Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Lioba, (Leobgyth), die hl., Abtissin zu Bischofsheim, war im Anfang des 8. Jahrhunderts in Westsex als Kind vornehmer, betagter Eltern, Dimo’s und Ebba’s, geboren. Die Mutter war eine Blutsverwandte des hl. Bonifatius. Im zarten Alter von etwa sieben Jahren wurde sie von ihrer Mutter dem Kloster Winburn am Stonefluß anvertraut, einem Doppelkloster, das damals unter seiner zweiten Abtissin Tetta in hoher Blüte stand. Daselbst eignete sie sich Fertigkeit in der feinen angelsächsichen Stickerei kirchlicher Gewänder und im Abschreiben und Ausschmücken von Büchern, sowie Kenntniß der Sprachen, der heiligen Schrift, der Patristik und des canonischen Rechts in hohem Grade an und machte große Fortschritte im geistlichen Leben. Nach zurückgelegtem 25. Lebensjahre – vor demselben durfte es gemäß der Praxis der englischen Kirche nicht geschehen – legte sie die heiligen Gelübde ab. Aus dieser Zeit stammt der anmuthige Brief der Heiligen an Bonifatius (Külb, Sämmtliche Schriften des hl. Bonifatius, Regensburg 1856, 56). Bonifatius war damals mitten in seiner apostolischen Arbeit zur Bekehrung der Deutschen. Als er das Wachsthum der Kirche und den Drang nach höherer Vollkommenheit wahrnahm, fing er an, Klöster zu bauen, um das Volk durch die Vereine von Männern und Jungfrauen gewissermaßen mit heiliger Gewalt zum Glauben hinzureißen. Zur Leiterin der Frauenklöster schien ihm niemand geeigneter, als seine gelehrte, heilige, ihm so ergebene Blutsverwandte in Winburn. Lioba sollte ihm daher für die Klosterfrauen sein, was Sturmius ihm für die Männerklöster werden sollte. Er berief sie und übergab ihr das Kloster Bischofsheim an der Tauber. Hier entfaltete Lioba ihre segensreiche Thätigkeit in Unterricht und Erziehung. Der Ruf ihrer Gelehrsamkeit und Heiligkeit, die durch Wunder verherrlicht wurde, zog die Töchter der Edlen Deutschlands schaarenweise heran; viele nahmen den Schleier; die Klöster bemühten sich, aus ihrer Schule Lehrerinnen zu erhalten. Lioba hielt auch über diese Klöster Visitation. Angesichts solcher Wirksamkeit richtete Bonifatius vor seiner Abreise nach Friesland an sie die Bitte, im Lande ihrer Pilgerschaft auszuharren, schenkte ihr seine Benedictinerflocke, versprach ihr Antheil an seinem Grabe und empfahl sie seinem Nachfolger Lullus und den Oberen des Klosters Fulda. Lioba fuhr fort zu arbeiten und fand immer größere Anerkennung. Die Großen ehrten sie, die Bischöfe zogen sie zu Rath, die Könige, voran Karl der Große, zeichneten sie aus. Sie war Allen »die Liebe«, nach den Bollandisten die Apostolin Deutschlands. In der Zeit zwischen 779 und 782 war sie in Schornsheim, einem königlichen Fiscalgut, vier Meilen südlich von Mainz. Daselbst beschloß sie am 28. September ihr heiliges Leben. Die Mönche von Fulda kamen und trugen sie unter dem Geleite vieler Vornehmen in ihr Kloster. Weil sie sich aber scheuten, den Sarg des heiligen Blutzeugen Bonifatius zu öffnen, so bestatteten sie den Leichnam in nächster Nähe des Altars, den Bonifatius selbst dem Erlöser erbaut und consecrirt hatte. Schon bei Lebzeiten durfte Lioba bisweilen zu dieser Stelle in die Kirche und das Kloster kommen, was dem weiblichen Geschlechte bis 1397 versagt war. Die Zeitangabe der Begebenheiten ihres Lebens, mehrfach abhängig von der schwankenden Chronologie der Briefe des hl. Bonifatius, läßt sich nicht genau feststellen. War Lioba um das Jahr 710 geboren, so fällt ihre Profession ungefähr in das Jahr 735 und ihre Reise nach Deutschland vor 740. Das Todesjahr ist höchst wahrscheinlich 780; dafür bürgen die Fuldaer Necrologien und Tradition. Die Bollandisten sagen, sie sei um das Jahr 779 gestorben; Sickel bringt (Acta Carol. I, p. 43, n. 93) eine Urkunde, die sie im J. 782 als lebend voraussetzt. Als der geistige Auctor ihrer Biographie ist der hl. Rabanus anzusehen, der auch ihre Reliquien im J. 838 auf den Petersberg in die von ihm neu erbaute Kirche übertrug. Raban ertheilte dem Mönche Mago den Auftrag, die Zeugnisse der vier Zeitgenossinnen, der Nonnen Agatha, Thecla, Nana, Eoliba, zu sammeln, und ließ dieselben nach dessen Tod durch den gelehrten Rudolfus Fuldensis, ebenfalls einen Religiosen seines Klosters, zusammenstellen. Es findet sich diese Biographie bei den Bollandisten unter dem 28. September. (Vgl. noch Liebler O. S. Fr., Leben der heiligen Jungfrau und Abtissin Lioba, Fulda 1633; Zell, Die hl. Lioba, Freib. 1873; Stamminger, Franconia Sancta I, Würzburg 1881, 333 ff.; Das Mainzer und Fuldaer Lioba-Büchlein zur elften Säcularfeier, letzteres von Komp.)

[Komp.]


Zurück zur Startseite.