Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Naturrecht nennt man die Summe aller Rechtsnormen oder Rechtsgesetze, welche für die Societät und für das sociale Leben der Menschen im Allgemeinen von Natur aus, d. h. in Kraft der natürlichen Ordnung maßgebend sind. Das Naturrecht steht im Gegensatze zum positiven Rechte, unter welchem die Summe aller Rechtsnormen oder Rechtsgesetze zu verstehen ist, welche in einer besondern Gesellschaft durch die dazu berechtigte Auctorität nach freiem Ermessen festgestellt sind. I. Der Begriff des Rechtes kann im subjectiven und im objectiven Sinne gefaßt werden. Im subjectiven Sinne ist das Recht eine moralische Befugniß einer Persönlichkeit zu etwas, sei es eine Befugniß, etwas zu thun oder zu unterlassen, oder etwas mit Ausschluß aller Anderen zu besitzen, oder etwas von Anderen zu fordern, welche Befugniß von jedermann zu achten ist und nicht verletzt werden darf. Ein solches Recht ist für den, der es besitzt, ein Gut, und als solches muß es ihm zugetheilt werden. Diese Zutheilung würde ihm aber nicht nutzen, wenn selbe nicht in der Weise geschähe, daß dadurch eo ipso alle Anderen verpflichtet werden, dieses Recht zu achten, es nicht anzutasten, vielmehr das zu thun, was etwa durch das Recht von ihnen gefordert wird. Daraus folgt, daß jedes Recht ein Gesetzt voraussetzt, durch welches es begründet wird (Rechtsgesetz, Rechtsnorm). Die Zutheilung eines Rechtes an eine Person kann nur als eine gesetzliche gedacht werden. Eben deßhalb aber, weil das Recht durch das Rechtsgesetz begründet wird, wendet man den Begriff »Recht« auch auf das Rechtsgesetz an, und so erhält man den Begriff des Rechtes im objectiven Sinne. Man versteht dann unter »Recht« eben das Rechtsgesetz, die Rechtsnorm, oder, collectiv genommen, die Summe aller jener Rechtsgesetze oder Rechtsnormen, welche in der Gesellschaft überhaupt oder in einem besondern gesellschaftlichen Verbande die darin geltenden Rechte begründen und für sie maßgebend sind. Nun sind aber für die Societät und für das sociale Leben der Menschen im Allgemeinen schon in Kraft der natürlichen Ordnung bestimmte Rechtsnormen maßgebend, und durch sie werden Rechte begründet; deßhalb nennt man die Summe dieser Rechtsnormen Naturrecht.

Dieses Naturrecht nun hat im Gegensatze zum positiven Rechte für’s Erste den Charakter der Allgemeinheit. Denn es ist begründet in der natürlichen Ordnung, und diese ist überall die nämliche, weil alle Menschen die gleiche Natur haben, und es somit nicht mehrere, sondern nur eine natürliche Ordnung geben kann. Das Naturrecht gilt also in gleicher Weise für alle Menschen, mögen sie in was immer für besonderen socialen Verhältnissen stehen. Das positive Recht dagegen theilt diesen Charakter der Allgemeinheit seinem Wesen nach nicht, da es je nach den verschiedenen socialen Verbänden, in welchen es Geltung hat, verschieden sein kann. Für’s Zweite hat das Naturrecht im Gegensatze zum positiven Rechte den Charakter der Unveränderlichkeit. Denn es ist begründet in der natürlichen Ordnung, in den natürlichen socialen Verhältnissen der Menschen. Die menschliche Natur aber und dessen natürliche sociale Verhältnisse sind immer dieselben und können keiner Veränderung unterliegen. Daher muß auch das Naturrecht diesen Charakter der Unveränderlichkeit theilen. Das positive Recht dagegen, weil aus dem freien Ermessen einer zur Rechtsetzung berechtigten Auctorität entspringend, ist seiner Natur nach veränderlich; es können die bestehenden Rechtsnormen auch wieder außer Kraft gesetzt und durch andere ersetzt werden.

II. Die obige Definition des Naturrechtes vorausgesetzt, erledigt sich von selbst die Frage, welches denn der höchste Grund des Naturrechtes ist, die Quelle, aus welcher es sich herleitet. Das Naturrecht ist zunächst begründet in der natürlichen Ordnung; diese aber ist nicht etwas Absolutes, sondern sie stammt von Gott, dem Urheber der menschlichen Natur und der natürlichen Beziehungen, welche in dieser angelegt sind. Folglich muß auch das Naturrecht, weil in der natürlichen Ordnung begründet und in dieser gegeben, seine höchste Quelle in Gott haben. Das natürliche Recht ist göttliches Recht; es geht von Gott unmittelbar aus und ist von ihm unmittelbar gesetzt. Dabei ist aber ein Doppeltes zu unterscheiden: der Inhalt der natürlichen Rechtsnormen, und ihre verpflichtende Kraft, gemäß der sie für jeden Menschen bindend sind. Ihrem Inhalte nach sind die natürlichen Rechtsnormen begründet in der göttlichen Intelligenz. Denn in dieser ist die gesammte Welt und die gesammte Weltordnung von Ewigkeit her ideal präformirt, folglich auch die natürliche sittliche Ordnung; und da in dieser die natürlichen Rechtsnormen begründet und gegeben sind, so gilt dieses auch von den natürlichen Rechtsnormen, von dem Inhalte des Naturrechtes. Ihrer obligatorischen Kraft nach dagegen sind die natürlichen Rechtsnormen begründet in dem göttlichen Willen, sofern Gottes Wille es ist, welcher sie obligatorisch macht. Denn wenn Gott einmal die ihrem Inhalte nach in seiner ewigen Intelligenz präformirten natürlichen Rechtsnormen in der natürlichen Ordnung zur Offenbarung bringt, so muß er auch wollen, daß diese für das gesellschaftliche Thun und Lassen unbedingt maßgebend seien, und daß also die Menschen gehalten seien, sich diesen in all ihrem Thun und Lassen zu conformiren; sonst würde er seinem eigenen Werke gegenüber sich gleichgültig verhalten, was undenkbar ist. Es steht also auch nicht in dem freien Belieben des göttlichen Willens, ob er die obligatorische Kraft den natürlichen Rechtsnormen beilegen wollte oder nicht; es ist dieses vielmehr für den göttlichen Willen etwas Unabweisbares, da er sonst mit der göttlichen Intelligenz, aus welcher die natürlichen Rechtsnormen ihrem Inhalte nach emaniren, in Widerspruch treten würde. Hat nun aber das Naturrecht in solcher Weise seinen höchsten Grund in Gott, so ist damit zugleich gesagt, daß ohne Gott von einem natürlichen Rechte gar nicht die Rede sein könne. Wenn daher Hugo Grotius behauptet, das natürliche Recht sei gültig und habe obligatorische Kraft auch in der Voraussetzung, daß es keinen Gott gäbe, so ist diese Behauptung entschieden zurückzuweisen. Wie ohne Gott jedes natürliche sittliche Gesetz mit obligatorischer Kraft undenkbar wäre, so auch jedes natürliche Rechtsgesetzt, jede natürliche Rechtsnorm.

III. Die Existenz des Naturrechtes ist vielfach in Abrede gestellt worden. Schon ältere Rechtsphilosophen, wie Hobbes, Rousseau, Kant, läugneten die Existenz eines natürlichen Rechtes und vertraten die Ansicht, daß alles Recht ohne Ausnahme auf einer Übereinkunft der Menschen beruhe. Sie konnten zu dieser Läugnung des Naturrechtes allerdings nur dadurch kommen, daß sie den Menschen als schlechterdings autonom betrachteten und ihn nicht unter eine göttliche Ordnung stellten. Aber in neuerer Zeit glaubte man auch ohne diese Voraussetzung das Naturrecht beseitigen zu können. Man behielt die göttliche Weltordnung bei und stellte den Menschen unter diese, läugnete aber doch die Existenz eines Naturrechtes, durch welches für den Menschen unmittelbar natürliche Rechte und Pflichten begründet würden. Der Hauptvertreter dieser Ansicht ist der Rechtsphilosph Julius Stahl. Es wird angezeigt sein, auf dessen Doctrin etwas näher einzugehen.

Stahl geht von dem Grundsatze aus, daß das Recht zwar in Gottes Ordnung begründet sei, daß aber die Rechtsordnung nicht wie die sittliche Ordnung unmittelbar von Gott stamme, sondern nur mittelbar. In Gottes Ordnung seien nämlich allerdings die Principien der Rechtsordnung gegeben; aber die wirkliche Gestaltung dieser Rechtsordnung sei von Gott den Menschen überlassen worden, und sie werde vollzogen im Staate und durch den Staat. Die Rechtsordnung sei hiernach zunächst und unmittelbar rein menschliche Ordnung, im Staate und durch den Saat gesetzt. Sie wurzle zwar in der göttlichen Ordnung, weil diese die Principien des Rechtes in sich schließe; aber sie sei selbständig in sich. Der letzte Grund des bindenden Ansehens des Rechtes sei zwar Gottes Weltordnung, aber der Sitz des Rechtes sei doch die menschlich festgesetzte Ordnung. Alles Recht sei daher, weil vom Staate gesetzt, positives Recht; ein sogen. natürliches Recht gebe es nicht. Diese Grundgedanken werden dann weiter ausgeführt in folgender Weise: a. Es müssen zwar allgemeine Rechtsideen und Rechtsprincipien angenommen und diese als Gebote der göttlichen Weltordnung, welche unbedingt zur Geltung kommen sollen, betrachtet werden. Aber diese Rechtsprincipien sind noch keine »Rechtssätze«, welche ein wirkliches Vernunft- oder Naturrecht begründen könnten, denn sie haben, um dieses sein zu können, weder die erforderliche Bestimmtheit (Präcision), noch die bindende Kraft des Rechtes. Die erforderliche Präcision können sie nur gewinnen durch die positiv gesetzliche Bestimmung der Obrigkeit, und die bindende Kraft des Rechtes können sie gleichfalls nur erhalten durch Anerkennung und Sanction von Seiten des Staates. – b. Ein eigentliches Naturrecht ist also unmöglich; alles wirkliche Recht ist vom Staate festgestellt und daher wesentlich positiver Natur. Für dieses positive Recht liegen zwar die Principien in der göttlichen Weltordnung; aber erst durch die positive Gesetzgebung des Staates kommt es zum wirklichen Rechte. Nichts kann daher als wirklich bestehendes Recht gelten, was nicht vom Staate als solches gesetzt oder wenigstens anerkannt, positiv bestätigt und garantirt ist. Der Staat soll zwar, soviel möglich, die in der Rechtsidee begründeten Ansprüche sämmtlich sanctioniren; thut er es aber nicht, so gelangen sie auch nicht zu wirklicher Rechtskraft. – c. Noch mehr; eben weil die menschlich gesetzte Rechtsordnung selbständig in sich ist, darum kann das wirkliche Recht geradezu in Widerstreit treten mit Gottes Weltordnung, der es dienen soll; die menschliche Gemeinschaft, welche dem Gedanken des Rechtes die bestimmte Gestalt geben soll, kann denselben in sein Gegentheil verkehren, das Unvernünftige und Ungerechte anordnen. Aber auch in dieser gottwidrigen Beschaffenheit behält das Recht sein bindendes Ansehen. Das heißt: Der Gesetzgeber soll zwar kein unvernünftiges und ungerechtes Gesetz geben; thut er es aber dennoch, so ist das Gesetz darum nicht ohne Rechtskraft; es hat Gültigkeit und verpflichtet ebenso, wie wenn das Gegentheil stattfände. Es dürfen daher auch die Unterthanen, einzeln oder in Masse, nicht etwa, gestützt auf ein angebliches Naturrecht, sich widersetzen, sie müssen vielmehr dem Gesetze gehorchen.

Diese Lehre Stahls muß jedoch entschieden zurückgewiesen werden. An der Existenz eines Naturrechtes im Gegensatze zum positiven Recht kann und darf man nicht rütteln. Es existirt vor allem positiven Rechte und unabhängig von diesem ein natürliches Recht, welches für sich allein und ohne das positive Recht vollkommene Rechtskraft besitzt. In der That gibt es a. gewisse Rechte, die überall und von allen Menschen und Völkern als wirkliche Rechte anerkannt sind, bei denen es aber niemandem in den Sinn kommt, sich für dieselben auf ein positives Gesetz zu berufen, durch welches sie begründet und festgestellt worden wären, wie z. B. das Recht, welches jeder auf sein Leben, auf die Anerkennung seiner Persönlichkeit, auf seine Selbsterhaltung hat. Jedermann nimmt diese Rechte für sich in Anspruch, und er würde sie in Anspruch nehmen und nehmen müssen, wenn auch kein positives Gesetz existirte, durch welches sie möglicherweise begründet werden könnten. Da nun aber auch diese Rechte entsprechende Rechtsgesetze voraussetzen, so können letztere nur solche sein, welche außer und über dem positiven Rechtsgesetzte stehen, d. h. es müssen natürliche Rechtsgesetzte sein. Es existirt also ein natürliches Recht. – b. Es gibt ferner gewisse Handlungen, welche an sich rechtswidrig sind, ohne Rücksicht auf ein positives Gesetz, welches sie verbietet. Diese werden von Allen als solche anerkannt. Niemandem kommt es beispielsweise in den Sinn, die Ermordung oder Beraubung eines Menschen bloß deßhalb für rechtswidrig zu halten, weil sie durch ein positives Gesetz verboten ist. Jedermann hält dafür, daß die Rechtswidrigkeit diesen Handlungen an sich und wesentlich innewohnt. Die Menschen würden es in Kraft ihrer gesunden Vernunft gar nicht verstehen, wenn man ihnen sagte, sie dürften einen Anderen ermorden oder berauben, ohne ein Recht zu verletzen, wenn nicht der Staat durch sein Gesetz den Mord und Raub verboten hätte. Da nun aber solche Handlungen doch nur dadurch rechtswidrig sein können, daß sie durch ein Rechtsgesetz verboten sind, so müssen wir schließen, daß sie durch ein außer und über dem positiven Rechtsgesetze stehendes, also durch ein natürliches Rechtsgesetz verboten sind. Es existirt somit ein natürliches Recht. – c. Gibt es endlich kein natürliches Recht, ist vielmehr alles wirkliche Recht vom Staate gesetzt, dann folgt daraus, daß die Menschen von Natur aus rechtlos wären, d. h. daß ihnen von Natur aus kein Recht zukäme, und daß sie daher auch durch keine Rechtspflicht gebunden wären. Nimmt man aber dies an, so kann man auch nicht mehr sagen, daß sie von Natur aus gesellschaftliche Wesen, d. h. daß sie durch ihre Natur zur gesellschaftlichen Verbindung mit Anderen ihresgleichen hingeordnet seien, weil eine Gesellschaft ohne Recht und Rechtsordnung sich nicht denken läßt. So muß die Läugnung des Naturrechtes zuletzt nothwendig auf die Ansicht führen, daß der Naturstand der Menschen ein gesellschaftsloser sei, und daß die gesellschaftliche Verbindung der Menschen mit einander auf einem bloßen Vertrage (Gesellschaftsvertrag) beruhe. Diese Ansicht ist aber falsch und verwerflich (s. d. Art. Gesellschaft V, 511 ff.). Auch daraus muß also geschlossen werden, daß ein Naturrecht nothwendig existirt.

Die Existenz eines natürlichen Rechtes ist denn auch von allen Völkern zu allen Zeiten anerkannt worden. Man irrte allerdings vielfach im Einzelnen in der Bestimmung desjenigen, was als natürliches Recht anzuerkennen sei; aber das Naturrecht überhaupt läugnete man nie. Auch dem Staate gegenüber gaben die Völker das natürliche Recht nie auf; man betrachtete es stets als ein solches, welches dem Staate und seinen Gesetzten vorangehe und also obligirende Kraft besitze ohne den Staat und seine Gesetze. Deßhalb habe auch bei einem Conflicte zwischen dem natürlichen und positiven Rechte das letztere dem ersteren zu weichen. Beispielsweise weisen wir nur hin auf die sophokleische Tragödie »Antigone«, worin dieser Gedanke in ergreifender Weise durchgeführt wird. Es drängt sich in der That die Nothwendigkeit, ein natürliches Recht anzunehmen, so unwiderstehlich auf, daß selbst dessen Gegner Zugeständnisse machen, welche zuletzt wieder auf das Naturrecht zurückführen müssen. Sie legen nämlich ein Hauptgewicht auf das Gewohnheitsrecht und nehmen an, daß die positive Gesetzgebung dieses Gewohnheitsrecht zu achten und an dasselbe anzuknüpfen habe. Dieses Gewohnheitsrecht soll aber nach ihrer Ansicht seinen Grund haben in dem Volksgewissen, aus welchem der Rechtssatz hervorgehe, der dann zum Gewohnheitsrecht sich ausgestalte. Aber das Volksgewissen könnte keinen Rechtssatz erzeugen, wenn es nicht informirt wäre durch ein Rechtsgesetz, durch welches es bestimmt wird, etwas als Recht anzuerkennen. So drängt dieses Gewohnheitsrecht selbst wiederum hin zur Anerkennung eines Rechtsgesetztes, welches nicht bloß dem positiven, sondern auch dem Gewohnheitsrecht vorausgeht: und das ist eben das Naturrecht.

Gegen diese Beweise können die Gründe, welche der juridische Positivismus für sich in’s Feld führt, nicht auskommen. a. Vor Allem ist nämlich zu bemerken, daß diejenigen, welche eine göttliche Weltordnung mit bestimmten Geboten, die als Ausdruck des göttlichen Willens gelten sollen, annehmen und doch die Existenz des Naturrechtes läugnen, damit in’s Unverständliche fallen. Wenn sie nämlich zugeben, daß in der göttlichen Weltordnung natürliche Rechtsprincipien im Sinne von »göttlichen Geboten« involvirt seien, dagegen aber läugnen, daß dieß Rechtssätze seien, wodurch wirkliche Rechte und Pflichten begründet werden, so heißt das die Prämisse setzen, den Schlußsatz dagegen in Abrede stellen. Denn die natürlichen Rechtsprincipien können ja »Gebote« nur unter der Bedingung sein, daß sie wirkliche Rechte und Pflichten begründen. Diese letzteren verhalten sich ja correlativ zum Begriffe des Gebotes; sie sind die Wirkung des letztern. Es läßt sich also gar kein Rechtsprincip im Sinne eines Gebotes der göttlichen Weltordnung denken, ohne daß es, eben weil es letzteres ist, wirkliche Rechte und Pflichten erzeugt. – b. Man sagt freilich, die natürlichen Rechtsprincipien besäßen nicht die erforderliche Präcision, um ganz bestimmte natürliche Rechte und Pflichten zu erzeugen, sie seien zu unbestimmt und allgemein hierfür. Allein das ist unrichtig. Die natürlichen Rechtsprincipien sind zwar allgemeiner Natur. Aber für’s Erste ist diese Allgemeinheit bei einem Princip nicht gleichbedeutend mit Unbestimmtheit und Mangel an Präcision. Jedes Princip ist allgemein; aber man kann nicht sagen, daß es deßwegen etwas ganz Unbestimmtes sei; es hat immer einen ganz bestimmten Inhalt, der als solcher auch mit aller Bestimmtheit erkannt wird. Für’s Zweite begründen solche allgemeine Rechtsprincipien allerdings auch allgemeine Rechte und Pflichten. Aber diese sind deßhalb, weil sie allgemein sind, gleichfalls nicht unbestimmt; sie sind vielmehr ganz bestimmte Rechte und Pflichten, eben weil der Inhalt des bezüglichen allgemeinen Rechtsprincips ein ganz bestimmter ist. Der Einwurf verkennt die Natur eines allgemeinen Princips. In der Anwendung auf besondere Fälle mag das allgemeine Rechtsprincip allerdings einer nähern Präcision bedürfen – dieß wird sogleich zu erörtern sein –, aber an und für sich leidet es keineswegs an Unbestimmtheit. – c. Man sagt ferner, die natürlichen Rechtsprincipien könnten keine wirklichen Rechte und Pflichten begründen, weil ihnen die bindende Kraft fehle, die sie erst durch Anerkennung und Sanction von Seiten des Staates gewinnen könnten. Aber auch das ist unrichtig. Die natürlichen Rechtsprincipien erhalten ihre obligatorische Kraft nicht erst durch Anerkennung und Sanction von Seiten des Staates, sondern sie haben diese, wie gezeigt, schon an und für sich in Kraft des göttlichen Willens. Durch diesen ist das Naturrecht wirkliches, bindendes Recht, ob es der Staat anerkennt und sanctionirt oder nicht. In der That, ob der Staat das Recht, das ich z. B. auf mein Leben oder auf Anerkennung meiner Persönlichkeit habe, anerkennt oder nicht, in Kraft des göttlichen Willens besitze ich dieses Recht demnach, und jeder Andere ist verpflichtet, es unangetastet zu lassen. Sonst müßte man sagen, die Aussetzung der Kinder, die Herabwürdigung des Menschen zum Sklaven sei etwas an sich Erlaubtes, so lange die Obrigkeit dieß nicht gesetzlich verbietet. Das kann aber doch im Ernste nicht behauptet werden. Der Staat muß das natürliche wie jedes andere Recht schützen; aber er schafft es nicht und macht es nicht erst obligatorisch.

IV. Existirt nun aber ohne Zweifel ein natürliches Recht, so muß weiter die Frage sich ergeben, an welchem Verhältnisse denn das Naturrecht zum positiven Rechte steht und umgekehrt. Diese Frage beantwortet sich dahin, daß das positive Recht das Naturrecht voraussetzt, und daß ersteres nur dazu bestimmt ist, die allgemeinen naturrechtlichen Normen auf die besonderen Conjuncturen und Verhältnisse, die in der Societät sich ergeben, anzuwenden und für diese näher zu präcisiren. Diese natürlichen Rechtsnormen haben nämlich, für sich genommen, stets einen allgemeinen Charakter und begründen daher zunächst auch allgemeine Rechte und Pflichten. Die besonderen Conjuncturen und Verhältnisse in der Societät sind aber thatsächlich von der vielfachsten und verschiedensten Art und können somit nicht durchängig unmittelbar durch das Naturrecht geregelt sein. Soll also die sociale Ordnung nicht bloß in ihren Grundzügen feststehen, sondern auch in alle besonderen Conjuncturen und Verhältnisse der Gesellschaft ein- und durchgeführt werden, so erscheint es also nothewendig, daß die allgemeinen naturrechtlichen Normen auf jene besonderen Conjucnturen und Verhältnisse angewendet und für diese näher präcisirt werden. Dieß kann aber nur geschehen auf dem Wege der Gesetzgebung. Es muß eine (menschliche) Auctorität dazwischen treten, welche diese Anwendung der allgemeinen naturrechtlichen Normen auf die besonderen Verhälntisse in der Societät und deren nähere Präcision für letztere gesetzlich vollzieht. Diese Gesetze nun sind, im Gegensatze zu den natürlichen, positive Gesetze und begründen positive Rechte und Pflichten – positives Recht. – So setzt das positive in Wahrheit das natürliche Recht voraus und verhält sich zu letzterem in gewissem Sinne ergänzend. Nicht zwar in dem Sinne, als wäre das Naturrecht eine bloß halbe Einrichtung, deren Mängel und Lücken erst durch das positive Recht ausgefüllt werden müßten. Gottes Werk ist überall etwas Vollkommenes. Das Naturrecht ist, an und für sich genommen, für die Ordnung des gesellschaftlichen Lebens vollkommen ausreichend; es schließt alle Rechtsnormen in sich, welche für die gedachte Ordnung erforderlich sind; aber entsprechende Anwendung müssen sie finden auf die so mannigfaltigen Conjuncturen und Verhältnisse in der Societät. Und da dieses nur geschehen kann auf dem Wege der Gesetzgebung, so muß die positive Rechtsgesetzgebung eintreten, um die gedachte Anwendung zu vollziehen und das Naturrecht in dieser Weise zu ergänzen. Das positive Recht ist also von diesem Gesichtspunkte aus nothwendig; es ist durch das Naturrecht selbst gefordert, weil dieses ohne jenes nicht hinreichen würde, um eine vollkommene und durchgreifende Ordnung des socialen Lebens bis in die particularsten Verhältnisse hinein zu erzielen. Man kann daher das positive Recht auch bezeichnen als eine weitere Entfaltung des Naturrechtes gemäß den Bedürfnissen der Societät. Diesen Zusammenhang mit dem Naturrechte muß das positive Recht überall unbedingt festhalten; es darf sich kein Ziel setzen, welches diesen Zusammenhang verkennt. Die Gesellschaft ist keine tabula rasa, welcher durch die positive Gesetzgebung das Recht erst gleichsam eingeschaffen werden müßte. Das Naturrecht ist da vor dem positiven Rechte, und an jenes muß letzteres überall anknüpfen. Es ist Sache der gesetzgebenden menschlichen Auctorität, das natürliche Recht überall zuerst zu ermitteln und zu studieren und es dann in ihre Gesetzgebung zur entsprechenden Anwendung zu bringen. Verhält es sich aber also, dann ergibt sich daraus von selbst eine weitere Folge. Das positive Recht darf sich nämlich nie in Widerspruch setzen mit dem natürlichen Rechte. Jenes findet in diesem seine Norm, von welcher es nie abweichen, mit der es sich nie in Conflict setzen darf. Würde das positive Recht in Widerspruch treten mit dem Naturrechte, so wäre es nicht mehr Anwendung, sondern Negation des letztern. Das Naturrecht ist göttliches Recht; wie aber überhaupt das Menschliche mit dem Göttlichen nicht in Conflict treten darf, so auch hier nicht das positive menschliche mit dem göttlichen Rechte. Darum kann auch kein positives Rechtsgesetz Gültigkeit und obligatorische Kraft haben, das mit dem Naturrechte in Widerspruch steht. Die Unterthanen dürfen selbes gar nicht als obligatorisch betrachten. Gibt eine menschliche Auctorität ein positives Rechtsgesetz, welches mit dem Naturrechte in Widerspruch steht, so lehnt sie sich damit gegen das göttliche Recht, also gegen Gott auf. In dieser Auflehnung darf ihr niemand folgen. Das würde aber geschehen, wenn die Unterthanen diesem Gesetze folgen würden.

V. Es bleibt nun noch zu erörtern, in welchem Verhältnisse das Naturrecht zur Moral steht. Nach Kant hat das Recht mit der Moral gar keinen Zusammenhang, beide sind ganz von einander getrennte Gebiete. Die Rechtspflicht ist, an und für sich genommen, nach Kant ohne allen sittlichen Charakter; sie ist vielmehr einzig auf den Zwang gestellt, eine reine Zwangspflicht. Nur weil der äußere Zwang den Menschen dazu nöthigt, muß er die Rechtspflicht erfüllen; ein sittlicher Grund ist hierfür in keiner Weise maßgebend. Ebenso trennt auch die Stahl’sche Rechtstheorie Moral und Recht von einander. Das subjective Ethos (die Moral), so wird gelehrt, habe mit dem objectiven Ethos (dem Rechte) durchaus nichts zu schaffen; beide seien ganz getrennte Gebiete. Die sittliche Weltordnung gehe unmittelbar von Gott aus und habe zum Zwecke, das Bild Gottes im Menschen zu erhalten und zur Entwicklung zu brigen. Die Rechtsordnung dagegen habe zwar ihre leitenden Principien in Gottes Weltordnung; aber für sich genommen sei sie rein menschliche Ordnung und daher von der sittlichen Ordnung ganz geschieden, und dieß zwar bis zu dem Grade, daß, wie oben schon erwähnt, das Recht sogar mit der sittlichen Ordnung in Widerstreit treten könne, ohne seine verpflichtende Kraft zu verlieren. – Das ist falsch. Das Recht, zunächst das Naturrecht, steht mit der Moral in innerem, wesentlichen Zusammenhange und ist davon in keiner Weise zu trennen. Es leitet sich das Naturrecht, wie oben gezeigt, unmittelbar von Gott ab, insofern es einerseits seinem Inhalte nach in der göttlichen Intelligenz präformirt ist und andererseits durch den göttlichen Willen obligatorische Kraft erhält. Wenn aber dieses, dann ist es Gottes Wille, daß jedermann die Pflichten erfülle, welche den natürlichen Rechten Anderer entsprechen. Gottes Willen zu gehorchen ist aber sittliche Pflicht. Folglich ist jede natürliche Rechtspflicht als solche auch schon sittliche Pflicht; dieser sittliche Charakter ist von ihr schlechterdings nicht zu trennen. Demnach schlägt auch die natürliche Rechtsordnung wesentlich in die natürliche sittliche Weltordnung ein; sie ist nur ein Theil, ein Zweig der natürlichen sittlichen Ordnung. In der That hat das sittliche Gesetz die Bestimmung, das Handeln und zwar alles Handeln des Menschen, obligatorisch zu regeln in der Richtung auf seine ewige Bestimmung. Folglich kann auch das sociale Handeln des Menschen hiervon nicht ausgeschlossen sein. Der Mensch steht in der Gesellschaft, ist von Natur aus zum socialen Leben bestimmt; er muß also auch in socialer Richtung thätig sein, und diese Thätigkeit kann gleichfalls in letzter Instanz nur auf die Erreichung seiner ewigen Endbestimmung gerichtet sein. Folglich sind auch die natürlichen Rechtsgesetze, welche sein sociales Leben regeln, in letzter Instanz auf dieses Ziel hingeordnet. Wenn aber dieses, dann haben sie auch in Rücksicht auf diesen ihren höchsten Zweck einen sittlichen Charakter, weil sie der Mensch nicht übertreten kann und darf, ohne seiner ewigen Endbestimmung verlustig zu gehen. Es ist also evident, daß das Naturrecht mit der Moral in wesentlichem Zusammenhange steht, und daß jede natürliche Rechtspflicht zugleich sittliche Pflicht ist. Darum kann man auch das Wesenbestimmende des Rechtes im Unterschiede von der Moral nicht in den Zwang setzen. Der Zwang verhält sich zum Rechte nur accessorisch; er ist bloß motivirt durch die Unverletzlichkeit des Rechtes und durch die Nothwendigkeit, die sociale Ordnung aufrechtzuerhalten, und muß folglich nur dann eintreten, wenn jemand eine Rechtspflicht, deren Erfüllung für den gedachten Zweck erforderlich ist, nicht freiwillig aus sittlichem Motiv erfüllen will. Wie dann jede natürliche Rechtspflicht zugleich eine sittliche Pflicht ist, so involvirt auch die Verletzung eines natürlichen Rechtes, daß einem Anderen zusteht, zugleich eine sittliche Verschuldung.

Das Naturrecht ist von jeher meistentheils zugleich mit der philosophischen Ethik behandelt worden, weil man der ganz richtigen Ansicht war, daß die Lehre vom Naturrechte nur ein Zweig der philosophischen Ethik im Allgemeinen ist. Wenigstens sucht man das Naturrecht immer mehr oder weniger in Verbindung mit der Ethik zu bringen. Von neuern Werken, welche über das Naturrecht handeln, nennen wir vorzugsweise: Trendelenburg, Das Naturrecht auf dem Grunde der Ethik, 2. Aufl., Leipzig 1868; Walter, Naturrecht und Politik im Lichte der Gegenwar, 2. Aufl., Bonn 1871; Costa-Rossetti, Philosophia moralis seu institutiones ethicae et juris naturae, 2. ed., Oenip. 1886; Theo. Meyer, Grundsätze der Sittlichkeit und des Rechts, Freiburg i. B. 1868 (Die Encyclica Papst Pius’ IX. vom 8. Dec. 1864, Th. IX); Cathrein, Moralphilosophie, 2 Bde., Freiburg i. B., 2. Aufl. 1893.)

[Stöckl.]


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