Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Münzer, Thomas, ein revolutionärer Schwärmer des 16. Jahrhunderts, wurde um 1490 zu Stolberg am Harz geboren, studirte zu Wittenberg, erlangte dort die Magisterwürde und trat in den geistlichen Stand. Münzer zeigte frühzeitig eine starke Abneigung gegen den Adel, was man daraus erklärte, daß sein Vater von einem Grafen Stolberg zum Galgen verurtheilt worden sei. Münzer haßte auch die scholastische Methode in der Theologie und studirte mit desto größerem Eifer mystische Schriften, vorzüglich die von Tauler und Joachim. Da er sie nicht durchdrang, wurden seine Begriffe verwirrt und seine Einbildungskraft erhitzt; hierin ist wohl der nächste Grund seiner bald hervortretenden Überspannung und Schwärmerei zu suchen. Mit dieser pseudomystischen Richtung, die sein ungestümer Charakter und der Drang, durch Thatkraft hervorzuleuchten, noch verschlimmerten, trat er in’s amtliche Leben, wurde zuerst Collaborator in Aschersleben, dann Kaplan in Halle, hierauf Lehrer zu Braunschweig, 1520 erster Prediger zu Zwickau. Schon in seiner Antrittsrede eiferte er hier stark gegen das Papstthum und das Klosterleben. In der Folge mußte er die Stadt wegen der Mitanstiftung der daselbst ausgebrochenen Unruhen verlassen. In Wittenberg wollte ihn Luther nicht als Lehrer anerkennen; so wandte sich Münzer in das husitisch aufgeregte Böhmen, fand jedoch dort den sicher gehofften Anklang keineswegs; er verließ deßhalb Böhmen und war, nachdem er eine Zeitlang unstät umhergeirrt war, sehr wohl zufrieden, in dem kursächsischen Flecken Alstedt als Prediger der neuen Lehre angestellt zu werden, wie ihm denn auch Melanchthon vorhält, daß er trotz aller Prahlerei mit Furchtlosigkeit dennoch sich beim Kurfürsten von Sachsen ein »Nest«, d. i. Schutz gesucht habe. Schon zu Aschersleben und Halle hatte Münzer gegen den Herzog Ernst, Erzbischof von Magdeburg, eine Verbindung angezettelt, welche so wenig Bestimmtes auch über ihre Zwecke berichtet wird, doch sicherlich gegen die kirchliche Auctorität im Allgemeinen gerichtet war. In Zwickau verband er sich mit Leuten, welche sich für Propheten ausgaben und die Kindertaufe verwarfen. Hier charakterisirte sich Münzer bereits als das künftige Haupt der socialen Revolution. In Alstedt predigte er tapfer und gewann Zulauf; er gerirte sich als Propheten, welchem der heilige Geist Visionen eingegeben habe, wie solches auch sein Freund Storch von sich aussagte. Im Verein mit seinem Gesinnungsgenossen, einem ehemaligen Carmeliten Haferitz, stiftete Münzer eine Gesellschaft, welche sich verpflichtete, »einander beizustehen und ein neues Reich von lauter Frommen und Heiligen auf Erden zu errichten«. Er hielt sich, wie ehemals die Israeliten, von Gott berufen, die gottlosen Canaaniter (d. i. die Katholiken) auszurotten. Demgemäß gab Münzer den Mitgliedern dieser sog. christlichen Genossenschaft, die sich in eigene Verzeichnisse eintragen mußten, als Pflicht auf, nöthigenfalls den Weg der Verfolgung und Gewalt gegen die »Feinde des Evangeliums« zu beschreiten. Auf diesem Wege ging er selbst tapfer voraus. An der Spitze einer gottlosen Rotte zog Münzer nach dem nahen, viel besuchten Wallfahrtsorte Malderbach, ließ dort alle Bilder zertrümmern und die Kirche als eine »Spelunk des Teufels« niederbrennen. Ungescheut predigte er nun nach Art der späteren Jacobiner die Grundsätze der Gleichheit und Brüderlichkeit; alle Fürsten, gleichviel ob katholische oder der neuen Lehre ergebene, müßten sich dem gemeinsten Christen gleichstellen. Wir Menschen, lehrte Münzer, haben alle einen gemeinsamen Vater in Adam; woher anders kommt nun dieser Unterschied in den Ständen und den Gütern als von der Tyrannei, welche die Großen in die Welt eingeführt haben? Wofür seufzen wir in der Armut, während jene in den Lüsten sich wälzen? In Briefen an Obrigkeiten und Städte sagt er rund heraus, das Ende der Unterdrückung der Völker und der Tyrannei der Großen sei gekommen; er habe von Gott die Sendung erhalten, alle Tyrannen auszurotten und über die Völker rechtschaffene Leute zu setzen; das Recht des Schwertes sei bei der Gemeinde und nicht bei den Fürsten. Münzers Stellung zu Luther war Anfangs zweideutig und schwebend, so daß Luther darüber unbehaglich war und beklagte, daß Thomas das »Seinige« (Luthers Lehre) einerseits lobe, andererseits es aber wieder verachte. Luther »kann deßhalb den Geist des Propheten Thomas nicht leiden«; »er redet ihm in ungereimten, nicht schriftmäßigen Worten«, »daß man glauben sollte, er (Thomas) sei verrückt oder berauscht«. Allein dem Volke gefiel Münzers Freiheitsevangelium, und so gewann er bald Anhang. Dieß erbitterte Luther sehr, besonders da Münzer auf Luther ebenso schmähte wie auf den Papst und dem Volke laut sagte, Luther habe wohl die Gewissen erlöst von der Macht des Papstes, halte sie aber unter dem Joche fleischlicher Freiheit gefesselt und enthalte ihnen die Freiheit des Geistes vor; er habe sich nur deßhalb gegen den Papst erhoben, um sich selbst an dessen Stelle zu setzen; auch sei er ein Schmeichler der Fürsten geworden. Luther drang auf ein Verhör Münzers in einem Schreiben an den Kurfürsten Friedrich, worin er sich sehr beschwert, daß »der Satan zu Alstedt« auf seinem (Luthers) »Mist sitze und ihn anbelle«. Luther mahnt auch in einem Schreiben an den Rath und die Gemeinde zu Mühlhausen, wohin Münzer sich zu begeben im Begriffe stand, vor »diesem falschen Geist und Propheten in Schafskleidern, der inwendig ein reißender Wolf« sei, auf der Hut zu sein. Seine Lehre ist ihm »ein tolles Ding«, wie bald an den Tag kommen werde. Allein die Mühlhäuser kehrten sich nicht an Luthers Warnung, sondern schlugen sich zu Münzer. Jetzt wandte sich Luther an die sächsischen Fürsten und rieth denselben, Münzer zwar predigen zu lassen, ihn aber, sobald er die Faust erhebe, aus dem Lande zu jagen. Um etwas zu thun, ließ Kurfürst Friedrich Münzer nach Weimar vorladen; hier zog sich derselbe aber durch Läugnen aus der Schlinge. Indeß ward es ihm doch zu enge in Alstedt; er trat eine Reise an, kam gen Basel, wo er mit Öcolampadius und Hugowaldus bekannt wurde, »schweifte durch Schwaben, Franken und Thüringen, wurde vom Rathe von Mühlhausen vertrieben, zu Fulda in den Thurm geworfen und kam zuletzt nach Nürnberg, wo es ihm nicht viel besser ging«; der dortige Magistrat gab ihm, ehe er sich festsetzen konnte, das consilium abeundi. Doch erließ Münzer von hier aus eine fulminante Epistel an Luther, worin er diesem vorwirft, er wolle ihm die Hand stillhalten, »auch im Druck zu schreiben«; er sei ein neuer Papst und schenke seinen Fürsten Klöster und Kirchen, daß sie zufrieden seien. Dabei erhält Luther nicht die feinsten Prädicate: hochgelehrter Bube, ausgeschämter Mönch, Doctor Lügner, Wittenbergischer Papst, Jungfer Martin etc. Luther nannte diese Epistel die »Alstedter Furie« und sorgte dafür, daß fast sämmtliche Exemplare mit Beschlag belegt und vernichtet wurden. Während Luther bei Vielen im Volke verlor, stieg Münzers Ansehen wieder in die Höhe; er setzte sich zum zweiten Mal in Mühlhausen fest. Die Bürger, welche die von einem Sippen Münzers, dem Schwärmer Pfeiffer, angeführten Pöbelhaufen zurückwerfen sollten, gingen selbst zu diesen über; der Rath mußte capituliren und Münzer gewähren lassen, sogar versprechen, ohne der Gemeinde Wissen und Willen nichts zu richten und zu schlichten. Auf Münzers Betrieb wurde 1525 in Mühlhausen der alte Rath ab- und ein neuer eingesetzt. Was dem rohen Haufen am besten gefiel, war die Idee der Gütergemeinschaft, welche Münzer predigte, und welche nunmehr zur Wirklichkeit werden sollte. Wie aber Münzer dieselbe verstand, zeigte er bald: er zog die Klostergüter ein und behielt für sich selbst das Beste, z. B. den reichen Johanniterhof. Pfeiffer, ein ausgesprungener Mönch, vereinigte seine Horden mit dem Anhange Münzers; vorher aber stattete er mit seinem Haufen dem nahen Eichsfelde einen räuberischen Besuch ab, plünderte und zerstörte Kirchen und Klöster, verjagte oder ergriff »die Pfaffen und Edelleute« und kam dann mit reicher Beute beladen nach Mühlhausen. Die Obrigkeit war vertrieben, die Gewalt in den Händen der Meuterer. Gerade langte auch die Nachricht an, daß in Franken und Schwaben der Aufruhr im besten Gange sei, daß von 40 000 Bauern bereits über 100 Schlösser und viele Klöster geplündert und zerstört worden seien. Dieß machte dem fanatischen Münzer Muth. Er sammelte seine Anhänger in Frankenhausen und Mühlhausen, Langensalza und Tennstedt, sowie die Bergleute im Mansfeldischen, und rüstete sie eilig zum Kriege. Endlich schlossen mehrere zunächst bedrohte Fürsten, der Kurfürst Johann und Herzog Georg von Sachsen, der Landgraf Philipp von Hessen und der Herzog Heinrich von Braunschweig ein Bündniß und traten mit einer nicht sehr starken Macht von Fußvolk und Reiterei den Aufrührern entgegen, die, 80 000 Mann stark, eine sehr vortheilhafte Stellung auf einer Anhöhe bei Frankenhausen eingenommen hatten, aber mit Geschütz und Munition schlecht versorgt waren. Noch einmal versuchten die Anführer der fürstlichen Truppen aus Mitleid gegen das verführte Volk den Weg der Güte und boten ihnen Gnade an, wofern nur Münzer und die Rädelsführer ausgeliefert würden. Allein Münzer fanatisirte seine Schlachtopfer auf’s Neue durch eine wüthende Anrede und verhieß ihnen einen vollständigen Sieg; kein feindliches Geschoß werde ihnen schaden, er werde alle Geschosse mit seinem Ärmel auffangen! Ein eben am Himmel erscheinender Regenbogen ward von Münzer als das sichere Himmelszeichen angegeben, daß nun losgeschlagen werden müsse. Ohnehin hatte sich Münzer durch die Ermordung eines Edelknaben, welchen die Fürsten an die Bauern gesandt hatten, jeden friedlichen Ausweg abgeschnitten. Die Aufrührer gingen am 15. Mai 1525 unter dem Rufe »Komm, heiliger Geist!« in’s Schlachtgetümmel, wehrten sich zwar hartnäckig, wurden aber so völlig geschlagen, daß ihr Verlust 5000–7000 Mann betrug. Münzer floh nach Frankenhausen und versteckte sich in einer Bodenkammer, ward aber entdeckt, in Untersuchung genommen und nach Heldrungen gebracht. Hier gab er auf der Folter seine Mitverschworenen an. Darauf ward er in’s Lager nach Mühlhausen abgeführt und nebst Pfeiffer und 24 anderen Rebellen enthauptet. Im Anfang seiner Gefangenschaft zeigte sich Münzer noch trotzig; später aber gestand er reuig seine Frevelthaten, legte nach katholischem Ritus die Beicht ab und empfing das Abendmahl unter Einer Gestalt. Auf dem Hingange zum Schaffot befiel ihn ein so großer Schrecken, daß er das apostolische Glaubensbekenntniß nicht mehr allein beten konnte, sondern daß der Herzog von Braunschweig es ihm vorbetete. Mit dem Tode Münzers erlosch in Deutschland die von ihm herstammende Secte der Wiedertäufer nicht, eine Secte, die wegen ihres gewaltthätigen, blutdürstigen Charakters bei Katholiken und Protestanten gleich verhaßt geworden war; zum Glück hatte sie jedoch in späterer Zeit trotz ihres steigenden Wachsthums nicht mehr wie früher den furchtbaren Einfluß auf das politische Leben, dessen Existenz durch die anabaptistischen Rasereien im Anfange förmlich bedroht war. (Vgl. Strobel, Leben, Schriften und Lehren Thomä Müntzers, Nürnberg 1795; L. v. Baczko, Müntzers Charakter und Schicksale, Halle und Leipzig 1812; Seidemann, Th. Münzer, eine Biographie, Dresden und Leipz. 1842; Ders., Ende des Bauernkrieges in Thüringen, in den Neuen Mitth. d. Thür. sächs. Vereins XII; F. A. Holzhausen in A. Schmidts Histor. Zeitschr. IV; Marx, Th. Münzer und Heinrich Pfeifer, Göttingen 1889.)

[Düx.]


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