Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Mäßigung, Mäßigkeit (temperantia) ist diejenige sittliche Tugend, durch welche der Mensch im Gebrauch der natürlichen Güter die rechte Ordnung wahrt; sie gehört zu den Cardinaltugenden, in denen das gesammte sittliche Leben wie in seinen Angelpunkten sich bewegt, und von denen keine einem freien Acte fehlen darf, wenn er wahrhaft sittlich gut sein soll. Zum Unterschiede von den anderen Cardinaltugenden kommt der Mäßigung die rechte Ordnung des Begehrens zu; sie duldet kein Begehren in der Seele, welches nicht mit der von Gott als Urheber der Natur und der Gnade gesetzten Zweckordnung im Einklange steht. Sie muß mithin rücksichtlich aller begehrenswerthen irdischen Objecte geübt werden (Temperantia est refrenatio cupiditatis ab iis, quae temporaliter delectant, S. August. Quaest. LXXXIII, q. 61, n. 4) und ist nach dem hl. Thomas (S. Th. 2, 2, q. 141, a. 2) eine virtus generalis, welche den Menschen anregt, in allen seinen Neigungen und daraus entspringenden Handlungen hinsichtlich der geschaffenen Dinge das rechte Maß einzuhalten. Der Maßstab hierfür ist nur die Beziehung des Geschöpfes auf das einzige Finalgut, die ewige Seligkeit in Gott. Jedes geschaffene Gut ist nur so weit begehrenswerth, als es zur Erreichung derselben dienen kann oder ihr wenigstens nicht hinderlich ist. Daher das schöne Wort des hl. Augustin (De mor. eccl. 1, n. 25): Temperantia est amor sese integrum Deo incorruptumque servans. Nichts darf um seiner selbst willen begehrt werden, sondern jedes Ding darf man nur verlangen, insoweit es um Gottes willen gewollt werden kann, und nur zu dem von Gott bestimmten Zwecke (S. Aug. l. c. 21 circ. fin.). Eines solchen Maßhaltens bedarf nun die Seele in ganz besonderer Weise bei dem Begehren nach sinnlichen Genüssen. Denn die Concupiscenz dieser Art widerstrebt im Zustande der aus dem Falle erlösten Natur am meisten den ihr vom natürlichen und göttlichen Gesetze angewiesenen Schranken. In dieser Beziehung wird daher die temperantia zu einer virtus specialis, Mäßigkeit im engern und gewöhnlichen Sinne des Wortes, während zur Bezeichnung der Cardinaltugend das Wort Mäßigung vorzuziehen sein dürfte. Si consideratur antonomastice temperantia, secundum quod refrenat appetitum ab his, quae maxime alliciunt hominem, sic est specialis virtus, utpote habens specialem materiam (S. Th. l. c.).

Das Subject der Mäßigkeit als specieller Tugend ist der appetitus concupiscibilis; sie ist in natürlicher Beziehung die erworbene, in übernatürlicher die vom heiligen Geiste gewirkte Kraft des Begehrungsvermögens, nicht dem blinden Triebe der sinnlichen Natur, sondern der von der Vernunft und Gnade gezeigten Ordnung im Verlangen nach Sinnengenüssen zu folgen. Ihre Objecte bilden die zur Erhaltung der leiblichen Natur vom Schöpfer bestimmten Thätigkeiten und die damit verbundene Lust – Genuß von Speise und Trank zur Erhaltung des Lebens der Individuen und Zeugung zur Erhaltung des Geschlechtes (art. 4). Es kommt der Tugend der Mäßigkeit, namentlich in Beziehung auf das sexuelle Gebiet, eine besondere Würde zu, weil sie das niedere leibliche Leben in der Unterordnung unter das höhere geistige erhält, und die moralische Freiheit kräftigt und bewahrt gegenüber den mächtigsten Trieben, in welchen die menschliche Natur der thierischen sich annähert, und welche dem Geiste fortwährenden Kampf bereiten. Insoferne sie aber nur die im Leben des einzelnen liegenden Beziehungen zwischen dem niedern und höhern geistigen Gebiete des menschlichen Wesens regelt, steht sie denjenigen Tugenden an Werth nach, durch welche der Mensch in die rechte Ordnung zur Gesellschaft gebracht wird (Gerechtigkeit und Tapferkeit); vor diesen gebührt der Vorrang den Tugenden des rein geistigen Lebens und vor allen den theologsichen (art. 8). Die der Mäßigkeit entgegenstehenden Laster entwürdigen dagegen den Menschen am meisten und machen ihn unfähig höherer geistiger Vervollkommnung, da er durch sie zum Thiere herabsinkt (q. 142, a. 4).

Damit die Mäßigung vollkommen und beharrlich geübt werde, bedarf sie der Scheu (verecundia) vor allem, was ungeziemend und unehrbar ist (q. 144), und des Zartsinnes (honestas) für dasjenige, was ehrbar und wohlanständig ist (q. 145). Beide sind die ihr beigegebenen partes integrales. – Ihre Unterarten (partes subjectivae sive species) sind: in Beziehung auf Genuß von Speisen, die Enthaltsamkeit (abstinentia) und rücksichtlich der Getränke die Nüchternheit (sobrietas); in Beziehung auf geschlechtlichen Verkehr die Keuschheit und die Schamhaftigkeit (q. 143). Im Einzelnen ist hierüber folgendes zu sagen.

a. Enthaltsamkeit (abstinentia) ist die Tugend, welche den Menschen habituell dazu anregt, im Genusse der Speise der rechten Ordnung der Vernunft zu folgen (2 Petr. 1, 6) und Speise nicht um des Sinnengenusses willen zu nehmen (S. Th. q. 146). Am vollkommensten bethätigt sie sich im Fasten, d. i. in freiwilliger Enthaltung von Nahrung um eines höhern Tugendmotives willen, unter Berücksichtigung der Verhältnisse des Berufes und der Gesundheit nach den Grundsätzen der Tugend der Klugheit (q. 147). Fasten im Allgemeinen (jejunium) fällt unter das Naturgesetz; eine bestimmte Art und Weise, es zu üben, ist Gegenstand des positiven Gesetzes. Außerdem ist es auch freiwillige Abtödtung zur Erlangung und Bewahrung höherer Vollkommenheit (s. d. Artt. Fasten, Abtödtung). Der Abstinenz entgegen ist Unmäßigkeit im Essen (gula). Sie gehört unter die peccata mortalia ex genere suo, wird aber nur dann zur Todsünde, wenn man in Befriedigung der Eßlust so sehr seine Seligkeit sucht, daß man bereit wäre, ihretwegen selbst unter schwerer Sünde verpflichtende Gebote zu übertreten (quorum Deus venter est, Phil. 3, 19), oder wenn man wissentlich und freiwillig dadurch die Gesundheit schwer schädigt oder sich unfähig macht zur Erfüllung wichtiger Pflichten. Die verschiedenen Unordnungen im Nahrungsgenusse faßt der hl. Gregor d. Gr. zusammen (Mor. 30, 60): Quinque modis nos gulae vitium tentat: aliquando namque indigentiae tempora praevenit; aliquando lautiores cibos quaerit; aliquando quae sumenda sunt, praeparari accuratius expetit; aliquando in ipsa quantitate sumendi mensuram refectionis excedit; aliquando ipso aestu immensi desiderii aliquis peccat, – welche fünf Arten von Unmäßigkeit kurz mit dem Hexameter bezeichnet werden: Praepopere, laute, nimis, ardenter, studiose. Die ungeordnete Eßbegierde gehört unter die sieben Hauptsünden (s. d. Art. Laster), und als Folgen (filiae) derselben bezeichnet der hl. Gregor d. Gr. (Mor. 31, 88) eine nicht von der Vernunft geleitete Fröhlichkeit (inepta laetitia), Ausgelassenheit im Benehmen (scurrilitas), Unlauterkeit (immunditia), ausgelassene und thörichte Geschwätzigkeit (multiloquium), Schwächung der Intelligenz (hebetudo sensus circa intelligentiam).

b. Nüchternheit (sobrietas) erhält den Menschen in der rechten Ordnung in Beziehung auf den Genuß von Getränken und ist specifisch verschieden von der Abstinenz, weil sie ein specifisch anderes Object hat. Ihr Gegensatz ist die Sünde der Trunkenheit (ebrietas). Diese bildet zwar zusammen mit der Unmäßigkeit im Essen (gula) Eine Hauptsünde – ist aber doch der Species nach von ihr verschieden, weil sie in einer ganz andern Weise der Ordnung der Vernunft entgegengesetzt ist als jene; sie beraubt selbst des Vernunftgebrauches. Todsünde ist die freiwillige und vollkommen zurechenbare Selbstberauschung (ebrietas perfecta), durch welche nicht für Augenblicke, sondern für Stunden und noch längere Zeit alle Fähigkeit vernünftigen Denkens und Handelns aufgehoben wird. Ihre Sündhaftigkeit liegt darin, daß der niedern sinnlichen Lust die totale Herrschaft über das höhere geistige Leben eingeräumt wird (S. Th. 1, 2, q. 88, a. 5 ad 1). In einem geringern Grade (ebrietas imperfecta) ist sie an sich noch läßliche Sünde, wird aber zur Todsünde, wenn dadurch schweres Ärgerniß gegeben oder die Übertretung wichtiger Pflichten verschuldet wird. – Die hl. Schrift spricht sich über das Laster der Trunkenheit aus: Spr. 20, 1; 21, 17; 23, 20. 21. 29–32. Eccli. 19, 2. Is. 5, 11; 28, 7. Os. 4, 11. Luc. 21, 34. Röm. 13, 13. Gal. 5, 21. 1 Cor. 6, 10. 1 Petr. 4, 3. Gänzliche Betäubung kann auch eintreten infolge des Genusses von Wein, welchem der Arzt in einer dem Patienten nicht gewöhnlichen Quantität verordnet hat. Darin aber liegt nicht eine beabsichtigte Befriedigung sinnlichen Genusses, also auch keine Sünde. Es wird nur ein für die Heilung des Kranken, also für einen erlaubten Zweck, nothwendiges Mittel angewendet, aus welchem nebenbei und ohne alle Absicht die physische Wirkung der Betäubung erfolgt (2, 2, q. 150, a. 2). Ebenso wenig kann der ebrietas gleichgestellt werden Betäubung durch narkotische Mittel zur Erleichterung von Operationen; an sich ist solche vom Standpunkte der Moral nicht zu beanstanden. Durch ähnliche Mittel Sterbende in Bewußtlosigkeit versetzen, damit sie das Gefühl für den Schmerz verlieren, ist mit den christlich-ethischen Grundsätzen nicht vereinbar; ob das Nämliche bei den Gebärenden, allem christlichen Gefühl entgegen, erlaubt sei, muß als sehr zweifelhaft bezeichnet werden. – Die Sünde der Trunkenheit, namentlich wenn sie zur Gewohnheit geworden ist, zieht die oben aufgeführten Folgen der gula in weit höherem Grade als diese nach sich. Die Schuld der im Zustande der Berauschung begangenen Sünden, wie Fluchen, unkeusche Reden, Unlauterkeit u. s. w., erscheint insoweit gemindert, als es der Vernunftgebrauch ist (also ganz ausgeschlossen, wenn dieser ganz aufgehoben ist), außer der Schuldige habe schon im Acte seiner Unmäßigkeit gewußt, daß er in der Trunkenheit leicht solche Sünden begehe, und ihn gleichwohl nicht unterlassen.

c. Über die Keuschheit (castitas) und die entgegengesetzten Sünden s. d. Art. Keuschheit. Die vollkommenste Übung derselben ist die Jungfräulichkeit (s. d. Art.).

Es gibt auch viele Tugenden, welche der Mäßigung ähnlich sind, insoweit ihr Wesen Maßhalten in Befriedigung natürlicher Neigungen in sich schließt, und welche unter ihrem Einflusse sich entfalten und bethätigen, in ihr also quasi in potentia enthalten sind (partes potentiales). Diese sind 1. Selbstbeherrschung (continentia) im Sinne moralischer Festigkeit der Seele selbst gegenüber heftigem Ansturme der Leidenschaften (q. 155). Sie ist eine dem Werthe nach der Mäßigkeit nachstehende Tugend, insoferne der Zustand voller Unterwerfung der leiblichen Natur unter den Geist dem Zustande des Kampfes vorzuziehen ist. Ihr Subject ist der Wille, welchen sie kräftigt in der Wahl, in die er gestellt ist, mit Entschiedenheit sich dem höhern geistigen Begehren (bonum rationis) hinzugeben. Die Macht der Leidenschaft, gegen welche es schwer ist, sich zu behaupten, bietet aber auch im Falle des Unterliegens (incontinentia) mehr oder weniger Entschuldigung (q. 156, a. 3). Unenthaltsamkeit gegenüber der sinnlichen Begierlichkeit ist schuldbarer als gegenüber der Zornmüthigkeit, weil in ihr die geistige Thätigkeit ganz erlahmt und die Seele ganz vom Fleische geknechtet ist, und weil man sich leichter der sinnlichen Begierlichkeit erwehrt, als des plötzlich entbrennenden Zornesfeuers. Ferner geht der Zornmüthige gerade und offen zu Werke, während der Lüstling sich in Nacht und Dunkel einhüllt und häufig unter dem Deckmantel der Lüge und Heuchelei sich verbirgt (q. 156, a. 4).

2. Die der Zornmüthigkeit entgegengesetzten Tugenden Milde (clementia) und Sanftmuth (mansuetudo) schließen Mäßigung in sich in der Weise, daß erstere den strafwürdigen Untergebenen gegenüber Schonung und Erbarmung walten läßt, letztere aber für die von gleichgestellten Personen erlittene Unbild sich mit mäßiger Genugthuung begnügt, oder sie selbst mit voller Verzeihung und Wohlthun erwiedert (q. 157). Indessen wäre nicht nur ungeordnete Zornmüthigkeit, übermäßige Strenge und Grausamkeit Sünde (s. d. Art. Laster), sondern auch Gleichgültigkeit, Apathie und schwächliche, Schaden bringende Nachsicht gegenüber den Fehlern, gegen welche aufzutreten und deren Besserung zu erzielen man verpflichtet ist (inirascentia).

3. Bescheidenheit (modestia, q. 160) im Allgemeinen ist die Tugend, welche den Menschen befähigt, in Ansehung alles dessen, was nicht so sehr, wie die Sinnlichkeit und die Zornmüthigkeit, das Begehren sollicitirt, die rechten Grenzen einzuhalten. Im Einzelnen wird sie modificirt nach den verschiedenen Objecten. Bezüglich des gebührenden Vorrangs vor anderen erscheint sie als Demuth (s. d. Art.), der entgegengesetzt ist Stolz und Hoffart (s. d. Art. Laster). – Als rechte Ordnung der Wißbegierde wird sie Fleiß (studiositas), womit man gründliches, dem Berufe entsprechendes Wissen sich aneignet; ihm entgegen steht die Neugierde (curiositas), welche auch das zu wissen verlangt, was nicht pflichtgemäß ist, wohl aber der Tugend hinderlich ist und selbst verderblich werden kann. – Im äußern Benehmen ist sie Bescheidenheit im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Auch das Äußere des Menschen, Kleidung, Geberde, Gang u. s. w. muß geregelt werden durch die Vernunft unter Rücksicht auf Stand und Beruf und die Beziehungen zu anderen Menschen, und daraus resultirt die Wohlanständigkeit (ornatus). Sie ist ein Abbild und Zeichen der guten Ordnung des innern Menschen (Eccli. 19, 27). Aus dem hl. Ambrosius (De off. 1, 18) führt der hl. Thomas die Worte an: Habitus mentis in corporis statu cernitur … vox quaedam animi est corporis motus. Entgegengesetzte Sünde ist aber außer dem Mangel an Wohlanstand (per defectum) eitle Ziererei (per excessum) als Ausdruck des Stolzes und der Gefallsucht, oder was am schuldbarsten wäre, mit dem Bewußtsein oder selbst der Absicht, daß man in Anderen dadurch unreine Begierden hervorrufe (1 Tim. 2, 9). – Begehrenswerth ist für den Menschen auch Erholung und Spiel; aber auch hierin ist gar sehr nothwendig Maßhaltung. Die darauf bezügliche Tugend wird bezeichnet mit dem Worte eutrapelia. (Vgl. außer der Summe des hl. Thomas 1, 2 und 2, 2 den Commentar von Gregor von Valentia; SS. Augustinus, De moribus Eccl. cath.; Ambrosius, De offic.; Gregorius M., Mor. in Job; S. Bonaventura, Breviloquium und Centiloquium; Lessius, De jure et justitia.)

[Pruner.]


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