Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Lingen, Grafschaft in Nordwestdeutschland, westlich und nördlich vom ehemaligen Münsterschen Stiftslande und östlich vom alten Fürstbisthum Osnabrück begrenzt, eingetheilt in die Niedergrafschaft und die Obergrafschaft, ist nur ein kleiner, 13 Quadratmeilen umfassender Theil des alten Westfalenlandes, ist aber sehr merkwürdig durch seine Geschichte. Die Christianisirung des Ländchens erfolgte schon gegen 800. Ursprünglich und bis zur Zeit der Reformation stand es unter der geistlichen Jurisdiction des Bischofs von Osnabrück. In weltlicher Beziehung gehörte es von jeher den Grafen von Tecklenburg, ward aber 1508 bei der Erbtheilung zwischen Otto VI. und Nicolaus IV. letzterem allein zugewiesen. Als Nicolaus ohne männliche Erben starb, fiel die ganze Grafschaft an seinen Neffen Konrad. Derselbe ward aber wegen seines Beitritts zum Schmalkaldischen Bund von Karl V. geächtet und jetzt kam Lingen 1548 als heimgefallenes Reichslehen an den Grafen Max von Büren. Nach dessen Tode ward die Grafschaft von den Vormündern seiner Tochter an Kaiser Karl V. verkauft, und durch diesen kam sie 1555 an Philipp II. von Spanien. Im J. 1597 ward sie dem Prinzen Moritz von Oranien zu eigen, und sie blieb jetzt mit Ausnahme der Jahre 1605 bis 1632, in welchen sie wieder spanisch war, und einer vorübergehenden Occupation durch Bernhard von Galen bei den Oraniern. Nach dem Tode Wilhelms III. von England im J. 1702 fiel die Grafschaft an den König von Preußen, der sie wieder mit Tecklenburg vereinigte. Im Jahre 1807 ward sie von den Franzosen besetzt, 1809 an das Großherzogthum Berg und 1810 an Frankreich gegeben; 1814 kam Lingen wieder an Preußen, und von diesem ward 1815 die niedere Grafschaft an Hannover abgetreten. In der Zeit von 1597–1702 und weiterhin hat die Grafschaft eine verhängnisvolle Geschichte durchgemacht. Die Oranier als Statthalter und Herrscher der Niederlande suchten das Land mit Gewalt der reformirten Religion zuzuführen. Als in Holland der Fanatismus der Geusen und Bilderstürmer herrschte, mußte auch die Grafschaft Lingen ähnliche Gewaltthätigkeiten erleben. Nachdem der Anfangs zweifelhafte und immer durch die Spanier gefährdete Besitz den Oraniern gesichert war, nahmen die Ordonnantien des Prinzen Moritz von Nassau und Oranien, durch welche die Katholiken verfolgt wurden, am 29. Juli 1602 ihren Anfang. Die katholischen Geistlichen wurden vertrieben, und reformirte Prediger aus Holland und Tecklenburg wurden in den Besitz sämmtlicher Kirchen, Pfarren und Einkünfte gesetzt. Ebenso wurden auch die katholischen Küster, welche zugleich Schullehrer waren, verjagt und an deren Stelle reformirte Schullehrer angestellt. (Vgl. Schriever, Geschichte der Schulen und des Schulwesens im Kreise Lingen, mitgetheilt in den Mittheilungen aus dem Gebiete des Volksschulwesens, von Brandi, Jahrgang 1887, Nr. 1 ff.) Freilich war der Erfolg anfänglich kein durchschlagender, weil mit den Niederländern auch die Spanier und später der Fürstbischof Bernhard von Galen zu Münster sich abwechselnd in den Besitz des Landes setzten und dann auch sofort die Gegenreformation begannen. Als aber Prinz Wilhelm Heinrich von Oranien, Statthalter der Niederlande, die Grafschaft Lingen bleibend an sich brachte, begann für die Katholiken die eigentliche Leidenszeit. Nunmehr hagelte es Decrete über Decrete und Gewaltmaßregeln über Gewaltmaßregeln. Am 2. Juni 1674 wurde decretirt, die Pfarrkirchen, Schulen, Pastoral- und Vicarienhäuser seien von den Inhabern in drei Stunden zu räumen. Am folgenden Tage wurde das Decret durch die Androhung von 400 Goldgulden Strafe verschärft. Als dieß nicht half, wurde Gewalt angewendet. Ein Decret vom 6. März 1675 vertrieb alle katholischen Geistlichen und Mönche aus dem Lande. Am 24. October verbot ein anderes Decret, irgendwelche katholische Geistliche unter Strafe von 25 Goldgulden zu beherbergen. An Stelle der Priester wanderten Prediger ein und setzten sich in Besitz von allem, was zum katholischen Cultus und Cultusvermögen gehörte; dieselben wurden durch Acte vom 11. Juni 1679 in diesem Besitz bestätigt. Ein Decret vom April 1677 befahl den Besuch des reformirten Gottesdienstes unter Geldstrafe; ein anderes Decret vom 1. Mai d. J. untersagte bei 25 Goldgulden Strafe jede Unterstützung katholischer Geistlichen. Im Januar 1678 wurde unter Strafe von 100 Karlsgulden verboten, sich von katholischen Geistlichen außerhalb des Landes trauen zu lassen. Ein anderes Decret vom 27. Januar desselben Jahres befahl den Vögten, sich zum reformirten Glauben zu bekennen; dasselbe Decret verbot auch die katholischen Schulen. Irgend eine Religionshandlung durch katholische Geistliche vornehmen zu lassen, wurde streng untersagt und mit starken Bußen bis zu 100 Reichsthalern bestraft. Sämmtliche Schulen wurden mit reformirten Küstern und Lehrern besetzt und die Eltern gezwungen, ihre Kinder in diese Schulen zu schicken. Allein alle diese Verordnungen, die auf das Strengste gehandhabt wurden, fruchteten nichts. Wenn auch die reformirten Prediger immer mit neuen Anklagen gegen die katholischen Eingesessenen auftraten, immerfort neue Verhöre und Brüchten erwirkten, immerfort neue Decrete vom Haag veranlaßten: die Katholiken blieben ihrem Glauben treu, ließen sich brüchten und suchten sonntäglich auf stundenweiten Wegen außerhalb des Landes ihre verordneten Priester auf, welche sich an den Landesgrenzen niedergelassen hatten und in Scheunen und Privathäusern und selbst unter freiem Himmel katholischen Gottesdienst hielten, die Sacramente spendeten und nächtlicher Weile von der Verbannung aus trotz der aufgestellten Häscher den Kranken die Wegzehrung brachten. Neue Decrete betreffend Besetzung der dem König eigenbehörigen Colonate mit auswärtigen Reformirten, die Bevorzugung der zur Reformation übergetretenen Kinder in der Erbfolge, der Zwang katholischer Kinder zum Besuche der reformirten Schulen, Anerbieten von Geld und Versorgungskosten für den Fall, daß katholische Kinder dem reformirten Seminar in Lingen zur Proselytenbildung übergeben würden, das Verbot, höhere Lehranstalten im Auslande zu besuchen, die unausgesetzten Einkerkerungen und Bestrafungen, die Heranziehung von Ausländern reformirter Religion, welchen ausschließlich die amtlichen Stellen übertragen wurden, die Besetzung der Pfarrstellen mit ausländischen Predigern, deren Familien im Lande blieben – Alles brachte keinen wesentlichen Erfolg, und als nach dem Tode König Wilhelms III. von England beim Übergange der Grafschaft Lingen an Preußen 1702 Umschau über den Erfolg des Proselytismus der reformirten Prediger gehalten wurde, stellte sich das Verhältniß der Reformirten zu den Katholiken wie 1 : 15 heraus, während nach einer Zählung von 1816 einer Bevölkerung von 17 663 Katholiken 895 Reformirte und 444 Lutheraner gegenüberstanden.

Unter preußischer Regierung dauerte das oranische System noch vorerst fort. Unausgesetzte und immerfort erneuerte Bittschriften der Katholiken brachten es aber endlich dahin, daß denselben gestattet wurde, gegen Erlegung der Jura an die Prediger, bei ihren Priestern die Taufhandlung vollziehen zu lassen, und daß ihnen, trotz der heftigsten Gegenbemühungen der Prediger, der private Gottesdienst innerhalb der Gemeinden in Bethäusern zugestanden wurde. Die katholischen Geistlichen wurden als missionarii wieder zugelassen und meist in Miethhäusern untergebracht. Auch wurde der Verkehr mit den Kirchenoberen unter starken Einschränkungen erlaubt; dabei ist aber zu bemerken, daß schon 1561 die Katholiken der Grafschaft vom Bisthum Osnabrück abgetrennt und an Deventer und später Utrecht verwiesen worden waren. Die Gestattung katholischer Schulen und Lehrer konnte aber trotz aller Bemühungen nicht durchgesetzt werden. Es wurde vielmehr ein beständiger erbitterter Krieg gegen die sog. katholischen Winkelschulen geführt, bis endlich mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts eine größere Duldsamkeit zum Vorschein kam. In welchem Zustande aber die Katholiken noch im J. 1808 sich befanden, zeigt eine »Darstellung der religiösen Verfassung und des politischen Zustandes der Katholiken« vom Administrationscollegio zu Münster de dato 21. Juni 1808, an welches als Oberbehörde die Grafschaft Lingen verwiesen worden war. In diesem Schriftstück heißt es auszugsweise: 1. Der Katholik ist ausgeschlossen von allem Activ-Bürgerrecht zu Ämtern und Diensten, selbst bei der Commune von der obersten Magistratur an bis zum Frohnvogt herab. 2. Der Katholik muß das Bürgerrecht durch eine Abgabe gewinnen (20 bis 60 Gulden), welche die Protestanten nicht bezahlen. 3. Der katholische Unterthan hat keine öffentliche Gottesverehrung; seine Geistlichen sind Missionare ohne Parochialrecht; er ist dem Pfarr- und Schulzwange der Reformirten unterworfen. 4. Die Reformirten sind im Besitze aller den Katholiken nach dem westfälischen Friedensschlusse rechtmäßig gehörenden Kirchen, Kapellen, Schulen, Pfarreien, Vicarien, Armen- und Waisenhäuser und milden Stiftungsgüter. 5. Demzufolge ist der katholische Clerus ohne feste Dotation. Sein Unterhalt beruht auf Collecten, Stipendien, ziemlich hohen Stolgebühren und anderen Gaben, die für die Gemeinden, zumal für die geringere Klasse, drückend sind. Ebenso verhält es sich in Betreff des Unterhaltes der katholischen Bethäuser und alles Aufwands für den Gottesdienst. 6. Zufolge des Parochialzwanges wird der Katholik in der reformirten Kirche proclamirt, nach seinem Tode dort verläutet und in Rücksicht der drei bekannten Lebensverhältnisse in die reformirten Kirchenbücher eingetragen. 7. Der reformirte Prediger und Küster bezieht alle jura stolae für Verkündigung, Trauung, Taufe, Einführung, Beerdigung, wobei sogar die mit 2 Gulden zu bezahlende, niemals gehaltene Leichenpredigt in Anrechnung gebracht wird. 8. Der reformirte Schulhalter bezieht von allen schulpflichtigen katholischen Kindern das Schulgeld, und diese müssen die reformirte Schule besuchen, die nach der Strenge der Constitution kein katholischer Missionar betreten soll. 9. Der dürftige Katholik ist von dem Genusse der reichlichen Armenmittel ausgeschlossen; der reformirte Religionstheil betrachtet und verwaltet sie als Confessionsgut. Was die fromme Vorwelt gestiftet hat, ist demnach einzig den Armen einer Klasse zugewandt, die wohl noch nicht 1/13 der Bevölkerung ausmacht. 10. Der Katholik muß zu allen reformirten Kirchen-, Schul- und Pfarrbauten beitragen. Er unterhält also, wenn man erwägt, daß eigentlich er der hauptsächlich producirende Theil ist, durch seine Arbeit, durch ihm vormals gehörige Fonds und directe Beiträge den Cultus der Reformirten und das ganze Schulwesen des Landes sammt allen Wohlthätigkeitsanstalten, die nur der Reformirte genießt. Er trägt dabei eine doppelte Last, weil er auch den eigenen Cultus und die Hilfsbedürftigen seiner Confession versorgen muß.

Erst der hannoverischen Regierung, an welche die Niedergrafschaft Lingen nach dem Reichenbacher Tractate vom 14. Juni 1813 überwiesen wurde, während die kleinere Obergrafschaft bei Preußen verblieb, war es vorbehalten, die Cultusfreiheit der Katholiken zu verwirklichen. Freilich erhielten die Katholiken laut Verordnung vom 25. Juni 1822 die alten Kirchengüter nicht zurück. Es wurde vielmehr sämmtliches Kirchen-, Pfarr-, Küster-, und Schulvermögen, mit Ausnahme der Pfarrhäuser und Pfarrgärten, den Protestanten belassen. Die alten katholischen Kirchen zu Lingen, Lengerich und Schapen blieben ebenfalls den Protestanten, während die Kirchen in den übrigen Gemeinden als Simultankirchen erklärt wurden. Den katholischen Pfarrern wurde nur das Meßkorn und das Opfergeld restituirt und ihnen nebst dem neugeschaffenen Communicantengeld als Gehalt angewiesen. Auch die Schulgebäude fielen wieder an die Katholiken zurück, wenn die Stellen durch Tod der angestellten reformirten Lehrer erledigt waren. In den fünfziger Jahren gingen auch die Simultankirchen nach langen Verhandlungen in die Hände der Katholiken über. Die Niedergrafschaft Lingen war schon 1812 wieder unter die geistliche Leitung des Bischofs von Osnabrück zurückgestellt worden, während die Obergrafschaft, deren kirchliche Verhältnisse in ähnlicher Weise von Preußen regulirt wurden, in geistlicher Beziehung dem Bisthum Münster zufiel. – Literatur: Joan. ab Alpen, De vita et rebus gestis Christoph. Bernardi, Episc. et Princip. Monaster., 2 voll., Coesf. 1694; J. Lindenborn, Hist. s. notitia Episcop. Daventr., Col. Agr. 1670; H. A. Rump, Des H. Röm. Reichs uralte hochlöbl. Grafschaft Tecklenburg, Bremen 1672; Holsche, Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg, Berlin 1788; B. A. Goldschmidt, Gesch. der Grafschaft Lingen, Osnabrück 1850; Möller, Gesch. der vormaligen Grafschaft Lingen, Lingen 1879.

[Schriever.]


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