Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Listinä (jetzt Estinnes), eine fränkische Königsvilla im Hennegau zwischen den Flüssen Haine und Trouille, war der Ort, an welchem der hl. Bonifatius eine vielbesprochene Synode (concilium Listinense, nach Anderen Liftinense) feierte. Die eigentlichen Protocolle der Synode sind verloren, und es können die Nachrichten über sie nur aus anderweitigen Quellen, insbesondere aus fränkischen Capitularien, geschöpft werden. Schon über die Zeit des Zusammentrittes besteht Differenz, da das Capitulare Karlmanns nur den Monatstag, nämlich den 1. März, angibt. Einige Historiker verlegen nun die Synode in das Jahr 743; in diesem Falle war sie eine Particularsynode für das ostfränkische, unter Karlmann stehende Reich allein; andere nehmen das Jahr 745 an und identificiren sie mit einem öfter erwähnten Concilium germanicum (II) in provincia Francorum, d. h. mit einer Generalsynode für das östliche und westliche Frankenreich unter den Fürsten Karlmann und Pipin zugleich. Je nachdem man sich nun für eine Particular- oder eine Generalsynode entscheidet, ändert sich auch der Umfang der auf dem Concilium Listinense verhandelten Gegenstände. Derjenige Theil der Acten, welcher einer Particularsynode im J. 743 zugewiesen werden kann (Text in Mon. Germ. Leg. I, 18 und bei Jaffé, Mon. Moguntina 129), verpflichtet den Gesammtclerus auf die alten Canones, besonders auch hinsichtlich des Cölibates, schreibt den Klöstern die Benedictinerregel vor und bedroht alle Ausschreitungen neuerdings mit den auf dem ersten deutschen Generalconcil 742 ausgesprochenen Strafen. Auf diesem frühern Generalconcil hatte Karlmann versprochen, daß alles durch die Fürsten der Kirche entrissene und an Soldaten vergabte Besitzthum vollständig zurückgegeben werde; doch nöthigte ihn die Macht der Umstände, jetzt dieses Versprechen einzuschränken und zu bestimmen, daß zum Unterhalte des Heeres gegen die Angriffe der Nachbarvölker noch auf einige Zeit ein Theil des Kirchengutes, aber von jetzt an als Precarie und gegen Zins (sub precario et censu), zurückbehalten werden müsse. Den Laien wurden die kirchlichen Ehehindernisse neuerdings bekannt gemacht, Ehebruch und incestuöse Ehe den Bischöfen zur Bestrafung überwiesen, die Beobachtung heidnischer Gebräuche unter Strafe von 15 Solidi verboten. Als Erläuterung dieses letzten Canons findet sich in einem vaticanischen Codex ein Indiculus superstitionum, von dem sich aber nur die sehr dunklen Überschriften der 30 Kapitel erhalten haben (ihre Erklärung bei Seiters, Bonifacius, der Apostel der Deutschen, Mainz 1845, 386 ff., und bei Hefele, Conc.-Gesch., 2. Aufl., III, 506 ff.). Für die Neubekehrten setzte die Synode ein kurzes Abschwörungs- und Glaubensformular fest (den Text dieses werthvollen altniederdeutschen Sprachdenkmals s. bei Maßmann, Deutsche Abschwörungs- etc. Formeln, Quedlinburg 1839, 67; Mon. Germ. Leg. I, 19). Schließlich wandten die Bischöfe sich in einigen Ansprachen an das Volk (Mansi XII, 370). – Falls die an einem ungenannten Orte 745 gehaltene fränkische Generalsynode (in provincia Francorum mediantibus Pipino et Carlomanno) mit der Synode von Listinä zusammenfällt, so sind zu Listinä ferner Strafurtheile über häretische und unenthaltsame Cleriker gefällt und mehrere Bischöfe wegen ihrer Verbrechen abgesetzt worden. Zu letzteren gehörten die berüchtigten episcopi vagi Adalbert und Clemens (s. d. Art.), von welchen der eine schon auf einer Synode zu Soissons in Neustrien, der andere in Austrasien 744 verurtheilt worden war; sie wurden jetzt neuerdings excommunicirt und zugleich in kirchlichen Gewahrsam gebracht. Auch über Bischof Gewilieb (Gervilio) von Mainz wurde Gericht gehalten und die Absetzung ausgesprochen, weil er ein Jahr vorher für seinen im Kriege gefallenen Vater Blutrache genommen hatte und somit irregulär geworden war. Ein weiterer, wichtiger Beschluß der Synode betraf die Errichtung einer Metropole für Deutschland. Nachdem in Westfranken durch Erneuerung des Metropolitanverbandes die kirchliche Organisation bereits fest begründet war, wollte der hl. Bonifatius auch für Ostfranken in gleicher Weise sorgen. Persönlich führte er schon lange den Titel eines Erzbischofes der germanischen Provinz; doch hatte er noch keinen Sitz, an welchen auch für die Zukunft die Metropolitenwürde geknüpft werden konnte. Da Köln, welches der Heilige wegen der Nähe seines Missionsgebietes, der friesischen Länder, besonders liebte, eben durch den Tod des Bischofs Reginfried erledigt war, trugen die Fürsten ihm dieses Bisthum an. Nach langen Besprechungen stimmte auch ein Theil des auf der Synode anwesenden Clerus bei, und Papst Zacharias bestätigte den Beschluß. Der Widerstand des Kölner Clerus vermochte aber endlich den Heiligen, auf Köln zu verzichten und das erledigte Bisthum Mainz zum künftigen Metropolitansitz zu nehmen. Endlich verfaßten auf der Synode Bonifatius und sieben andere Bischöfe, welche Angelsachsen von Geburt waren, ein apostolisches Schreiben an König Ethelbald von Mercien (Jaffé, Mon. Mog. Ep. 59), um ihn auf bessere Wege zu bringen. (Vgl. Hahn, Qui hierarchiae status fuerit Pipini tempore, Vratisl. 1853; Ders., Jahrbb. des fränk. Reiches, Berlin 1863, 73 ff. 192 ff.; Ders., Noch einmal die Briefe und die Synoden des hl. Bonifaz, in den Forsch. z. deutschen Gesch. XV, 1875, 43 ff.; Jaffé, Mon. Mogunt. Ep. 43 und in den Forsch. X, 1870, 409 ff.; Hefele, Conc.-Gesch., 2. Aufl., III, §§ 362 u. 366.)

[Streber.]


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