Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Lissabon, Stadt und Patriarchat in Portugal. I. Stadt. Lissabon oder Lisboa, Hauptstadt des portugiesischen Reiches, angeblich von Ulysses gegründet, daher Ulyssipo, Ulyssae, Ulysbona, eigentlich Olissipo, und schon zu Zeiten der Römer ein Municipium Civium Romanorum Olisipo, Felicitas Julia cognominatum (Plin. 4, 22; vgl. auch Itin. Antonini und Ptolemäus, welcher Ὀλιοσείπων oder, nach Salmas. Lesart, Ὀλισσίππων schreibt), erhielt unter Kaiser Augustus eine Colonie und hieß später Lisbona oder Lissabona. Es theilte die Schicksale der ganzen Halbinsel, kam 457 an die Sueven, 585 an die Goten und 716 an die Mauren. Im J. 1147 von Alfons I. erobert, wurde es wieder in eine christliche Stadt verwandelt, deren Größe und Bedeutung unter den christlichen Königen wuchs. Als Residenz der portugiesischen Könige erreichte Lissabon seinen Höhepunkt in der Periode der großen Entdeckungen, in welcher es die erste Seestadt der Welt war und eine Bevölkerung von einer halben Million Einwohner hatte. Es wurde öfter durch Erdbeben heimgesucht, am furchtbarsten durch das vom 1. November 1755, bei welchem die westliche Hälfte der Stadt mit 30 000 Einwohnern verschwand. Lissabon, an der prachtvollen 1 ¼ Meilen breiten Bai (Rada di Lisboa), in welche die Tejo-Mündung übergeht, zählt heute gegen 250 000 Einwohner, wobei die Vorstädte Belem und Olivaes mit je 30 000 Einwohnern eingerechnet sind. Diese herrliche Stadt, von der es heißt: Qui no ha vista Lisboa, na ha vista cosa boa, hat 64 Kirchen, darunter 41 Pfarrkirchen, 100 Kapellen, 23 Frauenklöster und 52 ehemalige Mönchsklöster und Profeßhäuser, jetzt theilweise zu öffentlichen Zwecken verwendet. Unter den Kirchen ragt die große, reichverzierte Patriarchalkirche mit imposanter Kuppel hervor. Die größte Kirche ist die des Klosters zum heiligen Herzen Jesu (von 1770), mit einer Kuppel von weißem Marmor und dem Mausoleum der Königin Maria I., der Gründerin dieser Kirche. Von den anderen Kirchen sind zu nennen: die ganz marmorne ehemalige Jesuitenkirche St. Roch mit Mosaikgemälden; die vormalige Cathedrale oder Basilika de Santa Maria am Abhange des Castellberges; die Martyrerkirche, auf dem Platze erbaut, wo Alfons I. die Mauren besiegte. An Bildungsanstalten bestand früher eine Universität. Gegen Ende des Jahres 1288 wendete sich eine Anzahl höherer Geistlichen, unter ihnen der Abt von Alcobaça, die Prioren von Santa Cruz in Coimbra, von S. Vincente in Lissabon, von S. Maria in Guimaraens und von S. Maria de Alcaçora in Santarem, mit einem Schreiben an den Papst und ersuchten ihn um Bestätigung einer in Lissabon zu errichtenden Universität, welche wahrhaft ein Bedürfniß sei für das Land, da die weite Reise an auswärtige Universitäten viele Berufene vom Studium abhalte. Der König, dem sie mit vielen Anderen, geistlichen und weltlichen Standes, ihre Bitte vorgetragen, sei damit einverstanden, und sie, die Prioren, wären nun übereingekommen, daß die Besoldungen der Doctoren und Magister von den Einkünften ihrer Klöster und Kirchen bestritten würden (Britto, Monarch. Lusitan. V, Append., Escrit. 21). Die Antwort des Papstes Nicolaus IV. erfolgte, durch die Streitigkeiten des Königs mit der Kirche verzögert, erst am 13. August 1290; sie lautete beifällig und gab der bereits in’s Leben getretenen Anstalt – die Bulle ist schon an die sämmtlichen Lehrer und Studirenden gerichtet – die ausgedehnten Vorrechte, welche von da an die Grundlage ihrer Verfassung bildeten. Übrigens wurde schon im J. 1307 die neugegründete Universität mit Genehmigung des Papstes durch König Diniz nach Coimbra verlegt; Streitigkeiten zwischen den Bürgern von Lissabon und Angehörigen der Universität hatten die Veranlassung dazu gegeben (Schäfer, Gesch. von Portugal II, 90 ff.). Heute ist nur die Schule des Klosters St. Vincent in Lissabon eine Art Universität; sonst gibt es daselbst noch eine Akademie der Wissenschaften (Academia real de sciencias de Lisboa), ein Adelscollegium (Real Collegio dos Nobres, seit 1761), eine Handels-, Militär- und chirurgische Schule, 4 rhetorische, 8 philosophische, 4 griechische, 8 lateinische Schulen, eine Schule für arabische Sprache und eine für heilige Musik (Seminario musical). Die National- oder Centralbibliothek mit 300 000 Bänden im vormaligen Kloster S. Francisco ist aus den Bibliotheken der aufgehobenen Mönchsklöster errichtet. Von den vielen Wohlthätigkeitsanstalten (13 Spitäler) sind zu nennen das St. José-Hospital für 1600 Kranke, die Santa Casa da Misericordia, ein Findelhaus für 1600 Kinder, die Casa Pia de Belem, ehemals Hieronymitenkloster, eine Waisen- und Erziehungsanstalt mit Taubstummen- und Blindeninstitut. Dieses Kloster gründete Emmanuel der Große im J. 1499 auf der Stelle, von welcher aus zwei Jahre früher Vasco de Gama zu seinen Entdeckungsreisen sich einschiffte, nachdem er die Nacht vorher betend in der Kapelle Bethlehem am Strande zugebracht. Ein weiteres Kloster darf hier nicht übergangen werden, wenn es auch gegen drei Meilen nordwestlich von Lissabon gelegen ist. Es ist dieß der dem Escorial ähnliche, aber denselben noch übertreffende Klosterpalast zu Mafra mit 866 Gemächern und 2500 Fenstern, welchen König Johann V. in den Jahren 1717–1731 mit einem Kostenaufwande von etwa 25 Millionen Mark erbaute. In einer schweren Krankheit gelobte er, ein Kloster zu stiften, und zwar da, wo das ärmste Mannskloster im Reiche sich fände. Nach angestellter Untersuchung fand sich dasselbe zu Mafra, wo nur zwölf arme Franciscaner, ganz nach der strengen Regel ihres Ordens, in einer Hütte lebten. Hier beschloß nun der König eine klösterliche Anstalt zu gründen, wo auch er zuweilen sammt seiner Familie, dem Patriachen und seinem Hofe als an einer heiligen Stätte weilen wollte. Den Riß zum Ganzen ließ er sich von Rom schicken; ein deutscher Baumeister, Friedrich Ludwig, führte ihn aus. In der Mitte mehrerer Gebäude erhebt sich mit zwei hohen Thürmen und einem Glockenspiel von 160 Glocken die ganz aus Marmor aufgeführte Kirche mit Raum für tausend Personen, einem großen Reichthum an Bildsäulen und Marmorarbeiten, prächtigen Marmoraltären, zahlreichen Kapellen und vielen Kostbarkeiten. Hinter der Kirche ist das Kloster mit Zellen für 300 Mönche (Augustiner), einem Gymnasium und großer Bibliothek. Zu beiden Seiten der Kirche ist je ein Palast für den König und sein Gefolge, und für den Patriarchen und sein Capitel. Heute dient dieß großartige Gebäude als Kriegsschule und als Musterwirthschaft mit Gestüte.

II. Bisthum. Lissabon hatte spätestens seit der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts eine Kirche und einen bischöflichen Sitz. Potamius, der eigentliche Urheber der firmischen Formel, erscheint auf der zweiten Synode zu Sirmium im J. 357 als Episcopus Ulisipponensis (Hefele, Conc.-Gesch., 2. Aufl. I, 676 f.). Auch die beiden Presbyter Marcellinus und Faustinus nennen ihn in ihrer den Kaisern Valentinian, Theodosius und Arcadius übergebenen Denkschrift: Potamius Odissiponae Civitatis Episcopus (Florez, España sagr. X, 490). Wenn die neueren Martyrologien von Baronius, Salazar u. A. unter dem 1. October bereits von christlichen Martyrern unter Diocletian (nach Baron. Annal. eccl. im J. 303 od. 304) sprechen, so können sie wohl für die Thatsache des Martyriums und der Ortsbestimmung, nicht aber für die Zeitangabe sich auf alte Documente berufen; denn Usuardus nennt zwar die Namen dieser Martyrer (Olysipone SS. MM. Verissimi, Maximae et Juliae sororum), aber über die Zeit ihres Bekenntnisses weiß er nichts zu sagen. Was in dem Auctuarium zu Beda oder, nach Papenbroeck, zu Florus hierüber angegeben wird, ist späterer Zusatz, des Usuard selbst noch nicht kannte; er hätte sonst das chronologische Datum nicht verschwiegen. Indessen spricht die innere Wahrscheinlichkeit gar nicht gegen diese Angabe der späterern Acten und Martyrologien, und die Thatsache selbst, daß nicht lange nachher bereits ein bischöflicher Stuhl in Lissabon als festbegründet erscheint, tritt beglaubigend hinzu. Unmittelbare Nachfolger von Potamius sind nicht bekannt; erst 589 begegnet uns Paulus auf dem dritten Concil zu Toledo, dann Goma 610 (vgl. Decret. Gundemari bei Mansi X, 510), Viaricus 633 auf dem vierten, Neusredus 646 auf dem siebenten, Cäsarius 656 auf dem zehnten Concil zu Toledo, Ara 683 und Landericus 688–693. Kurz darnach bemächtigten sich die Mauren der Provinz, und man erfährt aus dieser traurigen Zeit nichts mehr von dem Bestande eines bischöflichen Sitzes in Lissabon bis zur Wiedereroberung der Stadt durch die Christen. Ohne Zweifel war derselbe gleich mit der christlichen Herrschaft in der Stadt oder wenigstens nicht lange nach dieser untergegangen. Eines der ersten Geschäfte des Königs Alfons I. nach der Wiedereroberung war die Besetzung, bezw. Wiedererrichtung der bischöflichen Cathedra. Britto, der Verfasser der Monarchia Lusitana, behauptet, daß, wie dieß in anderen der maurischen Herrschaft unterworfenen Städten, z. B. in Corduba, der Fall war, den Christen einige Kirchen Lissabons, unter ihnen die der hll. Verissimus, Maxima und Julia, von den Saracenen belassen waren; ob aber dieß etwas mehr als bloße Vermuthung sei, muß dahingestellt bleiben. In Merida, der Metropole des olissiponischen Stuhles, bestand allerdings noch um die Mitte des 9. Jahrhunderts ein Erzbisthum (Florez l. c. XI, 383); allein diese Thatsache läßt keinen Schluß auf das Fortbestehen eines der Suffraganbisthümer begründen, da ja der Titel der Metropole allein geblieben sein konnte. Nachdem Alfons I. mit Hilfe deutscher und englischer Kreuzfahrer am 25. October 1147 die Stadt erobert hatte, wurde der bischöfliche Stuhl, da in dem ganz von kriegerischer Thätigkeit eingenommenen Lande großer Mangel an gebildeten Geistlichen war, mit einem Engländer besetzt, Gilbert mit Namen (gest. 1166), einem Geistlichen von ausgezeichneten theologischen Kenntnissen und von Eigenschaften, welche dieser hohen Würde gewachsen waren ( Schäfer a. a. O. I, 65). Als Metropole wurde jetzt Braga anerkannt und von 1199 an Compostela, während das alte, vorsaracenische Bisthum unter Merida stand. Bischof Ayres Vasques (1244 bis 1258), der 1245 dem Lyoner Concil anwohnte, erließ Constitutionen, und sein Nachfolger Matthäus (1259–1282) hielt 1264 eine Synode.

Auf Betrieb des Königs von Portugal, der sein Reich möglichst unabhängig stellen wollte, kam gegen Ende des 14. Jahrhunderts auch die Trennung der portugiesischen Bisthümer von dem Verbande mit spanischen Metropolen zu Stande. König Johann I. benutzte das Schisma, während dessen Spanien zu dem Gegenpapste Clemens VII. hielt, Portugal aber auf der Seite des rechtmäßigen Papstes Urban VI. stand, und erwirkte die Erhebung Lissabons zur Metropole durch Papst Bonifaz IX. am 10. November 1394. Als Suffraganbisthümer erhielt die neue Metropole: Lamego, Guarda und Evora, bisher, wie Lissabon selbst, Suffraganate von Santiago de Compostela, außerdem das Bisthum Silves in Algarve, bisher Suffraganat von Sevilla. Die Gebietstheile diesseits des Minho und jenseits der Guadiana, von denen der erstere zur Diöcese Tuy, der letztere zu Badajoz gehört hatte, wurden eigenen bischöflichen Administratoren übergeben, bis sie mit dem Bisthum Ceuta vereinigt wurden. Von den Erzbischöfen sind zu nennen: Johannes de Azambuja (1402–1415), Cardinal seit 1411. Er war 1409 beim Concil zu Pisa, reiste nach Palästina und dann mit Johann XXIII. nach Constantinopel; zurückgekehrt, starb er in Brügge. Georg da Costa (1464–1500), Cardinal seit 1476, resignirte 1500 und starb zu Rom 1508. Von armen Eltern geboren, hob er sich durch seine Verdienste bis zum Erzbischof und ersten Minister des Königs Alfons V. empor; er war auch um 1480 päpstlicher Legat in Venedig. Auf dessen Bruder Martin da Costa (1501–1521) folgte der Infant und Cardinal Alfons (1523–1540). Dieser jugendliche Erzbischof (er erlangte die Würde in seinem 15. Lebensjahre und starb im 33.) hielt 1536 eine Synode, und es wird versichert, daß er sich ein größeres Ansehen durch seine Tugenden als durch seine hohe Geburt erworben. Erzbischof Heinrich (1564–1569), gleichfalls Cardinal, hielt im December 1566 das erste Provinzialconcil. Diöcesansynoden hielten auch Georg de Almeida (1570–1585) im J. 1574 und Rodericus da Cunha (1636–1643) im J. 1640. Letzterer schrieb auch eine Historia eccl. da Igreja de Lisboa, 1642.

III. Patriarchat. Auf Bitten des Königs Johann V., und um das mehrfach gestörte gute Verhältniß zum portugiesischen Hofe wiederherzustellen, theilte Papst Clemens XI. durch Bulle In supremo vom 7. November 1716 (Bullar. rom. ed. Cherub. VII, 172 sqq.) die Sprengel von Lissabon in zwei Theile und errichtete in der Kapelle des königlichen Palastes, wo der König kurz zuvor ein reich dotirtes Collegiatcapitel gestiftet hatte, ein zweites Erzbisthum, dem er den Titel eines Patriarchats (Patriarchatus minor, ähnlich wie Venedig) ertheilte. Dem neuen Erzstuhl wurde als besonderes Diöcesangebiet der westliche Theil der Hauptstadt zugewiesen; ebenso wurden alle Dörfer und Städte, welche zwischen der Theilungslinie und dem Meere lagen, dazu geschlagen. Die neue Patriarchalkirche, vorher Collegiatstift zum hl. Thomas, sollte fürder den Titel Assumtionis B. M. V. erhalten, und deren Capitel aus 6 Dignitäten, 18 Canonicaten, ebensovielen Präbenden und 12 beständigen kirchlichen Beneficien bestehen. Endlich, damit auch ein Metropolitangebiet nicht fehle, wurden dem Patriarchen die Suffraganatbisthümer Leiria, Lamego, Funchal und Angra unterstellt. Bloß über dieses sein Metropolitangebiet, nicht aber, wie die alten Patriarchen, über das ganze Reich, sollte er die Prärogative und Privilegien eines Patriarchen ausüben dürfen, in demselben Umfang, wie der Patriarch von Venedig. Über die anderen Erzbischöfe des Reiches dagegen stand ihm keinerlei Jurisdictionsrecht, sondern bloß die Präcedenz bei öffentlichen Versammlungen, selbst in propriis Episcoporum ecclesiis, zu, und dieselben Ehrenbezeigungen sollten ihm dann erwiesen werden, wie einem apostolischen Legaten. Zum Unterschied endlich von dem alten, auch fernerhin fortbestehenden Erzbisthum, dessen Sprengel ganz auf den östlichen Theil der Hauptstadt und das darüber hinausliegende Gebiet beschränkt war, sollte das neue Erzbisthum (des Patriarchen) Archiepiscopatus occidentalis, das alte dagegen Archiepiscopatus orientalis heißen. Damit aber der kirchliche Verkehr zwischen den beiden Stadttheilen nicht allzu sehr beschwert, andererseits eine Verschiedenheit der Disciplin nicht in fraudem legis benutzt werden könne, wurde bestimmt, daß jeder Prediger und Beichtvater, welcher in dem einen Sprengel approbirt sei, auch in dem andern für approbirt gelte; sodann, daß in beiden Sprengeln dieselben Reservatfälle festgesetzt würden, damit kein Gläubiger in dem anderen Theile sich erschleiche, was ihm in seiner eigenen Kirche verweigert worden. Im J. 1720 ertheilte Clemens XI. dem Patriarchen auch das Recht, den König von Portugal bei seiner Krönung zu salben. Es wurde damals die Frage aufgeworfen, ob ihm dieses Recht ertheilt werden dürfe, da dasselbe von Eugen IV. im J. 1436 schon dem Erzbischof von Braga zugestanden war. Allein neben anderen Gründen entschied man sich besonders deßhalb dafür, weil der Erzbischof von Braga von demselben niemals Gebrauch gemacht habe (Bened. XIV., De syn. dioec. 13, 7, n. 8–11). Die genannte kirchliche Zweitheilung Lissabons, welche nur um des auch in der Kirche die Pracht liebenden Johann V. willen gemacht worden, trat eigentlich gar nicht in’s Leben. Schon der erste Patriarch, Thomas de Almeida (1716 bis 1754), erhielt vom König auch die Würde eines Erzbischofs des östlichen Theiles von Lissabon, und wir treffen bis heute nur Patriarchen von Lissabon, aber keine Erzbischöfe neben ihnen. Dagegen wurde stets ein Titular-Erzbischof als Suffragan und vielfach auch als Coadjutor des Patriarchen aufgestellt, der in der alten erzbischöflichen Kirche die Pontificalfunctionen verrichtete. Durch Bulle Quamvis aequo vom 5. November 1843 hat dann Gregor XVI. das ältere Erzbisthum Lissabon, das schon 1741 aufgehoben und theilweise mit dem Gebiete des Patriarchen vereinigt worden war, ganz mit diesem unirt, so daß der Patriarch hinfort als alleiniger Erzbischof von Lissabon auch die alte Cathedrale zugewiesen erhielt. Am 5. August 1844 wurde weiter auf Grund der genannten Bulle das bisherige Cathedralstift aufgehoben, die Errichtung eines neuen an dessen Stelle genehmigt und so das neue Patriarchat installirt. Weil alle Güter und Einkünfte des Patriarchen, der Prälaten und der Patriarchalkirche im J. 1834 für Staatsgut erklärt worden waren, wurden diese auf eine Besoldung aus der Staatskasse angewiesen. Auch an sich ist die Patriarchalwürde, mit welcher Clemens XII. im J. 1737 (vgl. Bullar. rom. XIII. im J. 1766, Bullar. rom. Pont. III, 157) zugleich die Würde eines Cardinals und gebornen Legaten des apostolichen Stuhles verbunden hat, heute zu einem Schatten herabgeschwunden; und obgleich man dem Patriarchen das ursprüngliche Amt eines Oberhofkaplans beließ, ist doch ein besonderer Großalmosenier als Beichtvater angestellt. Als Suffraganen unterstanden ihm bis 1881 im Mutterlande selbst: Castelbranco, Guarda, Lamego, Leiria, Portalegre, dann in Afrika: Angola, Angra, Funchal, Santiago de Capoverde und S. Thomé. Infolge der Neugestaltung der kirchlichen Verhältnisse Portugals durch das apostolische Schreiben Gravissimum vom 30. September 1881 unterstehen ihm nur mehr Guarda und Portalegre, dann Angola, Angra, Funchal, Santiago und S. Thomé.

Die Patriarchen, welche auf Thomas de Almeida folgten, sind: Joseph Manoel (1754 bis 1758), schon seit 1747 Cardinal; Franz Saldanha (1759–1776), Cardinal seit 1756 und Coadjutor seines Vorgängers seit 1757; Ferdinand de Sousa et Silva (1779–1786), Cardinal seit 1. Juni 1778; Joseph Franz de Mendoza (1788–1808), Cardinal seit 7. April 1788. Nach elfjähriger Sedisvacanz folgte Carlos da Cunha (1819–1825), Cardinal seit 17. September 1819. Dieser sah sich gezwungen, vor der Revolution das Land zu verlassen; er zog sich nach Frankreich zurück und konnte erst 1823 Portugal wieder betreten. Patritius da Silva (1826–1840) war schwach genug, die von Dom Pedro ernannten Bischöfe zu weihen. Franz Soraiva da Ludovico, O.S.B. (1843–1845), war sehr gelehrt und in allen Wissenschaften bewandert. Wilhelm Heinrich de Carvalho (1845–1857) wurde am 19. Januar 1846 Cardinal. Emmanuel Bento Rodriguez (1858–1869), Cardinal seit 25. Juni 1858, konnte, obschon er elf Jahre den Purpur trug, wegen der freimaurerischen Regierung es niemals wagen, persönlich in Rom zu erscheinen. Der letzte Patriarch, Ignazio do Rascimento Moraes Cardoso, geb. 30. December 1811, präconisirt als Bischof von Faro den 28. September 1863, promovirt 23. April 1871 und Cardinal seit 22. December 1873, starb am 24. Februar 1883. Der gegenwärtige ist Joseph Sebastian Neto, geb. 8. Februar 1841, als Bischof von Angola präconisirt 22. September 1879, promovirt 9. August 1883, Cardinal seit 24. März 1884. Gleich nach seiner Priesterweihe trat er in das sehr strenge Kloster zu Torres Vedras, dessen Mitglieder sich mit Mission beschäftigen. Als Bischof von Angola und Congo nahm er sich mit Liebe eines Apostels der armen Neger an, wurde mit ihnen arm und bekehrte viele. Kaum auf den Patriarchenstuhl erhoben, erwarb er sich durch seine apostolische Einfachheit und seine ausgezeichneten Tugenden in kurzer Frist auch hier die höchste Liebe seines Sprengels. Derselbe umfaßt die Districte Lissabon (7460,05 qkm) und Santarem (6861,86 qkm) mit 733 400 Seelen in 334 Pfarreien. Vor der 1881 erfolgten Neugestaltung der kirchlichen Verhältnisse Portugals hatte er in 17 Archipresbyteraten und 381 Pfarreien ca. 500 000 Seelen. Sein Capitel hat 6 Dignitäten und 2 Principale (gemäß den Bestimmungen vom Jahre 1844 mit einem Einkommen aus der Staatskasse von je 800 Milreis, à 4 M. 45 Pf.), 18 Canoniker (je 700 Milreis), 18 Titularbeneficiaten (je 400 Milreis) und 15 Chorkapläne oder Sänger (je 240 Milreis). Für Ausschmückung der Patriarchalkirche sind 3000 Milreis bestimmt worden. Alles zusammen macht etwa 150 000 Mark aus, während früher die Patriarchalkirche, abgesehen von der Metropolitankirche, wohl 2 Millionen Mark Einkommen hatte. (Vgl. noch: Ant. de Macedo, Lusitania infulata et purpurata, Paris. 1663; Carvalho da Costa, Corografia Portugueza, Lisb. 1706–1712, 3 tom.; Principal de Almeida, Codex titulorum Patriarchalis eccl. Lisb. Diplomata pontif. super fundat. cum notis, 2 voll., Lisb. 1746–1748; J. B. de Castro, Mappa de Portugal, Lisb. 1763, III, 94–163; Moroni, Diz. XXXVIII, 303–320; G. Petri, L’Orbe cattol. II, 41; Gams, Ser. Epp. 104 sq.)

(Kerker [Neher]).


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