Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Osterfeierstreit ist die zusammenfassende Bezeichnung für die Differenzen, welche in den ersten Jahrhunderten der Kirche über den Termin für die christliche Osterfeier bestanden und mitunter den Charakter eines Schismas annahmen. Während nämlich die Gesammtkirche nach apostolischer Einrichtung Ostern immer nur an einem Sonntag, nämlich an dem Sonntag nach dem 14. Nisan der Juden, beging, feierten die Kirchen in Kleinasien, welche sich auf den angeblichen Vorangang des Apostels Johannes beriefen, das Osterfest immer mit den Juden, an welchem Wochentag es auch eintreffen mochte. Die erste Spur einer solchen Differenz findet sich in dem Berichte des hl. Irenäus (bei Eus. H. E. 5, 24, 10) über die Reise, welche der hl. Polycarp, um eine Ausgleichung herbeizuführen, nach Rom zu Papst Anicetus unternommen hatte. Beide Prälaten glaubten indeß für die von ihnen befolgte Praxis so wichtige Gründe zu haben, daß keiner sich befugt hielt, die seinigen aufzugeben. Polycarp berief sich auf den heiligen Apostel Johannes, mit dem er noch persönlich verkehrt habe, und glaubte, was wenigstens aus dem Ausdrucke τηρεῖν, dem terminus technicus für das Beobachten der alttestamentlichen Vorschriften (vgl. Joh. 9, 16) zu schließen ist, sich durch die betreffende alttestamentliche Verordnung gebunden. Allein zur Aufhebung der Gemeinschaft führte diese Erörterung nicht; Polycarp konnte als Stellvertreter des Papstes die heiligen Geheimnisse zu Rom feiern und schied im Frieden von Anicet. – Bald nach Polycarps Tode trat der Streit heftig zu Laodicea hervor. Melito von Sardes, einer der τηροῦντες (s. Eus. H. E. 4, 26, 1) schrieb um 170 zwei Bücher Περὶ τοῦ Πάσχα, fand aber Gegner an Apollinaris von Hierapolis (s. zwei Fragmente seines Werkes bei Migne, PP. gr. XCII, 79), Clemens von Alexandrien (s. Migne, ib. 82) und dem römischen Priester Hippolyt (s. Migne, ib. 79). Bei dieser Gelegenheit wird der Streitpunkt für uns klarer, da Hippolyt in den Philosophumenen (8, 18) die Ansicht bekämpft, man müsse Pascha am (zweiten) Abend des 14. Nisan (quarta decima = ιδʹ, daher der Name Quartodecimaner) gemäß der Anordnung im Alten Testament ohne Rücksicht auf den Wochentag feiern. Den Kleinasiaten trat (nach der Chronik des hl. Hieronymus) Papst Victor I. im J. 196 entgegen, indem er die vornehmsten Bischöfe allenthalben aufforderte, durch Abhaltung von Synoden aus der Einführung der in Rom gebräuchlichen Osterfeier zu dringen (s. d. Art. Abendmahl I. 36) Für den Fall der Weigerung waren in einigen Schreiben Strafen angedroht. Solche Synoden wurden 196 und 197 abgehalten in Palästina, in Rom, in Pontus, in Galien, in Osrhoene, in Corinth und an vielen anderen Stellen und nach Eusebius (H. E. 5, 23, 2) beschloß auf diese Weise eine große Anzahl von Bischöfen wie aus einem Munde, Ostern sei zu feiern und die Fasten seien zu beschließen am Sonntag nach dem 14. Tage des Frühlingsmonats. Allein auch jetzt noch bestanden die Bischöfe Kleinasiens, besonders Polycrates von Ephesus, auf ihrer Praxis mit Berufung auf die Auctorität von Aposteln und früheren Bischöfen und mit Hinweis auf ihre Kenntniß der heiligen Schrift und ihren Verkehr mit Brüdern aus der ganzen Welt (Eus. H. E. 5, 24, 12). Der Papst, welcher erwog, daß jede Abweichung in der Disciplin schließlich zur Irrlehre führt, wollte nunmehr die Kirche von Asia procunsularis und der Nachbarschaft als häretische aus der Kirchengemeinschaft ausschließen; doch ließ er wahrscheinlich die Absicht fallen, als ihn viele Bischöfe baten, wegen dieser Verschiedenheit den Frieden nicht zu brechen (Eus. H. 5, 24, 8). Besondere Beachtung verdient das Schreiben, welches der hl. Irenäus bei dieser Gelegenheit an den Papst richtete (s. ein Stück daraus bei Eus. l. c. 9), weil es noch auf einen zweiten Differenzpunkt hinweist. Bei der Frage nach dem Tage des Paschafestes kam auch die Art und Weise des Fastens zur Sprache. Es scheint nämlich, daß die Quartodecimaner nur Einen Tag fasteten und das Fasten am 14. Nisan, Nachmittags 3 Uhr, als dem Zeitpunkte von Jesu Tod, brachen, nachdem sie das Abendmahl und die feierliche Agape gehalten. Eine besondere Auferstehungsfeier war ihnen fremd; das Leiden des Heilandes und damit die Zeit der Trauer und des Fastens endigte für sie mit dem Augenblicke des Todes Jesu. Sie feierten also das Pascha als Πάσχα σταυρώσιμον, während die übrige Kirche der ganz natürlichen Trauerstimmung bis zur Auferstehungsfeier (Πάσχα ἀναστάσιμον) nachgab und bis dahin weiter fastete.

Zu diesen Verschiedenheiten kamen in der Folgezeit neue Punkte hinzu, so daß auch unter den Anhängern der allgemeinen Osterpraxis Spaltungen eintraten. Es hingen diese Differenzen zusammen mit der Frage, ob als Ostervollmond, der nach dem jüdischen Kalender auf den 14. Nisan fallen mußte, der Vollmond vor oder nach dem Frühlingsäquinoctium zu betrachten sei, wobei zugleich über den Zeitpunkt des Äquinoctiums zwischen den Römern und den Alexandrinern eine Differenz von einem, später drei Tagen bestand. Ferner war es zweifelhaft, ob in den Jahren, in welchen der Frühlingsvollmond auf den Samstag fiel, nach alexandrinischer Anschauung Ostern gleich Tags darauf oder nach römischer erst acht Tage später zu feiern sei. Endlich wurde die Zeit des Vollmondes an verschiedenen Orten nach verschiedenen Cyklen berechnet. (Das Nähere hierüber ist im Art. Zeitrechnung zu erörtern.) Alle diese Umstände brachten zuweilen Unterschiede von einem ganzen Monat im Zeitpunkte des Osterfestes hervor. Abweichend von allen Anderen feierten manche Quartodecimaner (die sog. Protopaschiten) Ostern nach der spätern jüdischen Rechnung, nach welcher der Frühlingsvollmond auch vor das Äquinoctium fallen kann. – Eine Abstellung dieser Missstände, welche nicht selten sogar den Spott der Heiden erregten (vgl. Epiph. Haer. 70, 14; Eus. Vita Const. 3, 5), war je länger je dringender geboten. Einen Versuch machte die Synode von Arles (314), indem sie (can. 1) bestimmte, Ostern sei uno die et uno tempore per omnem orbem zu feiern, und der Papst habe überallhin nach gewohnter Weise durch Briefe den Tag anzukündigen. Der Versuch mußte fehlschlagen, weil die damalige römische Osterberechnung an Mängeln litt, welche ihre Annahme in Alexandrien unmöglich machten. Bessern Erfolg hatten die Verhandlungen auf dem Concil zu Nicäa (s. d. Art.), deren Resultat in einem Schreiben der Synode an die Kirche von Alexandrien und die Brüder in Ägypten, Libyen und der Pentapolis, sowie in einem Circularschreiben Constantins vorliegt (s. Socr. H. E. 1, 9). Es wurde bestimmt, daß Ostern in Zukunft überall nicht mehr zusammen mit den Juden, sondern mit den Römern begangen werden solle, d. h. die Wochentagsordnung, gemäß welcher der Todestag Jesu stets auf den Freitag und die Auferstehung auf den Sonntag fiel, wurde für allgemein verbindlich erklärt; insbesondere sollte auch, um das Zusammentreffen mit dem jüdischen Pascha zu hindern, wenn der 14. Nisan selber ein Sonntag war, Ostern erst acht Tage später gehalten werden, zumal da auf diese Weise auch Ostern stets nach dem 14. Nisan, dem historischen Todestage Jesu, fallen mußte. Das Fasten sollte stets bis zur Auferstehungsfeier fortdauern. Als 14. Nisan wurde der Vollmond bestimmt, welcher nach dem Frühlingsäquinoctium eintrat, so daß nun auch nicht mehr (wie bei den Protopaschiten und den Juden) zwei Osterfeste in ein Sonnenjahr fallen konnten. Die alexandrinische Kirche, welche über astronomisch gebildete Glieder verfügte, erhielt den Auftrag, den Ostertermin jährlich im Voraus zu berechnen; der römische Stuhl sollte denselben dann überall zeitig anzeigen lassen (s. Hefele, Conc.-Gesch. I, 2. Aufl. 326 ff.). – Wenn aber das Concil von Nicäa die Hoffnung ausgesprochen, alle Quartodecimaner würden seine Anordnung freudig annehmen, so hatte es sich doch in etwa getäuscht; manche derselben fuhren fort, Ostern in der alten Weise zu feiern. Jedenfalls wollte die Synode diese nicht geradezu von der Kirche ausschließen und nahm deßhalb die Osterordnung nicht unter die Canones auf. Allein diese zeitweilige Schonung der hartnäckigen Quartodecimaner mußte bald aufhören. Schon die Synode von Antiochien (341) belegt dieselben, Cleriker wie Laien, mit Kirchenstrafen. Aber selbst zu Epiphanius Zeit, also um 400, gab es immer noch zahlreiche Quartodecimaner; doch waren diese auch unter einander uneins, indem manche Ostern stets am 25. März feierten (s. Epiph. Haer. 50, 1). Eine Abart der Quartodecimaner waren auch die Audianer (s. d. Art. Anthropomorphiten I, 916). Übrigens waren auch die Differenzen in der Osterfeierpraxis für die allgemeine Kirche durch die Bestimmung des nicänischen Concils noch nicht für immer beseitigt. Schon im J. 326, dann 330, 333 u. ö. hielten die Lateiner Ostern an einem andern Tage als die Alexandriner. Der Unterschied kam daher, das die Römer an ihrem alten fehlerhaften 84jährigen Cyklus (s. d. Art. Zeitrechnung) festhielten. Deshalb stellte man, indem man gegenseitig etwas nachgab, auf der Synode zu Sardica (344) eine gemeinsame Ostertafel für die nächsten 50 Jahre fest; doch wurde dieser Compromiß bei der Spannung, welche der Arianismus zwischen Orient und Occident hervorrief, mehrfach verletzt. Kaiser Theodosius der Große that neue Schritte, um eine Einigkeit herzustellen. Als im J. 387 die Römer Ostern schon am 21. März, die Alexandriner dagegen, weil sie das Äquinoctium erst am 21. März annahmen, das Fest volle fünf Wochen später, am 25. April feierten, verlangte der Kaiser vom Bischof Theophilus von Alexandrien die Erklärung einer solchen Differenz. Dieser entsprach dem Ansinnen und auch Ambrosius von Mailand, von Rom aufgefordert, sich über dieses Osterfest zu äußern, trat (Ep. 23 ad. episc. per Aemiliam, bei Migne, PP. lat. XVI, 1026 sqq.) der alexandrinischen Rechnung bei. Außerdem setzte Cyrill von Alexandrien in einem Briefe an Leo I. (vgl. Migne. PP. lat. LIV, 601 sqq.) das Irrige der lateinischen Rechnung auseinander; dasselbe thaten kurze Zeit nachher der Bischof Paschasinus von Lilybäum (Leon. I Ep. 3, bei Migne l. c. 606 sqq.) und Bischof Proterius von Alexandrien (Leon. I Ep. 133, bei Migne l. c. 1084 sqq.) in ihrem Schreiben an den genannten Papst. Die Folge war, daß jetzt Leo I. die römische Weise öfter der alexandrinischen conformirte. Bemerkenswerth ist noch, daß um diese Zeit die Meinung immer mehr Geltung erhielt, Christus habe am 14. Nisan noch das Paschamahl genossen, sei am 15. (nicht schon am 14., wie Apollinaris, Clemens von Alexandrien und Hippolyt annahmen) gestorben, am 16. im Grabe gelegen und am 17. auferstanden. Ambrosius von Mailand und Proterius von Alexandrien setzten dieß in den erwähnten Schreiben ausführlich auseinander. – Einige Jahre später verbesserte Victorius von Aquitanien übrigens wohl nicht aus Befehl des römischen Archidiacons Hilarus, wie früher angenommen wurde (vgl. Kraus, Real-Encykl. II. 558), die römische Osterrechnung; diese Verbesserung wurde allmälig in Gallien und Italien allgemein angenommen. Von da an differirte das lateinische Ostern meist gar nicht, oft nur wenig von dem alexandrinischen. In den Fällen, wo die ιδʹ auf einen Samstag fiel, behielt Victorius die altrömische Sitte bei, daß Ostern nicht schon am folgenden Tage (mit den Alexandrinern), sondern erst acht Tage später gefeiert werden solle. Die letzten Unterschiede hat Dionysius Exiguus (s. d. Art.) beseitigt durch seine Ostertafel, welche mit Grundlegung des 19jährigen Cyclus der alexandrinischen durchaus conform war. Mit Rom nahm ganz Italien seine Osterrechnung an, während in Gallien fast überall die Osterpraxis des Victorius blieb und die Briten an dem alten, 84jährigen Cyklus mit einer Verbesserung des Sulpitius Severus festhielten. Auch nach Annahme der dionyschen Rechnung durch die neubekehrten Angelsachsen bewahrten die britannischen Christen in Wales die alte Sitte und veranlaßten so die bekannten britischen Osterstreitigkeiten, welche sich durch Columban (s. d. Art. III, 678 f.) auch nach Gallien verpflanzten. Erst im J. 729 nahm die Mehrheit der Briten den 19jahrigen Cyklus an. In Spanien war er bald nach Reccareds Bekehrung eingeführt worden; zu Karls des Großen Zeit siegte er im ganzen Abendlande und führte so die längst ersehnte Pascha-Einigkeit herbei. – Von der Differenz, welche nach der Kalenderverbesserung Gregors XIII. zwischen den Katholiken und Protestanten in Deutschland betreffs der Osterberechnung eintrat, ist im Art. Zeitrechnung zu handeln. (Vgl. Weizel, Die christl. Passafeier der drei ersten Jahrh., Pforzheim 1848; Hilgenfeld, Der Paschastreit der alten Kirche, Halle 1860; Hefele. Conc.-Gesch. I, 2. Aufl. 86 ff. 205. 320 ff. 518. 605 ff.; Hagemann, Die römische Kirche, Freiburg 1864, 14 ff. 75 f. 582 ff.; Kraus, Real-Encycl. I, 487 ff.)

[Peters]


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