Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Lindl, Ignaz, gehörte zu den aftermystisch gesinnten Priestern, welche am Ende des vorigen und im Anfang unseres Jahrhunderts unter den Katholiken des Bisthums Augsburg viel Verwirrung und Schaden angerichtet haben. Außer Lindl waren es noch Martin Boos, Johannes Goßner, Martin Völk, Xaver Bayer u. A., welche damals im Bisthum Augsburg (s. d. Art.) einen unglücklichen Aftermysticismus pflegten. Bei einseitiger Herzensbildung, sentimentaler Gemüthsstimmung und religiös erhitzter Phantasie schwelgten die Genannten auf protestantisch-pietistische Weise in dem durch die sogen. »Erweckung« erlangten Fiducialglauben, durch welchen sie der erlangten Sündenvergebung und des »süßen Einwohnens Christi in der Seele« schlechthin gewiß zu sein glaubten. Dabei wollten sie auch des heiligen Geistes speciell zu dem Zwecke theilhaft geworden sein, daß sie die heilige Schrift als die einzige Quelle des Glaubens richtig verstehen und genußreich betrachen könnten. Indem sie den Fiducialglauben an die Versöhnung durch das Kreuzesopfer einseitig betonten, läugneten diese Aftermystiker entschieden die Verdienstlichkeit der guten Werke und den Sühnopfercharakter der heiligen Messe, auf welche sie überhaupt nicht viel hielten; sie waren Gegner der Marienverehrung, betrachteten sich als die allein wahre, unsichtbare, innere Kirche, erwarteten die baldige Wiederkunft des Herrn, hielten unter sich häufige Conventikel, verbreiteten eifrigst verschiedene aftermystische Tractätlein, waren aber gegenüber den Nichterweckten, besonders gegenüber den kirchlichen Behörden, in Beziehung auf das Specifische an ihrer Lehre äußerst zurückhaltend. Bischof Joh. Maria von Augsburg sagte in einem herrlichen Warnungsschreiben vom 2. Juni 1823 an seine Diöcesanen, »daß er Lüge und Heuchelei, Ränke und Verstellung, Meineid, Glaubens- und Sittenstolz nicht nur an den Häuptern der aftermystischen Secte, sondern auch an den irregeführten Jüngern und Jüngerinnen des gemeinen Standes wahrgenommen habe – sowie auch den Geist des immerwährenden Klagens über Bedrückungen und Verfolgungen, der schon den Irrlehrern der alten Zeit eigen gewesen sei«. Wieder und wieder von ihrer geistlichen Obrigkeit in Liebe und Ernst gemahnt, gewarnt, gestraft, ließen namentlich die Häupter der Richtung doch nicht von ihren Ansichten und von deren Verbreitung ab; sie gaben Versprechen auf Versprechen, schwuren ihre Irrlehren ab, legten die professio fidei Tridentinae ab und predigten doch alsbald ihre Irrthümer noch fanatischer als zuvor. Diese ganze Schilderung paßt besonders auf Lindl.

Ignaz Lindl ward geboren am 8. October 1774 in dem altbayrischen Dorfe Baindelkirch unweit Augsburgs und zum Priester geweiht am 18. Mai 1799. Zuerst als Kaplan, dann als Pfarrer in seinem Heimatsorte angestellt, war Lindl nichts weniger als pietistisch, sondern liebte es besonders, bei den Theaterspielen seiner Pfarrkinder als Theaterdiretor thätig zu sein. Erst im J. 1812 wurde er durch seinen Kaplan Völk und durch Goßner (s. d. Art.) »erweckt«; noch bewegender scheint auf ihn die Bekanntschaft eingewirkt zu haben, die er um diese Zeit auf einer Reise in die Schweiz mit den dortigen Brüdergemeinden machte. »Wie neu belebt,« so schrieb er, »fing ich nun an, das (reine) Evangelium oder Christus, den lebendig machenden Geist, den Totenerwecker und Seligmacher, dem Volk zu verkünden, und gleich mit dem Beginne dieser Predigt wirkte Gottes Geist in den Herzen der Zuhörer.« Auffallend lau und eilfertig bei der Feier der heiligen Messe, legte er fortan das Hauptgewicht auf die Predigt, und da er ein ausgezeichnetes Rednertalent besaß, gewann er schon in Baindelkirch viele Anhänger für seine aftermystischen Lehren und mußte sich darob beim Ordinariat Augsburg verantworten. Vor diesem schwor er 1818 seine Irrthümer ab und erklärte sich bereit, seine Pfarrei Baindelkirch zu verlassen. Am 1. Juni 1818 bezog er nun die Pfarrei zu Gundremmingen, einem großen Dorfe bei Dilingen an der Donau. Hier wirkte er von der Kanzel für seinen kurz vorher abgeschworenen Aftermysticismus noch eifriger als in Baindelkirch; aus der ganzen Umgegend und selbst aus weiter Ferne strömten in Gundremmingen die Leute zusammen und stiegen außen an der Kirche sogar auf Leitern zu den Fenstern hinauf, um den »famosen Lindl« predigen zu hören. Wiewohl er nicht viel über ein Jahr (bis 19. October 1819) zu Gundremmingen thätig war, gewann er doch nicht bloß in seiner Pfarrei, sondern in der ganzen Umgegend (besonders in den großen Dörfern Aislingen und Jettingen) sehr viele begeisterte Anhänger, die man, wie noch die jetzigen Aftermystiker (Irvingianer) im Bisthum Augsburg, kurzweg Lindlianer benannte. Da er aber einsah, daß es ihm bei der Wachsamkeit nicht bloß der geistlichen, sondern auch der weltlichen Behörden nie gelingen werde, in Bayern eine Kirche nach seinem Kopf zu gründen, verließ Lindl Gundremmingen, wanderte nach Rußland aus, ließ sich in St. Petersburg durch Goßner mit seiner ehemaligen Magd Elisabeth trauen und bezog dann einen vom Kaiser ihm zugewiesenen District im südlichen Bessarabien. Dorthin folgten ihm neun Familien aus der Pfarrei Gundremmingen; dieselben bereuten aber nachmals bitter diesen Schritt, da sie von Lindl, der wie ein Pascha über sie herrschte, äußerst hart behandelt wurden (vgl. Aichinger, I. M. Sailer 311 f.). Manche kehrten wieder in ihre Heimat zurück. Im J. 1824 mußte Lindl mit Goßner Rußland verlassen, trat in Leipzig förmlich zum Protestantismus über und erhielt sofort die Stelle eines Inspectors an der neu gegründeten Missionsvorschule zu Barmen im Wupperthal. Er verlor sie bald wieder, da er zum Ärger der Protestanten eine Separatistengemeinde gründete und noch mehr als jemals der Schwärmerei, besonders chiliastischen Träumereien sich überließ. Mit den Aftermystikern im Bisthum Augsburg blieb Lindl bis zu seinem 1834 erfolgten Lebensende in regem Verkehr durch sogen. Hirtenbriefe, in welchen er seine zahlreichen Anhänger in Gundremmingen, Aislingen, Schnurtenbach, Jettingen u. s. w. vor Abfall von ihrem Glauben warnte und sie durch Hinweis auf die Segnungen des nahen tausendjährigen Reiches zur Ausdauer ermuthigte. Als zu Ende der 40er und Anfangs der 50er Jahre Decan Lutz nebst einigen anderen Priestern des Bisthums Augsburg sich dem mit dem schwäbischen Aftermysticismus innig verwandten Irvingianismus zuwendeten, schlossen sich ihnen auch die Laien an, welche vordem Anhänger Lindls gewesen. Hieraus erklärt sich, warum der Irvingianismus in den Pfarreien Aislingen, Gundremmingen, Jettingen und anderwärts im Bisthum Augsburg auffallend viele Anhänger fand, worüber Näheres in des Unterzeichneten Schrift: Beiträge zu einer Geschichte des Aftermysticismus und insbesondere des Irvingianismus im Bisthum Augsburg, Regensburg 1857, zu finden ist. Über Lindl sind außer dieser Schrift noch zu vergleichen: Brück, Gesch. der Kirche in Deutschland im 19. Jahrhundert I, 450 f., und Aichinger, I. M. Sailer, Freiburg 1865, 270 ff. u. ö. Von Schriften resp. Tractätlein, welche Lindl selbst verfaßte, seien hier nur genannt: Über die Sünde wider den heiligen Geist, Leipzig 1824, und Leitfaden zur einfachen Erklärung der Apocalypse, Berlin 1826.

[Thalhofer.]


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