Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Ostermärchen und Ostergelächter (risus pascualis) gehörten im Mittelalter vielfach zu den volksthümlichen Freuden des Osterfestes. Die Einflechtung von Erzählungen, Sagen, Parabeln u. dgl. in die Predigt, zusammengefaßt als maeren oder maerlîn, war überhaupt im Mittelalter häufiger als heutzutage (s. 30 solcher Märchen bei Pfeiffer, Germania III, Stuttgart 1858, 407 ff.). Sie dienten dazu, dem Volk die daran angeknüpfte religiöse Wahrheit verständlicher zu machen und tiefer einzuprägen, und um einem Auditorium, welches an abstractes Denken nicht gewöhnt war, höhere Wahrheiten faßlich zu machen, waren solche Mittel gewiß geeigneter als nüchternes und trockenes Deduciren und Moralisiren. Eine besondere Art solcher Erzählungen sind die seit dem 15. Jahrhundert namentlich in Bayern vorkommenden Ostermärchen (auch Osterneu), welche mit entsprechender moralischer Nutzanwendung in die Osterpredigt eingeflochten wurden. Man hat verschiedene Erklärungen dieses Gebrauches versucht. Hyacinth Holland (Gesch. der altdeutschen Dichtkunst, Regensburg 1862, 610) will, wohl ohne hinreichenden Grund, das Ostermärchen und den risus paschalis mit der altheidnischen Festfeier der Göttin Ostara in Verbindung bringen. Eine ganz äußerliche Veranlassung zur Einschiebung eines Märchens in die Osterpredigt könnte man in der Stelle im Evangelium des zweiten Ostertages (Luc. 24, 15): et factum est, dum fabularentur, finden. Eine andere Erklärung gibt Erasmus von Rotterdam, indem er sein diese Sitte verwerfendes Urtheil mit den Worten begründet: Nequaquam ad hoc laetitiae genus invitavit psalmus paschalis, quum ait: Hic est dies, quem fecit Dominus, exultemus et laetemur in eo (Ecclesiastes, ed. Basil. 1585, 126; bei der betreffenden Stelle der vom Unterzeichneten benutzten Ausgabe ist am Rande in der Handschrift des 16. Jahrhunderts notirt: »Ostermerlein, ut et hodie moris est in Bavaria, cujus ipse testis sum). Die komische Qualität der Ostermärchen erklärt sich einfach durch den freudigen Charakter des Osterfestes, welcher in der ganz dem mittelalterlichen Geist entsprechenden naiven Weise durch den risus paschalis seinen Ausdruck fand (vgl. d. Art. Feste IV, 1395 f.). »Ihr Alten habet euch zu erinnern, wie man vor Alters am Oster-Tage zur Vesper pfleget von der Cantzel ein Oster-Neu zu sagen. Das waren närrische Fabeln und Mährlein … Damit wolte man die Leute frölich machen« (Mathesius, nach Schuppius, Lehrreiche Schrifften, Franckfurt 1701, 788). Noch bestimmter ist ein anderer Ausspruch des Mathesius (Historien von D. M. Luthers Anfang, Lehr und Leben, Nürnberg 1566, 8. Predigt): »Um diese Zeit pflegt man Ostermährlein und närrische Gedichte zu predigen, damit man die Leute, so in der Fasten durch ihre Buße betrübet und in der Marterwochen mit dem Herrn Christo Mitleiden getragen, durch solch ungereimte lose Geschwätz erfreuet und wieder tröstet, wie ich solcher Ostermährlein in meiner Jugend etliche gehört.« Dem harten verwerfenden Urtheil über dieselben folgt der Protestant Guericke (Kirchengesch. II, 3. Aufl., Halle 1838, 714): »Das arme Volk ließ es sich geduldig gefallen, wenn seine Prediger am Freudenfest der Ostern, um nur am sichersten das gebräuchliche Ostergelächter (die Caricatur der fehlenden heiligen Osterfreude) zu bewirken, der eine das Geschrei der unvernünftigen Thiere nachahmte, der andere einen Schwank erzählte.« Daß letzteres allgemeiner Gebrauch gewesen, weist aber der Protestant Daniel (Theol. Controversen, Halle 1843, 80) treffend zurück: »Der Verfasser (Guericke) würde sich an vielen Osterpredigten und Ostergebeten, die ich ihm aus dem 14. und 15. Jahrhundert suppeditiren wollte, aus treuem Herzen erbauen und vielleicht doch etwas nachdenklich werden, ob die heilige Osterfreude so durchaus gefehlt habe, und ob es Rechtens sei, eine allerdings in manchen Gegenden verbreitete Sitte, die aber mehr in das Gebiet der Volks- als der Kirchensitte gehört, so ernst in den Prämissen der Reformation mit aufzuführen.« Um die Sitte unbefangen zu beurtheilen, muß man sich erinnern, daß das naive Mittelalter die unmittelbare Nebeneinanderstellung des Komischen mit dem Erhabenen und Heiligen ganz gut vertrug. Man denke an den schalkhaften Humor, der sich auch in der kirchlichen Sculptur in den verschiedensten Caricaturen äußerte, der sich insbesondere darin gefiel, menschliche Schwächen und Verirrungen unter Thiergestalten u. dgl. lächerlich zu machen. Das wird einen hinreichenden Erklärungsgrund für den risus paschalis bieten. Daß Ausschreitungen vorkamen und bisweilen Unpassendes, selbst Anstößiges vorgetragen wurde, soll nicht in Abrede gestellt werden. Aber maßvoll und gerecht ist das Urtheil des Protestanten Cruel (Gesch. der deutschen Predigt im Mittelalter, Detmold 1879, 251), daß die Sammlungen von solchen Exempeln zwar viel Aberglauben und Thorheiten enthalten, aber auch manche werthvolle Erzählungen voll tiefen Sinnes, ächter Moral und wirksamer Lebensklugheit, und hier und da voll Poesie und Humor. Übrigens ergingen mancherlei kirchliche Verbote gegen den Gebrauch. Benedict XIV. citirt (Institut. eccles. XXVII, 15) einen unter Clemens X. (1670–1676) ergangenen Erlaß der Congr. Episc. et Reg.: ut pravam consuetudinem jam pridem inventam penitus extinguerent, ob quam nonnulli concionatores non sacram doctrinam ac virtutem populus edocebant, … sed auditorium mentes paradoxis poetarum fabulis vanisque rhetoricorum ornamentis oblectabant, was allerdings mehr als die eigentlichen Ostermärchen umfaßt. Ein specielles Verbot derselben erließ Kurfürst Maximilian III. von Bayern (1745–1777). Im J. 1774 verbot sie Clemens August, Bischof von Augsburg (Steiner, Acta selecta eccl. August., Aug. Vindel. 1785, 349). Ebenso werden in den 1787 edirten Regensburger Diöcesanconstitutionen gerügt die conciones paschales, vulgo Ostermärlein dictae (Lipf, Verordnungen des Bisthums Regensburg, Regensb. 1853, 626). (Vgl. Linsenmayer, Geschichte der Predigt in Deutschland bis zum Ausgang des 15. Jahrhunderts, München 1886, 180 ff.; Citate aus Münchener Handschriften bei Schmeller, Bayr. Wörterbuch I, 2. Aufl. München 1872, 1634 f.)

[Weber.]


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