Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Lipsius (Lips), Justus, berühmter Archäolog und Kritiker, wurde am 18. October 1547 zu Overijssche in Brabant aus einer angesehenen Familie geboren. Schon als Knabe entfaltete er in Köln unter Leitung der Jesuiten in glücklichster Weise seine außergewöhnlichen Talente, bezog dann 1563 die Universität Löwen und widmete sich der Jurisprudenz, während er gleichzeitig die humanistischen Studien fortsetzte. Als Frucht derselben verfaße er schon in seinem 19. Jahre das philologisch-philosophische Werk Variarum lectionum libri IV, das er dem großen Staatsmanne Cardinal Granvella, Erzbischof von Mecheln, widmete und 1569 zu Antwerpen erscheinen ließ. Granvella (s. d. Art.) berief den jungen Mann, der sich als vorzüglicher Ciceronianer erwiesen hatte, als Secretär an seine Hofhaltung nach Besançon und brachte ihn dann nach Rom. Hier fand Lipsius reiche Gelegenheit, die Denkmäler des classischen Alterthums und die Schätze der Bibliotheken zu erforschen, sowie mit bedeutenden Männern in Verbindung zu treten. Als Granvella 1571 Vicekönig von Neapel wurde, kehrte Lipsius zur Fortsetzung seiner juridischen Studien nach Löwen zurück. Doch gab er sich jetzt mit einigen Altersgenossen einem wilden und üppigen Treiben hin, bis sein besseres Selbst den Sieg davontrug und er, um weiteren Gefahren zu entfliehen, eine wissenschaftliche Reise antrat. Er besuchte Wien, wohin Kaiser Max II. viele bedeutende Gelehrte gerufen hatte, durchreiste dann Böhmen und Sachsen und war eben im Begriffe, in sein Vaterland zurückzukehren, als er die Nachricht erhielt, daß spanische Kriegstruppen seine Familiengüter besetzt und verwüstet hätten. Dieses bestimmte ihn, eine angebotene Professur der Geschichte und der Beredsamkeit an der lutherischen Universität Jena anzunehmen (October 1572). Obwohl er mit großem Beifall lehrte, schied er schon nach 17 Monaten aus dieser Stellung und zog sich nach Köln zurück. Hier vermählte er sich mit Anna van den Calstere, einer Wittwe aus einem Löwener Patricier-Geschlechte, und lebte in rastloser Thätigkeit seinen philologischen Studien. Er vollendete seine Ausgabe des Tacitus, welche 1574 in Antwerpen erschien und seinen Hauptruhm begründete, zog dann nach Löwen, erwarb sich dort den juridischen Doctorgrad und eröffnete 1576 neuerdings Vorlesungen an der Hochschule. Doch fand er nicht lange Ruhe. Als die Spanier das Heer der Generalstaaten besiegt und Löwen besetzt hatten, zog sich Lipsius, da man um der Vergangenheit willen seiner religiösen Gesinnung mißtraute, nach Antwerpen zurück und nahm 1578 eine Professur für Geschichte an der calvinischen Universität Leyden an. In den zwölf Jahren seiner dortigen Wirksamkeit stieg er zu europäischer Berühmtheit empor durch seine philologisch-kritischen Arbeiten (gesammelt als Opera omnia, quae ad criticam proprie spectant, Antv. 1585, Lugd. Batav. 1596 u. ö.), durch Untersuchungen über römische Alterthümer und durch einige philosophische Abhandlungen (darunter De constantia libri duo, Antv. 1584), in welchen er den Stoicismus dem Christenthum anzupassen suchte. Aber alle äußeren Ehren vermochten ihm nicht die gewünschte Seelenruhe zu verschaffen. Nachdem er viele Jahre in völligem Indifferentismus verbracht und in Jena unter Lutheranern, in Leyden unter Calvinern seine katholischen Jugendeindrücke verborgen gehalten hatte, brachte endlich ein an sich unscheinbares Ereigniß seine religiöse Umwandlung zu Stande. Im J. 1589 ließ er nämlich ein staatswirthschaftliches Werk Politicorum sive civilis doctrinae libri sex, qui ad Principatum maxime spectant, erscheinen (bis 1594 wurden acht neue Ausgaben in Leyden, Frankfurt, Lyon und Paris veranstaltet). Im vierten Buche beklagte Lipsius, daß gerade die schönsten Länder Europa’s durch religiöse Zwietracht verheert würden; ein Reich könne nur stark und glücklich sein, wenn in ihm die religiöse Einheit erhalten bleibe. Die Bewahrung der Einheit liege dem Fürsten ob, und er habe die Störer der Einheit zu bestrafen. Doch müsse hier ein Unterschied gemacht werden zwischen solchen, welche bloß für ihre Person von der alten Religion abwichen, ohne mit ihrer Anschauung sonstwie in die Öffentlichkeit zu treten, und zwischen solchen, welche auch nach Außen wirkten und die Gemüther in Aufruhr versetzten. Die ersteren solle man Gott überlassen, die letzteren aber seien zu bestrafen; doch könne ein Fürst auch gegen sie noch zeitweilig Nachsicht üben, falls Zwangsmaßregeln im Augenblicke dem Lande wirklichen Nachtheil brächten. Diese Auffassung wurde in Rom als zu lax beanstandet; sie sowohl wie ein Satz über Macchiavelli’sche Fürstenpolitik waren Ursache, daß das Buch bis zu weiterer Correctur auf den von Sixtus V. 1590 veröffentlichten Index gesetzt wurde. In Holland selbst aber fand das Werk einen literarischen Gegner in Theodor Koornhert (s. d. Art.), welcher gegen Lipsius die Anklage erhob, er wolle alle religiöse Freiheit unterdrücken und alle Ketzer mit Feuer und Schwert vertilgen. Lipsius vertiefte sich nun in die religiöse Frage und schrieb gegen Koornhert das Büchlein Adversus dialogistam liber de una religione, in quo tria capita libri quarti politicorum explicantur, Lugd. B. 1590 (deutscher Auszug bei Räß, Convertiten III, 168 ff.). Er sprach darin dem Landesherrn als dem Schirmherrn der Religion die Pflicht zu, in seinem Lande die bestehende religiöse Einheit zu erhalten und diejenigen, welche Zwiespalt bringen wollen, mit kleineren oder größeren Strafen, selbst mit dem Tode zu belegen. Die Religion aber, deren Einheit der Fürst zu schützen habe, sei die christliche, wie sie »in den heiligen Büchern nach Auslegung der katholischen Kirche« zu finden sei; sollte sich, wie in gegenwärtiger Zeit, ein Streit erheben, ob nicht rücksichtlich der Lehre oder der Disciplin der Kirche unvermerkt Irrthümer sich eingeschlichen hätten, so habe weder eine Privatperson noch auch der Fürst aus sich selbst das Recht, Änderungen vorzunehmen, sondern solche Untersuchungen und etwaige Reformen seien Sache eines Concils. Diese scharf ausgesprochenen Ansichten legten Lipsius nahe, seine Stelle in Leyden daranzugeben. Er nahm unter dem Vorwande einer Badereise Urlaub, kam im März 1591 nach Deutschland und vollzog in Mainz bei den Jesuiten seine Aussöhnung mit der katholischen Kirche. Von Spaa aus erbat er sich Entlassung aus dem Verbande der Universität und erhielt sie in sehr ehrenvoller Weise, nachdem sowohl die Stadt als die Universität ihn vergebens zur Rückkehr eingeladen hatten. Seine religiöse Umkehr war aufrichtig gemeint. Vor Allem bemühte er sich, das Werk, welches den äußern Anstoß hierzu gegeben, nach den Andeutungen, welche Cardinal Bellarmin ihm hatte zukommen lassen, zu verbessern; in ihrer neuen Gestalt erhielten die Libri politicorum 1593 die Approbation des päpstlichen Censors Heinrich Cuyk zu Löwen und sind in dem von Clemens VIII. 1596 ausgegebenen neuen Index nicht mehr aufgeführt. Ebenso wurde er ein besonderer Verehrer der allerseligsten Jungfrau, zu deren Lob er zwei Schriften verfaßte: Diva Virgo Hallensis. Beneficia ejus et miracula fide atque ordine descripta, Antv. 1604, und Diva Sichemiensis sive Aspricollis [N. D. de Montaigu]. Nova ejus beneficia et admiranda, ib. 1605. Dem Gnadenbilde zu Hal bei Brüssel weihte er eine silberne Feder mit Dankesworten für besondere Erleuchtungen in seiner schriftstellerischen Thätigkeit. Kaum war bekannt geworden, daß er auf seine Professur verzichtet habe, als ihm von vielen Seiten glänzende Anerbietungen gemacht wurden. Papst Clemens VIII., die Republik Venedig, Heinrich IV. von Frankreich, Herzog Wilhelm V. von Bayern und viele Bischöfe suchten ihn für ihre Lehranstalten zu gewinnen. Er zog es aber vor, seiner Heimat zu dienen, und nahm 1592 eine Professur für alte Geschichte und lateinische Sprache in Löwen an. Erzherzog Albrecht, der seine Vorlesungen besuchte, erhob ihn zum Staatsrathe, König Phillipp II. ernannte ihn zu seinem Historiographen. Er starb zu Löwen am 24. April 1606. Von seinen Schriften aus letzter Zeit sind an dieser Stelle zu erwähnen De cruce libri III, ad sacram profanamque historiam utiles, Antv. 1593, freilich durch das fast gleichzeitige Werk Gretschers (s. d. Art.) überholt; dann die Werke über die stoische Philosophie Manuductionis ad Stoicam philosophiam libri tres, Antv. 1604, und Physiologiae Stoicorum libri tres, ib. 1604. Eine bedeutende Stelle in der Literatur nehmen seine Briefe ein, von denen er seit 1586 nach und nach ein volles Tausend in zehn Centurien herausgab (gesammelt Epistolarum select. Chilias, Aven. 1609). Daran reihen sich Epistolarum praetermissarum decades VI (Anhang zu J. Lipsii ad Suetonii tres posteriores libros commentarii. Offenbaci 1610); Epistolarum quae in centuriis non exstant decades XVIII, ed. J. J. Pontanus, Harderw. 1621; 805 Briefe bei P. Burmann, Sylloge epistolarum illustr. virorum, Amst. 1726, I–II, und Lettres inédites de J. Lipse concernant ses relations avec les hommes d’état des Provinces-Unies des Pays-Bas, publ. par G. H. Delprat, Amst. 1852. Um dem zur Kirche zurückgekehrten Mann eine Makel anzuhängen, wurde 1600 zu Zürich eine Oratio de duplici concordia veröffentlicht, welche Lipsius im J. 1573 zu Jena als Lobredner des Lutherthums gegen die römische bellua und meretrix gehalten habe. Th. Sagittarius benutzte diese Rede später für sein Pasquill Lipsius Proteus ex antro Neptuni protractus et claro soli expositus, Francof. 1614. In neuester Zeit ist die Ächtheit dieser Rede auch von K. Halm (Sitz.-Ber. der Münchener Akad. phil.-hist. Klasse 1882, II, 1 ff.) behauptet worden. Lipsius selbst aber verwahrte sich gegen die Auctorschaft, und sein Antwerpener Verleger Joh. Moretus, der 1600 in Frankfurt 100 Exemplare aufkaufte und vernichtete, entdeckte auch (vgl. Bibliogr. Lipsienne II, 285), daß Melchior Goldast (s. d. Art.) aus Geldspeculation die Rede verfaßt und Lipsius beigelegt habe. Diese Rede, sowie sieben andere zu Jena wirklich gehaltene wurden 1607 zu Darmstadt, 1608 zu Frankfurt von Protestanten veröffentlicht. Sie stehen auf dem Index. Gesammtausgaben der Werke erschienen in 2 Folianten 1613 zu Lyon; in 5 Abtheilungen zu 9 Quartbänden 1614 zu Antwerpen. Die versprochene sechste und siebente Abtheilung, welche Tacitus, Vellejus und Seneca enthalten sollte, ist nicht erschienen und ist durch frühere Separatausgaben dieser Classiker zu ergänzen; das Gleiche gilt von der andern Ausgabe in 4 Foliobänden, ebd. 1637; vollständiger ist die Ausgabe in 4 Octavbänden zu Wesel 1675, aber auch hier fehlen diese Classiker und alle erst später an’s Licht gezogenen Briefe. (Vgl. A. Miraeus, Vita J. Lipsii, sapientiae et litterarum antistitis, und Anderes in der Einleitung zu den Gesammtausgaben; F. de Reiffenberg, Comm. de J. Lipsii vita et scriptis, Bruxell. 1823; L. Galesloot, Particularités sur la vie de J. Lipse, Bruges 1877; Räß, Convertiten III, 159 ff.; Halm a. a. O. und in der Allg. deutschen Biogr. XVIII, 741 ff.; Reusch, Index I, 578; Bibliographie Lipsienne, 3 vols. [Publications de l’Université de Gand], Gand 1886 à 1888.)

[Streber.]


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