Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Nägel, die heiligen, welche zur Kreuzigung des Herrn gedient haben, gehören gleich dem heiligen Kreuze, der Dornenkrone u. s. w. zu den großen Passionsreliquien. Daß bei der Kreuzigung beide Hände und Füße des Heilandes mit Nägeln durchbohrt wurden, ist im Art. Kreuzigung (VII, 1124 f.) nachgewiesen, wenn schon die Frage nach der Zahl der verwendeten Nägel eine offene bleibt. Ohne Zweifel haben die heiligen Nägel nach der Kreuzabnahme zunächst das Schicksal des Kreuzes selber getheilt, wie denn auch die Legende die heiligen Nägel zugleich mit dem heiligen Kreuze von der Kaiserin Helena auffinden läßt (s. d. Art. Kreuzerfindung VII, 1098). Aus einem der Nägel soll die Kaiserin alsdann eine Krone für ihren Sohn haben anfertigen lassen (die sog. eiserne Krone zu Monza, s. d. Art. Krone VII, 1222 f.), aus einem andern einen Pferdezaum für das kaiserliche Leibroß. So lautet das bestimmte Zeugniß des hl. Ambrosius in der Gedächtnißrede vom Jahre 395 auf Kaiser Theodosius den Großen (c. 47. 48). Ebenso sprechen sich um das Jahr 400 Rufin, um 440 Socrates, um 450 Theodoret aus, nur setzten sie an die Stelle des Diadems einen Helm, in welchen Constantin selbst den einen Nagel eingefügt habe. Ähnlich auch Sozomenus um 440, welcher hinzufügt, dieß sei geschehen zur Erfüllung der Weissagung des Propheten Zacharias (14, 19): Hoc erit peccatum Aegypti et hoc peccatum omnium gentium, quae non ascenderint ad celebrandam festivitatem tabernaculorum. In die illa erit, quod super frenum equi est, sanctum Domino. »Helm und Roßzaum also, geschmückt mit den Nägeln, die dem Herrn die bitteren Todeswunden schlugen, sollten des Kaisers nie ruhenden Kampf und endlichen Sieg mit der Hilfe des Gekreuzigten gegen die Finsterniß sinnbilden, den Heiden und Juden zum Zeichen, daß Christus der gekreuzigte Sieger sei und für ihn der Kaiser ins Feld ziehe zu sicherem Triumphe über alle seine Feinde.« Ebenso schön drückt sich Ambrosius über die Symbolik der beiden heiligen Nägel aus: »Wohl steht der Nagel dem römischen Kaiser, der den ganzen Erdkreis beherrscht; schön ziert er des Fürsten Stirne, auf daß sie, welche die Wahrheit bisher verfolgt, nunmehr sie verkündigen. Auf dem Haupte die Krone, in den Händen den Zügel; die Krone vom Kreuze, damit hell leuchte der Glaube, aber auch der Zügel vom Kreuze, damit die Gewalt gerecht und mild regiere.« Um den Besitz der beiden übrigen heiligen Nägel streiten gar viele Städte und Cathedralen. Kraus zählt deren nicht weniger als 34 auf, Rohault de Fleury nur 29. Wie erklären wir uns diese seltsame Erscheinung? Kraus macht in dieser Beziehung an erster Stelle darauf aufmerksam, daß die Kreuzesbalken wahrscheinlich mit eisernen Nägeln an einander befestigt waren, und daß diese Nägel gleich dem Kreuze selbst, als Werkzeuge der Erlösung und von dem Blute des Gottmenschen benetzt, dem christlichen Sinne als ehrwürdig und heilig erscheinen mußten. Das Nämliche gilt von den Nägeln, mit denen der Sitzpflock oder die Fußbank, sowie die Tafel über dem Haupte Christi am Kreuze befestigt waren. Gegen diese Annahme macht aber Rohault de Fleury geltend, daß das Eisen damals noch ein sehr seltenes und theures Metall war, welches man ebenso wenig in Judäa als in Rom und in Gallien verschwenden konnte, und daß alles Zimmerwerk in jener Zeit mit hölzernen Riegeln befestigt wurde. Weiterhin wird zur Erklärung der großen Zahl von heiligen Nägeln von Kraus darauf hingewiesen, »daß viele Martyrer mit solchen hingerichtet worden sind, ferner auf die auch bei anderen Reliquien gebräuchliche Zertheilung derselben in kleinere Stücke und selbst in winzige Feilspäne, welche dann entweder für sich aufbewahrt oder in nachgemachte, den ersten ganz ähnliche Nägel eingefügt wurden. Häufig wurden auch die als ächt anerkannten Nägel nachgebildet und diese an die Originalien angerührt, weßhalb sie dann eine gewisse Verehrung genossen. So ließ z. B. der hl. Karl von Borromeo nach dem Modell des Mailänder Nagels acht Nägel verfertigen, welche er dann an jenen anrührte. Einen dieser Nägel erhielt König Philipp II. von Spanien«. Das Endurtheil des genannten Historikers über die vielen heiligen Nägel ist, »daß den heiligen Nägeln zu Trier und Rom noch am meisten Anspruch auf Ächtheit zukommen dürfte«. Wir haben also noch von beiden besonders zu handeln. Der heilige Nagel zu Rom befindet sich in der Basilika vom heiligen Kreuz in Jerusalem, dem angeblich von Constantin in eine Kirche verwandelten sessorianischen Palast. Die heilige Reliquie ist der Sage nach von Helena nach der Hauptstadt der Christenheit übertragen worden. Floß und Kraus stimmen darin überein, »daß die beigebrachten Zeugnisse einen so alten Besitz nicht beweisen können«. Cornelius a Lapide beschreibt ihn in seinem Commentar zu Matth. 17, 35 mit folgenden Worten: »Ich habe zu Rom mit großer Gemüthsbewegung den ganzen Nagel Christi in dem Tempel des heiligen Kreuzes in Jerusalem gesehen. Er ist lang, mäßig dick, vierkantig, hat einen starken gewölbten Kopf und verjüngt sich allmählich bis zur Spitze.« Nach der Abbildung bei Rohault de Fleury hat er eine Länge von 12 cm, ist aber seiner Spitze beraubt; mit derselben würde er circa 16 cm messen. Auch seine Gestalt kommt der des heiligen Nagels zu Trier am nächsten. An zweiter Stelle ist der Partikel von dem Trierer heiligen Nagel in der ehemaligen Cathedrale von Toul, Suffraganbisthum von Trier, zu gedenken. Dieselbe besteht in der zur Zeit des heiligen Bischofs Gerardus von Toul nach Erbauung des dortigen Domes (963–994) von dem heiligen Nagel in Trier abgenommenen Spitze. Diese Übertragung, welche durch sehr alte Bischofskataloge von Toul (Epitaphia episcoporum Tullensium seu sedulae cujuslibet Episcopi) verbürgt ist, muß unter dem Trierer Erzbischof Theodorich (965–977) stattgefunden haben, weil in der unter dessen Nachfolger Egbert (977–993) angefertigten Hülle des Trierer heiligen Nagels sich kein Raum für die abgenommene Spitze findet. Die heilige Reliquie findet noch heute in der genannten Kirche die größte Verehrung. Die Beweißstücke für die Ächtheit des heiligen Nagels in der Trierer Cathedrale decken sich im Wesentlichen mit denen des heiligen Rockes (der tunica) des Herrn in derselben Kirche, von welchen später ausführlich zu handeln ist. Speciell für den heiligen Nagel spricht nur noch ein monumentum aere perennius, welches wir dem Mäcen des Trierer Landes, dem genannten Erzbischof Egbert, verdanken. Es ist dieß das metallene Gehäuse des heiligen Nagels. »Dasselbe ist (nach Ernst Aus’m Weerth) von Gold und mit Edelsteinen, Perlen und Emaillen bekleidet« und hat nach Leon Palustre »einen sehr großen Kunst- und archäologischen Werth, welcher ihm einen Platz neben der eisernen Krone von Monza anweist«. Einen noch größern, namentlich auch historischen Werth hat der Tragaltar des hl. Andreas, in welchem nebst der Sandale dieses Apostels auch der heilige Nagel aufbewahrt war. Er bildet nach Aus’m Weerth »das reichste und eigenthümlichste Werk der Goldschmiedekunst des 10. Jahrhunderts und ist ebenfalls eine Schöpfung Egberts«. Von dem Urheber desselben und von dem heiligen Nagel legt folgende aus den vier Rändern des Deckels in aufgenieteten Goldbändern eingravirte Inschrift Zeugniß ab: Hoc sacrum Reliquiarum conditorium Egbertus Archiepiscopus fieri jussit et in ea pignora sancta servari constituit: clavum videlicet Domini, dentem S. Petri, de barba ipsius et de catena, sandalium S. Andreae Apostoli aliasque Sanctorum reliquias. Quae si quis ab hac ecclesia abstulerit, anathema sit. Unbekümmert um dieses Anathema bemächtigte sich 1803 die herzoglich nassauische Regierung, unter falscher Auslegung des § 37 des Reichsdeputations-Hauptschlusses, mit dem größten Theile des trierischen Domschatzes auch des heiligen Nagels mit seinem Gehäuse und dotirte (!) mit ersterem das neue Bisthum Limburg, während sie mit letzterem den österreichischen Haus-, Hof- und Staatskanzler v. Metternich beschenkte. Die Zurückgabe des heiligen Nagels an den Trierer Dom erfolgte auf wiederholtes Bitten im J. 1849.

Das Fest der heiligen Nägel wird in der Kirche mit dem der heiligen Lanze verbunden. Deutschland und Böhmen feiern dasselbe durch besonderes Indult Innocenz’ VI. am Freitag nach der Osteroctav. Als festum pro aliquibus locis steht ein anderes Officium im Brevier und Missale für den Freitag der ersten Fastenwoche (s. d. Art. Lanze VII, 1421 f.). In der Diöceese Trier wurde das Fest schon seit 1547 mit dem Feste des heiligen Rockes verbunden und am Freitag nach dem weißen Sonntag gefeiert, 1844 aus den allgemeinen preußischen Buß- und Bettag, seit 1893 endlich, unter Trennung von dem Feste des heiligen Rockes, welches fortan am vierten Sonntag nach Ostern begangen werden soll, dem römischen Ritus gemäß auf den Freitag nach dem ersten Fastensonntag verlegt. (Vgl. F. X. Kraus, Der heilige Nagel in der Domkirche zu Trier, Trier 1868; Floß, Geschichtliche Nachrichten über die Aachener Heiligthümer, Bonn 1855; (Abbé Demange,) Le saint Clou de Toul, Nancy 1888; Aus’m Weerth, Kunstdenkmäler des christlichen Mittelalters in den Rheinlanden, Leipzig 1860; Rohault de Fleury, Mémoire sur les instruments de la Passion de N. S. J. Chr., Paris 1870; Léon Palustre, Le Trésor de Trèves, Paris 1880; P. Stephan Beissel S. J., Gesch. der Trierer Kirchen, 2. Th.: Zur Gesch. des heiligen Rockes; C. Willems, Der hl. Rock zu Trier, Trier 1891.)

[de Lorenzi.]


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