Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Linde, Justin Timotheus Balthasar Frhr. v., katholischer Staatsmann, wurde am 7. August 1797 zu Brilon in Westfalen geboren. Er war der Sohn des Dr. jur. Levin Linde, welcher seinem Vater, einem kurkölnischen und münsterländischen Regierungsrathe, in der Stellung eines Gaugrafen zu Rheine und Bevergern nachgefolgt war. Justin studirte 1812–1820 zu Arnsberg, Münster, Göttingen und Bonn. Es wird bisweilen behauptet, er sei Hermesianer gewesen; dieß ist aber damit, daß er in Münster und Bonn bei Hermes Vorlesungen gehört hatte und mit dessen hervorragenden Schülern Braun, Biunde, v. Droste-Hülshoff und Esser in Freundschaft verbunden war, noch nicht bewiesen; die Thatsachen zeigen, daß er bis zum Opfer seiner amtlichen Stellung stets ein glaubenstreuer Vertheidiger der katholischen Kirche verblieb. Als dritter Doctor, welchen die neugegründete Universität Bonn creirt hatte, begann er 1820 sein Lehramt als Privatdocent, nahm aber, da er wegen seiner katholischen Haltung in Preußen keine Berücksichtigung erwartete, 1823 einen Ruf als Professor der Rechte nach Gießen an. Im J. 1826 wurde er zugleich Kirchen- und Schulrath. Der Bau einer katholischen Kirche und die Errichtung einer Pfarrei in Gießen war hauptsächlich sein Werk. Schon 1829 wurde er als geheimer Regierungsrath in das Ministerium nach Darmstadt berufen; nachdem er einen Ruf als Staatsrath im Cultusministerium zu Berlin abgelehnt hatte, wurde er 1832 Director des Oberstudienrathes und 1833 Kanzler der Universität Gießen; 1836 stieg er zum geheimen Staatsrath im Ministerium des Innern auf. Ihm hauptsächlich war die Errichtung eines katholischen Lehrerseminars, die Hebung der katholischen Gymnasien zu Mainz und Bensheim und die Gründung einer katholisch-theologischen Facultät in Gießen, wohin Männer wie Staudenmaier, Kuhn, Lüft, Löhnis, Fluck, Scharpff und Locherer berufen wurden, zuzuschreiben. Um die Facultät zu heben, schloß er 1838 mit der nassauischen Regierung einen Vertrag, daß den Candidaten der Theologie dieses Landes gleiche Rechte, insbesondere auch Honorarbefreiung in Gießen gewährleistet sei, wie den Landeskindern. Aber gerade dieses Wirken in einem vorwiegend protestantischen Staate brachte ihm heftige Anfeindungen. Er antwortete darauf in zwei Schriften: »Übersicht des gesammten Unterrichtswesens im Großherzogthum Hessen, nebst Bemerkungen über die neueste Beurtheilung desselben durch Hofrath Thiersch in München«, Gießen 1839, und »Erwiederungen auf die Bemerkungen des geh. Rathes Dr. A. A. E. Schleiermacher über den Studienplan für die Landes-Universität zu Gießen«, Darmstadt 1843. Als dann die rongeanische Bewegung auch in Hessen mannigfache Förderungen fand, trat Linde zuerst anonym dagegen auf in der Schrift »Betrachtung der neuesten kirchlichen Ereignisse aus dem Standpunkte des Rechts und der Politik«, Mainz 1845, und wies hin, daß die aus religiösen Wirren entstandenen Aufregungen bald auch politische Stürme im Gefolge haben würden. Mehrfach angegriffen, vertheidigte er sich offen in der trefflichen Schrift »Staatskirche, Gewissensfreiheit und religiöse Vereine«, Mainz 1845, und wendete sich dann insbesondere gegen den Professor Credner an der protestantisch- theologischen Facultät zu Gießen in drei Schriften: »Über die Auffassung des christlichen Seligkeitsdogma’s«, »Die Berechtigung der christlichen Kirche zum Fortschritte« und »Urkundliche Berichtigung von Thatsachen«. Diese Sendschreiben wurden unter dem Gesammttitel »Berichtigung confessioneller Mißverständnisse« zu Mainz 1845 neu ausgegeben. Das Übergewicht, welches Linde hierin offenbarte, war so groß, daß selbst mehrere protestantische Professoren öffentliche Erklärungen zu Gunsten des Kanzlers erließen. Nichtsdestoweniger wurde ihm vielfach Mißtrauen entgegengebracht, und endlich wurde ihm das Referat über Cultussachen entzogen. Nunmehr verlangte er Ende 1845 seine Entlassung aus dem Staatsdienste; sie wurde ihm auf wiederholtes Andringen endlich bewilligt. Großherzog Ludwig II. sah ihn ungern scheiden und ernannte ihn zum lebenslänglichen Mitgliede der ersten Kammer. Linde zog sich auf seinen Landsitz Dreys bei Wittlich in der Rheinprovinz zurück, hauptsächlich seinen juridischen Studien lebend. Als aber in der ersten Kammer ein neues Ehegesetz berathen werden sollte, nahm er lebhaft daran Theil und unterstützte Bischof Kaiser von Mainz in glänzenden Reden über die Rechte der Kirche; ebenso veröffentlichte er zwei Schriften: »Über Abschließung und Auflösung der Ehe im Allgemeinen und über gemischte Ehen insbesondere«, Gießen 1846, und »Über religiöse Kindererziehung in gemischten Ehen und über Ehen zwischen Juden und Christen«, ebd. 1847.

Im J. 1848 wurde er auf einen größern politischen Schauplatz berufen. Der Wahlkreis Borken in Westfalen wählte ihn zum Abgeordneten für die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt. Hier weilte er bis zur Rückberufung der preußischen Abgeordneten; dann sandte ihn der Wahlkreis Arnsberg in das Volkshaus nach Erfurt (20. März bis 29. April 1850). Am Schlusse des Erfurter Parlamentes lud ihn Österreich ein, sich in Frankfurt an der Wiedereröffnung der deutschen Bundesversammlung zu betheiligen; am 15. Juli 1850 wurde er vom Fürsten von Liechtenstein zum Bundestagsgesandten ernannt, am 23. März 1853 in den österreichischen Staatsdienst mit Verwendung bei der Bundespräsidial-Gesandtschaft in Frankfurt förmlich aufgenommen. Seit 1863 war war er zugleich Gesandter für Reuß ä. L. und Hessen-Homburg und blieb in diesen Stellungen bis zur Auflösung des Bundestages am 24. August 1866. Im Parlamente betheiligte sich Linde nicht oft an den das religiöse Gebiet streifenden Debatten, war aber in der Presse sehr thätig, hatte wesentlichen Antheil an der Gründung der »Deutschen Volkshalle«, der ersten größern katholischen Zeitung, und schrieb die Abhandlung »Kirche und Staat, Betrachtungen über den Artikel III des Entwurfes der Grundrechte des deutschen Volkes«, Frankfurt 1848. Sehr bedeutend war auch der Einfluß, den er auf die Berufung der Bischofsconferenz in Würzburg (October 1848) übte. Cardinal Geissel von Köln besuchte ihn persönlich in Frankfurt, um den Rath des bewährten Politikers einzuholen. Am Bundestage übte er eine vielfach entscheidende Thätigkeit, wenngleich dieselbe nicht nach Außen hervortrat. Er stand in innigen Beziehungen zu den österreichischen Präsidialgesandten, die sich seines Rathes und seiner Arbeitskraft bedienten. Als dann 1852 die Beschwerde des Mecklenburger Convertiten Frhrn. von der Kettenburg wegen Verletzung des Artikels 16 der Bundesacte durch die mecklenburgische Regierung vor den Bundestag gebracht wurde, traten durch Linde’s Verwendung selbst die 15. und 16. Curie, zu welcher außer Liechtenstein nur protestantische Staaten gehörten, für den Rechtschutz der Katholiken in ganz Deutschland ein; es bedurfte des ganzen Gewichtes, welches Bismarck in die Wagschale legte, um in der entscheidenden Sitzung vom 30. Mai 1853 einen Majoritätsbeschluß zu Gunsten öffentlicher und freier Religionsübung der Katholiken in allen Bundesstaaten zu verhindern. In dieser Angelegenheit einstanden aus Linde’s Feder zwei Schriften: »Über die rechtliche Gleichstellung der christlichen Religionsparteien in den deutschen Bundesstaaten«, Gießen 1852, und »Gleichberechtigung der Augsburgischen Confession mit der katholischen Religion in Deutschland nach den Grundsätzen des Reiches, des Rheinbundes und des deutschen Bundes«, Mainz 1853. Als dann im folgenden Jahre der Kirchenstreit in Baden entbrannte, stand Linde dem Erzbischof v. Vicari als Freund und Berather zur Seite, übermittelte die wichtigsten Actenstücke an Cardinal Rauscher in Wien, ließ durch den österreichischen Gesandten in Karlsruhe den gemaßregelten Priestern jede mögliche, auch materielle Hilfe leisten und schrieb seine letzte kirchenpolitische Schrift »Betrachtungen über die Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Kirchengewalt und Schutzpflicht des deutschen Bundes und der Theilnehmer am westfälischen Frieden sammt und sonders in Deutschland«, Gießen 1855. Nach Auflösung des deutschen Bundes zog sich Linde in’s Privatleben zurück. Er starb bei einem Besuche, den er seinem in Bonn wohnenden Sohne machte, in der Nacht vom 8. auf den 9. Juni 1870 eines plötzlichen Todes. Seine zahlreichen und werthvollen Arbeiten über Civilprozeß und deutsches Bundesrecht verzeichnet Schulte in der Allg. deutschen Biogr. XVIII, 671 f.

[R. v. Linde.]


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