Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




List (dolus) wird in einem doppelten Sinne, zuweilen in einem guten, meistens aber in einem schlimmen gebraucht. 1. Unter List im schlimmen Sinne (dolus malus) versteht man den Willen und die Fertigkeit, den Nächsten durch verfängliche Worte oder Handlungen zu täuschen und zu hintergehen. Der hl. Thomas von Aquin (2, 2, q. 55, a. 3. 4. 5) rechnet die List in diesem Sinne unter die Gegensätze gegen die Tugend der Klugheit, weil die List nur den Schein, aber nicht das Wesen der Klugheit besitzt. Denn die wahre Klugheit denkt nur an gute Zwecke und wählt zur Ausführung derselben auch nur erlaubte Mittel; die falsche Klugheit oder List dagegen bedient sich zur Erreichung irgend eines Zweckes verkehrter Mittel und Wege, die auch einen guten Zweck nicht cohonestiren können. Bei Darlegung der Gegensätze, welche per excessum gegen die Tugend der Klugheit gerichtet sind, unterscheidet der hl. Thomas (l. c.) noch genauer zwischen a. astutia = Verschlagenheit, Verschmitztheit, Arglist; b. dolus = List, Unredlichkeit; c. fraus = Betrug. Während die ächte Klugheit über die auf einen gebührenden Zweck hinzielenden richtigen Mittel nachdenkt, besteht die Verschmitztheit in der Kenntniß und Ausfindung sittlich unzulässiger Mittel und Wege zur Verfolgung eines ungehörigen oder auch erlaubten Zweckes. Die Ergreifung und Benutzung der von der astutia erdachten und auf Täuschung berechneten Mittel zur Ausführung irgend eines Zweckes heißt man List und Betrug. Beide unterscheiden sich hauptsächlich dadurch von einander, daß dolus in Worten und Thaten sich äußert, während fraus vorzüglich auf Thathandlungen beschränkt ist (vgl. d. Art. Betrug). Aber nicht bloß als Gegensatz gegen die Tugend der Klugheit kommen List und Betrug in Betracht, sondern auch noch als Verletzung der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. Als absichtliche Täuschung und Irreleitung ist die List, mag sie sich nun im Reden (mendacium) oder im Handeln (simulatio) offenbaren, in erster Linie gegen die Wahrhaftigkeit gerichtet, und weiterhin führt sie oft auch noch zur Beschädigung des Nächsten an seinen Gütern (Thom. Aq. 2, 2, q. 111, a. 3). Letzteres geschieht besonders dadurch, daß bei Verträgen der durch List erzeugte Irrthum dazu benutzt wird, die Zustimmung des Mitcontrahenten zu ihm nachtheiligen Geschäften zu erschleichen. Wegen mangelnder Einwilligung sind solche Verträge meist ungiltig. (Vgl. über den Einfluß der List auf die Gültigkeit der Verträge Pruner, Die Lehre vom Rechte I, 348, und Schwane, Die Verträge 25.) Selbstredend muß dem Nächsten jeder Schaden, der ihm durch Überlistung zugefügt wurde, wieder ersetzt werden. In der Jurisprudenz wird überhaupt jede absichtliche und schuldbare Rechtsverletzung, für welche die Moraltheologie den Ausdruck culpa theologica hat, als dolus und dolus malus bezeichnet. Praestare dolum heißt daher soviel als die schlimmen Folgen des Dolus durch Restitution gut machen. Ob durch die List eine schwere oder eine geringe Sünde begangen werde, hängt von der Größe des dabei intendirten oder wirklich verursachten Schadens ab (Pruner a. a. O. 368; Lehmkuhl. Theol. mor. I, 698).

2. Obwohl dolus in der heiligen Schrift immer eine schlimme Bedeutung hat, wird das Wort List doch auch öfter uneigentlich (abusive) gebraucht und ihm dann ein guter Sinn beigelegt. Unter List im guten Sinne versteht man im Allgemeinen die Kunst, dem Nächsten ohne Verletzung der Gerechtigkeit die Wahrheit zu verhüllen. In den Fällen erlaubter List handelt es sich nicht um die Ränke und Schleichwege der Arglist, sondern um die Bethätigung der durch die Ehre Gottes oder das Interesse der Selbstliebe oder Nächstenliebe gebotenen Klugheit und Vorsicht. Denn etwas Anderes ist es, den Nächsten absichtlich und positiv zu täuschen und irre zu leiten, wieder etwas Anderes aber, eine irrige Auffassung entstehen und fortbestehen zu lassen durch Verschweigung und Verhüllung des wirklichen Sachverhaltes in Fällen, wo der Nächste kein Recht hat, darüber belehrt und aufgeklärt zu werden. Wie niemand verpflichtet ist, aller Welt sein Inneres zu offenbaren und aufzudecken, so ist auch niemand berechtigt, über alle möglichen Dinge Belehrung und Aufklärung zu verlangen. Da man aber solchen Leuten gegenüber, welche unbefugte Fragen stellen, nicht immer schweigen kann, so dienen als Mittel zur Verheimlichung und Verschweigung der Wahrheit gewöhnlich der innere Vorbehalt sowie die Zweideutigkeit im Reden und Handeln (s. d. Art. Reservatio mentalis). Hier bleibt es dem Hörenden oder Zuschauenden überlassen, die Rede oder Handlung richtig oder irrig aufzufassen, aus derselben den einen oder den andern Sinn zu entnehmen. Daher ist die List z. B. erlaubt im Kriege, beim Spiele, zur Überführung eines Verbrechers (Thom. Aq. 2, 2, q. 40, a. 3; ib. q. 69, a. 2; Pruner a. a. O. II, 272). Hat auch der Fragende in vielen Fällen kein Recht auf die Wahrheit, so legt uns doch oft die Liebe die Pflicht auf, ohne wichtigen Grund seinen Irrthum nicht zuzulassen. Ein unbeschränkter Gebrauch erwähnter Redensarten müßte ja auch alles Vertrauen untergraben. Darum verbindet der Heiland mit der Mahnung zur Schlangenklugheit auch den Hinweis auf die Taubeneinfalt (Matth. 10, 16).

[Punkes.]


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