Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Kirchenrecht im objektiven Sinne ist der Inbegriff der für die Kirche geltenden Rechtsbestimmungen, im subjectiven Sinne der Kreis der der Kirche zustehenden Befugnisse. In beiden Beziehungen hat man das Kirchenrecht nach den Quellen, aus welchem es hervorgeht, in göttliches Recht (jus divinum) und in menschliches Recht (jus humanum) zu unterscheiden. Ersteres sind Rechtsregeln und Vollmachten, welche unmittelbar von Christus, dem göttlichen Stifter der Kirche, herrühren, deren die Kirche zur Erfüllung ihres Zweckes nothwendig bedarf, und welche den unveränderlichen Kern des Ganzen bilden. Letzteres sind Rechtsregeln und Befugnisse, welche von den in der Kirche gesetzten Obrigkeiten festgestellt sind und mit Rücksicht auf die verschiedenen Zeit- und Ortsverhältnisse verschieden gestaltet werden können. Diese sind, weil alle menschlichen Verhältnisse in stetem Fluß bleiben, einer Fortentwicklung nicht bloß fähig, sondern unter Umständen auch bedürftig; nur besteht dabei insofern eine Schranke, als das jus humanum nicht mit dem jus divinum, überhaupt nicht mit den Dogmen der Kirche in Widerspruch treten darf.

Das ganze jus divinum ist zwar mit der Stiftung der Kirche entweder unmittelbar gegeben oder doch eine nothwendige Folge des unmittelbar gegebenen göttlichen Gebotes; aber es sind doch manche zu demselben gehörende Satzungen und Befugnisse der Kirche nicht allsogleich, sondern erst später, je nachdem gerade das Bedürfniß dazu sich ergab, in’s Leben getreten, geltend gemacht und angewandt worden. Man kann darum auch nicht behaupten, daß die drei ersten christlichen Jahrhunderte in jeder Beziehung für die Verfassung und Disciplin der Kirche auch der spätern und der jetzigen Zeit als maßgebendes Vorbild anzusehen seien. In jenen Zeiten der Verfolgung war die Kirche fast nur im Geheimen organisirt und durch die äußere Macht und Gewalt des dem Christenthum feindlichen heidnischen Staates und Volkes an ihrer offenen freien Entfaltung gehindert. Als mit Wegfall jener hemmenden Schranken die Kirche sich ungehindert ausbreiten konnte, als sie sich mehr und mehr über die ganze Welt ausdehnte, und als mehr und mehr der Geist des Christenthums das ganze Leben der Völker zu durchdringen begann, da mußte auch die gesellschaftliche Ordnung der Kirche diesem umfangreichen, sich freier entwickelnden und ausgedehntern Körper angepaßt werden. Die kirchliche Disciplin mußte, wie die Kirche immer neue Zweige trieb, auch in diesen neuen Richtungen weiter ausgebildet werden, und wenn die äußeren oder inneren Verhältnisse der Kirche sich mitunter wieder verschlechterten, mußte denselben in der kirchlichen Disciplin, in der Gestaltung des jus humanum entsprechende Rechnung getragen werden, soweit solches ohne Verletzung des jus divinum geschehen konnte. Auch in der Gegenwart ist, abgesehen vom jus divinum, welches die Kirche nie und nirgends aufzugeben vermag, die kirchliche Organisation im Einzelnen, die kirchliche Disciplin und die kirchliche Macht, eine andere in den seit langem christlichen Ländern, als bei den erst vor Kurzem aus dem Heidenthum zum Christenthum bekehrten Völkerschaften, bei welchen die Kirche mehr oder weniger noch von den bloßen Anforderungen ihres jus humanum absieht, um nicht durch zu viele Anforderungen und Bestimmungen von der Kirche und dem Christenthum die dessen noch ungewohnten Völker abzuschrecken. Je nachdem ferner heute die Staatsgewalt eines Landes der Kirche freundlich oder feindlich ist, die Handhabung der kirchlichen Disciplin unterstützt, nicht unterstützt oder gar hemmt, muß die Kirche auch diesen Umständen ihre Disciplin und deren Handhabung, soweit es möglich und mit dem jus divinum verträglich ist, anpassen; daher sind auch in der Gegenwart die kirchlichen Satzungen und Anforderungen des jus humanum nicht in jeder Beziehung überall die nämlichen und können dieß auch nicht sein.

Man bezeichnet das jus divinum, das überall sich gleich und unabänderlich bleibende Recht, auch als jus naturale, weil es von Gott, dem Urheber der gesammten Natur, eine mit deren Schöpfung unmittelbar gegebene Ordnung und Anforderung ist; aber es gibt kein natürliches Kirchenrecht, keine kirchliche Rechtsphilosophie in dem Sinne, daß darunter nicht das aus der göttlichen Offenbarung geschöpfte göttliche Recht und das mit diesem im Einklange stehende menschliche Recht, sondern ein vom Christenthum ganz absehendes, aus rein subjektiven Vernunftbegriffen entwickeltes Recht verstanden würde. Längst allgemein als verfehlt anerkannte Versuche in letzterer Richtung machten: Schmalz (Natürliches Kirchenrecht, Königsberg 1795), Krug (Kirchenrecht nach den Grundsätzen der Vernunft, Leipzig 1826; vgl. dazu Schirmer, Kirchenrechtliche Untersuchungen, Berlin 1829), G. v. Wiese (in seinen einst viel gebrauchten Grundsätzen des gemeinen in Deutschland üblichen Kirchenrechts, Göttingen 1793, 6. Aufl. von Morstadt, Göttingen 1850, und seinem Handbuch des gemeinen Kirchenrechts, Leipzig 1799, 3 Bde. in 4 Thln.) und (der Hermesianer) v. Droste-Hülshoff (Grundsätze des gemeinen Kirchenrechts, I, 2. Ausg. Münster 1832, § 12). Ferd. Walter trat in seinem Lehrbuch des Kirchenrechts (vgl. § 4, Note 2, S. 6 der 14. Aufl.) zuerst der Aufstellung eines derartigen sog. natürlichen Kirchenrechts entgegen. In einer solchen Philosophie des Kirchenrechts, in einem derartigen über die göttlichen Satzungen und Anforderungen sich erhebenden idealen Kirchenrecht läge zugleich eine Kritik der geoffenbarten Religion und der von Christus gesetzten Grundverfassung der Kirche, so daß sich da die menschliche Vernunft zum Richter über die Vortrefflichkeit der göttlichen Anordnungen aufwerfen würde. Solches würde selbst dann der Fall sein, wenn man ein natürliches Kirchenrecht auch nur als Norm für die Verhältnisse der Kirche nach Außen, in Bezug auf ihr Verhältniß zur Staatsgewalt und zu anderen Religionsgesellschaften durch die Vernunft erst erfinden zu müssen glaubte. Die Zwecke und Aufgaben der Kirche sind auch in dieser Richtung von ihrem göttlichen Stifter gegeben. (Vgl. über diese Fragen auch Pilgram, Physiologie der Kirche, Forschungen über die geistigen Gesetze, in denen die Kirche nach ihrer natürlichen Seite besteht, Mainz 1860; Beidtel, Das canonische Recht, betrachtet aus dem Standpunkt des Staatsrechts, der Politik, des allgemeinen Gesellschaftsrechts und der seit dem Jahre 1848 entstandenen Staatsverhältnisse, Regensburg 1849.) Keineswegs ausgeschlossen und nicht nur sehr werthvoll und ersprießlich, sondern sogar für ein gründliches wissenschaftliches Erfassen des Kirchenrechts unerläßlich ist eine philosophische Behandlung des Kirchenrechts, eine kirchliche Rechtsphilosophie der Art, daß man den logischen Zusammenhang zwischen den Dogmen und Rechtssätzen der Kirche, die Wechselbeziehungen zwischen dem jus divinum und dem jus humanum der Kirche erforscht und darlegt, die Tragweite und die durch das Wesen und den Zweck der Kirche bedingten Grenzen des nationalen und überhaupt des staatlichen und weltlichen Einflusses auf die Entwicklung und Gestaltung des Kirchenrechts untersucht und nachweist.

In neuerer Zeit hat man vom Standpunkte des Staatsabsolutismus gegenüber der Kirche öfter behauptet, es gebe gar kein eigentlich kirchliches, kein selbständiges kirchliches Recht; alles und jedes Recht gehe nur vom Staate aus; nur insofern könne man von kirchlichen Rechtsnormen und von kirchlichen Rechtsanforderungen reden, als der Staat dafür seine Zwangsvollstreckung gewähre; der Staat sei die alleinige Quelle alles Rechtes; die bloß kirchlichen Satzungen und Anforderungen hätten an sich nur eine ethische, moralische Bedeutung und Wirkung. Man könnte gerade so richtig sagen, es gebe auch keinen Gott, außer soweit ihn der Staat anerkenne. Es gibt zwar in der Kirche auch bloße Gewissenspflichten; aber als von Gott, von Christus gestiftete, sichtbare, vom Staate verschiedene Gesellschaft hat die Kirche zugleich ihre äußere besondere Gesellschaftsordnung, welche theils von Christus selbst unmittelbar gegeben, theils von den nach der göttlichen Anordnung berufenen Trägern der Kirchengewalt aufgestellt und gehandhabt ist. Das Kirchenrecht ist wie das des Staates ein positives, d. h. es verpflichtet die Mitglieder der Kirche zur Befolgung. Auch hat die Kirche schon aus sich die Mittel zur Erzwingung des Gehorsams gegen ihre Gesetze. Sie macht einerseits von der Befolgung ihrer Gesetze die Gewährung der besonderen kirchlichen Rechte, Gnaden und Güter abhängig; andererseits bedient sich die Kirche auch äußerer, körperlicher Zwangsmittel. Wo solche angewandt werden, sind es zwar gewöhnlich die des Staates, welcher der Kirche seine Unterstützung leiht, aber die Kirche behauptet, es stehe an ihr selbst schon nach den von Christus empfangenen Vollmachten eine körperliche Zwangsgewalt zu. Solches erklärte Papst Johann XXII. in der dogmatischen Bulle Licet juxta vom 23. October 1327 (Odor. Raynaldi Annal. eccl. XV, 329 sq., n. 33; Roskovany, Monumenta cath. I, 95 sqq.). Diese Bulle wurde von demselben Papste in der Bulle Certum processum (Magni Bullar. Roman. Contin., ed. Luxemb., IX, 172) wörtlich wiederholt. (Vgl. über diese Fragen v. Hammerstein, Kirche und Staat etc., Freiburg 1883.)

Man hat das Kirchenrecht auch wohl als jus sacrum bezeichnet, weil die Kirche und darum auch ihr Recht den Charakter der Heiligkeit an sich trägt; ferner hat man, weil die Satzungen des Kirchenrechts großentheils von den Päpsten erlassen sind, das Kirchenrecht auch jus pontificium genannt, in früherer Zeit namentlich im Gegensatze zum jus Caesareum. – Allein als Kirchenrecht, jus ecclesiasticum im engern und ursprünglichen Sinne erscheint bloß das kirchliche Recht, d. h. die von den kirchlichen Organen für die Kirche aufgestellten Rechtssatzungen und das von der Kirche kraft der ihr von ihrem Stifter gewährten Vollmachten oder zur Unterstützung der Erfüllung derselben beanspruchten Befugnisse. Im weitern Sinn umfaßt das Kirchenrecht außerdem aber auch die von der Staatsgewalt zur Unterstützung der kirchlichen Disciplin aufgestellten Rechtssätze und die der Kirche gewährten staatlichen Befugnisse (einschließlich der etwaigen kirchenpolitischen Beschränkungen). Nicht ganz gleichbedeutend mit dem Ausdrucke Kirchenrecht in dem vorher angegebenen Sinne ist der Name canonisches Recht. Als κανών, d. h. Richtschnur bezeichnete man ursprünglich jede Regel des christlichen Glaubens und Lebens, sowie auch die Gesammtheit derselben, seit dem 4. Jahrhundert vornehmlich die auf den Synoden festgesetzten und schriftlich verzeichneten kirchlichen Satzungen im Gegensatze zur Tradition und später auch im Gegensatze zu den νόμοι d. h. den Gesetzen der griechischen Kaiser. Im Abendlande wurde es seit dem frühen Mittelalter Sprachgebrauch, überhaupt alle von kirchlichen Organen ausgegangenen Rechtsbestimmungen canones zu nennen, im Gegensatze zu den leges, d. h. den weltlichen Rechtssatzungen; daher hieß der Inbegriff der kirchlichen Rechtssätze jus canonicum im Gegensatze zum jus civile, d. h. dem Inbegriffe des bürgerlichen Rechts. Später verstand man unter jus canonicum insbesondere das in den Rechtssammlungen enthaltene Recht, welche vereinigt den Namen corpus juris canonici erhielten. Dieses canonische Recht enthält weniger als das Kirchenrecht, insofern es das in den neueren Kirchenrechtsquellen enthaltene Recht nicht mit umfaßt; andererseits enthält es aber wieder mehr als das Kirchenrecht, weil darin auch viele von kirchlichen Organen, namentlich den Päpsten, ausgegangene oder aus dem bürgerlichen Rechte wiederholte oder dieses abändernde Rechtsbestimmungen über bürgerliche Rechtsinstitute vorkommen. Das canonische Recht bildet nächst dem römisch-justinianischen Rechte die zweite Quelle des im alten römischen Reiche deutscher Nation zur Geltung gelangten und noch jetzt in einigen Gebieten dieses weiland deutschen Reiches geltenden sogen. gemeinen Rechtes, welches freilich in dem größten Theile Deutschlands und in Österreich durch neue Gesetzbücher ersetzt ist und für das neue deutsche Reich durch ein im Entwurfe begriffenes neues bürgerliches Gesetzbuch ersetzt werden soll. Aber für den Inhalt dieser particulären Gesetzbücher bildet jenes canonische Recht noch immer eine wichtige materielle Grundlage, und auch jetzt bestehen überall noch manche Rechtsverhältnisse und Institute, welche, als unter der Herrschaft des alten gemeinen Rechtes entstanden, noch jetzt nach diesem und häufig gerade nach den Bestimmungen der zweiten Quelle des gemeinen Rechtes, nach dem canonischen Rechte, zu beurtheilen sind. Man denke z. B. an die juristische Persönlichkeit von Diöcesen und Capiteln, an die Wirkungen der Incorporationen u. dgl.

Wie schon im römischen Rechte, hat man auch im Kirchenrecht, aber nur im jus humanum, nicht im jus divinum, neben dem jus scriptum oder Gesetzesrecht, d. i. dem von der gesetzgebenden Gewalt ausdrücklich als Norm aufgestellten Rechte, auch das Gewohnheitsrecht (s. d. Art.) zugelassen, d. h. ein Recht, welches sich durch seine thatsächliche Anwendung im kirchlichen Rechtsleben kundgegeben hat und, weil es die vom Gesetze für ein solches Recht geforderten Eigenschaften hat, auch als verbindlicher Rechtssatz anzuerkennen ist. Ebenso wurden bezüglich des Kirchenrechtes von der kirchlichen Rechtswissenschaft aus dem römischen Recht eine Anzahl allgemeiner Rechtsbegriffe herübergenommen. Dahin gehört zunächst die Unterscheidung in jus generale oder regelmäßiges Recht und in jus speziale oder regelwidriges Recht. Ersteres ist eine Rechtsvorschrift, welche gelten soll, so oft die in derselben bestimmten Voraussetzungen vorhanden sind. Letzteres ist der Erlaß der gesetzgebenden Gewalt, wodurch unmittelbar für einen einzelnen Fall, für ein einzelnes bestimmtes Verhältniß, die einzelne Person oder das einzelne Institut ein Recht festgestellt wird, und zwar so, daß die Vorschrift nur für den einzelnen Fall, diese einzelne Person oder dieses einzelne Institut, nicht auch für andere ähnliche Fälle, für gleichartige Verhältnisse anderer Personen oder Institute gelten soll. Die besondere Befugniß oder Verpflichtung, die eine einzelne physische Person oder ein Institut durch ein jus speciale erwirbt, heißt privilegium. Ferner ist aus der römischen Rechtswissenschaft entlehnt die Eintheilung in jus commune oder gewöhnliches Recht und in jus singulare oder besonderes Recht. Ersteres ist die auf allgemeinen Gründen beruhende und darum gewöhnlich allgemein als jus universale für die ganze Kirche geltende Recht, welches die Canonisten auch häufig als mit dem jus commune inhaltlich zusammenfallend schlechtweg unter dem letztern Namen verstehen. Jus singulare ist dagegen die Rechtsregel, welche aus Ausnahmegründen der Billigkeit und der Zweckmäßigkeit, oder namentlich auch bei höheren, religiösen Aufgaben der Kirche bloß für eine bestimmte Klasse von Personen oder Verhältnissen erlassen ist, bei welchen diese besonderen Gründe vorliegen. Dahin gehören die besonderen Bestimmungen für die Geistlichen und Ordensleute, das Patronatsrecht, die Rechte der Exemten.

Den Gegensatz zu dem erwähnten jus universale bildet das jus particulare, das besondere Kirchenrecht einzelner Länder, Provinzen, Diöcesen oder sonstiger besondern Bezirke oder gewisser Arten kirchlicher Institute. In dem Punkte, für welchen ein gültiges Particularrecht eine Bestimmung getroffen hat, kommt das jus universale nicht zur Anwendung. Nur der Papst kann mit oder ohne Mitwirkung eines allgemeinen Concils das jus universale feststellen oder, soweit es nicht unabänderliches jus divinum ist, abändern. Von Patriarchal-, Primatial- oder Plenar-Concilien, von Provinzialconcilien und vom Bischof auf der Diöcesansynode oder ohne diese, von Capiteln und religiösen Orden und anderen kirchlichen Corporationen innerhalb der ihnen gewährten Autonomie können gültige particulare Satzungen nur secundum oder praeter jus commune und universale, d. h. zur entsprechenden Durchführung des jus commune oder zur Ausfüllung von Linien des jus commune getroffen werden, niemals aber contra jus commune. – Von keiner eingreifenden Bedeutung ist die Eintheilung in äußeres und inneres Kirchenrecht. Ersteres begreift die Verhältnisse der Kirche zu den Staaten und den von ihr getrennten Confessionen, letzteres die inneren Rechtsverhältnisse der Kirche selbst. – Eine für das Kirchenrecht nicht passende, hier mehr verwirrende Eintheilung ist die von Einigen mit mancherlei Abweichungen im Einzelnen beliebte in öffentliches und privates Kirchenrecht. Das gesammte Kirchenrecht trägt die Natur des öffentlichen Rechtes an sich, indem seine Anwendung oder Nichtbeachtung nicht von der Willkür der auf kirchlichem Gebiet handelnden Personen abhängt, außer soweit die Kirchengesetze ausdrücklich eine solche Willkür gestatten. Von einem Privatkirchenrecht kann man allerdings insofern reden, als man darunter die dem Einzelnen von der Kirche zuerkannten Rechte versteht; aber da auch die kirchlichen Rechte der Einzelnen durchweg den Charakter des öffentlichen Rechts an sich tragen, so vermeidet man besser ganz den Ausdruck »kirchliches Privatrecht«. Zu welcher mehr verwirrenden als zusammenhangend belehrenden Darstellung es führt, wenn man das kirchliche jus publicum nach obigem Sinn im Einzelnen abhandeln will, zeigt das allerdings an einzelnen guten Bemerkungen reiche dreibändige Werk Institutiones juris publici quas in scholis pontificiis tradidit. Can. Felix Cavagnis, Romae 1882.

Die Literatur des Kirchenrechts ist außerordentlich groß. Zur allgemeinen Orientirung erwähnen wir: Maaßen, Geschichte der Quellen und Literatur des canonischen Rechts im Abendlande bis zum Ausgange des Mittelalters, I, Graz 1870 (bis zum Ende des 7. Jahrhunderts reichend). Über die Glossatoren des römischen wie des canonischen Rechts: Panziroli, De claris legum interpretibus libri IV, Venet. 1637, Lips. l721; M. Sarti, De claris archigymnasii Bononiensis professoribus a saeculo XI usque ad saec. XIV, tom. I, pars 1, Bonon. 1769; pars 2, ed. Fattorini, 1772; v. Savigny, Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter, 2. Aufl. Heidelberg 1834-1851 (über die canonischen Glossatoren oder Decretisten und Decretalisten s. III, Kap. 17). Sehr reichhaltig, aber für die neuere Zeit öfter tendenziös ist Fr. v. Schulte, Geschichte der Quellen und Literatur des canonischen Rechts von Gratian bis zur Gegenwart, 3 Bde., Stuttgart 1875-1880. Eine sorgfältige Introductio in corpus jur. can. ist die von Laurin, Frib. Br. 1889. – Zur Geschichte des Kirchenrechts: Erzbischof Anton. Augustin., Epitome juris pontificii veteris, Tarrac. 1586, fol., Rom. 1614; 2 foll., Par. 1641; J. Ponsio, De antiquitatibus juris canon. secund. titulos Decretalium, Spoleti 1807, 4° (sehr selten; verbreiteter die erste Hälfte unter dem Titel Jus canonicum juxta nativam ejus faciem, 2 voll., 8°, Fulgin. 1794). Das canonische Recht des 12. Jahrhunderts stellt gut dar Bern. Papiensis, Summa decretalium, ed. Laspeyres, Ratisbonae 1861, 8°, das des 16. Jahrhunderts Paulus Lancelottus, Institutiones juris canon., Perusin. 1562, im Anhange zu den meisten Ausgaben des Corpus juris canon. Die kirchliche Verfassung des 1. Jahrtausends entwickelt gut: Thomassin, Ancienne et nouvelle discipline de l’Eglise, 3 vols., Lyon 1678, Par. 1725; verbreiteter ist die lateinische Bearbeitung: Vetus et nova eccles. disciplina circa beneficia, 3 foll., Paris. 1685, Lucae 1728; 9 voll. 4°, Mogunt. 1787. Vieles Bemerkenswerthe über die Geschichte der kirchlichen Verfassung bei Hurter, Geschichte des Papstes Innocenz III., 3 Bde., Hamburg 1834-1842. Hauptsächlich aus den Werken der Gallicaner P. de Marca und L. E. du Pin schöpfte Planck, Geschichte der christlichen kirchlichen Gesellschaftsverfassung, 5 Bde., Hamburg 1808. – Unter den großen Commentaren zu den einzelnen Stellen der Decretalensammlung Gregors IX. sind die wichtigsten: Prosp. Fagnani, Jus canon. sive commentar. absolutiss. in V libros Decretal., 5 foll., Rom. 1659 (hier sind aber nur ausgewählte Stellen erläutert); Gonzal. Tellez, Comment. perpetua in V libros Decretal. Greg. IX., 5 foll., Lugduni 1673, Venet. 1699, Francof. ad Moen. 1690, Lugd. 1713; Paul. Laymann S. J., Jus canonicum sive comment. in libr. Decretal., vol. 1-3 Diling. 1666-1698 (unvollendet, nach Andern sollen Bd. 4 und 5 selten sein, weil fast die ganze Auflage bei einer Feuersbrunst verbrannte); Ubaldo Giraldi, Expositio juris pontif. juxta recent. eccl. disciplinam, 3 foll., Rom. 1769, edit. nova Rom. 1829. – Commentare nach der Ordnung der Titel der Decretalensammlung: E. Pirhing S. J., Jus canon., 5 foll., Diling. 1645, Col. Agripp. 1759; Anaclet. Reiffenstuel O. S. Franc., Jus canon. univers., 3 foll., Monachi 1702, Venet. 1704 sqq., Ingolst. 1728. 1743, Antwerp. 1755, 6 foll., Rom. 1829; 3 foll., Paris. 1864 ad 1870; Franc. Schmalzgrueber S. J., Jus eccl. universale, 5 foll., Ingolst. 1726-1728, Neap. 1738; 12 voll. 4°, Rom. 1843-1845; Plac. Boeckhn O. S. B., Commentarius in jus can. univers. sive in V libr. ac titul. Decret., 3 foll., Salisb. 1735, Par. 1776; Car. Seb. Berardus, Commentaria in jus eccles. univ., 4 voll. 4°, Aug. Taurin. 1766 sq., Venet. 1778; 2 voll. 8°, Laureti 1847; Jac. Ant. Zallinger, Institutiones juris eccl. maxime privati ordine Decretal., 5 voll. 8°, Aug. Vindel. 1792 sq. Unter den Protestanten schrieb nach der Ordnung der Decretalen Böhmer sein Jus eccles. Protestantium usum hodiernum juris canonici juxta seriem Decretal. ostendens, 5 tom. 4°, Halae 1714, ed. 5 (tom. V ed. 3) 1756 sqq. – Größere Werke nach eigener systematischer Ordnung verfaßten u. A. Aug. Barbosa, Juris univers. eccl. libri III, Lugduni 1637. 1650. 1660, fol., und Collectanea doctorum in jus pontific. univers., 5 foll., Lugduni 1656 (Opera Lugduni 1648, 20 foll.); Jo. Cabassut., Theoria et praxis jur. canon., Lugdun. 1679, Par. 1703, 4°, ed. nova Venet. 1757, fol.; Vinc. Lupoli, Juris eccl. praelectiones, 4 voll. 4°, Neap. 1787; Zeg. Bern. van Espen, Jus. eccl. universum hodiernae disciplinae praesertim Belgii, Galliae, Germaniae et vicinar. provinciarum accommodatum, Col. Allobr. 1702, fol., nova ed. 3 voll. 4°, Mogunt. 1791 (in diesem Werke tritt die jansenistische Richtung van Espens weniger hervor als in seinen übrigen Schriften); Benedicti PP. XIV. De synodo dioecesana libri tredecim, 4 voll. 8°, ed. nova Moguntiae 1842, auch als Bd. 11 Operum Bened. XIV., ed. nova Prati 1844; Georg Phillips, Kirchenrecht (mit besonders eingehender historischer Entwicklung), Regensburg 1845 ff.; I, 3. Aufl. 1855; II, 3. Aufl. 1857; III, Abth. 1, 1846, Abth. 2, 1850; IV, 1851; V, Abth. 1, 1854, Abth. 2, 1857; VI, 1864; VII, Abth. 1, 1869, Abth. 2, 1872. Fortgesetzt von Vering VIII, Abth. 1, 1889. Fast alle Zweige des Kirchenrechts behandelte der französische Abbé Bouix (gest. 1871). Seine großentheils aus wörtlichen Auszügen aus älteren, zum Theil seltenen Werken bestehenden, darum auch manches Veraltete wiederholenden, zu Paris erschienenen Werke sind die Institutiones juris canonici in varios tractatus divisae: De principiis juris canon., 1 vol., 1852, ed. 2, 1862 (Nachdruck zu Münster 1853); De capitulis, 1 vol., 1852; De jure liturgico, 1 vol., 1853, ed. 2, Atrebati (Arras) 1860; De judiciis eccl. ubi et de vicario generali episc., 2 voll., 1855; De parocho, 1 vol., 1855; De jure regularium, 2 voll., 1857; De episcopo, ubi et de synodo dioecesana, 2 voll., 1859; De curia Romana, 1 vol., 1859; De concilio provinciali, 1 vol., 1862; De Papa, 3 voll. 1868 ad 1870 (Nachträge und Verbesserungen zu seinen Werken gab Bouix in den ersten Jahrgängen der von ihm gegründeten Revue de sciences ecclés.); D. Craisson, Manuale totius jur. canon., ed. 3, Par.-Brux., Lugd. 1872, 4 voll 4° (vielfach recht belehrend für Fragen der kirchenrechtlichen Praxis). Auf protestantischer Seite ist hervorzuheben: Paul Hinschius, System des katholischen Kirchenrechts mit besonderer Rücksicht auf Deutschland, I, Berlin 1864, II, Abth. 1, 1871, Abth. 2, 1879, III, 1879-1883, IV, 1886-1898 kl. Fol. (auf 6 Bände berechnet). – Von Lehr- und Handbüchern des Kirchenrechts sind zu nennen: Jo. Devoti, Institutionum canonic. libri IV, 4 voll., Romae 1785; 2 voll., Gandae 1852, Venet. 1838, Leodii 1860; Ferdinand Walter, Lehrbuch des Kirchenrechts der christlichen Confessionen, Bonn 1822, 14. Aufl. von H. Gerlach 1871; J. Fr. Schulte, Das katholische Kirchenrecht. a. Die Lehre von den Rechtsquellen, Gießen 1860; b. Das System des allgemeinen katholischen Kirchenrechts, 1856. Von demselben erschien sodann ein kürzeres, allmälig erweitertes Lehrbuch des katholischen Kirchenrechts, Gießen 1863. Seit der 3. Auflage 1868 tritt darin die altkatholische Richtung des Verfassers hervor, die 4. Auflage 1886 behandelt das protestantische Kirchenrecht mit; G. Phillips, Lehrbuch des Kirchenrechts, Abth. 1, Regensburg 1859, Abth. 2, 1862; zweite, zum Theil abgekürzte Aufl. in 1 Bd. 1871. Eine lateinische Übersetzung davon ergänzte Vering (Phillips, Compend. jur. eccl., Ratisb. 1875). Die 3. deutsche Aufl. besorgte Chr. Moufang 1881; Aichner, Compend. jur. eccl., Brixinae 1862, ed. 6, 1887 (besonders für den österreichischen Clerus berechnet); Vering, Lehrbuch des katholischen und protestantischen Kirchenrechts, Freiburg 1874 ff., in der 2. Aufl. auch das orientalische Kirchenrecht, Freiburg 1881; Rudolf Ritter v. Scherer, Handbuch des Kirchenrechts, bis jetzt Bd. 1, Abthl. 1 u. 2, Graz 1885 f.; Isidor Silbernagel, Lehrbuch des katholischen Kirchenrechts, Regensburg 1879, 2. Aufl. 1890. Kürzere, hauptsächlich für den katholischen Clerus bestimmte Werke sind H. Gerlach, Lehrbuch des katholischen Kirchenrechts, Paderb. 1865, 4. Aufl. 1885; Lämmer, Institutionen des Kirchenrechts, Freiburg 1886; Ph. Hergenröther, Lehrbuch des katholischen Kirchenrechts, Freiburg 1888. – Von Lehrbüchern des katholischen und protestantischen Kirchenrechts auf protestantischer Seite sind zu nennen: A. L. Richter, Leipzig 1841, 8. Aufl. von Dove und Kahl, 1878-1886, und Em. Friedberg, Leipzig 1879, 3. Aufl. 1889. Vollständigere Angaben und die Bearbeitungen des Kirchenrechts einzelner Länder findet man bei Vering, Kirchenrecht, 2. Aufl., § 10. – Als alphabetisches Repertorium zum Nachschlagen kann vor Allem dieses Kirchenlexikon dienen, und über viele praktische Fragen gibt Belehrung im Einzelnen Ferraris, Prompta biblioth. canon., 8 voll. 4°, Bonon. 1746, 8 voll. 8°, Rom. 1784-1790, neue vermehrte Ausgabe von den Benedictinermönchen zu Monte-Cassino, 5 foll., 1844-1855 (Nachdruck davon Paris bei Migne). Die Entscheidungen und Erlasse der römischen Curie sammeln hauptsächlich die seit 1865 zu Rom in monatlichen Heften erscheinenden Acta s. Sedis, und alle wichtigeren neuen kirchlich-rechtlichen und staatskirchlichen Gesetze, Verordnungen und Entscheidungen bringt das Archiv für katholisches Kirchenrecht, begründet 1857 von Prof. v. Moy zu Innsbruck, von Bd. 6 an redigirt von Vering und seit dem 7. Bde. 1862 ff. in Neuer Folge zu Mainz erscheinend.

[Vering.]


Zurück zur Startseite.