Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Klugheit (prudentia) ist zunächst eine Cardinaltugend (virtus generalis), welche von jeder andern habituellen Tugend, sowie von jedem tugendhaften Acte unzertrennlich ist. Sie schließt sich unmittelbar an die theologischen Tugenden als Mittelglied zwischen ihnen und den moralischen an (S. Th. 2, 1, q. 57, a. 5). Ihr kommt es zu, auf Grund der allgemeinen Wahrheiten des Glaubens und der Sittlichkeit, sowie der Übung der intellectuellen Tugenden, dem Willen die rechte Ordnung des Zwecks und der Mittel als Norm für das concrete Handeln vorzuhalten (S. Th. 2, 1, q. 58, a. 3 ad 1). – Die christliche Tugend der Klugheit ist gleich den übrigen Cardinaltugenden hoch erhaben über die nur mit natürlicher Befähigung erworbene Tugend, welche auch den Heiden eigen sein kann. Heidnische Philosophen priesen die sittlichen Tugenden und erklärten ihre den Pflichten eines vernunftgemäßen Lebens entsprechende Bethätigung (Cicero, De officiis). Die Lehrer der Kirche zeigen sie in ihrer der übernatürlichen Gottesliebe und dem Verdienste himmlischer Seligkeit gemäßen Übung (Ambros., De officiis). Die Cardinaltugenden sind im Gerechtfertigten eine virtus divinitus infusa gleich den theologischen Tugenden und werden zugleich mit der theologischen Tugend der Liebe vom heiligen Geiste als übernatürlicher Habitus verliehen, gehen auch mit derselben jederzeit wieder verloren (S. Th. 2, 1, q. 65, a. 2 et 3). Dieses ist wenigstens theologische Lehre, wenn auch nicht Dogma des Glaubens. Soll der Mensch vollkommen übernatürlich zu einem seinem ewigen übernatürlichen Zwecke entsprechenden Handeln habilitirt sein, so genügt noch nicht eine von Gott gewirkte übernatürliche Hinordnung zum Finalgute in den theologischen Tugenden, sondern er bedarf einer solchen auch zu den Mittelgütern in den intellectuellen und moralischen Tugenden (S. Th. l. c. q. 63, a. 3 ad 1 et ad 2; Ripalda, De ente supernat. I, lib. 3, disp. 44, sect. 6). Demnach ist die christliche Klugheit die übernatürlich vom heiligen Geiste gewirkte Habilitation des praktischen Intellectes, bei allen Handlungen richtig zu beurtheilen, was der rechten Ordnung gemäß, was ihr zuwider sei (nullum bonum Deo praeponere vel aequare), welches die rechten Mittel seien, den Zweck zu erreichen, welche Hindernisse ihm im Wege stehen (S. Th. 2, 2, q. 47, a. 1). Unter der Leuchte des theologischen Glaubens wird sie für die übrigen sittlichen Tugenden Regel und Richtschnur und zieht ihnen die Grenze (medium inter defectum et excessum), unter welcher sie nicht zurückbleiben und die sie nicht überschreiten dürfen, wenn ihr Handeln dem wahren Zwecke gemäß sein soll (l. c. q. 47, a. 7). Die Vollendung der Klugheit hat derjenige erreicht, welcher alle seine Gedanken, Worte und Werke in bestmöglicher Weise auf den letzten und höchsten Zweck zu beziehen bestrebt ist, nämlich auf die Ehre Gottes, die übernatürliche Vereinigung mit Gott und die ewige Seligkeit des Himmels. Dazu aber ist nothwendig, daß die Klugheit selbst beseelt ist von der heiligen theologischen Liebe, durch welche allein die Seele beständig auf das Finalgut übernatürlich hingeordnet ist (2, 2, q. 47, a. 1 ad 1. Daselbst das schöne Wort des hl. Augustin: Prudentia est amor bene discernens ea, quibus adjuvetur ad tendendum in Deum, ab his quibus impediri potest). – Obgleich von den anderen moralischen Tugenden dem Subjecte und dem Objecte nach verschieden, ist die Klugheit doch mit ihnen connex, d. h. sie kann nicht bestehen ohne dieselben; jeder wahrhaft kluge Act ist zugleich mäßig, gerecht und starkmüthig, und umgekehrt, sobald jemand gegen eine dieser Tugenden sündigt, hört er auf, klug zu sein (S. Th. 2, 1, q. 65, a. 1). Ebenso muß gesagt werden, daß in dem Grade, in welchem die eine dieser Tugenden zunimmt oder abnimmt, sich auch die übrigen steigern oder mindern.

Die Klugheit wird zu einer speciellen Tugend, im Unterschiede von Cardinaltugend, als Habilität, in einem individuellen Wirkungskreise zweckmäßig zu handeln (2, 2, q. 47, a. 5). Demnach unterscheiden sich als verschiedene Species (partes subjectivae) prudentia monastica, Klugheit des Einzelnen in Beziehung auf sein wahres Beste; prudentia oeconomica, Klugheit für geordnete Leitung der Familie und des Hauses; prudentia politica, Klugheit für zweckmäßige Leitung eines ausgedehnteren Gemeinwesens (2, 2, q. 50). Die Acte der Klugheit, in welchem Wirkungskreise nur immer, sind: a. consultare, berathen, welche Mittel zum Zwecke überhaupt geboten sind, b. judicare, ausscheiden, urtheilen, welche derselben am zweckmäßigsten seien, c. praecipere, anordnen, welche Mittel wirklich zur Anwendung kommen sollen (2, 2, q. 47, a. 8). Erleichtert wird diese dreifache Bethätigung der Klugheit durch nachfolgende gute Eigenschaften (partes integrales qq. 48. 49): a. memoria, Erfahrung; b. intellectus, Fertigkeit, die jeweilige Lage richtig zu erfassen; c. docilitas, Bereitwilligkeit, den Rath Anderer anzunehmen (Röm. 12, 16. Spr. 3, 5; 12, 15. Eccli. 32, 24); d. sollertia, Gewandtheit, schnell die Gründe der Zweckmäßigkeit und des Werthes einer Handlung oder ihrer Untauglichkeit und Werthlosigkeit zu erkennen; e. ratio, Fertigkeit, richtige Schlüsse zu ziehen; f. providentia, Vorhersicht und Berücksichtigung der später möglichen Eventualitäten; g. circumspectio, Umsicht auf alle Umstände, welche dem beabsichtigten Zwecke bei den zur Auswahl gebotenen Mitteln besonders förderlich oder nachtheilig werden können; h. cautio, Vorsicht, damit nicht etwa, während man das eine Gute anstrebt, andere noch wichtigere oder in höherem Grade der Verantwortlichkeit des Handelnden unterstellte Interessen geschädigt werden.

Vollkommenheiten der Klugheit, welche sich in beharrlicher Übung derselben entfalten und hinwieder dazu dienen, in vollkommener Klugheit zu handeln (partes potentiales 2, 1, q. 57, a. 6; 2, 2, q. 51), sind: a. eubulia, Befähigung, auch in verworrenen und verwickelten Anliegen guten Rath zu wissen, und einen Ausweg aus den obwaltenden Schwierigkeiten zu finden; b. synesis, Gabe richtiger Anwendung des Naturgesetzes und des positiven Gesetzes nach Inhalt und Motiv auf die konkreten praktischen Fälle, und c. gnome, Sicherheit selbst unter Umständen, unter welchen das Gesetz seinem Wortlaute nach nicht mehr Anwendung finden kann, eine Abweichung von demselben aber noch mit Zweck und Absicht des Gesetzgebers im Einklange bleibt. – Gegensätze gegen die Tugend der Klugheit (qq. 53-55) sind: 1. Mangel an einem der nothwendigen Momente des Actes selbst (per defectum) entweder durch vorschnelles Handeln ohne genügende Überlegung und Berathung (praecipitatio – defectus consultationis), oder durch Unachtsamkeit, Mangel an richtiger Beurtheilung der Umstände der Zeit, des Ortes, der Personen (inconsideratio – defectus judicii), oder durch Unbeständigkeit, ungerechtfertigte Änderung des gefaßten Entschlusses (inconstantia), oder durch Lässigkeit und Trägheit in Ausführung der Entschlüsse (negligentia – defectus in praecipiendo). 2. Anwendung der Regeln der Klugheit auf unsittliche Objecte (per excessum), wodurch sie wird: a. zur prudentia carnis, Verkehrung der Ordnung, indem man das Mittelgut zum Finalgute macht (Röm. 8, 6 f. Gal. 5, 19 ff.); b. astutia, Verheimlichung dessen, was Andere zu kennen berechtigt sind (2 Cor. 4, 2); c. dolus, Ungerechtigkeit oder Unsittlichkeit, erzielt durch Reden oder Handlungen, durch welche Andere in ihren berechtigten Interessen gefährdet sind; d. fraus, Betrug durch hinterlistige Handlungsweise, deren wahre Bedeutung nicht leicht enthüllt werden kann; e. sollicitudo temporalium, ungeordnete Sorgfalt, sich irdischen Gewinn zu sichern mit jedem auch unerlaubten Mittel; f. sollicitudo futurorum, ängstliche Sorgfalt für das zukünftige zeitliche Fortkommen unter Vernachlässigung der Sorge für das ewige Heil (Matth. 6, 25 ff.; 13, 22. 1 Tim. 6, 9 f.). – Der wahren Klugheit zuwider ist im Grunde jede Sünde, weil sie abweicht vom wahren von Gott uns gesetzten Endzwecke und die von Gott hierzu gegebenen Mittel zu einem falschen Zwecke verwendet Die Grundregel der wahren Klugheit ist die vom hl. Ignatius principium et fundamentum genannte christliche Wahrheit vom letzten Ziele des Menschen und von der Bestimmung der Geschöpfe. Praktische Verläugnung derselben ist jede Sünde. – Die besten Mittel zur Erlangung der Klugheit sind: Gebet um die Gabe des Rathes; Demuth, welche gerne Belehrung sucht und annimmt; tägliche Erforschung unserer Handlungen, ihrer Ursachen und Folgen.

Unter den Gaben des heiligen Geistes, unter deren Einfluß die Habitus der Tugenden zur vollkommensten Entwicklung geführt werden sollen, so daß sie auch zur heroischen Übung derselben befähigen, steht mit der Tugend der Klugheit zumeist in Verbindung die Gabe des Rathes (donum consilii; vgl. 2, 2, q. 52, a. 1 et 2). Den vollkommensten Zweck mit den besten Mitteln anstreben, ist die Vollendung der Klugheit. Das Licht zur Erkenntniß dieses vollkommensten Finalgutes und der ihm zumeist entsprechenden Mittelgüter und die Kraft, der so erkannten Ordnung im Handeln wahrhaft sich zu conformiren, kann aber nur aus dem Gnadenwirken des heiligen Geistes der Seele zukommen. Der heilige Geist nun bewegt die Seele entsprechend ihrer Natur, welche Freipersönlichkeit ist, also nicht nöthigend, sondern nur rathend; et ideo Spiritus Sanctus dicitur per modum consilii creaturam rationalem movere (a. 1); prudentia (autem), quae importat rationis rectitudinem, maxime perficitur et juvetur, secundum quod regulatur et movetur a Spiritu Sancto. … Unde donum consilii respondet prudentiae, sicut ipsam adjuvans et perficiens (a. 2). Ist die Tugend der Klugheit unter dem Einflusse der Gabe des Rathes zur Vollendung erzogen, so wird ihre höchste Bethätigung sich darin erweisen, daß die Seele von allen zeitlichen Gütern keinen andern Gebrauch mehr machen will, als sie in der Liebe Gottes und des Nächsten unter Beobachtung der evangelischen Räthe zum Opfer zu bringen, um das unendliche Gut allein sich zu eigen zu machen. Und dieß ist dann die Gesinnung, welche der Heiland selig pries mit den Worten: Beati misericordes, quoniam misericordiam consequentur. Daher entspricht die fünfte Seligkeit der Gabe des Rathes und der Tugend der Klugheit (2, 2, q. 52, a. 4).

[Pruner.]


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