig und untadelhaft seien vor ihm in Liebe (Eph. 1, 4. 5), gemäß dem Rathschlusse, den er sich vorsetzte, in ihm für Anordnung der Erfüllung der Zeiten, unter ein Haupt zu fassen (zu erneuern) alles in Christus, was im Himmel und auf Erden ist (1, 10).

Alle diese Bilder sind weit über rhetorische Schilderungen erhaben; sie setzen Realitäten voraus, welche einerseits dem wirklichen Leben und der Geschichte angehören, andererseits aber ihren tiefsten Grund und Halt in dem Gebiete des Übernatürlichen haben. Deßhalb ist die Lehre von der Kirche wie die Lehre von der Erlösung und Gnade ein Moment der übernatürlichen Heilsordnung (Cat. Rom. 1, 10, 18 sq.; Vatic. Sess. IV prooem.). Aber es folgt aus diesen Bildern, daß die dadurch versinnbildete Kirche ein doppeltes Element, ein sichtbares und ein unsichtbares, eine menschliches und ein göttliches einschließt. Sichtbar ist das Gebäude der Kirche, auf dem sichtbaren Felsen Petri gegründet, wie eine Stadt auf dem Berge von allen Seiten zu sehen; sichtbar ist die Vereinigung der Gläubigen, der Jünger und Apostel zu dem einen Leib, wie Christus einst selbst sichtbar auf Erden gewandelt und gestorben ist. Unsichtbar ist das Fundament des Hauses, welches Christus ist; unsichtbar das Haupt, welches der verklärte Christus zur Rechten des Vaters ist; unsichtbar die göttliche Kraft, welche der Seele gleich diesen Leib belebt und stärkt. Wie aber die Seele aus ihren Wirkungen im Leibe erkennbar ist, so läßt sich auch aus den wunderbaren Wirkungen am Leibe der Kirche der sie belebende göttliche Geist erkennen. Wie Jesus in der menschlichen Natur die Werke der göttlichen Natur vollbrachte, so mußte seine heilige Menschheit zum Mittel werden, den Menschen die Gaben der Gottheit zu verleihen. In der Kirche setzt sich dieses Werk fort, in ihr wird das prophetische, hohepriesterliche und königliche Amt des Gottmenschen fortgesetzt, in ihr hat sich Gott das Organ geschaffen, um durch das lebendige Wort auf die Seele des Mesnchen einzuwirken.

Diesen Grundlagen entspricht die Ausführung in der apostolischen Kirche. Zwar hielten die Apostel den Zusammenhang mit dem Tempel noch aufrecht, doch begannen sie bereits die Vorbereitungen für die gänzliche Loslösung und für die Ausbildung der neuen Gemeinde. Alle Gläubigen waren durch den Glauben und die Liebe untereinander verbunden und fühlten sich als Glieder eines neuen Reiches. »Sie verharrten in der apostolischen Lehre und in der Gemeinschaft« (Apg. 2, 42). Sie hatten ihre eigenen Versammlungen zum Gebet und Brodbrechen (1, 14; 2, 1. 46; 4, 31; 12, 12), zur Feier der Geheimnisse (1 Cor. 11, 20 ff.; 14, 19. 34. 35). Der Kelch der Segnung ist für die Gemeinschaft des Blutes Christi, das Brod, welches gebrochen wird, die Gemeinschaft des Leibes Christi. Die Erneuerung des Kreuzesopfers unter den Gestalten von Brod und Wein wird zugleich das Mittel zur äußern Vereinigung der Gläubigen an demselben Ort und zur innern Verbindung mit dem verklärten Christus. Wie die Theilnahme am Götzenopfermahl als ein Bekenntniß des Glaubens und als eine Theilnahme am Mahle der Götter gilt, so wird die gemeinsame Feier der Eucharistie zu einer Tischgemeinschaft der Gläubigen und zu einer wirklichen Gemeinschaft mit dem Fleische und Blute Christi. Die Gläubigen werden ganz dem Leibe Christi einverleibt, dem Leibe der Kirche, in welcher Christus als das Haupt fortlebt und sein Fleisch zur Nahrung anbietet. Christus lebt aber in der Kirche auch durch den heiligen Geist fort, den er den Aposteln und Gläubigen vom Himmel gesandt hat, durch welchen Alle wiedergeboren werden. Unter sichtbaren Zeichen kam der Geist des Vaters und des Sohnes, der Geist Gottes und Christi, auf die in Jerusalem versammelte Gemeinde herab, um dieselbe mit seinen unsichtbaren Kräften zu erfüllen. Die sichtbare Wirkung dieses Geistes war die Glossolalie und die Predigt des hl. Petrus, sowie die Bekehrung der 3000 Zuhörer, welche sich der Gemeinde anschlossen. Wiederholt offenbarte sich der heilige Geist in der jungen Kirche durch ähnliche wunderbare Zeichen (Apg. 4, 31; 5, 3. 9; 6, 5; 7, 55; 8, 15; 10, 44–46). Der heilige Geist war es, welcher unter dem Gebete und dem Fasten der Gläubigen die Organe der Kirche auswählte und in ihrer Thätigkeit leitete (13, 1–3; 15, 28 u. a.). Namentlich in Corinth war der Apostel Zeuge der verschiedenen Charismen des heiligen Geistes, wie der innern Heiligung des Tempels Gottes, in welchem der heilige Geist wohnte. So verschieden aber auch die Zeichen, Wirkungen, Ämter sein mochten, es war derselbe Geist, derselbe Herr, derselbe Gott, welcher Alles in Allem wirkte (1 Cor. 12, 4–11). Alle bildeten Einen Leib und Einen Geist, wie auch Alle berufen wurden zu Einer Hoffnung (Eph. 4, 4–7). Diese sichtbare, auf Christus beruhende, vom heiligen Geiste durchwehte und geleitete Organisation hat sich für den Bestand der Kirche als nothwendig und nützlich herausgestellt. Wie hätte das Werk der Apostel bestehen können, wenn es nicht innerlich durch Christus und seinen Geist befestigt, äußerlich durch den engen Zusammenhang aller Gemeinden unter sich und mit der Urgemeinde verbunden gewesen wäre? Deßhalb trafen die Apostel Anordnungen im Namen des Herrn, des Geistes, der ihnen zu Theil geworden war, und trafen sie in allen Gemeinden gleich, um dadurch die äußere Übereinstimmung und die Zusammengehörigkeit zu fördern. Wie im Glauben und in den Sacramenten, so sollte auch im Gottesdienst und im ganzen religiösen Leben eine Gleichförmigkeit hergestellt werden. Den Zusammenhang mit der Kirche in Jerusalem pflegte Paulus sowohl dadurch, daß er selbst von Zeit zu Zeit dorthin wallfahrtete, als auch durch Betreibung der Collecte für die Armen in Jerusalem, für welche er sich Petrus verpflichtet hatte (Gal. 1, 18; 2, 10).

Demnach läßt sich folgende Definition der Kirche aufstellen: Die Kirche ist die von Christus auf dem Felsen Petrus und dem Fundamente der Apostel und Propheten gegründete sichtbare Gemeinschaft der Gläubigen, welche, durch die Wiedergeburt in der Taufe mit dem Haupte Christus zu Einem Leibe verbunden, denselben Glauben bekennen, dieselben Gnadenmittel gebrauchen und dieselben Gesetze befolgen, um unter Leitung des heiligen Geistes das Reich Gottes auf Erden darzustellen und das ewige Leben zu verdienen. Die Kirche hat keine Definition gegeben, doch hat sie negative und positive Bestimmungen über die Zusammensetzung der Kirche aufgestellt, welche den Begriff erkennen lassen. Negativ hat sie eine Grenze gezogen, indem sie die Lehre der Novatianer, Donatisten, Pelagianer, Waldenser u. A., daß nur die Gerechten oder Sündenlosen zur Kirche gehören (vgl. Denzinger, Enchir. 370. 1287–1293. 1378; Trid. Sess. VI, c. 28), sowie die Lehre Wiclifs, Hus’, Calvins und einzelnder Jansenisten, daß nur die Prädestinirten die Kirche bilden, verurtheilte (522. 524. 526. 528. 1287). Damit war zugleich die Lehre der Reformatoren von der unsichtbaren Kirche, welche aus den Gläubigen, Heiligen auf der ganzen Welt bestehe, die Gemeinschaft der Heiligen darstelle, eine Gemeinschaft des Glaubens und des heiligen Geistes in den Herzen sei, als einseitig zurückgewiesen. Denn nehmen sie auch einzelne äußere Merkmale an, oder betonen sie, wie Calvin, selbst die Nothwendigkeit einer sichtbaren Kirche im Unterschiede zu der unsichtbaren Kirche der Berufenen, so führt der Mangel einer von Gott eingesetzten Hierarchie und das Schriftprincip doch immer wieder zu der Consequenz einer unsichtbaren Kirche. Positiv spricht sich der römische Katechismus darüber aus. Ausgehend von der allgemeinen Bedeutung des Wortes ecclesia = Berufung (evocatio), Versammlung (concilium) und versammeltes Volk (concio), gibt er zunächst nach Apg. 19, 39. Ps. 25, 5 die Worterklärung, führt aber fort: »Nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch der heiligen Schrift wurde dieses Wort zur Bezeichnung des christlichen Gemeinwesens und der Versammlungen der Gläubigen gebraucht, derjenigen nämlich, welche zum Lichte der Wahrheit und zu der Kenntniß Gottes durch den Glauben berufen worden sind, so daß sie der Finsterniß der Unwissenheit und der Irrthümer verlassen haben und den wahren und lebendigen Gott fromm und heilig verehren und ihm aus ganzem Herzen dienen«; oder die Kirche ist nach Augustinus »das über den ganzen Erdkreis zerstreute gläubige Volk« (1, 10, 2). Indem er die streitende und die triumphirende Kirche unterscheidet, bezeichnet er jene als die »Gemeinschaft aller Gläubigen, welche noch auf Erden leben« (6), und unterscheidet in ihr zwei Klassen, die Guten und Bösen, je nachdem sie neben dem Bekenntniß des Glaubens und dem Gebrauch der Sacramente sich im sittlichen Leben bethätigen. Die Guten sind nicht bloß äußerlich, sondern auch innerlich »durch den Geist der Gnade und das Band der Liebe unter sich vereinigt und verbunden«. Ähnlich bemerkt das Vaticanum (S. IV prooem.): Pastor aeternus et episcopus animarum nostrarum, ut salutiferum redemptionis opus perenne redderet, sanctam Ecclesiam aedificare decrevit, in qua veluti in domo Dei viventis fideles omnes unius fidei et charitatis vinculo continerentur. – Die Theologen betonen in ihren Definitionen bald mehr das äußere, alle Gläubigen umfassende Bekenntniß, bald mehr die innere Gemeinschaft, den Leib oder die Seele der Kirche; alle finden aber die Verbindung beider nothwendig für das Leben der Kirche. Als Beispiel der ersteren gelte Bellarmin: »Unsere Meinung ist, die eine und wahre Kirche sei eine Vereinigung von Menschen, durch dasselbe Bekenntniß des christlichen Glaubens und die Gemeinschaft derselben Sacramente verbunden, unter der Leitung der gesetzmäßigen Hirten und besonders de einen Stellvertreters auf Erden« (De eccles. milit. T. II, l. 3, c. 2). Das innere Moment kommt besser zur Geltung, wenn nach dem Vorgang des Apostels mit den Vätern (Ignatius, Cyprian, Athanasius u. A.) an die organische Verbindung zwischen Christus und der Kirche, an das Fortleben des Gottmenschen, die Fortwirkung des Erlösungswerkes angeknüpft wird. Deßhalb hat die Definition Mählers verschiedentlich Anklang gefunden: »Unter der Kirche auf Erden verstehen die Katholiken die von Christus gestiftete, sichtbare Gemeinschaft aller Gläubigen, in welcher die von ihm während seines irdischen Lebens zur Entsündigung und Heiligung der Menschheit entwickelten Thätigkeiten unter der Leitung seines Geistes bis zum Weltende vermittelst eines von ihm angeordneten, ununterbrochen währenden Apostolates fortgesetzt und alle Völker im Verlaufe der Zeiten zu Gott zurückgeführt werden.« Die sichtbare Kirche ist der unter den Menschen in menschlicher Form fortwährend erscheinende, stets sich erneuernde, ewig sich verjüngende Sohn Gottes, die andauernde Fleischwerdung desselben (Symbolik § 36, 6. Aufl., S. 331 f.).

2. Ursprung der Kirche. Wie die ganze übernatürliche Offenbarung ein Werk Gottes ist, so muß auch die »Kirche Gottes« ein Werk desselben sein. Indem Gott seinen Sohn auf die Erde herabsandte, um die Menschen von ihren Sünden durch sein Blut zu erlösen, hat er ihm alle Macht im Himmel und auf Erden übertragen. Weil aber der Gottmensch die Erde wieder verlassen mußte und die Seinigen nicht als Waisen zurücklassen wollte, so übertrug er seine Gewalt auf die Apostel, verhieß und sandte den heiligen Geist und versprach, seine Kirche auf Petrus zu bauen, also die Kirche Gottes zur Fortsetzung seines Werkes zu gründen. Was er versprochen, hat Jesus auch ausgeführt. Er hat die Kirche durch sein eigenes Blut erworben (Apg. 20, 28), sich für dieselbe dahingegeben, um sie zu reinigen (Eph. 5, 25), und in der Sendung des heiligen Geistes seine Stiftung besiegelt. Die Kirche ist also eine von Gott durch Christus begründete übernatürliche Heilsanstalt. Die menschliche Natur in Christus war die werkzeugliche Ursache wie der Erlösung, so der Fortsetzung oder Auswirkung derselben in der Kirche, während die Apostel als die von Gott gesetzten Organe oder die secundären Ursachen erscheinen. Diese, aus dem Begriff und Wesen der Kirche folgende, in der heiligen Schrift unzweideutig gelehrte göttliche Stiftung der Kirche wird auch vom Vaticanum formell gelehrt: Ut autem officio veram fidem amplectendi, in eaque constanter perseverandi satisfacere possemus, Deus per Filium suum unigenitum Ecclesiam instituit, suaeque institutionis manifestis notis instruxit, ut ea tamquam custos et magistra verbi revelati ab omnibus posset agnosci (Sess. III, c. 3; vgl. Sess. IV prooem.).

Hieraus folgt, daß das Wesen und die Rechte der Kirche als einer übernatürlichen Stiftung nur nach göttlicher Anordnung zu bestimmen sind. »Da dieser Artikel (über die Kirche) nicht weniger als die anderen die Fähigkeit und Kräfte unseres Verstandes übersteigt, so bekennen wir mit vollem Recht, daß wir die Entstehung, die Gaben und die Würde der Kirche nicht mit der menschlichen Vernunft, sondern mit den Augen des Glaubens betrachten« (Cat. Rom. 1, 10, 18). Ist also die Kirche nicht auf »menschliche Vernunft und Klugheit« gesetzt, wie der Staat, sondern »durch Gottes Weisheit und Rath festgestellt« (1, 10, 3), so ist sie auch in ihrem übernatürlichen Gebiete nur durch ihren Stifter und Herrn geleitet, aber auch verpflichtet, dasjenige anzuordnen und zu vollziehen, was ihr durch den Herrn aufgetragen worden ist. Deshalb wurde von der Kirche jederzeit die Einmischung der weltlichen Macht in das innerkirchliche Leben als der Anordnung Gottes widerstreitend zurückgewiesen (Syll. prop. 19. 20; Denzinger 1567. 1568).

3. Zweck und Aufgabe. Als eine göttliche Stiftung übernatürlichen Charakters kann die Kirche den nächsten und unmittelbaren Zweck nur auf dem Gebiete des Übernatürlichen finden. Die Aufgabe der Kirche wird am kürzesten als Fortsetzung des dreifachen Amtes Christi bezeichnet, wobei nur zu bemerken ist, daß die Fortsetzung des Erlösungswerkdes zu diesem selbst sich etwa verhält wie die Erhaltung und Regierung der Welt zu der Schöpfung derselben. Ist Christus Mensch geworden, um die Wahrheit zu verkünden, die Menschen von der Sünde zu erlösen und zu heiligen und die Seinigen als guter Hirte zu leiten und zu weihen, so ist die Kirche die Heilsanstalt für alle Menschen, indem sie die von Christus geoffenbarte Wahrheit rein und unverfälscht überliefert und verkündigt, die von Christus verdienten Gnaden allen Menschen spendet und die Gebote Christi handhabt, um die Gläubigen sicher auf dem Weg zum ewigen Leben zu leiten. Der Herr hat den Aposteln das Hirtenamt übertragen, indem er ihnen befahl, allen Völkern zu predigen und sie zu taufen und zu lehren, daß sie alles halten, was er ihnen geboten (Matth. 28, 18 ff.; vgl. 10, 26. 27); das hohepriesterliche Amt, indem er sie am letzten Abendmahle aufforderte, das zu seinem Andenken zu thun, was er gethan (Luc. 22, 19), und ihnen die Vollmacht ertheilte, die Sünden nachzulassen und zu behalten (Joh. 20, 23); das königliche Amt, indem er ihnen dieselbe Macht übertrug, welche er vom Vater erhalten hatte, nämlich daß alles, was sie auf Erden binden oder lösen würden, auch im Himmel gebunden oder gelöst sein würde (Matth. 18, 18). Der Gehorsam gegen die Apostel ist ein Gehorsam gegen Jesus selbst. Wir erfahren denn auch aus der Apostelgeschichte, daß die Apostel das Wort Gottes verkündigten, die Sacramente spendeten und die Kirche leiteten. Der Apostel Paulus kennt nicht nur keinen andern Grund als Christus, sondern er weiß auch nichts als Christus und diesen als den Gekreuzigten. Er und seine Mitapostel und Gehilfen sind Verwalter der Geheimnisse Gottes (1 Cor. 4, 1).

Diese Aufgabe der Kirche als einer göttlichen Heilsanstalt erstreckt sich aber auf alle Menschen. Die Kirche muß wenigstens, so weit es ihr möglich ist, allen Menschen die Wahrheit und Gnade anbieten. Denn es ist kein anderer Name den Menschen unter dem Himmel gegeben, durch welchen sie selig werden können, außer dem Namen Jesu (Apg. 4, 12); das Wort der Versöhnung ist aber den Aposteln, der Kirche übertragen. Selbst rückwärts läßt sich die Wirkung der göttlichen Stiftung verfolgen; denn wie Augustinus bemerkt, ist die Kirche deutlicher von den Propheten vorausverkündet als der Messias selbst. Alle diejenigen, welche seit der ersten Verheißung eines Erlösers in der Hoffnung auf die künftige Heiligung nach der Gerechtigkeit strebten, sind bereits der Gnaden theilhaftig geworden, welche am Kreuze verdient worden sind. Auch die Gerechten des Alten Bundes waren Glieder der in der Synagoge vorgebildeten Kirche des Messias. Selbst mit dem Grabe hört die Aufgabe der Kirche nicht ganz auf. Denn wenn durch ihre Vermittlung die Seelen der Heiligen und Gerechten der ewigen Seligkeit theilhaftig geworden sind und mit Christus herrschen, so bilden sie die triumphirende Kirche, welche an dem Wohl und Wehe der streitenden Kirche theilnimmt, an der Bekehrung des Sünders eine Freude hat und durch ihre Fürbitte beim Throne des Allmächtigen die Mitglieder der Kirche in ihrem Streben nach dem Himmel zu fördern sucht. »Die Kirche hier ist unvollkommen,« sagt der hl. Augustinus, »und schließt auch Böse in sich, die zukünftige hat keine solchen; wie sie jetzt sterblich ist, da sie aus sterblichen Menschen besteht, dann aber unsterblich, weil dann in ihr keiner mehr stirbt. Aber dieß sind nicht zwei Kirchen, so wenig es zwei Christus sind, weil er zuerst gestorben ist, nachher aber nimmer sterben wird« (Brevic coll. 3, 9, 16. 10, 20; Migne XLIII, 632). Man darf deßhalb nicht annehmen, daß es zwei Kirchen gibt, sondern beide, die streitende und die triumphirende, sind Theile derselben Kirche, von denen der eine voranging und schon das himmlische Vaterland besitzt, der andere von Tag zu Tag nachfolgt, bis er einst, »mit unserem Erlöser vereinigt, in der ewigen Seligkeit ruht« (Cat. Rom. 1, 10, 5). Weil aber selbst die Gerechten nicht von jeder Makel frei sind, und nichts Unreines in den Himmel eingehen kann, so erstreckt sich die Gemeinschaft der Heiligen (communio sanctorum) auch auf diejenigen Abgeschiedenen, welche zwar als lebendige Gleider des Leibes Christi aus dem Leben geschieden sind, aber noch »wie durch Feuer« (1 Cor. 3, 15) gereinigt werden müssen. Zufolge der Gemeinschaft der Heiligen vertraut die Kirche, daß ihr Opfer und ihre Fürbitte auch diesen Seelen im Fegfeuer bei Gott angerechnet werden, auf daß sie bald von den ihnen anhaftenden Schlacken der Sünde gereinigt in den Kreis der triumphirenden Kirche aufgenommen zu werden verdienen (vgl. d. Art. Fegfeuer).

Als die von Christus eingesetzte Heilsanstalt ist aber die Kirche ebenso die einzige Vermittlerin des Heiles, wie Jesus Christus der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist. Extra ecclesiam nulla salus, die Kirche ist alleinseligmachen. Beschränkt das Alte Testamten das Heil auf die Glieder des auserwählten Volkes, so hat es doch für das messianische Reich den Zutritt aller Nationen und völker zum Berge Sion, zum heiligen Jerusalem offen gehalten. Der Neue Bund ist universal nach Zeit und Raum, aber die in ihm gegründete Kirche ist für Alle die unumgängliche Bedingung für die wirkliche Erlangung des Heiles. Nur wer die Stimme des guten Hirten hört und ihr folgt, gehört zu seiner Heerde; nur wer durch die rechte Thüre in den Schafstall eintritt, ist der wahre Hirt und kein Dieb oder Räuber. Wer aber die Apostel hört, der hört Christus; wer sie verachtet, der verachtet Christus; wer die Kirche nicht hört, ist wie ein Heide und öffentlicher Sünder. Wie soll der durch den Namen Jesu selig werden, welcher gegen seine Anordnungen ungehorsam ist? Der Glaube, die Taufe, die Eucharistie, alle Gnadenmittel werden den Einzelnen durch die Kirche vermittelt; die Liebe in der Erfüllung der göttlichen Gebote ist nur in der Gemeinschaft mit der Kirche, welche als die Braut Jesu geheiligt, gereinigt und auf’s Engste mit Christus verbunden ist, eine vollkommene. Die Kirche muß also alleinseligmachend sein, weil sie, von Christus gestiftet, vom heiligen Geiste geleitet, gegen alle Angriffe der Hölle geschützt, die Predigt der geoffenbarten Wahrheit und die Spendung der göttlichen Gnadenmittel verwaltet, die Heiligung der Gläubigen objectiv und subjectiv vermittelt. Der Herr selbst hat den Mitgliedern seines Reiches das Himmelreich versprochen, hat die Apostel aus der Welt als kleine Heerde auserwählt und sie getröstet mit der Belohnung im Himmel, weil der Vater ihnen nach seinem Wohlgefallen das Reich verliehen hatte (Luc. 12, 32), das Reich, welches nicht von dieser Welt ist, seine Mitglieder aus dieser Welt hinwegnimmt, um sie dem Himmel zuzuführen. Das Erbe der Apostel hat aber die Kirche angetreten; ihr hat der Vater das Reich verliehen. Die in ihr vereinigten auserwählten Gottes sind die »Heiligen«, die zum ewigen Leben berufen sind. Sie bilden ein »auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaar, einen heiligen Stamm, ein Volk des Eigenthums«. Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet; wer sich von der kirchlichen Einheit trennt, ist vom Weinstock abgeschnitten und verdorrt. »Einen häretischen Menschen meide nach einer Zurechtweisung, wissend, daß ein solcher verkehrt ist und von sich selbst verurtheilt« (Tit. 3, 10. 11). Deßhalb haben schon die apostolischen Väter (Ignatius, Clemens) vor der Trennung von der Heerde vom Bischofe gewarnt. Theophilus, Irenäus, Tertullian schreiben nur der Kirche die Vollmacht zu, die Wahrheit unverfälscht zu verkünden und die Gnaden zu spenden. Haec enim est vitae introitus; omnes autem reliqui fures sunt et latrones (Iren. Adv. Haer. 3, 4, 1). Nach dem Vorgange des hl. Petrus, welcher die Arche Noe’s als Typus der Taufe darstellt (1 Petr. 3, 20 f.), betrachten die Väter die Arche als ein Vorbild der Kirche. Wie zur Zeit der Flut nur die wenigen Gerechten, welche in der Arche Aufnahme fanden, gerettet wurden, so werden auch nur diejenigen, welche sich in das Schiff der Kirche flüchten, vor den Wogen des feindlichen Meeres geschützt und in den Hafen des ewigen Heiles geführt werden. Extra ecclesiam nulla salus, hat der hl. Cyprian zum Schibboleth der katholischen Kirche erhoben und im Ketzertaufstreite sogar gegen Papst Stephanus einseitig aufgefaßt. Der hl. Augustinus vertheidigte diesen Satz mit Nachdruck gegen die Donatisten. Gegen diese hat auch eine numidische Synode (Aug. Ep. 141, 5) den Satz aufgestellt: »Wer von dieser katholischen Kirche getrennt ist, wird, so löblich er leben mag, schon durch das Verbrechen allein, daß er von der Kirche geschieden ist, nicht das Leben haben, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm.« Ebenso lehrt das athanasianische Glaubensbekenntnis: »Wer immer selig werden will, der muß vor Allem den katholischen Glauben festhalten. Wer diesen nicht ganz und unversehrt bewahrt, der wird ohne Zweifel in Ewigkeit verloren gehen.« Das vierte Lateranconcil (1215) lehrt in seinem Glaubensbekenntniß: Una est fidelium universalis Ecclesia, extra quam nullus omnino salvatur. Innocenz III. schrieb den Waldensern den Glaubensartikel vor: Corde credimus et ore confitemur unam Ecclesiam non haereticorum, sed sanctam Romanam, catholicam et apostolicam, extra quam neminem salvari credimus. Dasselbe lehren Eugen IV., das Tridentinum (S. V prooem., S. XIII prooem., S. XIV De extr. unct. c. 3, S. XXV De delectu cib.) und Pius IV. in der Professio Tridentina. Pius IX. hat in seiner ersten Encyklika (9. Nov. 1846) sowie in einer spätern (9. December 1854; vgl. Syll. prop. 15–18) diese Wahrheit gegenüber dem modernen Indifferentismus nachdrücklich hervorgehoben. Zugleich aber wanrt der heilige Vater vor der vorwitzigen Frage über das Loos derjenigen, welche der katholischen Kirchen nicht angehören, denn die Menschen dürften nicht die geheimen Rathschlüsse und Urtheile erforschen wollen. Jedenfalls sei aber für sicher anzunehmen, daß diejenigen, welche die wahre Religion nicht kennen, vor Gott mit keiner Schuld behaftet werden, wenn die Unkenntniß unüberwindlich sei. Dieß galt von jeher als Grundsatz der katholischen Kirche. Stets hat sie zwischen den hartnäckig Widerstrebenden und den schuldlos Irrenden unterschieden; jene müssen dem Urtheile des Herrn verfallen, weil sie die Kirche nicht hören; diese aber dürfen bei redlichem Streben nach Wahrheit und Tugend auf die Barmherzigkeit Gottes vertrauen, welcher will, daß alle Menschen selig werden, und keinem, der thut, was an ihm ist, die Gnade verweigert (Aug. Ep. 43, 1; vgl. De libero arb. 22). Doch ist nicht zu übersehen, daß solchen vielen Gnadenmittel und äußere Anregungen, welche in der Gemeinschaft des kirchlichen Lebens gegeben sind, entgehen. Der Satz von der alleinseligmachenden Kirche selbst ist zuerst gegen solche, welche zuvor der katholischen Kirche angehört, ihre Lehre und Einrichtung gekannt hatten, also verschuldet im Irrthum waren und hartnäckig an demselben festhielten aufgestellt worden. Solchen gegenüber muß aber die Kirche auf ihrem Anspruch beharren, wenn sie sich nicht selbst aufgeben will. Ja, diese dogmatische Intoleranz ist so sehr mit der Überzeugung, die volle und ganze Wahrheit zu besitzen, verbunden, daß selbst die Secten dieselbe für sich in Anspruch nahmen. Die symbolischen Schriften der Protestanten verurtheilen in gleicher Weise alle Andersgläubigen und besonders die Mitglieder der katholischen Kirche. »Wenn sich auch die Gegner den Namen der Kirche anmaßen, so wissen wir doch, daß die Kirche bei denen ist, welche das Evangelium Christi lehren, nicht bei denen, welche schlechte Lehren gegen das Evangelium vertheidigen« (Apol. C. 3, a. 6, p. 133; vgl. Conf. 1, 1. 3. 4, p. 9 sq.; Form. Conc. prooem. II, 571. 794). »Denn wer immer außerhalb des Christenthums ist, seien es Heiden oder Türken oder Juden oder falsche Christen oder Heuchler, wenn sie gleich selbst an den einen wahren Gott glauben und ihn anrufen, wissen dennoch nicht, von welcher Gesinnung er gegen sie sei, und können es nicht wagen, sich eine Huld und Gnade von Gott zu versprechen. Deßhalb bleiben sie in ewigem Zorne und in ewiger Verdammniß« (Catech. maj. II, 47. 56, p. 501. 503; vgl. Melanchthon, L. th., De pecc. or. 123; Calv. Inst. 3, 14, 4). Die praktische Toleranz ist mit der dogmatischen Intoleranz verträglich, wenn nie das Grundgesetz des Evangeliums, die Liebe zu Gott und dem Nächsten vergessen wird. Diese Liebe erstreckt sich aber auch auf das Seelenheil des Nächsten und bestimmt die Kirche, dem guten Hirten gleich, dem verlorenen Schafe nachzugehen. Strafen können nur gegen die hartnäckig Widerstrebenden angewendet werden. Waren diese Strafen in der spätern Zeit mitunter hart, bis zur Todesstrafe gehend, so müssen hierfür die geschichtlichen Verhätlnisse die Erklärung geben. Schon Augustinus klagt darüber, daß der aggressive Charakter der Secten die Kirche selbst an der Ausübung der Milde hindere. Die Zeit der Reformation mit dem Grundsatz: cujus regio, illius religio, der nicht selten streng und grausam durchgeführt wurde, und die Übertragung der kirchlichen Gewalt an die Landesfürsten hat ein ähnliches Schauspiel gezeigt. Will man aber gar der Kirche vorwerfen, daß sie mit dem Anspruche, die alleinseligmachende zu sein, gleichsam jedem Mitgliede das ewige Heil garantiren wolle und dadurch das sittliche Streben lähme, so genügt es, auf ihre Lehre von der Nothwendigkeit der guten Werke zur Erlangung des ewigen Lebens hinzuweisen. Sie steht ganz auf dem Standpunkte ihres göttlichen Stifters, welcher gesagt hat: »Nicht ein jeder, der zu mir ›Herr, Herr‹ sagt, wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters thut, der im Himmel ist« (Matth. 7, 21).

Der Anspruch der Kirche, die einzige Vermittlerin zwischen Christus und den Menschen zu sein, setzt voraus, daß sie in der Verwaltung der Wahrheit und Gnade unfehlbar ist und bis an das Ende der Zeiten fortdauert, also unvergänglich ist. Diese beiden Eigenschaften der Kirche bezeichnet man als infallibilitas und indefectibilitas. Daß Christus den Aposteln den Geist der Wahrheit verheißen und gesandt hat, ist klar in der heiligen Schrift ausgesprochen (Joh. 14, 16 f. 26; 15, 26. Luc. 24, 49. Apg. 1, 8; Kap. 2). Daß aber Christus durch seinen Geist bei ihnen bleiben werde bis an das Ende der Welt, hat der Herr in der feierlichen Abschiedsstunde verheißen (Matth. 28, 20; vgl. 24, 14. Joh. 12, 31. 32). Die Apostel waren sich auch des Beistandes des unfehlbaren Geistes bewußt, so daß sie den Ungehorsam als einen Ungehorsam gegen den heiligen Geist bezeichneten, ihre Entscheidungen als unter dem Einfluß des heiligen Geistes gegeben erklärten, ihr Evangelium gegen alle Einwendungen gesichert wußten (Apg. 5, 4; 115, 28. 1 Cor. 7, 40. 2 Cor. 2, 17; 12, 9; 13, 3. Gal. 1, 6 ff.). Es kann also keinem Zweifel unterliegen, daß die Apostel unfehlbar waren. Wenn aber derselbe Geist bis an das Ende der Welt bei ihnen bleiben sollte, so muß ihre unfehlbare Lehrthätigkeit auch bis dahin ausgeübt werden. Es muß eine unfehlbare Auctorität geben, und dieselbe muß unvergänglich sein. Sie kann weder, wie die mittelalterlichen Secten, die Reformatoren, Jansen u. A. behaupteten, von ihrem ursprünglichen Wesen und ihrer Bestimmung abgefallen sein oder abfallen, noch, wie die Montanisten, Anabaptisten, Quäker, Irwingianer u. A. wollten, einer andern höhern Auctorität, einer Kirche des heiligen Geistes Platz machen. Ebenso wenig kann es der menschlichen Willkür anheimgegeben sein, nach Gutdünken der von Christus gestifteten Kirche erst die rechte Form zu geben und die Einzelkirchen nur als Versuche zu betrachten, das von Christus vorgestellte Ideal seiner Verwirklichung näher zu bringen. Das Ideal ist nur darin zu erstreben, daß die menschlichen Organe sich ihrer Aufgabe stets würdiger erweisen, die hinterlegte Wahrheit allseitig durchdringen, die der Kirche anvertrauten Gnaden für Alle fruchtbar machen. Die Entwicklung des von Christus in der Kirche niedergelegten Gutes ist keine Veränderung des wesentlichen Inhaltes und der feststehenden Formen, sondern eine Entfaltung des lebendigen Organismus. Was den Aposteln zusammen und im Einzelnen verheißen worden ist, das wurde auch der Kirche als der Alle umfassenden Stiftung des Gottessohnes versprochen: »Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen«. Weder Gewalt noch List, weder Irrthum noch Sünde können die auf den Felsen Petrus gebaute Kirche überwältigen; dieselbe ist also unfehlbar und unvergänglich. Die Apostel als Organe der Offenbarung und Verwalter der Geheimnisse Gottes haben ihre Lehre den Nachfolgern anvertraut, ihre Vollmacht denselben mitgetheilt und sie unterrichtet, wie sie im Hause Gottes, welches, auf dem Fundamente der Apostel und Propheten erbaut, eine Säule und Grundfeste der Wahrheit ist, walten sollen. Die Väter seit Irenäus und Tertullian vertheidigen die Unfehlbarkeit der Kirche gegen alle Einwürfe, indem sie auf den Geist Gottes hinweisen, welcher sich in der Kirche offenbart, und die Einheit des Glaubens und der Lehre, der Liebe und der Hoffnung als einen Beweis für das Walten des göttlichen Geistes in der Kirche darstellen: Quam (sc. praedicationem Ecclesiae et operationem, quae est in fide nostra) perceptam ab Ecclesia custodimus, et quae semper a Spiritu Dei, quasi in vase bono eximium quoddam depositum juvenescens, et juvenescere faciens ipsum vas in quo est. Hoc enim Ecclesiae creditum est Dei munus, quemadmodum ad inspirationem plasmationi, ad hoc ut omnia membra percipientia vivificentur; et in eo disposita est communicatio Christi, i. e., Spiritus Sanctus, arrha incorruptelae et confirmatio fidei nostrae et scala ascensionis ad Deum. In Ecclesia enim, inquit, posuit Deus Apostolos, Prophetas, Doctores (1 Cor. 12, 28), et universam reliquam operationem Spiritus, cujus non sunt participes omnes, qui non currunt ad Ecclesiam, sed semetipsos fraudant a vita per sententiam malam et operationem pessimam. Ubi enim Ecclesia, ibi et Spiritus Dei, et ubi Spiritus Dei, illic Ecclesia et omnis gratia; Spiritus autem veritas (Iren. Adv. haer. 3, 24, 1; Tert. De praescr. 19. 21. 37. 40). Insbesondere verweisen sie auf die apostolische Succession der Bischöfe und des Papstes, in welcher man wie die fortlaufende Überlieferung der apostolischen Tradition so das fortwirkende charisma veritatis (Iren.), die Leitung des heiligen Geistes erkennen könne und verbürgt finde. Die Übereinstimmung der apostolischen Kirchen mußte schon für sich ein Beweis der unfehlbaren Wahrheit sein, denn es wäre nicht möglich, daß Alle zu dem einen Irrthum abfallen würden. In dieser Übereinstimmung der Kirchen, in Verbindung mit der ersten apostolischen Kirche, dem Stuhle zu Rom, hat die Unfehlbarkeit der Kirche ihren Ausdruck gefunden. Allgemein galten nur jene Concilien für ökumenisch, bei welchen auch der römische Stuhl vertreten war. Die Beschlüsse der Particularconcilien konnten nur durch die Zustimmung Roms eine allgemeine Gültigkeit erlangen. Dagegen hatten die Entscheidungen der römischen Kirche mit dem Nachfolger des hl. Petrus schon seit Clemens von Rom ein besonderes Ansehen. Dieses mußte sich noch steigern, als mit der weitern Ausdehnung und bessern Organisation der Kirche der Verkehr zwischen dem Papst und den Bischöfen ein regerer wurde. Mit und ohne allgemeines Concil galt die Entscheidung des Papstes als endgültige, wenn sie auch öfter erst nach langen Kämpfen zu allgemeiner Annahme gelangte. Nachdem lange Zeit die Controverse über das Verhältniß des Papstes zu dem allgemeinen Concil die Geister bewegt hatte, wurde die thatsächlich längst geltende Lehre von der Unfehlbarkeit des ex cathedra sprechenden Papstes auch theoretisch fast allgemein vertheidigt und zuletzt auf dem Vaticanum zum formellen Dogma erhoben (vgl. die Artt. Petrus und Papst). Im Unterschied zu der Inspiration der Organe der Offenbarung, wie es auch die Apostel waren, wird der die Unfehlbarkeit der Kirche sichernde Beistand des heiligen Geistes Assistenz (assistentia Sp. S.) genannt. Die Kirche hat also nicht neue Offenbarungen zu verkünden, sondern sie bleibt bei dem stehen, was Christus und die Apostel geoffenbart haben. Sie überliefert, verkündigt, erklärt auf Grund der heiligen Schrift und Tradition die Lehre Christi unfehlbar (Vat. S. IV, c. 4).

Damit ist auch das Object und der Umfang der Unfehlbarkeit der Kirche bestimmt. Wie schon das Tridentinum (S. IV; vgl. S. VI, cap. 16, can. 29, S. XIII prooem.) die Auslegung der heiligen Schrift in rebus fidei et morum der Kirche vorbehalten hat, so hat das Vaticanum bei der Definition der päpstlichen Unfehlbarkeit ausdrücklich bemerkt, daß der Papst sich derjenigen Unfehlbarkeit erfreue, mit welcher der göttliche Erlöser seine Kirche ausgerüstet wissen wollte, in definienda doctrina de fide vel moribus. Wie weit insbesondere die conclusiones theologicae mit der geoffenbarten Glaubens- und Sittenlehre zusammenhangen und für das christliche Leben bestimmend sind, und in wie weit auch die facta dogmatica, d. h. die geschichtlichen Thatsachen der Offenbarung oder, im engern Sinne, der Inhalt eines zu beurtheilenden Buches, der Zusammenhang und der Sinn des Verfassers zu diesem Gebiete gehören, ist selbst wieder dem Urtheile der Kirche unterworfen. Die Unterschiedung der Jansenisten zwischen der quaestio juris und der quaestio facti wurde vom heiligen Stuhle verworfen. Sie würde das Urtheil der unfehlbaren Kirche wieder der Willkür des Einzelnen preisgeben und die Ausübung des richterlichen Amtes vielfach illusorisch machen. Das Schema des Vaticanums über die Kirche, von welchem aber nur das den Primat betreffende Kapitel zur Verhandlung kam, hatte über das Object der Unfehlbarkeit bestimmt, dieselbe erstrecke sich so weit, als das depositum fidei sich erstrecke, und es begreife mithin »sowohl das geoffenbarte Wort Gottes selbst, als alles dasjenige, was, wenn es auch in sich nicht geoffenbart ist, doch zu dem geoffenbarten Worte eine derartige Beziehung hat, daß ohne dasselbe jenes nicht sicher bewahrt, untrüglich erklärt und zu glauben vorgestellt und vertheidigt werden könnte«. Weil auch die Verehrung der Heiligen eng mit dem religiösen Leben der Kirche verbunden ist, so gilt es als eine theologisch gewisse Lehre (veritas catholica), daß sich die Unfehlbarkeit der Kirche auch auf die Canonisation der Heiligen erstrecke (Thom. Aq. Quodlib. IX, q. 8, a. 1. Melch. Can. L. th. 5, 5). Anders verhält es sich bei der Beatification, welche nicht vorschreibt, sondern nur erlaubt (Bened. XIV., De serv. Dei beat. 1, 42, 12). Bei der Approbation der Orden und den Disciplinarvorschriften, welche der Veränderung unterworfen sind, ist diese Folgerung wenigstens nicht widerspruchslos. Jedenfalls kann sich die Unfehlbarkeit nur auf die mit dem Gebiete des Glaubens und der Sitten zusammenhängenden Momente, nicht auf die äußere Ordnung beziehen. In diesem Sinn sind selbst die apostolischen Anordnungen nicht unfehlbar gewesen. Wo keine derartige Beziehung vorhanden ist, fällt überhaupt die Frage nach der Unfehlbarkeit weg, denn diese hängt mit dem Wege zum Himmel zusammen, die Erde ist den Disputationen der Menschen überlassen. Letzteres gilt für den ganzen Kreis des profanen Wissens und des rein politischen Lebens. Doch läßt sich nicht bestreiten, daß die Kirche auch auf die gesammte Cultur einen gewaltigen förderlichen Einfluß ausgeübt hat und sich sowohl intellectuell als moralisch als die größte Macht der Erde erwiesen hat. (Vgl. A. Schmid, Wissenschaft und Auctorität, München 1868.)

4. Die Verfassung. Als eine sichtbare Gemeinschaft der Gläubigen mit einem bestimmten Zweck und besonderen Vollmachten und Eigenschaften ausgerüstet, muß die Kirche auch, soll sie ihren Bestand sichern, eine einheitliche Organisation haben, welche eine genaue Ordnung zwischen Haupt und Gliedern, zwischen höheren und niederen Organen voraussetzt. Wie Gott die Welt unmittelbar durch sein allmächtiges Wort geschaffen hat, aber mittels der causae secundae erhält und leitet, so hat auch Christus selbst die Kirche gegründet, will sie aber durch besondere, von ihm bestimmte Organe erhalten und leiten. Zu diesem Zwecke hat Jesus die Apostel und die 72 Jünger auserwählt (Luc. 10, 1 ff.), unterrichtet und ausgesandt. Sie erhielten die Vollmacht und den Auftrag, das Evangelium zu verkündigen, die Sacramente zu spenden, die Kirche zu regieren. Nach der Analogie des dreifachen Amtes Christi hat man auch das Amt der Apostel und der Kirche überhaupt als ein dreifaches bestimmt, als Lehramt (potestas magisterii), als hohenpriesterliches Amt (potestas ordinis) und als kirchliches Amt (potestas jurisdictionis). Dadurch ist die Kirche in zwei wesentlich von einander verschiedene Klassen getheilt, in Vorsteher und Untergebene, Hierarchie und Volk, Hirten und Heerde. Dieser Unterschied tritt schon in der Bergpredigt hervor, in welcher Jesus die Glieder des Himmelreiches (Matth. 5, 1 ff.) und die Apostel (5, 11 ff.) unterschiedet, und die Apostel, welche er eben aus der Zahl der Jünger zu seinen ständigen Begleitern auserwählt hatte (Luc. 6, 13 ff. Marc. 3, 13 ff.), vor den Übrigen auszeichnet. Lucas setzt bei der Bergpredigt in absteigender Reihenfolge als Zuhörer voraus: Apostel, Jünger, Volk. Er allein berichtet auch über die Auswahl und Aussendung der 72 Jünger. Diese amtliche Stellung der Apostel wird auch in der Apostelgeschichte und in den Briefen für die Einzelkirchen wie für die Gesammtkirche durchaus bestätigt. In allen Handlungen und Ereignissen, welche zur Förderung und Ausbildung der jungen Kirche dienen oder ihrer Entwicklung hemmend entgegentreten, greifen die Apostel als die berufenen Organe, als die anerkannten, mit der Vollmacht Christi und der Kraft des heiligen Geistes ausgerüsteten Gesandten des Herrn thatkräftig ein. Da aber die Apostel erst die Gemeinden gründen mußten, so verstand es sich von selbst, daß die vom Herrn ihnen aufgetragene Missionsthätigkeit ihnen ein Wanderleben vorschrieb. Nichtsdestoweniger waren sie sich bewußt, daß auch die Ordnung und Leitung der Gemeinden zu den Aufgaben ihres Amtes gehören. Die Briefe des hl. Paulus sind Zeugen dafür. Walteten die Apostel auch, der Aufforderung des Herrn zur Demuth und Nächstenliebe entsprechend, ihres Amtes nicht als Herren, nicht wie die Machthaber der Heiden, und suchten sie mit kluger Berücksichtigung der menschlichen Schwachheit die Gemeinden selbst zur Mitwirkung beizuziehen, so wollten sie dadurch doch keineswegs ihrer Würde etwas vergeben oder gar ihre Berechtigung aus den Verhältnissen und der Zustimmung der Gemeinden ableiten, sondern sie beriefen sich auf den Auftrag und Befehl des Herrn, auf den Beistand des heiligen Geistes, verlangten im Namen Jesu Glaubensgehorsam und bedrohten die Ungehorsamen mit Strafen nach der Gewalt, die ihnen der Herr verliehen hatte zur Erbauung, nicht zur Zerstörung (2 Cor. 13, 10). Auch wo Paulus die kirchlichen Ämter aufzählt (1 Cor. 12, 28. Eph. 4, 11), sind die Apostel als die Ersten genannt und zugleich als diejenigen dargestellt, welche die Gaben aller Anderen in sich vereinigen (1 Cor. 13, 1). Sie sind zugleich die Propheten (Matth. 10, 41. Eph. 2, 20; 3, 5) und die Lehrer (1 Cor. 4, 15), und zwar in besonderer Weise, weil sie die Väter der Gemeinden, die von Gott gesandten Stifter, Leiter und Verwalter sind. Dem hl. Petrus, dessen Glauben Jesus durch sein Gebet gesichert hatte, hat Jesus die Schlüsselgewalt verheißen und das Hirtenamt über seine ganze Heerde übertragen. Wie Petrus in den Apostelverzeichnissen an erster Stelle genannt und als der Erste bezeichnet wird, so tritt er auch in der Apostelgeschichte stets als das HAupt und der Sprecher der Apostel auf und wird selbst vom hl. Paulus als Kephas ausgezeichnet und zuerst unter den »Säulen« genannt (Gal. 1, 18; 2, 7 ff.).

Das Wachsthum der Gemeinde zu Jerusalem brachte auch eine Vermehrung der Arbeit der Apostel. Weil sie dadurch in ihrer Hauptaufgabe, der Verkündigung des Wortes, gehindert wurden, so wählten sie mit Zustimmung der Gemeinde sieben Männer, voll des Glaubens und des heiligen Geistes, aus, damit sie bei der Armenpflege dienten, die Diaconen. Die Apostel beteten über sie und legten ihnen die Hände auf (Apg. 6, 1 ff.). Von da an erscheint das Diaconat als ein ständiges Amt in der Kirche (Phil. 1, 1. 1 Tim. 3, 8. 12). Außerdem wird in der Apostelgeschichte bald eine Vertretung der Gemeinde neben und mit der Gemeinde genannt, die Presbyter oder Ältesten (11, 30; 15, 2 ff.; 21, 18 u. a.). Mag diese Behörde nun mit dem Synedrium der Juden eine Ähnlichkeit haben oder nicht, jedenfalls finden wir hier eine unter der Leitung der Apostel stehende Einrichtung, welche in Verbindung mit den Aposteln und für die Apsotel den Stand der Gemeinden aufrecht zu erhalten und zu festigen berufen war. Die Beziehungen zu den auswärtigen Kirchen zeigt die Kirche zu Antiochien und der Brief des hl. Jacobus, welcher an »die zwölf Stämme in der Zerstreuung« gerichtet ist und die Presbyter erwähnt. In den heidenchristlichen Gemeinden mußte diese Organisation auch eingeführt werden. Denn die Charismen, welche mehr einen erbaulichen Zweck hatten, traten mehr und mehr zurück, die Kirchenämter mußten bleiben. Aus der Apostelgeschichte erfahren wir (14, 22), daß Paulus und Barnabas in den einzelnen Gemeinden Presbyter wählten und unter Gebet und Fasten dem Herrn darstellten. Wiederholt werden »Vorsteher« der Gemeinden genannt (Röm. 12, 8. 1 Cor. 16, 16. 1 Thess. 5, 12 f. Vgl. Hebr. 13, 7. 17. 24). Im ersten Petrusbriefe begegnen wir bereits dem ausgebildeten Hirtenamt nach dem Vorbilde des Oberhirten Christus (2, 25; 5, 1 ff.). Dadurch ist zugleich angezeigt, wie die Stelle desselben Briefes über das allgemeine Priesterthum z uverstehen ist, wenn nicht schon an und für sich die geistigen Opfer und das königliche Priesterthum die symbolische Bedeutung nahelegen würden. Auch das Volk des Alten Bundes war Gottes Eigenthum, ein auserwähltes Volk, obwohl ein ausgebildetes specielles Priesterthum bestand. Die Presbyter im Jacobusbriefe (5, 14) sind gewiß keine Ärzte, aber auch keine gewöhnlichen Gemeindemitglieder, denn die Sündennachlassung in Verbindung mit der Salbung weist auf ein Amt hin. Sie werden zu den Kranken gerufen. Auch der »Presbyter« im zweiten und dritten Johannesbriefe beweist die höhere Stellung der Presbyter. Auf seiner letzten Reise nach Jerusalem ließ Paulus die »Presbyter der Kirche« zu Ephesus zum Abschiede nach Milet bescheiden. Unter Thränen versichert er sie, daß er ihnen nichts vorenthalten habe vom ganzen Willen Gottes, und fordert sie auf, Acht zu haben auf die Heerde, »in welcher euch der heilige Geist zu Bischöfen gesetzt hat, zu weiden die Kirche des Herrn, welche er sich durch sein eigenes Blut zu eigen geamcht hat« (20, 28). Die Presbyter, bezw. Bischöfe, sind also die Träger der apostolsichen Lehre und die vom heiligen Geiste gesetzten Leiter der Kirche.

Einen genauern Aufschluß über diese Organisation der apostolischen Kirchen geben die Pastoralbriefe, in welchen Timotheus und Titus, denen die Gnadengabe des heiligen Geistes durch Auflegung der Hände zu Theil geworden ist, beauftragt werden, für die Aufstellung der Bischöfe, Presbyter und Diaconen zu sorgen. Die Namen Bischof und Presbyter sind noch nicht streng von einander gesondert, aber eine sachliche Unterordnung und eine Gliederung mit monarchischer Spitze (1 Tim. 5, 17) ist unverkennbar. Wahrscheinlich kommt die Vertauschung der Namen von dem Gebrauche her, die Bischöfe aus dem Kreise der Presbyter zu nehmen. Indem aber die von dem Apostel selbst geweihten Nachfolger und Stellvertreter des Apostels in seinem Auftrage und unter seiner Zustimmung Bischöfe und Presbyter weihen, ertheilen sie ihnen gleichfalls mit der Gnadengabe das Amt in der Kirche. Clemens von Rom kennt die Reihenfolge: Gott, Christus, die Apostel, die Bischöfe und die Diaconen. Er unterscheidet bereits zwischen Clerikern und Laien. Ignatius kennt nur in der Vereinigung der Gläubigen mit dem Bischofe das wahre christliche Leben; Irenäus und Tertullian betonen für die Bischöfe die apostolische Succession, die sie besonders am Bischof von Rom nachweisen. Der hl. Cyprian behandelt diese Organisation der Kirche als eine von dem Herrn eingesetzte und von den Aposteln überlieferte, das Gedeihen der Kirche bedingende Einrichtung. Sehr klar tritt der Unterschied zwischen der lehrenden und hörenden Kirche hervor. Das Tridentinum hat sich den Reformatoren gegenüber nachdrücklich für die göttliche Einsetzung der Hierarchie und deren Gliederung ausgesprochen (Sess. XXIII, cap. 4, can 6; Cat. R. 2, 7, 13; Vatic. Sess. IV prooem. Vgl. die Artt. Bischof und Presbyterat).

Über die Befugnisse des Papstes, der Bischöfe und Presbyter und Diaconen, der allgemeinen und particularen Concilien, sowie der päpstlichen Congregationen s. die betr. Artt. Der Unterschied des Episcopates vom Apostolate läßt sich daraus entnehmen, daß die Apostel inspirirte Organe der Offenbarung waren, die Bischöfe aber zur Regierung der Kirche vom heiligen Geiste berufen sind. Diese Aufgabe der Erhaltung und Verwaltung der Kirche bringt es mit sich, daß sie an einen festen Sprengel gebunden und nicht einzeln unfehlbar sind. Kirchlich wird die Gewalt als eine doppelte bezeichnet: potestas ordinis et jurisdictionis. Jene gehört zur Verwaltung der Sacramente, diese bezieht sich auf den ganzen mystischen Leib Christi, insofern sie die Leitung und Regierung des christlichen Volkes zur Erlangung des ewigen Heiles betrifft (Cat. R. 2, 7, 6). Das Vaticanum nennt das Hirtenamt und Lehramt, weil diese besondern Bezug auf die Unfehlbarkeit der Kirche und des Papstes haben. In dem obengenannten Schema über die Kirche werden das magisterium, ministerium und imperium s. regimen unterschieden. Im weitern Verlaufe wird aber die Gewalt als eine Weihe- und Jurisdictionsgewalt bezeichnet und letztere für das öffentliche Forum als gesetzgebende, richterliche und als Strafgewalt näher bestimmt. Ob man das magisterium zur potestas ordinis oder, wie gewöhnlicher, zur potestas jurisdictionis zu rechenen hat, ist unter den Canonisten noch controvers. (Vgl. Schnell, Die Gliederung der Kirchengewalt, Theol. Quart. 1889, 387 ff.)

II. Die Merkmale der Kirche. Die im Vorstehenden aus den Quellen der Offenbarung entwickelte Lehre von der Kirche gehört dem Gebiete des Glaubens an. Sie ist aber in doppelter Beziehung einer apologetischen Begründung fähig und bedürftig, insofern nämlich die Kirche die Bewahrerin und Erklärerin der christlichen Lehren und Einrichtungen ist und insofern gerade die katholische Kirche diese Kirche ist. Jenes verlangt eine Vertheidigung gegen Juden und Heiden (demonstratio christiana), dieses eine solche gegen Schismatiker und Häretiker (demonstratio catholica). Erstere Vertheidigung ist hier nur darum zu berücksichtigen, weil sie mittelbar zugleich ein Beweis für die Wahrheit der katholischen Kirche ist, »denn der katholischen Kirche gehört alles das, was so vielfach und wunderbar zur evidenten Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens angeordnet worden ist« (Vatic. Sess. III, cap. 3). Der erste Beweis vollzieht sich in zwei Stadien. Vor Allem läßt sich geschichtlich, durch außerchristliche (Josephus, Tacitus, Sueton, Plinius) und christliche Schriftsteller (heilige Schrift, Kirchenväter) bezeugen, daß das Christenthum als eine neue Religion von Jesus Christus, der unter Kaiser Tiberius von dem Landpfleger Pontius Pilatus zu Jerusalem zum Tode verurtheilt und von den Juden gekreuzigt worden ist, gestiftet wurde. Ebenso läßt sich aus den religiösen, wissenschaftlichen und socialen Verhältnissen jener Zeit darthun, daß das Christenthum vermöge des hohen Inhalts seiner Lehre und der Erhabenheit seines Sittengesetzes sich unmöglich aus dem Judenthum oder Heidenthum auf natürlichem Wege entwickelt haben kann. Auch haben weder Jesus selbst noch die Apostel eine solche theologische oder wissenschaftliche Bildung genossen, daß sie aus dem Judenthum, welches die Voraussetzung und die Vorbereitung für das Christnethum bildete, oder aus dem Heidenthum des griechisch-römischen Weltreiches die christliche Glaubens- und Sittenlehre hätten herausbilden können. Das Christenthum kann also nur in dem von Gott gesandten Christus, dem Mesnch gewordenen Gottessohne, seinen Ursprung haben und ist übernatürlichen Charakters. Gleich unberechtigt ist der Versuch, das spätere Christenthum von dem Christenthum Christi zu unterscheiden, als ob dessen Stiftung unter dem Einflusse der griechisch-römischen Bildung umgewandelt, verschlechtert, verheidnischt worden sei. Denn haben auch die Apologeten und Väter die heidnische Philosophie zur Vertheidigung des Christenthums gegen die Angriffe der heidnischen Philosophen und zum wissenschaftlichen Ausbau der christlichen Lehre reichlich verwendet, so waren sie sich doch des Unterschieds zwischen Religion und Philosophie, Glauben und Wissen, Inhalt und Form stets bewußt. Haben sie doch selbst den entscheidenden Schritt von der heidnischen Wissenschaft zum christlichen Glauben nach reiflicher Überlegung gethan. Wird dieser Beweis für den göttlichen Ursprung und für die unverfälschte Erhaltung des Christenthums bis in die späteren Jahrhunderte fortgesetzt, so gestaltet er sich zugleich zu einem Beweis für die Unfehlbarkeit und Unvergänglichkeit der Kirche. Denn nur in ihrem Schoße fanden sich die Gläubigen, gelehrte und ungelehrte, welche die christliche Religion gegen die physische und geistige Gewalt schützten und vertheidigten. Die wissenschaftliche Vertheidigung des Christenthums wurde aber noch auf eine andere Weise zur Vertheidigung der Kirche. Die Erfüllung der Weissagungen des Alten Testaments mußte die Juden, wenn sie guten Willens waren, von der Erscheinung des verheißenen Messias überzeugen, aber auch den Heiden einen gewichtigen Beweggrund des Glaubens darbieten; denn nichts macht auf den menschlichen Geist einen so tiefen Eindruck, als die sichere Voraussage künftiger Ereignisse. Diese Weissagungen betrafen aber ebenso das messianische Reich, die Kirche, wie die Person des Messias, insofern sie den Zustand, die Zukunft des Reiches, namentlich aber die Universalität desselben deutlich vorausverkündigten. Indem hierzu die von dem Herrn selbst verkündigten Weissagungen über sein eigenes Geschick, über das Reich Gottes, seine Mitglieder und seine Schicksale, über die Kirche und ihre ununterbrochene Fortdauer kamen, gewann dieser Beweis immer größere Festigkeit und Überzeugungskraft und diente der Kirche mitten unter den Verfolgungen zum Trost, den Außenstehenden aber zu einem Beweggrund für die Bekehrung. Ein zweites Argument oder ein Criterium der Offenbarung überhaupt und besonders der christlichen Offenbarung bildet das Wunder. Vermöge seines Doppelcharakters als eines sinnenfälligen Zeichens und einer Wirkung durch die göttliche Macht ist es ausnehmend geeignet, als Beweismittel für die übernatürlichen Veranstaltungen Gottes zu dienen. Die Wunder Moses’, Christi, der Apostel dienten nicht nur als Beweis für die göttliche Sendung der Wunderthäter, sondern sind auch, weil sie in der heiligen Schrift aufgezeichnet sind, für die späteren Generationen ein Beweis für die Wahrheit der Offenbarung. Allein die Wunderkraft ist mit den Aposteln nicht zu Grabe getragen worden. Gott ist auch fernerhin wunderbar in seinen Heiligen. Die Kirchenschriftsteller berichten uns von zahlreichen Heilungen, Teufelsaustreibungen, aj selbst von Todtenerweckungen, welche von den Christen im Namen Jesu vollbracht wurden. So skeptisch man auch die Legenden betrachten mag, unmöglich wird sich alles in das Reich der Phantasie verweisen lassen, was in späteren Jahrhunderten von wunderbaren Wirkungen des Christenthums berichtet wird. Die Canonisationsprozesse, welche mit peinlicher Genauigkeit geführt werden, haben die wunderbare Kraft in den Heiligen der Kirche zu allen Zeiten für jeden, der sehen will, deutlich nachgewiesen; in den Heiligen der Kirche, denn darauf macht schon der hl. Irenäus aufmerksam, daß die Häretiker keine Wunder für die Wahrheit ihrer Lehre oder Kirche aufweisen können. Dadurch wird dieses Criterium der Offenbarung zu einem Beweis üfr das Walten des göttlichen Geistes in der Kirche. In ähnlicher Weise gestaltet sich die Vertheidigung des Christenthums aus seiner Lehre, seiner Verbreitung, seiner Einwirkung auf das wissenschaftliche, sittliche und sociale Leben zu einem Beweis für die Kirche, weil gerade sie es gewesen ist, welche am meisten dazu beigetragen hat, das Christenthum auf der ganzen Erde zu verbreiten und seine segensreichen Wirkungen allen Menschen zukommen zu lassen. Ohne diese vom Geiste Gottes geleitete göttliche Stiftung wäre, menschlich betrachtet, längst die christliche Wahrheit in die Irrgänge des menschlichen Denkens hineingezogen und die christliche Moral von dem Dorngestrüppe der menschlichen Leidenschaften überwuchert worden. Hat das Christenthum nicht bloß über die physische Macht des römischen Weltreiches, sondern auch über die heftigen geistigen Mächte der Philosophie und heidnischen Religion gesiegt, hat es trotz aller äußeren und inneren Hindernisse das Antlitz der Erde erneuert, so gebührt das Verdienst hierfür wieder der Kirche, welche als die festgeschlossene Macht den Anprall des Feindes aushielt, als das auf Felsen gegründete Haus den Pforten der Hölle trotzte. So werden die Merkmale, an welchen man die Wahrheit des Christenthums erkennt, zu Merkmalen für die wahre Kirche. Doch muß von diesen noch besonders gehandelt werden, weil der Ausdruck »wahre« Kirche bereits andeutet, daß auch andere christliche Gemeinschaften den Anspruch erheben, im Besitze oder gar im Alleinbesitze des lauteren Christenthums oder Evangeliums zu sein. Es muß daher besondere Erkennungszeichen geben, durch welche die Kirchen unterschieden werden können. Diese Merkmale lassen sich leicht aus dem, was über den Ursprung, den Zweck und die Verfassung der Kirche gesagt worden ist, entnehmen und wurden auch schon frühe als Zeichen für diejenigen, welche die wahre Kirche (ecclesia) verschiedenen Dingen beigelegt wird (Apg. 19, 40), und Einer in Wahrheit sagen könnte, die Versammlungen der Böswilligen seien die Gemeinschaften der Häretiker …, deßhalb hat dir der Glaube ganz sicher überliefert: ›an eine, heilige, katholische Kirche‹« (Cyr. Hier. Cat. 18, 20). Andere Väter fügen dem noch die »apostolische Kirche« hinzu. Das apostolische Symbolum, wie es Rufin (c. 400) erklärte, enthielt den Artikel: »Ich glaube eine (nicht an eine) heilige Kirche«; allmälig wurde aber dieser Artikel, der im Morgenlande schon länger erweitert war, auch im Abendlande dahin ergänzt: »Ich glaube eine, heilige, katholische Kirche«. Das nicänische Symbolum schließt mit den einfachen Worten: »und an den heiligen Geist«. Doch finden sich in den Canones die Bezeichnungen katholisch und apostolisch (c. 8). Dagegen hat das Constantinopolitanum nicht nur den Artikel über den heiligen Geist weiter ausgeführt, sondern auch den schon im apostolischen Symbolum damit zusammenhangenden Artikel über die Kirche in voller Form hinzugefügt: »an eine, heilige, katholische und apostolische Kirche«. Von da an galten diese vier Merkmale als die Unterscheidungszeichen der wahren Kirche von den anderen kirchlichen Genossenschaften (vgl. Cat. R. 1, 10, 10 sq.). Das Vaticanum fügt deßhalb dem Beweise für die Wahrheit der Kirche aus den Criterien der Offenbarung und der Beschaffenehit des Christenthums in der angeführten Stelle den speciellen Beweis aus dem Wesen der Kirche bei: Quin etiam Ecclesia per se ipsa, ob suam nempe admirabilem propagationem, eximiam sanctitatem et inexhaustam in omnibus bonis foecunditatem, ob catholicam unitatem, invictamque stabilitatem, magnum quoddam et perpetuum est motivum credibilitatis et divinae suae legationis testimonium irrefragabile. Wenn einzelne Theologen eine größere Anzahl solcher Merkmale aufzählen (Bellarmin 15), so haben sie zum Theil unwesentliche oder allgemeine Momente aufgenommen, zum Theil die vier Merkmale in ihre einzelnen Momente zerlegt. Alle lassen sich in diese vier zusammenfassen, diese selbst aber hangen wieder eng miteinander zusammen. Sie können aus dem Begriff der Kirche als des mystischen Leibes abgeleitet werden, woraus folgt, daß die Einheit den übrigen zu Grunde liegt. Die Protestanten können bei ihrem Begriff von einer unsichtbaren Kirche natürlich keine äußeren Merkmale angeben; trotzdem hat Luther ursprünglich sieben, die Centuriatoren vier, Melanchthon drei aufgestellt. Gewöhnlich geben sie die rechte Predigt des Evangeliums und die rechte Verwaltung der Sacramente als Merkmale an (Conf. 1, 7, p. 11; Apol. c. 4, a. 5, p. 144). Wo aber diese zu finden seien, wissen sie nicht näher zu bestimmen, denn die Verweisung auf den communis sensus (Luther) oder die confessio piorum, firmiorum, verae ecclesiae (Melanchthon) ist lediglich eine Ausflucht. Wo das Wort selbst der einzige Richter sein soll, kann dasselbe nict zugleich als Merkmal erscheinen. Dieses soll vielmehr dazu dienen, die wahre Lehre zu finden.

1. Die Apostolicität ist insofern das wichtigste Merkmal, als sie vor Allem die von Christus eingesetzte Kirche geschichtlich erkennen läßt. Christus selbst hat die Apostel zu Zeugen seiner Auferstehung, seiner Lehre und Stiftung bestellt. Nur aus den apostolischen Schriften und aus der apostolischen Tradition erhalten wir Nachricht über das, was Christus gelehrt und gethan und gewollt, und über das, was die Apostel für den Fortbestand des Christenthums geleistet haben. Die Kirche ist eine apostolische, weil sie von Christus auf das Fundament der Apostel erbaut ist, von den Aposteln den Glauben und die Einrichtung empfangen, von den Zeiten der Apostel bis in die Gegenwart unverändert und ununterbrochen bestanden und durch die Nachfolger der Apostel in einer ununterbrochenen Succession das apostolische Amt bewahrt und ausgeübt hat. Die Übereinstimmung mit den apostolischen Kirchen galt von jeher als ein Beweis für den Besitz der apostolischen Wahrheit. Die apostolischen Kirchen sind aber durch dei apostolische Succession bestimmt. Schon Clemens zeigt mit der innern Fortdauer der Gewalt zugleich die äußere Aufeinanderfolge, indem er auf die successive Sendung hinweist: Vater, Christus, Apostel, Bischöfe, Diaconen. Hegesipp, Irenäus, Tertullian finden in dieser Succession den Hauptgrund für die Wahrheit der katholischen Kirche. Waren sie mitunter auch über die historischen Verhältnisse weniger gut unterrichtet, so hatten sie doch Gelegenheit, über die wichtigsten apostolischen Stühle, zumal über den römischen Stuhl, sich genaue Kenntniß zu verschaffen. Dieß gilt namentlich von Irenäus, der durch seinen Lehrer Polycarp bis zum heiligen Apostel Johannes hinaufreichte und im Abendlande als Bischof mit den römischen Verhältnissen auf’s Beste bekannt wurde. Für die spätere Zeit machte der Beweis natürlich weit weniger Schwierigkeiten. Augustinus führt die Reihenfolge der Nachfolger des hl. Petrus in Rom bis auf Anastasius (400) fort. Aber auch diejenigen Bischöfe, welche nicht unmittelbare Nachfolger der Apostel waren, können doch insofern in die Succession aufgenommen werden, als sie das bischöfliche Amt in der apostolischen Kirche erhalten haben und verwalten und mit den apostolischen Gemeinden und deren Bischöfen in Verbindung stehen. Da nur der römische Stuhl unter allen apostolischen Stühlen sich von jedem Irrthum freigehalten und in allen Stürmen bewährt hat, so ist gerade durch ihn die apostolische Succession gewährleistet. Die Bischöfe, welche Bischöfe der apostolischen Kirche sein wollen, müssen mit dem Nachfolger des hl. Petrus in Gemeinschaft stehen, wie denn auch das ganze Abendland von Rom aus das apostolische Christenthum erhalten hat. Die römisch-katholische Kirche ist also die apostolische Kirche. Was Tertullian den Gnostikern vorgeworfen hat, das gilt auch gegen die Reformatoren, gegen alle Häretiker; sie sind später aufgestanden als die Apostel, können den Zusammenhang mit den Aposteln nicht nachweisen, haben keine apostolische Succession vor oder hinter sich. Damit ist aber über die Lehre und Einrichtung bereits das Urtheil gefällt. Für beide fehlt die apostolische Tradition, die sichere Auctorität. Man kann überall die Namen der Sectenhäupter, die später lebten als die Apostel, angeben, die Abweichungen von der allgemeinen, apostolischen, kirchlichen Glaubensregel beweisen. Nur in der apostolischen Kirche hat man das Überlieferte festgehalten, das schon als solches die Gewähr des apostolischen Ursprungs für sich hat. Was jünger, neu ist, gehört nicht zur wahren, zur apostolischen Kirche, denn »der Charakter des Leibes Christi besteht in der Nachfolge der Bischöfe, welchen die Apostel die am einzelnen Orte befindlichen Kirchen übergeben haben« (Iren.). Diese haben aber auch in ihrer Übereinstimmung gegenüber den bunten Widersprüchen der Secten das Präjudiz der apostolischen Wahrheit für sich, denn es wäre zu auffallend, bemerkt schon Tertullian, wenn alle Kirchen zu einem Irrthume abgefallen wären. Dieser Vorwurf wäre von dem Verstand nicht zu erweisen, würde aber ebenso gegen die Leitung der Kirche Christi durch den heiligen Geist, welche doch auch von den Reformatoren angenommen wird, sprechen. Gott kann nach dem Ableben der Apostel nicht seine Kirche verlassen und dem Teufel und Antichrist preisgegeben haben, um sie nach 100 oder 1000 Jahren wieder auf den apostolischen Standpunkt zurückzuversetzen. Die Berufung auf die apostolischen Schriften führt selbst wieder auf die ununterbrochene Tradition in der Kirche zurück, weil dieselben von ihr bezeugt, bewahrt und erklärt worden sind.

2. Die Einheit. Christus hat nur eine Kirche gestiftet, und die Apostel haben diese Einheit des Leibes Christi streng zu bewahren und zu befestigen gesucht, wie sie selbst mit Petrus an der Spitze ein einheitliches Collegium bildeten. An der Einheit in der Verfassung, Lehre und im Leben muß sich also die wahre Kirche erkennen lassen. Der Herr hat in seinem hohenpriesterlichen Gebet für diese Einheit der Apostel und der Gläubigen zum himmlischen Vater gebetet: »Nicht bloß für diese allein bitte ich, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben, damit alle Eins seien, wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, damit auch sie in uns seien, auf daß die Welt erkenne, daß du mich gesandt hast« (Joh. 17, 20. 21). Er hat sich als den guten Hirten dargestellt, dem seine Schafe folgen, und nur diejenigen als gute Hirten bezeichnet, welche durch die Thüre in den Schafstall eintreten (Joh. 10, 1 ff.). Als Zeichen und Mittel für diese Einheit hat er die heiligen Sacramente der Taufe und der Eucharistie eingesetzt. Eine Taufe sollte Alle zu lebendigen Gliedern des Leibes der Kirche wiedergebären, ein Brod die Gemeinschaft mit dem Leibe Christi für Alle erhalten und stärken (1 Cor. 10, 16 f.). Äußerlich und innerlich, objectiv und subjectiv wurde diese Einheit ausgeprägt: objectiv in dem einen Herrn Jesus Christus (Eph. 1, 22. 23), dem einen Evangelium und der einen Taufe (Eph. 4, 5), dem einen Geiste, welcher in Allen wirkt (1 Cor. 12, 4–11), dem einheitlichen Organismus mit dem sichtbaren Oberhaupt (Joh. 21, 15 ff.); subjectiv durch den nämlichen Glauben, die nämlichen Gnaden, die nämliche Liebe, die gemeinsame Hoffnung (Eph. 4, 3–7). Die Geschichte der Kirche hat diese Einheit zu allen Zeiten erkennen lassen. Wohl ist die Gütergemeinschaft, in welcher anfänglich in der Gemeinde zu Jerusalem die eine Liebe ihren schönsten Ausdruck erhalten hat, nciht auf die Dauer zu bewahren gewesen, aber die christliche Nächstenliebe hat doch die Gemeindemitglieder und die Gemeinden unter einander innig verknüpft. Die Scheidewand der alten Welt zwischen Juden und Heiden, Griechen und Barbaren, Herren und Sklaven wurde niedergerissen, Alle sind Ein Leib und Ein Geist, wie auch Alle zu Einer Hoffnung berufen worden sind. Alle Versuche, diese Einheit durch Mißbräuche, Neuerungen, Schismen, Häresien zu schwächen oder zu untergraben, wurden von den Aposteln energisch zurückgewiesen (1 Cor. 1, 10 ff. Gal. 1, 6 ff. Röm. Kap. 9. 11. Col. 2, 8 ff. 1 Tim. 1, 3 ff.; 4, 1 ff.; 6, 3 ff. 2 Tim. 4, 1 ff. 1 Joh. 2, 18 ff.). Die nachapostolsiche Zeit hatte als Zeichen dieser Einheit das Taufsymbol und die Glaubensregel. Diese wurde den Häretikern entgegen gehalten als die eine Regle der Wahrheit gegenüber dem vielgestaltigen Irrthum der Secten. Sie wäre aber nicht mächtig genug gewesen, das Banner der Einheit aufrechtzuhalten, wenn sie nicht in einem Organismus gleichsam verkörpert gewesen wäre. Nirgends gibt es eine Einheit unter vielen Menschen ohne ausführende Personen, ohne eine thatkräftige Auctorität. Gott hat in der Kirche Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer aufgestellt zur Ausrüstung der Heiligen zum Werke des Dienstes, zur Erbauung des Leibes Christi, bis wir Alle gelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntniß des Sohnes Gottes (Eph. 4, 11 ff.). Je weiter sich die Kirche ausbreitete, um so deutlicher trat dieser Mittelpunkt der Einheit hervor. Deßhalb haben schon die Väter des 2. Jahrhunderts den Beweis für die Einheit mit dem Beweis für die kirchliche Verfassung verbunden. Der Episcopat gilt ihnen als Träger der Einheit in den Einzelgemeinden und in seiner Verbindung mit dem römischen Stuhl als Träger der Einheit der ganzen Kirche (Ignatius, Hegesipp, Irenäus, Tertullian). Die Kirche hat ihr sichtbares Fundament in den ἐπίσκοποι οἱ κατὰ τὰ πέρατα ὁρισϑέντες (Ignat. ad Eph. 3) und ihre Spitze in der Kirche der Apostel des hl. Petrus und Paulus (Ad Rom. 4). Der hl. Cyprian, der unermüdliche Vertheidiger der kirchlichen Einheit, hat gerade die episcopale Verfassung für die Grundlage der Einheit erklärt. »Die Kirche ist durch das Band der im Zusammenhange stehenden Priester (sacerdotes = episcopi) verbunden« (Ep. 66, 8). »Eine einzige Kirche, durch die ganze Welt in viele Glieder zertheilt, stammt von Christus her; gleicherweise Eine Bischofswürde, ausgegossen über die einmüthige Menge vieler Bischöfe« (Ep. 55, 24). Weder die schismatischen Streitigkeiten im Abendlande (Novatianer, Donatisten), noch die zahlreichen theologsichen und christologischen Häresien des Morgenlandes, welche zeitweilig auch in die abendländische Kirche tiefe Spaltungen hineinbrachten, konnten auf die Dauer das Band der kirchlichen Einheit zerreißen. Das morgenländische Schisma hat die eine katholische Kirche in zwei Theile, eine griechisch-katholische und eine römisch-katholische, gespalten, aber dennoch war der Rock Christi nicht zerrissen, sondern nur schwer beschädigt. Der Centralpunkt der Einheit, das Princip, der Geist des kirchlichen Lebens blieb bei der katholischen Kirche des Abendlandes. Niemand wird dieß bezweifeln können, der die seitherige Geschichte beider Kirchen einigermaßen verfolgt hat. Auch der starke Abfall von der einen Mutterkirche zur Zeit der sog. Reformation konnte die Kirche wohl schwächen, mußte aber doch dazu beitragen, ihr inneres Leben und ihre innige Verbindung mit dem sichtbaren Oberhaupt zu fördern und zu stärken. Die Kirche war im Stande, alle diese schmerzlichen Eingriffe zu überwinden und die lebendige Einheit zu bewahren, während die griechische Kirche eine starre Einheit ohne Leben, die protestantischen Kirchen zwar Bewegung, aber ein buntes Gewirr einander bekämpfender Gemeinschaften ohne Einheit besitzen (Vat. S. III prooem.).

3. Die Katholicität. Die Einheit wird zu einem desto wirkungsvolleren Merkmal der Kirche, je weiter diese zeitlich und räumlcih ausgedehnt ist. Indem die Katholicität zu der Einheit hinzukommt, gewinnt der Beweis für die Wahrheit der Kirche an Anschaulichkeit und Evidenz. Die heilige Schrift hat das Wort nicht, aber wohl die Sache, d. h. die Universalität der Kirche bezw. des Reiches Gottes nach Ort und Zeit. Schon die Weissagungen des Alten Testamentes verkündigen für das messianische Reich den Zutritt aller Völker und Nationen zum Berg Sion, zum heiligen Jerusalem. Darauf bezieht es sich, wenn der hl. Augustinus sagt, die Propheten hätten genauer über die Kirche als über den Messias geweissagt. Im Neuen Testament klagt zwar der Herr über die unbußfertige Menge und die verstockten Pharisäer. Er tröstet die kleine Heerde und warnt vor dem breiten Weg. Aber ncihtsdestoweniger läßt er in den Gleichnissen aus dem Senfkorn einen großen Baum herauswachsen, betet für alle Menschen und sendet seine Apostel zu allen Völkern. Und die Kirche breitete sich aus von Jerusalem über Judäa, Samaria, die ganze Erde. Das Wort selbst mußte sich in der Kirche einstellen, sobald sich von der Kirche separatistische Gemeinschaften absonderten, um neben ihr eine Kirche zu gründen, gegen sie zu wirken. Zum ersten Male begegnet uns dasselbe beim hl. Ignatius: »Wo der Bischof erscheint, da soll auch die Menge sein, wie dort, wo Jesus Christus ist, auch die katholische Kirche ist« (Smyrn. 8). Der Verfasser des Martyriums des hl. Polycarp (gest. ca. 155) erzählt, die Gemeinde von Smyrna habe an die Gemeinde von Philomelium in Phrygien und an alle Paroikien (bischöfliche Kirchen) der heiligen katholischen Kirche an allen Orten einen Bericht über das Ende des Martyrers geschickt. Derselbe habe in seinem letzten Gebete auch »der ganzen über den Erdkreis verbreiteten katholischen Kirche« gedacht. Im Muratorischen Fragment (zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts) wird die Auctorität der katholischen Kirche bei der Feststellung des Canons hervorgehoben. Von da an ist das Wort allgemein im Gebrauch, in Rom, in Kleinasien, in Palästina, in Alexandrien. Officiell erscheint es zuerst in der sogen. apostolischen Liturgie. Seit der Mitte des 4. Jahrhunderts ist es in die meisten provinzialkirchlichen Symbole des Orients aufgenommen. Allgemein wurde jetzt dieses Wort der Zuname des Christen: Christianus mihi nomen, Catholicus mihi cognomen (Pacianus). Im Kampfe mit der Häresie und dem Schisma mußte der Begriff näher bestimmt werden. Dies geschah, indem man zunächst das mehr in die Augen fallende Moment desselben, die sichtbare Ausdehnung hervorhob, sodann aber, indem man das innere Moment, die Universalität der Wahrheit, Gnade und Tugend betonte. Cyrill von Jerusalem bemerkt (Cat. 18, 23): »Katholisch wird sie genannt, weil sie über den ganzen Erdkreis, von einem Ende bis zum andern ausgebreitet ist, und weil sie allgemein (καϑολικῶς) und ununterbrochen alle für das Wissen der Menschen nothwendigen Glaubenslehren verkündigt, weil sie das ganze Menschengeschlecht der rechten Gottesverehrung unterwirft, die Herrscher wie die Unterthanen, die Gelehrten wie die Ungelehrten, und endlich weil sie alle Sünden der Seele und des Leibes heilt.« Eine Anwendung von diesem Merkmal der gesammten Kirche macht Cyrill, wie andere Väter, namentlich der hl. Augustinus, auf die Einzelkirche, das katholische Gotteshaus, indem er bemerkt, daß, wenn man in eine fremde Stadt komme und nach der katholischen Kirche frage, selbst kein Häretiker es wage, eine andere, und wäre es auch seine eigene, als die der wirklichen katholischen Kirche zu zeigen. Zwar haben er und andere Väter vor und nach ihm in der Freude ihres Herzens die räumliche Ausdehnung der Kirche zu optimistisch geschätzt, aber sicher waren schon zur Zeit Tertullians überall im römischen Reiche, in allen Klassen und Ständen, zahlreiche Christen anzutreffen. Stets hat auch die Gesammtzahl der Katholiken nicht nur die Zahl der einzelnen Sectenanhänger, sondern aller Bekenner der Secten zusammen übertroffen. Selbst zur Zeit des Arianismus, als sich der christliche Erdkreis wunderte, daß er arianisch geworden sei (Hieron.), war von keinem innerlichen Abfall, sondern nur von einer durch Zwang herbeigeführten vorügergehenden äußern Accommodation die Rede (vgl. Aug. Ep. 93, 9). Gegen die Bekenner der häretischen Gemeinschaften aber, nicht gegen das Juden- und Heidenthum ist der Name katholisch in erster Linie gerichtet. Aber selbst diesen gegenüber hat derselbe noch seine Bedeutung, weil keine der heidnischen Religionen einen universellen Charakter hat. Sie sind alle entweder streng national oder wenigstens auf gewisse geographische und klimatische Regionen beschränkt. Ebenso haben sie im Laufe der Zeit sich ganz wesentlich verändert. Nur die katholische Kirche kann sich rühmen, daß sie das Kreuz überall, in allen Erdtheilen, auf den entferntesten Inseln des Oceans aufgepflanzt hat und in der Missionsthätigkeit unter den Heiden nie erlahmt ist, während die Secten sich lange nur aus den Gliedern der Kirche recrutirten. Si totum orbem consideres, sagt schon der hl. Augustinus den Donatisten, so kann nur die katholische Kirche als die universelle betrachtet werden. Über ihre gegenwärtige Ausbreitung s. d. Art. Kirchengebiet.

4. Die Heiligkeit. Nach dem Vorgange des hl. Paulus im Epheserbriefe ist das Merkmal der Heiligkeit seit der ältesten Zeit von der Kirche für sich in Anspruch genommen worden. Der Herr selbst hat seine Kirche als seine Braut geheiligt durch das Bad der Wiedergeburt im Worte, d. h. er hat durch die Gnade der Erlösung die Gläubigen zu einem neuen Leben umgeschaffen und ihnen die Kraft zu einem heiligen Leben verliehen. Er hat aber auch dafür gesorgt, daß seine Braut stets ohne Makel und Runzeln sei, also das Merkmal der Heiligkeit nie verliere, wenn auch einzelne, viele ihrer Glieder unheilig sein sollten. Dieß ist nur durch die der Kirche gewährte Kraft des heiligen Geistes möglich, welche es nie zulassen kann, daß das Antlitz der Kirche ganz verunstaltet werde. Daraus geht aber auch hervor, daß der Kirche das Merkmal der Heiligkeit stets zukommen muß. Die Heiligkeit kann wieder eine objective und eine subjective sein. Objectiv heilig sind alle durch die Taufe in die Kirche aufgenommenen Gläubigen, weil sie aus der Menge der Heiden und Sünder ausgesondert und Gott geweiht, ἅγιοι sind. Daher hat der Apostel in seinen Adressen die Christen als Heilige, Geheiligte, zur Heiligung und Heiligkeit Berufene angeredet. Auf Grund der Gnade der Wiedergeburt sollen aber die Gläubigen auch wirkliche Heilige, ὅσιοι καὶ δίκαιοι sein, wahrhafte Früchte der Gerechtigkeit bringen. »Seid heilig, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott«, sprach Jehova einst zu Moses. »Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist«, ermahnt Jesus seine Jünger in der Bergpredigt (Matth. 5, 48). Und er konnte von sich selbst sagen, daß kein Mensch ihn einer Sünde beschuldigen könne, er war ein Vorbild der Heiligkeit und Vollkommenheit. Sollten also die Israeliten ein heiliges Volk sein dem Herrn, ihrem Gotte, der sie erwählt, daß sie sein eigenthümliches Volk seien von allen Völkern, die auf Erden sind (Deuter. 7, 6; 14, 2), um wie viel mehr sind die aus der Hand ihrer Feinde befreiten Gläubigen verpflichtet, ihrem Gott furchtlos zu dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit alle Tage ihres Lebens? (Luc. 1, 74. 75.) Der hl. Paulus wird nicht müde, die Gläubigen zu ermahnen, daß sie den Tempel des heiligen Geistes nicht verunreinigen, den Leib Christi nicht beflecken durch Hingabe ihrer Glieder an die Sünde. Sie sollen vielmehr den alten Menschen ausziehen und den neuen Menschen anziehen, der nach Gott geschaffen ist in Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wahrheit (Eph. 4, 22–28. Röm. 6, 19 ff. Gal. 5, 19 ff.). »Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung.« »Nicht zur Unlauterkeit hat uns Gott berufen, sondern zur Heiligung« (1 Thess. 4, 3. 7). Das apostolische Symbolum hatte ursprünglich, und noch im 5. Jahrhundert, nur sanctam Ecclesiam; Ignatius gebraucht das Epitheton von der Einzelkirche (Trall. initio); Hermas, Tertullian (Adv. Marc. 5, 4), die apostolische Liturgie, Cyprian legen es allgemein der Kirche bei; die Apologeten benutzen gerade diese Eigenschaft der Kirche, um die Bedeutung derselben für die Familie, Gemeinde, für den Staat anschaulich zu schildern und den Gegensatz zum heidnischen Leben zu illustriren. Als Merkmal, Erkennungszeichen der wahren Kirche haben wir dann auch gerade diese äußere, in die Wahrnehmung tretende Heiligkeit der Kirche in’s Auge zu fassen, denn darüber herrscht unter den christlichen Confessionen kein Zweifel, daß die Kirche vermöge ihres Ursprunges aus Gott, ihres Zweckes für die Heiligung der Menschheit, ihrer Lehre und Gnadenmittel, ihrer Leitung durch den heiligen Geist als eine heilige, als die heilige Kirche zu betrachten sei. Der Streit beginnt erst, wenn es sich um den Nachweis handelt, wo die schönsten und meisten Früchte der göttlichen Gnade, die herrlichsten und zahlreichsten Tugenden und guten Werke zu finden seien. Auch darüber kann im Ernste kein Streit herrschen, daß in den ersten Jahrhunderten die Kirche, die katholische Kirche es war, welche die Massen der Heiden bekehrte, aus den Sündern Diener Gottes, aus den Unzüchtigen Keusche, aus den Geizigen Wohlthäter, aus den Weichlingen Martyrer machte. Gewiß, durch die Thätigkeit der katholischen Kirche wurde die Menschheit umgewandelt und das Antlitz der Erde erneuert. »Und siehe, Alles war neu.« Tatian, Tertullian, M. Felix, Origenes, Athanasius u. A. entwerfen uns herrliche Gemälde von dem heiligen Leben der Christen, und diese Gemälde gewinnen noch an Reiz durch den Schatten, welchen das heidnische Leben auf sie wirft. Der Kaiser Constantin sagt in seiner Rede »an die Versammlung der Heiligen« von der Kirche: »Als er (Jesus Christus) den ganzen Erdkreis mit den Tugenden der keuschen Sittsamkeit und der Weisheit und Mäßigung geziert hatte und in seines Vaters Wohnung wieder zurückgekehrt war, gründete er (auf Erden) seine Kirche als einen heiligen Tempel der Tugend, der ewig und stets rein fortbestehen und in welchem dem höchsten Gotte, seinem Vater, das Opfer der Andacht, sowie auch ihm slebst die gebührende Anbetung dargebracht werden sollte« (Eus. Vit. Const. 5, 1). Diese Heiligkeit der Kirche ist aber nicht bloß ein Unterscheidungszeichen von dem Heidenthum, sondern auch ein Unterscheidungszeichen von der Häresie. Vergebens wird man bei den Secten eine ähnliche Heiligkeit suchen, selbst wenn sie darin mit der Kirche übereinstimmten, daß sie im Verzicht auf Besitz und Genuß das Ideal der christlichen Vollkommenheit sahen. Wer möchte einen Cerinth, Marcion, Montanus, Arius, Nestorius und viele Andere mit den Heiligen und Martyrern der Kirche zusammenstellen? Sollte aber der Grund hievon nicht darin zu suchen sein, daß in der Kirche die volle, unverfälschte Wahrheit niedergelegt ist, und der unversiegliche Quell der Gnade das Wasser des ewigen Lebens hervorströmen läßt? Die katholische Kirche heiligt mit ihrem Kranze von sieben Sacramenten das ganze Leben des Christen von der Wiege bis zum Grabe, sie verleiht den einzelnen Handlungen des Lebens durch ihre Sacramentalien eine höhere Weihe, eine Beziehung zum heiligen Gott, sie versöhnt in dem unblutigen Erneuerungsopfer des blutigen Kreuzesopfers den gerechten und barmherzigen Vater mit der sündigen Menschheit, sie sucht den Samen des göttlichen Wortes in die Seele des unschuldigen Kindes zu senken und das Wachsen und Gedeihen desselben durch Zuspruch, Tröstung, Ermahnung, Strafe zu fördern. Sie hat die »evangelischen Räthe« in das Leben umzusetzen gewußt, indem sie viele Tausende aus allen Ständen und Altern begeisterte, die Welt mit ihren Reizen zu verlassen und nur Gott zu leben oder im Dienste der Nächstenliebe ihr Leben aufzuopfern. Der Gläubige sieht sich also in der katholischen Kirche in eine vom Hauche der Gnade und Heiligkeit durchwehte Atmosphäre versetzt, Alles weist ihn auf seine Heiligung, auf das Ziel des Pilgers auf Erden. Freilich sind nicht alle Glieder der Kirche heilig. Der Herr hat es in den Parabeln vorausgesagt, und die Väter haben dadurch die Kirche gegen exclusiv ascetische Richtungen vertheidigt. Der hl. Augustinus sieht sich sogar zu dem Widerruf veranlaßt, daß, wo er in seinem Werke über die Taufe gegen die Donatisten den Ausspruch gebrauche, daß die Kirche keine Makeln und Runzeln habe, dasselbe nicht so zu verstehen sei, als ob die Kirche bereits so sei, sondern daß sie zubereitet werde, um es zu sein, wenn sie in ihrer Glorie erscheinen werde. Andere Väter (Hieron.), denen auch der hl. Thomas folgt, haben mit Augustinus Eph. 5, 27 deßhalb auf die triumphirende Kirche bezogen. Die späteren Jahrhunderte brachten oft trübe Zeiten über die Kirche, das Unkraut schien den Weizen zu überwuchern und zu ersticken. Doch hat Christus nie seine Kirche ganz verlassen. Mitten in den Stürmen der Völkerwanderung und trotz der schwierigen Arbeit, die hereinstürmenden Horden und Völker zu bekehren, ist es der Kirche doch möglich geowrden, zahlreiche Heilige hervorzubringen und durch sie wieder Tausende zu einem heiligen Leben zurückzuführen; weit zahlreicher sind natürlich jene Heiligen der Kirche, welche ein verborgenes Leben führten und in engerem Kreise für die Ausbreitung des Reiches Gottes wirkten. Es sind nur die wenigsten wirklichen Heiligen in den Katalogen der Heiligen verzeichnet, vielmehr folgen dem Lamme Unzählige aus allen Nationen; aber diejenigen, welche verzeichnet sind, beweisen, daß die Kirche heilig ist, denn in diesen Heiligen und an ihren Reliquien hat sich die Kraft Gottes durch Wunder geoffenbart, auf daß die Gläubigen mittels der Verehrung der Heiligen von Gott die Gnade der Heiligkeit erhalten und dem Beispiele der Heiligen immer eifriger nachahmen. Man wird im Einzelnen mit diesem Merkmal immer vorsichtig sein müssen und darf nicht vergessen, daß Gott durch seine Gnade überall neues Leben erwecken kann; aber unzweifelhaft kommt der katholischen Kirche durch ihren Stifter, ihren Beistand, ihre Lehre, ihre Gnadenmittel, ihre Aufgabe und ihre Wirkungen das Merkmal der Heiligkeit zu.

Literatur. Von den Vätern sind besonder Irenäus, Tertullian (De praescriptionibus), Cyprian (De unitate Ecclesiae catholicae), Augustinus (gegen die Donatisten, T. IX, Migne XLIII), Optatus von Mileve (De schismate Donatistarum) zu nennen. Gegen die Reformatoren: M. Canus, De locis theologicis, l. 4–6, Salm. 1563, Migne, Theol. Curs. I; Bellarmin, Disputationes de controversiis christianae fidei adversus hujus temporis haereticos, II, Rom. 1581; Stapleton, Principiorum fidei doctrinalium demonstratio, Par. 1582; P. et Adr. de Walenburch, De controversiis fidei tractatus generales, Col. 1669, Tractatus speciales, 1671, Migne, Theol. Curs. I; Sardagna S. J., Theologia dogmatico-polemica, II, III, 1769. Eine übersichtliche Analyse dieser und anderer Schriften über die Kirche findet sich bei Werner, Geschichte der apologetischen und polemischen Literatur der christlichen Theologie, Schaffh. 1861–1867, vgl. I, 509 ff. II, 457 ff. 502 ff. III, 591 ff. IV, 530 ff. Möhler, Die Einheit in der Kirche, Tüb. 1825, Symbolik, Mainz 1832; Passaglia, De ecclesia Commentar. ll. V, 1853; Perrone, Praelectiones theologicae, II, Ratisb. 1854; Pilgram, Physiologie der Kirche, Mainz 1860; Patritius Murray, Tractatus de Ecclesia Christi, Dubl. 1860; Döllinger, Kirche und Kirchen, Papstthum und Kirchenstaat, München 1861; Probst, Kirchliche Disciplin in den drei ersten christlichen Jahrhunderten, Tüb. 1873; Kellner, Verfassung der Kirche, 2. Aufl., 1876; Deby, Die Eine wahre Kirche, Freib. 1879; Söder, Der Begriff der Katholicität der Kirche und des Glaubens nach seiner geschichtlichen Entwicklung, Würzb. 1881; Röhm, Confessionelle Lehrgegensätze, Hildesh. 1883–1889; Hettinger, Lehrbuch der Fundamentaltheologie, 2. Theil, 2. Aufl., Freib. 1888; Schanz, Apologie des Christenthums, 3. Thl.: Christus und die Kirche, Freib. 1888. Protestantische: Bingham, Origines ecclesiae, or the Antiquities of the Christian Church, 1708–1722, Oxf. 1878; Rothe, Die Anfänge der Kirche und ihrer Verfassung I, 1837; Ritschl, Die Entstehung der altkatholischen Kirche, 1850, 2. Aufl. 1857; Kliefoth, Acht Bücher von der Kirche, 1854; Preger, Zwei Bücher von der Kirche, 1854; Köstlin, Das Wesen der Kirche, 2. Aufl., 1872; Hackenschmidt, Die Anfänge des katholischen Kirchenbegriffes, 1874; J. Delitzsch, Das Grunddogma des Romanismus oder die Lehre von der Kirche, 1875; Krauß, Das protestantische Dogma von der unsichtbaren Kirche, 1876; Wendt, Symbolik der römisch-katholischen Kirche, 1880; H. Schmidt, Die Kirche, ihre biblische Idee und die Formen ihrer geschichtlichen Erscheinung in ihrem Unterschiede von Secten und Häresie, 1884.

[Paul Schanz.]


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