Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Mord (homicidium voluntarium) ist die vorsätzliche und widerrechtliche Tödtung eines Menschen. Der objective Thatbestand des Verbrechens setzt einen lebenden Menschen voraus. In subjectiver Hinsicht muß die Tödtung als solche beabsichtigt gewesen sein, andernfalls liegt nur ein Todtschlag (homicidium involuntarium) vor. Die Tödtung ist kein Verbrechen, wenn sie von Rechtswegen erfolgt, nämlich im Stande ächter Nothwehr, auf Befehl der Obrigkeit, also im Kriege und bei Handhabung des Strafrechts. Der Mord kann ein qualificirter sein, entweder durch das Verhältniß, in welchem der Getödtete zum Mörder stand: Kindes-, Eltern-, Gatten-, Herren-, Königs-, Priestermord, oder durch Umstände der mörderischen Handlung: Raub-, Meuchel-, Banditen-, Giftmord u. s. w. Regelmäßig ist die Strafe des vollbrachten Mordes von Alters her die Todesstrafe. Bei niederer Culturstufe war der Mörder der Blutrache der Familie des Getödteten überlassen; sonst trat für besondere Fälle des qualificirten Mordes eine verschärfte Todesstrafe ein. Hiervon ist das moderne Strafrecht überall zurückgekommen, und es handelt sich jetzt nur darum, ob das Gericht bei einfachem Mord dort Milderungsgründe annehmen will, wo die Todesstrafe nicht die einzige Strafe des Mordes ist.

I. Das mosaische Recht fordert den Tod des Mörders und schließt Ausgleichung durch Zahlung einer Geldsumme aus (Ex. 21, 12. Lev. 24, 17. Num. 35, 16–21). Wird der Mörder nicht gefunden, so müssen die Ältesten der Stadt, in welcher der Mord geschehen, durch die Tödtung einer jungen Kuh Volk und Ort entsühnen (Deut. 21, 1–9). Auf Todtschlag stand nicht die Strafe des Todes; war aber der Todtschläger noch nicht in eine Asylstadt gelangt, so konnte der nach der Sitte Blutrache übende Verwandte des Erschlagenen ihn ungestraft tödten (Num. 35, 25 ff. Deut. 19, 6).

II. Nach römischem Recht wurde Mord, auch schon die Vorbereitung dazu, gemäß der lex Cornelia de sicariis et veneficis mit Deportation bestraft; Leute niedrigen Standes wurden meist hingerichtet, den Thieren vorgeworfen u. ä. (L. 1; 3, § 5, 7; 16 Dig. 48, 8). Mit dem Tode wurde der Verwandtenmord bestraft nach der lex Pompeja de parricidiis (L. 1 Dig. 48, 9). Die alterthümliche Verschärfung der Todesstrafe für Elternmord (poena culei: L. 9, § 1 Dig. 48, 9; der blutig gegeißelte Verbrecher wird mit einem Hund, einem Hahn, einer Viper, einem Affen in einen Sack genäht, in’s Meer geworfen oder den wilden Thieren vorgeworfen) wurde durch Constantin auch auf Kindsmord ausgedehnt (L. un., Cod., 9, 17). (Vgl. Brunnenmeister, Das Tödtungsverbrechen im altröm. Recht, Leipzig 1887.)

III. Nach dem germanischen Recht der Urzeit zählte der Mord, d. i. die heimliche Tödtung, zu den sog. Neidingswerken, welche mit dem Opfertod des Schuldigen gesühnt wurden. An Stelle des Todes trat später vielfach eine Ablösung durch Zahlung des Wergeldes (Lösung des Halses). Die Kirche bekämpfte die Tödtung des Verbrechers, nicht immer mit günstigem Erfolge. Die nicht zu den Neidingswerken zählenden Übelthaten waren der Auseinandersetzung der verletzten Partei mit dem Verbrecher überlassen. Diese Auseinandersetzung konnte durch Aussöhnung beider Theile sich vollziehen oder durch Klage auf Friedloserklärung, d. i. Ächtung des Schuldigen, oder durch Privatrache in der Fehde. Für die Tödtung mußten die Erben des Getödteten in der einen oder andern Weise Genugthuung heischen. Die Fehde als Blutrachte ging auch gegen die Verwandten des Thäters. Die Übung des Fehderechtes einzuschränken, war von Anfang an das Ziel des christlichen Königthums. Als wirksamstes Mittel erschien es, die Pflicht der Fehdeberechtigten zu statuiren, die vom Verbrecher angebotene Aussöhnung anzunehmen und das Maß dieser Sühneleistung gesetzlich zu fixiren. Dieß ist der dem Compositionssystem zu Grunde liegende Gedanke. Die Zahlung des Wergeldes für den Erschlagenen sühnte also das Verbrechen den Verwandten gegenüber, eine Fehde war ausgeschlossen; deren Gegentheil, die Urfehde, mußte beschworen werden, und als Sühne für die verletzte öffentliche Ordnung wurde das Friedensgeld (freda) an den Gerichtsherrn gezahlt. Zugleich hatte das Wergeld auch die Bedeutung eines gesetzlich bestimmten Schadenersatzes und mußte daher als Äquivalent des Getödteten auch bei nicht doloser Tödtung gezahlt werden. Im Anschlusse an burgundisches und westgotisches Recht bestimmte 595 Childebert II., daß bei freventlicher, völlig unbegründeter Tödtung eine Ablösung ausgeschlossen sei und der Mörder mit dem Tode bestraft werden solle. Doch griff die Änderung nicht durch, und erst durch das Reichs-Landfrieden-Gesetz Friedrichs I. (1152) wurde der Mord als Friedensbruch für ein todeswürdiges Verbrechen erklärt. Nur rein unabsichtliche Tödtungen wurden noch durch Vereinbarungen des Thäters mit der Familie des Getödteten gesühnt, sonst wurde der Mörder nach durchgeführtem peinlichen Verfahren durch das Schwert oder den Strang hingerichtet. In einigen Fällen traten grausame Verschärfungen ein. Dieser Zustand wurde 1532 durch die peinliche Halsgerichtsordnung Karls V. bestätigt. (Vgl. Wilda, Das Strafrecht der Germanen, Halle 1842, 686–728; Schröder, Lehrb. d. deutschen Rechtsgeschichte, Leipz. 1889, 70–78. 330–346. 702 bis 708, woselbst reiche Literaturangaben.) Über die fernere Entwicklung und das geltende Recht vgl. die Darstellungen des gemeinen deutschen Strafrechts von Berner, 15. Aufl., Leipz. 1888, § 179 bis 184; Schütze, 2. Aufl., Leipz. 1874, 372–385.

IV. Der Abscheu der Kirche vor dem Verbrechen des Mordes, dieser schreienden Verletzung des fünften Gebotes im Decalog, braucht nicht erst erwiesen zu werden. Der Mord zählte zu den Capitalsünden, deren Absolution nach der strengen alten Disciplin vieler Kirchen gar nicht oder nur einmal gewährt wurde. Nach den in die Rechtssammlungen übergegangenen Bestimmungen der Synode von Ancyra 314, c. 22. 23, sollte der vorsätzliche Mörder mit lebenslänglicher Buße bestraft werden (c. 44, Dist. 50), der unfreiwillige Todtschläger 7 oder wenigstens 5 Jahre Buße thun (c. 42, Dist. 50). Daß der Giftmörder erst auf dem Todbette die Communion erhalten solle, schärft die Synode von Lerida 546, c. 2, ein, und die Synode von Reims 625, c. 9, verfügte dasselbe bei wissentlichem vorsätzlichen Mord. Die Pönitentialbücher bestimmen in reicher Casuistik nach der Schwere des Falles und nach dem Maße der Überlegung des Thäters die demselben aufzulegenden Bußen. Die Ansätze schwanken zwischen 15 Jahren für den zum Mörder gewordenen Bischof (c. 41, Dist. 50) und den parricida, den Mörder eines Verwandten, der Frau, des Priesters (Poen. Vallicell. II, 3. 6), und 40 Tagen für die auf Befehl des Herrn vollzogene Tödtung (Poen. Theodor. L. I, c. 4, § 6), für die nicht nothwendige Tödtung des ertappten Räubers oder Diebes (Burchardi Corrector c. 26; auch c. 2, X 5, 12), sowie für Mord eines Nichtchristen (c. 40, Dist. 50). Der Mord der Gattin und des Herrn (senior) soll nach Burchardus (Corr. c. 23) mit lebenslänglicher Buße belegt werden (c. 7. 8, C. XXXIII, q. 2). Elternmord wird mit zehnjähriger Buße bestraft (c. 15, C. XXXIII, q. 2); auffallend milde läßt die Synode von Worms 868, c. 30, den Vater- und Brudermörder schon nach zweijähriger Buße zur Communion zu, während c. 26 dem Priestermörder zehn Jahre dictirt. Im Anschluß an die Synode von Tribur 895, c. 54–58, war eine Bußzeit von 7 Jahren die regelmäßige Strafe des Mordes (s. Burchard. l. c. 1. 153). Passend ist in den Decretalen (c. 6, X 5, 12) verfügt, daß die Dauer der Buße nach den objectiven wie subjectiven Umständen der That verschieden zu bemessen sei. Wer die Buße nicht übernahm oder nicht leistete, wurde excommunicirt (c. 18, C. XXIV, q. 3). – Das canonische Recht straft überall nur den vollbrachten Mord, beim Assassinat allein sowohl die That als auch den Versuch, und zwar hier mit der von selbst eintretenden Excommunication (c. 1 in VI 5, 4). Nach geltendem Recht tritt auch in diesem Falle die Censur nicht mehr von selbst ein, und es ist selbst die Verhängung der Excommunication (ferendae sententiae nach c. 1, X 5, 12) längst außer Gebrauch gekommen. Dagegen zählt regelmäßig die Sünde des Mordes zu den dem Ordinarius vorbehaltenen Fällen.

Geltendes Recht sind gewisse Strafen für qualificirten Mord geblieben, und zwar a. nach dem sog. privilegium canonis (c. 29, C. XVII, q. 4) verfällt der Mörder eines Clerikers oder einer regularen Person (Mönch, Nonne, Novize) in die dem Papste reservirte Excommunication (Censurenbulle von 1869, II, 2). – b. Der Mord des Rectors einer Kirche durch bei der Kirche angestellte Personen, durch Patron oder Vogt hat von selbst Privation aller Rechte und Irregulariätt der männlichen Nachkommen bis zum vierten Grad zur Folge (C. 12, X 5, 37). – c. Die Mörder eines Bischofs sind dem päpstlich reservirten Anathem verfallen, sind aller Lehen der Kirche des gemordeten Bischofs von selbst verlustig geworden, ihre Descendenten im Mannesstamme sind bis zur zweiten Generation unfähig, Beneficien in der Diöcese des Ermordeten zu erwerben (c. 1 Clem. 5, 8); die Absolution von der Censur ist dermalen noch speciell dem Papste reservirt (Censurenbulle von 1869 I, 5). – d. Der Mord eines Cardinals hat dazu gleich der Majestätsbeleidigung die Infamie des Schuldigen und seiner männlichen Descendenten zur Folge (c. 5 in IV 5, 9). Von der Absolution der von selbst eintretenden Excommunication gilt das soeben unter c. Bemerkte. – Der des Mordes überwiesene Cleriker ist zu deponiren (c. 4. 12, Dist. 50). Von selbst tritt der Pfründenverlust nur in dem unter b. erwähnten Falle ein. – Aus der Scheu, welche die Kirche vor dem Blutvergießen hat, und aus dem Gewichte, welches sie auf die Herzensmilde ihrer Diener legt, erklärt sich, daß das Kirchenrecht bezüglich der Irregularität, welche eine Folge des homicidium ist, zwischen Mord, Todtschlag und fahrlässiger Tödtung nicht unterscheidet, sondern nur die rein casuelle, unvorhergesehene Tödtung, sowie erst spät die Tödtung aus ächter Nothwehr (c. un. Clem. 5, 4) ausnimmt (s. d. Art. Irregularität und Scherer, Handb. des Kirchenrechts I, Graz 1886, 350 ff.). – Der Gattenmord wirkt als relatives trennendes Ehehinderniß, wovon nie dispensirt wird (s. d. Art. Ehehindernisse). – Über die Tödtung bereits geborener Kinder kennt das canonische Recht keine speciellen Bestimmungen (vgl. tit. X, 5, 10: de his qui filios occiderunt), denn c. 1 eod. wonach die Mutter, welche aus Zorn ihr Kind getödtet hat, im Kloster lebenslängliche Buße thun soll, statuirt keine Rechtspflicht. – Über die Tödtung noch ungeborener Kinder s. d. Art. Procuratio abortus; über Selbstmord s. d. Art. – (Vgl. München, Das canon. Gerichtsverfahren u. Strafrechte II, Köln und Neuß 1866, 364–428; Kath, Grundriß des can. Strafrechts, Berlin und Leipzig 1881, 81–87.)

[R. v. Scherer.]


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