Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Lingard, John, Historiker, wurde am 5. Februar 1771 in Winchester geboren und schon 1782 nach Douai, dem Seminar für Heranbildung des englischen Weltclerus, geschickt. Die Fortschritte der französischen Revolution und die Grausamkeit, mit welcher namentlich Cleriker verfolgt wurden, veranlaßten ihn, das Colleg am 21. Februar 1793 zu verlassen. Gleich nach seiner Priesterweihe im April 1795 wurde er in dem inzwischen nach Crook-Hall bei Durham verlegten Colleg Studienpräfect und Professor der Ethik und der Naturwissenschaften. Diese Stellung behielt er auch nach der 1808 erfolgten Übersiedlung in das neu erbaute Colleg Ushaw bei Durham bei. Im J. 1811 zog er sich auf die kleine Pfarrei Hornby in Lancashire zurück und blieb dort bis zu seinem Tod am 18. Juli 1851. Schon in Crook-Hall fühlte Lingard sich zu historischen Studien hingezogen; die Frucht derselben legte er in Aufsätzen nieder, welche er seinen Freunden vorzulesen pflegte. Auf ihr Zureden hin veröffentlichte er einen Theil derselben unter dem Titel History and Antiquities of the Anglosaxon Church, Lond. 1806 (3. vielfach verbesserte und erweiterte Aufl. 1845). Dieses gründliche Werk lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf den anspruchslosen Gelehrten; namentlich seine Freunde drangen in ihn, er möge eine Geschichte Englands schreiben. Lingard, der um diese Zeit eine Reihe polemischer Schriften erscheinen ließ, gab endlich nach und machte sich an die Ausarbeitung eines großen Werkes, welches seinen Namen unsterblich machen sollte. The History of England from the first invasion by the Romans to the accession of William and Mary in 1688 erschien in 8 Bänden bei Mawman in London 1819–1830 (5. Aufl. in 10 Bdn. 1849; 6. Aufl. von Tierney besorgt, mit vielen nicht immer richtigen Noten, 1855). Das Werk erregte großes Aufsehen; selbst Anglicaner, wie der fanatische Soames, und Historiker, wie Allen und Hallam, welche die Auctorität Lingards zu erschüttern und seine Darstellung zu bemängeln suchten, konnten nicht umhin, dasselbe als eine glänzende Leistung zu bezeichnen. Große Gelehrsamkeit, ein durchsichtig klarer Stil, treffliche Charakteristik der Ereignisse und der leitenden Persönlichkeiten, große Combinationsgabe und Schärfe des Urtheils, Besonnenheit und Unparteilichkeit sind Eigenschaften, welche wenige Geschichtschreiber in demselben Maße vereinigen, wie Lingard. Eben weil Lingard keine Theorie hat, weil er den Eindruck, den die Thatsachen auf ihn gemacht haben, widerspiegelt, hat er, trotz des spärlichen Materials, das ihm bisweilen zu Gebote stand, das Richtige getroffen. Selbstverständlich sind die ersten Bände, welche die Geschichte des Mittelalters behandeln, nicht von demselben hohen Werthe, wie die späteren, denn gerade für das Mittelalter haben neuere Forschungen noch bessere Resultate erzielt (vgl. Gardiner Mullinger, Introd. to English History, 2. ed., 326); dagegen wird seine Darstellung des 16. und 17. Jahrhunderts nicht so bald überholt werden. Doch ist das Urtheil des Cardinals Wiseman (Dublin Review XXXV, 205), Lingard sei der einzige unparteiische Historiker und werde noch leben, wenn alle seine Rivalen, wie Macaulay, längst vergessen seien, überschwänglich. Lingards Stil besitzt nicht das Ebenmaß und die Bestimmtheit Macaulay's, seine Darstellung ist nicht aus einem Guß wie bei Green; die Geschichte der Verfassung, der Cultur und Kunst, namentlich des Volkslebens, wird nicht genugsam berücksichtigt; somit ist Raum für eine neue, unseren modernen Anforderungen entsprechende Darstellung. Protestanten machen Lingards Darstellung der Reformationsperiode zum Vorwurf, sie entschuldige und beschönige Fehler des katholischen Clerus; das Gegentheil ist wahr. Dixon, Pococke u. s. w. haben Lingard mehrfach berichtigen und die Handlungsweise der englischen Katholiken gegen seine Darstellung in Schutz nehmen müssen, manche seiner Anklagen gegen die Reformatoren aber viel schärfer gefaßt. Schon beim Erscheinen der ersten Bände wurden Stimmen im katholischen Lager laut, welche die den Protestanten gemachten Concessionen tadelten, eine wärmere Vertretung des katholischen Standpunktes wünschten; in maßgebenden Kreisen jedoch war man durch Lingards unparteiische und besonnene Darstellung vollkommen befriedigt. In Rom erwies man dem englischen Historiker alle erdenkbaren Ehren. Pius VII. ertheilte ihm 1821 den dreifachen Doctorgrad, der Theologie, des Kirchen- und des Civilrechtes, wegen seiner Vertheidigung des heiligen Stuhles; Leo XII. beschenkte ihn mit einer Goldmedaille, welche sonst nur Cardinäle und Fürsten erhalten, und ernannte ihn zum Cardinal in petto. Er that Alles, um Lingard 1825 in Rom zurückzubehalten; aber letzterer wies nach, daß er nur in England, wo er Zutritt zu den Urkunden habe, sein Werk vollenden könne. Die englische Geschichte wurde gleich nach ihrem Erscheinen in die hauptsächlichsten europäischen Sprachen übertragen. Da Lingard in jeder neuen Auflage Vieles verbesserte, ist es rathsam, die letzte englische Ausgabe zu benutzen. Sehr bedeutend sind zwei seiner historischen Aufsätze: Hat die Kirche von England sich selbst reformirt? und: Die alte Kirche Englands und die Liturgie der anglicanischen Kirche (Dublin Review VIII. XI); öfter aufgelegt wurden Catechetical Instructions on the Doctrines and Worship of the Catholic Church, 1836. Ferner sind zu nennen Strictures on Dr. Marsh's comparative view on the Churches of England and Rome, 1815; A Vindication of certain Passages in the fourth and fifth volumes of the History of England, 1827; eine englische Übersetzung der Evangelien, 1840, welche jedoch die Übersetzung von Douai nicht verdrängen konnte. Die übrigen polemischen Schriften des Verfassers werden kaum mehr gelesen. Lingard war bei aller Anhänglichkeit an die katholische Religion sehr tolerant gegen Andersgläubige; er war überzeugt, daß es ungemein wichtig sei, die Vorurtheile wegzuräumen, weil das Vorurtheil Viele verhindere, die Beweise für die Wahrheit der katholischen Kirche zu prüfen oder auch nur anzuhören. Die besten Notizen über Lingard finden sich in dem der sechsten Ausgabe seiner Geschichte vorgedruckten Memoir von Tierney, der auch verschiedene Urtheile von Kritikern über Lingards Geschichte anführt. Dieselbe wird als Textbuch an der Universität Oxford gebraucht. Der berühmte Historiker Pococke hat jüngst eine neue Auflage derselben herausgegeben.

[A. Zimmermann S. J.]


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