Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Liebesact, heroischer, heißt nach kirchlichem Sprachgebrauch ein besonderer Act der freiwilligen und in gewissem Sinne heldenmüthigen Aufopferung (daher auch oblatio genannt), in welchem fromme Mitglieder der streitenden Kirche auf alle ihre eigenen guten Werke, sofern sie satisfactorischen Werth haben, auf alle Ablässe, welche sie gewinnen, deßgleichen auf alle Meßopferfrüchte, Genugthuungswerke und Fürbitten, welche nach ihrem Tod Andere ihnen zuwenden, zu Gunsten der armen Seelen im Fegfeuer Verzicht leisten. Gewöhnlich geschieht dieses in der Form, daß sie dieselben in die Hände der Himmelskönigin Maria legen, damit Maria dieselben denjenigen armen Seelen zuwende, welche sie aus dem Fegfeuer befreien will. Dieser heroische Liebesact hat seine Wurzel in herzlicher, ächt brüderlicher (1 Cor. 12, 25–26) Theilnahme für die leidenden Seelen im Fegfeuer, deren Qualen nach allgemeiner Lehre der Theologen und nach zahlreichen Privatoffenbarungen in der Regel größer sind als jeder irdische Schmerz (Bautz, Das Fegfeuer 156 ff.). Er wurde in der Kirche Gottes sicherlich schon längst von frommen Gläubigen geübt, fand aber besondere Verbreitung zu Anfang des 18. Jahrhunderts durch den Theatiner P. Kaspar Olider und ist seitdem mit zahlreichen Ablässen begnadigt worden, zuerst durch Papst Benedict XIII. (23. August 1728), dann durch Pius VI. (12. December 1788) und besonders durch Pius IX. (30. September 1852). Jetzt haben die Priester, welche den heroischen Liebesact gemacht, für alle Tage das persönliche Altarprivilegium, und es ist daher jedesmal, wenn sie für einen Verstorbenen das heiligste Opfer (an Tagen, wo es der Ritus erlaubt, als Requiemsmesse) darbringen, an diese applicatio Missae der vollkommene Ablaß des Altarprivilegiums für den betreffenden Verstorbenen geknüpft; wird die Messe für mehrere Verstorbene applicirt, so kommt der Ablaß nur dem aus ihnen zu, welchen der Celebrans selber designirt, oder dessen Wahl er Gott oder der jungfräulichen Himmelskönigin anheimgestellt hat. – Die Laien, welche den heroischen Liebesact erweckt haben, können behufs Zuwendung an die armen Seelen einen vollkommenen Ablaß gewinnen, so oft sie zur heiligen Communion gehen, sodann an jedem Montag, wenn sie zum Trost der armen Seelen dem heiligen Meßopfer beiwohnen; in beiden Fällen ist aber erforderlich, daß sie eine Kirche oder ein öffentliches Oratorium besuchen und daselbst einige Zeit nach der Meinung des Papstes beten. Für diejenigen, welche verhindert sind, am Montag Messe zu hören, gilt behufs der Ablaßgewinnung pro defunctis die Messe am Sonntag, und solchen, welche noch nicht communiciren dürfen (z. B. Kinder), oder die zu communiciren verhindert sind, kann mit Delegation des Diöcesanbischofs der Beichtvater andere Werke statt der Communion auferlegen. Auch die Ablässe, welche sonst und an sich den Verstorbenen nicht zuwendbar sind, können und müssen diejenigen, welche den heroischen Liebesact gemacht haben, den Verstorbenen zuwenden, wie sie denn überhaupt keinen Ablaß, den sie gewinnen, für sich reserviren können, ohne dadurch den einmal gemachten heroischen Liebesact zurückzunehmen, was übrigens nicht Sünde wäre. Daß man die Ablässe, sowie die eigenen satisfactorischen Werke u. s. w. behufs ihrer Zuwendung an die armen Seelen in die Hände Mariens lege, ist wohl löblich und üblich, aber nach ausdrücklicher Erklärung Leo’s XIII. (19. December 1885) nicht wesentlich; es kann der Einzelne die Zuwendung nach eigenem Gutdünken vollziehen. Ein besonderes Formular für die Erweckung des Liebesactes, wie solches in manchen Büchern sich findet, ist nicht erforderlich, sondern der einfache Willensact ausreichend, welcher, wie als oblatio, so auch als votum in sensu lato bezeichnet wird. Selbstverständlich erstreckt sich die in Rede stehende Zuwendung guter Werke nur auf das Satisfactorische an denselben, während das Meritorische (augmentum gratiae et futurae gloriae) und Impetratorische den betreffenden Gläubigen bleibt. Aber gleichwohl liegt in der Verzichtleistung auf die eigenen opera satisfactoria, sowie auf alle Ablässe und Suffragien im Leben und nach dem Tode zu Gunsten der armen Seelen im Fegfeuer insofern ein gewisser Heroismus, eine heroische Nächstenliebe, als ja ein jeglicher Mensch gewiß Ursache genug hat, sich selber gar sehr vor dem Fegfeuer zu fürchten und darum seine opera satisfactoria, gewonnenen Ablässe u. s. w. sich zu reserviren. Aber andererseits erwirbt man sich gerade durch solch eine großmüthige Theilnahme für die armen Seelen die Liebe Gottes und in ihr das augmentum gratiae et gloriae, deßgleichen die kräftige Fürbitte der armen Seelen selber in so hohem Grade, daß man vor Gottes Angesicht durch diesen Verzicht gewiß nicht als verkürzt, sondern als bereichert erscheint, was auch daraus zu erschließen ist, daß die Kirche den heroischen Liebesact durch so große Privilegien auszeichnet und empfiehlt. (Vgl. das Nähere in des Verfassers Abhandlung im Augsb. Pastoralblatt, Jahrg. 1863, 257 ff.)

[Thalhofer.]


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