Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Monogramm Christi, ein Buchstabensymbol für den Namen Christi. Die Abkürzung eines Wortes oder Namens und selbst die Verbindung zweier Worte durch Verschlingung einzelner Buchstaben derselben ist uralt und findet sich auf heidnischen, jüdischen und christlichen Monumenten im Orient wie im Abendlande. Um nur ein römisches Beispiel zu erwähnen, das auch auf christlichen Denkmälern vorkommt, so ist der dem Kämpfer zugerufene, von den Christen im übertragenen Sinn aufgefaßte Wunsch Palma feliciter in das Monogramm PLFE gefaßt, in welchem man die Buchstaben P L F E wiederfindet. – Für den Namen des Heilandes erscheint auf den altchristlichen Monumenten eine doppelte Form des Monogramms, nämlich 1. die Verbindung der beiden ersten Buchstaben der griechischen Namen Ἰησοῦς Χριστός, also Ι und Χ, indem man das Ι senkrecht über das Χ legte, und 2. die Verbindung der beiden ersten Buchstaben des Namens ΧΡιστός, indem man das Ρ so auf das Χ legte, daß die obere Hälfte des Ρ über dem Χ hervorragte. Damit ergeben sich also die beiden Monogramme: IX XR In einer Zeit, wo man reale Kreuzigungsbilder nicht darstellen durfte, ersetzte man sie durch Sinnbilder und Zeichen, zunächst dadurch, daß man den Fisch (ἰχϑύς), das Symbol Christi, mit dem Kreuzanker oder dem Dreiack in Verbindung und Beziehung setzte; später, indem man durch das Monogramm noch einen Querstrich legte, also statt des Leibes den Namen des Herrn mit dem Kreuze verband. So entstand das sternförmige IX und das XR Bei dem ΧΡ-Monogramm aber ließ sich der Hinweis auf das Kreuz in einfacherer Weise auch dadurch erreichen, daß man das Χ quer stellte und nun den Rundhaken des Ρ an das (verlängerte) obere Ende des aufrechtstehenden Χ-Balkens anfügte. Dadurch erhielt man die Form des XR-Monogramms. Das sind im Wesentlichen die drei Typen des Namenszuges unseres Herrn, wie sie auf unzähligen Monumenten vom 3. Jahrhundert ab bis tief in das Mittelalter uns begegnen. Eine beliebte Zuthat zu dem ΧΡ-Monogramm in beiden Formen war das Α und ω (Offb. 1, 8). Auf andere Verbindungen, daß man z. B. das Wort ΙΧΘΥϹ in die Zwischenräume des XR einsetzte, oder das Monogramm in einen Kreis oder Kranz faßte, soll nur hingewiesen werden, ebenso wie darauf, daß schon seit der Mitte des 4. Jahrhunderts das Ρ auch umgekehrt P im Monogramm auftritt und daß vom 5. Jahrhundert an die Halbkreislinie des Ρ nach rechts unten ausgeschweift wird und der Gestalt des untern Hakens eines lateinischen R nahekommt: XR – Eine Verschlingung der beiden Buchstaben ΧΡ ganz in Form eines Christus-Monogramms kommt auch auf heidnischen und schon vorchristlichen Monumenten vor, z. B. auf Münzen, auf Amphoren (vgl. Corpus inscript. lat. IV, n. 2878–2880, vgl. p. 265 nota; de Rossi, Bullettino di arch. crist. 1890, 36), wo es dann Abbreviatur für χρυσός oder für ein Weinmaß u. dgl. ist.

In Beantwortung der Frage, wann die verschiedenen Formen des Monogramms zuerst erscheinen und bis wie lange sie im Brauche waren, treten uns zwischen den verschiedenen Ländern gewisse Abweichungen entgegen, so zwar, daß in dem einen Lande ein Monogramm sich früher auf den datirten oder annähernd datirbaren Monumenten zeigt als in einem andern, und dasselbe gilt in Beziehung auf den terminus ad quem, eine Verschiedenheit, die nicht nur zwischen dem Orient und Occident, sondern selbst zwischen einzelnen Provinzen, z. B. Italien, Afrika, Gallien, im Auge zu behalten ist, und die unter anderem in der größern oder geringern Freiheit ihren Grund hat, mit welcher das Christenthum sich in den verschiedenen Ländern entwickeln und mit seinem Bekenntnisse offen hervortreten konnte.

Die Auffassung, daß das Monogramm sich aus dem Kreuze entwickelt habe (vgl. Kraus, R.-E. II, 227), läßt sich nicht festhalten. Das ältere auf den Monumenten erscheinende Zeichen ist allerdings das Kreuz, bald mehr, bald minder verhüllt; allein nicht aus ihm, sondern neben ihm ersteht zunächst das ΙΧ-Monogramm bereits im 3. Jahrhundert, dann das ΧΡ-Monogramm seit dem Anfange des 4. Jahrhunderts, und nun allerdings tritt die Verschlingung des Kreuzes mit dem ΧΡ zumal in der jüngern Form des XR hervor, das uns auf einer datirten römischen Inschrift zuerst 355, in Gallien erst 400 begegnet. Damit soll nicht gläugnet sein, daß man auch in dem ΧΡ-Monogramm das Kreuz verdeckt sehen mochte; ließ man letzteres ja offen hervortreten, indem man durch das Monogramm XR einen Querstrich hindurch legte, was uns zuerst auf einer römischen Inschrift vom Jahre 347 oder 348 gegegnet. Allein was man in beiden Monogrammen zunächst sah, war nicht das Kreuz, sondern der Name des Erlösers. Monogramm und Kreuz stehen neben einander auf dem Grabstein Alexanders im Museum des Campo santo aus der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts. Beides, Kreuz und Monogramm, hieß bei den alten Gläubigen das signum Christi, τὸ κυριακὸν σημεῖον, wie es für das Monogramm auf Inschriften durch die Hinzufügung der Worte SIGNV CHRISTI erwiesen ist. Aber während die Monogramme zumal vom 4. Jahrhundert an in unzähligen Beispielen erscheinen, bleibt das offene Kreuz stets eine große Seltenheit auf den Grabsteinen. Auch auf anderen Gegenständen, z. B. auf den Lampen, kommt es weit weniger und da erst später vor als die Monogramme; ebenso ist auf den Münzen Constantins und seiner nächsten Nachfolger das Monogramm und nicht das Kreuz dargestellt. Erst im Laufe des 5. Jahrhunderts tritt das Kreuz allmälig häufiger hervor und verdrängt dann bis zum Ausgange des 6. Jahrhunderts fast vollständig die Monogramme. Länger als in Rom hält sich in Afrika, in Oberitalien, in Gallien und im Morgenlande das XR, während hinwiederum das offene Kreuz früher und häufiger in Afrika und im Orient auf den Monumenten erscheint als in der Hauptstadt (vgl. Kraus, R.-E. II, 223 u. 445 f.).

Daß nicht erst die bekannte Erscheinung Constantins die Christen mit dem Monogramm XR und dessen Deutung bekannt gemacht habe, sondern daß es schon früher angewendet worden, kann kaum einem Zweifel unterliegen. Allein wenn es früher nur im Context der Inschrift, z. B. VIVAS IN ☧ (Lebe in Christo) erscheint, so tritt es factisch erst seit dem entscheidenden Siege an der milvischen Brücke isolirt auf.

In der alten christlichen Kunst erscheint die Form Ι und Χ im Verhältniß zu den anderen im Ganzen zur vereinzelt, und selbst da ist es nicht immer zweifellos, ob in dem Zeichen der Namenszug Jesu Christi oder ein Stern zu sehen ist. Bald allein, bald in einem Kranz kommt das XR einige Male auf Grabsteinen und Sarkophagen, wie auf Mosaiken, häufiger auf altchristlichen Lampen vor. – Das constantinische Monogramm wie dessen spätere Form XR, beide gern mit dem Α und ω verbunden, begegnen uns auf Cömeterialsteinen, wie auf Gemälden der Katakomben und auf den Sarkophagen im 4. und 5. Jahrhundert häufig, bald isolirt, bald zwischen Lämmern, Tauben oder Pfauen, in einen Kranz gefaßt und auf der Spitze des Kreuzes stehend. In den Mosaiken der Basiliken behauptet das Monogramm gern den Höhepunkt in der Blumendecoration des Triumphbogens; an öffentlichen Monumenten erscheint es an den Marmor-Transennen der Kirchen, an der Façade von Gebäuden, an Thüren und auf Grenzsteinen. In den Gegenständen der Kleinkunst findet sich das Monogramm auf Lampen, auf Münzen und Medaillen, auf Ringen und geschnittenen Steinen, auf den Goldgläsern, auf Ziegelstempeln, auf allerlei Hausgeräthe; überall brachten die alten Gläubigen den Namen des Herrn an, um das Wort des Apostels wahr zu machen: Alles, was immer ihr thut, im Worte oder im Werke, thut Alles im Namen des Herrn Jesus (Col. 3, 17).

Um noch auf einige interessante Besonderheiten hinzuweisen, so ist auf einigen Grabsteinen als Sinnbild das Schiff dargestellt, welches auf das Monogramm Christi wie auf sein Ziel lossteuert; einmal fährt das Schiff nach einem Leuchtthurm, in welchem der Namenszug Christi mit anderen Buchstaben in der Weise verbunden ist, daß das Ganze aufgelöst das Wort ΑΟΡΑΤΑ gibt. – Wiederholt, zumal auf den Sarkophagen, trägt Petrus einen Stab über der Schulter, der in das Monogramm Christi ausläuft. – Verbunden mit Scenen aus dem Leiden des Erlösers steht das Monogramm im Siegeskranze in der Mitte über dem offenen Kreuze. – Auf dem Throne der Glorie nimmt es die Stelle der Figur Christi ein; es erscheint in dem Sterne, welcher den Weisen zum Stalle von Bethlehem voranleuchtet, u. s. w. – Man könnte noch die Frage aufwerfen, ob man im Abendlande die Buchstaben Ρ und Χ nicht auch als lateinische Buchstaben gelesen und in ihnen das Monogramm für Pax gesehen habe; eine nahe liegende Annahme, da das pax tecum, in pace und ähnliche Formeln des Friedensgrußes unzählige Male auf Inschriften vorkommen. Thatsächlich begegnet uns nicht nur die Formel IN ☧ ET IN PACE, sondern auch I☧N, wo das gebräuchliche IN PACE ersetzt ist durch das IN ☧ (in Christo). Jedenfalls ist das ☧, wie es an der Spitze bischöflicher Unterschriften der karolingischen Zeit begegnet, nicht mehr der Namenszug Christi, sondern das Zeichen für PAX, da die Bischöfe mit pax vobis grüßten.

Im Mittelalter trat in der griechischen Kunst an die Stelle des Monogramms die Abkürzung ΙϹΧϹ, so auf römischen Mosaiken, die von griechischen Künstlern angefertigt wurden, auf Gemälden und auf anderen Gegenständen, z. B. der Hostie. – Der hl. Bernardin von Siena trug bei seinen Predigten den Namenszug Jesu in der Form ihs (ihs), an dessen Stelle später das IHS trat, wobei die beiden ersten Buchstaben eigentlich die griechischen Buchstaben des Wortes ΙΗσοῦς sind, während man sie heute vielfach als Abbreviatur für In Hoc Signo (vinces) oder als Anfangsbuchstaben der Worte Jesus, Heiland, Seligmacher auffaßt.

[de Waal.]


Zurück zur Startseite.