Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Liberalismus, d. h. Richtung auf freie Forschung, nennt sich eine sehr vielgestaltige, auf religiösem, politischem und socialem Gebiete in immer neuen Formen auftretende geistige Strömung, welche seit der großen französischen Revolution oder richtiger bereits seit der kirchlichen Revolution im 16. Jahrhundert die christlich-abendländische Gesellschaft innerlich zersetzt und als der hauptsächlichste Widerpart der katholischen Kirche erscheint. Der Liberalismus ist die Hauptirrlehre unserer Zeit und die eigentliche Wurzel aller Anschläge, welche in der neuern Zeit Kirche und Gesellschaft bedrohen, so daß hier eingehend von ihm gehandelt werden muß. I. Erstes Auftreten des Wortes »liberal« in der modernen Bedeutung und Kennzeichnung der durch dasselbe ursprünglich bezeichneten Richtung. Bis Ende vorigen Jahrhunderts hatte das Wort »liberal« ausschließlich die Bedeutung, welche ihm im classischen Latein eigen war. Es hieß so viel als »eines freien Mannes würdig«. In diesem Sinne sprach man von liberalen Künsten und Beschäftigungen (artes liberales), liberaler Erziehung u. s. w., und meinte damit solche Beschäftigungen, eine solche Erziehung, wie sie einem Freien im Gegensatz zum Sklaven und spätern Hörigen, deren Aufgabe mechanische Verrichtungen waren, zustand. In weiterer Ausdehnung wurde die Bezeichnung »liberal« auch auf diejenigen Geistes- und Herzenseigenschaften übertragen, welche man als die Zierde des freien, durch Bildung und Reichthum social höhergestellten Mannes betrachtete, und erhielt so die Bedeutung edel, freimüthig, menschenfreundlich, freigebig, kurz frei von der Beschränktheit des Geistes und der Engherzigkeit der Gesinnung, wie sie bei Unfreien sich gewöhnlich vorfindet. An diese Bedeutung knüpften unter dem ersten Consulate die Mitglieder des Cirkels der Frau von Staël an, als sie sich »liberal« nannten (Littré, Dictionnaire, und Block, Dictionn. gén. de la polit., 2e éd., Paris 1884, unter Libéralisme). Frau von Staël und Benjamin Constant dürfen, wie sie die ersten Träger der Bezeichnung »liberal« in der modernen Bedeutung waren, so auch als die hauptsächlichsten Repräsentanten der modern-liberalen Bewegung in der abgeklärten Form betrachtet werden, wie sie im Zeitalter der Restauration auftrat. Dieselben bekannten sich zu den »Grundsätzen von 1789«, erstrebten jedoch deren Durchführung in einer weniger radicalen Weise, als dieß in der französischen Revolution geschehen war. Wir werden daher vom ursprünglichen (Altliberalismus und grundsätzlichen) Liberalismus ein getreues Bild erhalten, wenn wir zuerst den Standpunkt Frau von Staëls und Benjamin Constants, sodann die »Grundsätze von 1789« kurz kennzeichnen, welche der ganzen modernen liberalen Bewegung zu Grunde liegen, und zu welchen sich die Liberalen zu bekennen pflegen.

Frau von Staël (geb. 1766), Tochter des bekannten französischen Ministers Necker, übte als kenntniß- und geistreiche Schriftstellerin sowohl auf literarischem wie auf philosophischem und politischem Gebiet einen sehr bedeutenden Einfluß aus. Nachdem sie anfänglich Montesquieu’s und Rousseau’s Spiritualismus und Rationalismus sich angeeignet hatte, wandte sie sich später dem Studium der englischen Sensualisten (Hobbes und Locke) und der deutschen Philosophen (Kant, Fichte, Schelling) zu. In ihrem Werke Considérations sur les principaux événements de la Révolution française, Paris 1818, 3 vols., legt sie ihre politischen Anschauungen dar. »In keiner Frage,« so sagte sie (Cons. II, 163), »weder der Moral noch der Politik, hat man das zuzulassen, was man Auctorität nennt. Das Gewissen des Menschen bildet eine beständige Offenbarung in ihm und seine Vernunft eine unabänderliche Thatsache.« Hauptsächlich tritt Frau von Staël für freiheitliche Staatsformen ein (Republik in kleinen und constitutionelle Monarchie in großen Ländern). Als Hauptursache der Revolution erschien ihr der »Glaube an gewisse Wahrheiten«, denen allerdings auch Irrthümer beigemischt gewesen seien (Cons. I, 312). Ferraz (Spiritualisme et Libéralisme, 2e éd., Par. 1887, 19) faßt den Einfluß, den Frau von Staël übte, in folgende Worte zusammen: »Sie verkündete die Verbindung der Erfahrung und der Reflexion, der Vernunft und des Gefühls, des moralischen Geistes des 17. und des liberalen des 18. Jahrhunderts. Sie hat, um es in einem Worte zu sagen, die Bahn eröffnet, welche der Rationalismus und der Liberalismus der Restauration in so glanzvoller Weise durchlaufen sollten.« – Benjamin Constant (geb. 1767 zu Lausanne im Waadtland) gerieth 1795 unter den Einfluß seiner Landsmännin, Frau von Staël, der er immer eng befreundet blieb. Als Journalist schrieb er gegen die Terroristen und wurde 1799 unter Napoleon Mitglied des Tribunates. Durch Frau von Staël dazu angereizt, machte er dem ersten Consul wegen seines »Despotismus« in der Presse Opposition und wurde infolgedessen von demselben zuerst (1801) aus dem Tribunat ausgestoßen und später (1802) mit Frau von Staël des Landes verwiesen. Am meisten Einfluß erlangt er durch seine Schrift Réflexions sur les constitutions, la distribution des pouvoirs et les garanties dans une monarchie constitutionnelle, Paris 1814, welche nicht ohne Einfluß auf die Formulierung der neuen constitutionellen Verfassung in Frankreich war. Später wandte sich Constant wieder mit großem Erfolge dem Journalistenberufe zu und wurde 1819 und 1823 zum Abgeordneten für die Kammer gewählt, wo er dem Ministerium durch seine unablässige, gewandte Opposition viel zu schaffen machte. Bald nach der Julirevolution (1830), welche seinen Wünschen entsprach, starb er. Benjamin Constant wies dem Monarchen in seiner constitutionellen Theorie den Beruf zu, als »neutrale Gewalt« die gesetzgebende und administrative Gewalt mit einander in Harmonie zu bringen; damit war dem Monarchen jede unmittelbare Einwirkung auf die Regierung entzogen. Der Grundgedanke aller seiner Schriften war die individuelle Freiheit. Am Abende seines Lebens schrieb er noch: »Ich habe 40 Jahre lang dasselbe Princip vertheidigt: Freiheit in Allem, in der Religion, in der Philosophie, in der Literatur, in der Industrie, in der Politik, und unter Freiheit verstehe ich den Triumph der Individualität sowohl über die Auctorität, welche durch den Despotismus regieren möchte, als über die Massen, welche das Recht beanspruchen, die Minderheit zu Sklaven der Mehrheit zu machen. Der Despotismus hat kein Recht; die Majorität hat das, die Minderheit zu nöthigen, daß sie die Ordnung achte; aber alles, was die Ordnung nicht stört, alles, was dem innern Leben angehört, wie die Meinung, alles, was in der Kundgebung der Meinung weder zu Gewaltthaten anreizt, noch die Äußerung einer andern Meinung verhindert und dadurch anderen schadet, alles, was in der Industrie dem wechselseitigen Wetteifer ohne Hinderniß Bewegung vergönnt, ist individuell und nicht von Rechts wegen der gesellschaftlichen Macht unterworfen.« Mehr als alle anderen Freiheiten betonte Constant die religiöse. Da Constant für individuelle Freiheit und für möglichste Autonomie der Gemeinde eintrat, billigte er auch nicht den Staat, wie er in der Revolution sich darstellte. Derselbe erschien ihm wie eine umgekehrte Pyramide, in welcher der Staat das Individuum erdrückt. (Vgl. Laboulaye, Einleitung zu der von ihm veranstalteten neuen Ausgabe des Cours de politique constitutionnelle par Benj. Constant, Paris 1861, 2 vols., und Bluntschli, Gesch. der neuern Staatswissenschaft, 3. Aufl. München 1881, 570 ff.)

Unter den »Grundsätzen von 1789«, auf welche die Liberalen sich wie auf ihr Grundgesetzbuch und ihr hauptsächlichstes Symbol zu berufen pflegen, ist nicht bloß die Erklärung der sog. Menschenrechte zu verstehen, welche am 27. August 1789 angenommen und an die Spitze der französischen Verfassung von 1789 gesetzt wurde, sondern im Allgemeinen der Inbegriff aller Ideen, welche anläßlich der französischen Revolution zum Durchbruch kamen. Diese Ideen fanden allerdings in der »Erklärung der Menschenrechte« ihren bezeichnendsten Ausdruck, weshalb die wichtigsten Artikel dieser hauptsächlich an J. J. Rousseau’s Staatslehre sich anschließenden Erklärung hier folgen: Art. 1. Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben frei und gleich. Art. 2. Der Zweck jedes politischen Gemeinwesens ist die Erhaltung der natürlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen. Diese Rechte sind die Freiheit, das Eigenthum, die Sicherheit und der Widerstand gegen Unterdrückung. Art. 3. Das Princip aller Auctorität ruht in der Nation. Art. 4. Die Freiheit besteht in der Macht, alles zu thun, was Anderen nicht schadet. Art. 5. Das Gesetz darf nur Handlungen verbieten, die der Gesellschaft schädlich sind. Art. 6. Das Gesetz ist der Ausdruck des allgemeinen Willens. Alle Bürger haben das Recht, entweder persönlich oder durch Stellvertreter an der Abfassung der Gesetze theilzunehmen. Art. 7. Niemand kann angeklagt und verhaftet werden, außer in den vom Gesetze bestimmten Fällen und in der durch dasselbe vorgeschriebenen Form. Art. 10. Niemand darf um seiner Meinungen willen, selbst wenn sie die Religion betreffen sollten, beunruhigt werden, außer wenn die Kundgebung derselben die vom Gesetze angeordnete Ruhe gefährdet. Art. 11. Die freie Mittheilung der Gedanken und Ansichten ist eines der kostbarsten Rechte des Menschen: jeder Staatsbürger darf demnach frei sprechen, schreiben und drucken; nur muß er sich in den vom Gesetze vorgesehenen Fällen über den Mißbrauch dieser Freiheit verantworten. Art. 14. Alle Staatsbürger haben das Recht, entweder für sich selbst oder durch ihre Stellvertreter sich von der Nothwendigkeit einer öffentlichen Steuer zu überzeugen, dazu mit freiem Willen ihre Zustimmung zu geben und ihre Verwendung zu überwachen. Art. 15. Die Gesellschaft ist berechtigt von jedem öffentlichen Beamten über seine Verwaltung Rechenschaft zu fordern. Außer den in den Menschenrechten angegebenen Punkten pflegen die Liberalen in der Bezeichnung »Grundsätze von 1789« besonders noch einzubegreifen die völlige Abschaffung des »Feudalsystems«, die »Befreiung der Arbeit« durch die Zerstörung der Zünfte und Corporationen, die Herbeiziehung der Bürger zur Rechtsprechung in den Geschworenen-Gerichten, die Öffentlichkeit der Verhandlungen in Kammern und Criminalprozessen, die Einrichtung und Verallgemeinerung eines aufklärerischen Volksunterrichts, Verstaatlichung der Armenpflege, völlige Trennung von Staat und Kirche bis zur Abschaffung des Cultusbudgets u. s. w.

II. Genauere Charakteristik des Liberalismus nach seiner grundsätzlichen Seite und seiner geschichtlichen Erscheinung. Es muß hier zuvor auf einen Umstand hingewiesen werden, welcher auf die concrete Ausgestaltung des Liberalismus den entscheidendsten Einfluß übte. Der eigentliche Träger der liberalen Ideen wurde nämlich für die Revolutionszeit der »dritte Stand«, das Bürgerthum oder die besitzende Mittelklasse. Schon die große französische Revolution war, wenn auch vorübergehend in derselben bereits eine Schreckensherrschaft des vierten Standes auftrat, wesentlich die Emancipation des dritten Standes. Wurde sie ja gleich damit eingeleitet, daß der dritte Stand sich in der Notabelnversammlung selbständig constituirte und die beiden anderen Stände, den Adel und den Clerus, in sich absorbirte. »Was ist der dritte Stand?« Diese Frage stellte der bekannte Sieyès in seiner binnen wenigen Tagen in 30 000 Exemplaren abgesetzten Broschüre, und er antwortet: »Alles.« Wie in Frankreich, so verschaffte auch in anderen Ländern der Sieg der liberalen Sache naturgemäß zunächst der besitzenden Mittelklasse, den Bourgeois, den Hauptantheil am politischen Einfluß. Innerhalb der liberalen Mittelklasse erlangten wieder die wirthschaftlich Stärkeren in dem Maße das Übergewicht, als es ihnen gelang, durch Überflügelung der »kleineren Leute« immer weitere Kreise von sich abhängig zu machen. So verschob sich in allen constitutionellen Ländern der Schwerpunkt der liberalen Partei immer mehr in das Großcapital hinein, und schließlich erlangten die jüdischen Börsenmänner, umgeben von ihrem gleichgesinnten, aus Großindustriellen, Großhändlern, Fabrikanten und Unternehmern bestehenden Generalstabe, im Liberalismus und dadurch auch in dem vom Liberalismus beherrschten öffentlichen Leben eine so tonangebende Stellung, daß die Presse, die Wissenschaft und selbst die Politik in einem sehr bedenklichen Grade der neuen Geldaristokratie dienstbar wurden. Je mehr indeß die Selbstsucht, mit welcher letztere ihre Machtstellung ausbeutete, offenkundig wurde, desto größerer Widerstand begann sich in den benachtheiligten Kreisen, sowohl conservativ als liberal gesinnten, zu regen. Bald kündeten, während andere liberale Gruppen eine Mittelstellung einnahmen, der liberale Kleinbesitz als »Demokraten« und die liberale Arbeiterwelt als »Socialisten« offen den Bourgeois-Liberalen die Gefolgschaft und traten sogar, rnerkwürdigerweise auch wieder vielfach unter jüdischer Führung, gegen ihre bisherigen geistigen Patrone und Lehrer in erbitterten Kampf ein. Die Bezeichnung »liberal« verblieb aber jetzt, obwohl andere Parteien, wie der Fortschritt, die Demokraten, die Socialdemokraten, grundsätzlich sicher nicht weniger liberal waren, vorzugsweise dem Bourgeois-Liberalismus, weil derselbe so lange der eigentliche Träger des liberalen Systems gewesen war.

Seinem innersten Wesen nach bedeutet der consequent grundsätzliche Liberalismus die völlige Emancipation des Menschen, und zwar als Individuums, von jeder außer ihm liegenden, nicht in ihm selbst wurzelnden Gewalt, von jeder Auctorität im wahren Sinne des Wortes, die möglichst vollständige Wahrung der individuellen menschlichen Freiheit in Allem und Jedem. Nach streng liberaler Anschauung ist jede nicht unbedingt zum Schutze der gleichen Freiheit Aller nothwendige und als solche vom Menschen selbst gewollte Beschränkung der Freiheit ein Angriff auf die angeborene Freiheit und Würde des Menschen, jede Unterwerfung des Menschen unter eine Auctorität außer ihm, von der er nicht selbst in der angegebenen Weise ein Theil ist, eine Entwürdigung des Menschen. Dieser Grundanschauung gemäß tritt der consequent grundsätzliche Liberalismus vor Allem für unumschränkte Denkfreiheit ein. Die Beschränkung der Denkfreiheit erscheint ihm als das sinnloseste und unerträglichste Attentat auf die individuelle Freiheit, da ja der bloße Gedanke die Freiheit Anderer nicht beeinträchtige und in keiner Weise unter menschliches Gesetz falle, während die Denkfreiheit die Wurzel aller seiner übrigen Freiheiten, den innersten Kern der individuellen Freiheit überhaupt bilde. Im Anschluß an die Denkfreiheit fordert der Liberalismus auch Rede-, Preß- und Vereinsfreiheit, wenigstens insoweit dieß mit der öffentlichen Ordnung verträglich ist. Auch die Beschränkung dieser Freiheiten auf Grund der öffentlichen Ordnung ist nach liberaler Anschauung nur auf dem Wege von Repressivmaßregeln zulässig, d. h. das Einschreiten der öffentlichen Gewalt darf erst dann, wenn gesetzwidrige Handlungen vorliegen, und auch nur in dem vom Gesetze bezeichneten Rahmen erfolgen. Der Liberalismus betrachtet die Rede-, Preß- und Vereinsfreiheit in dem angegebenen Sinne als die naturgemäße Ergänzung und Vervollständigung der Denkfreiheit und vertheidigt sie daher auch mit dem größten Nachdruck.

Da der Kirchen- und Dogmenglaube den liberalen Freiheiten, besonders der »Denkfreiheit« am hinderlichsten im Wege steht, so bethätigt sich der Liberalismus vor Allem auf religiösem Gebiete. Er verlangt völlige Religions- und Cultusfreiheit und Trennung des Staates von der Kirche. Er verkündet die Duldung für alle Meinungen und erklärt alle religiösen »Überzeugungen« für heilig, unverletzlich und folgerichtig, praktisch wenigstens, für gleichberechtigt und gleich achtungswürdig. Die Religion beschränkt er auf das Gebiet des Gewissens. Die weitere Folge eines solchen Standpunktes ist die Läugnung aller selbständigen öffentlichen kirchlichen Rechtsordnung und der offene Kampf gegen die Kirche selbst. Denn wenn, wie der Liberalismus lehrt, die Religion lediglich Sache des individuellen Menschen ist, so hat die Kirche als Glaubensauctorität und als eine neben dem Staat bestehende selbständige Gesellschaft keine Berechtigung mehr. Ihre dießbezüglichen Ansprüche sind unberechtigte Eingriffe in die persönliche Freiheit, bezw. in das Gebiet des Staates. Daher sucht der Liberalismus auch thatsächlich die Kirche aus dem öffentlichen Leben gänzlich zu verdrängen, indem er ihr Besitzthum »säcularisirt«, ihre Immunitäten abschafft, die Armenpflege verstaatlicht u. s. w. Mit besonderem Eifer ist der Liberalismus bestrebt, die Familie und die Jugenderziehung, als die entscheidendsten Gebiete von der Kirche loszutrennen. Daher erklärt er die Ehegesetzgebung und Ehegerichtsbarkeit als Sache des Staates (Civilehe); er räumt, wenigstens so lange dieß zur erfolgreichen Bekämpfung der Kirche auf diesem Gebiete geboten erscheint, dem Staate selbst im Widerspruch mit den liberalen Grundsätzen das Unterrichts-»Monopol« ein und verlangt den Schul-»Zwang«. Ein anderes, dem Liberalismus besonders an’s Herz gewachsenes Anliegen ist die Zerstörung der weltlichen Herrschaft des Papstes. Denn dieselbe ist gleichsam das feierlichste Unterpfand dafür, daß die moderne Gesellschaft nicht bloß die kirchliche Rechtsordnung nicht mehr anerkennt, sondern auch mit der ganzen christlich-conservativen Rechts- und Staatenordnung gebrochen hat. Natürlich bleibt der konsequente Liberalismus bei der Verdrängung der Kirche aus Schule und Familie und bei der Beseitigung der weltlichen Herrschaft nicht stehen, sondern erstrebt als letztes Ziel die volle Entchristlichung und Verweltlichung der Familie (durch die Ehescheidung und freie Liebe) und des Unterrichts (durch die religionslose Schule und die unabhängige Moral) und die Vernichtung des Papstthums und der Kirche. Auf religiösem Gebiete tritt das Widerspruchsvolle und Unwahre am Liberalismus am grellsten zu Tage, indem derselbe einerseits mit besonderem Nachdruck gerade für dieses Gebiet die vollste Freiheit und Duldung auf sein Programm setzt, und andererseits nicht aufhört, wo sich eine Gelegenheit dazu bietet, ernsthafte (z. B. katholische) religiöse Überzeugungen und Übungen entweder mit seinem Spotte in Schrift und Wort oder selbst durch thatsächliche Gewissensbedrückung (Culturkampf) zu verfolgen Ein positives religiöses System im eigentlichen Sinne hat der consequente Liberalismus nicht. Die Denkfreiheit namentlich in religiöser Hinsicht schließt ein solches aus. Indeß kann man doch mit mehr oder minder Recht von einer einheitlichen »liberalen Weltanschauung« sprechen, welche bei den Liberalen die Stelle der Religion vertritt. Das Hauptprincip dieser der christlichen Weltanschauung entgegengesetzten Quasi-Religion ist das Humanitätsprincip ganz in dem Sinne, wie die Freimaurer dasselbe aufzufassen pflegen. Nach diesem Princip ist der Mensch die Quelle, die Norm und das Endziel der ganzen sittlichen und rechtlichen Ordnung, der Mittelpunkt der ganzen Weltordnung. Gemäß diesem Princip kommt der Liberalismus gleich der Freimaurerei dazu, einen gewissen quasi-religiösen Cult der Menschheit oder des Menschlichen zu pflegen und die rein menschlichen »Ideale« an die Stelle der religiösen Dogmen zu setzen. Auf dem Gebiete der Sittenlehre bekennt sich der Liberalismus gemäß seinem innersten Wesen zur unabhängigen, anthroponomen Moral. Als höchstes Gut betrachtet er, da er von allen überweltlichen Gesichtspunkten absieht, naturgemäß den möglichst hohen und ausgedehnten Lebensgenuß. Der Umstand, daß Reichthum die wesentlichste Vorbedingung zu diesem Lebensgenuß ist, erklärt die vorzügliche Sorge, welche der Liberalismus gerade dem wirthschaftlichen Gebiete zuwendet, und die übermäßige Werthschätzung, welche er auf Kosten der höheren geistigen Güter der Nation für die materiellen Güter an den Tag legt. Bezeichnend hierfür sind folgende Äußerungen Laskers, des bekannten Führers der deutschen »Nationalliberalen«: »Die billigen Gewebe und Farben erheben die unteren Gesellschaftskreise höher und schneller, als die Religion der Liebe (das Christenthum). Ein neu entdeckter Planet ist ein größerer Gewinn des Geistes, als ein ganzes Buch der Moral.« »Während den nützlichen Gelegenheitsmaßregeln gehuldigt wird, geräth die Ethik selbst in’s Schwanken. Wenn bisher Überzeugungstreue die Probe des tüchtigen Mannes war, so fällt dieses wichtige Erkennungszeichen jetzt weg. Auch die guten Gesinnungen stehen unter der Herrschaft der wandelbaren Nützlichkeit« (Lasker, Über Welt- und Staatsweisheit, Berlin 1873, 3. 19. 33). Der unheilvolle Einfluß des Liberalismus auf Charakter und Moralität pflegt sich in der Schwächung der sittlichen und idealen Mächte im Leben zu offenbaren. Die Wahrheitsliebe, die Ehrlichkeit in Handel und Wandel, das Gerechtigkeitsgefühl, die Nächstenliebe und der Lebensernst pflegen unter der Herrschaft des Liberalismus in bedenklichem Grade zu schwinden.

Auf politischem Gebiete verlangt der grundsätzliche Liberalismus, da in seinen Augen die persönliche Freiheit die höchste Norm ist und alle Gewalt aus dem Volke, d. h. von den einzelnen völlig gleichberechtigten Bürgern stammt, daß, soweit es die Verhältnisse gestatten, der individuellen Freiheit ein möglichst weiter Spielraum gelassen und dem Einzelnen ein möglichst großer Einfluß auf das öffentliche Leben eingeräumt werde. Daher entspricht dem grundsätzlichen Liberalismus von den verschiedenen Staatstheorien am vollkommensten die von Kant vertretene Theorie des »Rechtsstaates«. Nach dieser Theorie, bei deren Darlegung Kant nicht nur sachlich, sondern manchmal fast dem Wortlaute nach die Gedanken der »Erklärung der Menschenrechte« wiedergibt, ist die »alleinige Aufgabe des Staates, die Rechtsordnung der gemeinsamen Freiheit herzustellen«. Später setzte die liberale Theorie – indem sie an die christliche Staatstheorie anknüpfte, nach welcher der Staat auch positiv die Wohlfahrt der Bürger zu befördern hat, aber derselben einen liberalen Inhalt gab – an Stelle des Rousseau-Kant’schen »Rechtsstaates« den »Wohlfahrts- und Culturstaat«. Nach dieser Theorie, deren Hauptvertreter Bluntschli, der bekannte Staatslehrer des deutschen Nationalliberalismus ist, hat der Staat außer dem Rechtsschutz auch noch die Aufgabe, die Volkswohlfahrt namentlich durch Pflege der »nationalen Cultur« zu befördern (vgl. Bluntschli, Allgemeine Staatslehre, Stuttgart 1875, 355 ff.). Um die Staatenentwicklungen zu rechtfertigen und zu erleichtern, welche sich in den letzten Jahrzehnten auf Anstiften, unter der Mitwirkung und zu Gunsten der Pläne der liberalen Parteien vollzogen und die vielleicht noch geplant sind, erfand man das Nationalitätsprincip, das Nicht-Interventionsprincip und das Princip, nach welchem glücklich vollendete Thatsachen vollgültige Rechtstitel sind. Welche hervorragende Anwendung diese Grundsätze bei dem »Aufbau« des geeinigten Königreichs Italien fanden, ist bekannt. Mit welcher Unverfrorenheit die moderne liberale Staatstheorie bei Aufstellung des Nationalitätsprincips zu Werke geht, dafür ist ein sprechender Beleg, daß dieselbe einerseits den Nationen, welche im Begriffe stehen, ein Volk zu werden, das Recht zuerkennt, die »zerstreuten Glieder«, deren sie zu ihrem Dasein als Volk bedarf, ohne Weiteres an sich zu ziehen (vgl. Bluntschli a. a. O. 113), andererseits es aber wieder als vortheilhaft erklärt, daß der Staat Glieder verschiedener Nationalitäten umfasse. Als leitende Kraft bei solcher Staatenbildung bezeichnet Bluntschli eine Art Volksseele, welche bei noch unentwickelten Staaten als »organischer Staatstrieb«, bei höher entwickelten aber als »Staatswille«, »Staatsbewußtsein« auftrete. Mit so dehnbaren Rechtsgrundsätzen ist man freilich im Stande, schließlich Alles zu rechtfertigen. Dieses »nationale Recht« erklärt Bluntschli (a. a. O. 113) für so heilig, daß es allen anderen Rechten, das der »Menschheit« allein ausgenommen, vorgehe und alle anderen begründe. Vor Forderungen also, die im Namen der Nation und Menschheit oder, was gleichbedeutend ist, im Namen des Fortschritts, der Civilisation und Cultur erhoben werden, müssen alle anderen Rücksichten zurücktreten, alle Einwendungen verstummen. Denn da spricht die souveräne Nation oder gar die noch souveränere Menschheit. Was aber gebieterische, unabweisliche Forderung der souveränen Nation und der souveränen Menschheit ist, das bestimmt natürlich der Liberalismus durch die öffentliche Meinung, die er in den von ihm bezahlten Blättern oder durch die von ihm abhängige Wissenschaft bildet. Nöthigenfalls ruft man auch eine künstlich gemachte Volksabstimmung zu Hilfe, um jeden Zweifel zu beseitigen. Denn »das Volk«, sagt Hegel (WW. VIII, 385), »ist der Theil, der nicht weiß, was er will«. Also muß man ihm zuerst beibringen, was es zu wollen hat, bevor man seinen Willen als oberstes Gesetz erklärt. Sollte eine Nation zur Abwechslung auch einmal in christlichem, katholischem Sinne ihren Willen kundgeben, so verdient derselbe keine Achtung. Eine solche antiliberale und deßhalb »retrograde« Entwicklung muß durch jedes Mittel gehindert werden. Die Staatsform, welche der grundsätzliche Liberalismus als Endstadium erstrebt, ist die Republik, und zwar in letzter Linie die Weltrepublik. Denn die republikanische Staatsform gewährt dem Einzelnen den möglichst größten Antheil an der öffentlichen Gewalt und bringt am vollkommensten den liberalen Grundsatz von der völligen Rechtsgleichheit aller Bürger zum Ausdruck. Um die Bürger zur vollen Ausübung der nach liberaler Anschauung Allen gleichmäßig zustehenden politischen Rechte zu befähigen, fordert der grundsätzliche Liberalismus möglichste Verallgemeinerung der Volksbildung und des Volksunterrichts. Die Weltrepublik erstrebt der grundsätzliche Liberalismus, weil dieselbe das beste Mittel ist, um die Verkümmerung der individuellen Freiheit durch den Militarismus, Handelsschranken u. s. w. zu beseitigen. Wie unwiderstehlich die liberalen Grundsätze zur Republik hindrängen, dafür ist Karl von Rotteck, der hauptsächlichste Theoretiker der deutschen Altliberalen (welche in ihrer praktischen Politik doch für die constitutionelle Monarchie eintraten), ein sprechender Beleg. Er äußerte in seinem »Lehrbuch des Vernunftrechtes« (II, § 68): »Nur die Republik ist gerecht, nur die Republik ist gut.« Die geheime, vielleicht selbst unbewußte Neigung für die Republik pflegt auch in liberalen Preßkundgebungen anläßlich der Einführung der Republik in anderen Ländern lebhaften Ausdruck zu finden; so z. B. noch jüngst anläßlich der Ausrufung der Republik in Brasilien. Im entscheidenden Augenblicke schwinden auch bei den Liberalen alle Bedenken vor der Revolution als Mittel zur Verwirklichung der liberalen Wünsche. Wo indeß die Verhältnisse für die Einführung der Republik nicht vorbereitet sind, begnügt man sich mit der constitutionellen Monarchie und den sie begleitenden Freiheiten (Preß-, Rede- und Vereinsfreiheit u. s. w.). Freilich können gewisse Kategorien von Liberalen, z. B. die deutschen Nationalliberalen, aufrichtig der constitutionellen Monarchie ergeben sein, da sie von derselben mehr für ihr Klasseninteresse erhoffen als von der Republik. Daß die Bourgeois-Liberalen in Punkten, die ihr Interesse betreffen, vom grundsätzlichen Liberalismus abgehen, zeigt sich auch in ihrem Sträuben gegen das allgemeine Wahlrecht und in ihrem Bestreben, mittels des Census »dem Besitz und der Intelligenz«, d. h. sich selbst, den Hauptantheil am politischen Einfluß zu sichern.

Auf wirthschaftlichem Gebiete ist der grundsätzliche Liberalismus der Freihandel in seiner reinsten Form. Das zuerst (etwa 1756) von der physiokratischen Schule ausgesprochene Wort: Laissez faire, laissez passer, d. h. volle Freiheit der Arbeit und des Handels, ist als der kürzeste und treffendste Ausdruck des Freihandelssystems die Losung der Anhänger der Freihandelsschule, auch Manchester-Schule genannt, geworden. (Die Bezeichnung Manchester-Schule rührt daher, daß eine in der Stadt Manchester in England 1839 von Fabrikant Cobden gegründete Anti-Cornlaw-League [Liga gegen die Getreidezölle] mit großem Erfolge die Forderungen des Freihandels vertrat.) Die Freihandelsschule verlangt die Beseitigung aller Schranken und Hindernisse für die möglichst productive Entfaltung der Volkswirthschaft auf allen Gebieten und möglichst große positive Begünstigung und Förderung dieser Entfaltung. Als zu erstrebendes Ideal schwebt der Schule nach Adam Smith, ihrem Hauptbegründer, die größtmögliche Erzeugung von Reichthum, weniger die gerechte und heilsame Vertheilung des erzeugten Reichthums vor. Die Forderungen der Schule im Einzelnen lassen sich in fünf Punkte zusammenfassen: 1. Freiheit der Arbeit; 2. Freiheit des Grundeigenthums; 3. Freiheit des Capitals; 4. Freiheit des Betriebes; 5. Freiheit des Marktes. Die Freiheit der Arbeit umfaßt die persönliche Freiheit des Arbeiters durch die volle bürgerliche Rechtsgleichheit (bürgerliche Freiheit); die Freiheit in der Wahl und Änderung der Berufs- oder Arbeitsthätigkeit, Ausschließung der Beschränkungen, welchen die Freiheit der Arbeit in dem Zunftwesen unterlag (Gewerbefreiheit); die Freiheit in der Wahl des Erwerbsortes (Niederlassungsfreiheit); und endlich die Freiheit und volle Rechtsgleichheit bei Schließung des Arbeitsvertrages. Durch diese Freiheit der Arbeit soll nach der Anschauung der Freihandelsschule die rationelle Vertheilung der vorhandenen Arbeitskräfte in den verschiedenen Produktions- und Berufszweigen, die relative Ausgleichung von Nachfrage und Angebot, der Arbeitsfleiß, die rationelle Vereinigung und Theilung der Arbeit und die höchste Productivität der einzelnen Arbeitskräfte befördert werden, da jeder frei seinen Beruf, seinen Arbeitsort und seine Erwerbsleistung wählen kann und von seiner Arbeit einen Gewinn zieht, der mit seiner Arbeitsleistung im Verhältnisse steht. Die Freiheit des Grundbesitzes umfaßt die Freiheit in der Verfügung über die Substanz der Grundstücke, Freiheit im Verkaufe, in der Verpfändung, Theilung, Vererbung, Schenkung und Freiheit in der Benutzung derselben, kurz die unumschränkte Freiheit in der Verfügung über Grund und Boden behufs möglichster Erleichterung des Übergangs der Grundstücke, namentlich der land- und forstwirthschaftlichen und der zum Bergbau geeigneten, in die Hände der productivsten Unternehmer, d. h. derjenigen, welche den größten Reinertrag daraus zu erzielen vermögen. Die angebliche Nothwendigkeit der Beweglichkeit des Grundeigenthums im nationalöconomischen Interesse ist einer der Gründe, welche der Liberalismus gegen die Fideicommisse und die Güter der »todten Hand«, d. h. gegen den Grundbesitz der Kirche und kirchlicher Institute geltend macht, welcher, da der Eigenthümer als juristische Persönlichkeit niemals stirbt und die Kirchengesetze eine Veräußerung derselben sehr erschweren, der wirthschaftlichen Theorie der Liberalen ein Dorn im Auge ist. Die Fideicommisse sind den grundsätzlichen Liberalen auch deßhalb unsympathisch, weil sie ein Ausnahmerecht zu Gunsten des Adels bilden und der liberalen Rechtsgleichheit widersprechen; der Grundbesitz der Kirche aber, weil derselbe die selbständige rechtliche Stellung der Kirche begünstigt. Die Freiheit des Capitals umfaßt die Freiheit der Capital- und namentlich der Geldanleihe, die möglichste Freiheit für alle Geld- und Börsengeschäfte, capitalistische Vereinigungen, Bildung von Actiengesellschaften, Ringen u. s. w., damit das Capital möglichst unbehindert den Unternehmungen nach Maßgabe ihrer Productivität und Rentabilität zuströmen könne, damit ferner die rationelle Befriedigung des Creditbedürfnisses und die rationelle Bildung des Zinsflusses erleichtert werden. Diese Freiheit des Capitals, welche auch möglichste Steuerfreiheit desselben und die Wucher- und Zinsfreiheit in sich schließt, behauptet das liberale System, sei nothwendig zur Belebung der Geschäfte und der Industrie. Die Freiheit des Betriebs umfaßt die Freiheit, sowohl neue Betriebe zu gründen, als die Art und Weise und den Umfang derselben, die Verwendung der Arbeitskräfte, Grundstücke, Capitalien, den Absatz der Producte, die Dauer der Arbeitszeit u. s. w. vollkommen frei von jeder Einmischung Dritter auf Grund des freien Arbeitsvertrages zwischen Arbeiter und Arbeitgeber zu regeln. Diese Freiheit des Betriebs gewährleistet nach der Anschauung des Freihandelssystems die höchste Productivität der in den Unternehmungen thätigen Kräfte. Die Freiheit des Marktes umfaßt die Freiheit des Angebots und Begehrs im In- und Ausland, die Freiheit der Preisbildung, der Concurrenz, der Ein- und Ausfuhr. Die Freihandelsschule ist daher gegen Handelsmonopole, gegen Controle der zum Kaufe angebotenen Waare seitens Dritter, gegen Schutzzölle (Protectionismus), gegen alle künstliche Einwirkung auf die Höhe der Preise u. s. w. Durch diese Freiheit des Marktes wird nach der Aussage der Schule die Entwicklung natürlicher Marktgebiete und Marktpreise bewerkstelligt. Aus dem in jeder Hinsicht völlig freien Spiel der wirthschaftlichen Kräfte, so lautet das Dogma des grundsätzlichen Freihandelssystems, entwickle sich naturnothwendig die beste wirthschaftliche Ordnung, welche nicht bloß die Entfaltung der Volkswirthschaft im Allgemeinen, sondern auch die Interessen aller dabei Betheiligten am wirksamsten befördere. Ein deutscher Vertreter der Freihandelsschule, Wolff (Vierteljahrsschrift für Volkswirthschaft u. Culturgeschichte, 1865, III, 226), spricht geradezu den Wunsch aus, daß Arbeitsherren wie Arbeiter möglichst egoistisch sein sollten; denn so werde das Interesse Aller am besten gewahrt. (Vgl. G. Schönberg, Volkswirthschaftslehre, 2. Aufl. Tübingen 1885, 48 ff. 81 ff.; W. Roscher, Gesch. der Nationalökonomik, München 1874, 1014 ff.)

Auf diesem Gebiete wich der geschichtliche Bourgeois-Liberalismus noch am wenigsten vom grundsätzlichen Liberalismus ab. Er hatte hier auch am wenigsten Grund dazu, da die konsequente Durchführung des Freihandelssystems in fast allen Punkten ganz vorzüglich seinen Interessen entsprach. Es wäre unmöglich gewesen, ein zweckdienlicheres System zu Gunsten der liberalen Geldaristokratie zu erfinden. Alles in demselben mußte nothwendig zu seinem Vortheile ausschlagen, und dabei war überdieß das Decorum vor der öffentlichen Meinung in ganz unübertrefflicher Weise gewahrt. Denn wenn unter dem neuen, in den glorreichen Mantel der Freiheit gehüllten System, welches Ströme von Gold in die Taschen der liberalen Geldmänner lenkte, die Organisation der Arbeiter vernichtet und infolge dessen der Arbeiter hilflos der herzlosesten Ausbeutung preisgegeben wurde; wenn selbst das Familienleben und die Gesundheit der Arbeiterwelt infolge der Frauen- und Kinderarbeit zerstört und die Löhne gedrückt wurden; wenn immer weitere Kreise des selbständigen Handwerkes und Gewerbes in der Concurrenz mit dem Großcapital unterlagen und zum Proletariat hinabsanken: so war das eben eine nicht zu umgehende wirthschaftliche Nothwendigkeit, wie es ja bei der vollkommenen Freiheit, welche man den Arbeitskräften zu ihrer Bethätigung freigebigst eingeräumt hatte, sonnenklar sich herausstellte. Die wirthschaftliche Ordnung wird eben von unabänderlichen Naturgesetzen regiert, nach welchen das Capital das Bestreben hat, sich anzuhäufen. Das riesenhafte Anwachsen des Capitals in den Händen weniger vom Glücke Bevorzugten auf Unkosten weiter Volksschichten schließt im Lichte des liberalen Volkswirthschaftssystems so wenig eine Makel für das Großcapital in sich, daß letzteres vielmehr noch als hochverdient um das gemeinsame Wohl erscheint, indem es die Interessen des modernen Wohlfahrtsstaates durch Vermehrung des nationalen Reichthums und durch die damit verbundene Hebung der Steuer- und Wehrkraft der Nation ja ganz wesentlich fördert. So günstig indeß aus wirthschaftlichem Gebiete das grundsätzliche liberale System den Bourgeois-Liberalen durchgehends war, so brachten es diese doch nicht über sich, die Consequenzen desselben auch in solchen Punkten auf sich zu nehmen, wo es ihnen nachtheilig oder unbequem wurde. So traten sie z. B. überall für das Verbot des Bettels und für die staatliche Zwangs-Armenpflege ein. Der liberale Bourgeois scheut den Anblick des Elends, der ja auf seinen Lebensgenuß nur störend wirken kann. In diesem Punkte erträgt er die freie Concurrenz nicht. Almosengeben hieße ja nur, so beschönigt er sein Verhalten, den Müßiggang befördern und dadurch der Production Kräfte entziehen. Zudem ist der Empfang von Almosen nach liberalen Grundsätzen gegen die Menschenwürde, welche verlangt, daß jeder sein Brod sich selbst erarbeite, bezw. als ein Recht, nicht als eine Gnade beanspruche. In einer Weise muß aber doch eingegriffen werden; denn sonst wäre der Besitz vor dem auf die Straße gesetzten Proletariat nicht mehr sicher. Da ist nun die staatliche Zwangsarmenpflege das für die Interessen des Capitals vortheilhafteste Auskunftsmittel. Denn die Kosten derselben werden aus den allgemeinen Steuern bestritten, und es wird dadurch zum großen Theile die Sorge für die im erbarmungslosen Kampfe der freien Concurrenz Unterlegenen glücklich auf die Schultern Anderer abgewälzt. Eine andere Inconsequenz des Bourgeois-Liberalismus ist, daß er z. B. bei Strikes oder sonstigen Schwierigkeiten, in welche er der Arbeiterklasse gegenüber verwickelt wird, schnell mit dem Appell an das Eingreifen des Staates zu seinen Gunsten zur Hand ist, da dieß angeblich das Wohl des Staates erheische. Ebenso sucht der Bourgeois-Liberalismus die freie, selbständige Organisation des Arbeiterstandes, welche eine Schutzwehr gegen die Ausbeutung des Arbeiters bilden würde, so viel er nur kann, zu hemmen. In der letzten Zeit begann das Freihandels- oder Manchester-System, welches lange wie ein Evangelium der Volkswirthschaft betrachtet wurde, in der öffentlichen Achtung rasch zu sinken, da seine innere Unwahrheit zu grell zu Tage trat. Durch das Umsichgreifen der socialistischen Bewegung gedrängt, sahen sich, wenigstens in Deutschland, selbst die bisherigen eifrigsten Anhänger desselben genöthigt, zum Mindesten einige Maßregeln zum Schutze der Arbeiter zu befürworten und damit das Freihandelssystem principiell preiszugeben. Die große Mehrzahl der Liberalen hält indeß immer noch aus »Interesse« thatsächlich an demselben fest, so weit es durch die Verhältnisse ermöglicht wird.

III. Genesis des Liberalismus. Die liberale Aufklärung, welche als eine moderne Errungenschaft gepriesen wird, ist nichts weniger als neu. Der Kampf der Freiheit gegen die Auctorität, welche das innerste Wesen des theoretischen und praktischen Liberalismus bildet, ist schon auf den ersten Blättern der ältesten Urkunde unübertrefflich geschildert, welche uns an die Wiege des Menschengeschlechtes zurückführt. Die Schlange im Paradiese führte bereits die trügerischen Lockungen und Verheißungen des Liberalismus im Munde, indem sie die ersten Menschen aufforderte, sich von Gottes Auctorität zu emancipiren, von der verbotenen Frucht des Baumes der Erkenntniß zu essen und die abergläubische Furcht, daß ihnen dieß zum Verderben gereichen könne, aufzugeben; auch sie verhieß ihnen, falls sie von der Frucht genössen, wahre Freiheit und wahres Glück. »Ihr werdet sein wie Götter.« Die moderne liberale Bewegung ist nichts anderes als die Verkündigung dieser selben Grundsätze der christlich-abendländischen Gesellschaftsordnung gegenüber. Wie große geistige Bewegungen überhaupt, so kam auch diese nicht mit Einem Male und plötzlich zum Durchbruch, sondern erst nach wiederholten, immer allgemeiner werdenden Anläufen; und zwar pflegt die Auflehnung zuerst praktisch zu sein, bevor sie theoretisch gefaßt wird. Ein praktisches Vorspiel hatte die modern-liberale Bewegung schon im Mittelalter in den Kämpfen, welche Fürsten und Nationalkirchen gegen das Papstthum führten. Durch diese Kämpfe, welche im großen Schisma gipfelten, erhielt die christlich-abendländische Gesellschaftsordnung, deren Schlußstein das Papstthum war, den ersten entscheidenden Stoß. In der sog. Reformation wurde dann zur Zerstörung dieser Gesellschaftsordnung durch die theoretische Läugnung des kirchlichen Lehramtes der entscheidende Schritt gethan. Der Grundsatz der freien Forschung, welchen die Reformatoren freilich zunächst nur hinsichtlich des Bibellesens aufstellten, mußte, da durch denselben die Glaubenseinheit zerrissen und damit der mächtige Damm, der den christlichen Glaubensschatz schützte, durchbrochen war, nothwendigerweise in immer weiterer stufenweisen Entwicklung zur Zersetzung des ganzen christlichen Glaubens und dadurch auch zur Unterwühlung der Grundpfeiler, auf welchen die christliche Gesellschafts- und Staatenordnung ruht, führen. In der »Reformation« kam das entscheidende liberale Grundprincip zum Durchbruch, aus welchem, so sehr auch die »Reformatoren« und orthodoxen Protestanten nachträglich bemüht waren, im Widerspruch mit demselben die dadurch eingeleitete Bewegung aufzuhalten, alle übrigen liberalen Grundsätze auf religiösem, politischem und socialem Gebiete sich folgerichtig ableiten lassen und thatsächlich auch sich entwickelt haben. Angesichts der freiwilligen oder unfreiwilligen Blindheit, in welcher noch immer weite und zum Theil recht maßgebende Kreise in dieser Hinsicht befangen sind, ist es nothwendig, den innern Zusammenhang zwischen dem kirchlichen Liberalismus der Reformation und allen späteren Phasen der liberalen Bewegung bis zum fortgeschrittensten Socialismus auf’s Schärfste und Nachdrücklichste zu betonen, weil ohne die Erkenntniß und die Anerkennung dieser Wahrheit eine gründliche und wirksame Bekämpfung auch des offen revolutionären politischen und socialen Liberalismus, welcher Staat und Gesellschaft bedroht, einfachhin unmöglich ist. Es ist dieß eine Wahrheit, welche unter unabhängigen Denkern auch aus dem protestantischen Lager längst als über jeden Zweifel erhaben anerkannt wurde. Um nur einen gewiß unverdächtigen Zeugen hier zu Wort kommen zu lassen, schreibt Joh. Gust. Droysen in seiner »Geschichte der preußischen Politik« (IIb, 100) über das Werk Luthers: »Die Gewohnheiten, die Meinungen, die Ordnungen in Staat und Familie, das ganze Leben der Menschen, unermeßliche Güter, Alles stand in diesem hierarchischen System, das nun in seinen Grundlagen bebte. Es gab nichts, das nicht mit erschüttert, bis in sein innerstes Wesen, in dem Gedanken seines Daseins getragen wurde. So begann ein unabsehbares Werk. Es hat nie eine Revolution gegeben, die tiefer eingewühlt, furchtbarer zerstört, unerbittlicher gerichtet hätte.« W. Hohoff hat den Zusammenhang der liberalen Ideen von 1789 mit der sogen. Reformation in eigenen Werken: Protestantismus und Socialismus (Paderborn 1881) und Die Revolution seit dem 16. Jahrhundert (Freiburg 1887) weitläufig dargethan. Bereits vor und gleichzeitig mit der Reformation und vielfach im Bunde mit derselben wirkten in fortgeschrittenem liberalen Sinne die jüngeren Humanisten in Italien, Deutschland und Frankreich, welche als die Vorläufer der »Philosophen« im 18. Jahrhundert bezeichnet werden können. Unter denselben sind namentlich Macchiavelli (1469–1527) und Bodin (1530–1596) als Bahnbrecher für die moderne Politik und Staatslehre hervorzuheben. An Hugo Grotius’ (1583 bis 1645) Namen knüpft die moderne liberale Bewegung auf dem Gebiete des Rechts an, wobei allerdings zu bemerken ist, daß, sei es aus Mißverständniß oder böswilliger Absicht, des gläubigen und wohlmeinenden Verfassers »Naturrecht« Mißdeutungen im liberalen Sinne erfuhr. Im allgemeinen hatte die »Reformation« zunächst nach der Unterdrückung der schwärmerischen Ausschreitungen, welche auf die Verkündigung der evangelischen Freiheit auf religiösem, politischem und socialem Gebiete unmittelbar folgten (Wiedertäufer, Bauernaufstand u. s. w.), freilich einen Rückschlag zur Folge. Die »Reformatoren« begünstigten, um sich selbst und ihre Sache sicherzustellen und sich der Geister zu erwehren, welche sie selbst gerufen hatten, die Despotie der Fürsten und lieferten denselben sogar das religiöse Gebiet völlig aus (Cujus regio, ejus religio). Indeß mußten gerade wieder die mißbräuchlichen Eingriffe der weltlichen Gewalt in das Gebiet des Gewissens und der bürgerlichen Rechte auf die Dauer nicht nur die Strömung für völlige Gewissens- und Religionsfreiheit stärken, welche das Grundprincip der Reformation bereits verbürgt hatte, sondern auch den Boden für revolutionäre politische Theorien vorbereiten. Am schnellsten durchlief den Weg von der Reformation bis zum vollen Freisinn in religiösen und politischen Dingen naturgemäß England, dessen Volk durch seine freiheitlichen Institutionen zu größerer Selbständigkeit erzogen und so am wenigsten geneigt war, auf die Dauer Despotie, namentlich insoweit dieselbe in die individuelle Freiheit eingriff, zu ertragen. Begünstigt wurde diese Entwickelung in England auch durch den mercantilen und wirthschaftlichen Aufschwung, in welcher das britische Reich gleichfalls den übrigen Ländern des Abendlandes voranging. So trat England an die Spitze der ganzen liberalen Bewegung der Neuzeit. Baco von Verulam (1561–1626) wurde der Begründer der modernen, von Kirche und Religion losgeschälten Philosophie und Wissenschaft. Herbert von Cherbury (1561–1648) leitete die bald in England in den Kreisen der Gebildeten weitverbreitete deistische Bewegung ein, welche dem modernen religiösen Freidenkerthum die Signatur aufdrückt. Bereits 1642 hatte ferner England seine erste Revolution, auf welche dann die entscheidendere, die sog. »glorreiche« Revolution von 1688 folgte. Als Haupttheoretiker dieser revolutionären politischen Bewegungen erscheinen John Milton (1608–1674), Thomas Hobbes (1588 bis 1679), Sidney (1622–1683) und John Locke (1632–1704). Milton vertheidigte die Berechtigung der Revolution und die Volkssouveränität und forderte Preßfreiheit. Hobbes baute der Rousseau’schen Staatstheorie vor, indem er Staat und öffentliche Gewalt aus einem freien Vertrag der Menschen im ursprünglichen freien Naturzustand ableitete. Locke (s. d. Art) übte, wie auf die philosophische Bewegung der Neuzeit überhaupt, so namentlich auf die moderne Staatslehre den allergrößten Einfluß aus. Er ist der erste Begründer der constitutionellen Theorie von der Theilung der Gewalten (gesetzgebende und vollziehende Gewalt). Er schrieb die gesetzgebende Gewalt ausschließlich dem Volke, die vollziehende dem Könige zu. Er übte auf die Anschauungen der Engländer hinsichtlich der Staatsverfassung und dadurch auf letztere selbst großen Einfluß aus. J. Locke trat auch energisch für Duldung und möglichst absolute individuelle Freiheit ein, so namentlich in seinen Letters for Toleration, welche gegen den Oxforder Theologen Jonas Proast gerichtet sind. Ein anderer Engländer, Adam Smith (1723–1790), wurde durch sein Buch Inquiry into the Nature and the Causes of the Wealth of Nations (Lond. 1776, 2 vols.) der eigentliche Begründer der liberalen Wirthschaftstheorie. Denn wenn auch die französischen Physiokraten zuerst das Grundprinzip derselben aussprachen: Laissez faire, laissez passer; le monde va de lui-même, wenn auch Adam Smith selbst durch persönlichen und literarischen Verkehr mit denselben zu seinem Werke angeregt wurde, so bildet doch das Werk Smiths den eigentlichen Ausgangspunkt der modernen Freihandelstheorie und -Bewegung nicht nur für England, sondern auch für die übrigen Länder, selbst Frankreich nicht ausgenommen. Diesen Erfolg verdankt dasselbe dem Umstande, daß es im Gegensatz zu den Physiokraten, welche den Reichthum fast ausschließlich aus den Bodenproducten herleiteten und daher fast nur die Naturalwirthschaft berücksichtigten, zuerst in seinen Ausführungen über Arbeitstheilung, Tauschwerth, Arbeitslohn, Capitalgewinn, Landrente, natürlichen und Marktpreis, Mercantilsystem, Capitalanhäufung, Staatsfinanzen und Volkswohlstand die Grundsätze der neuen Volkswirthschaft zeichnete. Der englische Bankier David Ricardo (1772 bis 1823) stellte, auf Smith weiter bauend, in seinem Werke Principles of Political Economy and Taxation (Lond. 1817) zuerst das »eherne Lohngesetz« auf, laut welchem, da das ganze wirthschaftliche Gebiet mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit von Angebot und Nachfrage beherrscht werde, der Arbeitslohn nie erheblich den zum Leben unentbehrlichen Satz übersteigen könne. Ein anderer Engländer, Robert Malthus (1766–1834), hatte schon 1806 in seinem Buche An Essay on the Principle of Population den Satz aufgestellt, daß die Arbeiterklasse im wirthschaftlichen »Kampfe um das Dasein« nothwendigerweise, wenn man der natürlichen Vermehrung der Bevölkerung, mit welcher die Vermehrung des zur Beschäftigung derselben nöthigen Capitals nicht gleichen Schritt halte, ihren Lauf lasse, in immer tieferes Elend versinken müsse. Die aus diesen Hauptgedanken zusammengesetzte Freihandelstheorie vervollständigte oder corrigirte dann der Franzose Bastiat (gest. 1850) durch seinen im Werke Harmonies économiques (1850) vertretenen und zur Geltung gebrachten Gedanken, daß die Interessen der Arbeitgeber und der Arbeiter solidarisch an das Freihandelssystem geknüpft seien. In England wurde auch 1689, ein Jahrhundert vor der französischen Revolution, die erste Toleranzacte erlassen, von welcher freilich einstweilen die Socinianer und »Papisten« ausgeschlossen waren, und 1717, im 200. Jahre nach der Reformation, der Freimaurerbund in seiner jetzigen Gestalt begründet. Seit jener Zeit kann der Freimaurerbund als der Hauptvorkämpfer des Liberalismus auf religiösem und politischem Gebiete bezeichnet werden (s. d. Art.). Derselbe setzte es sich zur Aufgabe, die Verschiedenheiten welche die Menschheit trennen, also die Unterschiede der Geburt, des Religionsbekenntnisses, des Standes, der Nationalität, durch die Betonung des allgemein oder des rein Menschlichen zu überwinden. Das freimaurerische Reinmenschliche schließt durch das Absehen vom Übermenschlichen, welches praktisch der Läugnung alles Übermenschlichen gleichkommt, im deistischen Sinne die Emancipation von allem Offenbarungsglauben und damit folgerichtig auch die Aufgebung des Auctoritätsprincips in sich. Denn wenn nur menschliche Gesichtspunkte zugelassen werden, so wird auch der übermenschliche Ursprung und damit die höhere Weihe der obrigkeitlichen Gewalt geläugnet. Die Obrigkeit ist dann (im liberalen Sinne) nur Organ des Volkswillens, in dessen Aufrage sie gleichsam als Resultante der Einzelwillen, die öffentliche Gewalt ausübt, welche von den Auftraggebern jederzeit wieder zurückgenommen werden kann. Auf die freimaurerisch-liberale Anschauung betreffs der Loslösung des Menschen in allen Gebieten menschlicher Thätigkeit von der Religion (Theologie) und der Begründung aller menschlichen Verhältnisse auf dem Princip des Reinmenschlichen (Humanitätsprincip) wirkten neben dem bereits erwähnten Deismus namentlich die Schriften des evangelischen Geistlichen Joh. Amos Comenius (l592–1671): Opera didactica omnia, Amstelod. 1657; Historia fratrum Bohemicorum, accedit ejusdem auctoris panergesia sive excitatorium universale, ad cujusvis loci et ordinis in Europa viros etc., ed. Buddeus, Halae 1702, und Pansophiae prodromus, Londini 1639, bestimmend ein. Diese Schriften wurden in ganz Europa viel gelesen und übten besonders auf die Anschauungen in England, wo auch die letztgenannte Schrift erschien, einen großen Einfluß aus. Welchen Einfluß Comenius auf die Neugestaltung der Freimaurerei übte, geht schon daraus hervor, daß manche Stellen aus seinen Schriften sogar wörtlich in das neuenglische freimaurerische Constitutionsbuch von Anderson (1723) herübergenommen wurden (vgl. Krause, Kunsturkunden, Dresden 1811 ff., II, 2, 15, und Allgem. Handb. der Freimaurerei, 2. Aufl. Leipz. 1863, I, 185 f.). Um sein Ziel, welches eine vollständige Umwälzung der bestehenden kirchlichen und politischen Verhältnisse in sich schloß, ungestörter und wirksamer verfolgen zu können, entzog der Bund als geheime Gesellschaft seine Arbeiten den Blicken der Uneingeweihten und bediente sich selbst innerhalb der Loge, um nach Bedürfniß seine wahren Absichten auch den eigenen Mitgliedern gegenüber verschleiern zu können, vieldeutiger, dem Formenthum der alten Baugenossenschaften entlehnter Symbole. Der Freimaurerbund breitete sich gleich nach der Gründung rasch über alle civilisirten Länder aus und erlangte bei der damals auch unter Gebildeten verbreiteten Geheimnißsucht, besonders durch die Beihilfe aufgeklärter Fürsten, z. B. Friedrichs II. von Preußen und des Kaisers Franz von Österreich, die selbst dem Bunde beitraten, und Josephs II., welcher die Bestrebungen desselben unterstützte, bald großen, ja vielfach ausschlaggebenden Einfluß. Wie sehr der liberale, von der Freimaurerei genährte Geist bald die Gebildeten angesteckt hatte, dafür liefert die deutsche Literatur von 1740 an einen sprechenden Beleg. Namentlichen haben im vorigen Jahrhundert G. E. Lessing (1729–1782) und J. G. v. Herder (1744–1803), beide selbst Mitglieder des Freimaurerbundes, für das freimaurerisch-liberale Humanitätsprincip die wirksamste Propaganda gemacht – Lessing besonders durch seine Schriften »Die Erziehung des Menschengeschlechts«, »Nathan der Weise« und »Ernst und Falk«; Herder durch sein Werk »Ideen zur Geschichte der Menschheit«.

Der Hauptherd der liberalen Ideen wurde im 18. Jahrhundert Frankreich welches ein enger persönlicher und literarischer Verkehr mit England verknüpfte. Auch in Frankreich und in den anderen katholischen Ländern arbeitete der kirchliche Liberalismus Hand in Hand mit dem fürstlichen Absolutismus dem religiösen und politischen Liberalismus und damit der politisch-socialen Revolution vor. Der kirchliche Liberalismus trat in Frankreich in der gallicanisch-jansenistischen Bewegung zu Tage; dieselbe erstreckte sich auch auf andere Länder, wo sie hauptsächlich als Febronianismus and Josephinismus große Verheerungen anrichtete. Wie immer, so bestätigte sich hier die Erfahrung, daß die Bewegung gegen die kirchliche Autorität, welche von kurzsichtigen Fürsten gefördert wurde, sich zuletzt gegen die Fürstengewalt selbst kehrte. – Eine andere geistige Strömung, welche der liberalen Aufklärung die Wege bereitete, war der an Descartes’ Philosophie sich anschließende Skepticismus, als dessen Hauptvertreter Pierre Bayle (1647–1706) und David Hume (1711–1776) bezeichnet werden können. Im Mittelpunkt der liberalen Bewegung des 18. Jahrhunderts steht Voltaire (1694–1778) (s. d. Art.). Er war der Anführer der »philosophischen« Armee, jenes Heeres von Literaten, welche gegen die religiösen und politischen Traditionen im Namen der Vernunft und der Freiheit einen erbitterten Krieg auf Leben und Tod eröffneten. Das Werk, durch welches die sogenannten »Philosophen« des 18. Jahrhunderts am wirksamsten ihre Ideen verbreiteten, war die 28bändige Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers (Paris 1751 bis 1772). Die Mitarbeiter an dieser Encyklopädie huldigten zwar verschiedenen religiösen und politischen Anschauungen. Voltaire war z. B. Deist; d’Alembert Skeptiker, Diderot, »der Vulcan in Eruption«, wie ihn Taine nennt, und Lamarck halbe Pantheisten; v. Holbach, Lamettrie und Helvétius Materialisten. Sie alle trafen aber, wie später Condorcet, Laland und Volney und der ganze Schwarm von Literaten untergeordneten Ranges, der ihnen folgte, darin zusammen, daß sie alles, was bisher für ehrwürdig galt, in den Koth zogen und besonders auf jede Weise den christlichen Glauben und das christliche Sittengesetz als lächerlich, abgeschmackt und vernunftwidrig darzustellen suchten. Ècrasons l’infâme, war ihre Losung (vgl. Taine, Les origines de la France contemp., Paris 1880, 266 ss.). Der officielle Festredner für die im Schoße der Freimaurerei abgehaltene Feier des Centenars der Revolution von 1789, Bruder Amiable, versichert, daß der erste Gedanke zur Abfassung der Encyklopädie 1740 vom Großmeister der französischen Freimaurerei ausgesprochen worden sei in einer Rede, worin die Weltrepublik als Ideal aufgestellt wurde. Bereits 1741 sei Diderot an die Verwirklichung dieses Gedankens geschritten (vgl. Chaîne d’union 1889, 248 ss.). – Auf politischem Gebiete führten für Frankreich und die anderen Länder des Festlandes namentlich Ch. Baron de Montesquieu (1689–1755) und J. J. Rousseau (1712–1778; s. d. Artt.) den Umschwung der Anschauungen herbei. Montesquieu übte in seinen Lettres persanes und in seinem berühmten, in anderthalb Jahren in 22 Auflagen erschienenen Werke De l’esprit des lois eine zwar in ruhigem Tone gehaltene, aber doch scharfe Kritik an den bestehenden politischen Einrichtungen, die er als despotisch bezeichnete, und trat für Volks- und Individualfreiheit ein. Letzteres Werk ist besonders dadurch bekannt geworden, daß es zuerst für das constitutionelle System auf dem Continent Propaganda machte. J. J. Rousseau’s Schriften übten, da in denselben die Ideen, welche die Zeit bewegten, mit glühender Beredsamkeit vorgetragen wurden, eine geradezu berauschende Wirkung auf die Massen. Dieselben wurden wie ein Evangelium hingenommen. Der zweite Theil des Jahrhunderts, sagt Taine (l. c. 354), gehört ihm. »Die Frauen berauschen sich an dem Buche (Nouvelle Héloise) und am Verfasser bis zu dem Grade, daß es selbst in den höheren Klassen wenige gab, die ich nicht gewonnen hätte, hätte ich es versucht«, so schreibt Rousseau selbst (Confess. II, livre 11). Rousseau verherrlicht namentlich den Naturzustand des Menschen, vertheidigt warm die allgemeine Gleichheit, die Volkssouveränität und vertritt die reine Naturreligion. Auf socialem Gebiete arbeitete der Umwälzung im liberalen Sinne die physiokratische Schule vor, so genannt, weil sie für die alleinige Herrschaft der »natürlichen« Ordnung auf wirthschaftlichem Gebiet eintrat und jedes störende Eingreifen der Gesetze in diese natürliche Ordnung bekämpfte. Diese Schule wurde 1758 von Quesnay gegründet und erlangte bald besonders durch V. Mirabeau, Mercier de la Rivière, Dupont de Nemours und Turgot großen Einfluß. Im bekannten Wort Laissez faire, laissez passer faßte zuerst der Kaufmann Vincenz Gournay dem Könige gegenüber die Forderungen der Schule zusammen. Die Physiokraten förderten die liberale Richtung nicht bloß durch ihr Eintreten für unbeschränkte Freiheit auf wirthschaftlichem Gebiete, ihren Kampf gegen den »Feudalismus«, gegen Corporationen und Zünfte, gegen Privilegien und Monopole, sondern noch mehr durch ihre Anfeindung des Christenthums und durch ihre materialistische Weltanschauung, gemäß welcher sie den möglichst hohen Lebensgenuß als oberste Norm menschlichen Strebens bezeichneten (vgl. Ch. Périn, Les doctrines économiques depuis un siècle, Paris 1880, 20 ss.). Der frivole Ton, die Sittenlosigkeit und der durch Ursachen allgemeiner und persönlicher Natur genährte Geist der Unzufriedenheit, welcher damals in den höheren Klassen Frankreichs herrschte, trugen sehr zur raschen Ausbreitung der irreligiösen revolutionären »Philosophie« bei. Selbst der höhere Clerus ließ sich von der falschen Aufklärung anstecken. »Der Stand, welcher am wenigsten ›Vorteile‹ im Sinne der ungläubigen Philosophen) hat,« konnte Mercier (Tableau de Paris IV, 142) sagen, »ist – wer sollte es glauben? – der Clerus.« Und de Montlosier (Mémoires I, 37) spricht von einer Gesellschaft schöngeistiger Priester, von welchen die einen Deisten, die anderen offene Atheisten gewesen seien u. s. w. (vgl. Taine l. c. 362 ss.). Selbst Frauen wurden eifrige Apostel der neuen Lehren. Die Umsturzlehren der französischen Philosophen und sonstigen ungläubigen Literaten fanden bei der herrschenden Stellung, welche damals die französische Literatur in Europa einnahm, in allen anderen europäischen Ländern bei den Gebildeten Eingang und übten auch dort, da sie in alle sprachlichen Reize gekleidet waren (vgl. Taine l. c. 329 ss.), den größten Einfluß, einen Einfluß, der auch in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts noch mächtig fortwirkte. Bekannt sind Friedrichs II. von Preußen enge Beziehungen zu den französischen »Philosophen«. In Österreich und Bayern begann sich die »Aufklärung« ebenfalls bald mächtig zu regen. In letzterem Lande bildete sich im Illuminatenorden (1776) ein Herd antichristlicher und revolutionärer Aufklärung, welcher schon nach kurzer Zeit mittels der Freimaurerei sein Gift über das ganze deutsche Reich ausgebreitet hatte. An den bourbonischen Höfen in Frankreich, Spanien und Italien führten philosophische Minister das Staatsruder. Nun beschlossen die Philosophen die erste Kraftprobe zu wagen, indem sie den Sturm gegen die Jesuiten heraufbeschworen, der auch wirklich mit dem Untergang des Ordens (1773) endigte. Durch die Vernichtung des Jesuitenordens, welcher namentlich durch seine zahlreichen Unterrichtsanstalten dem Treiben der Philosophen einen mächtigen Damm entgegensetzte, glaubten sie das Haupthinderniß für die Erreichung ihrer Ziele, Vernichtung des Papstthums, des Christenthums und der Monarchie, beseitigt zu haben. Besonders eifrige Unterstützung fanden sie schon bei diesem ersten Feldzug gegen Papstthum und Kirche bei den kirchlichen Liberalen, den Jansenisten und Josephinern. Wie zahlreich die Jansenisten in Frankreich waren und wie sehr sie die Jesuiten und Rom haßten, geht aus einer Äußerung Barbiers schon vom Jahre 1733 hervor, der sagt, daß die Stadt Paris vom Kopf bis zu den Zehen jansenistisch sei. Nicht bloß die Magistratspersonen, die Advokaten, die Professoren und alle hervorragenden Bürger, sondern die gesammte Bevölkerung, Männer, Frauen und Kinder, hingen der jansenistischen Partei an: nicht so sehr wegen ihrer Lehre, die sie gar nicht kennen, sondern nur aus Haß gegen Rom und die Jesuiten. Die Frauen und Mädchen bis auf die Kammerzofen würden sich dafür in Stücke hauen lassen (Taine l. c. 400). Der Jansenismus mit seinem hinterlistigen, alle Autorität unterwühlenden Trotze und seinem in Ausschweifungen aller Art umschlagenden Rigorismus wirkte in sehr verderblicher Weise auf den religiös-sittlichen Zustand und auf den Charakter des französischen Volkes ein. Die Jansenisten im geistlichen und im Laienstande spielten auch in der französischen Revolution selbst eine große Rolle, namentlich bei der Abfassung der Civilconstitution des Clerus (1790), durch welche das demokratische Princip auf das kirchliche Gebiet übertragen wurde. Die französische Revolution war das entscheidendste politische Ereigniß für den völligen Durchbruch der liberalen Ideen auf allen, besonders aber auf dem politisch-socialen Gebiete, nicht bloß in Frankreich, sondern auch in den übrigen Ländern der christlich-abendländischen Völkerfamilie. England und Nordamerika wurden von der französischen Revolution weniger berührt, weil diese Länder bereits im Wesentlichen die Freiheiten, welche Frankreich erstrebte, besaßen. Die französische Revolution vollzog den vollkommenen Bruch mit der ganzen Vergangenheit, indem sie an die Stelle der von ihr zertrümmerten christlich-monarchischen Staats- und Gesellschaftsordnung die liberale republikanische setzte, nach welcher die Gesellschaft und der Staat nur mehr aus unter sich völlig gleichen, nur selbst verantwortlichen Individuen sich aufbaut. Die Zerstörungen, welche die Revolution auf kirchlichem, politischem und socialem Gebiete vollbrachte, wurden bis zu einem gewissen Grade unter dem ersten Kaiserreich, welches vorübergehend die ganze europäische Staaten- und Gesellschaftsordnung erschütterte und selbst die weltliche Herrschaft des Papstes unterdrückte, z. B. durch die Säcularisation der Kirchengüter in Deutschland, noch ergänzt und befestigt. In Deutschland und anderen Ländern richteten sich die namentlich durch französische Schriften und durch die Revolution in Frankreich mächtig geförderten Freiheitsideen freilich zunächst gegen die französische Fremdherrschaft, kehrten sich aber später naturnothwendig auch gegen die bestehenden kirchlichen und politischen Verhältnisse in der eigenen Heimat. Von 1815 an tritt die liberale Bewegung in allen Ländern des Festlandes und in den von denselben abhängigen Colonien, das sich abschließende Rußland ausgenommen, solidarisch auf. Jede neue revolutionäre Explosion in Paris fand in fast allen europäischen Hauptstädten, unter sichtlicher Mitwirkung geheimer, der Freimaurerei affiliirter Gesellschaften, ihren Wiederhall. Der Reihe nach wurde in allen Ländern von den Liberalen das constitutionelle System erstritten. Dasselbe wurde in Frankreich durch die Charte vom 4. Juni 1814 eingeführt; 1812 in Sicilien und Spanien; 1814 in Norwegen, Nassau und Holland; 1815 in Luxemburg; 1816 in Sachsen-Weimar; 1818 in Bayern und Baden; 1819 in Hannover; 1820 in Hessen, Sachsen-Meiningen und Neapel; 1822 in Portugal; 1830 in Belgien; 1849 im deutschen Reich; 1847–1850 in Preußen; 1849–1866 in Österreich; 1849 in Dänemark; 1867 ward es Norddeutsche Bundesverfassung, 1871 Verfassung des neuen deutschen Reichs.

Auf die liberale Doctrin in Deutschland übten namentlich Thomasius, Kant, Fichte und Hegel (s. d. Artt.) bedeutenden Einfluß. Christ. Thomasius (1655–1728) darf als der Hauptvorläufer für das später unter Friedrich II. ausgesprochene Princip der Religionsfreiheit in Deutschland bezeichnet werden. (Vgl. dessen Freimüthige, lustige und ernsthaffte, jedoch vernunft- und gesetzmäßige Gedanken über allerhand, 4 Bde., Leipzig 1688 bis 1690, 2. Aufl. Halle 1723–1725.) Bluntschli nennt ihn einen »Reformator der deutschen Cultur«. Die wesentlich liberalen Seiten der Philosophie I. Kants (1724–l804; s. d. Art.) sind: die besonders in seinen Autonomien hervortretende skeptische Richtung; die Ausscheidung der religiösen Probleme (Gott, Unsterblichkeit u. s. w.) aus dem Gebiete des strengen theoretischen Wissens; seine anthroponome Moral, seine Betonung der persönlichen Freiheit als Quelle aller Rechte und als Norm aller Staatseinrichtungen; seine Beschränkung des Staatszwecks auf Rechtsschutz. J. G. Fichte (1762–1814; s. d. Art.), ein eifriger Anhänger der Freimaurerei, will, daß anstatt der »Zufälligkeiten«, welche gegenwärtig in der Gesellschaft maßgebend seien, die Vernunft herrsche (Vernunftstaat). Den Fürsten empfiehlt er besonders, daß sie die »freie« Untersuchung nicht stören, sondern nach Kräften fördern; vom Staate verlangt er, daß er seine nächste Aufgabe, die »Nationalerziehung«, ernstlich betreibe. Als die Quelle alles Rechts bezeichnet er den Gesammtwillen. »Kein Mensch«, so schreibt er, »kann verbunden werden, ohne durch sich selbst. Keinem Menschen kann ein Gesetz gegeben werden, ohne von ihm selbst. Läßt er durch einen fremden Willen sich ein Gesetz auferlegen, so thut er auf seine Menschheit Verzicht und macht sich zum Thiere« (WW. VI, 101). Deßhalb ist es nach Fichte auch ungereimt, von Volks-»Rebellion« zu reden: »Das Volk ist nie ›Rebell‹«, und der Ausdruck ›Rebellion‹, von ihm gebraucht, ist die höchste Ungereimtheit, die je gesagt worden; denn das Volk ist in der That und nach dem Rechte die höchste Gewalt…, die Gott allein verantwortlich ist« (WW. III, 182). Auch G. W. Hegel (1770–1830; s. d. Art) trat in der Jugend warm für die Menschenrechte ein. Er erblickte in der französischen Revolution den »Kampf des vernünftigen Staatsrechts mit der Masse des positiven Rechts und der Privilegien«. Später aber brachte ihn seine Lehre vom Absoluten dazu, den Monarchen als das staatliche »Ich will«, als Person gefaßt, zu erklären und dem Staatsabsolutismus Thür und Thor zu öffnen. Auch die Theorie Hegels »Was vernünftig ist, ist wirklich, und was wirklich ist, ist vernünftig« (WW. VII, 17) entsprach eine Zeit hindurch wenigstens den Bedürfnissen der Liberalen. Denn dieselben hatten inzwischen erkannt, daß Preußen der »Repräsentant und Schirmherr der modernen Entwicklung des deutschen Volksgeistes und der Volksfreiheit gegen Österreich« (vgl. Bluntschli, Allg. Staatslehre, Stuttg. 1875, 472) sei, und deßhalb dessen Stärkung und Unterstützung im Interesse der liberalen Sache liege. Was sie aber in Zukunft, nachdem die Hindernisse für die freiheitliche Entwicklung durch Preußens Erhebung beseitigt sind, von Preußen erwarten, dafür ist die Art und Weise bezeichnend, in welcher der maßgebendste neuere liberale Staatslehrer, Bluntschli, immer wieder Friedrich II. als den »ersten und vornehmsten Repräsentanten der modernen Staatsidee« preist und Aussprüche von ihm, namentlich aus seiner Jugendschrift »Antimacchiavel«, 1740 von Voltaire herausgegeben, hervorhebt, welche der Volkssouveränität günstig sind (vgl. Bluntschli, Geschichte der neuern Staatswissenschaft, München 1881, 271 ff.). In der That äußerte Friedrich II.: »Der Fürst ist nur der erste Diener (domestique, serviteur) des Volkes, der erste Staatsbeamte u. s. w.« Sein thatsächliches Regierungsprogramm hatte aber sicher nicht die allmälige Einführung der Volkssouveränität oder auch nur der Beschränkung der Monarchie durch die Constitution zum Zweck, sondern entsprach vielmehr einem Ausspruch, den Friedrich II. gegen einen an ihn sich herandrängenden ehemaligen Gefährten aus der Zeit seiner Leichtfertigkeit that: »Jetzt sind die Narrheiten vorbei. Nachdem ich König geworden bin, gedenke ich auch das Amt eines solchen zu verwalten und der Einzige in meinem Lande zu sein, der Auctorität besitzt.« »Alles für, nichts durch das Volk«, war seine wahre Losung (vgl. Weiß, Weltgeschichte VI, Wien 1877, 623 bis 627). Richtig ist, daß Friedrich II. der erste deutsche Fürst war, welcher seinen Staaten die volle Religionsfreiheit gewährte. Einer seiner ersten Erlasse lautete: »Die Religionen müssen alle tolerirt werden; der Fiscal muß nur darauf sehen, daß keine der andern Abbruch thue, denn hier muß ein jeder nach seiner Façon selig werden« Auch gab er Weisung, den Zeitungsschreibern unbeschränkte Freiheit zu gestatten. »Denn«, sagte er, »Gazetten müssen, wenn sie interessant sein sollen, nicht genirt werden.«

IV. Hauptarten und Verzweigungen des Liberalismus; liberale Parteien. Im Allgemeinen geht, wie schon hervorgehoben ist, der Liberalismus auf dem kirchlich-religiösen Gebiete dem aus dem politisch-socialen Gebiete vorher. Daher muß hier mit dem erstern begonnen werden. A. Der Liberalismus auf kirchlichem Gebiete. Es ist schon darauf hingewiesen, daß der ganze Protestantismus, mit seiner Auflehnung gegen die kirchliche Lehrauctorität, wesentlich eine kirchlich-liberale Bewegung ist, und daß die sogen. Reformation durch das von ihr aufgestellte Princip der freien Forschung die ganze nachfolgende liberale Bewegung eingeleitet hat. Indeß behielt der officielle kirchliche Protestantismus thatsächlich Vieles von der katholischen Glaubenslehre bei und setzte, freilich im Widerspruch mit dem Princip der freien Forschung, in den symbolischen Büchern und Formeln der Glaubensfreiheit gewisse Schranken. So kam man auch innerhalb des Protestantismus dazu, von relativ orthodoxen und liberalen Richtungen zu sprechen.

1. Der kirchliche Liberalismus innerhalb des Protestantismus, die Emancipation von den in den verschiedenen protestantischen Confessionen aufgestellten Symbolen und Glaubens-Formeln und -Normen trat hauptsächlich in zwei Gestaltungen auf, welche als die philosophische und die bibelkritische bezeichnet werden können. Beide Gestaltungen sind wesentlich rationalistisch. Sie laufen auf Beseitigung aller Wunder und Geheimnisse und damit auf die Verflüchtigung des ganzen positiven Glaubensinhaltes, den Glauben an einen persönlichen Gott nicht ausgenommen, hinaus. Mit dem Überhandnehmen der liberaleren Richtungen innerhalb der protestantischen Länder schritt daselbst auch die bereits durch die Reformation eingeleitete Verweltlichung der Familie (die Ehe ist ein rein »weltlich Ding«, sagte schon Luther) und des Unterrichtswesens, der rechtlichen und der sittlichen, der staatlichen und der gesellschaftlichen Ordnung, der Kirche und der Religion selbst fort. Als Vorläufer der philosophisch-rationalistischen Richtung im Protestantismus kann der Socinianismus gelten; die Richtung selbst wird hauptsächlich durch den Deismus, welcher sich von England aus auch auf alle Länder des Festlandes verpflanzte, und durch die an die Wolf’sche und Kant’sche Schule sich anschließende rationalistische Bewegung innerhalb der protestantischen Theologie und Ethik repräsentirt. Die bibelkritische Richtung wurde durch gutgemeinte Bestrebungen der Franzosen Richard Simon und Du Pin (s. die Artt.) und durch die Schriften der Arminianer Grotius und Wetstein (s. d. Artt.) angeregt. Dieselbe behandelt die biblischen Bücher nach Art der profanen classischen Schriften des Alterthums wie rein menschliche Schriften und gestattet sich in Beurtheilung ihrer Echtheit, in der Textkritik sowie in ihrer Auslegung demgemäß volle Freiheit; ja sie scheint in den meisten ihrer Vertreter geradezu darauf auszugehen, von der Bibel und dem auf ihr ruhenden positiven christlichen Glauben keinen Stein auf dem andern zu lassen. Die Hauptvertreter dieser Richtung sind David Michaelis (seit 1745 Professor in Göttingen), Jacob Semler, W. Abr. Teller, G. Eichhorn, Joh. Jac. Griesbach, E. F. K. Rosenmüller, H. E. G. Paulus, David Strauß, Fr. Chr. Baur, Br. Bauer, F. Volkmar u. A. Die Hauptförderer des Rationalismus in Deutschland waren Friedrich II. von Preußen durch seine Verkündigung voller Religionsfreiheit und Lessing durch seine gegen die orthodoxen protestantischen Theologen gerichteten Schriften. Die Phasen und Verzweigungen dieses protestantischen Liberalismus mehr im Einzelnen zu verfolgen, ist hier ohne Interesse, zumal da die meisten dieser Richtungen, wenigstens soweit sie in der »Wissenschaft« hervortreten, nicht mehr den Namen »christlich« verdienen. Die fortgeschrittenste liberale protestantische Richtung vertritt der deutsche Protestantenverein oder, wie die Richtung in anderen Ländern heißt, der »Reform«-Protestantismus. Indeß sind auch die sogen. »Vermittlungstheologen« noch so liberal, daß selbst Luther sich über sie entsetzt haben würde.

2. Der kirchliche Liberalismus innerhalb der katholischen Kirche kann als eine abgeschwächte, dem offenen Bruch mit der Kirche ausweichende Tonart theils der protestantischen und protestantisch-rationalistischen, theils der modernen, mit der Revolution von 1789 zum Siege gelangten Form des Liberalismus bezeichnet werden. a. Die verhüllt-protestantische Form des kirchlichen Liberalismus vertritt der Jansenismus (s. d. Art.) mit allen Zweigformen, welche sich aus demselben unter Anschluß an den protestantischen Rationalismus entwickelten. Die jansenistische Bewegung, welche im Anfange des 17. Jahrhunderts auftrat, bekämpfte zunächst die kirchliche scholastische Wissenschaft und stellte auf dem Gebiete der Gnadenlehre Behauptungen auf, welche sich von der protestantischen, besonders calvinistischen Irrlehre kaum unterschieden. Bald richtete aber die jansenistische Partei, welche zwar den offenen Abfall von der Kirche scheute, aber ihre von der Kirche verurtheilten Irrthümer um so hartnäckiger vertheidigte, auch ihre Angriffe gegen die katholische Kirchenverfassung, besonders gegen den päpstlichen Primat und gegen die päpstliche Unfehlbarkeit. Dem Jansenismus leistete in seinem Kampf gegen die Vollgewalt des päpstlichen Primats der Gallicanismus (s. d. Art. Gallicanische Freiheiten) Vorschub, eine namentlich vom französischen Parlament genährte Bewegung, welche die angeblich von Alters her der französischen Kirche zustehenden nationalen »Freiheiten« auf Kosten der päpstlichen Rechte vertheidigte. Der Jansenismus und Gallicanismus erzeugten wieder unter dem Einfluß protestantischer staatskirchlicher Rechtstheorien den Febronianismus (s. d. Art Hontheim), welcher in Österreich durch Verschmelzung mit der modernen rationalistischen Aufklärerei zum Josephinismus (s. d. Art. Joseph II.) wurde. Diese verschiedenen staats- und nationalkirchlichen Formen des Liberalismus lebten auch in unserem Jahrhundert, besonders in Österreich, noch fort, in welchem sie vielfach im Vereine mit dem modernen Liberalismus die Kirche bedrängten. Als Hauptrepräsentant des staats- und nationalkirchlichen Liberalismus in diesem Jahrhundert kann der Generalvicar des Primas von Dalberg für die Konstanzer Diöcese, Wessenberg (s. d. Art.), bezeichnet werden. Derselbe war gemäß seinen josephinischen Grundsätzen, welche er in der Schrift »Deutsche Kirche« und in vielen Denkschriften aussprach, unablässig thätig für die Gründung einer deutschen Nationalkirche mit einer aufgeklärten Kirchenverfassung, welche den »Anmaßungen Roms«, »wo der Wahn von päpstlicher Machtvollkommenheit, ohne Scheu vor dem Lichte des Zeitalters, wieder zu erwachen scheine«, einen Riegel vorschieben sollte (vgl. Brück, Geschichte der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert, Mainz 1887, I, 307 ff. 282. 145; II, 12. 47. 77 u. s. w.). Theilweise gleichartige Ziele, wie Wessenberg und seine Anhänger, verfolgten später Anton Theiner, Mercy, der Anticölibatsverein und der Schaffhauser Verein, welche im Gegensatz zum »Ultramontanismus« und »Romanismus« allerlei kirchliche »Reformen«, als Abschaffung des Cölibats, Betheiligung des niedern Clerus an der Regierung der Kirche durch Diöcesansynoden, zeitgemäße Umformung der Liturgie, der Methode beim Bußsacrament, der Gebet- und Gesangbücher u. s. w., verlangten (Brück a. a. O. II, 539 ff.). Auch die »deutsch-katholische«, die »altkatholische« (s. d. Artt.), die »staatskatholische« Bewegung müssen der verhüllt oder verschämt protestantischen Form des kirchlichen Liberalismus beigezählt werden. In Frankreich gründete 1830 F. Fr. Chatel eine französisch-katholische Kirche, welche allerdings nicht viel Anklang fand. In Italien stiftete Domenico Panelli, unterstützt von der Loge, nach dem vaticanischen Concil eine ebenso bedeutungslose »italienisch-katholische Nationalkirche« u. s. w.

b. Die rationalistische, dem protestantischen Rationalismus nachgebildete Form des Liberalismus innerhalb der katholischen Kirche trat vielfach im engsten Anschluß an die staatskirchliche Form desselben auf, da dieselbe eben von den Staatskirchlern gefördert wurde. So wurden z. B. in Österreich vom Erzbischof von Wien, Trautson, neue, im Sinne der »Aufklärung« gehaltene Normen für das theologische Studium aufgestellt. Insbesondere wurde auf Beseitigung alles »scholastischen Wustes«, d. h. der orthodoxen kirchlichen Wissenschaft, gehalten. Das Illuminatenthum blieb ebenfalls nicht ohne Einfluß auf die kirchliche Wissenschaft in Deutschland und Österreich. So kam es, daß letztere bald in allen ihren Zweigen von der neuen protestantisch-rationalistischen Aufklärung angesteckt war. Mit dem Verfall der kirchlichen Wissenschaft ging der Verfall der Disciplin naturgemäß Hand in Hand. Von neueren deutschen rationalistischen Systemen in diesem Jahrhundert sind besonders der Hermesianismus und der Güntherianismus (s. d. Artt. Hermes und Günther) zu erwähnen.

c. Die moderne Form des Liberal-Katholicismus wird hauptsächlich durch Lamennais (1782 bis 1854, s. d. Art.) und die an ihn sich anschließende, bis zum vaticanischen Concil immer wieder in verschiedenen Schattirungen hervortretende Bewegung repräsentirt. Abbé Lamennais, welcher am Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich und Belgien theils durch seine von einer eigenthümlichen Beredsamkeit getragenen Schriften, theils durch seinen anregenden persönlichen Verkehr einen ganz außerordentlichen Einfluß erlangte, ist ein sprechender Beleg dafür, wie die Mißkennung der richtigen kirchlichen Grundsätze, das Abweichen von der goldenen Mitte der katholischen Lehre einen Anfangs selbst von den besten Absichten beseelten Katholiken, der im öffentlichen Leben steht, in die entgegengesetztesten und verderblichsten Irrthümer stürzen kann. Lamennais’ Mitarbeiter an den von ihm redigirten Zeitschriften und die vielen anderen hervorragenden Geister des katholischen Frankreich, welche er mittelbar und unmittelbar beeinflußt hatte, folgten ihm zwar nicht in seinem Abfall, zeigten aber in ihrem spätern Verhalten, wie schwer es ist, in der Jugend eingesogene falsche Grundsätze wieder völlig abzuschütteln. Im J. 1848, als der Ruf nach Freiheit wieder lauter wurde, nahm Lacordaire (s. d. Art.), ermuthigt durch das damals umgehende Gerücht, daß in Pius IX. endlich ein liberaler Papst aufgestanden sei, in Gemeinschaft mit Abbé Maret in seiner Ère nouvelle die Propaganda für den liberalen Katholicismus in bedenklich demokratischer, selbst von Montalembert getadelter Weise wieder auf. Später vertraten Montalembert, de Broglie, Cochin, de Falloux, Foisset, Msgr. Dupanloup und Andere einen gemäßigteren Liberalismus, dessen Hauptorgan der Correspondant wurde, und dessen Losung »Freie Kirche im freien Staate« lautete. Besonders schlug der Liberal-Katholicismus in Frankreich wieder anläßlich der Kämpfe um die Unterrichtsfreiheit neue Wurzeln, indem sich die im Übrigen hochverdienten katholischen Vertheidiger der Unterrichtsfreiheit vielfach auch »principiell« auf den liberalen Standpunkt stellten. Der Syllabus und das vaticanische Concil wurden ein neuer Anstoß zur Offenbarung irriger Anschauungen und incorrecter Gesinnungen seitens mancher sonst hervorragenden und verdienten französischen Katholiken. (Über den französischen Liberal-Katholicismus vgl. Jules Morel, Somme contre le Catholicisme libéral, 2 vo1s., Paris 1876; über Lamennais: Ferraz, Traditionalisme et Ultramontanisme, 2e éd Paris 1880, 165–269.)

Ein ähnlicher Liberal-Katholicismus, wie in Frankreich, gab sich auch, wenigstens zeitweilig, in Belgien kund, wo die Verfassung von 1831 demselben Vorschub leistete. Es lag ja die Gefahr sehr nahe, daß manche belgische Katholiken in den heißen Parteikämpfen mit ihren Gegnern, in welchen die in der Verfassung gewährleisteten Freiheiten ihre Hauptschutzwehr bildeten, sich auch »principiell« zu sehr auf den Boden der liberalen Grundsätze stellten, von welchen die Verfassung getragen ist, und sich damit zur gesunden katholischen Lehre mehr oder weniger in Widerspruch setzten.

Von italienischen Liberal-Katholiken sind besonders hervorzuheben der Traditionalist P. Joachim Ventura de Raulica (1792–1861) und der rationalistische Ontologist Vincenzo Gioberti (1801–1852; s. d. Artt.). Ventura’s liberale Ideen traten namentlich in seiner Oraison funèbre prononcée le 27 Nov. 1848 pour les morts de Vienne zu Tage. In dieser am 6. Juni 1849 auf den Index gesetzten Rede klagt Ventura die Rathgeber Pius’ IX. in leidenschaftlicher Weise an, daß sie den Anschluß der Kirche an die Principien der Freiheit gehindert und so den Triumph derselben vereitelt hätten. – V. Gioberti, Hofgeistlicher, später (1848) Minister und Abgeordneter in Turin, der einflußreichste Vertreter des katholischen Liberalismus in Italien, träumte gleich Lamennais von einer Allianz der Kirche mit der Volksfreiheit und von einer Anpassung der katholischen Religion an die Fortschritte der Zeit. Namentlich schwärmte er für die nationale Einigung Italiens. Das geeinigte Italien dachte er sich aber als eine Conföderation der italienischen Staaten und Fürsten unter dem Vorsitze des Papstes als des moralischen Hauptes der Nation und der gesammten Christenheit. So, meinte Gioberti, könnte Italien den ihm historisch gebührenden Primat unter den Nationen wieder gewinnen und die Welt regeneriren. Besonders eifrig schürte Gioberti zum Kampfe gegen Österreich und die Jesuiten, da er in diesen beiden Factoren die Haupthindernisse für die Verwirklichung seiner Pläne erblickte. Im Übrigen hielt er zäh an der »katholischen Idee«, als dem beseelenden Princip des allgemeinen Culturlebens, fest und bekämpfte scharf Lamennais’ späteres demagogisches Auftreten gegen Kirche und souveränes Königthum. Auch die von Mazzini ihm angetragene Bundesgenossenschaft wies er entschieden zurück. Die christlichen Dogmen bespricht Gioberti in einer der kirchlichen Wissenschaft fremden, rationalistischen Weise, wobei er vorgibt, die wahre katholische Philosophie, wie sie in Italien traditionell sich erhalten habe, zu vertreten. Er schließt sich in der Philosophie namentlich an Vico an. Die liberalen Ideen Gioberti’s, besonders die auf die Größe Italiens bezüglichen, wirken in Italien bis aus den heutigen Tag nach. (Über Gioberti vgl. Werner, Die italienische Philosophie des 19. Jahrhunderts, Wien 1885, II, 1–273, und Ricordi biografici e carteggio di V. Gioberti, Torino 1862–1863, 3 voll.)

B. Der Liberalismus auf politisch-socialem Gebiete war die naturnothwendige Consequenz des kirchlich-religiösen. Denn in diesem selbst war die Loslösung der Rechts- und Gesellschaftsordnung von Kirche und Religion im Keime schon enthalten. Wie die Reformation dem kirchlich-religiösen, so verhalf die französische Revolution dem politisch-socialen Liberalismus zum Durchbruch im ganzen christlichen Abendlande. In seiner abgeklärten Form erscheint der politisch-sociale Liberalismus seit dem Restaurationszeitalter, und zwar weist derselbe hauptsächlich zwei Phasen auf, von denen die erste als Altliberalismus und die zweite als Interessen-Liberalismus bezeichnet werden kann. In der ersten dieser Phasen, die bis zur Juli-Revolution vorherrscht, stehen die liberalen Grundsätze im Vordergrund; die Klasseninteressen der dieselben vertretenden Parteien treten weniger hervor. Die Aufmerksamkeit und Thatkraft der Altliberalen wurde durch das Bestreben, die bürgerliche und politische Freiheit zu erkämpfen, fast ganz in Anspruch genommen. Als diese Freiheiten aber gesichert und der dritte Stand im Besitze des politischen Einflusses war, drängten die Klasseninteressen die liberalen Principien in den Hintergrund. Letztere wurden nur mehr insoweit vertreten, als es der möglichst wirksamen Wahrung der Klasseninteressen förderlich schien, und sanken infolge dessen vielfach zu einem bloßen Aushängeschild herab. Auch innerhalb des dritten Standes selbst traten bald wieder verschiedene Interessengruppen und demgemäß verschiedene liberale Parteien hervor. Schließlich trat auch der vierte Stand für seine Interessen auf den politischen Kampfplatz. – Im Einzelnen sind die hauptsächlichsten liberalen Gruppen, welche in den verschiedenen Ländern auftraten, folgende:

1. Die Altliberalen, als deren hauptsächlichste Vertreter Benj. Constant in Frankreich und Karl v. Rotteck in Deutschland gelten können. Im Vergleich zu den Jacobinern vertreten die Altliberalen einen gemäßigteren Liberalismus, der sich mehr in rednerischen und publicistischen Ergüssen als in Thaten kundgibt. Im Vergleich zu den modernen Liberalen ist es ihnen aufrichtiger um die gleiche Freiheit Aller zu thun, als jenen. Radicalerer Natur ist die von Cavour 1860 gegründete Consorteria in Italien, welche auch im Verhältniß zur garibaldischen Linken des italienischen Parlaments, durch die sie seit 1876 aus der Mehrheit verdrängt wurde, als altliberal bezeichnet wird. Cavour erstrebte die nationale Einheit Italiens nicht so sehr durch Revolution, wie Garibaldi, als vielmehr durch Einwirkung auf die öffentliche Meinung und durch die Beihilfe auswärtiger Mächte. Die Liberalen in England (die alte Whig-Partei) können ebenfalls den Altliberalen beigezählt werden. Auf dem Festlande gibt es heute nur noch sehr vereinzelte Altliberale. Ein solcher ist z. B. E. Laboulaye, welcher auch die von französischen Liberalen geschätzteste Schrift über Liberalismus Le parti libéral, son programme et son avenir, Paris 1864, geschrieben hat.

2. Die »doctrinären Liberalen« nahmen eine Mittelstellung ein zwischen den consequenten Liberalen, welche die völlige Durchführung der liberalen Principien verlangten, und den Conservativen. »Doctrinäre« traten zuerst in Frankreich auf. Ihr Haupt war Royer-Collard. Andere hervorragende Doctrinäre waren Graf Molé, Herzog von Broglie, Guizot, de Barante, Abbé Louis, Camille Jordan u. s. w. – Die Bezeichnung Doctrinaires wurde ihnen im Winter 1816/17 von den »Ultra-Royalisten« beigelegt, welche ihrerseits volle Rückkehr zur alten Ordnung erstrebten. Die Doctrinäre erklärten, daß Vieles in der französischen Revolution berechtigt gewesen sei, ohne indeß die Grundsätze von 1789 in ihrem ganzen Umfange zu billigen (vgl. Guizot, Mémoires I, 156 ss.). Sie wollten: la charte, toute la charte et rien que la charte, und traten für ein rationelles, der historischen Entwicklung Frankreichs entsprechendes Regierungssystem ein. Später nannte man »Doctrinäre« gemäßigte Liberale überhaupt, welche vorzugsweise aus »theoretischen« Gründen (daher der Name Doctrinär) der Staatsklugheit, namentlich hinsichtlich der Erweiterung der politischen Rechte des Volkes auf Unkosten der Monarchie, der von radicaleren Parteien erstrebten consequenten Durchführung der liberalen Principien sich widersetzten. (Über die »Doctrinären« vgl. E. Laboulaye, Cours de politique constitutionnelle de Benj. Constant, Paris 1861, Introduct. XLVI ss., und Maurice Block, Dictionnaire général de la politique, Paris 1874, 2e éd., I, 689 ss.)

3. Der »Bourgeois-Liberalismus« ist der Interessen-Liberalismus der besitzenden bürgerlichen Klasse und namentlich des Großcapitals. Der Bourgeois-Liberalismus beherrschte in den letzten Jahrzehnten und beherrscht größtentheils noch jetzt (z. B. in Frankreich) das öffentliche Leben. Zu seinen Gunsten wirkt der größte Theil der Freimaurerei; in seinen Diensten stehen die verbreitetsten liberalen Tagesblätter. Die Hauptsignatur des Bourgeois-Liberalismus ist das Streben nach möglichst müheloser Anhäufung von Reichthümern als Mittel zu Lebensgenuß, verbunden mit oft cynischer Mißachtung der Pflichten der Gerechtigkeit und Liebe den anderen Gesellschaftsklassen gegenüber und mit frivoler, häufig bis zu höchster Feindseligkeit gesteigerter Gesinnung hinsichtlich der Ideale des Lebens, besonders hinsichtlich der christlichen Religion. Namentlich erwies sich der Bourgeois-Liberalismus fast überall als ausgesprochenen Feind der katholischen Kirche, bei welcher er vor Allem die der seinigen so sehr entgegengesetzte Lebensanschauung haßt. – Zu den Bourgeois-Liberalen zählen die Nationalliberalen in Deutschland, die liberalen in Österreich-Ungarn, die Opportunisten in Frankreich u. s. w.; letztere nennen sich so, weil sie sich in ihren Zielen und Bestrebungen den Umständen anbequemen und sich mit dem zeitweilig Erreichbaren begnügen und nicht, wie die »Intransigenten« oder die »Radicalen«, um jeden Preis auf ihren Forderungen oder auf der Durchführung ihrer Grundsätze beharren. Auch in England, wo selbst die Conservativen nach festländischen Begriffen mehr oder weniger liberal und die Liberalen in mancher Hinsicht conservativ sind, spielt der Bourgeois-Liberalismus namentlich hinsichtlich der Wirthschaftspolitik, die in der Regierung des britischen Reiches die maßgebende Rücksicht ist, eine bedeutende Rolle; jedoch tritt er dort weniger gehässig auf, als auf dem Festlande. In letzter Zeit beginnt übrigens sogar in England, dem classischen Lande des Freihandels, sich eine Strömung gegen das dort bisher auch von den Conservativen vertretene liberale Freihandelssystem geltend zu machen.

4. Der »Fortschritt« oder die »Progressisten« stellen eine liberale Partei dar, für welche, wie der Name besagt, die Weiterentwicklung der öffentlichen, der staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse gemäß den liberalen Grundsätzen die oberste Rücksicht ist. Die Fortschrittspartei erstrebt gewöhnlich vor Allem weitere Ausdehnung der individuellen, bürgerlichen und politischen Freiheit. Sie tritt zu starken, relativ konservativen Regierungen in Opposition. Auch befürwortet sie aufrichtiger die gleiche Freiheit für Alle, als der gewöhnliche Bourgeois-Liberalismus. Jedoch erscheint auch der fortschrittliche Liberalismus getrübt durch Klassen- und Partei-Interesse. In Deutschland z. B. ist auch der Fortschritt nicht frei von der Einwirkung des Bourgeois-Liberalismus und wird der Kirche gegenüber seinen liberalen Grundsätzen in sehr wesentlichen Punkten untreu.

5. Der »Radicalismus« kann als der Interessen-Liberalismus liberaler Herrschsucht bezeichnet werden. Derselbe pflegt mit großer Rücksichtslosigkeit aufzutreten und verfolgt als Ziel, die politische Gewalt und die einflußreichen und einträglichen Stellen in allen Zweigen der öffentlichen Verwaltung an sich zu reißen und die öffentlichen Verhältnisse selbst ohne Rücksicht auf historische Überlieferungen oder rechtliche Bedenken ganz nach Maßgabe seiner Parteiwünsche oder seiner politischen Anschauungen zu gestalten. Gewöhnlich, wie z. B. in der Schweiz, in Italien und in Frankreich, bilden Advokaten und Publicisten den Hauptbestandtheil dieser Partei. Die Radicalen streben die demokratische Republik an, da diese Staatsform für die Ausübung ihrer Herrschsucht am förderlichsten ist. Den Radicalen sind auch die Jacobiner in Frankreich und die Exaltados in Spanien beizuzählen. In der letzten Zeit gewinnen selbst in England die Radicalen, welche dort auf die Republik hinarbeiten, größern Einfluß.

6. Die »liberale demokratische« Partei (die sich wohl auch »Volkspartei« nennt – nicht zu verwechseln mit der »katholischen Volkspartei« –) vertritt vorwiegend die Interessen der Volksklasse, welche zwischen den Bourgeois und dem Proletariate liegt, auf Grund liberaler Anschauungen. – Zu bemerken ist, daß die Bezeichnung »demokratisch« nicht nothwendigerweise den Begriff »republikanisch« oder »liberal« in sich schließt. In den Vereinigten Staaten stehen die »Demokraten« als die eigentliche Volkspartei den »Republikanern«, einem Gemisch von Radicalismus und Bourgeois-Liberalismus, gegenüber.

7. Der »Socialismus« ist der Interessen-Liberalismus des vierten Standes, des »Proletariats«. Derselbe erstrebt auf Grund der liberalen Weltanschauung und im Wesentlichen auch der liberalen Grundsätze von 1789 die völlige bürgerliche, politische und wirthschaftliche Emancipation des vierten Standes, und zwar, ganz nach dem Beispiele, welches der dritte Stand bei seinem Emancipationskampf (1789) gab, durch die Herrschaft des vierten, des Arbeiterstandes, über alle übrigen Gesellschaftsklassen, durch Absorption aller Stände im Arbeiterstand. Wie 1789 das Wort ausgegeben wurde: »Der dritte Stand ist Alles«, so wird heute dasselbe vom vierten verkündet. Nach dem Vorgang der Bourgeois-Liberalen gehen auch die liberalen Proletarier, wo es ihr Interesse räthlich scheinen läßt, bei Aufstellung ihres Gesellschafts- und Staatsideals von den liberalen Grundsätzen ab, indem sie für Verstaatlichung der Produktionsmittel und der Production u. s. w. eintreten. Die heutigen socialistischen Arbeiterparteien, welche seit etwa zwei Jahrzehnten in allen Industrie- und Culturländern einen mächtigen Anhang unter der Arbeiterbevölkerung gewonnen haben, erstreben die socialistische Arbeiter-Republik, d. h. eine republikanische Staatsordnung, in welcher das Wohl des Arbeiterstandes, dem alle übrigen Stände als Arbeiter mit dem Kopf oder mit der Hand einzureihen sind, die allein maßgebende Norm ist. Dieses »Wohl« fassen die Socialisten, hierin ganz in Übereinstimmung mit den Bourgeois-Liberalen, als möglichst hohes Maß von Lebensgenuß auf. Als Mittel zur Erreichung ihrer Pläne haben alle großen liberalen Arbeiterparteien der Gegenwart, unter welchen sich ein Streben nach völliger Verschmelzung oder wenigstens voller internationaler Solidarität immer mehr geltend macht, auch die Revolution für den entscheidenden Augenblick in ihr Programm aufgenommen. Nur hinsichtlich der bis zu diesem Augenblick einzuhaltenden Taktik macht sich eine Verschiedenheit der Anschauungen unter ihnen bemerklich, nach welcher man hauptsächlich drei socialistische Gruppen unterscheiden kann. a. Die »relativ« gemäßigte Gruppe, welche namentlich in England und Frankreich hervortritt, in England unter dem Namen »Demokratisch-socialistische Föderation« und in Frankreich unter der Bezeichnung »Possibilisten«. Die »Possibilisten« wurden so genannt. weil sie der radicalern »collektivistischen« Gruppe gegenüber betonen, man müsse sein Augenmerk auf das zeitweilig Erreichbare (possible) richten. Man hat die Possibilisten auch als »opportunistische Socialisten« bezeichnet. Sie haben ungefähr die ganze Pariser Arbeiterwelt hinter sich, außer Paris aber verhältnismäßig wenig Einfluß. Die radicale Gruppe wirft ihnen vor, daß sie sich zu viel in die Kämpfe der heutigen politischen Parteien mischten, anstatt einzig die socialistische Sache im Auge zu behalten, und so in das Schlepptau der Bourgeois geriethen oder doch deren Geschäfte besorgten. – Die »demokratisch-socialistische Föderation« in England ist besonders in den Gewerkvereinen und in den Städten stark vertreten.

b. Die radicale Gruppe umfaßt besonders die »Marxisten«, welche namentlich in Deutschland, Frankreich, Italien und England sehr zahlreich sind, aber auch in allen anderen Ländern schon festen Fuß gefaßt haben. In Deutschland zählen zu dieser Partei die heutigen Socialdemokraten, in Frankreich die »Collectivisten«. Den Namen haben sie daher, daß sie für den Übergang der Productionsmittel und des unbeweglichen Eigenthums in den »collectiven«, d. h. gemeinsamen, und zwar staatlichen, nicht »communalen« Besitz eintreten. Auch die mehr schwärmerischen, anarchistisch angehauchten Blanquisten können der radicalen Gruppe der Socialisten beigezählt werden. Thatsächlich haben sie sich in Frankreich mit den Collectivisten zum Parti ouvrier révolutionnaire socialiste verschmolzen, während die Possibilisten sich Union révolutionnaire socialiste nennen. Die marxistische Partei bildet den Kern der Internationale. Die Marxisten der verschiedenen Länder dringen auf Beseitigung des liberalen Nationalitätsprincips. Das Klasseninteresse der Arbeiter, welches ihnen allein vorschwebt, verlange »Internationalität«.

c. Die anarchistische Gruppe, von Bakunin, Krapotkin und Most begründet, trat namentlich in Rußland, Spanien, Italien, Frankreich, der Schweiz und in Österreich schon wiederholt zu Tage, verschwand aber wieder unter den angewandten Repressivmaßregeln. (Vgl. über socialistische Parteien Abbé Winterer, Le socialisme contemporain, Paris 1878; Trois années de l’histoire du Socialisme, Paris 1882; Le danger social, Paris 1885; Le socialisme international, Paris 1890; ferner Rudolf Meyer, Der Emancipationskampf des vierten Standes, Berlin 1874 und 1875.) Eine ganz eigenthümliche Stellung nehmen in der französischen Arbeiterwelt die Cercles des prolétaires positivistes in Paris und London ein, welche, obgleich völlig atheistisch, dennoch ihre Stimme in wesentlich conservativem Sinne in den socialistischen Arbeiterversammlungen erheben. Dieselben suchen Aug. Comte’s Gesellschaftstheorie zur Geltung zu bringen.

Über die Entwicklung der liberalen Parteien vgl. Jörg, Geschichte der socialistischen Parteien in Deutschland, Freiburg 1867; Fürst zu Isenburg-Birstein, Die Parteien im deutschen Reichstag und die Socialdemokratie, Mainz 1877; v. Kuefstein, Die Grundsätze der bedeutendsten politischen Parteien und deren Entwicklung, Graz 1880; Const. Frantz, Kritik aller Parteien, Berlin 1862; Der Untergang der alten Parteien und die Parteien der Zukunft, Berlin 1878.

V. Würdigung des Liberalismus vom Standpunkt der gesunden Vernunft. Der Liberalismus gibt – dieß besagt schon der Name, dieß versichern auch unablässig seine Vertreter – vor, daß er die Sache der menschlichen Freiheit auf allen Gebieten, in jeder Hinsicht vertrete und dadurch alle edeln Eigenschaften und nützlichen Thätigkeiten des Menschen zur wirksamsten Entfaltung bringe und den Menschen selbst zu seiner wahren Würde und Wohlfahrt emporführe. Dieses Vorgeben, mittels dessen es dem Liberalismus gelang, so viele, selbst edeldenkende Geister zu bestricken, ist durch und durch trügerisch. Thatsächlich befördert der Liberalismus auf keinem Gebiete, in keiner Hinsicht die Freiheit im wahren und edeln Sinne des Wortes, sondern er zerstört sie nur. Es sind nicht die edeln Eigenschaften und nützlichen Thätigkeiten des Menschen, die er entwickelt, sondern im Gegentheile dessen niedere Triebe und die aus denselben hervorgehenden gemeinschädlichen Thätigkeiten, die Laster und Verbrechen. Er führt den Menschen nicht zu Würde und Wohlfahrt, sondern stürzt ihn in Erniedrigung und Verderben. Der Liberalismus zerstört die Freiheit im wahren und edeln Sinne des Wortes dadurch, daß er der unumschränkten, zügellosen Freiheit Thür und Thor öffnet. Letzteres thut er schon in seinem Grundprincip, dem Princip der absoluten »Denkfreiheit«. Denn die Anarchie auf dem Gebiete des Denkens, welche durch dasselbe eingeführt wird, muß nothwendig auch zur Anarchie auf dem Gebiete des Handelns führen. Alle persönlichen »Überzeugungen« werden ja als heilig und unverletzlich erklärt. Jeder aber ist offenbar nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet, nach seiner Überzeugung zu handeln. Befürwortet der Liberalismus Repressiv-Maßregeln gegen gewisse Handlungen, weil sie ihm als gemeinschädlich erscheinen, so wird er, wenigstens insoweit jene Handlungen den persönlichen Überzeugungen des Handelnden entsprechen, inconsequent, sobald er auf Grund seiner eigenen persönlichen Überzeugungen die Anderer vergewaltigt. Letztere, z. B. die Socialdemocraten und Anarchisten, sind jedenfalls vom liberalen Standpunkt aus, wenn sie einmal im Besitze der Macht sind, gerade so berechtigt, ihre persönlichen Überzeugungen den heutigen Liberalen gegenüber, nöthigenfalls selbst mit Gewalt, zur Geltung zu bringen. Das Recht sinkt auf liberalem Standpunkt zur bloßen Macht- und Nützlichkeitsfrage herab und verliert damit alle Sicherheit. Bezeichnend hierfür ist, daß der Liberalismus im Macchiavellismus und in der Nützlichkeitstheorie dazu kam, sogar theoretisch zuerst auf dem Gebiete der innern und äußern Politik und zuletzt sogar auf dem des Rechts und der Moral das Nützlichkeitsprincip als oberste Norm aufzustellen. Wo aber keine Rechtssicherheit mehr besteht, wo das Recht von der jeweilig am Ruder befindlichen Partei nach ihrem Interesse gemacht wird, da kann auch von keiner wahren Freiheit die Rede sein. Mit der Aufstellung der absoluten Denkfreiheit als liberalen Princips sind daher alle Bande der Ordnung gelöst; es ist für alle, auch die gröbsten Verirrungen im Denken und Handeln freie Bahn geschaffen und damit alle Schutzwehr der Freiheit im wahren, edeln Sinne des Wortes zerstört. Daß diese zügellose Freiheit, welche der Liberalismus verkündet, auch die menschlichen Leidenschaften entfesselt und dadurch den Menschen in jeder Hinsicht erniedrigt und in’s Verderben stürzt, liegt so sehr auf der Hand, daß es gar keines besondern Nachweises bedarf. Dasselbe wird durch die Erfahrung – man denke nur an die französische Revolution – vollauf bestätigt. Der Liberalismus ist eben, und zwar wieder schon wegen seines Grundprincips, der unbeschränkten Denkfreiheit, seinem innersten Wesen nach unsittlich und zerstört alle sittliche Ordnung. Denn schon das Princip der Denkfreiheit schließt die Auflehnung gegen die Wahrheit selbst und damit gegen die höchste Norm alles menschlichen Denkens und Handelns in sich. Mit der factischen Gleichstellung aller persönlichen Überzeugungen, wie sie in der absoluten Denkfreiheit liegt, wird auch die Gleichstellung von Irrthum und Wahrheit verkündet, wird die Willkür des Einzelnen zur höchsten, weder der Wahrheit noch dem Sittengesetze unterworfenen Norm in Denken und Handeln erklärt, werden Wahrheit und Sittengesetz selbst und somit die Grundlagen, auf welchen nicht bloß das Wohl des Einzelnen, sondern das der ganzen menschlichen Gesellschaft ruht, – menschlicher Laune und menschlichen Leidenschaften zum Spielball hingeworfen. Bezeichnend hierfür ist ein Ausspruch J. J. Rousseau’s, eines Hauptwortführers des Liberalismus: »Ein Jeder weiß recht gut, daß sein eigenes System auf keinen besseren Grundlagen ruht, als die anderen; aber er vertheidigt es, weil es eben sein eigenes ist. Es gibt keinen, der, zur Erkenntniß der Wahrheit und des Irrthums gelangt, nicht die von ihm selbst gefundene Lüge der von einem Andern entdeckten Wahrheit vorzöge. Wo ist der Philosoph, der nicht, um sich einen Namen zu machen, gerne das ganze Menschengeschlecht in Irrthum führte? Wo ist derjenige (liberale Schriftsteller), der im Geheimen seines Herzens ein anderes Ziel vor Augen hätte, als sich hervorzuthun? Wenn es ihm nur gelingt, sich über das Gewöhnliche zu erheben und seine Wettbewerber in den Schatten zu stellen, was fragt er nach allem Übrigen?« (Citirt bei Crétineau-Joly, L’Église Romaine en face de la révolution, Paris 1859, 10.) Seinen wahrheits- und gesetzesfeindlichen Charakter bekundet der Liberalismus auch dadurch, daß er, während er sonst alle Irrthümer unter seinen Schutz nimmt, alle Überzeugungen als heilig erklärt und alle Laster entschuldigt, allein die katholische Kirche, die Grundfeste der Wahrheit und die hauptsächlichste Schutzwehr der sittlichen und gesellschaftlichen Ordnung, mit seinem unversöhnlichen Hasse verfolgt und die angebliche »Unduldsamkeit« derselben, welche in nichts Anderem besteht, als in der Verurtheilung der vom Liberalismus vertretenen Vermengung von Irrthum und Wahrheit, so ziemlich als das einzige Verbrechen und zwar als ein unverzeihliches Verbrechen behandelt.

Eine Lehre und Geistesrichtung, welche schon in ihrem Grundprincip so falsch und verkehrt ist, wie der Liberalismus, kann auch in ihrer Anwendung auf die einzelnen Gebiete menschlicher Thätigkeit nur Irrthümer enthalten. Der hauptsächlichste und verderblichste dieser Irrthümer tritt uns gleich auf kirchlichem und religiösem Gebiete entgegen. Der Liberalismus betrachtet vor Allem die völlige Cultus- und Religionsfreiheit, d. h. die unumschränkte Denkfreiheit in religiösen Dingen, als die Wurzel aller wahren Freiheit und als die unerläßlichste Vorbedingung einer gedeihlichen bürgerlichen und staatlichen Entwicklung und eines gesunden politischen Lebens. Er ist daher bestrebt, Kirche und Religion aus dem öffentlichen Leben völlig zu verdrängen und auf das rein innere Gebiet des individuellen Gewissens zu beschränken. Thatsächlich ist aber gerade die Unterwerfung unter die religiöse Wahrheit die wichtigste und unerläßlichste Vorbedingung der wahren Freiheit, Würde und Wohlfahrt des Menschen auf allen Gebieten, auch auf dem staatlichen, gemäß den Worten Christi: Veritas vos liberabit (Joh. 8, 32). Je tiefer gewurzelt im Einzelnen und in der Gesellschaft die religiösen Wahrheiten sind, je williger und vollkommener sie befolgt werden: desto mehr steigt die Freiheit und Menschenwürde auf allen Gebieten, sowohl im Privat- als im Familien- und gesellschaftlichen Leben; desto mehr kann der individuellen Freiheit, da Mißbrauch derselben weniger zu befürchten ist, Spielraum gelassen werden; desto weniger braucht durch gesetzlichen Zwang nachgeholfen zu werden. Wo aber die religiöse Wahrheit zu schwanken beginnt, da nimmt nach der allgemeinen Erfahrung auch der Mißbrauch der Freiheit zu. Es bedarf vermehrten staatlichen Eingreifens, ausgedehnterer Anwendung von Zwangsmitteln, um die unentbehrlichste öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Die mildeste und schonendste, zugleich auch wirksamste Art, Unordnungen zu bekämpfen, ist, denselben vorzubeugen oder ihnen gleich in den ersten Anfängen entgegenzutreten. Dieß geschieht aber durch die Bekämpfung und Unterdrückung der verderblichen Ideen und Lehren, welche zu verkehrten Handlungen führen. Welcher Unverstand ist es nun, zur Verbreitung solcher Lehren durch den mit der Denk-, Preß-, Redefreiheit und mit der Freiheit der Wissenschaft getriebenen Götzendienst auf jede Weise zu ermuthigen und erst, wenn die Übel in Staat und Gesellschaft infolge des Mißbrauchs dieser Freiheiten einen nicht oder kaum mehr zu bewältigenden Grad erreicht haben und völlig unerträglich geworden sind, die ärgsten Auswüchse abzuschneiden, während man immer noch der Wurzel derselben die zarteste Schonung und sorgsamste Pflege zu Theil werden läßt! Die religiöse Wahrheit, die unentbehrlichste Vorbedingung aller wahren Freiheit, kann aber nur durch eine starke Lehrauctorität unter den Menschen in Geltung erhalten werden. Die Liberalen sind freilich hierüber anderer Ansicht. Sie glauben, wie z. B. der italienische Ex-Minister Minghetti (Stato e Chiesa, Milano 1878, 221–270), auch auf dem Gebiete der religiösen Wahrheit durch Eröffnung der freiesten Concurrenz für alle Meinungen zum Ziele zu kommen. So würden, meint Minghetti, die Strahlen der Einen Wahrheit, die sich in allen religiösen Systemen zerstreut finden, sich harmonisch zu einer geläuterten Religion und Moral verbinden, und die Gesellschaft würde, von den Grundsätzen des reinern Christenthums durchdrungen, in ihr Eldorado einziehen. Solche Träumereien verdienen indeß angesichts der düstern Wirklichkeit, welche uns die Geschichte seit der Reformation und besonders seit der Verkündigung der vollen Denk- und Religionsfreiheit im modernen Staate vor Augen stellt, gar keine Widerlegung. Wenn aber die Nothwendigkeit einer Lehrauctorität zur Aufrechterhaltung der religiösen Wahrheit einmal feststeht, so kann es auch nicht mehr länger zweifelhaft sein, daß dieselbe einzig in der katholischen Kirche verkörpert ist. Zwar unternahm es einer der hauptsächlichsten Vertreter der neuern Philosophie, der Begründer des Positivismus, August Comte, eine solche Lehrauctorität zur Aufrechterhaltung der für den Bestand und die Wohlfahrt der Gesellschaft unentbehrlichen gemeinsamen Anschauungen auf rein menschlicher Grundlage zu begründen und glaubte sie in den sicheren und darum von Allen anzuerkennenden Ergebnissen der Wissenschaft gefunden zu haben. Jedoch endet sein Versuch wie alle nach ihm in derselben Richtung hervorgetretenen Bestrebungen mit einem vollständigen Fiasco. (Vgl. des Verf.’s Schrift: August Comte, der Begründer des Positivismus, Freiburg 1889.) Nur die katholische Kirche kann schon vom rein natürlichen Standpunkt aus als das Organ gemeinschaftlicher Anschauungen, wie sie zur Grundlegung einer gedeihlichen Gesellschaftsordnung erforderlich sind, ernstlich in Betracht kommen. Sie hat ja auch in der That die großartige christlich-abendländische Gesellschaftsordnung und die christlich-abendländische Civilisation begründet. Ihr Verdienst ist es einzig und allein, daß diese Gesellschaftsordnung und Civilisation noch nicht völlig untergegangen ist. Sie ist das einzige widerstandfähige Bollwerk gegen die schwarzen Mächte des Umsturzes. Selbst was der moderne Staat noch an wirklicher Cultur und Civilisation besitzt, verdankt er ihr. Die Reste der christlichen Gesellschaftsordnung, welche, trotz der principiellen Aufgebung des Christenthums, in den Sitten und Anschauungen und in den gesellschaftlichen Formen auf die moderne Gesellschaft übergegangen sind, haben allein den Einbruch der modernen Barbarei und den Zusammensturz der Gesellschaft selbst aufgehalten. Um sich hiervon zu überzeugen, genügt es, in den Schriften consequenter Liberalen Umschau zu halten, welche, wie z. B. Max Nordau in seinen in vielen Auflagen verbreiteten »Lügen der Culturmenschheit«, die vollständige Säuberung der modernen Gesellschaft von allen christlichen Überresten befürworten.

Die katholische Kirche trägt auch dadurch, daß sie allein und zwar durch bald zwei Jahrtausende sich glänzend als Lehrerin der Völker bewährt hat, den Stempel der Wahrheit und damit zugleich die Beglaubigung ihrer höhern, göttlichen Sendung an der Stirn. Denn nur die Wahrheit kann sich im Leben bewähren. Der Irrthum muß nothwendigerweise an der Wirklichkeit zu Schanden werden. Wenn die Kirche ferner Lehrerin der Wahrheit ist, so muß vor Allem auch wahr sein, was sie über ihre eigene höhere Sendung lehrt, kraft welcher sie Alles lehrt. Steht aber die göttliche Offenbarung fest, steht es fest, daß die katholische Kirche die Trägerin derselben ist, so ist es abgeschmackt, der Kirche gegenüber auf die Denkfreiheit zu pochen. Der offenkundigen Wahrheit gegenüber die Denkfreiheit geltend machen, kann nur ein Thor oder Charlatan. In der That erscheint auch die Ausübung des liberalen Urrechts der Denkfreiheit, wie sie in der Geschichte und Zeitgeschichte vor uns liegt, in einem recht bedenklichen Lichte. Oder gleichen nicht schon die gefeiertsten unabhängigen Denker, welche als die geistige Elite des »Volkes der Denker« gepriesen werden, in ihren Ausführungen über die wichtigsten Fragen des Lebens, über Gott, sittliche Pflichten u. s. w. den Trunkenen, die unsicher hin und her schwanken, unverständige Dinge lallen, häufig an die Grundpfeiler der Gesellschaftsordnung heftig anstoßen und dadurch die öffentliche Ordnung selbst in’s Wanken bringen? Und in welcher Lage befinden sich in der Ära der Denkfreiheit erst die, welche weder Zeit noch Befähigung haben, sich ein selbständiges Urtheil in jenen Fragen zu bilden! Sie müssen mit ihren blinden, trunkenen Führern, denen sie anheimfallen, in den Abgrund stürzen. Das liberale Urrecht der Denkfreiheit, auf welche unsere Zeit so stolz ist, ist nichts als eine große Illusion. Der größte Theil der Menschheit, ja wir können sagen, die ganze Menschheit ist nicht im Stande, ein solches Urrecht (insofern es im liberalen Sinne im Widerspruch mit der Offenbarung geltend gemacht wird) zu ihrem Heile auszuüben. Die Emancipation derselben von der Kirche, der Lehrerin der Wahrheit, macht sie nicht geistig frei, sondern bringt sie erst recht in die geistige Sklaverei, in geistige Abhängigkeit nämlich von Irrlehrern, Abenteurern und Gauklern. A veritate quidem auditum avertent, ad fabulas autem convertentur (2 Tim. 4, 4), so sagt schon das ewig wahre Wort der Schrift. Nein, nicht die Befreiung von Religion und Kirche führt den Menschen zu Freiheit, Würde und Wohlfahrt, sondern die Unterwerfung unter die Religion und Kirche als die Trägerin der göttlichen Offenbarung. Die Kirche hat sich thatsächlich auch historisch als die wahre Befreierin der Individuen und Völker, als der wahre Hort aller wahren Freiheit jederzeit erprobt.

Nicht minder irrthümlich als auf kirchlich-religiösem Gebiete sind die liberalen Anschauungen auch auf dem politischen und socialen Gebiete. Mit der liberalen politischen Lehre, nach welcher alle politische Gewalt sich von den einzelnen Individuen ableitet, welche den Staat zusammensetzen, bezw. selbst unveräußerlich in denselben ihren Sitz hat, ist keine feste staatliche Ordnung vereinbar. Dieselbe ist so irrig, daß sie einfachhin undurchführbar ist. In der That sind die liberalen politischen Einrichtungen voll von Heuchelei und von innerer Unwahrheit. Ebenso ist es mit der liberalen Lehre auf socialem und wirthschaftlichem Gebiete, dem Freihandelssystem. Das Unzulängliche des reinen Freihandelssystems ist so offenkundig, daß selbst Liberale, wie z. B. de Laveleye (vgl. Le Socialisme contemp., Brux. 1885), es nicht mehr zu vertreten wagen. G. Schönberg schreibt über dasselbe in seinem »Handbuch der politischen Ökonomie«, Tübingen, 2. Aufl. 1885 (I, 53): »Die Freiheit kann nie eine absolute sein. Die letzten Ursachen der nothwendigen Einschränkung der individuellen Freiheit liegen in dem menschlichen Egoismus, in der natürlichen und wirthschaftlichen Ungleichheit der Menschen und in den sittlichen Zwecken, welche die Menschen im Staat und in der Gesellschaft verfolgen… Die gesetzlich zu gestattende wirthschaftliche Freiheit kann nur eine gebundene, eine sittliche Freiheit sein; die Freiheit muß zugleich Ordnung sein.« Kurz, kein einziges Gebiet menschlicher Thätigkeit, weder das politische noch das sociale und religiöse, kein einziger Stand, keine einzige Klasse der Gesellschaft, weder Fürsten noch Staatsmänner, Gelehrte oder Börsenmänner dürfen sich von der göttlichen Ordnung, der religiösen Wahrheit und dem von Gott aufgestellten Sittengesetz emancipiren. Thun sie es dennoch, so binden sie sich selbst durch ihre Auflehnung gegen die von Gott der menschlichen Freiheit zu ihrem Schutze und zu ihrer Vervollkommnung gesetzten Schranken die Zuchtruthe, welche sie bestrafen wird. Die Auflehnung der höheren Klassen gegen Gottes Ordnung hat die Auflehnung der niederen gegen die höheren zur unausbleiblichen Folge, wie wir es jetzt an der socialistischen Bewegung klar vor Augen haben. Scheut sich der liberale absolutistische Staat nicht, die Rechte der Kirche mit Füßen zu treten, unschuldige Ordensleute aus dem Lande zu weisen, den Raub des Kirchenstaates zu vollführen oder gutzuheißen und nach Kirchengut seine Hand auszustrecken, warum sollte dann der Socialismus Bedenken tragen, weniger ehrwürdige Throne umzustoßen und minder heilige Eigenthumsrechte mit Füßen zu treten? Soll daher der gefahrdrohenden Katastrophe vorgebeugt werden, welche der Liberalismus heraufbeschworen hat, so müssen alle Stände und Klassen der Gesellschaft auf die falsche Freiheit, welche der Liberalismus verkündet, verzichten und zum Gehorsam unter die von Gott gesetzte Ordnung zurückkehren, welche allein die wahre, geordnete Freiheit Aller gewährleistet. Es muß der Kirche wieder die ihr von Gott angewiesene Stellung als Lehrerin der Völker eingeräumt werden. Vor Allem, aber muß der Kirche die volle Freiheit für ihr im höchsten Grade gemeinnütziges Wirken wiedergegeben werden. Nur eine völlig freie Kirche hat das nöthige Ansehen und Vertrauen beim Volke. Verstaatlichung der Kirche oder staatliche Bevormundung derselben verweltlicht dieselbe, wie die Erfahrung zeigt, und macht sie dadurch kraftlos. Dafür daß die Kirche die ihr eingeräumte Freiheit nur zum allgemeinen Nutzen Aller gebrauchen wird, bieten ihre Verfassung und ihre Traditionen selbst die sicherste Bürgschaft, eine Bürgschaft, welche unvergleichlich zuverlässiger ist, als alle argwöhnische Überwachung seitens staatlicher Organe. Das Wichtigste aber ist, daß der Kirche auf dem Unterrichtsgebiet, aus welchem sie der Liberalismus vielfach verdrängt hat und gänzlich zu verdrängen sucht, der ihr gebührende Einfluß vollständig wieder gegeben werde. Nur dadurch ist es möglich, der religiösen Wahrheit und der kirchlichen Lehrauctorität wieder jenes Ansehen zu verschaffen, welches für die Sicherheit und Wohlfahrt des Staates und der Gesellschaft nothwendig ist. Bei Ausschluß der Kirche aus dem Unterrichtswesen, wenn derselbe auch unmittelbar zu Gunsten des Staates ausgesprochen wird, fällt, da der Staat und seine Organe als solche nun einmal zur Ausübung von Lehrthätigkeit oder gar als Lehrtribunal und Lehrgewalt weder Beruf noch Befähigung haben, dasselbe, wie die Erfahrung aller Länder lehrt, nur zum größten Schaden des Staates und der Gesellschaft dem die Religion untergrabenden und alle Bande der Ordnung lösenden Liberalismus anheim. (Zur Beurtheilung des Liberalismus vgl. v. Ketteler, Freiheit, Auctorität und Kirche, 4. Aufl., Mainz 1862; Die Arbeiterfrage und das Christenthum, ebd. 1864; Cardinal Dechamps, Der Liberalismus, deutsch Mainz 1878; Donoso Cortez, Versuch über den Katholicismus, den Liberalismus und Socialismus, deutsch Mainz 1854; Stimmen aus Maria-Laach, I. Serie: Die Encyklica Papst Pius’ IX. vom 8. December 1864, Freiburg 1865–1869; H. J. Crelier, L’ours devenu pasteur, Paris 1874, 129 ss.; ferner die verschiedenen Jahrgänge der Civiltà cattolica.)

VI. Verurtheilung und Bekämpfung des Liberalismus durch die Kirche. Der Liberalismus wurde in dem Maße, als er sich im öffentlichen Leben bemerklich machte, von der Kirche verurtheilt. Von der Verurtheilung des Grundprincips des Liberalismus, wie es in der Reformation ausgesprochen wurde, und des kirchlichen Liberalismus, wie er im Protestantismus und seinen jansenistischen, gallicanischen, febronianischen und josephinistischen Nachbildungen zu Tage trat, braucht hier nicht geredet zu werden, da hierüber in eigenen Artikeln gehandelt wird. – Der moderne Liberalismus, insoweit er durch seinen religiösen Indifferentismus und durch seine naturalistischen, alle übernatürlichen Gesichtspunkte ausschließenden Grundsätze die Auctorität untergräbt und damit auf den völligen Umsturz der religiösen und bürgerlichen Ordnung hinarbeitet wurde gleich, nachdem die Propaganda für denselben mittels geheimer Gesellschaften (Freimaurerei) ernstlich in katholischen Länder begonnen worden war, von Papst Clemens XII. in seiner Encyklica In eminenti apostolatus specula vom 28. April 1738 verurtheilt. Von den folgenden Päpsten wurde diese Verurtheilung wiederholt erneuert, so von Benedict XIV. am 18. Mai 1751; von Pius VII. am 13. September 1821; von Leo XII. am 13. März 1826; von Gregor XVI. am 15. August 1832; von Pius IX. am 9. November 1846, am 25. September 1865 u. s. w. und endlich von Leo XIII. in seiner bekannten Encyklica Humanum genus vom 20. April 1884. Gegen die neue »Freiheit«, welche die Philosophen predigten, erhob Pius VI. sogleich nach seiner Thronbesteigung eindringlich seine Stimme in der Bulle, in welcher er zu ihrer Bekämpfung ein feierliches Jubiläum ausschrieb. »Nachdem sie«, heißt es in der Bulle, »überall die Finsterniß ihrer Gottlosigkeit ausgebreitet und die Religion aus den Herzen der Menschen gerissen haben, versuchen es diese volksverderbenden Philosophen auch, alle Bande zu zerreißen, welche die Menschen unter sich und mit denen verknüpfen, die sie regieren. Laut schreien sie in die Welt hinaus, daß der Mensch frei geboren sei, und wiederholen ohne Unterlaß, daß er keiner Gewalt, welche immer es sein möge, unterworfen sei; daß die gegenwärtige Gesellschaft eine Masse unwissender Menschen sei, welche sich in ihrer Dummheit den Priestern, die sie betrügen, und den Königen, welche sie bedrücken, zu Füßen legen. Die Verbindung zwischen priesterlicher und fürstlicher Gewalt ist nach ihnen nur eine barbarische Verschwörung gegen jene dem Menschen angeborene Freiheit. Wer sieht nicht ein, daß so ungeheuerliche Irrthümer und so viele andere Wahnwitzigkeiten, die mit so viel Geschick verhüllt werden, die öffentliche Ruhe und Sicherheit um so mehr bedrohen, je mehr man säumt, die Gottlosigkeit ihrer Urheber zu zügeln, und daß sie für die mit dem Blute Christi erkauften Seelen um so verderblicher sind, je mehr diese gottlosen Lehren, wie der Krebs, angreifen und zerfressen, was noch gesund ist, sich in das Herz der Könige einschleichen, ja (wir sagen es mit Schaudern) selbst in das Heiligthum eindringen?« – Die liberalen Grundsätze der französischen Revolution und die auf denselben ruhende »Civilconstitution des französischen Clerus« verurtheilte derselbe Papst in seinem sehr ausführlichen Breve an den Cardinal de Rochefoucault Quod aliquantum vom 10. März 1791 und in sehr ergreifender Weise in seiner anläßlich der Hinrichtung König Ludwigs XVI. gehaltenen Allocution. Bezüglich der Civilconstitution sagt Pius VI., dieselbe sei nicht frei von Schisma und Häresie. Die Verurtheilungen, welche der Liberalismus durch die vorgenannten Päpste und durch Pius IX. in zahlreichen Encykliken, Breven und Allocutionen fand, sind in der Encyklica Pius’ IX. Quanta cura vom 8. December 1864 wiederholt und in dem der Encyklica beigefügten Syllabus complectens praecipuos nostrae aetatis errores übersichtlich zusammengefaßt. Im Syllabus wird bei den einzelnen aufgeführten irrigen Sätzen auch auf die Actenstücke verwiesen, in welchen dieselben schon früher verurtheilt worden waren. Diese Actenstücke sind zusammengestellt im Recueil des allocutions consistoriales, encycliques et autres lettres apostoliques … citées dans le Syllabus, Paris 1865. – Am 17. Juni 1867 bestätigte Pius IX. nochmals vor zahlreichen Bischöfen die im Syllabus ergangene Verurtheilung liberaler Sätze. In der Encyklica vom 21. April 1878 machte sich Papst Leo XIII. diese Verurtheilungen in folgenden Worten zu eigen: Has condemnationes omnes Decessorum Nostrorum vestigia sectantes, Nos ex hac Apostolica veritatis Sede confirmamus et iteramus. – Der moderne Liberal-Katholicismus Lamennais’ wurde besonders in der Encyklica Gregors XVI. Mirari vos vom 15. August 1832 verurtheilt. Auch Pius IX. sah sich, selbst nach Erlaß des Syllabus, noch wiederholt genöthigt, in Allocutionen und Breven sich mit dieser Richtung zu beschäftigen. Er betrachtete die Versuche der französischen Liberal-Katholiken, die liberalen Grundsätze auf kirchlichen Boden zu verpflanzen, mit Recht als höchst bedenklich, so gut auch die Absichten mancher Vertreter der Richtung sein mochten (Breven vom 15. Januar 1872; 6. März, 8. Mai, 9. Juni, 28. Juli 1873; 21. Mai 1874; vgl. Ségur, Hommage aux jeunes catholiques-libéraux, 10e éd., Paris 1875). – Auch das vaticanische Concil richtete sich in seiner Constitutio de fide gegen den Liberalismus. Der in derselben verurtheilte Naturalismus und Nationalismus waren specifisch liberale Irrthümer. In der Definition der Unfehlbarkeit des Papstes wurde der entscheidendste Schlag gegen den Liberalismus geführt, indem durch dieselbe das vom Liberalismus am heftigsten bekämpfte, seinen Plänen am meisten hinderliche kirchliche Auctoritätsprincip die größte und folgenreichste Stärkung erhielt. Der gesammte Liberalismus fühlte ganz richtig, daß ihm durch die Unfehlbarkeitserklärung ein tödtlicher Streich versetzt, und daß es ihm durch dieselbe namentlich für die Zukunft unmöglich gemacht wurde, sich gleißnerischerweise in das Innere der Kirche selbst einzuschleichen. Deßhalb setzten auch die Liberalen aller Schattirungen, obgleich der Glaubenssatz längst in der Kirche factisch in Geltung war, Himmel und Erde gegen die feierliche Definirung desselben in Bewegung. Syllabus und Unfehlbarkeitsdogma spornten auch die Liberalen aller Länder auf’s Neue zu culturkämpferischen Anläufen. – Von den Encykliken Leo’s XIII. bezieht sich namentlich die »über die menschliche Freiheit« vom 20. Juni 1888 auf den Liberalismus. Mehr oder minder haben aber auch fast alle übrigen Kundgebungen des Papstes auf denselben Bezug, besonders die Encyklica über die Übel in er heutigen Gesellschaft vom 28. März 1878, die über die Secte der Socialisten, Communisten und Nihilisten vom 28. December 1878; die über die weltliche Gewalt vom 20. Juni 1881 und die über die christliche Staatenordnung vom 1. November 1885 und die über die Arbeiterfrage vom 15. Mai 1891.

Hinsichtlich der wirksamen Bekämpfung des Liberalismus empfiehlt Papst Leo XIII., wie schon seine Vorgänger, namentlich Pius IX., es vor ihm gethan hatten, vor Allem vollkommene Einigkeit aller Katholiken im Handeln und Denken durch den engsten Anschluß an die Bischöfe und den apostolischen Stuhl (vgl. die päpstlichen Schreiben vom 1. April 1878; 3. August 1881; 25. Januar und 8. December 1882; 8. Februar 1884; 25. December 1888 u. s. w.); ferner das muthige, auch öffentliche und gemeinsame Bekenntniß des katholischen Glaubens, namentlich in häufigen kleineren und größeren, localen und allgemeinen Katholikenversammlungen, und die sorgfältige Pflege des christlichen Lebens (vgl. die Encykliken »Über die hauptsächlichsten christlichen Pflichten« vom 10. Januar 1890 und »Über das christliche Leben« vom 25. December 1888). Besonders eindringlich betont Papst Leo XIII. die Pflege des christlichen Familienlebens nach den Vorschriften der Kirche und die christliche Kindererziehung (vgl. die Rundschreiben und Schreiben über die Ehe vom 10. Februar 1880 und vom 1. Juni 1879; über die Schule vom 26. Juni 1878; vom 25. März 1879 und vom 8. Februar 1884 u. s. w.). Daneben ermahnt Leo XIII. die Katholiken, auch gemäß den Verhältnissen der einzelnen Länder von ihren bürgerlichen Rechten gewissenhaft Gebrauch zu machen, um an der Lösung der großen Fragen unserer Zeit, welche ja auch die Kirche, das Familienleben und die Kindererziehung in Mitleidenschaft ziehen – besonders an der Lösung der Arbeiterfrage –, im christlichen Sinne mitzuwirken. Namentlich empfiehlt der heilige Vater in dieser Hinsicht die Gründung und möglichste Entfaltung verschiedenartiger, den verschiedenen Bedürfnissen in den einzelnen Ländern und Gegenden angepaßter Vereine und die thätige Unterstützung der katholischen Presse im weitesten Sinn. Als Aufgabe der letztern bezeichnet er, in engem Anschlusse an den Episcopat in allen Fragen, die zur öffentlichen Discussion kommen, die richtigen, kirchlichen Grundsätze zu vertreten, »den boshaften Trug (der Kirchenfeinde, besonders auch der kirchenfeindlichen Presse) unermüdlich aufzudecken, das Gift des Irrthums abzuwehren und zu eifriger, pflichtgemäßer Tugendübung anzuspornen« (vgl. die Schreiben vom 8. December 1882; 17. Juni 1885; 17. December 1888 u. s. w.). Besondere Wichtigkeit legt Leo XIII. zur Bekämpfung der Irrthümer der Zeit der Pflege der Wissenschaft und namentlich der Philosophie bei, deren Studium nach der scholastischen Methode des hl. Thomas er daher wiederholt auf’s Wärmste anempfahl (vgl. die Encyklica Aeterni Patris vom 4. August 1879; Allocution vom 7. März 1880 und die Schreiben vom 15. October 1879; 4. August, 21. November, 21. December, 25. December 1880; 3. August 1881; 25. Januar 1882 u. s. w.). In einem Schreiben vom 18. August 1883 hebt er ferner besonders noch die Wichtigkeit der historischen Wissenschaften hervor. Die Bischöfe ermahnt Papst Leo XIII., häufig gemeinsame Berathungen zu pflegen, um zu völliger Klarheit und Einigkeit im Vorgehen zu gelangen. Diese Versammlungen der Bischöfe sollten zugleich ein Vorbild für und eine Anregung zu Versammlungen der Katholiken nach Provinzen, Nationen u. s. w. bilden. Er empfiehlt ihnen ferner, in Hirtenbriefen die Gläubigen über ihre Pflichten aufzuklären, dem Unterricht und der Ausbildung des Clerus die umfassendste Sorge zuzuwenden und auch darüber zu wachen, daß die Gläubigen durch regelmäßige mündliche Belehrungen (Predigt, Katechese, u. s. w.) vor den ihrem Glauben bereiteten Schlingen bewahrt werden. In diesem Sinne schrieb Papst Leo XIII. noch jüngst (3. März 1891) an die österreichischen Bischöfe. Ähnlich hatte er sich schon früher in der Encyklica an die italienischen Bischöfe vom 15. Februar 1882 und im Schreiben an die portugiesischen Bischöfe vom 14. September 1886 geäußert.

In der That gilt, wie für alle früheren Kämpfe der Kirche gegen ihre Feinde, so auch für den gegen den Liberalismus das Wort Haec est victoria, quae vincit mundum, fides nostra (1 Joh. 5,4). Die geoffenbarte Wahrheit muß eben, weil sie die Wahrheit und als solche allein mit der Wirklichkeit im Einklange ist, naturnothwendig obsiegen. Und Alle werden mit und in derselben siegen, insoweit sie dieselbe in Wort und That, im Privatleben und öffentlich bekennen.

Über die Art und Weise, wie der Liberalismus in den einzelnen Ländern seitens der Kirche bekämpft wurde, geben die Acten der Provinzial-Concilien den besten Aufschluß. Das betreffende Material kann, da die genauen Indices die Auffindung des Gewünschten sehr erleichtern, in der Collectio Lacensis nachgesehen werden.

Gewissensfälle über den Liberalismus behandeln die zwei ersten Bände des Werkes Casus conscientiae his praesertim temporibus accommodati propositi ac resoluti cura et studio P. V., Bruxellis 1884. Natürlich kann über den Liberalismus, da derselbe so unermeßlich viele Abstufungen aufweist, nicht in Bausch und Bogen ein Gesammturtheil gefällt werden. Wie weit derselbe dem christlichen Glauben und dem christlichen Sittengesetze widerstreitet, muß für die einzelnen Fälle untersucht werden.

[H. Gruber S. J.]


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