Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 8, Sp. 308]Luther, Martin, der Urheber der deutschen Kirchenspaltung, der Sohn eines Bergmanns, geboren [Bd. 8, Sp. 309] zu Eisleben den 10. November 1483, hatte 1501 die Universität Erfurt bezogen, war 1505 hier Magister geworden und sollte sich nach dem Willen seiner Eltern der Rechtswissenschaft widmen. In einem Momente plötzlichen Schreckens und heftiger Todesfurcht – ein Freund soll an seiner Seite vom Blitz erschlagen worden sein – verband er sich durch ein Gelübde, Mönch zu werden. Nicht leicht mochte jemand weniger zu diesem Stande geeignet sein, als eben er; gleichwohl trat er wider seines Vaters Willen, und selbst sein übereiltes Gelübde halb bereuend, in das Augustinerkloster zu Erfurt. Im Beginn seines Prüfungsjahres mußte er sich nach Klostersitte lästigen Hausarbeiten und demüthigenden Verrichtungen unterziehen, wurde jedoch bald als Magister durch den Provinzial Staupitz davon befreit. Im Mai 1507 empfing er die priesterliche Ordination, die er später als Malzeichen des apocalyptischen Thieres schmähte und verwünschte; daß ihn und den ordinirenden Bischof damals nicht die Erde verschlungen, äußerte er, das sei unrecht und allzu große Gottesgeduld gewesen. Nach fleißigem Studium der scholastischen Theologie ward er 1508 auf Staupitzens Vorschlag an der neu errichteten Universität Wittenberg Lehrer der Dialektik und Ethik, ging aber schon im folgenden Jahre zu dem ihm viel mehr zusagenden Vortrage der Theologie über. Im J. 1516 gab er eine mystische Schrift des 14. Jahrhunderts, die »Deutsche Theologie«, heraus. Es war wohl nicht der speculative Pantheismus dieser Schrift, der ihn so sehr anzog; es war dieß seiner ganzen Geistes- und Lebensrichtung ein allzu fremdes Element, dessen wahre Beschaffenheit und Bedeutung er hier nicht einmal verstanden zu haben scheint. Vielmehr machten die Consequenzen, die in dieser Schrift aus pantheistischen Vordersätzen bezüglich des menschlichen Willens gezogen werden, ihm das Buch so wichtig und theuer: daß es nämlich nur Einen Willen geben, den göttlichen, daß nur dieser Eine, der göttliche Wille in der Creatur wirke, daß also weder von Freiheit des menschlichen Willens, noch von einem den Willen bindenden Gesetze die Rede sein könne. Darum sollte das »edle Büchlein übertröstlich in Kunst und göttlichem Werth« sein.

Ehe noch der Ablaßstreit begann, hatte Luther sich von der bisherigen Theologie und der allgemeinen Lehre der Kirche in einem Punkte entfernt, der neben dem Dogma von der Person Christi der wichtigste im ganzen kirchlichen Lehrgebäude ist und über die Auffassung und Gestaltung des ganzen praktisch-christlichen Lebens entscheidet – im Dogma von der Rechtfertigung des Menschen. Der Keim, aus welchem sein ganzes nachheriges System hervorwuchs, war bereits in den Jahren 1515 und 1516 bei ihm entwickelt, und seine Doctrin, wie er sie an der Universität vortrug, hatte bereits Anstoß und Veranlassung gegeben, von einer neuen, auf Irrwegen befindlichen Theologie zu reden. Er selber war freilich noch [Bd. 8, Sp. 310] nicht einmal der nächsten und unabweisbarsten Consequenzen, die sich aus seiner Vorstellung ergaben, sich bewußt geworden. Diese neue Lehre Luthers von der Rechtfertigung und dem ganzen Verhältnisse des Menschen zu Gott war das Ergebniß eines peinigenden und trostlosen Geisteszustandes, in welchem er sich lange Zeit hindurch befunden hatte. Er hatte den klösterlichen Stand und dessen ascetische Vorschriften und Übungen mit der ganzen Energie seines heftigen, tief-leidenschaftlichen und der größten Anstrengungen fähigen Charakters ergriffen. Es ist kein Grund vorhanden, seine desfallsigen Äußerungen zu bezweifeln; aber die Geständnisse, die er dabei über seinen damaligen Seelenzustand ablegt, geben auch hinlänglichen Aufschluß über die Ursache, warum sein ascetisches Ringen und Arbeiten ihn nicht förderte, warum endlich ein Zustand der völligen Entmuthigung und Verzweiflung sich einstellte, der mit einem Umschlag in das gerade Gegentheil endigte. Jene Neigung zur Verzerrung, zur unnatürlichen und krankhaften Entstellung an sich wahrer Gedanken und christlicher Vorstellungen und Empfindungen, die sich später bei ihm immer wieder geltend machte, findet sich schon in seiner katholischen und klösterlichen Lebensperiode. Er versichert z. B., es habe ihm, als er in Rom gewesen, leid gethan, daß seine Eltern noch nicht todt seien, damit er sie durch seine Messe aus dem Fegfeuer hätte befreien können; er meint selber, wenn er Gelegenheit dazu gefunden hätte, würde er in seinem Religionseifer oder Fanatismus der grausamste Todtschläger geworden sein. Wenn auch nach seiner Lossagung von der Kirche und nach dem gewaltsamen Bruche mit seiner ganzen Vergangenheit eine große Veränderung in seinem sittlichen Charakter vor sich ging, so ist doch nicht zu verkennen, daß jenes Feuer des Zornes und des bis zum Hasse sich steigernden Ingrimmes, das später in helle Flammen aufschlug, damals schon, wenn auch noch niedergehalten und gebändigt durch seine ascetischen Anstrengungen, in ihm glühte, und daß er überhaupt gegen sein mit edlen wie mit bedenklichen und schlimmen Anlagen reich ausgestattetes Temperament einen Kampf führte, der oft mit Niederlagen endete. Er sagt es selbst, daß es außer den Versuchungen der Wollust vorzüglich Regungen des Zornes, des Hasses und Neides gewesen, die er nicht zu überwinden vermocht habe. Dabei fehlt es ihm seinem Geständnisse nach an der Liebe Gottes; er habe, schrieb er nachher an Staupitz, eigentlich vor Gott nur geheuchelt, wenn er Buße zu thun versucht und eine erdichtete und gezwungene Liebe in Worte gefaßt. Im Kloster, erzählt er ferner, sei er Christo so feind gewesen, daß, wenn er sein Gemälde oder Bildniß gesehen, wie er am Kreuze hing, er davor erschrocken sei, die Augen niedergeschlagen und lieber den Teufel gesehen hätte. Das Gebet konnte ihm nicht helfen, weil er, wie er sagt, in dem Wahn befangen war, man müsse, um zu Gott zu beten und von ihm erhört [Bd. 8, Sp. 311] zu werden, bereits ganz rein und ohne Sünde wie die Heiligen des Himmels sein. Alles dieses versetzte ihn begreiflicherweise in einen Zustand düsterer Entmuthigung und trostlosen Verzagens, der aber wieder mit trotziger Vermessenheit und selbstgefälliger Einbildung abwechselte; in solchen Momenten war er dann seinem Ausdrucke nach ein höchst anmaßlicher Selbstgerechter (praesumtuosissimus justitiarius) und sah nichts von dem Schalk in seinem Innern. Es ist allerdings ein peinlicher Zustand, sich so nach kurzer Berauschung in trügerischer Selbstzufriedenheit hinabgestürzt zu sehen in den Abgrund des Schreckens und der Verzweiflung und in dem Kampfe mit der Hydra der Sünde statt der abgeschlagenen immer neue Köpfe nachwachsen zu sehen. Die Pein dieses Zustandes ward immer unerträglicher, und Luther forschte und grübelte mit ängstlichem Bemühen, wie er den Stachel, der die Wunde seiner Seele stets offen erhielt, aus der Brust reißen oder ihm wenigstens die Spitze abbrechen könne. In dieser Stimmung las und suchte er in der Bibel, besonders in den Briefen Pauli an die Römer und Galater, und wer, der mit so glühendem Durst, mit der Erwartung und dem Entschlusse, eine für seinen persönlichen Zustand erwünschte und tröstliche Lehre in der Bibel zu finden, an dieses Buch herangetreten, hätte noch jemals das Gesuchte nicht auch gefunden oder zu finden gewähnt? Luthers Entdeckung bestand aber wesentlich in Folgendem: Der Mensch ist einmal in diese Welt des herrschenden Bösen, eine Welt, welche nicht in der Finsterniß, sondern welche die Finsterniß selbst ist, versetzt. Er selbst ist infolge der Erbsünde durch und durch böse; das Streben nach innerer Heiligung und Reinigung von Sünde, in der Meinung, daß dieß vor Gott etwas gelte, ist verkehrt und vergeblich; Gott bietet vielmehr dem Menschen, der es zu keiner eigenen, wirklichen innern Gerechtigkeit zu bringen vermag, eine schon fertige, fremde an, die er sich nur zuzurechnen braucht, und die durch diese gläubige Zurechnung sein Eigenthum wird. Das, was Christus auf Erden für uns gethan und gelitten hat, das ist dieses Kleid der Gerechtigkeit, in welches der Mensch sich nur zu hüllen, mit welchem er seine ganze Schuld und stete Sündhaftigkeit nur zuzudecken braucht, um sofort von Gott für gerecht erklärt zu werden. Denn was immer Christus gethan und gelitten hat, das hat er alles an meiner Stelle gethan und geduldet, damit ich selber dieser ohnehin für mich unlösbaren Aufgabe, innerlich wahrhaft gerecht und vermöge dieser Gerechtigkeit gottgefällig zu werden, überhoben wäre; mir aber liegt nur ob, diese Leistung nunmehr durch den Act des Glaubens zu meinem Eigenthum zu machen, sie mir zuzurechnen und mich im Vertrauen auf diese zwar fremde, aber mein gewordene Gerechtigkeit vor Gott, der mich sofort als Gerechten anerkennt und behandelt, darzustellen. Luther verstärkte und erweiterte diese seine imputative Gerechtigkeit gerade in dem Maße, als seine Verwerfung [Bd. 8, Sp. 312] einer wirklichen Gerechtigkeit des Menschen es erforderte; dieser weite Mantel der Gerechtigkeit Christi deckt seiner Vorstellung nach nicht nur fortwährend alle Sünden, die der Mensch begeht, zu, so daß Gott sie nicht sieht, sondern sie ist auch ein vollkommener und überflüssiger Ersatz für den Mangel einer positiven Gerechtigkeit im Menschen, die ganz geeignet schien, jeden Zweifel, jede Besorgniß eines ängstlichen Gewissens zu beseitigen. Hier war also eine Art der Rechtfertigung für den Menschen gefunden; das große, bisher unbekannte Princip war verkündigt, daß die wirkliche Güte der Person nichts mit seinem von Gott Für-gut-geachtet-werden zu thun habe, oder daß die Gerechterklärung der Menschen an keine ethischen Bedingungen geknüpft sei, als nur die, welche für den Act der Imputation selbst erforderlich sind, nämlich an das Bewußtsein der eigenen Schuld und Ohnmacht und an die Erkenntniß, daß diese Zurechnung der Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi der von Gott bestimmte Weg der Errettung sei.

Das war der Sinn der von Luther so kräftig vertretenen Abschaffung des Gesetzes, des moralischen sowohl als des cerimoniellen; daher der absolute Gegensatz, indem er Gesetz oder Moses und Christus einander entgegenstellte; das Gesetz, das dem Menschen zumuthet, nicht zu sündigen, fromm zu sein, dieß und jenes zu thun, und Christus, der zum Menschen spricht: Du bist nicht fromm, ich habe aber Alles für dich gethan, und du brauchst dir diese meine Leistung nur zuzurechnen. Daher die so oft wiederholte Zumuthung, dem Gesetze durchaus keinen Einfluß auf das Gewissen zu gestatten, das Gewissen »freudig einschlafen zu lassen in Christo ohne alle Empfindung des Gesetzes und der Sünde«. Dieß also war die große Entdeckung, das εὕρηκα Luthers, mit der ihm die Lösung aller Räthsel des religiösen Lebens vollständig gelungen zu sein schien; jetzt erst waren Gesetz und Gewissen, diese unversöhnlichen Feinde, versöhnt; und zu der neuen, trostvollen Lehre bot sich sofort auch der rechte Name von selbst dar – er nannte sie das Evangelium; denn welch fröhlichere Botschaft, meinte er, kann es geben, als daß der Mensch nicht durch Anstrengung, durch die Arbeit der Buße und Besserung, sondern auf so leichte und bequeme Weise, durch einen bloßen Act des gläubigen Annehmens und sich Zurechnens vor Gott gerecht und seines ewigen Heiles gewiß werde? Und diese fröhliche Botschaft, sie war seit vielen Jahrhunderten schon verloren gegangen, und die ganze Christenheit hatte, in tiefer Nacht herumirrend, sich mit einer Gerechtigkeit abgemüht, die dem Menschen, nachdem er Alles gethan, nur das Gefühl ließ, daß er ein größerer Sünder sei, als er vorher gewesen. Es war offenbar, so schloß Luther weiter, Gottes specielle Wahl und Berufung, die ihn zum Verkünder und Wiederhersteller dieser verschollenen Freudenbotschaft auserkoren, und ihm selber war diese Einsicht und das rechte Verständniß der Briefe Pauli an die Römer und Galater [Bd. 8, Sp. 313] nur durch höhere Inspiration zu Theil geworden. Zugleich war nun auch der Prüfstein gefunden, der über den Werth oder die Verwerflichkeit aller in der Kirche damals vorhandenen Dogmen, Einrichtungen und Übungen entschied; alles, was mit dem neuen Evangelium und seinen nothwendigen Consequenzen sich nicht vertrug oder überflüssig erschien, das war hiermit schon gerichtet und mußte fallen; die Kirche selber, die diese Hauptlehre zum Verderben so vieler Millionen verfälscht und den armen Christen ihren sichersten Trost, die Quelle ihres Heils geraubt hatte, sie war nun gleichfalls gerichtet, sie konnte unmöglich die wahre sein.

Das Ablaßwesen Tetzels und seiner Gehilfen und der Streit, in den er darüber verwickelt ward, war demnach nicht etwa die erste Veranlassung für Luther, über den kirchlichen Lehrbegriff nachzudenken, mit Herabsetzung, dann Verwerfung der Indulgenzen zu beginnen und so fortschreitend von einem Lehrpunkte zum andern das ganze bestehende System umzugestalten, sondern geraume Zeit vor diesem Zwiste hatte Luther bereits eine Doctrin sich angeeignet, welche nur unter vielen anderen Consequenzen auch die Verwerfung der kirchlichen Lehre von der Buße und Genugthuung und damit dann freilich auch die Beseitigung der völlig überflüssig gewordenen Indulgenzen als nothwendige Folge nach sich zog. Der Streit selbst hatte für Luther nur die Wirkung, jene Entwicklung seines Systems, welche ohne die äußere Veranlassung langsamer und wohl auch mit mehr Scheu und Bedenklichkeit stattgefunden haben würde, zu beschleunigen, ihm eine höchst populäre, durch die öffentliche Meinung in Deutschland und Europa mächtig getragene und geschirmte Stellung anzumessen und seiner Lehre, die nur aus einem gegen offenbare Mißbräuche in bester Absicht unternommenen Widerstande hervorgegangen zu sein schien, um so größern Beifall und leichtern Eingang zu verschaffen. Früher hatte er die Mißbräuche in der Kirche, die Unfähigkeit und Lasterhaftigkeit so vieler Geistlichen, die Verwahrlosung des Volkes und Anderes gefühlt und beklagt, wie andere der Kirche ergebene und einsichtige Männer sie empfanden und betrauerten; doch war ihm noch nicht eingefallen, für solche Zufälligkeiten, die auch damals je nach den einzelnen Ländern sehr verschieden waren, die allgemeinen Institutionen der Kirche selber, ihren Gottesdienst u. s. w. verantwortlich zu machen. Indeß hatte er überhaupt einen geschärften Blick für das Böse in allen Gestaltungen und Erscheinungen des Lebens, ein Temperament, das sich vorzugsweise mit Erspähung des selbstischen, unreinen Elements in den Handlungen und Zuständen der Menschen wie in den öffentlichen Angelegenheiten des Staats- und Kirchenlebens beschäftigte und nährte. Daß der Mensch, nicht bloß der noch Gott entfremdete, sondern auch der bereits im Zustande der Begnadigung befindliche, fortwährend in allen Handlungen, auch den auf’s Beste gethanen, sündige, und jeder That etwas [Bd. 8, Sp. 314] Böses, Gott an sich Mißfälliges beigemischt sei, daß auch das leichteste der göttlichen Gebote von den Frommen nicht wahrhaft gehalten werden könne, das war bei ihm Lieblingsbehauptung. In nächster Verwandtschaft mit dieser Anschauungsweise stand die Neigung, auch in den kirchlichen Zuständen das vorhandene Gute über dem sich ohnehin mehr hervordrängenden Bösen zu übersehen, die Schäden zu vergrößern und sie, ohne auf die mildernden Umstände zu achten, in grellen Farben auszumalen. Sobald aber Luther einmal mit der kirchlichen Lehre in Zwiespalt gerathen war, sobald infolge davon eine argwöhnische und bittere Stimmung gegen die Kirche selbst, als die Trägerin des ihm verhaßten Dogmas, sich festgesetzt hatte, da mußte auch in seiner Betrachtungsweise der kirchlichen Zustände und Einrichtungen, in seinem Urtheile über das kirchliche Leben eine große Veränderung eintreten. Wie nahe lag es jetzt, in allen Erscheinungen und Gestaltungen des kirchlichen Lebens die schlechten Früchte einer schlechten Lehre zu entdecken und alles begierig zusammenzutragen, was nur immer als praktisches Zeugniß gegen die Doctrin gebraucht werden konnte! Wie nahe lag die Versuchung, durch übertreibende, gehässige Darstellung und Verzerrung der kirchlichen Zustände die Anklage gegen das System, das solche Zustände verschuldet, zu verschärfen!

Aus allen Äußerungen Luthers, aus seiner ganzen Betrachtung von Natur und Geschichte ergibt sich, daß er sich das Reich des Satans als ein unermeßlich weit ausgebreitetes dachte, daß der Einfluß des Teufels seiner Vorstellung nach mit unwiderstehlicher Macht alles, was Gott ihm nicht entriß, sich unterwarf. Seitdem aber in Luthers Seele die Thatsache feststand, daß die Kirche in den wichtigsten Punkten von Christi reiner Lehre abgefallen sei, konnte auch der Glaube an eine besondere göttliche Leitung und Bewahrung der Kirche sich bei ihm nicht mehr halten. Sie war ihm nun ein Reich, in welches der Satan siegreich eingedrungen, in welchem er seinen Sitz aufgeschlagen und weithin Alles besudelt und vergiftet hatte, und immer mehr gewöhnte er sich nun, was ihm an den kirchlichen Dingen irgend mißfiel, sofort als ein Erzeugniß satanischer Einwirkungen darzustellen. Ohnehin ist, sobald man einmal die Gefühle der Ehrfurcht und Anhänglichkeit an eine Institution abgeschüttelt hat, nichts leichter und bequemer, nichts für die Eigenliebe schmeichelhafter, als sich über sie zu Gericht zu setzen und von einem ganz äußerlichen Standpunkte aus jeden wirklichen oder möglichen Mißbrauch an derselben aufzudecken und nach Herzenslust zu schelten. Die Bedenken, daß er hierin zu weit gehe, das Gute mit dem nur zufällig anklebenden Schlimmen verwerfe, daß er Gebrechen, die ihren Grund nur in der allgemeinen menschlichen Fehlerhaftigkeit und der Neigung der Menschen haben, auch das Beste zu mißbrauchen und in den Dienst der Leidenschaften zu ziehen, der [Bd. 8, Sp. 315] Sache selbst, dem Institut oder Ritus zur Last legen möchte – diese Bedenken hielten ihn nicht mehr zurück; er hatte sich ja mit aller Kraft in die Vorstellung hineingearbeitet, daß die Verunstaltung der Rechtfertigungslehre ein tödtliches Siechthum, ein zerstörendes Gift in alle Glieder und Säfte des kirchlichen Organismus getragen habe, daß die falsche Werkheiligkeit, die Lehre vom Zweifel an der Gnade Gottes und die Verwerfung des Specialglaubens, die Verläugnung der imputirten Gerechtigkeit, der hochmüthige Dünkel, es zu einer eigenen innern Gerechtigkeit vor Gott bringen und sich die Seligkeit mit seinen Werken erkaufen zu wollen – daß dieß Dinge seien, die nothwendig ein allgemeines Verderben über die Kirche bringen, ihre Verfassung, ihre Sacramente und ihren Gottesdienst verfälschen und in das Gegentheil der ursprünglich von Christo getroffenen Einrichtungen verkehren mußten. Er war also seiner Vorstellung nach ganz sicher, daß er auch bei den stärksten und schonungslosesten Angriffen doch nie zu tief in’s Fleisch schnitt, daß keiner seiner Schläge ein noch gesundes Glied am Körper der Kirche traf. »Es ist ja«, sagte er, »kein Buchstabe so klein in ihrer Lehre, und kein Werklein so geringe, es verläugnet und lästert Christum und schändet den Glauben an ihn.« Und vor Luther »hatte ja niemand gewußt, was das Evangelium, was Christus, was Taufe, was Beichte, was Sacrament, was der Glaube, was Geist, was Fleisch, was die zehn Gebote, was das Vaterunser, was Beten, was Leiden, was Trost, was weltliche Obrigkeit, was Ehestand, was Eltern, was Kinder, was Herr, was Knecht, was Frau, was Magd etc. sei. Summa: wir haben gar nichts gewußt, was ein Christ wissen soll.«

Luthers erste Schritte wurden mit Muth und Vertrauen auf die Güte seiner Sache und in dem Bewußtsein, daß er in seinem Orden und außerhalb desselben Gleichgesinnte habe, unternommen. Wenn in den ersten Monaten nach Veröffentlichung seiner Thesen die Zeichen der Theilnahme und Beistimmung noch sparsam hervortraten, so änderte sich dieß bald. Nicht nur durfte er auf den Schutz seines weitverbreiteten Ordens, aus dessen Mitte sich keine einzige Stimme gegen ihn erhob, rechnen: im Mai 1518 wußte er bereits, daß die ganze Universität Wittenberg, mit Ausnahme eines Einzigen, daß sein Diöcesanbischof und mehrere andere Prälaten auf seiner Seite standen oder sich beifällig äußerten, ja daß sehr viele sagten: sie hätten vorher Christum und das Evangelium nicht gekannt und nichts davon vernommen. Bald erfuhr er auch, daß die Gunst und der Beistand der einflußreichen Humanisten ihm in weiten Kreisen zu statten kam, und nicht nur Freunde, auch Feinde arbeiteten ihm in die Hände, wie denn die plumpe und ungeschickte Gegenschrift eines Sylvester Prierias ihm sicher mehr nützte als schadete. Luther selbst führte einige Monate hindurch die Sprache demüthiger Unterwerfung unter das Urtheil der [Bd. 8, Sp. 316] kirchlichen Oberen und versicherte den Papst, daß er unbedingt über seine Person und Lehre verfügen könne; um so leichter gestattete dieser auf die Verwendung des Kurfürsten von Sachsen, daß Luther, statt der Anfangs August erlassenen Vorladung gemäß sich persönlich in Rom zu stellen, seine Sache vor dem Cardinal Thomas de Vio, der als Legat nach Augsburg ging, führen durfte. Jetzt mischte sich das alte Mißtrauen und der Widerwille der Deutschen gegen die schlauen Italiener in’s Spiel. Luther erschien nur mit einem Geleitsbriefe und weigerte sich, den Widerruf, den der Cardinal von ihm forderte, zu leisten, appellirte an den besser zu unterrichtenden Papst und dann, als eine päpstliche Bulle die Ablaßlehre bestätigte, an ein allgemeines Concil. Die Verhandlungen mit dem päpstlichen Kammerherrn Miltiz, die sich durch das Jahr 1519 hinzogen, blieben ohne ein wesentliches Ergebniß; Luther versprach zwar, zu schweigen, aber nur, wenn auch alle seine Gegner schweigen würden. Er richtete wirklich am 3. März 1519 ein Schreiben an den Papst, worin er versicherte, er habe nie die Auctorität des römischen Stuhles antasten wollen, die mit Ausnahme Christi über Alles im Himmel und auf Erden gehe, und zugleich gestand, er sei in seiner rauhen Schärfe wider die römische Kirche bis zum Mißbrauche gegangen; er wolle dafür das Volk in einer eigenen Schrift zur rechten Ehrfurcht gegen diese Kirche auffordern. Dieß war jedoch nicht sehr ernstlich gemeint, denn wenige Tage später äußerte er in einem Briefe an seinen Freund und Gönner, den kurfürstlichen Hofprediger Spalatin: »er wisse nicht, ob der Papst der Antichrist selbst oder nur dessen Apostel sei«. Indeß waren die Bande, die ihn an die Kirche fesselten, noch immer stark genug, um ihn von der entschiedenen und offenen Behauptung mancher Sätze, zu denen ihn sein Lieblingsdogma mit Gewalt drängte, zurückzuhalten. Über diesen Conflict seines bald von der noch haftenden Ehrfurcht vor der kirchlichen Auctorität, bald von der Consequenz seines Dogmas beherrschten und zerrissenen Verstandes und Gewissens äußerte er in späterer Zeit: »er habe damals den Geist mit so starker Begierde, gleichsam verwirrt im Geist und beinahe sinnlos, erwartet, daß er kaum gewußt, ob er wache oder schlafe; nur mit großem Kampfe und sehr schwer habe er endlich durch die Gnade Christi den Gedanken, daß man die Kirche hören müsse, überwunden«.

Der Eintritt in dieses Stadium seiner innern Entwicklung wurde beschleunigt durch äußere Anlässe, namentlich die Leipziger Disputation, die zwar zuerst nur zwischen Eck und dem jetzt noch eng mit Luther verbündeten Karlstadt geführt werden sollte, an der aber Luther, und zwar als Bestreiter des päpstlichen Primates, theilnahm; dann durch die von den Universitäten Köln und Löwen ausgesprochene Verurtheilung seiner Sätze. Den Versuch, sich an die Unterscheidung zwischen [Bd. 8, Sp. 317] der römischen Kirche als der Braut Christi und Gebieterin der Welt und zwischen der römischen Curie mit ihren schlechten Früchten anzuklammern, ließ er bald wieder fallen, denn schon schien es ihm gewiß, daß der päpstliche Stuhl der Sitz des in der Schrift geweissagten Antichrist sei. Wenn sein Ruf und der seiner beiden Gehilfen Karlstadt und Melanchthon bis zum Beginne des Jahres 1520 bereits 1500 Studirende nach Wittenberg gezogen hatte, wenn ihm immer häufiger werdende beistimmende und bewundernde Zuschriften aus den verschiedensten Gegenden zukamen, Sickingen und andere Edelleute ihm Schutz und Asyl anboten, so wußte Luther wohl, daß er unbesorgt noch weiter gehen dürfe, und daß er schon an dem in Deutschland damals unter Geistlichen und Weltlichen weit verbreiteten Widerwillen gegen Rom einen mächtigen Bundesgenossen habe. Die von Eck erwirkte päpstliche Bulle (15. Juni 1520), welche 41 Sätze Luthers, darunter mehrere, die schon den ganzen neuen Lehrbegriff im Keime in sich trugen, theils als offenbar häretisch, theils als ärgerlich und vermessen verdammte und ihm, wenn er nicht widerrufe, die Excommunication ankündigte, bekräftigte ihn in dem Entschlusse, den offenen Bruch zu vollenden, besonders nachdem ihm jene Zusicherungen eines mächtigen Schutzes zugekommen waren. Er, der am 15. Januar 1520 noch in einem Schreiben an den neuerwählten Kaiser Karl erklärt hatte, er wolle als ein treuer und gehorsamer Sohn der katholischen Kirche sterben und sich das Urtheil aller nicht verdächtigen Universitäten gefallen lassen, hatte im Juni desselben Jahres die Schrift »An den deutschen Adel von des christlichen Standes Besserung« herausgegeben und ließ im October das Buch »Von der babylonischen Gefangenschaft« folgen. In beiden Büchern war neben der Aufdeckung und Rüge vieler wirklichen und schwer genug gefühlten Mißbräuche eine so vollständige Lossagung von der Kirche, ihrer Lehre, ihrem Gottesdienste und ihrer Verfassung enthalten, daß Luther später im Verlaufe seines neuen Kirchenbaues nicht viel mehr hinzuzusetzen hatte. Als die Folge der im letzten Buche ausgesprochenen Verwerfung des eucharistischen Opfers, also derjenigen Handlung der Kirche, welche den Mittelpunkt des ganzen Gottesdienstes bildet, gab er selber die Nothwendigkeit an, daß »der größte Theil der Bücher, die jetzo die Oberhand haben, und schier der Kirche ganze Gestalt weggethan und verändert werde«. Dem auch in der Kirche behaupteten allgemeinen Priesterthum aller Christen gab er einen solchen Umfang, daß damit das ganze Gebäude der Kirchenverfassung von grund aus umgestürzt wurde, jede kirchliche Hierarchie, jedes an einen besondern Stand geknüpfte Recht der Leitung und Verwaltung der Kirche als Usurpation wegfiel. Nicht ein geistlicher Stand sollte mehr existiren, sondern nur durch Auftrag der Gemeinden aufgestellte Beamte, die das verrichteten, wozu Alle die gleiche Gewalt [Bd. 8, Sp. 318] hätten. Dabei schmeichelte Luther mit kluger Berechnung den anderen Ständen, den Fürsten, dem Adel und den städtischen Gewalten, denn diesen vorzüglich mußte, wenn nach seiner Absicht der Bau der deutschen Kirche in Trümmer zerfiel, die reiche Beute zufallen; der hundertste Theil des gegenwärtigen Kirchengutes, meinte er, sei hinreichend zur Erhaltung einer Kirche; ausdrücklich behielt er zu Gunsten des Adels vor, daß die Domstifte als Versorgungsanstalten für die jüngeren Söhne des Adels fortbestehen sollten; auch dem Kaiser hatte er eine Lockspeise hingeworfen: Einziehung des Kirchenstaats und Zerreißung des Lehensverhältnisses von Neapel.

Ein neuer Versuch Miltizens, der auch jetzt noch nicht einsehen wollte, daß Luther seine Schiffe verbrannt habe und bereits durch eine breite Kluft von der Kirche getrennt sei, veranlaßte nur ein höhnisches, an Papst Leo gerichtetes, aber für das große Publikum bestimmtes Schreiben, worin Luther die gesuchtesten Ausdrücke der Schmach und Verachtung auf den römischen Stuhl häufte. In diesem Schreiben, welches er nach seiner Zusammenkunft mit Miltiz, also nach dem 10. October, erließ, aber auf den 6. September vor Publicirung der Bulle zurückdatirte, hatte er die Person des Papstes noch gepriesen, ihn einen Daniel unter den Löwen, einen Ezechiel unter den Scorpionen genannt; aber schon am 17. November wurde Papst Leo, ohne daß irgend etwas Neues von Rom unterdeß ausgegangen wäre, in einer öffentlichen Appellation an ein Concilium ein verstockter, verdammter Ketzer und Abtrünniger, ein Feind und Unterdrücker der heiligen Schrift, ein Verräther, Lästerer und Schmäher der heiligen christlichen Kirche und eines freien Concils genannt. Dazu kam die alles bisher in der Christenheit Vernommene überbietende Schrift »Wider die Bulle des Endechrists« und am 10. December die feierliche Verbrennung der Bulle und der canonischen Rechtsbücher vor dem Thore zu Wittenberg. Dieses Verbrennen der »gottlosen Bücher des kirchlichen Rechts, worin nichts Gutes ist, und wenn auch etwas Gutes darin wäre, Alles doch zum Schaden und Befestigung ihrer antichristlichen Tyrannei verkehrt ist«, wie Luther zur Vertheidigung dieses Schrittes drucken ließ, war eine bedeutungsvolle Handlung; sie drückte aus, daß es jetzt um nichts Geringeres als um die völlige Zerstörung aller bisherigen kirchlichen Rechtsverhältnisse und bestehenden Einrichtungen sich handle, und daß eine kirchliche Genossenschaft gegründet werden solle, die ihren gesellschaftlichen Bau rein von vorne anfange. Nach Worms auf den Reichstag (1521) folgte Luther dem Rufe des Kaisers gerne; er freute sich, vor den Fürsten und dem Adel des Reiches, unter dem er bereits so viele Gönner zählte, als Bekenner seiner Lehre auftreten zu können; seine Reise dahin glich einem Triumphzug; im Bewußtsein persönlicher Sicherheit und gewaltiger Popularität bewegte er sich [Bd. 8, Sp. 319] auf der Versammlung mit einer Zuversicht, die Vielen als ein neuer Beweis für die Güte seiner Sache galt; den Versuchen, die besonders der Erzbischof von Trier machte, ihn zum Widerrufe oder zu irgend einer beruhigenden Erklärung zu bewegen, stellte er die Berufung auf die Bibel und sein Gewissen entgegen; selbst einem Concilium wollte er die Entscheidung nur dann überlassen, wenn dasselbe nach Bibelstellen (er meinte natürlich: und nach seiner Auslegung dieser Stellen) den Ausspruch thue. Auf seiner Rückreise wurde er auf Anordnung seines Kurfürsten und mit seiner Zustimmung aufgehoben und als Ritter verkleidet nach der Wartburg gebracht, während in Worms der Kaiser die Reichsacht über ihn verhängte, die aber erst nach Abreise der meisten Fürsten von der geringern Zahl der Zurückgebliebenen utnerzeichnet wurde. Der Fortgang der neuen Lehre wurde dadurch, daß ihr Urheber auf kurze Zeit den Augen der Menschen sich entzog, nicht gehemmt; der Feuerbrand dieser Lehre war einmal in das dürre Gestrüppe, dessen es allenthalben in Deutschland genug gab, hineingeworfen, und bald da bald dort schlugen die Flammen auf.

Es war auch ein Schauspiel, das billig Alle in Spannung erhielt, ein Contrast, der auch die Sympathien der Besten ihm und seiner Sache zuwendete. Da stand auf der einen Seite eine ganze Schaar von Prälaten, kirchlichen Dignitären und Pfründenträgern, die, mit irdischen Gütern überreich ausgestattet, sorglos dahin lebten, sich wenig um die Noth und den Verfall der Kirche kümmerten und auch jetzt den stürmischen Angriffen auf die Kirche in ruhiger Trägheit zuschauten; auf der andern Seite stand ein einfacher Augustinermönch, der alles das, was jene in Fülle hatten oder erstrebten, weder besaß noch suchte, der aber dafür mit Waffen stritt, wie sie jenen nicht zu Gebote standen, mit Geist, mit hinreißender Beredsamkeit, mit theologischem Wissen, mit festem Muthe und unerschütterlichem Selbstvertrauen, mit dem Schwunge der Begeisterung, der Energie eines zur Herrschaft über die Geister berufenen Willens und mit eiserner Arbeitsamkeit. Deutschland aber war damals noch ein jungfräulicher, durch keinen Journalismus, keine Broschürenliteratur überwucherter Boden; wenig noch und nichts von Bedeutung war über öffentliche, Alle gemeinsam berührende Angelegenheiten geschrieben worden; Fragen von höherem Interesse, welche die Geister anderweitig beschäftigt hätten, lagen nicht vor; um so größer war daher in allen Ständen die Empfänglichkeit für religiöse Aufregung, um so größer aber auch in einem noch nicht an pomphafte Declamationen und rhetorische Übertreibungen gewöhnten Volke die Bereitwilligkeit, einem Manne, der als Priester und Lehrer der Theologie an einer Hochschule mit Einsetzung seiner Persönlichkeit und mit im Ganzen so geringem Widerspruche die furchtbarsten Anklagen gegen die Kirche erhob, Alles auf’s Wort zu glauben. Und diese Beschuldigungen, diese [Bd. 8, Sp. 320] Hinweisungen auf eine trostvolle, bisher boshafterweise unterdrückte und verschwiegene Lehre, die jetzt in so ausgesuchten Kraftworten vorgetragen wurde, waren verbunden mit steten Berufungen auf Christum und auf das Evangelium, mit apocalyptischen, auf das Papstthum und den ganzen Zustand der Kirche angewendeten Bildern, welche die Phantasie mächtig ergriffen; die Schriften aber, die jetzt zum ersten Mal das ganze Kirchenwesen und dessen Gebrechen besprachen, waren einerseits mit biblischen Worten, Sprüchen, Gedanken durchwebt, andererseits mit der berechnenden Kunst einer ihrer Zwecke sich wohl bewußten und die Schwächen des Nationalcharakters vollkommen kennenden Demagogie abgefaßt und ebenso gut geeignet, in Wirthshäusern und auf öffentlichen Plätzen als von den Kanzlen vorgelesen zu werden.

Mächtiger noch als die äußerlichen Mittel der Förderung wirkten die inneren, die in dem Systeme selbst gelegenen Motive; es waren süße, trostvolle, gern vernommene Lehren, wie sie seit zwei Jahren und noch entwickelter in den nächstfolgenden Jahren von so vielen Kanzeln, in Liedern, in zahllosen Schriften dem Volke beigebracht wurden, von der Rechtfertigung ohne alle Vorbereitung durch bloße Imputation der Leiden und Verdienste Christi, von der unmittelbaren, durch einen einzigen Glaubensact zu erlangenden Gewißheit des Gnadenstandes und der Seligkeit; die Lehren ferner, daß die guten Werke von allem Einflusse auf die jetzige Gerechtigkeit und künftige Seligkeit der Menschen ausgeschlossen seien, daß aber jeder Christ schon im Besitze einer ohne alle Mühe durch einen bloßen Glaubensact erworbenen, bloß zugerechneten Heiligkeit sei, wobei er allerdings sündhaft bleiben solle und müsse. Und dazu kam nun die neue christliche Freiheit, wie sie Luther als selbsterwählter Schirmvogt der in der Kirche bisher mit Füßen getretenen Christenrechte so nachdrücklich verkündigte, die Freiheit, sich über die Satzungen und Ordnungen der Kirche wegzusetzen, nicht zu beichten, nicht zu fasten u. s. f., oder dieß und ähnliches nur nach Willkür und eigenem Gutdünken zu thun. »O eine feine Predigt war das,« schrieb Wicel später, »nicht mehr fasten, nicht mehr beten, nicht mehr beichten, nicht mehr opfern und geben u. s. f. Solltet Ihr doch wohl zwei deutsche Lande, nicht eines allein damit geködert und in Euer Netz gerücket haben! Denn wenn man einem erst seinen Willen läßt, so ist er wohl zu gewinnen!« Das neue Evangelium verhieß aber nicht nur einen viel leichtern und sicherern Erwerb der geistigen und künftigen Güter, es eröffnete auch, besonders für die Fürsten, den Adel und die städtischen Gewalthaber, lockende Aussichten auf Gewinn an irdischen Gütern; gar viele unter ihnen waren damals tief verschuldet und erblickten jetzt im Kirchengute die geöffnete Schatzkammer, aus der sie ihre Schulden bezahlen konnten; zugleich bot die Einziehung der Bisthümer sich den Größeren als erwünschtes Mittel dar, ihre Staaten zu arrondiren [Bd. 8, Sp. 321] und ihre Territorialmacht erst jetzt fest zu begründen und auszubilden.

Endlich hatte Luther in dem destructiven Kampfe, den er gegen die Kirche führte, zwei mächtige Menschenklassen zu Bundesgenossen. Die eine bestand aus den Humanisten, Philologen und gelehrteren Schulmännern, wie sie vorzüglich aus der Erasmischen und in den nächsten Jahren auch aus der Melanchthonischen Schule hervorgingen, Männern, die dem bisher übermächtigen und im Besitze aller einträglicheren Stellen befindlichen Clerus, dem sie sich meistens an Kenntnissen überlegen wußten, von Herzen gram waren und begierig mithalfen, die Abneigung und das Mißtrauen des Volkes gegen diesen Stand zu schüren. Alle diese sahen um so mehr in Luther einen der Ihrigen und einen Beförderer ihrer Richtung wie ihrer Standesinteressen, als er den Untergang der reinen Lehre aus der Vernachlässigung des Studiums der griechischen und hebräischen Sprache ableitete und die neue Theologie, sowie den Neubau seiner Kirche auf der Basis des Sprachstudiums aufzurichten verhieß. Die andere Klasse war noch weit zahlreicher; sie umfaßte eben die heranwachsende Generation, die studirende Jugend und die jüngeren, seit Kurzem erst in’s praktische Leben eingetretenen Männer; alle diese bewunderten und verehrten in Luther den Helden des Tages, die imponirendste Persönlichkeit, die Deutschland damals aufzuweisen hatte, den Mann, der ein Schwert im Munde führte, dem keiner seiner deutschen Gegner irgend ebenbürtig war, der überhaupt das kraft- und lebensvolle Neue, den Fortschritt und die Aufklärung repräsentirte, während die katholische Kirche und ihre Vertheidiger als die Vertreter des Veralteten, der Reaction erschienen, wenn man das auch damals mit anderen Namen bezeichnete.

Inzwischen hatte Luther auf der Wartburg, seinem »Patmos«, sich mit Schriften gegen den katholischen Theologen Latomus und die Universität Löwen, dann gegen das kirchliche Opfer (Von Abschaffung der Privatmesse) beschäftigt. In der letztern Schrift versicherte er, erst nach schwerem Kampfe mit seinem Gewissen sei er endlich dahin gekommen, den Papst für den Antichrist, die Bischöfe für seine Apostel, die hohen Schulen für seine Hurenhäuser zu halten; sein Herz habe gar oft gezappelt und ihm vorgeworfen: »Wie, wenn du irrtest und so viele Leute in Irrthum verführtest, die alle ewiglich verdammt würden!« Diese Besorgniß und Ungewißheit kehrte auch später noch oft wieder, doch nie mit solcher Stärke und Dauer, daß sie ihn auf der betretenen Bahn einzuhalten oder umzukehren vermocht hätte. Vielmehr entschied er sich nun auch, den Cölibat der Geistlichen und die Gelübde des klösterlichen Lebens mit aller Energie zu bestreiten und »zur Freiheit des christlichen Glaubens zurückzukehren«, d. h. die von ihm abgelegten Gelübde selber zu brechen und Andere aufzufordern, das Gleiche zu thun. Damit verstärkte er seine Partei unermeßlich, denn ihm fiel [Bd. 8, Sp. 322] sofort die Schaar der Geistlichen zu, welche bisher im Concubinat gelebt hatte und eine Lehre begierig ergreifen mußte, die ihr Gelegenheit bot, den Makel durch Eingehung einer förmlichen Ehe zu tilgen; ihm fielen ferner Tausende von Mönchen zu, welche der klösterlichen Zucht und Einschränkung überdrüssig waren.

Inzwischen drohte zu seinem Verdrusse die von ihm hervorgerufene Bewegung ihm selber über den Kopf zu wachsen und ihn beiseite zu schieben. Die ersten Wiedertäufer erhoben sich, und zwar in der Nähe von Wittenberg; ganz mit denselben Gründen und mit dem gleichen Rechte, mit dem Luther bisher die Sacramente und Institutionen der Kirche angegriffen und verworfen hatte, bestritten sie die Kindertaufe und brachten Melanchthon, der ihnen nichts zu entgegnen wußte, in große Verlegenheit. Zugleich begann Karlstadt mit seinem Anhang die Bilder in den Kirchen zu zertrümmern, die Altäre umzustürzen, die Beichtstühle wegzuschaffen u. s. f. Da eilte Luther von der Wartburg weg, kam am 7. März 1522 nach Wittenberg und brachte, vom Kurfürsten dabei unterstützt, die Reformation von der raschern Fortbewegung wieder zurück in den langsamern Gang, der die äußeren Dinge und Zeichen mehr schonte; man müsse nur die Lehre von der Rechtfertigung recht nachdrücklich treiben und predigen, meinte er damals und später, dann werde alles, was im kirchlichen Leben dieser Lehre nicht entspreche, schon von selbst fallen, ohne daß man jetzt dem Volke das Joch eines neuen Zwanges und neuer Gesetze aufzulegen brauche. Karlstadt mußte Wittenberg verlassen; Luther veranstaltete, daß ihm auch das Predigen verboten und der Druck seiner Schriften untersagt wurde, bekämpfte ihn dann zu Jena und Orlamünde, und nun wurde derselbe Mann, der bisher Luthers vornehmster Gehilfe mit Rath und That gewesen, seitdem von ihm als ein bitterer Feind behandelt; derselbe Mann, den Luther bisher mit Lobeserhebungen überhäuft und für einen Theologen von unvergleichlichem Urtheil erklärt hatte, wurde von nun an in den Schriften des Reformators als ein schändlicher, mit allen erdenklichen Lastern gebrandmarkter Mensch geschildert, und Luther betheuerte: wenn Karlstadt glaube, daß ein Gott im Himmel sei, so solle ihm (Luther) Christus nimmermehr gnädig sein. Luther pflegte von Anfang an sich wenig auf die alte Kirche zu berufen, theils weil, wie er selbst gestand, seine Hauptlehre der alten Kirche völlig unbekannt war, theils weil er fühlen mochte, daß man die Tradition und Auctorität der Kirche nicht stückweise annehmen, nicht gegen die gleichzeitige Kirche sich auflehnen und dafür beliebig sich an die Lehre und Praxis der Kirche eines frühern Jahrhunderts anschließen könne. Bei seiner geringen Kenntniß der altkirchlichen Literatur hatte er doch so viel gesehen, daß der ganze in jenen Schriften herrschende Geist, daß die Praxis der alten Kirche in Gottesdienst und Disciplin seinem Systeme schroff entgegengesetzt [Bd. 8, Sp. 323] sei; er hielt sich also ausschließlich an das Neue Testament, welches über die Zustände, die Einrichtungen und das religiöse Leben der ersten Kirche so Weniges und auch dieses Wenige oft in so dunkeln Andeutungen enthält, daß er um so freiern Spielraum für die Entwicklung seines Systems zu haben wähnte. Wie wenig ihm das Zeugniß und die Auctorität des kirchlichen Alterthums gelte, dieß zeigte er recht augenfällig, als er nunmehr die bittersten Ausfälle seiner schmähsüchtigen Polemik gegen dasjenige Document der Kirche richtete, welches gerade das älteste und in seiner unverändert gebliebenen Gestalt und Universalität ehrwürdigste ist, gegen den Canon der Messe. Es ist Thatsache, daß dieser Canon schon am Anfange des 5. Jahrhunderts, ein paar kurze, erst nachher hinzugekommene Formeln abgerechnet, wörtlich so lautete, wie wir ihn jetzt haben; daß in den Gebeten und Formeln desselben ganz der gleiche Geist, dieselbe Anschauungsweise herrscht, wie in den übrigen alten Liturgien des Orients und Occidents. Diesen Canon nun gab jetzt Luther in einer deutschen Übersetzung und mit seinen Anmerkungen heraus, »damit jeder sich davor entsetze und segne, wie vor dem Teufel selbst«. Fast jeder Satz des Textes ward für einen Greuel, eine Gotteslästerung, eine Lüge, für ein heilloses und verfluchtes, von ungelehrten, tollen Pfaffen zusammengerafftes Werk erklärt.

Mit dieser negirenden und destructiven Thätigkeit hielt aber die positive des Reformators gleichen Schritt; so sorgte er für die Prediger seiner Lehre sowohl als für das Bedürfniß des Volkes durch die Herausgabe seiner Postille (1523); er brachte bald nachher seine Übersetzung der Bibel zu Stande, ein Meisterstück in sprachlicher Hinsicht, aber seinem Lehrbegriffe gemäß eingerichtet und daher in vielen wichtigen Stellen absichtlich unrichtig und sinnentstellend. (Über die Ausgaben s. d. Art. Bibelübersetzungen II, 758 f.)

Der Streit mit Erasmus über den menschlichen Willen und dessen Freiheit oder Knechtschaft, der Luther in den beiden nächsten Jahren beschäftigte, offenbarte wieder die Eigenthümlichkeiten des Mannes. Die einfachsten, klarsten Stellen der heiligen Schrift in ihr Gegentheil zu verkehren, war nie einem Menschen so leicht geworden, wie ihm; wenn die Bibel voll von Ermahnungen ist, daß der Mensch selber etwas thun, die Sünde meiden, sich reinigen solle, so sei, behauptete er, der Sinn: Thut es, wenn ihr könnt, aber freilich, ihr könnt es nicht; oder: Gott wolle damit nur der Ohnmacht der Menschen spotten, als ob er sagte: Laßt doch einmal sehen, ob ihr es thun könnt. Wenn ihm Erasmus die Stellen, nach denen Gott nicht das Verderben der Menschen, sondern ihr Heil will, entgegenhielt, so setzte ihm Luther seine Unterscheidung zwischen einem geoffenbarten und einem verborgenen Willen Gottes entgegen; vermöge des letztern wolle Gott allerdings die ewige [Bd. 8, Sp. 324] Verdammniß des größten Theils der Menschen, während er freilich in der heiligen Schrift ganz anders rede, sein verborgener Wille also seinem geoffenbarten geradezu widerspreche. Den Glauben und zwar den höchsten Grad des Glaubens setzte er darein, daß der Mensch auch das sich logisch Widersprechende dennoch für wahr und gewiß halte, also fest annehme, daß Gott nicht nur gerecht, sondern auch barmherzig sei, indem er Millionen Menschen, ja die große Mehrzahl des Menschengeschlechtes erst durch seinen allmächtigen Willen verdammenswürdig mache und sie dann in die ewigen Qualen der Hölle stürze. Und bei dieser Gelegenheit, sowie bei der Vertheidigung und Empfehlung seiner Rechtfertigungslehre, pflegte er gegen den Unglauben, der in solchen Dingen auch der menschlichen Vernunft Gehör geben wolle, zu eifern; der Teufel sei es, der die römischen Pfaffen verführe, Gottes Willen zu messen mit der Vernunft; »denn daß zwei und fünf sieben sind, kann ich fassen mit der Vernunft; wenn es aber von oben herab heißt: Nein, es sind acht, so soll ich’s glauben wider meine Vernunft und Fühlen«. Deßhalb müsse man, verlangte er, als Christ der Vernunft den Hals umdrehen, ihr die Augen ausstechen und die Bestie erwürgen. Überhaupt trug er auch in diesen Schriften seine Behauptungen mit jenem Tone zweifelloser Gewißheit und Evidenz vor, den niemand besser zu handhaben wußte, als er. Seinen Gegner, dem früher auch er, wie das ganze Zeitalter, seine Huldigung und Bewunderung dargebracht hatte, behandelte er in diesem Schriftenwechsel mit jener wegwerfenden Geringschätzung und schmähsüchtigen Scurrilität, die ihm nun schon zur Natur geworden war; unbedenklich schilderte er ihn als einen Epikuräer, Skeptiker und Atheisten, schrieb ihm aber dann einen entschuldigenden Brief, in dem er ihn mit Berufung auf die Vehemenz seines Temperamentes, das er nun einmal nicht in seiner Gewalt habe, zu versöhnen suchte; Erasmus aber hielt ihm in seiner Antwort einen Spiegel vor und schilderte mit einigen treffenden, einschneidenden Zügen sein ganzes Treiben. Seit diesem bald zur Öffentlichkeit gelangten Briefe war Erasmus für Luther einer jener Menschen, deren er nie anders als mit dem Ingrimme eines brennenden Hasses gedachte, eine giftige Schlange, ein Feind Christi und aller Religion, ein vollkommenes Ebenbild und Abdruck Epikurs und Lucians. Inzwischen hatte der Zwist mit Erasmus keine weiteren Folgen für Luther und den Fortgang seines Unternehmens; Erasmus selbst hatte vorausgesehen, daß er wohl vergeblich versuchen werde, gegen den Strom der Popularität, von dem sein Gegner getragen ward, zu schwimmen; vielmehr diente die Ansicht, die Luther hier verfocht, sichtlich dazu, sein System bei der Menge noch beliebter zu machen; denn die Folgerung leuchtete jedem ein, daß der Mensch, wenn er keinen freien Willen habe, auch keiner moralischen Zurechnung und Verantwortlichkeit fähig sei.

[Bd. 8, Sp. 325]Von viel größerer, ja unberechenbarer Tragweite war aber der Hader über das Sacrament der Eucharistie, der sich jetzt entspann. Luther hatte in den ersten Jahren, gemäß der Richtung seiner Doctrin, die alles, was zum Heile des Menschen dienen kann, in den Act der gläubigen Aneignung der Leistungen Christi zusammendrängte, auf die substantielle Gegenwart des Leibes Christi im Sacramente nur geringen Werth und untergeordnete Bedeutung gelegt. Der Hauptzweck des Abendmahles sollte nur in der Übung und Stärkung des Glaubens bestehen; die Messe, meinte er, sei bloß dazu gut, daß der Mensch da die Verheißung Gottes von der Vergebung der Sünden vernehme, sie sei nur um der Predigt willen eingesetzt; der im Sacramente gegenwärtige Leib Christi sollte nur als das Pfand oder Siegel für die Wahrheit des Testamentes, d. h. der Predigt, dienen. So erklärt sich auch, daß er seiner eigenen Äußerung nach eine Zeitlang stark zur Ergreifung der Ansicht versucht war, im Abendmahle sei nichts als Brod und Wein – eine Lehre, die ihm schon darum sehr willkommen gewesen wäre, weil er »damit dem Papstthume hätte den größten Puff können geben«. Aber der Text der Bibel, der zu gewaltig sei, hielt ihn, wie er behauptete, gefangen. Indeß pflegten ihn sonst die klarsten Bibelstellen, wenn sie mit seinen Lieblingslehren in Conflict geriethen, nicht zurückzuhalten, und er hatte eben erst während des Streites mit Erasmus in Mißhandlung und gewaltsamer Verdrehung klarer Schrifttexte das Unglaubliche geleistet. Es war die Opposition, erst gegen Karlstadt, dann gegen Zwingli und Öcolampadius, die ihn antrieb, sich mit aller Kraft seines Geistes in die Überzeugung hineinzuarbeiten, daß die streitigen Texte der Schrift nur von einer substantiellen Gegenwart und Mittheilung des Leibes Christi verstanden werden könnten. Den Glauben hielt er fest, daß er ein von Gott auserkorenes und mit allen erforderlichen Gaben reichlich ausgerüstetes Werkzeug zur Wiederbringung des verlorenen Evangeliums, zur Wiederherstellung der seit den Zeiten der Apostel verfallenen Kirche sei, daß daher auch im langen Laufe der Jahrhunderte niemand erschienen, der mit ihm an Reichthum der Gaben und Erhabenheit der Sendung verglichen werden könne. Jetzt sah er in der Schweiz und in Oberdeutschland eine von ihm unabhängig sich entwickelnde Partei, an deren Spitze Zwingli stand, sich erheben und rasch um sich greifen; so mischte sich auch die Bitterkeit der Eifersucht und des verletzten Stolzes in den Streit, und Luther gab dieß selber durch den nachher ausgesprochenen Vorwurf zu erkennen: Zwingli trachte seinen Ruhm als Reformator zu schmälern; er habe sich in das Werk, welches ihm, Luther, eigenthümlich sei, hineingedrängt. Die gereizte Gehässigkeit und Leidenschaftlichkeit seiner Stimmung und seines polemischen Verfahrens ward aber dadurch noch erhöht, daß er jetzt eben die Waffen gegen sich gekehrt sah, die er selber geschmiedet hatte: willkürliche, [Bd. 8, Sp. 326] von aller Tradition losgerissene Interpretation einzelner Schriftstellen, und daß er bald genug auch erkennen mußte, wie auf diesem Boden der Streit schlechthin unausgleichbar und endlos werden würde. Er selber hatte die Hauptbollwerke des Dogmas, das er nun vertheidigte, niedergerissen; durch seine Verwerfung der Verwandlungslehre hatte er bereits den einfachen sich zunächst darbietenden Sinn der Einsetzungsworte verlassen und die Figur einer Synekdoche angenommen; es sei, erläuterte er auf der Conferenz zu Marburg, eine eingefaßte Rede, wie man etwa von einem Schwerte rede, aber mit dem Schwerte auch zugleich die Scheide meine; denn der Leib Christi sei im Brode, wie der Degen in der Scheide. Er hatte ferner die Eucharistie ihres Opfercharakters entkleidet, hatte durch seine Imputationslehre den ganzen Organismus des Systems, in welchem die substantielle Mittheilung des Leibes Christi ein wesentliches Glied bildet, zerstört und sah sich nun von den Gegnern mit Gründen, Analogien, Wahrscheinlichkeiten und Consequenzen überschüttet, die so nahe lagen und, sobald einmal Luthers Vordersätze zu Grunde gelegt waren, so plausibel erschienen, daß es ein Wunder gewesen wäre, wenn sie nicht gleich in den ersten Jahren der neuen Bewegung hervorgetreten wären. Jetzt begann er eine seiner Schriften wider die »Schwärmgeister«, d. h. wider Zwingli und Öcolampadius, mit einem Weherufe über »alle unsere Lehrer und Buchschreiber, die so sicher daher fahren und speien heraus alles, was ihnen in’s Maul fället, und sehen nicht zuvor einen Gedanken zehnmal an, ob er auch recht sei vor Gott«, einem Weheruf, der, wenn irgend Einen in jener Zeit, ihn vor Allen traf; er versicherte gleich im Beginne des Streites: »Die Einen von uns Beiden müssen des Satans Diener sein«; er überhäufte sie alle zusammen, Zwingli aber ganz besonders, mit den bissigsten und plumpsten Schmähungen; sie hätten, schrieb er, ein eingeteufeltes, durchteufeltes, überteufeltes, lästerliches Herz und Lügenmaul; kein Christ solle für sie beten, und er müsse sich selber in den Abgrund der Hölle verdammen, wenn er mit ihnen Gemeinschaft haben sollte. Im Einzelnen aber war seine Widerlegung ihrer Gründe oft sehr schwach, seine Polemik, wie immer und gegen jedermann, in hohem Grade unredlich. Da er, um kein Priesterthum zugeben zu dürfen und das Opfer zu beseitigen, auch die Consecration in katholischem Sinne verworfen hatte, so mußte er nun, durch Zwingli’s Einwürfe gedrängt, einen neuen Weg, auf welchem die Vereinigung des Brodes mit dem Leibe des Herrn vor sich gehen sollte, ersinnen, und so wurde er bis zur Behauptung einer wirklichen Ubiquität fortgetrieben, d. h. er lehrte ein förmliches Ausgedehntsein des Leibes Christi in’s Schrankenlose, vermöge dessen er buchstäblich allenthalben zugegen wäre, sich also auch in jedem Brode, jedem Nahrungsmittel überhaupt befände.

[Bd. 8, Sp. 327]Luthers Verheiratung fiel mit dem ersten Anfange dieses Zwistes nahe zusammen; sie kam so plötzlich, sie wurde mit solcher auffallenden, der allgemeinen Sitte widersprechenden Eile vollzogen, daß jedermann, auch seine nächsten Freunde, überrascht waren. Am 3. Juni 1525 hatte er dem Cardinal und Kurfürsten von Mainz, den er zum Heiraten aufforderte, sagen lassen, er selber habe darum nicht geheiratet, weil er nur noch gefürchtet, er sei nicht tüchtig dazu. Einige Tage nachher hatte er bereits die Ehe mit der aus dem Kloster entwichenen Katharina v. Bora in größter Stille vollzogen, und etwa 14 Tage später, am 27. Juni, hielt er erst das Hochzeitsmahl. Was ihn zu diesem Schritte und zu der Art, wie er ihn that, vermocht habe, ist nicht recht klar; seine eigenen Erklärungen in seinen unmittelbar darauf erlassenen Briefen sind nicht befriedigend. Durch Münzer und die Bauern, schrieb er, sei das Evangelium so unterdrückt (d. h. der Bauernaufruhr habe Luthers Lehre bei Vielen so verdächtig gemacht), daß er zu dessen thatsächlicher Bezeugung, und um den triumphirenden Feinden seine Verachtung zu zeigen, eine Nonne geheiratet habe; dann beruft er sich wieder auf einen frühern Wunsch seines Vaters und auf die Nothwendigkeit, denen das Maul zu stopfen, die ihm und Bora ihres Verhältnisses wegen Übles nachgeredet; ein anderes Mal schreibt er: plötzlich und während er an ganz andere Dinge gedacht, habe ihn der Herr wunderbarerweise in die Ehe mit der Nonne geworfen, und nun müsse er um dieses Gotteswerkes willen Schmach und Lästerung erdulden. Er selber scheint eine Art von Triumph darein zu setzen, daß sie beide, er und seine Braut, ihre früheren Gelübde gebrochen und eine Ehe geknüpft hatten, die seit mehr als tausend Jahren durch die kirchlichen wie durch die weltlichen Gesetze verpönt und für ungültig erlärt war. Aber seine Freunde und viele seiner Anhänger dachten anders. »Ich habe mich«, schreibt er bald darauf, »durch diese Heirat so niedrig und verachtet gemacht, daß ich hoffe, die Engel werden lachen und alle Teufel weinen.« Selbst an anstößig plumpen und widerlich rohen Äußerungen über sein eheliches Verhältniß fehlt es nicht in seinen damaligen Briefen; aber hinter all diesem Trotz und dieser scheinbar leichtfertigen Auffassung seines Schrittes verbarg sich doch das demüthigende Gefühl einer schweren, seinem persönlichen Ansehen geschlagenen Wunde, und selbst seine unbedingtesten Bewunderer fanden wenigstens die Wahl des Zeitpunktes – mitten in den Stürmen und dem Blutvergießen des durch den Bauernaufruhr entzündeten Bürgerkrieges – unerklärlich.

Dieses Ereigniß des Bauernaufruhrs griff erschütternd in Luthers Leben ein; daß er mit Absicht und Bewußtsein die Bauern zu dieser Empörung aufgestachelt habe, ist historisch nicht ausgemittelt, obgleich eine auf eingesehene Prozeßacten sich berufende Angabe bei Bodmann auch dieß hinsichtlich der Bauern im Rheingau behauptet. [Bd. 8, Sp. 328] Daß aber in seinen für das Volk verfaßten Schriften und Pamphleten manche Äußerungen und aufmunternde Stellen vorkommen, die in eine schon gährende Masse wie Zündstoff fielen, kann nur parteiische Befangenheit läugnen. Er selber hatte bereits von der Gefahr gesprochen, daß ein Aufruhr, freilich, wie er meinte, nur gegen die Bischöfe und geistlichen Fürsten, würde erregt werden, und mit einem Ausdruck des Wohlgefallens und der Freude dem Ausbruche desselben entgegengesehen; er hatte bereits alle, die zur Zerstörung der Bisthümer und Vertilgung des bischöflichen Regimentes mithelfen würden, für liebe Gotteskinder erklärt. Seine Hoffnung ging denn auch, wiewohl nicht ganz in seinem Sinne, in Erfüllung; die empörten Haufen kündigten alle an, daß ihre Erhebung der Wiederherstellung des reinen Evangeliums gelte; Prädicanten der lutherischen Lehre, aus den Klöstern entsprungene Mönche, betheiligten sich in ansehnlicher Zahl an dem Aufruhre, und Luther – erließ im Mai 1525 eine Schrift (Ermahnung zum Frieden), worin er zuerst die grellsten und übertreibensten Anklagen auf die Bischöfe und auf diejenigen Fürsten, die das Evangelium in ihren Staaten nicht predigen lassen wollten, häufte, dann aber die bereits unter den Waffen stehenden Bauern aufforderte, sich geduldig zu fügen, weil alle Nothwehr oder Selbsthilfe in der heiligen Schrift verboten sei. Es ist ganz undenkbar, daß ein Mann, der so viel Menschenkenntniß wie Luther besaß, von dieser seiner Aufforderung irgend eine bedeutende Wirkung auf die fanatisirten und bereits durch arge Frevel compromittirten Bauernhaufen erwartet habe; auch hatte er in eben dieser Schrift Dinge einfließen lassen, die weit eher die Aufrührer zu ermuthigen als sie abzuschrecken geeignet waren. Kaum aber war die Nachricht von der Niederlage der Bauern erschollen, als Luther in einer neuen Schrift die Fürsten ermahnte, ein erbarmungsloses Blutbad unter den Bauern anzurichten; denn jetzt gelte es nicht Geduld und Barmherzigkeit, sondern es sei des Schwertes und des Zornes Zeit; jedermann solle dareinschlagen, würgen und stechen, und ein Fürst könne jetzt den Himmel mit Blutvergießen besser verdienen, denn Andere mit Beten. Die Mahnung wurde nur allzu getreu befolgt. Als nun vielfacher Tadel laut wurde, daß gerade er, der dieses Feuer anzünden geholfen, von jeder Schonung und Barmherzigkeit gegen die Verirrten abmahne, überbot er sich noch in einem ausführlichen Sendschreiben, worin er die Tadler seines Büchleins gleich damit zu schrecken suchte, daß er sie als aufrührerisch Gesinnte verdächtigte, und die Obrigkeit aufforderte, denen, die sich der Aufrührerischen annähmen und erbarmten, »auf die Haube zu greifen«. Nach der Bemerkung Sebastian Francks war die Ansicht, daß Luther erst die Bauern verführt und dann zu ihrer Vertilgung aufgefordert habe, so verbreitet, daß man an etlichen Orten, wo seine Lehre gepredigt wurde, beim [Bd. 8, Sp. 329] Läuten zur Predigt zu sagen pflegte: Da läutet man die Mordglocke.

Kaum war indeß der Bauernkrieg beendigt, als Luther eilte, den, wie er besorgte, etwas erkalteten Eifer seiner Anhänger gegen die katholische Kirche zu neuer Thätigkeit anzuspornen. »Laßt uns, lieben Freunde,« schrieb er zu Neujahr 1526, »auf’s Neue wieder anfangen, schreiben, dichten, reimen, malen. Unselig sei, wer hier faul ist; denn das Papstthum ist noch lange nicht genug zerscholten, zerschrieben, zersungen, zerdichtet, zermalet.« Auch versuchte er, unter den Fürsten und Königen neue Förderer und Beschirmer seiner Lehre zu gewinnen. In dieser Absicht schrieb er an den König von England, den er früher in seiner Antwort auf dessen bekanntes Buch »Die Vertheidigung der Sacramente« arg mißhandelt und mit Schmähungen überhäuft hatte, einen kriechend demüthigen Brief und erbot sich zu einem öffentlichen Widerruf. Tief beschämt wage er kaum die Augen vor ihm aufzuschlagen; er sei ja nur ein Koth und Wurm, den der König am besten durch bloße Verachtung habe überwinden können, und er wolle in einer neuen Schrift den Namen Sr. Majestät wieder zu Ehren bringen, wenn der König dieß nicht verschmähe. Die Antwort des Königs fiel scharf aus. Nicht zu seinen Füßen, wie er sich erboten, sondern vor der göttlichen Majestät solle er Abbitte leisten, die unglückliche Nonne, die er verführt, in ein Kloster gehen lassen und sein ganzes Leben hindurch Buße thun für die Tausende, die er um ihr zeitliches Leben, und die Zehntausende, die er um ihr Seelenheil gebracht habe. Ähnlichen Inhalts war die Antwort des Herzogs Georg von Sachsen, bei dem Luther gleichfalls einen Versuch gemacht hatte, die früheren Schmähungen durch einige freundliche und Verzeihung erbittende Phrasen zu mildern und den schwer gekränkten Fürsten zu versöhnen. Georg zählte die sittlichen Wirkungen und Früchte der neuen Lehre auf, wie er sie in seinem Lande sowohl als im Nachbarlande seit einigen Jahren beobachtet habe, und knüpfte daran die Nutzanwendung. Luther säumte nicht, nach seiner Weise Rache zu nehmen; seine Antwort auf die Schrift des Königs sollte zugleich auch den Herzog und vorzüglich die zwinglische Partei, seine »goldenen Freunde, die Rottengeister und Schwärmer«, treffen, die ihm, während er gegen die Papisten zu Felde gelegen, die Stadt angezündet und alles, was darinnen, gemordet hätten. Durch das Ganze zieht sich das Bewußtsein einer erlittenen und selbstverschuldeten Demüthigung, der Ton der Schrift ist aber darum nur um so trotziger und hochfahrender.

Inzwischen war es Zeit geworden, dem Kirchenwesen, zunächst in Sachsen, eine dem Systeme Luthers entsprechende feste Gestaltung zu geben und an die Stelle der verworfenen und thatsächlich bereits abgeschafften bischöflichen Verwaltung eine neue Ordnung der Dinge zu setzen. Die Lehre von der apostolischen Succession und der daran [Bd. 8, Sp. 330] gebundenen Fortpflanzung der Gewalten in der Kirche konnte in diesem Systeme keine Bedeutung mehr haben; die Nothwendigkeit einer bischöflichen Ordination mußte ohnehin fallen, und im Mai 1525 fand die erste Ordination nach dem neuen Lehrbegriffe an Rorarius in Wittenberg statt. Ein Jahr nachher drang er endlich mit seiner Forderung, daß der Kurfürst eine Visitation zur Feststellung des neuen Kirchenwesens vornehmen lasse, durch. Nach einer frühern Ansicht Luthers würde die Genossenschaft, die sich zu seiner Lehre bekannte, eine absolut demokratische Kirchenverfassung erhalten haben; lauter vereinzelt stehende Gemeinden, mit Predigern, die auf Ruf und Widerruf durch eine Majorität der Kopfzahl gewählt und von dieser wieder nach Gefallen abgesetzt worden wären. Eine solche Einrichtung würden indeß die protestantischen Fürsten selbstverständlich nicht geduldet haben, und Luther selber drang nicht weiter darauf, sondern gewöhnte sich, je häufiger die Fürsten und die städtischen Machthaber seiner Lehre zufielen, immer mehr an die Vorstellung, daß diese an die Stelle der Bischöfe treten und Träger der neuen Kirchengewalt werden sollten. Immer bloß mit dem Nächsten beschäftigt und zufrieden, wenn nur das alte Kirchengebäude zu Trümmern zerschlagen wäre, war er für jetzt damit einverstanden und bot selber die Hand dazu, daß sein Kirchenwesen und seine Prediger der Vormundschaft der Fürstenhöfe und der Herrschaft der Juristen unterstellt wurden; das freilich ahnte er damals noch nicht, daß gerade die Juristen und ihre Kirchengewalt ihm später so verhaßt werden würden. In diesen ersten Zeiten der beginnenden neuen Ordnung wurde noch Alles nach seinem Willen gehandhabt, man fragte bei ihm über Alles an, stellte die Prediger an, die er empfahl; zudem war Melanchthon einer der vier Visitatoren. Nun hatte Luther bisher alle Gesetze, alle bindenden Einrichtungen und Anordnungen in der Kirche für schlechthin verwerflich und mit der christlichen Freiheit unvereinbar erklärt; jetzt aber sollte eine allgemein bindende, von den Wittenbergern entworfene Kirchenordnung im ganzen Lande eingeführt, Pfarrer und Gemeinden zur Beobachtung derselben genöthigt, selbst manches bisher auf den Grund jener christlichen Freiheit Abgeschaffte (wie z. B. die Privat-Absolution) wiederhergestellt werden. Diesen grellen Widerspruch einigermaßen zu beschönigen, schrieb Luther eine Vorrede zu dem Pfarrunterrichte Melanchthons, worin er erklärte: nicht als strenge Gebote könnten sie diese Verordnung ausgehen lassen, damit sie nicht neue päpstliche Decretales aufwürfen, sondern als eine Historie und Geschichte, und als ein Zeugniß und Bekenntniß ihres Glaubens. Sofort werden nun aber die Pfarrer und Gemeinden darüber verständigt, daß diese »Historie« und dieses »Zeugniß« allerdings für sie verpflichtendes Gesetz sei, solange nicht der heilige Geist durch die Wittenberger Theologen etwas daran ändere: denn der [Bd. 8, Sp. 331] Kurfürst müsse als christliche Obrigkeit darüber halten, daß nicht (durch Ungleichheit der Gebräuche und der Lehre) Zwietracht, Rotten und Aufruhr sich erhebe, wie denn auch Kaiser Constantin die Christen zu einträchtiger Lehre und Glauben gehalten habe. Dieß war die Form, in welcher sich jetzt die »christliche Freiheit« in den Ländern lutherischen Bekenntnisses entwickelte. Luther aber kam bald von seiner frühern Ansicht über das Recht der Gemeinden, ihre Pfarrer ein- und abzusetzen, so weit ab, daß er die, welche dieß thaten, für Sacrilegi erklärte, die sich selbst zum heiligen Geist machten, weil sie ihres Gefallens Prediger ab- und einsetzen wollten. Überhaupt aber sind seine Äußerungen über die Frage von der Berufung zum Kirchenamte fort und fort ein Gewebe von Widersprüchen.

Der Betrug des Otto von Pack, der den Landgrafen von Hessen überredete, die katholischen Fürsten hätten ein geheimes Bündniß zur Verjagung der protestantischen Fürsten und zur Theilung ihrer Länder geschlossen, war für Luther eine willkommene und sogleich ausgebeutete Gelegenheit, seinem Grimme gegen die katholischen Fürsten, vor Allem gegen Herzog Georg, wieder Worte zu leihen. Während der vorsichtigere Melanchthon das Lügengewebe bald durchschaute, redete Luther von Todtschlägern, gegen welche man beten müsse, und als die Erdichtung so klar aufgedeckt war, daß selbst er nicht mehr wohl sich anstellen konnte, als glaube er sie, da gab er sich noch alle Mühe, den Herzog möglichst zu verdächtigen, und bediente sich eines für ihn recht charakteristischen Kettenschlusses, der ihm, wie für diesen Fall, so auch für alle ähnlichen dienen konnte. Denn was er auch immer Verleumderisches und Schmachvolles seinen Gegnern, den katholischen Fürsten, Bischöfen und Theologen, nachgesagt hatte oder künftig noch gegen sie drucken ließ, das ließ sich auf diese Weise beschönigen. »Herzog Georg«, sagte er, »ist ein Feind meiner Lehre, folglich tobt er wider Gottes Wort; ich muß also glauben, daß er wider Gott selbst und seinen Christum tobet. Tobt er wider Gott selbst, so muß ich heimlich glauben, er sei mit dem Teufel besessen; ist er mit dem Teufel besessen, so muß ich heimlich glauben, daß er das Ärgste im Sinne habe« (Walch XIX, 642).

Das Gespräch zu Marburg (October 1529), in welchem Luther den beiden Häuptern der zweiten Reformation, Zwingli und Öcolampadius, gegenüberstand, lenkte inzwischen seine Aufmerksamkeit wieder auf den Abendmahlsstreit. Die Verbindung mit den der zwinglischen Lehre ergebenen Städten und Kantonen, die der Landgraf von Hessen, selbst zwinglisch gesinnt, betrieb, um dem Kaiser und den katholischen Ständen ein mächtiges, compactes protestantisches Bündniß entgegenstellen zu können, war ihm damals ein Greuel, und er rieth daher auch dem Kurfürsten von jedem Bündniß zur Vertheidigung wider den Kaiser ab. Bald folgte der Reichstag zu Augsburg (1530), [Bd. 8, Sp. 332] die Verlesung und Übergabe der von Melanchthon verfaßten augsburgischen Confession, während Luther, auf dem noch die Reichsacht lastete, zu Koburg weilte, um dem Schauplatze der Ereignisse näher zu sein. Daß Melanchthon in der Confession den neuen Lehrbegriff in so gemilderter, Vieles verschweigender, über Anderes leicht hinübergleitender Form darstellte, duldete er; aber um so schärfer und drohender wurden seine Briefe, als er von den dort gepflogenen Vergleichsverhandlungen vernahm. Nichts dürfe nachgegeben werden, schrieb er: »Wenn wir nur den Canon oder nur die Privatmesse zugeben, so genügt Beides, um unsere ganze Lehre zu verwerfen und die ihre (die katholische) zu bestätigen.« Was würde er erst gesagt haben, wenn er gewußt hätte, wie weit dort die Nachgiebigkeit Melanchthons eine Zeitlang sich erstreckte? Während er seine Anhänger in Predigten versicherte, jeder der Bischöfe habe auf den Reichstag nach Augsburg eine ganze Legion Teufel mitgebracht, erklärte sein Freund und Gehilfe im Namen der Partei sich bereit, das ganze lutherische Kirchenwesen wieder unter die Auctorität und Gerichtsbarkeit der deutschen Bischöfe zu stellen. Doch wurde an dem Bestand und der Entwicklung des neuen Systems und der lutherischen Kirche durch die Verhandlungen und Beschlüsse des Reichstags nichts geändert, die Aufforderung des Kaisers zur Rückkehr in den Schoß der katholischen Kirche wurde nicht beachtet, und die schmalkaldische Conföderation der protestantischen Stände zu gemeinsamer Abwehr erhielt nun auch Luthers Zustimmung.

In den nächsten Jahren (1531–1536) trat für Luther der Streit gegen die alte Kirche, den er eigentlich in allen Hauptpunkten bereits durchgeführt hatte, hinter den zunächst praktisch wichtigern und weit mehr drängenden Abendmahlsstreit mit den Zwinglianern zurück. Die Nachricht von dem Falle Zwingli’s in der Schlacht bei Kappel und von dem kurz darauf gefolgten Tode des Öcolampadius hatte er mit Wohlgefallen vernommen; nur eines bedauerte er, daß nämlich die katholischen Eidgenossen ihren Sieg nicht zur Unterdrückung der zwinglischen Lehre benutzt hätten; wenn sie dieß gethan hätten, dann würde ihr Sieg »fast fröhlich und großen Ruhmes werth sein«. Beide Theologen, schrieb er, seien, im Irrthum vertieft, in Sünden untergegangen, und er müsse an Zwingli’s Seligkeit verzweifeln, obgleich ihn seine Jünger zum Heiligen und Martyrer machten. Inzwischen fühlte er immer deutlicher, daß der Streit mit Bibeltexten und über sie sich in’s Endlose fortspinnen müsse und unmöglich zu irgend einem andern Ergebniß führen könne, als zur Verbreitung von Ungewißheit und von Zweifeln, die bald mehr um sich greifen und auch auf andere Lehrpunkte sich erstrecken müßten. Er zog sich daher auf den Standpunkt der früher so geschmähten und vernichteten kirchlichen Überlieferung, auf das Alter und die Universalität der Lehre, die ein entscheidendes und unfehlbares Kennzeichen der [Bd. 8, Sp. 333] Wahrheit sein müsse, zurück. Er, der sonst in den mannigfaltigsten Wendungen zu versichern pflegte, es habe vor seinem Auftreten seit vielen Jahrhunderten schon ein allgemeiner Abfall vom Glauben Christi stattgefunden, im ganzen Papstthume sei vom Glauben nicht ein Buchstabe, nicht ein Pünktlein übrig geblieben, es habe gar keine Christen (etwa mit Ausnahme der kleinen Kinder in der Wiege) mehr gegeben – er erklärte jetzt (1532): das Zeugniß der heiligen christlichen Kirche, die von Anfang an in aller Welt bis auf diese Stunde die Gegenwart Christi im Sacramente einträchtiglich geglaubt und gehalten hätte, sei allein schon entscheidend; wer daran zweifle, der thue ebenso viel, als glaube er keine christliche Kirche, und verdamme nicht allein die ganze Kirche, sondern auch Christum selbst und alle Apostel, die den Artikel von der heiligen christlichen Kirche gegründet und ihr die Verheißungen gegeben haben. »Kann Gott nicht lügen, also kann auch die Kirche nicht irren.« So schrieb jetzt der Mann, der sich im Streite mit Erasmus gerühmt hatte, wie er nach langem Kampfe es endlich dahin gebracht habe, über diese Auctorität der ganzen Kirche sich wegzusetzen; der Mann, der selber bekannte, daß seine Hauptlehre, die von der Rechtfertigung, der ganzen Kirche fremd gewesen und erst durch ihn an’s Licht gezogen worden sei, und daß die entgegengesetzte »Teufels-Lehre« seit vielen Jahrhunderten weit und breit geherrscht habe. Freilich war er damals weit von dem Gedanken entfernt, von diesem Princip einer unantastbaren allgemeinen Kirchenlehre irgend eine ernstlich gemeinte und praktische Anwendung zu gestatten, und wer ihn an die Lehre vom Priesterthume und Opfer, vom Episcopat und der Ordination und Ähnliches erinnert und ihm die allgemeine Kirchenlehre bezüglich dieser Lebensfragen vorgehalten hätte, würde von ihm mit jener Fülle von Schmähungen überschüttet worden sein, welche Luther für jeden bereit hatte, der ihm mit unwillkommenen Einwürfen zusetzte. Auch kam bald die Zeit, in der, angesichts der drohender werdenden Stellung des Kaisers und der katholischen Partei, Luther es rathsam fand, sich gemäß der längst vom Landgraf Philipp empfohlenen und gehandhabten Politik den sonst so verabscheuten Zwinglianern wieder zu nähern und ein Abkommen mit ihnen zu treffen, welches diese im Besitz ihrer Lehre ließ. So wurde die Wittenberger Concordie geschlossen, in der zwar Butzer mehr nachgab als Luther; dann aber schrieb dieser am 1. December 1537 jenen Brief an die Schweizer, der den Schülern Zwingli’s gestattete, die Concordie in ihrem Sinne auszulegen, ließ sich diese Auslegung, als sie ihm von dort mitgetheilt wurde, gefallen und äußerte sich über seine eigene Lehre in einer dieselbe so abschwächenden und in’s Ungewisse ziehenden Weise, daß die Theologen zu Zürich sich schon ihres Sieges freuten.

Es war dieß die Zeit, da der Kaiser die deutschen Protestanten drängte, ihre Sache auf die [Bd. 8, Sp. 334] Entscheidung des allgemeinen Conciliums, mit dessen Versammlung es nun Ernst werden sollte, zu stellen. Diese hatten sich durch frühere Berufungen und Zusagen verstrickt, während die Theologen recht gut wußten, daß ein Concil, wenn es nicht auf eine in der Kirche unerhörte und allen kirchlichen Principien widersprechende Weise zusammengesetzt werde, das ganze neue System unfehlbar verdammen werde. Und selbst wenn man auf ein günstigeres Ergebniß hätte rechnen können, würde schon die bloße Anerkennung der Auctorität eines Conciliums, die vorausgegebene Zusage, sich seiner Entscheidung zu unterwerfen, ein Abfall von der Grundlehre der Reformation gewesen sein. Luther selbst vergaß am wenigsten, daß er die Concilien überhaupt dem Teufel übergeben, daß er in seiner Kirchenpostille dem Volke versichert hatte, Concilien seien »mit ihrer Lehre auch dem geringsten Christen, ob es gleich ein Kind wäre von sieben Jahren, das den Glauben hätte, unterworfen«. Daher die neue Erbitterung gegen den Papst, der nun wirklich ein Concilium halten wollte, eine Erbitterung, die sich bis zu einem an Raserei grenzenden Paroxysmus steigerte. Wie er von seinen Anfechtungen zu sagen pflegte, in solchem Zustande wisse er nicht, ob Gott der Teufel oder der Teufel Gott sei, so ging es ihm jetzt mit dem Papste; der Satan schien ihm mit dem Papste dergestalt Eins geworden, daß er eine Art von satanischer Incarnation, die zu Rom auf dem Stuhle Petri sitze, sich und Anderen einzureden suchte und noch beim Herausfahren aus Schmalkalden den ihn begleitenden Predigern zurief: »Gott erfülle euch mit Haß gegen den Papst!« In dieser Stimmung und diesem Geiste waren denn auch die schmalkaldischen Artikel (Januar 1537) abgefaßt; wenn die leise und vorsichtig auftretende Augsburger Confession Melanchthons Sinnesweise reflectirte, so verrieht dieses neue Bekenntniß, das im Namen der deutschen Protestanten auf dem etwa zu haltenden Concil übergeben werden sollte, auf den ersten Blick, daß es Luthers Werk sei.

Äußerlich ging indeß in diesem und den nächsten Jahren Alles nach Wunsch, selbst weit über die Erwartung des Reformators. Ganze Königreiche, wie Schweden und Dänemark, nahmen seine Lehre an, fast jede Woche brachte Kunde von neuen Übertritten; der Adel, die Fürsten, die Städte – Alles schien ihm in Deutschland mehr und mehr zufallen zu wollen, und dem Untergang der katholischen Kirche, wenigstens in Deutschland, konnten er und seine Freunde als einem ziemlich nahen Ereignisse mit Zuversicht entgegensehen. Wie triumphirte er, als im J. 1539 sein alter Gegner Herzog Georg starb und nun auch das Meißner Land von der alten Kirche losgerissen und unter die Herrschaft seiner Lehre gestellt ward; als wenige Monate nachher auch der Kurfürst Joachim von Brandenburg sein Land der neuen Lehre zuführte! Dafür wurde aber freilich der innere Zustand der jungen Kirche immer bedenklicher, und die Freude [Bd. 8, Sp. 335] an den äußeren Siegen und Eroberungen wurde durch die Wahrnehmung so vieler unheilbaren inneren Schäden vergällt. Der Landgraf von Hessen, der Vorkämpfer des Protestantismus, forderte 1540 ein Gutachten zur Rechtfertigung der von ihm beabsichtigten Bigamie, und Luther hatte nicht den Muth, es zu verweigern; Melanchthon selbst wohnte der Vermählung bei, und Luther, der wenigstens auf Verschwiegenheit und Geheimhaltung der Geschichte gerechnet hatte, mußte zu seinem Verdrusse bemerken, daß sie ruchbar werde; doch wollte er, wie er sagte, des Teufels und der Papisten wegen seinen Kummer verbergen. Darüber kam das wichtige, 1540 zu Worms begonnene, 1541 zur Regensburg fortgesetzte Colloquium herbei, welches für die Sache der katholischen Kirche, in Deutschland wenigstens, sehr bedenklich hätte werden können, wenn Luther nicht, ganz einverstanden hierin mit dem sächsischen Kurfürsten, jede Annäherung und jedes Nachgeben zurückgewiesen hätte; daran scheiterten die listigen Künste des Landgrafen Philipp und Butzers. Dem Kaiser war damals so sehr an der Heilung der kirchlichen Spaltung in Deutschland gelegen, daß er in die Absendung einer förmlichen Gesandtschaft an Luther nach Wittenberg willigte; sie bestand aus dem Fürsten Johann von Anhalt, von Schulenburg und dem protestantischen Theologen Alesius, aber Luthers Antwort schnitt jede Hoffnung ab; die katholischen Theologen, forderte er, sollten öffentlich bekennen, daß sie bisher falsch gelehrt, und ihre Fassung des Dogmas von der Rechtfertigung widerrufen. Ein Mann, der kurz nachher (20. Januar 1542) in der schrankenlosen Fülle seiner obersten Kirchendictatur selbst einen Bischof – in der Person seines Jüngers Amsdorf für das Bisthum Naumburg – ordinirte, konnte freilich nicht geneigt sein, seine Auctorität durch irgend ein Aufgeben seiner bisherigen Behauptungen und Dogmen selber zu schwächen. Damals war er überhaupt durch die raschen, glänzenden Erfolge seiner Lehre und den Weihrauch, der seiner Person gestreut wurde, so berauscht, daß er z. B. in einem Schreiben an den Prediger Lauterbach zu Pirna (7. Mai 1542) forderte: die Meißnischen Staatsbeamten und Edelleute, die bereits das Lutherthum angenommen und zum Beweis davon unter beiden Gestalten communicirt hatten, müßten nicht nur Buße thun, sondern auch alles, was er und seine Collegen bereits gethan und in Zukunft noch thun würden, unbedingt gutheißen.

Doch die Gelüste des kirchlichen Despoten reichten viel weiter als seine wirkliche Macht. Man ließ ihn frei schalten in Sachen der theologischen Controverse und der Lehre; er durfte nach Herzenslust an der steten Erweiterung der Kluft zwischen seiner neuen Kirche und der alten arbeiten; so weit traf seine Gesinnung mit den Plänen und Interessen der Fürsten zusammen. Aber man ließ ihn seine Ohnmacht fühlen, sobald er Miene machte, in das Gebiet, welches der Adel, die Juristen und [Bd. 8, Sp. 336] Beamten sich vorbehalten hatten, hinüberzugreifen, bei der Verwendung des Kirchengutes mitzureden u. dgl. Der Verdruß, den er darüber empfand, wurde noch gesteigert durch die Zwietracht, die unter seinen Anhängern und selbst zwischen ihm und Melanchthon herrschte. »Alle Glieder des Leibes in der Kirche sind wider einander,« sagte er; »auch wir, so ein Stück des Herzens sind, plagen uns einer den andern.« Schon im Jahre 1537 hatte er sich über die Lehre von der Rechtfertigung, welche Melanchthon durch das Dogma von der Nothwendigkeit der guten Werke mildern oder, vom lutherischen Standpunkte aus die Sache betrachtet, verfälschen wollte, mit diesem seinem vornehmsten Gehilfen entzweit. »Wenn zu deiner Zeit schon«, schrieb Melanchthon damals an Dietrich in Nürnberg, »die Knechtschaft hier schlimm genug war, so ist Luther seitdem noch viel härter geworden.« Die Differenz in der Abendmahlslehre kam als neuer Stoff zu Argwohn und Spannung hinzu; denn Luther konnte es nicht verborgen bleiben, daß Melanchthon schon seit Jahren sich der zwinglischen Lehre zuneigte. Während Melanchthon mehr als einmal von Wittenberg fortzuziehen gedachte, stand Luther im J. 1544 gleichfalls auf dem Punkte, in seinem Verdrusse über ihn, Cruciger und die meisten anderen Theologen von dort wegzuziehen; es bedurfte dringender Bitten und Vorstellungen, um ihn zum Bleiben zu bewegen. »Es kann es«, schrieb damals Cruciger an Veit Dietrich, »fast keiner von uns vermeiden, sich Luthers Unwillen zuzuziehen und auch öffentlich von ihm gegeißelt zu werden.« Früher schon hatte er sich mit seinem alten Hausfreunde Agricola entzweit, und nun verfolgte er diesen Mann mit jener Beharrlichkeit und Energie des Hasses, die ihm eigen war; er verleumdete seine Lehre, suchte ihm jede Anstellung zu verschließen und allenthalben Feinde zu erwecken, verdächtigte ihn in Briefen und ließ ihm die Herausgabe von Schriften verbieten; – denn Luther ließ durch den weltlichen Arm des Kurfürsten eine strenge, auf alle ihm mißfälligen Schriften sich erstreckende Censur üben und suchte alles, was Bedenken oder Zweifel gegen seine Lehre erregen konnte, soweit sein Arm und der seiner Anhänger reichte, zu unterdrücken. War irgendwo eine schreiende Gewaltthat verübt worden, so war er, falls sie nur im Interesse seiner Lehre und Partei geschehen war, sofort bereit, sie zu beschönigen. Als der König von Dänemark alle Bischöfe seines Landes ohne irgend einen gesetzlichen Grund an einem Tage hatte gefangen setzen lassen, bloß um sich ihrer Güter zu bemächtigen und das Land ungehindert protestantisch zu machen, bezeugte ihm Luther brieflich sein Wohlgefallen, daß er die Bischöfe »ausgerottet« habe, versprach auch gleich, er wolle »solches, wo er könne, zum Besten helfen deuten und verantworten«. Im August 1543 brach er denn auch noch einmal gegen die Zwinglianer los; die Veranlassung gab ihm der Züricher Buchhändler [Bd. 8, Sp. 337] Froschauer durch Übersendung der Bibelübersetzung von Leo Jud; in seiner Antwort drohte er den Zürichern mit dem Strafgerichte, welches ihren Meister Zwingli erreicht habe. Einige Monate nachher erschien sein »Kurzes Bekenntniß vom Sacramente wider die Schwärmer«, die vollständigste Lossagung von der Schweizer Fraction des Protestantismus und von der Wittenberger Concordie; denn durch die »überflüssige Liebe und Demuth, die er zu Marburg bewiesen, sei nur Alles ärger geworden, und da er nun auf der Grube gehe, wolle er dieß Zeugniß vor den Richterstuhl Christi bringen, daß er die Schwärmer und Sacramentfeinde Karlstadt, Zwingli, Öcolampadius, Stenkfeld (den Schlesier Schwenkfeld) und ihre Jünger zu Zürich, und wo sie sind, mit ganzem Ernste verdammt und gemieden habe, sie und ihre lästerliche und lügenhafte Ketzerei«. Noch im folgenden Jahre (1545) fand Major, als er, im Begriffe, nach Regensburg zum Colloquium zu gehen, sich von Luther verabschieden wollte, an der Studirstube des Reformators die Worte von seiner Hand geschrieben: Nostri Professores examinandi sunt de coena Domini. Das galt Melanchthon und dessen Freunden.

Während er so voll Argwohnes gegen seine alten Waffengefährten und nächsten Umgebungen war, faßte er noch einmal den ganzen Grimm, den er gegen die alte Kirche im Herzen nährte, in zwei Schriften zusammen; die eine war seine »Schrift wider die 32 Artikel der Theologisten zu Löwen«; sie bestand aus 76 Thesen, in denen er die von ihm verworfenen katholischen Lehren nicht etwa widerlegte, sondern nur verneinte, verzerrte und mit jenen giftigen und ungeheuerlichen Schmähworten, wie sie nur ihm eigen waren, zu besudeln strebte. Er meinte, scheint es, den durch die Menge der theologischen Schmähschriften und polternden Predigten abgestumpften Gaumen des Volkes nur noch mit so drastischem Stoffe kitzeln zu können; oder er befand sich fortwährend in einer Stimmung, deren natürlicher Ausdruck diese Art der Polemik war. Fast gleichzeitig erschien »Das Papstthum zu Rom vom Teufel gestiftet«, eine Schrift, deren Entstehung sich kaum anders als durch die Annahme erklären läßt, daß Luther sie größtentheils im Zustande der Erhitzung durch berauschende Getränke geschrieben habe. War er wirklich bei Abfassung dieses Buches nüchtern, so verstand er es, sich bis zu jener Stufe des exaltirtesten Ingrimmes hinaufzuschrauben, wo der Geist, der Selbstherrschaft bar, der Verrücktheit zu verfallen beginnt. Gleich als ob es ihm an Objecten des Grolles fehle, schrieb er in jenen letzten Jahren seines Lebens auch noch gegen die Juden. Schon in der ersten der gegen sie gerichteten Schriften forderte er förmlich die Christen auf, die Synagogen der Juden mit Feuer zu verbrennen, und jeder, der könne, solle Schwefel und Pech zuwerfen; dann solle man ihnen alle ihre Bücher, auch die Bibel, nehmen, ihnen allen Gottesdienst bei Todesstrafe [Bd. 8, Sp. 338] verbieten, mit ihnen nach aller Unbarmherzigkeit verfahren und sie zuletzt aus dem Lande jagen. Die zweite Schrift, »Vom Schem Hamphoras«, begann gleich mit der Erklärung, die Juden seien junge, zur Hölle verdammte Teufel; im Verlauf aber ergeht er sich in so widerwärtigen, ekelhaften, gemeinen Bildern und Schilderungen, daß selbst seine Anhänger später dieser Schrift nur mit Scham gedachten.

Überhaupt brachte Luther die letzten Jahre seines Lebens in einer düstern Stimmung, in fortwährender Bitterkeit, in fruchtlosen Klagen und Zornesergüssen und in dem stets wiederkehrenden Wunsche zu, recht bald durch den Tod dem Anblicke so vieler ihm unerträglichen Dinge entrückt zu werden. Die katholische Kirche hatte seine Hoffnung und Voraussetzung eines baldigen gänzlichen Zerfalles getäuscht, und ihr Fortbestand drückte seiner Genossenschaft das Brandmal einer von dem alten Stamme der Kirche losgerissenen, ahnenlosen Secte auf; die Schweizer Kirchenpartei breitete sich weiter aus, die Versöhnung zwischen den beiden großen protestantischen Körpern war mißlungen, die Spaltung eine vollendete Thatsache. Seine eigene Kirche aber – Luther stand vor diesem Werke seiner Hände mit dem Gefühle eines Mannes, dem die Macht und Herrschaft über seine Schöpfung genommen ist und der der weitern Entwicklung unthätig zusehen muß. Fürsten, Adel, Bürger und Bauern bereicherten sich mit der Beute des Kirchengutes, ließen die Prediger darben oder mißhandelten sie, trösteten sich fleißig mit dem neuen Evangelium und führten dabei ein Leben, das den ethischen Charakter der protestantischen Lehre in ein höchst ungünstiges Licht stellte. Die Prediger aber haderten allenthalben unter einander und brachten ihre Streithändel auf die Kanzel. Luther konnte den Zusammenhang, in welchem alles dieß mit seinen Lehren und Thaten stand, sich nicht abläugnen, und so wurde der Kummer und zornige Mißmuth seiner späteren Jahre nur hie und da durch einzelne Lichtblicke, wie z. B. die Niederlage und Gefangenschaft des von ihm so gehaßten und geschmähten Herzogs Heinrich von Braunschweig, aufgeheitert. Wenn er mit der ihm bereits zur andern Natur gewordenen Bitterkeit und Schmähsucht auch die Juristen zuletzt noch anfiel, so lag der Grund davon wohl weniger in der nächsten und äußerlichen Veranlassung, dem Streite wegen der Gültigkeit der Verlöbnisse, als in der Wahrnehmung, daß die Herrschaft über die neue Kirche und deren Prediger immer mehr diesem Stande zufalle, und daß eben darum auch das gesammte Kirchenwesen in der Zwangsweste der juristisch-bureaukratischen Verwaltungsreform sich einschnüren lassen müsse – eine Wahrnehmung, doppelt drückend für einen Mann, der noch die alte bischöflich-kirchliche Verwaltung gekannt hatte, und der sich gestehen mußte, daß er es sei, der diese bei allen ihren Gebrechen doch Kirchliches auf kirchliche Weise behandelnde Verfassung zertrümmert [Bd. 8, Sp. 339] und der neuen, so durch und durch unkirchlichen Ordnung die Wege gebahnt habe. In Wittenberg war unterdeß die Zuchtlosigkeit so arg geworden, daß Luther, wie er seiner Frau im Juli 1545 schrieb, eher umherschweifend das Bettelbrod essen wollte, als in diesem Sodoma leben. Zuletzt trug er sich noch mit mancherlei Entwürfen: er wollte noch einmal wider die Papisten schreiben, da ihm sein vor zwei Jahren erschienenes Buch noch nicht derbe genug zu sein schien; dann wollte er an der Austreibung der Juden arbeiten; am 19. Januar 1546 »übte er sich im Schreiben wider die Parisischen und Löwen’schen Esel«, und zwei Tage vorher hatte er sich mit den Worten des Psalmes selig gepriesen, daß er nicht im Rathe der Zwinglianer und auf dem Lehrstuhle der Züricher sitze. In solcher Stimmung ereilte ihn der Tod am 18. Februar 1546 zu Eisleben, wohin er, um einen Streit der Grafen von Mansfeld zu schlichten, gekommen war.

Wenn man den mit Recht einen großen Mann nennt, der, mit gewaltigen Kräften und Gaben ausgerüstet, Großes vollbringt, der als ein kühner Gesetzgeber im Reiche der Geister Millionen sich und seinem Systeme dienstbar macht – dann muß der Sohn des Bauern von Möhra den großen, ja den größten Männern beigezählt werden. Auch das ist richtig, daß er ein theilnehmender Freund, frei von Habsucht und Geldgier, und Anderen zu helfen bereitwillig war. Aber wir müssen ihn als öffentlichen Charakter, als Reformator und Stifter einer neuen Kirche weiter zeichnen oder vielmehr ihn sich selber schildern lassen. Die Sprache der zweifellosesten Zuversicht, der unfehlbarsten Gewißheit in allen seinen Behauptungen wußte Luther mit der größten Leichtigkeit zu handhaben; er versicherte in den mannigfaltigsten Wendungen, er habe seine Lehre vom Himmel und durch göttliche Eingebung, er sei ganz gewiß, daß sein Wort nicht sein, sondern Christi Wort, sein Mund also auch der Mund Christi sei; Christus selbst habe ihn zu einem Evangelisten berufen, mit seiner Lehre sei er Richter nicht nur der Menschen, sondern auch aller Engel, und wer sie nicht annehme, der sei unfehlbar verdammt. Mit solchen Äußerungen war er stets zur Hand, und es kostete ihn keine Überwindung, sich alles Ernstes für den größten und begabtesten Lehrer zu halten, der seit der Apostel Zeiten unter den Christen aufgestanden. Bei solchem Glauben vermochte er leicht sich und Andere zu überreden, Gott wirke fort und fort Wunder zu seinen Gunsten, und hier kam ihm seine angeborene Neigung zum Argwohn und die Lieblingsidee, daß der größte Theil der Menschen eigentlich unter der Herrschaft des Teufels stehe, sehr zu statten. Er bildete sich nun ein, seine Gegner seien nicht nur seiner Lehre abhold, sondern auch gegen sein Leben verschworen und hätten viele Menschen in Sold genommen, um ihn zu vergiften; diese Vergiftungsversuche aber wurden [Bd. 8, Sp. 340] immer durch ein Eingreifen Gottes wunderbarlich vereitelt; er habe, behauptete er, oft Gift getrunken, es habe ihm aber nie schaden können; ja die natürlichen Folgen eines allzu reichlich genossenen Abendschmauses schrieb er solchen Vergiftungen zu; selbst die Predigtstühle und Lehnen, auf denen er gepredigt, waren, wie er nicht zweifelte, oft vergiftet, und doch kam er immer wohlbehalten davon. Indeß eigneten sich dergleichen Wunder nicht zu Beweisen seiner göttlichen Sendung und der Wahrheit seiner Lehre, und Luther, der es mehrfach theils als nothwendig, theils als sehr wünschenswerth anerkannte, daß seinem Systeme auch die Bestätigung durch Wunder und Zeichen nicht fehle, sah sich daher nach Ereignissen um, die als solche außerordentliche Wirkungen der unmittelbar eingreifenden göttlichen Allmacht gelten könnten. »Denn,« meinte er, »wenn es die Noth erforderte, so müßten wir wahrlich daran und müßten auch Zeichen thun, ehe wir uns das Evangelium ließen schmähen und unterdrücken.« Er wußte jedoch nichts anzuführen, als daß es einzelnen Nonnen gelungen sei, aus ihren wohlverwahrten Klöstern zu entkommen. Das seien Wunder, die sein Evangelium thue, die aber freilich die Gottlosen nicht sehen wollten. Indeß behauptete er auch wieder, es sei nicht mehr noth, Wunder zu thun, und berief sich dann lieber auf die schnelle Ausbreitung seiner Lehre und auf die Uneinigkeit, die sie in der Welt angerichtet habe; dieß sei der stärkste Beweis und ein Wunderzeichen, daß er die Sache in Gottes Namen angefangen und das rechte Wort Gottes lehre. Er vergaß nur dabei, daß dieß bei so vielen älteren und neueren Irrlehren auch der Fall gewesen, oder, wie er selbst einmal schrieb, »daß die Welt fast allen Ketzereien anfänglich mit ausgebreiteten Armen, sie zu empfahen, entgegengelaufen sei«. Aber jene Zuversicht und jener Ton einer unerschütterlichen Festigkeit war bei Luther zum großen Theil nur das Erzeugniß der polemischen Erhitzung und eines künstlich gesteigerten Taumels, sowie des Bewußtseins seiner natürlichen Überlegenheit, seiner dialektischen Stärke und rhetorischen Gewandheit. Es findet sich in dieser Beziehung die charakteristische Äußerung von ihm: »Die äußeren Anfechtungen machen mich nur stolz und hoffärtig, wie ihr das in meinen Büchern seht, wie ich die Widersacher verachte; ich halte sie stracks für Narren.« War er aber sich selbst überlassen und im einsamen Verkehr mit seinem Gewissen, dann wollte diese Zuversicht, die eben oft nur erzwungen und ertrotzt war, nicht Stich halten.

Oft schlug die Qual der Reue und der Gewissensangst ihren scharfen Zahn in seine häuslichen Freuden und öffentlichen Triumphe. Diese mahnenden Stimmen eines erschreckten und gequälten Gewissens nahmen verschiedene Formen an, und immer suchte Luther sich mit der Vorstellung zu beruhigen, daß es satanische Versuchungen, Einflüsterungen des Erzfeindes seien, der ihm vor allen Menschen aufsätzig sei, weil [Bd. 8, Sp. 341] niemand noch dem Reiche Satans so großen Abbruch gethan. Hauptsächlich war es der Zweifel an der Wahrheit seiner eigenen Lehre, ein beängstigendes Gefühl dogmatischer Unsicherheit, was ihn peinigte; er gestand oft, er könne selber nicht glauben, was er Anderen lehre; als der Prediger Anton Musa von Rochlitz einmal Luther klagte, er könne nicht glauben, was er predige, erwiederte dieser: »Gott sei Dank, daß es Anderen auch so geht; ich meinte, mir wäre allein so.« Der Satan, äußerte er ein anderes Mal, habe ihn mit Sprüchen der Schrift also zerplagt, daß ihm Himmel und Erde zu enge geworden und im ganzen Papstthum kein Irrthum gewesen sei. Dazwischen war es dann wieder das sich aufdrängende Bewußtsein, daß er ohne Beruf und göttliche Sendung sich zum Gründer einer neuen Lehre und Kirche aufgeworfen habe, und die kläglichen Trostmittel, an denen er sich wie ein Versinkender an einem Strohhalm zu halten suchte, beweisen, wie niederbeugend dieses Bewußtsein für ihn war. »Ich hab’ oft gesagt und sag’ es noch, ich wollte der Welt Gut nicht nehmen für mein Doctorat; denn ich müßte wahrlich zuletzt verzagen und verzweifeln in der großen und schweren Sache, die auf mir liegt, wo ich sie als ein Schleicher ohne Beruf und Befehl hätte angefangen.« »Der Teufel«, äußerte er ein anderes Mal, »hätte mich mit diesem Argument getödtet: ›Du bist nicht berufen‹, wenn ich nicht wäre Doctor gewesen.« Er übersah nur dabei, daß ihm das Doctorat bloß für den gelehrten Vortrag in der Schule und nur mit der Bedingung und dem Auftrage, die heilige Schrift nach der Überlieferung und herrschenden Lehre der katholischen Kirche auszulegen, verliehen worden war. Häufig waren es aber auch die traurigen Folgen seiner Lehre, die mahnend vor sein Gewissen traten, die Zerreißung der vor ihm einigen Kirche, die in seinem eigenen Kirchenwesen aufgehende Saat der Zwietracht, die allenthalben sich kundgebende Sittenlosigkeit, die mit dem neuen Rechtfertigungs-Dogma sich tröstende Sicherheit und das Schwinden aller ernsteren Religiosität, und dazu kam noch das mehrfach von ihm ausgesprochene, niederschlagende Bewußtsein, daß er selber seit seiner Trennung von der Kirche ethisch herabgekommen und erkaltet sei. So gestand er zum Beispiel: »Ich bekenne für mich selbst, und ohne Zweifel auch Andere müssen bekennen, daß mir’s mangelt an solchem Fleiß und Ernst, den ich jetzt viel mehr denn zuvor haben soll, und viel nachlässiger bin denn zuvor unter dem Papstthum, und ist jetzt nirgend kein solcher Ernst beim Evangelium, wie man zuvor hat gesehen bei Mönchen und Pfaffen.« Alle diese Vorwürfe und Gedanken mit ihren daran sich knüpfenden unabweisbaren Consequenzen suchte er nun mit äußerster Anstrengung durch die Vorstellung zu entkräften und sich aus dem Sinne zu schlagen, daß es der Teufel sei, der sie ihm eingebe, um ihn damit irre zu machen und zur Verzweiflung zu treiben. Darum ist in seinen Schriften und besonders [Bd. 8, Sp. 342] in seinen Briefen und vertrauten Äußerungen so viel die Rede davon, daß er »in der Hand des Teufels sei, daß der Satan sich in Christus selbst umgestalte, und er, Luther, mit seiner Kenntniß der heiligen Schrift gegen ihn nicht ausreiche; daß er ganze Nächte hindurch mit dem Satan kämpfen müsse, der es ihm oft mit seinem Disputiren so nahe bringe, daß ihm der Angstschweiß darüber ausgehe« u. s. f. Mitunter suchte Luther einen eigenthümlichen Trost und eine Befriedigung seines Selbstgefühls in der Vorstellung, daß der Teufel für ihn ganz besondere, große und außerordentliche Anfechtungen ersonnen habe, von denen seine Gegner, die Papisten, freilich nichts wüßten, gleichwie auch die Kirchenväter ehemals sie nicht gekannt hätten. Verglichen mit diesen Anfechtungen seien die gewöhnlichen Versuchungen zu Fleischessünden u. dgl. nur Kleinigkeiten; er beschreibt nun diese allerschwersten Anfechtungen als einen Zustand, in welchem man nicht wisse, ob Gott der Teufel oder der Teufel Gott sei, und vor Angst gleich den Geist aufzugeben fürchte. Aus allen seinen hyperbolischen Wendungen und paradoxen Beschreibungen ergibt sich aber am Ende nur dieß, daß es die Vorwürfe seines Gewissens und die Zweifel an der Richtigkeit seines Systems, besonders seiner Rechtfertigungslehre, waren, die er vor sich selbst und vor Anderen gerne dem Satan als dessen ganz besondere Kunstgriffe zugeschoben hätte. Es waren also Versuchungen, wie sie wohl jeder aufrichtige und ernst gesinnte Christ zu bestehen hat, nur mit dem freilich sehr großen Unterschiede, daß dieser nicht das zu verantworten hat, was Luther unternommen hatte, und daß ein in der Kirche wurzelnder Christ Zweifel und Regungen des Unglaubens viel leichter überwindet, da sein Glaube von dem Zeugniß und Ansehen der ganzen Kirche getragen wird. Wenn demnach Luther von jenen höchsten Anfechtungen redet, die ihn an seinem Leibe so erschöpft und gemartert hätten, daß er kaum lechzen und Athem holen konnte; wenn er in seiner Schwermuth greuliche Gesichte gesehen haben wollte, so liegt der Schlüssel dazu in der gleich darauf folgenden einfachen Erklärung: »Der traurige Geist ist das Gewissen selbst«, und in dem Geständnisse, daß er dem Satan, wenn dieser ihm so zusetze, den »Greuel des Papstes« vorwerfe, der so groß sei, daß er nach Christo sein größter Trost sei. »Darum« – fügt er hinzu – »sind das heillose Tropfen, die da sagen, man solle den Papst nicht schelten. Nur flugs gescholten, und sonderlich, wenn dich der Teufel mit der Justification anficht.« Es bedarf wohl keiner Ausführung, welch einen Blick uns diese Äußerungen in das Innere des Mannes thun lassen (s. Luthers Colloquia, herausgegeben von Förstemann, III, 102. 103. 116. 121. 136; IV, 62).

Als Polemiker und Verfasser theologischer und besonders populärer Streitschriften verband Luther mit einem unläugbar großen dialektisch-rhetorischen Talente eine Gewissenlosigkeit, wie sie auf [Bd. 8, Sp. 343] diesem Gebiete wohl nur selten im gleichen Grade vorkommt. Es ist einer seiner gewöhnlichsten Kunstgriffe, eine Lehre oder Institution erst bis zur absurdesten Fratze zu verunstalten und sich dann vergessend, daß das, was er bekämpft, in solcher Gestalt nur ein Phantom seiner gefolterten Einbildung sei, mit behaglichem Tadel darüber zu verbreiten. Nur allzu oft sinkt er zum Tone eines geistlichen Marktschreiers herab und bläht sich mit hyperbolischen Phrasen und hohlen Übertreibungen auf. So wie er eine theologische Frage anfaßt, verwirrt er sie auch, oft mit berechnender Absichtlichkeit, und die Gründe der Gegner werden bis zum Unkenntlichen verstümmelt und verzerrt. Aber bei allen diesen Gebrechen, welche das Lesen seiner Schriften jetzt zu einer so ermüdenden und widerwärtigen Beschäftigung machen, fühlt man doch, daß er eine wunderbare Gabe hinreißender Popularität besaß, und daß seine Demagogie auf die genaueste Kenntniß und Berechnung aller Schwächen des deutschen Nationalcharakters gebaut ist. Die Art, wie er in diesen Streitschriften die Personen seiner Gegner behandelt, ist wirklich beispiellos. Nie ist es die trauernde Liebe, die, nur den Irrthum hassend, den Irrenden zu gewinnen sucht, sondern es ist schmähender Groll, trotziger, wegwerfender Hohn und eine massenhafte Häufung von Invectiven, oft der persönlichsten, oft zugleich der pöbelhaftesten Art, die wie ein Strom aus unversiegbarer Quelle sich ergießen. Es ist durchaus unwahr, daß Luther in dieser Beziehung nur einer in jener Zeit überhaupt herrschenden Unsitte gefröhnt habe; das Gegentheil weiß jeder Kenner der gleichzeitigen und unmittelbar vorausgegangenen Literatur; Luthers Schriften erregten gerade durch diesen Charakter allgemeines Erstaunen, und während alle, die nicht zu seinen unbedingten Anhängern gehörten, ihr Befremden darüber ausdrückten, oder ihm deßhalb die schärfsten Vorwürfe machten und auf die verderblichen Wirkungen dieser schmähenden Ergüsse hinwiesen, pflegten seine Jünger und Bewunderer sich mit dem »heroischen Geiste« des Mannes zu trösten, dem niemand Maß oder Ziel zu setzen sich unterfangen dürfe, und der eben, durch eine Art von Inspiration von der Beobachtung des Sittengesetzes dispensirt, sich das gestatten dürfe, was bei Anderen unsittlich und frevelhaft sein würde.

In keinem andern Schriftsteller findet sich ferner Begeisterung für den unerschöpflichen Reichthum und göttlichen Charakter der heiligen Schrift mit der gewaltsamsten Mißhandlung derselben so dicht beisammen wie bei Luther. Sein Versuch, den Brief Jacobi aus dem biblischen Canon zu werfen, die verächtliche Sprache, in der er sich über diesen Bestandtheil der heiligen Schrift ausdrückt, ist bekannt. Die neuerdings vorgebrachte Behauptung, daß er später von dieser Verirrung zurückgekommen sei, ist grundlos; noch in seinem letzten größern Werke, seiner zweiten Auslegung des ersten Buches Mosis, äußerte er sich über den Brief [Bd. 8, Sp. 344] und dessen Verfasser in der alten, tadelnd wegwerfenden Weise. Er hatte freilich nur die Wahl, entweder den Brief ganz zu verwerfen, oder den schroffen Widerspruch, in welchem die Erklärung dieser heiligen Urkunde über Rechtfertigung mit seinem Systeme steht, in der Weise, wie es die späteren protestantischen Theologen gethan, durch gewaltsame Interpretation zu entfernen. Warum er sich nicht hierfür, sondern für das Erstere entschied, ist nicht klar; Gewissenhaftigkeit der Exegese und Scheu vor der einfachen Klarheit des Textes war es sicherlich nicht, was ihn bestimmte, denn die willkürlichsten, handgreiflich falschen Interpretationen sind in seinen polemischen Schriften ganz gewöhnlich. Es ist kaum möglich, es hierin ärger zu treiben, als er es z. B. in seinen Schriften gegen Erasmus in den selbst von Planck angeführten Beispielen gethan. Ja es läßt sich in seinen Schriften eine förmliche Gradation exegetischer Willkür und Gewaltsamkeit an zahlreichen Beispielen nachweisen. Wenn er allerdings am häufigsten dadurch falsch interpretirt, daß er seine eigenthümlichen Vorstellungen, die er sich seinem eigenen Geständnisse nach nicht durch ruhiges, unbefangenes Bibelstudium, sondern in dem Zustand einer peinlichen Geistesverwirrung und Gewissensangst gebildet hatte, den biblischen Stellen unterlegte, so war es schon ein weiterer Schritt gewaltsamer Willkür, daß er den Text, den er zu seinen polemischen Zwecken gebrauchen wollte, erst dafür zurichtete, theils durch falsche Übersetzung, theils durch Interpolation. Reichte auch dieß nicht aus, dann setzte er Schrift und Christus einander entgegen, wie z. B. in folgender Stelle: »Du Papist pochest fast (sehr) mit der Schrift, welche doch unter Christo als ein Knecht ist, daran kehre ich mich gar nichts. Ich aber trotze auf Christum, der der rechte Herr und Kaiser ist über die Schrift. Ich frage gar nichts nach allen Sprüchen der Schrift, wann du ihrer noch mehr wider mich aufbrächtest; denn ich habe auf meiner Seite den Meister und Herrn der Schrift, mit dem will ich’s halten, und weiß, er wird mir nicht lügen, noch mich verführen, ihm will ich lieber die Ehr’ geben und glauben, denn daß ich mich in allen Sprüchen um ein Haar breit bewegen lassen wollte.« Mitunter geschah es auch, daß eine biblische Stelle, die einer seiner Lieblingslehren besonders klar widersprach, ihm unruhige Stunden machte; zuletzt aber wußte er sein exegetisches Gewissen auch hier mit der Vorstellung zu beschwichtigen, daß diese Beunruhigung nur eine Versuchung des Teufels sei, der ihn mit Schriftstellen irre machen und zur Verzweiflung treiben wolle. So machte Luther es mit der Stelle 1 Tim. 5, 12.

Mit diesen Zügen zu einem Bilde des Reformators müssen wir uns hier genügen lassen; nur das darf nicht unerwähnt bleiben, daß er, besonders seit dem Jahre 1520, über Geschlechtsverhältniß, Ehe und Cölibat Behauptungen aufstellte und unter dem Volke verbreitete, die in [Bd. 8, Sp. 345] den weitesten Kreisen, nach dem Zeugnisse von Zeitgenossen, einen höchst nachtheiligen moralischen Einfluß ausübten. Er ist wohl seit der Stiftung der christlichen Kirche der erste gewesen, der die Lehre aufstellte, der Mensch sei ein Sklave seines mit unwiderstehlicher Macht herrschenden Naturtriebes, und das Gebot, sich zu verheiraten, sei daher nicht nur ein jedermann verpflichtendes, sondern verbinde auch noch strenger als jene Gebote des Decaloges, welche Mord und Ehebruch verbieten. In einer im J. 1522 gehaltenen Predigt über die Ehe trug er Dinge vor und gestattete Rechte, von denen das natürliche Gewissen eines Heiden sich abwenden würde. Auch die Erlaubniß, die er dem Landgrafen Philipp gab, war eine Folge seiner – freilich wieder mit seinem ganzen Systeme zusammenhängenden – Ansicht, daß es – selbst für Christen – kein Gebot der Monogamie gebe.

Zum Schlusse nur noch die Erwähnung, daß zwischen Luthers lateinischen und seinen deutschen Schriften ein großer Unterschied ist. In den letzteren liegt seine Stärke und (theilweise) das Geheimniß seiner außerordentlichen Erfolge, während die Theologen in Frankreich, England, Italien, Spanien, welche bloß seine lateinischen Schriften lasen und in denselben weder besondere Beredsamkeit, noch glänzenden Scharfsinn oder imponirende Erudition fanden, vielfach ihre Verwunderung darüber äußerten, daß dieser Mann in Deutschland so vergöttert werde und selbst unter den Gelehrten so viele Anhänger und Verehrer habe. [Von seinen Schriften erschienen folgende 7 Gesammtausgaben. 1. Zu Wittenberg, 1539 bis 1558, 12 Bände deutscher und 7 Bände lateinischer Schriften. 2. Zu Jena, 1555–1558, 8 Bde. deutscher und 4 Bde. lateinischer Schriften; Aurifaber gab dazu 2 Ergänzungsbände, Eisleben 1564–1565 (Neudruck Leipzig 1603). 3. Zu Altenburg, 1661–1664, 10 Bde.; Ergänzungsband von Zeidler, Halle 1702. In dieser wie in den zwei folgenden Ausgaben sind die lateinischen Werke in deutscher Übersetzung mitgetheilt. 4. Zu Leipzig, 1729–1740, 22 Bde., besorgt von Ch. Fr. Börner. 5. Zu Halle, 1740–1750, 24 Bde., besorgt von J. G. Walch, vollständiger als die früheren Ausgaben (Neudruck zu St. Louis, Mo., 1880 ff.). 6. In beiden Sprachen wieder zu Erlangen und Frankfurt von Plochmann, Irmischer, Endres u. A., 1826–1886, 67 Bände deutscher Schriften (I–XX, 2. Aufl. 1862–1881) und 28 numerirte und 10 nicht numerirte Bände lateinischer Schriften 1829–1886. Endlich 7. Kritische Gesammtausgabe von Knaake und Kawerau, Weimar 1883 ff., bis jetzt 7 diverse Bände deutscher Schriften. Die Briefe allein gab heraus W. A. L. de Wette, 5 Bde., Berlin 1825–1828; einen 6. Band lieferte Seidemann, Berlin 1856; Ergänzungen bieten C. A. Burkhardt, Dr. M. Luthers Briefwechsel, Leipz. 1866, u. Th. Kolde, Analecta Lutherana, Gotha 1883; eine neue Ausgabe begann [Bd. 8, Sp. 346] E. L. Enders, Frankf. 1884. Die politischen Schriften gab Mundt heraus, Berlin 1844, neue Ausgabe Leipzig 1868; die geistlichen Lieder Ph. Wackernagel, Stuttg. 1856, Gödecke, Leipz. 1883, und A. Fischer, Gütersl. 1883; die Tischreden erschienen zu Eisleben 1565, Saalfeld 1741, Halle 1743, neuestens durch Förstemann und Bindseil in 4 Bdn., Berlin 1844–1848, Auswahl 1876; J. K. Seidemann, Lauterbachs Tagebuch auf das Jahr 1538, Dresden 1872; Wrampelmeyer, Cordatus’ Tagebuch über Luther, Halle 1885; Preger, Tischreden aus den Jahren 1531 bis 1532 nach Aufzeichnungen von Joh. Schlaginhausen, Leipzig 1888; Colloquia etc., ed. Bindseil, 3 voll., Berol. 1863–1866.]

Luthers Leben muß aus seinen eigenen Schriften, vorzüglich seinen Briefen, geschöpft werden. Unter den älteren Biographien ist die Historie von Martin Luthers Anfang, Lehre, Leben von dem Prediger Mathesius, der Luthers Tischgenosse gewesen (eigentlich eine Reihe von Predigten, Nürnberg 1565), brauchbar wegen einzelner Züge; die Historia de vita et actis M. Lutheri von Melanchthon (Wittenberg 1546) ist gar zu dürftig und oberflächlich; viel reichhaltiger, aber freilich auch in hohem Grade parteiisch ist das Werk von Cochläus, dem persönlichen Gegner Luthers (Commentaria de actis et scriptis M. L., Mogunt. 1549, fol.), aber da es von einem Zeitgenossen und Theilnehmer an den Ereignissen herrührt, immer wichtig und brauchbar. Auch das spätere Werk Ulenbergs, eines zur katholischen Kirche übergetretenen Lutheraners: Historia de vita, moribus, rebus gestis, studiis ac denique morte M. L., Colon. 1622, hat als Materialiensammlung Werth. Die Merkwürdigen Lebensumstände Luthers von F. S. Keil (4 Thle., 4º, Leipzig 1764) beschäftigen sich hauptsächlich mit Luthers »Leibesconstitution, Krankheiten, geistlichen und leiblichen Anfechtungen und anderen Zufällen«. Das Leben Luthers von G. H. A. Ukert (Gotha 1817, 2 Thle.) bietet nur einen Wust von großentheils werthloser Literatur. Die Schriften von Pfizer (1836), Stang (1838), Meurer (1843, 3. Aufl. 1878), Ledderhose (1836. 1883) können nur genügsame Leser befriedigen. Das Werk von K. Jürgens, Prediger in Braunschweig, würde unter den vom protestantischen Standpunkt aus geschriebenen weitaus das wichtigste und brauchbarste sein, aber die 3 Bände (Leipzig 1846–1847) gehen nur bis zum Ausbruch des Ablaßstreites. Das Werk von Audin (Hist. de la vie, des écrits et des doctrines de M. Luther, 3 vols., Par. 1850) ist mit einer allzu großen, mitunter an Naivetät grenzenden Unkenntniß der Schriften Luthers, der gleichzeitigen Literatur und des ganzen damaligen Zustandes von Deutschland geschrieben. Die Mémoires de Luther von dem Pariser Professor Michelet (3 vols., Par. 1833–1835) bestehen hauptsächlich aus aneinander gereihten Stellen der Colloquien und derjenigen Schriften, in denen [Bd. 8, Sp. 347] Luther von sich selber spricht. Über den Charakter und Entwicklungsgang des Reformators vgl. man [E. v. Jarcke] Studien und Skizzen zur Geschichte der Reformation, Schaffhausen 1846, und die Darstellung bei Döllinger, Die Reformation, ihre innere Entwicklung und ihre Wirkungen, III, Regensb. 1848. [Umfangreiche Bearbeitungen des Lebens gaben in neuester Zeit J. Janssen, Gesch. des deutschen Volkes II–III; J. Card. Hergenröther in der Fortsetzung von Hefele’s Conciliengeschichte IX, Freib. 1890; Gg. Evers, Martin Luther, ein Lebens- und Charakterbild, 6 Bde., Mainz 1883–1891; dann die Protestanten L. v. Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation, 6 Bde., 5. Aufl., Leipz. 1873; J. Köstlin, M. Luther, sein Leben und seine Schriften, 2 Bde., Elberfeld 1875 (abgekürzt 3. Aufl. 1883); G. Plitt und E. F. Pedersen, D. Martin Luthers Leben und Wirken, Leipz. 1883; Th. Kolde, M. Luther, eine Biographie, Gotha 1884. Von Einzeldarstellungen der Lehre Luthers sind zu nennen A. W. Dieckhoff, Luthers Lehre in ihrer ersten Gestalt, Rostock 1887; J. Köstlin, Luthers Theologie in ihrer geschichtlichen Entwicklung und ihrem innern Zusammenhang, 2 Bde., Stuttg. 1863; Harnack, Luthers Theologie mit besonderer Beziehung auf seine Versöhnungs- und Erlösungslehre, 2 Bde., Erlangen 1862–1886; C. Fr. Held, De opere J. Christi salutari quid M. Lutherus senserit, Gotting. 1860; J. Köstlin, Luthers Lehre von der Kirche, Stuttg. 1853; A. W. Dieckhoff, Luthers Lehre von der kirchlichen Gewalt, Berlin 1865; G. Pfisterer, Luthers Lehre von der Beichte, Stuttg. 1857; Chr. E. Luthardt, Die Ethik Luthers, Leipzig 1875; S. Lommatsch, Luthers Lehre vom ethsich-religiösen Standpunkt aus, mit besonderer Berücksichtigung seiner Lehre vom Gesetz, Berlin 1879; Lütkens, Luthers Prädestinationslehre im Zusammenhange mit seiner Lehre vom freien Willen, Dorpat 1858; Kattenbusch, Luthers Lehre vom unfreien Willen und von der Prädestination, Gött. 1876; Luther und die Bigamie, in den Theol. Studien u. Kritiken, Gotha 1891, 564 ff.; H. Hering, Die Mystik Luthers im Zusammenhang mit seiner Theologie, Leipz. 1879. Einen Überblick über die bis 1851 erschienene Literatur gibt E. G. Vogel in der Bibl. biogr. Lutherana, Halle 1851; ein Verzeichniß der Lutherliteratur des Jahres 1883 erschien zu Hamburg 1883.]

[I. v. Döllinger.]


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