Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Missale, Meßbuch, ein Buch mit sämmtlichen Gebeten, Lesungen und Textstücken, welche bei der Feier der heiligen Messe und einzelnen mit derselben in Zusammenhang stehenden Functionen recitirt werden müssen, sowie mit den rubricistischen Vorschriften, welche bei der Meßfeier überhaupt und an einzelnen Tagen und Festen insbesondere zu beobachten sind. Bis in das Mittelalter hinein waren die verschiedenen Texte mit Rücksicht auf die bei der Feier thätigen Personen auf mehrere Bücher vertheilt, wie auch jetzt noch bei der feierlichen Messe neben dem Meßbuche, dessen der Celebrant am Altare bedarf, ein zweites für die Ministranten zum Vortrage der Lesungen (Lectionarium) und eigene Chorbücher für den Gesang des Chores (Ordinarium, Graduale) erfordert sind. Die Texte, welche der Celebrant allein bei der Meßfeier und anderen sacramentalen Handlungen zu sprechen hatte, enthielt der Liber sacramentorum, Liber mysteriorum, auch kurzweg Sacramentale oder Sacramentarium genannt; die übrigen Codices trugen nach ihrem Inhalte verschiedene, nicht immer gleichmäßig gebrauchte Namen: das Antiphonale, Responsale oder Graduale enthielt die Gesangstücke, welche der Chor zum Eingang, zwischen den Lesungen, zu dem Offertorium und der Communion vorzutragen hatte; in dem Lectionarium oder Apostolus und dem Evangeliarium waren die von den Ministranten zu recitirenden Lesungen zusammengestellt. Jedes dieser Bücher war ein liber Missalis. Wo aber die Messe ohne die Assistenz von Ministranten und Chorsängern celebrirt werden mußte, und der Celebrant selbst Alles zu recitiren hatte, führte die Nothwendigkeit dazu, die zur Meßfeier erforderlichen Texte aus diesen verschiedenen Meßbüchern zu einem Buche zu vereinigen, welches Missale plenarium, dann einfachhin Missale genannt wurde. Derartige vollständige Meßbücher sind nachweislich seit dem 6. Jahrhundert im Gebrauch. Seit dem 12. Jahrhundert war die römische Liturgie im Großen und Ganzen nahezu im gesammten Abendlande in Übung; im Einzelnen aber bestand eine große Verschiedenheit. Kirchenprovinzen und Diöcesen besaßen unter ihren eigenen liturgischen Büchern auch eigene Missalien. Diese übergroße Mannigfaltigkeit und vor Allem der Umstand, daß neben auffälligen rituellen Abweichungen vielfach auch unhaltbare Zusätze in die liturgischen Bücher waren aufgenommen worden, veranlaßten Bischöfe und weltliche Fürsten, nachdem vereinzelte Reformversuche die Einheit nicht einmal hatten anbahnen können, auf dem Concil von Trient zu beantragen, daß die Väter des Concils die liturgischen Bücher reformiren und im Cultus die Einheit herstellen sollten. Das Concil betraute in der 18. Sitzung (16. Februar 1562) eine Commission mit dieser Aufgabe und überwies, da diese sie nicht hatte vollenden können, in der Schlußsitzung (4. Dec. 1563) die Vorarbeiten und die weitere Sorge für diese Angelegenheit dem Papste. Der Cardinal Bernardin Scotti und der Bischof von St. Asaph, Thomas Goldwell, beide aus der Congregation der Theatiner, zu deren Mitarbeitern auch der Cardinal Wilhelm Sirlet und der Gelehrte Julius Poggi (bei Zaccaria, Biblioth. rit. I, 116) gehörten, beendigten ihre unter Pius IV. begonnene Arbeit unter Pius V. Ihre Aufgabe war nicht, ein neues Meßbuch zu verfassen, sondern auf Grund der vaticanischen und anderer zuverlässigen Codices, sowie alter und bewährter Schriften über den Ritus, das römische Missale »entsprechend der Norm und dem Ritus der heiligen Väter wiederherzustellen«; berechtigte Erweiterungen, welche in den Gebeten und im Ritus sich ausgebildet hatten, fanden Berücksichtigung, so daß einzelne Cerimonien und Gebete, welche dem Alterthum fremd waren, in die Meßordnung endgültig aufgenommen wurden. Pius V. führte die neue Recension als Missale Romanum ex decreto Concilii Tridentini restitutum durch die Bulle Quo primum vom 14. Juli 1570 mit der Bestimmung ein, daß allenthalben, wo nicht seit 200 Jahren ein eigener Ritus bestehe, dieses Missale ausschließlich und ohne jegliche Änderung zu gebrauchen sei; die Bestimmung sollte in Rom nach einem Monate, in Italien nach drei und darüber hinaus nach sechs Monaten in Kraft treten. Auf Grund des durch die genannte Bulle anerkannten Rechtes haben die alten Orden, wie die Karthäuser, Dominicaner u. a., sich im Besitz und Gebrauch eigener Missalien erhalten; mit der ambrosianischen Liturgie blieb auch das ambrosianische Missale im Mailänder Sprengel bestehen. Diese particulären Meßbücher sind in diesem Artikel nicht weiter berücksichtigt. Trotz den in der Einführungsbulle festgesetzten Normen und Strafen haben nach den Andeutungen der Bulle Clemens’ VIII. Cum Sanctissimum vom 7. Juli 1604 die Drucker sich willkürliche Änderungen gestattet, so insbesondere in die Gesangsstücke, für welche die Recension Pius’ V. den Wortlaut der Itala beibehalten hatte, den Text der 1590 bezw. 1592 veröffentlichten Vulgata aufgenommen, die Episteln und Evangelien entstellt und letztere mit ungewöhnlichen Eingängen versehen. Clemens VIII. ließ daher durch die Cardinäle Baronius und Bellarmin, den Rubricisten Gavanti und vier Gelehrte das pianische Missale neuerdings revidiren und an einzelnen Stellen verbessern, und veröffentlichte die neue Recension durch die erwähnte Bulle im J. 1604. Unter Urban VIII. wurde sodann nach dem von Pius V. und Clemens VIII. reformirten Brevier auch das Missale einer dritten Durchsicht, welche sich hauptsächlich auf die Rubriken erstreckte, unterzogen, und mit der Bulle Si quid est vom 2. September 1634 als authentische Vorlage für jede Drucklegung publicirt. Die Mitglieder der mit der zweiten und dritten Revision betrauten Commission sind bei Merati (zu Gavantus, Thesaurus II, 2, 1 add.) aufgeführt. Während einzelne Diöcesen ihre eigenen Missalien neben dem römischen beibehielten und diesem mehr und mehr conformirten, haben vom Ende des 17. Jahrhunderts an mehrere Bischöfe in Frankreich unter dem Einflusse der Jansenisten neue Breviere und Missalien geschaffen, welche erst um die Mitte des laufenden Jahrhunderts, vor Allem infolge der Bemühungen Guérangers (s. d. Art.), durch die Wiederaufnahme der römischen Liturgie beseitigt wurden. Die Arbeiten Benedicts XIV. berührten das Rituale, Pontificale und das Cerimoniale Episcoporum, nicht aber das Missale. Umstellungen in der Reihenfolge der Messen, Einschaltungen particulärer Formulare und ähnliche Änderungen am Missale erlaubten sich deutsche Herausgeber und Verleger in der ersten Hälfte des laufenden Jahrhunderts; diese Ausgaben waren jedoch auch in technischer Hinsicht so wenig mustergültig, daß sie eine Schädigung in weiteren Kreisen nicht verursachten, obgleich einzelne Exemplare auch jetzt noch gebraucht werden. Als Leo XIII. bei der Vermehrung der Heiligenfeste sich veranlaßt sah, die Verlegung der zufällig behinderten Feste zu beschränken, erwies sich die Abänderung der allgemeinen und Special-Rubriken und damit auch eine neue Recension des Breviers und des Missale als nothwendig. Die neue Normalausgabe (editio typica) des Missale, welche fortan jedem Neudruck zu Grunde gelegt werden muß, erschien 1884, und zwar bei Fr. Pustet in Regensburg, in ehrender Anerkennung von dessen Druckleistungen. Das Missale eröffnen die Einführungsbullen Pius’ V., Clemens’ VIII. und Urbans VIII., welche in älteren Ausgaben meist nur summarisch, in der Folge aber vollständig mitgetheilt sind und so mit jedem Neudruck die für die Recension und den Druck geltenden Rechtsgrundsätze gewissermaßen von neuem publiciren; an dieselben muß sich die Approbation des Ordinarius des Druckortes anschließen. Die rubricalen Weisungen, welchen eine Reihe von Decreten der Ritencongregation vorangestellt ist, können als Einleitung des Meßbuches betrachtet werden; dieselben umfassen: 1. Die Abhandlung über die kirchliche Zeitrechnung (De anno et ejus partibus) und im Anschluß daran die Tabelle der beweglichen Feste, um welche das Kirchenjahr sich bewegt (Tabula paschalis und Tabella temporaria), sowie den Kalender der stehenden Feste; 2. die allgemeinen Rubriken, und 3. die Darstellung des Ritus der Meßfeier. Diese beiden Theile wurden von Joh. Burchard (s. d. Art. und den Katholik 1884, 314) zusammengestellt und 1502 in Rom gedruckt; dem römischen Missale sind dieselben in einer Venediger Ausgabe vom Jahre 1536 beigefügt; unter der Aufschrift Rubricae generales und Ritus servandus in celebratione Missae (Ritus celebrandi) nahm Pius V. sie in das Meßbuch auf; in den von Clemens VIII. und Urban VIII. durchgeführten Revisionen wurden sie im Titel abgegliedert und zum Theil erweitert. Daran schließen sich 4. die Weisungen, welche bei etwa vorkommenden Defecten zu beobachten sind, und 5. die Gebete zur Vorbereitung und Danksagung. Die den Körper des Missale bildenden Meßformulare, welchen die Rubricae speciales eingefügt sind, schließen sich in ihrer Abtheilung und Folge den Officien des Breviers an. Das Proprium Missarum de Tempore ordnet die Messen und die einzelnen Tage eigenen besonderen Functionen (Segnungen, Processionen) für den Verlauf des Kirchenjahres nach Sonntagen und den entsprechenden Wochen; es beginnt mit dem ersten Sonntage des Advents und schließt mit dem letzten (24.) Sonntage nach Pfingsten. Die stehenden Meßgebete, welche als Commune Missarum betrachtet werden können, nämlich der Ordo Missae mit den wechselnden Präfationen und dem Canon Missae sammt dem dem Celebranten zufallenden Cantus, sind vor dem Ostersonntag eingesetzt und symbolisiren durch diese Stellung, daß die Geheimnisse des πάσχα σταυρώσιμον und des πάσχα ἀναστάσιμον in der Meßfeier erneuert werden. Das Proprium Missarum de Sanctis beginnt mit der Vigil des Andreasfestes, nach welchem der Eintritt des Advents sich regelt, und enthält in der Reihenfolge des bürgerlichen Kalenders die Formularien und Meßtheile, welche den vorn Verlaufe des Kirchenjahres unabhängigen Festen eigen sind; die Aufschrift dieses Theiles ist darin begründet, daß dieß vorwiegend Heiligenfeste sind, zwischen denen nur wenige Feste des Herrn eintreten. In dem Commune Sanctorum sind Meßformularien für die einzelnen Klassen von Heiligen in der Rangordnung der Litanei von allen Heiligen zusammengestellt, auf welche zurückzugreifen ist, insofern für ein Heiligenfest keine eigene Messe oder eigene Meßtheile vorgesehen sind. Da in diesen Fällen in dem Proprium auf das Commune verwiesen wird, so muß bei dem Drucke des Missale das Commune vor dem Proprium hergestellt und infolge dessen auch eigens paginirt werden. Es sind in diesem Theile Messen vorgesehen für die Vigil der Apostelfeste, für die Feste der Martyrer (mit eigenen Messen für die Osterzeit), der Bekenner, und zwar solcher, welche Bischöfe oder Kirchenlehrer und solcher, welche ohne bischöflichen Charakter sind, endlich der Jungfrauen und der heiligen Frauen. Dem Commune ist angehängt die Messe für das Fest und die jährliche Gedächtnißfeier der Kirchweihe. Es folgen dann die für besondere Anlässe und Anliegen vorgesehenen Votivmessen mit 35 Orationes diversae, welche nach der Tagesoration eingelegt werden, sowie vier Formularien für Requiemsmessen nebst l2 Orationes diversae. Formularien für die öfter vorkommenden Benedictionen bilden den Schluß des Missale, dem neuerdings die Votivmessen angefügt sind, welche den seit 1883 für die freien Wochentage gestatteten Votivofficien entsprechen. – Die in einem Anhange vereinigten Messen gehören, wie die entsprechenden Officien im Anhange des Breviers, nicht der gesammten Kirche an, sondern haben einzig in solchen Bezirken Geltung, für welche sie speciell approbirt sind. Da sie nicht einzelnen Diöcesen oder Ordensgenossenschaften ausschließlich eigen sind, vielmehr in ganzen Kirchenprovinzen und Ländern Aufnahme gefunden haben, so können diese Formularien nicht wohl auf die Diöcesan- oder Ordensproprien beschränkt bleiben. Der erste Anfang eines solchen Appendix pro a1iquibus locis findet sich im 17. Jahrhundert in den Missalien der Druckerei von Plantin in Antwerpen, welche zunächst zwei oder drei für die spanischen und österreichischen Kronländer bewilligte Messen als Anhang mittheilten. Dieser Appendix wurde allmälig, zuweist aber um die Mitte des laufenden Jahrhunderts, durch die Verleger im Interesse eines größern Absatzes beträchtlich erweitert. Die Proprien sind die officiellen Zusammenstellungen der einer Diöcese oder Genossenschaft eigenen Messen, welche Formularien aus dem Anhang des Missale als Missae ex Indulto apostolico celebrandae für ihren Bereich approbirt und erlaubt sind.

Das Alterthum und das Mittelalter verwandten zur Herstellung der zum liturgischen Gebrauche bestimmten Codices das ausgesuchteste Material und statteten dieselben in Schrift und Schmuck auf das Sorgfältigste aus. Auch in der ersten Periode des Buchdruckes waren die Missalien durchweg Prachtleistungen, deren Illustrationen im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts als Muster und Vorlagen zur Ausstattung liturgischer Bücher Anerkennung fanden und großentheils wieder erneuert worden sind. Diesseits der Alpen wurde die gotische Schrift bevorzugt, bis sie gegen Ende des 16. Jahrhunderts durch die classische Schriftform, die sog. Antiqua, vollständig verdrängt wurde. Erst im 17. Jahrhundert begannen, wo nicht die Kirche selbst die Sorge für die Herstellung der liturgischen Bücher in den Händen behielt, auch die verschiedenen Neuerungen und technischen Oberflächlichkeiten: profaner Druck, Wegfallen der rothen Farbe, schlechtes Papier (Jakob, Die Kunst im Dienste der Kirche, 2. Aufl., 217). In den letzten Decennien hat jedoch ein an die kirchlichen Vorschriften sich anlehnendes erfolgreiches Streben den liturgischen Druckwerken überhaupt und dem Missale insbesondere eine des heiligen Dienstes würdige innere und äußere Ausstattung gegeben. Das reich illustrirte Missale in gotischer Schrift von Reiß in Wien (1861 u. 1872) hat, ohne den verdienten Absatz zu finden, den Sinn für künstlerische Herstellung geweckt; die seit 1875 erschienenen prächtigen Leistungen von Dessain in Mecheln, Desclée in Tournai und Pustet in Regensburg ermöglichen es auch den ärmsten Kirchen, ein würdiges Buch auf den Altar zu legen. Um auch den Einband kostbar herzustellen, wurden die hölzernen Buchdeckel bis in’s 13. Jahrhundert, wo es zu ermöglichen war, vorzugsweise mit Elfenbeintafeln ausgestattet, später mit Metallplatten (Gold- und Silberblech) überzogen, in welche Perlen und Edelsteine gefaßt waren; »als nach Erfindung der Buchdruckerkunst die Bücher häufiger und wohlfeiler wurden, überzog man die Holzdeckel der Prachtbände mit gewebten und gestickten Seidenstoffen, beschlug die Ecken mit Metall, die Mitte oft mit einer Metallvignette und fügte metallene Clausuren hinzu; Einbände in gepreßtem Leder und vergoldete Schnitte gehören erst dem 16. Jahrhundert an« (Otte, Handbuch der kirchl. Kunstarchäologie des Mittelalters, 4. Aufl., Leipzig 1868, 131). Über die Einbände, welche die Neuzeit mit gespaltenem Leder, gepreßten Decken und gestampften blechernen Beschlägen fabrikmäßig liefert, führt Jakob (a. a. O.) mit Recht Klage. Bei dem Gebrauch am Altare ist als Unterlage des Missale ein Polster, Kissen (cussinus; Rubr. gen. 20) vorgeschrieben, sowohl um das Buch zu schonen, als auch um den Text dem Auge leichter zugänglich zu machen; nach dem Cerim. Epp. (1, 12, 15) soll dessen Überzug von Seide sein und in der Farbe mit den Paramenten übereinstimmen. An Stelle dieser Unterlage ist ziemlich allgemein das praktisch mehr bewährte Pult (pulpitum, lectorile) getreten, das in Holz wie in Metall stilgerecht gestaltet werden kann. Zur Ausstattung für den Gebrauch gehört auch das Register oder Signaculum mit einer ausreichenden Zahl von Merkbändern, welche die ungestörte Recitation der einzelnen Texte erleichtern und sichern. Das Cerim. Epp. (l. c.) verlangt weiterhin, daß das Missale wie auch die von den Ministranten zu gebrauchenden Bücher, das Epistolare und Evangeliare (Lectionarium), mit Seide von der Farbe der Paramente umkleidet seien. Dieses integumentum, auch camisia genannt, ist dem Gebrauch fast ganz fremd geworden; zur Zeit des Gavanti war dieser Schmuck und dessen Bedeutung in den Kirchen, welche durch genaue Observanz sich auszeichneten, noch sehr wohl bekannt: Convestitur Missale ab accuratioribus proprio integumento coloris Missae intervenientis tum ad decorem, tum ad reverentiam in eo contentorum (Thesaurus I, 2, 1 d). Eine Anweisung, wie dieß Buchkleid herzustellen sei, hat der hl. Karl Borromäus in seiner Instructio fabricae et supellectilis eccl. lib. 2 (Acta Eccles. Mediol., Ausg. von 1599, 629) gegeben.

[K. Schrod.]


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