Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 9, Sp. 1383]Papst (papa, πάππας, Vater) heißt jetzt ausschließlich der Bischof von Rom als sichtbares Oberhaupt der ganzen Kirche und Statthalter Christi auf Erden. Ursprünglich war der Name papa nicht nur allgemeiner Name für die Bischöfe (Cassian. Inst. Praef. n. 2), sondern wurde manchmal, wenigstens in der morgenländischen Kirche, auch niederen Clerikern beigelegt. Die Beschränkung des Titels auf den Bischof von Rom begann im 5. Jahrhundert, seit dem 8. Jahrhundert legten die Päpste selbst sich den Namen Papa bei. Andere Titulaturen sind Summus pontifex, pontifex maximus, vicarius Dei, vicarius Christi. Unter den Anreden ist die häufigste Sanctitas vestra [Bd. 9, Sp. 1384] (tua) oder Sanctissime pater, seltener und heute außer Gebrauch: maiestas, maiestas apostolica, excellentia, magnitudo, celsitudo, beatitudo. In hohem Grade charakteristisch ist die Benennung Servus servorum Dei, die sich die Päpste seit Gregor d. Gr. in den Bullen beizulegen pflegen (S. Greg. M. Vita. auct. Ioanne Diacono 2, 1, bei Migne, PP. lat. LXXV, 87; vgl. Epist. 5, 43; 7, 27). – Neben seiner Stellung als Oberhaupt der Kirche ist der jedesmalige Papst zugleich Bischof der Stadt Rom und deren Umgebung im Umkreise von 40 Miglien, ferner Erzbischof der römischen Kirchenprovinz, sowie Primas von Italien und den anliegenden Inseln, endlich der einzige Patriarch des Abendlandes. Politisch ist er Souverän des Kirchenstaates (s. d. Art.). Völkerrechtlich ist er der erste Souverän unter den christlichen Fürsten, und seine Gesandten, Legaten und Nuntien behaupten auch heute noch an allen katholischen Höfen den ersten Rang unter den politischen Geschäftsführern der verschiedenen Regierungen. – Die dem Papste als solchem zustehenden Rechte pflegt man unter der Bezeichnung »Primat« zusammenzufassen und näherhin als primatus honoris und primatus jurisdictionis zu charakterisiren. Der letztere Ausdruck bezeichnet die eigentliche Regierungsgewalt des Statthalters Christi über die gesammte Kirche, der erstere gewisse, ihm auf Grund dieser seiner Stellung zukommende Vorrechte. Indem für die näheren Ausführungen, wie sich diese Rechte im einzelnen kirchenrechtlich gestalten, auf den Artikel »Primatialrechte des Papstes« verwiesen wird, sollen hier Wesen und göttliche Einsetzung des Primates nur vom dogmatischen Standpunkt erörtert und dann eine Übersicht über die Hauptgegner des Primates angeschlossen werden. A. Wesen, Umfang und Zweck der päpstlichen Primatialgewalt. Die katholische Glaubenslehre über den Primat ist auf dem vaticanischen Concil durch die Const. Pastor aeternus c. 3 ausgesprochen. Nachdem es die Definition der ökumenischen Synode von Florenz wiederholt und sanctionirt hat, erklärt das allgemeine Concil weiter: »Wir lehren und erklären demnach, daß kraft der Anordnung des Herrn die römische Kirche über alle übrigen den Primat der ordentlichen Gewalt besitzt, und daß diese wahrhaft bischöfliche Jurisdictionsgewalt des römischen Papstes eine unmittelbare ist, gegen welche die Hirten und Gläubigen jeglichen Ritus und jeglichen Ranges, sowohl jeder insbesondere als auch alle insgesammt, zur hierarchischen Unterordnung und zum wahren Gehorsam verpflichtet sind und nicht bloß in den auf den Glauben und die Sitten bezüglichen Dingen, sondern auch in denen, welche die Disciplin und Regierung der über den ganzen Erdkreis verbreiteten Kirche betreffen; so daß, durch die Bewahrung der Einheit sowohl der Gemeinschaft als des nämlichen Glaubensbekenntnisses mit dem römischen Papste, die Kirche Christi Eine Herde unter Einem obersten Hirten ist. Dieß [Bd. 9, Sp. 1385] ist die Lehre der katholischen Wahrheit, von welcher niemand unbeschadet seines Glaubens und seines Heiles abweichen kann.« Dem c. 3 ist ein Canon beigefügt, in welchem drei Behauptungen censurirt werden: erstens, der Papst habe nur das Amt der Aufsicht oder Leitung (officium inspectionis vel directionis), nicht aber die volle und höchste Jurisdictionsgewalt über die gesammte Kirche; zweitens, derselbe habe nur den vorzüglichern Antheil, nicht aber die ganze Fülle dieser höchsten Gewalt, und drittens, diese Gewalt sei nicht eine ordentliche und unmittelbare über die Gesammtkirche wie über die einzelnen Mitglieder derselben.

Nach dem vaticanischen Glaubensdecret ist demnach die päpstliche Gewalt über die Kirche eine bischöfliche Gewalt, nicht mit Ausschluß, sondern mit Unterordnung der ordentlichen Einzelhirten, die gleichfalls vom heiligen Geiste gesetzt sind, als Nachfolger der Apostel je eine Herde und zu regieren. Ist aber die päpstliche Gewalt eine bischöfliche, so folgt mit Nothwendigkeit, 1. daß sie eine ordentliche (ordinaria), d. h. daß sie eine mit dem Amte und kraft des Amtes verliehene Gewalt ist, und daß ihre Bethätigung nicht erst durch außergewöhnliche Verhältnisse, Zeitumstände, Vorkommnisse, Personen etc. bedingt ist (Granderath, Constitudines dogmaticae ss. oecumen. Conc. Vatic., Frib. Brisg. 1892, 221); 2. daß sie eine unmittelbare (immediata) ist, d. h. eine Gewalt, die sich ohne Vermittelung der hierarchischen Mittelglieder, ja auch mit Umgehung derselben allen Gläubigen, den höchsten wie den niedrigsten, gegenüber bethätigen kann (Granderath 222, ann. 2); 3. daß demnach alle Gläubigen und alle Hirten jeglichen Ritus und jeglichen Ranges, jeder einzelne wie alle zusammen, den Befehlen und Anordnungen des Papstes sich mit wahrem Gehorsam zu unterwerfen verpflichtet sind, und zwar 4. in allen Dingen, welche überhaupt Gegenstand kirchlicher Gesetzgebung werden können. – Aus dem Wesen der obersten Jurisdictionsgewalt folgt deren vollständige Unabhängigkeit von jeglicher andern Gewalt. Niemand darf also die Ausübung derselben hindern oder den Verkehr des obersten Hirten mit der Herde hemmen oder dessen Verordnungen einer Begutachtung unterwerfen. Darum verurtheilt das heilige Concil (c. 8) die Lehren derjenigen, welche behaupten, es könne dieser Verkehr des Oberhauptes mit den Hirten und Herden erlaubter Weise verhindert werden, oder welche denselben von der weltlichen Gewalt abhängig machen, so daß sie vorgeben, die vom apostolischen Stuhl oder kraft seiner Autoriät erlassenen Bestimmungen zur Regierung der Kirche hätten keine Kraft und Gültigkeit, wenn sie nicht durch das Placet (s. d. Art.) der weltlichen Gewalt bestätigt würden.

Im Allgemeinen ist damit das Wesen des Jurisdictionsprimates dargelegt. Der Papst besitzt die Fülle der bischöflichen Gewalt über die gesammte [Bd. 9, Sp. 1386] Kirche Christi; er ist der höchste Hirt der Herde Christi, aber nicht der einzige. Auch die übrigen Bischöfe sind, wie auf dem Vaticanum oft und klar hervorgehoben wurde, wahre Hirten desjenigen Theiles der Herde Christi, welcher ihnen durch den obersten Hirten zugewiesen wird. Auch der Episkopat ist göttlicher Einsetzung; denn nach dem Apostel (Apg. 20, 28) ist der Bischof vom heiligen Geiste gesetzt, die Kirche Gottes zu regieren. Der Bischof ist nicht der Vicar, Delegat oder Stellvertreter des Papstes; er regiert und weidet die ihm anvertraute Herde in seinem eigenen Namen und kraft der Vollmacht, die göttlich ist in ihrem Ursprung wie in ihrer Verpflichtung, und die fortdauert, auch wenn der Inhaber des apostolischen Stuhles stirbt (vgl. auch d. Art. Papalsystem). – Im Einzelnen ist in der Fülle der Gewalt, welche dem Papste zugeschrieben wird, enthalten: 1. die oberste gesetzgebende Gewalt. Der Papst allein kann für die Gesamtkirche allgemein verpflichtende Gesetze erlassen und Bestimmungen des jus commune abändern oder davon eximiren, soweit das jus divinum nicht in Frage kommt. – 2. Verwandt mit der obersten, gesetzgebenden Gewalt ist die höchste Lehrgewalt des Papstes, welche thatsächlich mit dem Charisma der Unfehlbarkeit (s. d. Art.) bei den feierlichen Entscheidungen über Glauben und Sitten verbunden ist. – Der Papst ist ferner 3. der oberste Richter der Gläubigen (Conc. vatic. l. c. c. 3: Et quoniam). In jeder Rechtsfrage, deren Entscheidung dem kirchlichen Gerichte zusteht, bleibt also die Berufung an den Papst offen. Andererseits dürfen die Entscheidungen dieses höchsten Tribunals von niemandem einer Revision unterworfen, noch darf gegen dieselben an irgend einen andern Gerichtshof Berufung eingelegt werden. »Daher irren diejenigen vom rechten Pfade der Wahrheit ab, welche behaupten, man dürfe von den Entscheidungen der römischen Päpste an ein ökumenisches Concil als eine über dem Papst stehende Auctorität appelliren.« Es liegt ferner in der Befugnis des obersten Richters, zu entscheiden, welche Rechtsfälle er sich selbst zur Entscheidung schon in erster Instanz reserviren will. – 4. endlich steht dem Papst die höchste kirchliche Verwaltung sowie die Aufsicht und Leitung der untergeordneten Organe der kirchlichen Hierarchie zu.

Über den Zweck und die Bedeutung des Primates spricht sich das Prooemium der Const. Pastor aeternus folgendermaßen aus: »Der ewige Hirt und Bischof unserer Seelen hat, um dem heilbringenden Werke der Erlösung unvergängliche Dauer zu sichern, die heilige Kirche aufzubauen beschlossen, in welcher als im Hause des lebendigen Gottes alle Gläubigen durch das Band Eines Glaubens und Einer Liebe mit einander verbunden sein sollten. Darum hat er vor seiner Verklärung den Vater nicht bloß für seine Apostel, sondern auch für diejenigen gebeten, welche durch [Bd. 9, Sp. 1387] die Predigt der Apostel an ihn glauben würden, daß sie alle Eins seien, wie der Sohn selbst und der Vater Eins sind. Wie er also die Apostel, welche er sich von der Welt auserwählt hatte, gesandt hat, gleichwie er selbst vom Vater gesandt war, so wollte er auch, daß in seiner Kirche Hirten und Lehrer seien bis an das Ende der Zeiten. Auf daß aber der Episcopat selbst Eins und ungetheilt sei und durch den gegenseitigen Verband der Priester zugleich die gesammte Menge der Gläubigen in der Einheit des Glaubens und der Gemeinschaft bewahrt werde, hat er den hl. Petrus den übrigen Aposteln vorgesetzt und in ihm das beständige Princip und sichtbare Fundament jener doppelten Einheit gestiftet, damit auf dessen Stärke der ewige Tempel erbaut werde, und der erhabene Bau der Kirche, der bis an den Himmel ragen soll, auf dieses Glaubens Festigkeit emporsteige.«

B. Der Beweis für die göttliche Einsetzung des Papstthumes in der Kirche umfaßt die beiden Sätze, daß Petrus den Primat von Christus erhalten hat, und daß dieser Primat in den römischen Bischöfen fortlebt. I. Beweis des Primates Petri aus der heiligen Schrift. Indem für die zahllosen Einzelfragen, die hier in Betracht kommen, auf die reiche exegetische, dogmatische, historische und canonistische Literatur verwiesen wird, über welche jedes größere theologische Handbuch orientiren mag, sollen hier nur folgende Hauptthesen erötert werden. 1. Dem hl. Petrus wurde der höchste Jurisdiktionsprimat in der Kirche verheißen (s. Matth. 16, 13–19). Nach dem herrlichen Glaubensbekenntniß des hl. Petrus: »Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes« (V. 16), verheißt Christus seinerseits dem hl. Petrus die herrlichsten Vorrechte in dem künftigen messianischen Reiche (Sicut Pater meus tibi manifestavit divinitatem meam, ita et ego tibi notam facio excellentiam tuam; S. Leo, Serm. 4, 2 [Migne, PP. lat. LIV, 150]): »Selig bist du, Sohn des Jonas, denn Fleisch und Blut hat dir dieß nicht geoffenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist (V. 17). Und ich sage dir: Du bist Petrus (der Fels), und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen (V. 18). In diesem ersten Theile der Verheißung erscheint Petrus als das Felsenfundament der Kirche. Dieß zeigt schon der Name כֵיף, כֵיפָא, Fels, welcher Simon schon früher (Joh. 1, 42) verheißen war und ihm nun beigelegt wurde. Die Bedeutung der Beilegung gerade dieses Namens wird verständlich, wenn man beachtet, daß Gott selbst im (hebr.) Alten Testament wiederholt Fels genannt wird (Deut. 32, 15 »Fels des Heiles«; 32, 18 »der Fels«. 2 Sam. 23, 8 »der Fels Israels«; ebenso Is. 80, 29. Ps. 18, 3. 47; 19, 15; 28, 1 »mein Fels«; vgl. Is. 17, 10. Ps 31, 3; 73, 26; 89, 27. 2 Sam. 22, 47 u. s. w.). Es war also eine ganz gewöhnliche Vorstellung, sich Gott als [Bd. 9, Sp. 1388] das unerschütterliche und unveränderliche Fundament der Kirche des Alten Bundes zu denken. Wenn nun der Messias seinem Apostel gleich bei der Gründung seiner Kirche einen Namen beilegt, der dem Herrn im Alten Bunde gewissermaßen zu eigen war, welche Stellung wird dann Petrus in dem neuen, messianischen Reiche einzunehmen berufen sein? Christus erklärt übrigens selbst die Namensänderung. Auf diesen Fels, d. h. auf Simon Petrus, will er seine Kirche bauen. Die älteren Apologeten mußten den Neuerern des 16. Jahrhunderts gegenüber nachweisen, daß »der Fels« im zweiten Theile von V. 18 identisch sei mit dem »Fels« im ersten Satzgliede. Heute ist dieß unnöthig, da die Sache zu klar liegt, als daß eine vorurtheilsfreie Exegese daran zweifeln könnte (vgl. O. Pfleiderer, Das Urchristenthum, Berlin 1887, 541 u. 518; Br. Bauer, Kritik der evangelischen Gesch. III, Braunschweig 1842, 6 ff.; Holtzmann in der Zeitschrift für wissenschaftl. Theologie 1878, 115). Ebenso wenig auffallend ist der Ausdruck ἐκκλησία, welchen schon die LXX sehr häufig gebrauchen, um das hebräische קָהָל wiederzugeben und das Volk Israel, welches sich zur Begehung seiner Feste versammelt hatte, zu bezeichnen (Num. 16, 3; 20, 4. Deut. 23, 2 ff. 1 Par. 28,8. Mich. 2, 5. Neh. 13, 1). Was im Alten Bund ἐκκλησία Κυρίου oder Θεοῦ hieß, nennt Christus »seine Kirche« (τὴν ἐκκλησίαν μου). Das Volk Israel hieß aber nicht nur die Versammlung Jehova’s, sondern auch das »Haus Jehova’s« (Num. 12, 7. Jer. 12, 7. Of. 8, 1; 9, 8. 15), und so ergibt sich die Metapher des Erbauens ziemlich natürlich (1 Cor. 3, 9. Gal. 2, 9. Eph. 2, 20. 1 Tim. 3, 15. Hebr. 3, 6. 1 Petr. 2, 5). Thatsächlich sind zwei Vorstellungen in einander geflossen. Aber der Sinn der biblischen Ausdrucksweise ist einfach und klar: Christus ist der Baumeister, sein messianischen Reich ein Gebäude, errichtet auf einem Felsengrund, welcher der Apostel Petrus ist. Dieses Fundament ist fest, unbeweglich, unerschütterlich, unveränderlich, da Christus, die ewige Weisheit, sicher nicht weniger weise ist als der »weise Mann, der sein Haus auf Felsengrund gebaut hat« (Matth. 7, 24). nach der angezogenen Parabel aber verleiht der Felsengrund dem über ihm errichteten Gebäude Festigkeit, Dauer und Einheit. Was vom Fundament nicht getragen wird, gehört nicht zum Gebäude, also auch nicht zur ἐκκλησία Θεοῦ. Die ἐκκλ. Θεοῦ ist nun nicht ein materielles Gebäude, sondern eine Vereinigung von Menschen. Was aber einer derartigen Vereinigung Dauer und Einheit verleiht, was sie zu einer wirklichen Gesellschaft macht, ist die Auctorität und die Vollmacht zu regiren und auctoritativ zu dem Ziele zu leiten, dessentwegen die Gesellschaft selbst ins Leben getreten ist. Die Auctorität ist somit das innere Band, welches die einzelnen Glieder zusammenhält, die Seele, die den moralischen Organismus belebt und dirigirt. Ein Glied, daß sich der Auctorität [Bd. 9, Sp. 1389] entzieht, gehört nicht mehr zur Gesellschaft. Da also Christus die Gesammtkirche auf Petrus stellt, gibt er ihm gerade dadurch die höchste Gewalt über seine Kirche. Diese höchste Gewalt muß aber derartig sein, daß in Wirklichkeit für die Festigkeit, Dauer und Einheit im messianischen Reiche immer gesorgt ist, so lange dasselbe bestehen wird. Mit anderen Worten: Die Kirche hat in der Verheißung an Petrus auch das feierliche Versprechen Christi, er werde dafür sorgen, daß in Petrus immer für die Kirche ein Fundament bestehe, welches fortdauernd seinen Einfluß der Festigung und Einigung ausübt. – Den Worten Christi werden also diejenigen nicht gerecht, welche in denselben nur eine Art Ehrenvorrang erblicken. Der Ehrenvorrang begründet keine Auctorität. Exegetisch unhaltbar ist ferner die Ansicht, Petrus werde deshalb Fundament genannt, weil er als der Erste den Juden (Apg 2, 14) und dann den Heiden (Apg 10; vgl. 15, 7) das Evangelium verkündigt habe. Christus ist als Bauherr der Kirche aufgeführt, nicht Petrus. Und wenn andere wiederum den Glauben Petri als das Fundament der Kirche betrachten, so haben auch sie nicht die ganze Bedeutung der Worte des Stifters der Kirche erfaßt: »Du bist der Fels, und auf diesen Felsen, d. h. auf dich, will ich meine Kirche bauen.« Die Person des Apostels ist also das Fundament; sie ist aber Fundament durch die Auctorität und Herrschergewalt; die Herrschergewalt hinwiederum wird Petrus verheißen, welcher eben sein Glaubensbekenntniß an die Gottheit Christi abgelegt hat. Deßhalb kann und muß man sagen: Nicht Petrus an sich und noch weniger der Glaube Petri an sich ist das Fundament der Kirche, sondern der den wahren Glauben klar und furchtlos verkündende Petrus (Palmieri, De Romano Pontifice, Romae 1877, 252). Durch diese Erklärung wird man der Lehre jener Väter gerecht, welche mitunter den Glauben des hl. Petrus als das Fundament der Kirche hinstellen (vgl. P. Ballerini, De vi et ratione primatus Rom. Pontif. c. 12; Palmieri 246 sq.). Daß es ferner nicht angeht, unter dem Felsenfundamente Christus zu verstehen (trotz vereinzelter patristischer Stellen), ist schon oft nachgewiesen worden (vgl. Knabenbauer, Comment. in Matth. II, Par. 1892, 53; Bellarminus, De Romano Pontifice 1, 10–13; Suarez, Defensio fidei 3, 10–12; Nat. Alex. Hist. eccl. ed. Bing. IV, 219 sq.; P. Ballerini, l. c.; Passaglia, Commentarius de praerogativis b. Petri 2, 3–10. 14 [ed. Ratisbon. 1850]; Schrader, De unitate romana, Frib. Brisg. 1862, 140 sqq.; Palmieri l. c. 225–278). – In dem zweiten Theile der Verheißung (V. 19) wird das Bild von der Kirche als einem Gebäude theilweise noch festgehalten. Es ist von der Schlüsselgewalt im Reiche der Himmel die Rede: »Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben δώσω σοιτὰς κλεῖδας τῆς βασιλείας τῶν οὐρανῶν, und was immer du binden wirst auf Erden, soll [Bd. 9, Sp. 1390] gebunden sein im Himmel, und was immer du lösen wirst auf Erden, soll auch gelöst sein im Himmel.« Jemandem die Schlüssel seines Hauses, einer Stadt übergeben, heißt schon nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauche, mehr noch nach der Ausdrucksweise der heiligen Schrift, ihn zum Verwalter seines Hauses und seiner Schätze, zum Herrn oder wenigstens Statthalter in einer Stadt oder Provinz einsetzen, hier ihn zum stellvertretenden Herrscher der βασλεία τῶν οὐρανῶν machen. Dem hl. Petrus wird also eine wahre Herrschaft, eine wahre Gewalt im Gottesreiche auf Erden verliehen, und zwar die höchste Gewalt und Auctorität nach Christus, dessen Stellvertreter er ist. Daß die Übertragung der Schlüsselgewalt dieß und nichts Anderes besagt, ergibt sich klar genug aus dem Sprachgebrauch der heiligen Schrift und dem Zusammenhang; denn bei Is. 22, 22 heißt es: »Ich will die Schlüssel des Hauses David seinen Schultern anvertrauen: er wird öffnen und niemand kann schließen, und er wird schließen und niemand kann öffnen« (vgl. dazu J. Knabenbauer, Comment. in. Is. I., Paris. 1887, 433). Noch klarer spricht die Geheime Offenbarung (3, 7) von Christus: »Der Heilige und Wahrhaftige, der den Schlüssel Davids hat: er öffnet und niemand schließt; er schließt und niemand öffnet.« Christus also, der die Schlüssel des Hauses David hat und öffnet und schließt nach seinem eigenen, freien Ermessen, Christus, der höchste Herr in seiner Kirche, verspricht seinem Apostel die Schlüssel seines Reiches. Er macht ihn somit zu seinem Statthalter und bekleidet ihn mit seiner eigenen Gewalt, gerade so wie er ihn auch zum Fundament seiner Kirche macht, obgleich er selbst das unsichtbare und vorzüglichste Fundament seiner Kirche ist und bleibt Aus beiden Vergleichen erhellt unzweideutig die Stellung des hl. Petrus in der künftigen Kirche Christi: er wird sein der Stellvertreter Christi. Ist in dem Vorangegangenen die höchste, stellvertretende Gewalt in der Kirche dem hl. Petrus im Allgemeinen verheißen, so wird weiterhin die Binde- und Lösegewalt, d. h. die höchste gesetzgebende und richterliche Gewalt in der Kirche, demselben Apostel verliehen. Daß es sich um die Fülle der bezüglichen Gewalt handelt, erhellt aus dem quodcunque, welches nur durch den Zweck der Kirche begrenzt ist; und daß es sich um die höchste Gewalt handelt, geht daraus hervor, daß die Vorschriften bzw. Verbote keiner andern Bekräftigung bedürfen als der des Himmels. – Was das Binden und Lösen bedeutet, muß aus dem Sprachgebrauch der heiligen Schrift und der Ausdrucksweise der damaligen wie der späteren rabbinischen Schulen eruiert werden. Es steht zunächst fest, daß ligare, δεῖν, אָסַר in der Bedeutung »verbieten, untersagen« vorkommt (Dan. 6, 8. 9. 14. 16), wie andererseits solvere, λύειν, הִתִּיר in der Bedeutung von »erlaubt erklären, erlauben«. Die Rabbinen hatten zu erklären, was nach dem Gesetze Moses’ erlaubt und was verboten war. [Bd. 9, Sp. 1391] Diese Erklärungen aber, auf welche gerade im Matthäus-Evangelium so oft Bezug genommen wird, wurden allgemein als eigentliche Satzungen, eigentliche Gesetze angesehen. Wer also die Binde- und Lösegewalt besaß, hatte nach jüdischem Begriffe die Vollmacht, allgemein verbindliche Satzungen aufzustellen, zu verpflichten, Gesetze zu erlassen. Aber wenn man auch zugeben wollte, die Binde- und Lösegewalt habe bei den Rabbinen nur darin bestanden, daß sie authentisch erklären konnten, was nach dem Gesetze erlaubt und was verboten sei, so folgt doch, besonders in Anbetracht der Eigenart des Neuen Bundes, daß dem hl. Petrus die höchste Legislativgewalt übergeben wurde. Petrus hatte nämlich durch die Binde- und Lösegewalt die Vollmacht erhalten, authentisch zu erklären und festzusetzen, was im Neuen Bunde, in der Kirche Christi erlaubt, was nicht erlaubt sei. Die Norm war nicht mehr das Gesetz Moses’, sondern das Gesetz, die Lehre, die Räthe, welche Christus gegeben hat. Den Geist Christi sollte Petrus erklären, und zwar mit voller Auctorität, so daß die Gläubigen in ihrem Gewissen verpflichtet sind, ihr Leben danach einzurichten. Was sind aber derartige Erklärungen nichts Anderes als Gesetze? Und was ist die Vollmacht, derartige Erklärungen zu erlassen, Anderes als die höchste Legislativgewalt? Übrigens ist es eine erwiesene Thatsache, daß sich auch die Vollmacht der jüdischen Gesetzeslehrer nicht bloß auf die authentische Interpretation der heiligen Schrift beschränkte, sondern sich auf das gesammte Religions- und Staatswesen des auserwählten Volkes ausdehnte. So wird auch dem hl. Petrus die ausgedehnteste Legislativgewalt verheißen, der selbstverständlich eine ebensoweit gehende richterliche Gewalt entsprechen muß. Suarez (l. c. n. 15) sagt daher mit Recht: Potestas ligandi atque solvendi non est alia nisi potestas leges ferendi, quae homines ligent seu obligent, vel etiam puniendi aut censuras ferendi aut similia onera imponendi vel auferendi (vgl. auch Knabenbauer, Comment. in Matth. II, 50 sqq.)

2. Dem hl. Petrus wurde die Primatialgewalt über die gesammte Kirche nicht bloß verheißen, sondern auch thatsächlich verliehen. Bei der letzten Erscheinung nach der Auferstehung fragte der Herr seinen Apostel, auf den er seine Kirche zu bauen, dem er die Schlüssel des Himmelreiches zu geben, und den er mit der höchsten Binde- und Lösegewalt zu bekleiden versprochen hatte (s. Joh. 21, 15 18): »Liebst du mich mehr als diese?« Petrus antwortete: »Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebe.« Dann sagte er zu ihm: »Weide meine Lämmer (βόσκε τὰ ἀρνία μου). Darauf fragte er ihn wiederum: »Simon, Jonas’ Sohn, liebst du mich?« Petrus sprach zu ihm: »Herr, du weißt, daß ich dich liebe,« worauf Jesus sagte: »Weide meine Schafe« (ποίμαινε τὰ πρόβατά μου [al. τὰ προβάτιά μου]). Er fragt ihn endlich zum dritten Male: »Simon, Jonas’ Sohn, liebst du mich?« Petrus antwortete: [Bd. 9, Sp. 1392] »Herr, du weißt Alles, du weißt, daß ich dich liebe,« und Jesus sagte: »Weide meine Schafe« (βόσκε τὰ πρόβατά μου). Auf die feierlichste Weise, aber erst nach dreimaliger Betheuerung seiner Liebe, wird also dem hl. Petrus der Auftrag, die Herde Christi zu weiden (βόσκειν) und zu leiten (ποιμαίνεν). Die volle Bedeutung dieses Auftrages ergibt sich aus der Erwägung der einzelnen Momente. Der den Auftrag gibt, ist Christus, der als Hirt von den Propheten vorherverkündet war (Ez. 34, 17. Mich. 5, 4), der sich selbst den guten Hirten nennt, welcher sein Leben für seine Schafe hingibt und ihnen das ewige Leben gibt, der seine Schafe kennt und hinwiederum von ihnen gekannt wird (Joh. 10, 11 ff.). Christus ist also ein Hirt, er hat eine Herde, zu der alle diejenigen gehören, die auf seine Stimme hören und ihm folgen, d. h. alle Gläubigen. Er gibt jedoch seine Herde dem hl. Petrus nicht zu eigen, sondern nur zum Weiden. Das Weiden einer Menschenmenge heißt nichts Anderes als sie leiten und regieren, so lehrt es der Sprachgebrauch sowohl bei den Profan- wie bei den heiligen Schriftstellern. Es ist dieß so wahr, daß z. B. in der heiligen Schrift die Worte »Hirt« und »König« und ebenso »weiden« und »regieren« vollständig synonym sind (Is. 44, 28. 2 Kön. 5, 2; 7, 7. Ez 37, 24. Ps. 22, 1. Mich. 5, 2. 4. Matth. 2, 6; vgl. Palmieri l. c. 292 sqq.). Die Worte bei Joh. 21, 15 ff. besagen also eine wirkliche Herrschergewalt, welche Petrus, und zwar ihm allein, verliehen wird über alle, welche in Christus ihren obersten Herrn und Hirten anerkennen und zu dessen Schafen gehören, also auch über die Apostel und ihre Nachfolger. Diese Herrschergewalt über die gesammte Kirche ist aber die Primatialgewalt. Mit vollem Rechte verwirft daher die Const. Pastor aeternus (c. 1) die Lehre, der hl. Petrus sei nicht von Christus dem Herrn zum Fürsten aller Apostel und zum sichtbaren Haupte der ganzen streitenden Kirche eingesetzt worden«, oder »derselbe habe von diesem unseren Herrn Jesus Christus nur den Primat der Ehre, nicht aber den der wahren und eigentlichen Jurisdiction direct und unmittelbar empfangen«.

3. Petrus hat nach den Berichten der heiligen Schrift den Vorrang unter den Aposteln stets besessen und den Primat ausgeübt. Dieß folgt zunächst aus der Thatsache, daß in den Apostelkatalogen der hl. Schrift Simon immer die erste Stelle einnimmt. Den Grund hiervon scheinen die Evangelisten darin zu finden, daß ihm vom Herrn der Name Petrus gegeben wurde (Matth. 10, 2 ff. Marc. 3, 16 ff. Luc. 6, 14 ff. Apg. 1, 13). Weiterhin deuten die Formeln Σίμων καὶ ὁι μετ’ αὐτοῦ oder καὶ ὁι σὺναὐτῷ (Marc. 1, 36. Luc. 8, 45; 9, 32; vgl. Matth. 16, 7. Apg. 2, 14. 37; 5, 29) die im Kreise der Apostel hervorragende Stellung seiner Führerschaft deutlich genug an. Dasselbe besagt (Marc. 10, 2) Primus: Simon, qui dicitur Petrus, et Andreas frater ejus etc., wo der Ausdruck primus sicher nicht die [Bd. 9, Sp. 1393] erste Stelle dem Alter oder der Erwählung nach, sondern nur der Würde nach bezeichnen kann. Als »der Erste« erweist Petrus sich auch durch die That, denn von ihm geht die Anregung zur Wahl eines neuen Apostels aus, und er leitet den Wahlact (Apg. 1, 15 ff.); er besucht zuerst alle Gemeinden von Judäa, Galiläa und Samaria (Apg. 9, 32 ff.); das Strafgericht über Ananias und Saphira vollzieht Petrus (Apg. 5, 1 ff.). »Man kann also in Wahrheit von ihm sagen, er habe die ersten Gläubigen wie die ersten Heiden in die Kirche aufgenommen, das erste Wunder unter den Aposteln gewirkt, den ersten Ungehorsamen bestraft, den ersten Häretiker (Simon Magus) aus der Kirche ausgeschlossen, die erste Kirchenvisitation gehalten, dem ersten Concil präsidirt. Die ganze erste apostolische Kirche hat in Petrus ihren lebendigen, sichtbaren Mittelpunkt. Könnte der Primat des Petrus besser durch die Thatsachen beleuchtet werden?« (P. Schanz, Apologie des Christenthums III, Freiburg 1888, 324.) Der Primat tritt eben so in Erscheinung, wie man es den Zeitumständen entsprechend bei der Einigkeit der ersten christlichen Gemeinden und ihrer Hirten, bei der Lehr- und Regierungsgewalt der Apostel, bei dem Reichthum der Charismen, bei der Jugend des kirchlichen Organismus vernünftigerweise nur erwarten kann. Daß speciell beim hl. Paulus in der Stelle Gal. 1, 18 (vgl. ebd. 22) eine Anerkennung des Primates im hl. Petrus vorliegt, hat nicht bloß die ältere Exegese (Chrysostomus, Victorinus, Hieronymus) eingesehen, sondern selbst die moderne, vorurtheilsfreie Kritik beginnt der Wahrheit Zeugniß zu geben (Weizsäcker, Apost. Zeitalter, Freib. 1886, 12). Ja selbst das Vorkommniß, von dem Gal. 2, 11 ff. die Rede ist, ist weit eher eine Bestätigung dafür, daß der Völkerapostel in Petrus seinen Vorgesetzten sah, als eine praktische Läugnung der Primatialgewalt (vgl. Palmieri 305 sqq.).

II. Fortdauer des Primates in den römischen Bischöfen. Es ist geoffenbarte Wahrheit, daß der Primat des hl. Petrus in den römischen Bischöfen beständig fortdauert (s. Const. Pastor aeternus, c. 2). In diesem Satze liegt die doppelte Behauptung: daß der Primat des hl. Petrus nach göttlicher Anordnung in der Kirche fortbestehen soll, und daß der jedesmalige Bischof von Rom Träger der Primatialgewalt ist. Was den ersten Punkt betrifft, so sprechen für die ständige Fortdauer des Primates dieselben Beweise, welche die Einsetzung desselben darlegen. Petrus ist ja das Fundament der Kirche, und dieses Fundament ist der Grund, warum die Pforten der Hölle nichts gegen die Kirche vermögen. Petrus ferner bestärkt die Brüder im Glauben gegen die Anfechtungen des Satans. Nun aber soll nach der Anordnung [Bd. 9, Sp. 1394] des Herrn die auf Petrus gegründete Kirche bis an’s Ende der Zeiten fortbestehen und allen Stürmen, welche der böse Feind gegen sie heraufbeschwören wird, trotzen. Wie könnte sie das, wenn sie von ihrem Fundamente, das ihr nach dem Plane des göttlichen Baumeisters Kraft und Festigkeit verleihen soll, losgerissen wäre? Wie würden die Brüder standhalten, wenn der fehlt, der sie im Auftrage Christi im Glauben bestärken soll? Es ist ferner oben gezeigt, daß durch Übertragung der Schlüsselgewalt, der Binde- und Lösegewalt, des höchsten Hirteamtes über die gesammte Herde Christus dem Apostelfürsten die höchste Auctorität in der Kirche verliehen hat; dadurch aber ist der zu gründenden socialen Gesellschaft ihre eigenthümliche Form aufgeprägt. Christus hat ihr die monarchische Regierungsform gegeben. So lange also diese Gesellschaft, d. h. die von Christus gegründete Kirche, fortbesteht, wird sie auch in der von Christus gewollten Form fortbestehen, also unter Petrus und der ihm verliehenen Primatialgewalt; sonst hört sie eben auf, die Kirche Christi zu sein. Die Kirche und die Primatialgewalt, weil sich gegenseitig bedingend und ergänzend, sind also nach göttlicher Anordnung gleich ewig. Das vaticanische Concil verwirft darum ausdrücklich die Meinung, es sei nicht aus Christus des Herrn selbsteigener Anordnung oder kraft göttlichen Rechtes, daß der hl. Petrus im Primate über die ganze Kirche beständige Nachfolger habe (Conc. Vatic. l. c. Si quis). Wenn aber derselbe Canon weiter besagt, der römische Bischof sei der jedesmalige Inhaber der Primatialgewalt, so ist damit auch einschließlich erklärt, daß der Bischof von Rom mit der höchsten Gewalt in der Kirche kraft göttlichen Rechtes bekleidet sei, mag man nun von der Controverse, ob Petrus auf ausdrücklichen Befehl Gottes den römischen Bischof zu seinem Nachfolger im Primate bestimmt habe oder nicht, denken wie man will (vgl. M. Canus, De locis theol. 6, 8, ad 10; Bellarmin., De Rom. Pontif. 2, 12; Palmieri 326 sqq.). Das Vaticanum hat diese Frage nicht entschieden. Man unterschied vielmehr genau zwischen der Nachfolge selbst und der Art der Nachfolge. Die Nachfolge des Papstes im oberhirtlichen Amte beruht auf Christi Anordnung; die Art der Nachfolge, daß es nämlich der römische Bischof und nicht etwa der von Antiochien sei, ist durch die That des hl. Petrus begründet. Definirt ist somit nur der Satz: »Der Nachfolger des hl. Petrus auf dem Bischofsstuhle in Rom ist sein Nachfolger im Primat kraft göttlichen Rechtes«; nicht aber der andere Satz: »Der Nachfolger des hl. Petrus im Primat kraft göttlicher Anordnung ist auch der Inhaber des römischen Stuhles kraft göttlicher Anordnung« (vgl. Granderath 137 sqq.). Die Nachfolge im Primat ist durch den göttlichen Stifter der Kirche angeordnet, die unerläßliche Bedingung der Nachfolge aber ist thatsächlich der Besitz des römischen Bischofsstuhles. Diese Thatsache muß auf historischem [Bd. 9, Sp. 1395] Wege ermittelt werden. Das Vaticanum (l. c. c. 2) weist darauf hin, es sei in allen Jahrhunderten bekannt gewesen, daß der heilige Petrus, der Fürst und das Haupt der Apostel, die Kirche von Rom selbst gegründet und mit seinem Blute eingeweiht habe, und daß ferner derselbe heilige Apostel immerfort in seinen Nachfolgern, den Bischöfen des römischen Stuhles, lebe, den Vorsitz führe und das Richteramt übe.

1. Die Gründung und Leitung der Kirche in Rom durch Petrus ist eine so wohl beglaubigte Thatsache wie wenige andere in der Geschichte der Urkirche. In der Apostelgeschichte findet sich wenigstens eine geheimnisvolle Andeutung: »Er reiste an einen andern Ort« (Apg. 12, 17); denn dieß wird von den katholischen Exegeten meist auf eine Reise des Apostels nach Rom gedeutet (vgl. den Art. Petrus, Apostel). Es war dies um das Jahr 42. Das Ziel der Reise ist nicht angegeben. – Bei aufmerksamer Lesung des Römerbriefes des hl. Paulus legt sich ferner der Gedanke nahe, daß die Christengemeinde in Rom ihre Gründung und Blüte und ihr Ansehen nur einem der Hauptapostel verdanken könne (vgl. Röm. 1, 8; 15, 20); wer sollte dieser Apostel sein, wenn nicht Petrus? Eine spätere Anwesenheit des Apostels in Rom bezeugt schon gut der erste Petrusbrief (1 Petr. 5, 13: Salutat vos ecclesia, quae est in Babylone coelecta, et Marcus filius meus); denn unter Babylon kann mit den meisten und besten Exegeten nur Rom verstanden werden (s. d. Art. Babylon I, 1822). Da ferner das vierte Evangelium den Martyrtod wie auch die Todesart des Apostelfürsten als unter den kleinasiatischen Christen bekannt voraussetzt (Joh. 21, 18 f.; vgl. Langen, Gesch. d. röm. Kirche I, 43), darf es nicht befremden, daß ungefähr gleichzeitige Quellen auch den Ort des Martyriums genau kennen. Der Brief des hl. Clemens von Rom, spätestens um 93–97 in Rom geschrieben, bezeichnet nämlich Cap. 5 und 6 deutlich genug Rom als Schauplatz des Martyriums. Zuerst wird der erhabene Martyrertod der mächtigsten Säulen der Kirche, Petrus und Paulus, erwähnt. Diesen Männern werden aber andere beigesellt, die »unter uns« (ἐν ἡμῖν), d. h. zu Rom, in die verdiente Glorie eingegangen sind. Das ἐν ἡμῖν wird aber noch näher erläutert durch die Beschreibung der Martyrerscenen, wie sie sich, soweit man weiß, nur in Rom unter Nero abgespielt haben (vgl. Funk, Patres apost. I, Tubing. 1887, 67 sqq.; Tacit. Annal. XV, 44). Wenige Jahre später schreibt Ignatius von Antiochien (vgl. Funk l. c. 213 et XLV) an die Römer, er könne ihnen nicht befehlen wie Petrus und Paulus etc. Er weiß also, daß die römische Kirche unter der Leitung des hl. Petrus gestanden hat, so zwar, daß er ihr mündlich und unmittelbar seine Anordnungen zukommen ließ. Einen weitern Zeugen unter den apostolischen Vätern führt Eusebius (H. E. 2, 15, 1) an, wenn er erzählt: »Marcus, der Begleiter des [Bd. 9, Sp. 1396] hl. Petrus, schrieb auf Bitten der Römer zu Rom sein Evangelium nach dem, was Petrus dort vorgetragen hatte.« Für diese Angabe beruft er sich auf Clemens von Alexandrien (gest. 217 in sehr hohem Alter) und auf Papias, Bischof von Hierapolis in Phrygien, der nach Irenäus (Adv. haer. 5, 33) Schüler des Apostels Johannes und Freund des hl. Polykarp war. In allen diesen Zeugnissen ist die Gründung der römischen Kirche durch den Apostelfürsten mehr angedeutet als klar ausgeprochen. Viel bestimmter drücken sich die Schriftsteller des 2. Jahrhunderts aus. Dionysius von Corinth schreibt um 170 an die Kirche von Rom: »Somit habt ihr durch eure eindringliche Ermahnung die von Petrus und Paulus zu Rom und zu Corinth angelegte Pflanzung mit einander verbunden. Denn beide haben den Samen des Evangeliums auch in Corinth gepflanzt und uns gemeinschaftlich unterrichtet, gleichwie sie auch in Italien an Einem Orte gelehrt und zur selben Zeit den Martyrertod erlitten haben« (Eus. H. E. 2, 25, 8). Für Irenäus, der bald nach der Mitte des 2. Jahrhunderts nach Rom kam und die Succession der Bischöfe in den Hauptkirchen zu seinem Specialstudium machte, ist der Aufenthalt des hl. Petrus in der Weltstadt sowie die Gründung der dortigen Kirche durch denselben gleichfalls eine ausgemachte Thatsache. So sagt er (Adv. haer. 3, 1): »Matthäus hat unter den Hebräern in ihrer Schrift (Sprache) eine Evangelienschrift herausgegeben, während Petrus und Paulus in Rom predigten und die Kirche gründeten.« (Ibid. 3, 3): »Aber weil es zu lang wäre … von allen Kirchen die Amtsfolgen aufzuzählen, so erwähnen wir nur die von den Aposteln stammende Überlieferung der größten, ältesten, allbekannten, von den beiden vornehmsten Aposteln zu Rom gegründeten und aufgerichteten Kirche.« Der Aufenthalt des hl. Petrus in Rom ist indeß so gut durch die einstimmige Überlieferung des ganzen Alterthums beglaubigt, daß es überflüssig ist, weitere Zeugnisse anzuführen. »Daß Petrus in Rom gewirkt hat,« sagt Döllinger (Christenthum und Kirche, Regensburg 1860, 313), »ist eine so vollständig bezeugte, so tief in die älteste Geschichte eingreifende Thatsache, daß demjenigen, der dieß als eine Dichtung verwirft, folgerecht die ganze älteste Geschichte der Kirche in Dichtung sich auflösen oder doch völlig unsicher werden muß« (vgl. Tert. De praescr. 36; De bapt. 4; Gajus von Rom bei Eus. H. E. 2, 25, 7). Neuestens wurde die Frage vortrefflich behandelt von Johann Schmid (Petrus in Rom, Luzern 1892). Wenn demnach der Aufenthalt und Tod Petri in Rom als feststehende, historische Thatsache angesehen werden muß, so versteht es sich von selbst, daß er auch der Leiter jener Kirche war bis zu seinem glorreichen Tod. Gegen diese Schlußfolgerung hat selbst Lipsius nichts einzuwenden (s. Jahrb. für prot. Theol. [1876] 562). Die Richtigkeit derselben ergibt sich [Bd. 9, Sp. 1397] auch aus den historischen Zeugnissen zur Evidenz. Daß Petrus der erste Bischof der ewigen Stadt gewesen, ist der Glaube der Gesammtkirche wenigstens seit dem Anfang des 3. Jahrhunderts; diese Wahrheit bedarf heutzutage keines Beweises mehr. Das Vorsteheramt Petri ist aber von viel älteren Quellen beglaubigt. Clemens von Rom nennt Petrus und Paulus nicht nur οἱ μέγιστοι καὶ δικαιότατοι στύλοι, sondern auch ὁσίως πολιτευσάμενοι, und Ignatius von Antiochien anerkennt gleichfalls, daß die beiden Apostelfürsten in Rom als Befehlende aufgetreten seien: οὐχ ὡς Πέτρος καὶ Παῦλος διατάσσομαι ὑμῖν. Deutlicher sprechen jedoch die Zeugen des 2. Jahrhunderts. Schon das Zeugniß des Irenäus für sich genommen ist vollgültig; denn »was ihn an der römischen Kirche interessirt,« sagt Lipsius (a. a. O. 596), »ist nicht das persönliche Schicksal des Petrus als solches, sondern die durch ihn und Paulus gemeinsam vollzogene Gründung der römischen Kirche«. Richtiger würde man sagen: »Ihn interessirt nicht so sehr die Gründung der Kirche als solche, wie die apostolische Succession.« Um nämlich den Häretikern gegenüber die Wahrheit der katholischen Lehre zu beweisen und zu vertheidigen, führt er aus, daß die Reihenfolge der Bischöfe ununterbrochen hinaufreiche bis zu den Aposteln. Dieser Bischofsreihe in Rom, deren erster Petrus, deren letzter Eleutherus (174–189) ist, wohnt das χάρισμα τῆς ἀληϑείας inne. Auf dieser Voraussetzung beruht die ganze Beweisführung des Irenäus. Wie hätte er aber wagen können, seine ganze Apologie auf diesen einen Beweis zu bauen, wenn er von dessen Haltbarkeit nicht völlig überzeugt gewesen wäre? Und wie hätte ein so hochgebildeter Mann wie Irenäus von der Haltbarkeit seiner Argumentation überzeugt sein können, wenn er sich nicht vorerst von der Wahrheit der Grundlage, nämlich des römischen Episcopats Petri, überzeugt hätte? An seinem Zeugniß kann also nicht gerüttelt werden (s. Adv. haer. 3, 2, 3; 3, 3). Der hl. Petrus war folglich Bischof von Rom. Dasselbe erhellt übrigens auch aus Hegesipp (Eus. H. E. 3, 2; vgl. Lightfoot, Clement of Rome I, London 1890, 201–345), aus dem Buche gegen Artemon (Eus. ib. 5, 28, 3), aus dem Gedichte Adv. Marc. (Append. ad opp. Tert., bei Migne PP. lat. II, 1077), aus Cypr. Ep. 55, Firmil. (Inter opp. Cypr. Ep. 75, 17 ed. Hartel); ebenso aus allen alten Papstkatalogen. Es ist überhaupt die Überzeugung der gesammten Kirche aller Jahrhunderte, daß Petrus unter dem Einfluß der göttlichen Vorsehung nach Rom gekommen sei, die dortige Kirche gegründet, den Episcopat daselbst bis zu seinem Tode verwaltet und im Martyrertode alle Prärogativen seiner Primatialgewalt den rechtmäßigen Nachfolgern auf der Cathedra Petri übertragen habe (vgl. Cypr. Epp. 43, 5; 55; 59, 7 et 14; 71, 3; 73, 7; 75, 17).

2. Der historische Nachweis für den letzten Satz wird sich natürlich verschieden gestalten nach der [Bd. 9, Sp. 1398] Verschiedenheit der Zeiten. Wie das Christenthum selbst, so tritt auch der Primat in der bescheidensten Form in die Welt. Das Wesen ist dasselbe, die Erscheinungsform ist verschieden. Es darf dieß nicht befremden; so ist es fast bei allen von Gott gewollten Institutionen; so ist es namentlich bei der Kirche. Der Herr selbst hat das Bild vom Samenkörnlein und dem ausgewachsenen Baum gebraucht, um das Wachstum der Kirche zu veranschaulichen. Was von der Kirche überhaupt gilt, trifft selbstverständlich auch bei dem Hauptfactor der Organisation der Kirche zu. Das Papstthum trat wohl in den ersten Zeiten nicht mit einer Machtfülle wie im Mittelalter äußerlich hervor, aber das Princip der Einigung und auctoritativen Beherrschung aller Glieder des lebenden Organismus der Kirche, der eigentliche Primat, ist auch in allen Perioden der Kirche thätig, wie im Folgenden kurz gezeigt werden soll.

a. Der Primat des römischen Bischofs in den ersten drei Jahrhunderten. Das älteste Schriftstück des christlichen Alterthums nach der heiligen Schrift ist der Brief des römischen Clemens, des dritten Inhabers der römischen Cathedra, an die Gemeinde von Corinth. Irenäus (Adv. haer. 3, 3, 3) nennt den Brief ἱκανωτάτην, Lightfoot (Clement of Rome I, 69) almost imperious. Der Verfasser spricht sehr auctoritativ. Denn er sieht es für seine Pflicht an, einzugreifen, und wenn ihm Einige auch nicht gehorchen wollten, so habe er doch gerade durch diesen Brief seine Pflicht gethan, und die Verantwortung falle auf die Widerspenstigen (c. 59, 1. 2; 62; 63). Man hat allerdings auf den Umstand Gewicht gelegt, daß der Schreiber des Briefes nur im Namen der Kirche von Rom schreibe, dabei aber seinen Namen sorgfältig geheim halte. Die Thatsache ist richtig. Thatsache ist aber auch, daß Clemens, der römischen Christengemeinde, der Verfasser des Briefes ist. Es fragt sich nur, wer der Träger der in dem Briefe ausgedrückten Auctorität ist, der Vorsteher oder die Gemeinde. Der bloße Ausdruck »die römische Kirche« oder, wenn man will, »die römische Christengemeinde« entscheidet offenbar die Frage nicht, da selbst das Vaticanum (Const. Pastor aeternus c. 3) sagt: »Wir lehren und erklären demnach, daß kraft der Anordnung des Herrn die römische Kirche über alle übrigen den Primat der ordentlichen Gewalt besitzt.« Es kommt also nur auf die Frage an, wer überhaupt nach der Auffassung des Alterthums die Gewalt hatte, der Bischof oder die Gemeinde. Die Antwort ist gegeben sowohl in den Schriften der Apostel wie auch in unzähligen anderen Schriftstücken der apostolischen wie nachapostolischen Zeit. Zweimal schreibt Ignatius von Antiochien der römischen Kirche ein Vorsteheramt zu (Ep ad. Rom. Inscript. ἥτις καὶ προκάϑηται ἐν τόπῳ χωρίου Ῥωμαίων – καὶ προκαϑημένη τῆς ἀγάτης). Nach dem Sprachgebrauch des hl. Ignatius (Trall. 13, 1; Rom. 9, 3; Philad. 11, 2; Smyrn. [Bd. 9, Sp. 1399] 12, 1) hat man unter ἀγάπη einen »Liebesbund«, eine in Liebe vereinte Christengemeinde, an den angeführten Stellen eine einzelne Kirche zu verstehen, nicht »die Liebesthätigkeit«, in der Überschrift des Römerbriefes »den Liebesbund«, die Kirche überhaupt. Dieß umso mehr, als das Zeitwort προκαϑῆσϑαι immer ein »vorstehen«, »regieren« u. s. w., nie aber ein »sich auszeichnen« bedeuten kann. Unerklärlich wäre auch der Genetiv, wenn Ignatius hätte sagen wollen, die römische Kirche zeichne sich durch Werke der Liebe aus. Die römische Kirche steht vielmehr »an der Spitze des ganzen, großen, von Christus auf Petrus gegründeten Bundes der Liebe, welcher im Christenthum realisirt die Welt überwindet« (Schanz, Apologie III, 339). Classisch für den Primat wie für die Unfehlbarkeit ist die Stelle bei Iren. Adv. haer. 3, 3, 2: Ad hanc enim ecclesiam propter potiorem (al. potentiorem) principalitatem necesse est omnem convenire ecclesiam, hoc est eos, qui sunt undique, fideles, in qua semper ab his, qui sunt undique, conservata est ea quae est ab apostolis traditio. Am einfachsten lautet die Übersetzung: »Denn mit dieser Kirche muß jede Kirche wegen ihres höhern Vorranges übereinstimmen, d. h. die Gläubigen von überall her, weil in ihr immer von denjenigen, welche von allen Seiten her sind, die apostolische Tradition bewahrt worden ist.« Allerdings hat man fast an jedem Worte dieser Stelle in verschiedenster Weise deuteln wollen; allein der Sinn widersteht allen exegetischen Künsteleien. Die Stelle ist unanfechtbar. Sie steht übrigens in der zeitgenössischen Literatur nicht allein. Auch Tertullian erkennt den römischen Bischöfen einen Principat zu und gibt nur der allgemeinen Auffassung Ausdruck, wenn er noch als Montanist, freilich spöttisch, den römischen Bischof Pontifex maximus, Episcopus Episcoporum und das von demselben erlassene Edict als peremtorisch entscheidend und allgemein bindend bezeichnet (De pudicitia c. 1; vgl. Adversus Praxeam c. 1). – Von Cyprian ist »der Primat des römischen Bischofssitzes über alle übrigen … unumwunden anerkannt, wie denn auch die Bezeichnung primatum tenere von dem römischen Episcopat wiederholt bei ihm vorkommt,« sagt Schenkel (Real-Encyklop. für protest. Theologie VII, 1. Aufl., 566). In der That ist Cyprian der Erste, der nicht nur in seinen Briefen den Primat des römischen Bischofs theoretisch und praktisch anerkennt, sondern ihn auch aus der Idee der kirchlichen Einheit wissenschaftlich zu begründen trachtet (De unitate eccl.). Der Bischofssitz von Rom ist ihm die Cathedra Petri und die Kirche von Rom die Hauptkirche, die das Princip der Einheit des Priesterthums und der Gesammtkirche ist (unde unitas sacerdotalis exorta est; Ep. 59, 14; vgl. 43, 5; 55, 8). Den Grund der auctoritativen Stellung des römischen Bischofs findet er immer in der Würde desselben als Nachfolgers des [Bd. 9, Sp. 1400] hl. Petrus. Selbst in der Gluthhitze des Kampfes mit einem Nachfolger des hl. Petrus in einer speciellen Frage erkennt er noch die Prärogativen des Stuhles von Rom an, wenn er auch in der Aufregung Ausdrücke und Wendungen gebraucht, die in ihren Consequenzen wenigstens mit seinen ruhig erkannten und oft ausgesprochenen Grundsätzen im Widerspruch stehen. Gerade so ist es mit Firmilian, dem Kampfgenossen des hl. Cyprian. Er bestreitet nicht, daß Stephan Nachfolger des hl. Petrus sei, und gibt sogar der Auffassung der Gesammtkirche Ausdruck, daß Stephan als Nachfolger des hl. Petrus die Einheit der Kirche zu wahren habe, fürchtet aber, daß durch dessen Verhalten in dem Ketzertaufstreit die kirchliche Einheit gefährdet werde (Ep. 75, 16 inter epp. Cypr.). Trotz der gewaltigen Opposition, die sich über große und blühende Kirchenprovinzen ausdehnte und Männer wie Cyprian und Firmilian an ihrer Spitze hatte, machte sich doch das Einigungsprincip der römischen Cathedra so sehr geltend, daß gar bald die uralte römische Praxis, welche Stephanus entschieden vertheidigt hatte, in der Gesammtkirche Aufnahme fand. Ähnlich stand der Fall einige Jahrzehnte früher zwischen Papst Victor und Irenäus. Jener hatte aus guten Gründen versucht, die Einheit aller Kirchen in Bezug auf den Tag der Osterfeier herbeizuführen. Ein Theil der kleinasiatischen Bischöfe hielt aber trotz der Mahnungen von Seiten Roms an der alten Praxis ihrer Kirchen fest, und Victor glaubte Grund genug zu haben, gegen dieselben mit Excommunication vorzugehen (s. d. Art. Osterfeierstreit). Ob dieselbe thatsächlich verhängt oder nur angedroht war, läßt sich nicht mit Sicherheit aus den Quellen entnehmen. Für den Primat ist das auch gleichgültig, denn es genügt, daß Victor für sich das Recht nicht bloß beanspruchte, sondern einfach voraussetzte, ganze Kirchen aus der Gesammtkirche, der κοινὴ ἕνοσις – ἐκ κοινῆς ἑνότητος – auszuschließen. Noch bezeichnender ist es, daß dieses Recht von niemandem, auch von Irenäus nicht, in Zweifel gezogen wurde, obgleich der Papst die Mahnung hören mußte, er solle sich größerer Milde befleißen und hierin seine Vorgänger nachahmen, welche die asiatische Praxis mindestens geduldet hätten (Eus. H. E. 5, 24, 10). Für die Anerkennung des Primates seitens der morgenländischen Kirchen bietet uns die Kirchengeschichte der ersten drei Jahrhunderte noch anderweitige Beispiele. Polycarp kam nach Rom, um mit Papst Anicet unter Anderem die Frage über die Osterfeier zu besprechen (Eus. H. E. 4, 14, 1). Hegesippus und Irenäus gingen nach Rom, um dort die von den Aposteln überlieferte Lehre kennen zu lernen; ebenso gegen Ende des 2. Jahrhunderts Abercius, Bischof von Hierapolis, der von sich sagte: (Christus) me misit ut regiam contemplarer et reginam vinderem stola aurea et calceis aureis indutam, et populum vidi ibi habentem sigillum splendidum (vgl. de Rossi, Inscriptt. [Bd. 9, Sp. 1401] christ. II, 1, Romae 1888, p. XII sqq.). Dionysius d. Gr. schrieb betreffs der Ketzertaufe an Xystus II., und als Grund seines Schreibens führte er an: »damit ich nicht irre« (Eus. H. E. 7, 9, 1). Derselbe Bischof ward in Rom regelrecht auf Heterodoxie angeklagt. Dionysius, der Nachfolger des Xystus, griff allsogleich ein, erklärte in dem einen Briefe an die Ankläger die orthodoxe Lehre über Christus und forderte in dem andern den Erzbischof von Alexandrien auf, sich zu rechtfertigen. Dieser that es bereitwilligst und bewies damit nicht nur die Correcthait seiner Lehre über Christus, sondern auch seine Unterwürfigkeit unter den Bischof von Rom. Diese Vorgänge benutzte dann der hl. Athanasius in doppelter Weise gegen die Arianer. »Erstens«, sagte er, »hat Dionysius von Alexandrien sich vollständig gerechtfertigt, also können ihn die Arianer nicht unter die Ihrigen zählen; zweitens hat Dionysius von Rom den Satz, der Sohn Gottes sei ein Geschöpf, verworfen, also ist die Lehre der Arianer schon längst von Allen anathematisirt« (De sententia Dionysii n. 13 [Migne, PP. gr. XXV, 500]). Diese Thatsachen sprechen laut genug. Ähnlich hatte schon am Anfang des 2. Jahrhunderts Igantius von Antiochien an die Römer geschrieben (3, 1). Auch liegt eine Anerkennung der potior principalitas Roms darin, daß die zahllosen häretischen Secten der ersten Jahrhunderte so gut wie die spätern Anfangs immer die Anerkennung von Seiten des römischen Bischofs erstrebten, dann aber, da dieß eben nicht anging, wenigstens in Rom sich festzusetzen suchten. Selbst nichtchristlichen Kreisen entging die Bedeutung des Bischofs von Rom nicht; denn nach dem Zeugnisse Cyprians (Ep. 55) wäre für Kaiser Decius die Nachricht, ein Nebenbuhler sei ihm in Reiche erstanden, erträglicher gewesen als jene andere »von der Wahl des Priesters Gottes zu Rom«. Bekannt ist gleichfalls die Entscheidung des Kaisers Aurelian (270 bis 275) in der Sache des excommunicirten und abgesetzten Paul von Samosata: derjenige solle in den Besitz der Kirchengüter von Antiochien gelangen, welcher mit den Bischöfen Italiens und mit dem Bischof von Rom in brieflichem Verkehr steht (Eus. H. E. 7, 30, 19). – Klar tritt also der Jurisdictionsprimat der römischen Bischöfe über die gesammte Kirche schon in den drei ersten Jahrhunderten des Christenthums hervor. Diese Thatsache wird heutzutage selbst von solchen anerkannt, welche die göttliche Einsetzung der Kirche und des Primates in Abrede stellen (vgl. A. Harnack, Lehrb. d. Dogmengesch. I, 2. Aufl., Freib. 1888, 404 ff.). Vergeblich hat man sich bemüht, die Auctorität des römischen Bischofs als Erfolg der »römischen Herrschsucht« zu erklären. Denn zumal bei den Päpsten der ersten drei Jahrhunderte, die meist von den Katakomben aus die Kirche leiteten und zudem vielfach nicht einmal Römer waren, ist nicht denkbar, daß sie vom Römergenius getrieben worden seien, die Welt zu regieren. Der hl. Petrus [Bd. 9, Sp. 1402] wagt in seinem Briefe an die Christengemeinden in Asien Rom nicht namhaft zu machen und nennt es Babylon; der hl. Clemens unterdrückt seinen eigenen Namen. Beide schrieben am Vorabend einer blutigen Verfolgung; sie schrieben offenbar nicht aus Herrschsucht, sondern weil ihnen die Sorge für die auswärtigen Kirchen anvertraut war. Ihre Nachfolger traten als Bischöfe der Bischöfe auch dann auf, wenn sie nur unter augenscheinlicher Todesgefahr ihre Macht gebrauchen oder, richtiger gesagt, ihrer Pflicht nachkommen konnten. Männer, denen der Martyrertod jeden Augenblick vor der Seele stand, ließen sich schwerlich von Herrschsucht treiben. Kein Papst in jenem sturmbewegten 3. Jahrhundert durfte hoffen, eines natürlichen Todes zu sterben; der Stuhl Petri war von Anfang an in dem Blute seiner Inhaber getauft. Gleichwohl berichtet die Kirchengeschichte zu verschiedenen Malen, so lückenhaft sonst ihre Berichte über jene erste Periode naturgemäß sein müssen, daß die Päpste auch während jener Periode der Verfolgung als Wahrer der Einheit des Glaubens und der Disciplin auftraten, und zwar immer dann auftraten, wenn derselben Gefahr drohte: Victor im Osterstreit, Zephyrin zu Gunsten schwerer Sünder gegen Rigoristen, Stephan in der Ketzertauffrage, Dionysius, um das Hauptdogma des Christenthums, das Dogma von der Gottheit Christi, zu vertheidigen u. s. w. Nicht die Päpste haben alle diese Fragen aufgeworfen; sie griffen erst dann ein, wenn die Noth es erheischte: die Wahrung der Reinheit der geoffenbarten Wahrheit ist nachweisbar das Motiv ihres Handelns, nicht Ehr- und Herrschsucht. Ebenso wenig verdankt die römische Kirche ihre thatsächliche Primatialgewalt ihrer Stellung als Kirche der Hauptstadt der Welt, der Residenz der Imperatoren. Dieser Gedanke ist unerhört vor dem Ende des 4. Jahrhunderts, wo Neu-Rom seine anmaßenden Ansprüche nur auf den Titel, Residenz der Kaiser zu sein, stützen konnte, weil es keine vornehmeren Titel hatte. Anders steht es mit der römischen Kirche. Dieser kommt nach Irenäus eine potior principalitas zu, weil sie gegründet und geleitet wurde von den Apostelfürsten; ihre Prärogative besteht nach Tertullian darin, daß ihr der Apostelfürst nicht nur sein Blut, sondern auch »die ganze Lehre« vermachte; ihre charakteristische Eigenschaft findet Cyprian darin, daß sie in einem ganz besondern Sinne »der Stuhl Petri« und die Quelle der bischöflichen Einheit ist. Schon viel früher hatte Clemens von den Corinthern Gehorsam gefordert nicht auf Grund seiner Stellung in der Welthauptstadt, sondern weil der heilige Geist durch ihn zu ihnen rede, und Stephan fordert Unterwerfung unter seine Lehre, weil er als Nachfolger des hl. Petrus ihnen befehle, eine Eigenschaft, die weder Cyprian noch Firmilian in Abrede zu stellen wagten. Nicht des Titels von Bischöfen der Welthauptstadt rühmten sich die Nachfolger des hl. Petrus; stolz durften sie vielmehr [Bd. 9, Sp. 1403] sein auf eine glorreichere Reihe von Martyrern, als irgend eine andere Kirche aufweisen konnte; stolz auch darauf, daß trotz der fortwährenden Lebensgefahr, in der sie schwebten, keiner der Nachfolger Petri seiner Pflicht untreu wurde, die Glaubenshinterlage unvermindert und unvermehrt den kommenden Geschlechtern zu übermitteln; und ebenso stolz darauf, daß sie nicht herrschten nach der Art weltlicher Herrscher, sondern nach der Lehre des Heilandes, des guten Hirten, mit Sanftmuth, Selbsthingabe und Liebe. Die Kirche von Rom hatte die Führerschaft in dem großen »Bund der Liebe« und zeichente sich aus in den Werken einer nie versiegenden, stets opferbereiten Liebe auch den entferntesten Christengemeinden gegenüber. Diese werkthätige Liebe ist aber eine Eigenschaft der potentior principalitas, nicht der Grund derselben. Der Grund ist die göttliche Anordnung, daß der Bischof von Rom auch der Primas der Gesammtkirche sei.

b. Der Primat des römischen Bischofs im 4. und 5. Jahrhundert. Im 4. Jahrhundert tritt mit der Kirche auch der Primat aus den KAtakomben. Es beginnt das Zeitalter der großen trinitarischen, christologischen und anthropologischen Irrlehren und Kämpfe und die Zeit der allgemeinen Kirchenversammlungen, die unter der Führung und Leitung einer Reihe ausgezeichneter Päpste der Kirche Sieg und Frieden wiedergaben. Dieß alles bezeugt die Thatsache, daß die gesammte christliche Welt im römischen Bischof den von Gott gesetzten Interpreten der geoffenbarten Lehre, den Mittelpunkt der kirchlichen Einheit, den mit der Auctorität des hl. Petrus ausgestatteten Vertheidiger des Rechts verehrte. Die Anschauungen der Zeit werden vollständig nur begriffen im Zusammenhang mit den Zeitverhältnissen. Nimmt man daher einzelne Hauptfragen, welche das 4. und 5. Jahrhundert bewegten, heraus, so lernt man den Glauben jener Periode an den Primat Petri und seiner Nachfolger auf dem römischen Bischofsstuhle kennen. Man ersieht ihn α. aus dem Verhalten gegen die Donatisten. Um den Stuhl von Carthago stritten sich Cäcilianus und Majorinus. Auf Seiten des letztern stand Donatus mit seinem Anhang. Diese Partei wandte sich an Kaiser Constantin, ein Verfahren, das ihnen später Augustinus fortwährend zum Vorwurf machte (Aug. C. lit. Petil. 2, 92). Der Kaiser jedoch, wiewohl damals noch Heide, sandte sie nach Rom. Er wies damit die Idee, als ob ihm ein Urtheil über Bischöfe zustehe, einfach von der Hand (s. Mansi II, 748). In Rom wurde Cäcilianus freigesprochen durch die Entscheidung einer Synode oder »durch den Urtheilsspruch des Melchiades« (311–314), wie Augustin den Entscheid wofrtwährend nennt (Ad Donat. 13). Das »Urtheil des Melchiades« gibt Optatus von Mileve (bei Migne, PP. lat. XI, 932). Das Urtheil der Synode von Rom (313) war das Urtheil des Bischofs von Rom. Cäcilian brauchte sich, wie [Bd. 9, Sp. 1404] Augustin weiter meint, nicht mehr um die Menge seiner Gegner zu kümmern, da er wußte, daß er selbst mit der römischen Kirche in Verbindung stand, in qua semper apostolicae cathedrae viguit principatus (Ep. 43, 7). Freilich appelirten die Donatisten vom Papst an den Kaiser. Allein gerade dadurch zogen sie sich von Seiten des Bischofs von Hippo den herbsten Tadel zu. Der Kaiser, verständiger als die Schismatiker, nahm die Appelation nicht an, gab aber dem Drängen doch insoweit nach, daß andere Bischöfe noch einmal die Sache untersuchen sollten, non quia jam necesse erat, sed eorum perversitatibus cedens et omnimodo cupiens tantam impudentiam cohibere (Aug. Ep. 43, 20). Das Concil von Arles (314), das sich nun mit der Angelegenheit zu befassen hatte, bildete aber keine höhere Instanz, nur waren die Richter andere; der römische Richter war nicht ausgeschlossen, sondern durch vier Legaten vertreten. Die Synode hielt natürlich an dem »Urtheilsspruch des Melchiades« fest (s. Mansi. II, 469). Schon vor Augustin hatte Optatus von Mileve den Donatisten gegenüber seinen kirchlichen Standpunkt hinreichend klar betont. In seinem berühtmen Werke De schismate Donatistarum adversus Parmenianum sagt er (2, 2): »Du kannst nicht läugnen, daß du weißt, es sei Petrus als dem Ersten der bischöfliche Sitz in der Stadt Rom übertragen worden, auf welchem das Haupt aller Apostel gesessen, Petrus, der daher auch Kephas genannt worden ist, damit in dieser einen Cathedra die Einheit von Allen bewahrt würde, damit nicht die übrigen Apostel jeder für sich besondere Sitze in Anspruch nähme, damit derjenige schon Schismatiker und Sünder wäre, der gegen diese einzige Cathedra eine zweite aufstelle.« Sodann rühmt er sich wiederholt (vgl. ib. 6 et 9; 7, 3), daß der Stuhl Petri auf seiner Seite stehe, und darin findet er das sicherste Unterpfand nicht nur für seine und seiner Partei Zugehörigkeit zur wahren Kirche, sondern auch für den Besitz des wahren Glaubens. Das zu Grunde liegende Princip dieser Auffassung konnten auch die Gegner nicht in Abrede stellen; deßwegen haben auch sie, wie man nebenbei erfährt (2, 4), in Rom einen Bischof aufgestellt, der aber nicht den Stuhl Petri einnimmt, mit anderen Worten, nicht dessen rechtmäßgier Nachfolger ist. – In gleicher Weise zeigte isch die Auctorität der Päpste β. im Kampfe für die Wesensgleichheit der göttlichen Personen. Die Frage vom Verhältniß des Sohnes Gottes zu seinem ewigen Vater war längst schon vor dem Auftreten des Arius von Papst Dionysius auf einer römischen Synode (um 262) entschieden, ja sogar der Terminus ὁμοουσία war daselbst sanctionirt (s. d. Art. Dionysius, d. hl., Papst). Bei dem hohen Ansehen jedoch, welches die antiochenische Schule im ganzen Morgenlande genoß, mußte die entgegenstehende Lehre Lucians und seines Schülers Arius eine ungeheure Gefahr für die gesammte [Bd. 9, Sp. 1405] morgenländische Kirche in sich tragen. Um derselben wirksam entgegenzutreten, empfahl sich die Berufung eines allgemeinen Concils nach Nicäa; der Anstoß hierzu wurde dem Kaiser durch Bischöfe nahegelegt (vgl. d. Art. Nicäa IX, 226), wobei man wohl an erster Stelle an die Bischöfe von Rom und Alexandrien zu denken hat. Aus den noch vorhandenen Unterschriften sowie aus dem ständigen Gebrauche der folgenden Concilien kann man mit Sicherheit schließen, daß Hosius, Bischof von Cordova, und die beiden Priester Vitus und Vincentius im Namen des Papstes Sylvester auf dem ersten allgemeinen Concil den Vorsitz führten. (In Betreff des 6. nicänischen Canons, der weder für noch gegen den Primat spricht, s. Hefele, Conc.-Gesch. I, 2. Aufl. 397 ff.) Deutlicher tritt die Auctorität der römischen Bischöfe in den Kämpfen hervor, welche dem Nicänum folgten; sie bewährten sich unentwegt wie als Verkünder der Orthodoxie, so auch als Vertheidiger der Decrete der allgemeinen Kirchenversammlung. Verschiedene orientalische Synoden verstanden es, das kirchliche Recht so weit zu beugen, daß sie endlich die Hauptvertheidiger des ὁμοούσιος, Athanasius von Alexandrien, Eustathius von Antiochien und Paulus von Constantinopel, ihrer Sitze berauben konnten. »Allein Julius (337–352), Bischof von Alt-Rom, war nicht dort, noch sandte er einen Stellvertreter, obgleich der kirchliche Canon ausdrücklich verlangt, daß die Kirchen gegen den Willen des römischen Bischofs keine Verordnungen erlassen sollen« (Socr. H. E. 2, 8). Und Sozomenus berichtet (H. E. 3, 10): »Julius schrieb, daß sie gegen die Canones gehandelt hätten, weil sie ihn nicht zum Concil geladen hätten; die kirchliche Regel schreibe vor, daß die Kirchen nicht ohne den Willen des Bischofs von Rom Canones aufstellen sollten.« Der Papst, »an dem Kirchengesetz festhaltend« (Theodoreti H. E. 2, 4), beschied beide Parteien nach Rom (Athan. Apol. c. Arian. 1). Das ganze Gebahren der Orientalen brandmarkte Julius I. in einem herrlichen Briefe, den Athanasius wiederholt beifällig belobt; weiterhin spricht er allen derartigen Concilien einfach jegliche Jurisdiction über den Bischof von Alexandrien ab; wenn man etwas gegen denselben vorzubringen habe, solle man von Rom und von Rom allein einen gerechten Urtheilsspruch erwarten. Dieß sei der in der Kirche übliche, durch hohes Alter geheiligte Rechtsweg. Der Rechtstitel liege in dem Satze: Quae accepimus a beato Petro Apostolo, ea vobis significo. Eine Rechtsüberschreitung fanden die Orientalen Athanasius, Theodoret, Socrates und Sozomenus in dem Briefe des Papstes nicht. Daß derselbe als höchste richterliche Instanz in kirchlichen Angelegenheiten auch theoretisch anerkannt wurde, beweisen die Canones von Sardica zur Genüge (Jungmann, Diss. selecta Hist. Eccl. II, Ratisb. 1881, 15 sqq.). Julius’ Nachfolger, der Bekennerpapst Liberius (352–366), konnte an den Kaiser Constantius [Bd. 9, Sp. 1406] schreiben: Nunquam mea statuta, sed apostolica, ut essent semper firmata et custodita, perfeci. Secutus morem ordinemque majorum, nihil addi episcopatui urbis Romae, nihil minui passus sum: et illam fidem servans, quae per successionem tantorum episcoporum cucurrit, ex quibus plures martyres exstiterunt, illibatam custodiri sempre exopto (Migne, PP. lat. VIII, 1353). Liberius gewinnen, war dem Kaiser, wie Athanasius bemerkt, so viel wie die ganze Kirche gewinnen. Allein des Imperators Bemühungen blieben erfolglos; denn »als Gegenstand der Bewunderung Aller« ging Liberius in’s Exil. Freilich hatte sein guter Name unter dem Fluche der Verleumdungen viel gelitten (vgl. d. Art. Liberius VII, 1951); in allem aber, was die Kirchengeschichte Sicheres von ihm berichtet, ist Liberius ein großer Papst, würdig seiner größten Vorgänger. – Der 18jährige Pontificat des Papstes Damasus (366–384) ist gewissermaßen eine ununterbrochene Kette von Ereignissen, in denen die centrale Stellung des römischen Bischofs auf’s Klarste in die Erscheinung tritt. Damasus, den das sechste allgemeine Concil mit einer feinen Anspielung auf seinen Namen »den Diamant des Glaubens« nannte (Δάμασος ὁ ἀδάμας τῆς πίστεως; Mansi XI, 661), besang seine Erhebung auf den Stuhl des hl. Petrus in den Versen (Carm. 36):

Hinc mihi provecto Christus cui summa potestas
Sedis apostolicae voluit concedere honorem.

Mit der Ehre und den übrigen Prärogativen des apostolischen Stuhles waren ihm auch die Verpflichtungen desselben geworden. Seine erste Sorge war, die Orthodoxie zu wahren. Er that es, indem er den Macedonianismus und Apollinarismus auf einer römischen Synode verurtheilte zu einer Zeit, da im Orient die erleuchtetsten Männer, wie der hl. Basilius, das Gefährliche der neuen Häresien noch kaum ahnten. Das abschließende Urtheil wurde den Orientalen zur Darnachachtung mitgetheilt: Cum haec quaestio (über die Wesensgleichheit des Heiligen Geistes mit den anderen göttlichen Personen) agitaretur et contendendi studio magis magisque in dies cresceret, episcopus urbis Romae … scripsit ad orientales ecclesias, ut Trinitatem consubstantialem et honore gloriaque aequalem una cum occidentalibus episcopis confiterentur. Quo facto utpote controversia judicio Romanae ecclesiae terminata singuli quievere eaque quaestio finem accepisse videbatur (Sozom. H. E. 6, 22). An Paulinus von Antiochien schickte Damasus ein Glaubensbekenntniß, das alle unterschreiben sollten, welche Ecclesiae copulari i. e. nobis per te voluerint sociari (Migne, PP. lat. XIII, 354 sq.). Das Bekenntniß der vom Papste aufgestellten Glaubensformel ist die nothwendige Vorbedingung der Zugehörigkeit zu der κοινὴ ἕνωσις. Der Gedanke ist uralt und stand zur Zeit des hl. Damasus im Bewußtsein [Bd. 9, Sp. 1407] der gesammten katholischen Welt. Auch der hl. Basilius hat während des langen antiochenischen Schismas denselben nie in Zweifel gezogen. Es war für ihn stets ausgemacht, daß nur derjenige der wahre Bischof von Antiochien sein könne, welcher mit Rom in Verbindung stehe. Verschiedener Ansicht konnte man nur darüber sein, ob Rom jedesmal dem Würdigsten seine kirchliche Verbindung angedeihen lasse. Was für Antiochien galt, galt selbstverständlich auch für Alexandrien und Constantinopel. Nach demselben Grundsatze entschied im antiochenischen Streit der katholische Kaiser Gratian, ut aedes sacrae iis traderentur, qui cum Damaso communicarent (Theodoreti H. E. 5, 2). Der Entscheid hat für den kaiserlichen Schüler des großen Ambrosius von Mailand nichts Auffallendes. Denn letzterer sprach es wiederholt aus, daß nur da die wahre Kirche sei, wo Petrus lehre. In seiner Leichenrede auf seinen Bruder Satyrus (Migne, PP. lat. XVI, 1306) erzählt er, Satyrus habe an einem fremden Orte, wo es ihm nicht klar war, ob die dortigen Bewohner rechtgläubig seien oder nicht, einfach an den Bischof der Stadt die Frage gestellt, ob derselbe mit der römischen Kirche in kirchlicher Gemeinschaft stehe. Der römische Stuhl ist dem hl. Abrosius der Stuhl Petri, und da, wo Petrus ist, da ist die Kirche. »Petrus selbst ist es, zu dem er (Christus) gesprochen hat: ›Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.‹ Wo also Petrus, dort die Kirche; wo die Kirche, dort kein Tod, sondern das ewige Leben« (Enarr. in Ps. 40, n. 30). »Diejenigen haben das Erbe Petri nicht, die Petri Stuhl nicht haben, den sie in gottloser Trennung zerreißen« (De poenit. 1, 7, 33). Im Auftrage und Namen des Concils von Aquileja richtete Ambrosius ein Schreiben an die drei Kaiser Gratian, Valentinian und Theodosius, worin es heißt: »Es mußte eure Milde angerufen werden, sie möge nicht erlauben, daß die römische Kirche, das Haupt des ganzen römischen Erdkreises, und jener hochheilige Glaube der Apostel in Verwirrung komme; denn von dorther fließen die Rechte der ehrwürdigen Gemeinschaft auf Alle aus« (Ep. 11, 4). Wie Gratian, so sprach sein Mitkaiser Theodosius. Die Glaubenseinheit im Römerreiche herzustellen, lag ihm vor Allem am Herzen. Allein als einem wahrhaft katholischen Fürsten konnte ihm nichts ferner liegen, als eigentliche Glaubnesdecrete zu erlassen. Es war dieß jedoch auch nicht nothwendig, er brauchte nur die allgemein anerkannte Glaubensregel zum Staatsgesetz zu erheben. Demnach sollten alle Unterthanen den Glauben festhalten, quam divinum Petrum Apostolum tradidisse religio usque nunc ab ipso insinuata declarat. Diese Religion aber sei offenbar diejenige, welche jetzt der Hohepriester Damasus befolge und Peter, der Bischof von Alexandrien, ein Mann von apostolischer Heiligkeit u. s. w. Nur wer dieses Gesetz beobachte, solle den Namen »katholischer Christ« [Bd. 9, Sp. 1408] führen. Die staatliche Auctorität erhob damit nur zum Gesetz des Staates, was innerhalb der Kirche längst schon allgemein Anerkennung gefunden hatte. Denn auch Hieronymus, der langjährige Freund des Papstes Damasus, sagt (Adv. Jovin. 1, 26): Propterea inter duodecim unus eligitur, ut capite constituto schismatis tollatur occasio. Denn eben zur Vermeidung jeglicher Spaltung in der Kirche ist der Primat eingesetzt (vgl. Dial. c. Lucif. 9). Darum konnte Hieronymus späterhin (Ep. 130, 16) der Demetrias keinen bessern Rath geben als: Illud te pio caritatis affectu praemonendum puto, ut S. Innocentii, qui apostolicae cathedrae … successor … est, teneas fidem; nec peregrinam, quamvis tibi prudens callidaque videaris, doctrinam recipias. Darnach handelte der große Kirchenlehrer auch selbst stets, besonders zur Zeit des antiochenischen Schismas. Die Antiochener, schreibt er an Papst Damasus (Ep. 15), hätten den Sprachgebrauch eingeführt, man solle von drei Hypostasen in der heiligen Dreifaltigkeit sprechen; uma ber nicht in den Ruf von Häretikern zu kommen, beriefen sie sich auf ihre kirchliche Gemeinschaft mit Damasus. Irrigerweise warf Hieronymus also den Anhängern des Meletius häretische Gesinnung vor; bezeichnend ist aber, daß die Gemeinschaft mit Rom gegen den Verdacht der Häresie Sicherheit gewährte. Er selbst war im Zweifel, welcher von den drei Parteien in Antiochien er sich anschließen solle. Jede suchte ihn zu gewinnen, aber: Ego interim clamito: Si quis cathedrae Petri jungitur, meus est. Meletius, Vitalis, atque Paulinus tibi haerere se dicunt. … Obtestor beatitudinem tuam, … ut mihi literis tuis, apud quem in Syria debeam communicare, significes (Ep. 16, 2). – Zur Zeit, als sich Hieronymus wegen der origenistischen Händel mit dem Bischof Johannes von Jerusalem überworfen hatte, tröstete er sich und Andere damit, er habe den Glauben Roms, dessen sich auch die Kirche von Alexandrien rühme, und das genüge, um Katholik zu sein (Ep. 63, 2; Adv. libr. Rufin. 1, 4). Nach dem Sprachgebrauch der Zeit war auch sonst »römischer« Glaube identisch mit »katholischer« Glaube, gerade so wie die katholische Kirche schon damals die römische Kirche hieß. – γ. Im Kampfe gegen den Pelagianismus gaben wiederum die Päpste die endgültige Entscheidung. Cölestius, der Genosse des Pelagius (s. d. Art.), war auf einer Synode von Carthago unter Bischof Aurelius (411) verurtheilt worden. Er sei mit dem Anathem belegt und aus der christlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, bis er die ihm vorgeworfenen Irrthümer anathematisire, schriebn die Synode an Papst Innocenz I. (401–417). Cölesius appellirte nach Rom, ging aber nicht dorthin, sondern nach Ephesus, wo es ihm gelang, die Priesterweihe zu erlangen. Mittlerweile hatte sich Pelagius in Palästina Anhänger zu gewinnen gewußt und eine Synode in Diospolis hatte ihn sogar für orthodox erklärt. Auf diese Nachricht hiervon [Bd. 9, Sp. 1409] kam in Karthago 416 eine neue große Synode zusammen, bestätigte zunächst die Beschlüsse der frühern Synode (411) und wandte sich dann an den apostolischen Stuhl behufs Approbation alles dessen, was bisher von den afrikanischen Bischöfen in Sachen des Pelagius geschehen war. »Diesen Vorgang haben wir dir, unserm Herrn und Bruder, mittheilen zu sollen geglaubt, damit unseren geringen Beschlüssen die Auctorität des apostolischen Stuhles zu Theil werde (adhibeatur) pro tuenda salute multorum et quorundam perversitate etiam corrigenda (Migne, PP. lat. XX, 565). Nach Auseinandersetzung der Lehre fügten die Bischöfe bei: Veremur, ne apud te ista ipsa commemorando, quae majore gratia de sede apostolica praedicas, inconvenienter facere videamur. Sie setzten ferner voraus, daß dem Papst auch die Acten der Synode von Diospolis unterbreitet würden; wenn isch da auch herausstellen sollte, daß Pelagius freizusprechen sei, möge doch der Irrthum selbst, der schon bei Vielen sich verbreitet habe, durch den apostolischen Stuhl anathematisirt werden. Kurze Zeit darauf wurde eine Synode in Mileve gehalten, welcher der hl. Augustin beiwohnte. In dem Briefe derselben an den Papst herrscht derselbe Ton wie in dem Schreiben der Synode von Carthago. Der apostolische Stuhl ist es, von dem man ein Endurtheil erbittet. Der Brief (Migne, PP. lat. XX, 568 sqq.) beginnt mit den Worten: »Da der Herr durch ein besonderes Gnadengeschank dich auf den apostolischen Stuhl erhoben hat.« Selbst von Cölestius, der doch in Afrika schon excommunicirt worden war, sprechen die Bischöfe so, als ob er noch zur Kirche gehöre; wohl nur infolge seiner Appellation nach Rom war er als noch nicht völlig aus dem Kirchenverband ausgeschlossen zu betrachten. Daran schloß sich die Bitte, de Papst möge seine Auctorität gebrauchen; denn sie seien der Ansicht, diejenigen, welche so verkehrte und gefährliche Ansichten vertheidigen, würden sich der Auctorität Seiner Heiligkeit, welche auf der Auctorität der heiligen Schrift beruhe, fügen (auctoritati sanctiatis tuae de Sanctarum Scripturarum auctoritate depromptae facilius cessuros; ib. n. 3). Deutlicher kann man wohl kaum sagen, daß der Inhaber des apostolischen Stuhles eine höhere Gewalt habe als selbst die im Concil vereinten Bischöfe Afrikas, und daß diese Gewalt göttlicher Einsetzung sei. Nicht weniger klar spricht dieß die Antwort des Papstes auf den Brief aus. Gleich in der Einleitung desselben heißt es (Migne, PP. lat. XX, 583): »Festhaltend an der alten Tradition und eingedenk der kirchlichen Disciplin, habt ihr in Wahrheit eure fromme Gesinnung bethätigt nicht weniger jetzt durch eure Anfrage als früher durch euern Richterspruch, indem ihr erachtetet, daß man sich an unsern Richterstuhl wenden müsse. Denn ihr wußtet, was dem apostolischen Stuhle gebührt, da wir alle in dieser Stellung dem [Bd. 9, Sp. 1410] Apostel selbst nachzufolgen wünschen, von dem der Episcopat selbst und das ganze Ansehen dieses Namens hervorgegangen ist (a quo ipse episcopatus et tota auctoritas nominis hujus emersit). Ihm folgend, wissen wir zu vedammen, was verdammenswerth, zu billigen, was lobenswerth ist. Dasselbe trifft zu betreffs eures Ausspruchs, daß die nicht auf menschlichem, sondern auf göttlichem Urtheil beruhenden Anordnungen der Väter nicht vernachlässigt werden dürfen, Anordnungen, wonach, was immer die getrennten und entfernten Provinzen thun, nicht als abgeschlossen zu betrachten sei, bis es vom apostolischen Stuhle begutachtet sei, so daß jeglicher gerechte Urtheilsspruch durch die ganze Auctorität dieses Stuhles zu bestätigen sei, und daß … andere Kirchen von hier aus erfahren sollen, was zu lehren, wer loszusprechen, wer zu meiden … sei.« Dann folgt das Urtheil über Pelagius und Cölestius, die sich damals im Morgenlande befanden. – Ebenso klar ist das Antwortschreiben an die in Mileve versammelten Bischöfe (Migne, PP. lat. XX, 589 sqq.): Sie hätten recht daran gethan, sich in schwierigen Anliegen an die apostolische Würde – eine Würde, der die Sorge für alle Kirchen anheimfalle – zu wenden, um zu erfahren, welche Meinung festzuhalten sei, dabei die alte Regel befolgend, welche, wie sie so gut wie er wüßten, von der ganzen Welt befolgt werde. Sie (die Afrikaner) hätten diße bestätigt, nur weil sie wüßten, daß Antworten beständig von der apostolischen Quelle erflössen nach allen Provinzen, die darum bäten. Insonderheit, so oft eine Glaubenssache in Frage stehe, erachte der Papst alle Brüder und Mitbischöfe im Gewissen verpflichtet, an den hl. Petrus zu referiren, das heiße, an den Urheber ihrer eigenen Würde und ihres eigenen Amtes, wie ihre Liebe es jetzt gethan habe, was zum allgemeinen Wohl aller Kirchen der ganzen Welt gereichen möge. Denn die Erfinder des Bösen müten nothwendig vorsichtiger werden, wenn sie sähen, daß sie auf den Bericht einer doppelten Synode durch seinen Urtheilspruch aus der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen seien. Sodann schließt der Papst Pelagius und Cölestius aus der Kirche aus kraft apostolischer Vollmacht (apostolici vigoris auctoritate), bis sie in sich gingen; dieser Urtheilsspruch habe Rechtskraft gegen Pelagius und Cölestius, wo immer auf der Welt sie sich auch befänden. – Die hier und sonst erhobenen »römischen Ansprüche« wurden vom afrikanischen Episcopat keineswegs mit Unwillen abgewiesen. Ein Protest dagegen findet sich in der zeitgenössischen Literatur nicht, wohl aber ausdrückliche Zustimmung zu den ausgesprochenen Grundsätzen sowohl von Seiten ganzer Synoden wie einzelner hervorragender Männer, z. B. des hl. Augustin. Ep. 186, 2 sagt letzterer: Ad omnia nobis ille (Innocentius) rescripsit eodem modo, quo fas erat atque oportebat apostol. sedis antistitem; ähnlich C. Julian. 1, 4, 13: Quid enim potuit [Bd. 9, Sp. 1411] ille vir sanctus Africanis respondere conciliis, nisi quod antiquitus apostolica Sedes et Romana cum ceteris tenet perseveranter ecclesia? … Huic responde, imo ipsi Domino, cujus ille antistes usus est testimonio. Nach Empfang der Briefe des Papstes erklärte er in einer Predigt (Serm. 131, 10): Jam enim de hac causa duo concilia missa sunt ad sedem apostolicam: inde etiam rescripta venerunt. Causa finita est, utinam aliquando finiatur error. Diesen echt augustinischen Gedanken brachte eine spätere Zeit in die kürzere Formel: Roma locuta, causa finita. Da aber unter Papst Zosimus (417–418) Cöestius in Rom erklärte, se omnia damnaturum, quae sedes apostolica damnaret (Aug. De pecc. orig. 7, 8), und zwar secundum sententiam b. m. praedecessoris tui Innocentii (Aug. C. duas ep. Pelag. 2, 4, 6), so konnte die Frage nach der persönlichen Schuld des Pelagius und Cölestius auf’s Neue geprüft werden. Eine Approbation der pelagianischen Lehren enthalten die Briefe des Papstes nirgends, wohl aber die entschiedenste Reprobation und Verdammung, sobald der Papst die innere Verlogenheit und Heuchelei der Häretiker gewahr wurde. Die Verurtheilung ist enthalten in einer noch im Sommer 418 erlassenen, nur in Fragmenten erhaltenen Encyklika (tractatoria) an alle Kirchen des Erdkreises (s. Migne, PP. lat. XX, 693). Fast jedes dieser Fragmente zeigt, wie Papst Zosimus das Ansehen des apostolischen Stuhles zu wahren wußte. Es war also Glaube der gesammten Kirche Nordafrikas, daß der römische Bischof der Nachfolger des hl. Petrus auf dem apostolischen Stuhle und infolge dessen der Erbe einer besondern Jurisdiction sei. Der Papst handelte als höchster Richter in Sachen des Glaubens und der Disciplin, weil er sich infolge der göttlichen Einsetzung dazu für verpflichtet hielt, und die Kirche von Afrika nahm in ehrfurchtsvollem Gehorsam die Entscheidungen des apostolischen Stuhles entgegen. Gegen diese Anerkennung des Primates von Seiten des afrikanischen Episcopates können die Händel betreffs des Priesters Apiarius eine Instanz nicht abgeben (s. Hefele, Conc.-Geschichte II, 120 ff.). – Der Ausläufer des Pelagianismus, der Semipelagianismus, enthielt seinen Todesstoß nicht so sehr durch die Canones der schwach besuchten zweiten Synode von Orange 529, als durch die Bestätigung dieser Canones durch Papst Bonifatius II. (Hefele II, 724 ff.). – In gleicher Weise wurden die Päpste δ. in den christologischen Kämpfen als entscheidende Auctorität angerufen. Da die verderblichen Lehren des Nestorius, welche das ganze Erlösungswerk in Frage stellten, auch in Ägypten Eingang fanden, sah sich der hl. Cyrillus, Patriarch von Alexandrien, veranlaßt, dieselben in verschiedenen Schriften, ohne daß er den Urheber jener Irrlehren nannte, zu widerlegen. Erst als das Übel den Höhepunkt [Bd. 9, Sp. 1412] erreicht hatte, wandte er sich, wie es die alte christliche Sitte erforderte (τὰ μακρὰ τῶν ἐκκλησιῶν ἔϑη πείϑουσιν), an Papst Cölestin I. (422–432), er möge sich doch wprdigen, zu entscheiden, was recht sei (τυπῶσαι τὸ δοκοῦν), ob nämlich »die Alexandriner noch mit Nestorius in kirchlichem Verkehr bleiben dürften oder nicht; ferner möge Seine Heiligkeit den Entscheid allen Kirchen des Ostens mittheilen« (Migne, PP. gr. LXXVII, 86). – Derartige Fälle wurden damals in Rom regelmäßig auf Synoden behandelt. Der Papst theilte dann den bekannten Entscheid Cyrill mit und bekleidete ihn zugleich mit der Auctorität des römischen Stuhles, um die Sentenz Roms durchzuführen (Auctoritate igitur tecum nostrae sedis ascita, nostra vice usus, hanc exsequeris districto vigore sententiam; Migne ib. 94). Aus dieser Correspondenz ergeben sich die wichtigsten Folgerungen. Es erscheint nämlich als alter kirchlicher Gebrauch, über derartige Angelegenheiten, welche die Absetzung eines häretischen Bischofes betrafen, nach Rom zu berichten, und Dyrill hielt dieß für so nothwendig, daß er für einstweilen nicht einmal im Namen seiner eigenen Kirche die kirchliche Gemeinschaft mit Nestorius abzubrechen wagte, indem er den Papst um eine formelle richterliche Entscheidung bat. Offenbar unterstellte er, daß letzterer den Erzbischof von Constantinopel aus der Gemeinschaft der Gesammtkirche ausschließen könne. Seinerseits setzte Cölestin seine Auctorität in der fraglichen Angelegenheit einfach als anerkannt voraus. In dem Briefe an Nestorius herrscht kein anderer Ton als in dem an Cyrill; ja so sehr ist er überzeugt, daß die von ihm vorgetragene Lehre die Lehre der gesammten Christenheit und somit die Lehre Christi sei, daß er nicth nur an Cyrill, sondern auch an den Patriarchen Johannes von Antiochien schreibt, sein Urtheilspruch sei der Urtheilspruch Christi des Herrn. Die Entscheidung des Papstes hatte Cyrill im Namen Cölestins und als dessen Bevollmächtigter auszuführen. Sehr bald nach Empfang der päpstlichen Schreiben berichtete Cyrill unter Anderem auch an den Patriarchen von Antiochien, wie die Sache stand, und fragte an, was jener zu thun gedenke; er selbst sei entschlossen, den Entscheidungen Cölestins Folge zu leisten, und er wolle sich nicht der Gefahr aussetzen, die kirchliche Gemeinschaft mit solchen Männern zu verlieren; es handle sich übrigens nicht um Kleineigkeiten, sondern um einen Urtheilspruch über den Glauben selbst und die Ruhe sämmtlicher Kirchen (Migne ib. 96). In ähnlichem Sinne schrieb er auch an andere Prälaten; immer aber handelte es sich darum, den päpstlichen Entscheid (τὸν ὁρισϑέντα τύπον) zur Anerkennung zu bringen. – Eine große Partei in Constantinopel drängte jedoch auf Abhaltung eines allgemeinen Concils. Dasselbe trat 431 zu Ephesus (s. d. Art. IV, 670 ff.) zusammen, berufen von Theodosius II. und Valentinian III. unter Zustimmung des Papstes Cölestin. Den Vorsitz [Bd. 9, Sp. 1413] auf der Synode führte der hl. Cyrill als Stellvertreter des Papstes. Die Vorgänge auf dem Concil können hier als bekannt vorausgesetzt werden, nur einige Punkte verdienen besonders hervorgehoben zu werden. Historisch unhaltbar ist zunächst die Behauptung, durch die Berufung des allgemeinen Concils sei die frühere päpstliche Sentenz außer Kraft gesetzt worden. Anders faßten die Sache Cölestin und Cyrill auf. Die päpstliche Sentenz wurde keineswegs als außer Kraft gesetzt betrachtet; im Gegentheil, das Concil wurde beauftragt, derselben auch seinerseits beizutreten. Mittlerweile solle man noch gegen Nestorius mit Milde vorgehen und ihm Zeit lassen, seinen Irrthum abzuschwören. Daß die Synode in Bezug auf den Glauben rechtlich eine abweichende Sentenz erlassen könne, kam niemand in den Sinn. Die Bischöfe waren demnach nach Ephesus berufen, um auch ihrerseits collectiv die nestorianische Irrlehre zu verurtheilen, nicht als ob der vom Papst aufgestellte τύπος, das von ihm bereits gefällte Urtheil, revisionsbedürftig oder revisionsfähig wäre. Die innere Rechtskraft ist bei beiden Urtheilen, dem des Papstes und dem des Concils, dieselbe; die Sentenz des Papstes gewinnt durch die Sentenz des Concils nicht an innerer Verbindlichkeit, wohl aber unter Umständen an äußerer Auctorität. Da aber die Bischöfe auf dem Concil wirkliche Richter sind, darf es nicht auffallend erscheinen, wenn die Ephesiner das ganze Actenmaterial in der Sache des Nestorius einer genauen Prüfung unterzogen. Es gehörte das zur Vollständigkeit des richterlichen Verfahrens und zur Begründung des Urtheilspruches. – Der Wortlaut des Urtheilspruches der Synode selbst ist für unsere Frage von eminenter Bedeutung. Die katholischen Bischöfe von Ephesus erklärten auf die feierlichste Weise, daß sie nur im Gehorsam gegen den Papst das Verdammungsurtheil gegen Nestorius aussprächen, und damit anerkannten sie die Primatialauctorität Cölestins über den versammelten Episcopat. »Wir sind, gedrängt durch die Canones und von dem Briefe unseres heiligsten Vaters und Mitdieners Cölestinus, des Bischofs der römischen Kirche, … nothwendig zu diesem Urtheil gekommen.« Das Urtheil der Synode ist das Urtheil Christi (Mansi IV, 1211). So hatte auch Cölestin gesagt, seine Sentenz sei »das Urtheil Christi, der Gott ist«. Sowohl der Papst allein wie auch das mit dem Papste vereinte Concil beansprucht für sich die Prärogative der Unfehlbarkeit. Mittlerweile kamen die päpstlichen LEgaten, die beiden Bischöfe Arcadius und Projectus, sowie der Presbyter Philippus, an. Dieselben waren nicht nur mit einem Empfehlungsschreiben an die Synode (Mansi IV, 1283), sondern auch mit einer eingehenden schriftlichen Instruction versehen, aus der hier nur zwei Stellen ausgehoben werden sollen (s. Mansi IV, 556). Es wird den Legaten zunächst aufgetragen, sich nicht in Discussionen einzulassen, sondern als Richter aufzutreten und einfach [Bd. 9, Sp. 1414] die päpstliche Sentenz auszuführen. Dieß besagt der Wortlaut der Instruction deutlich (Et auctoritatem sedis apostolicae custodiri debere mandamus. Siquidem et instructiones, quae vobis traditae sunt, hoc loquantur, ut interesse conventui debeatis: ad disceptationem si fuerit ventum, vos de eorum sententiis judicare debeatis, non subire certamen). Als Legaten des apostolischen Stuhles sind sie über dem Concil stehende Richter in Glaubenssachen. Weiterhin ist beachtenswerth, daß den Legaten aufgetragen war, sich in Allem an Cyrill anzuschließen. Dieß zeigt deutlich, wie sehr der Patriarch von Alexandrien das Vertrauen des Papstes genoß und in dessen Namen die Synode leitete. In dem Schreiben an die Synode heißt es zum Schluß: Direximus pro nostra sollicitudine sanctos fratres et consacerdotes nostros, unanimes nobis et probatissimos viros …, qui iis, quae aguntur, intersint et quae a nobis antea statuta sunt, exsequantur. Quibus praestandum a vestra sanctitate non dubitamus assensum, quando id, quod agitur, videatur pro universalis ecclesiae securitate decretum (Mansi IV, 1287). Diesen Instructionen entsprach das Auftreten der Legaten. Philippus, »der Legat des apostolischen Thrones« (Mansi IV, 1282), erklärte gleich zu Anfang der zweiten Sitzung, der vorliegende Fall sei durch die Briefe Cölestins längst entschieden, nichtsdestoweniger schicke der Papst neue Schreiben zur Bestätigung und Stärkung des katholischen Glaubens. Dieselben wurden verlesen und mit allgemeinem Jubel aufgenommen: »Cölestin, dem Wächter des Glaubens, Heil!« (Mansi IV, 1287.) Ähnlich sprach Projectus, der zweite päpstliche Legat. Aus der Mitte der Concilsväter aber erhob sich der Bischof Firmus von Cäsarea in Cappadocien und gab einen kurzen Überblick über die bisherigen Arbeiten. In der Sache des Nestorius habe zuerst »der heilige und apostolische Stuhl des Bischofs Cöestin« Entscheidung und Sentenz (ψῆφον καὶ τύπον) erlassen für die Kirchen von Alexandrien, Jerusalem, Thessalonich, Constantinopel und Antiochien, und die Bischöfe der Synode hätten dieselbe befolgt und die Vorschrift vollzogen (τύπον ἐξεβιβάσαμεν), indem sie ein canonisches und apostolisches Urtheil fällten. – Der Legat Philippus beglückwünschte darauf die heilige und ehrwürdige Versammlung, daß sie sich »als heilige Glieder eines heiligen Hauptes« erwiesen hätten; den tiefern Grund der Nothwendigkeit einer Übereinstimmung fand er darin, non enim ignorat vestra beatitudo totius fidei vel etiam apostolorum caput esse beatum apostolum Petrum. Darauf erbaten sich die Legaten die Synodalacten, studirten dieselben für sich und ertheilten denselben in der dritten Sitzung im Namen des Papstes die feierliche Approbation: »Niemand ist es zweifelhaft, im Gegentheil, allen Zeiten ist es bekannt, daß der heilige und glückselige Petrus, der fürst und das Haupt der Apostel, die Säule des Glaubens [Bd. 9, Sp. 1415] und das Fundament der katholischen Kirche, von unserem Herrn Jesus Christus, dem Heiland und Erlöser des Menschengeschlechtes, die Schlüssel des Reiches empfangen und die Gewalt zu binden und zu lösen erhalten hat; bis jetzt und immer lebt und richtet er in seinen Nachfolgern. Sein rechtmäßiger Nachfolger und Vertreter … hat uns, die wir seine Gegenwart ersetzen, zu dieser heiligen Synode gesandt« (Mansi IV, 1295). Dem Sinne nach auf die gleiche Weise bestätigten auch die beiden anderen Legaten das bereits gefällte Urtheil über Nestorius. – Bestimmter kann die Stellung Roms in der katholischen Kirche nicht hervorgehoben werden, als es auf dem Concil von Ephesus geschehen ist. Der apostolische Stuhl ist der höchste Richter in Glaubenssachen wie in Sachen der kirchlichen Disciplin. Diese seine Stellung besitzt der rechtmäßige Inhaber des Stuhles des hl. Petrus kraft göttlicher Einsetzung. Die Synode handelt nur insofern rechtskräftig, als sie in Übereinstimmung steht mit ihrem von Gott gesetzten Haupte. Daß dieß die Anschauungen der päpstlichen Legaten auf dem Concil von Ephesus und damit die Anschauungen des Abendlandes waren, kann nach dem Gesagten nicht in Zweifel gezogen werden; das Morgenland, weit entfernt, dagegen Einsprache zu erheben, setzt diese Anschauungen, als ausschließlich zu Recht bestehend, einfach voraus. (Vgl. ncoh Mansi IV, 1299. 1330–1338 und die herrlichen Schreiben der Päpste Cölestin [Mansi V, 266. 269. 271. 273] und seines Nachfolgers Sixtus III. [Mansi V, 375. 379] nach dem Abschluß der Synode.)

Zur Zeit des vierten allgemeinen Concils saß Leo d. Gr. auf dem Stuhl des hl. Petrus. An ihn appellirte, gleich früheren Häretikern, Eutyches, der wegen seiner Irrlehre bereits von einer Synode in Constantinopel degradirt war; dieser bat den Papst, eine Entscheidung in der Glaubensfrage zu erlassen und nicht zu dulden, daß er mittlerweile infolge seiner Verurtheilung zu Schaden komme (Mansi V, 1015). Der hochberühmte Erzbischof von Ravenna, Petrus Chrysologus, hatte den Häretiker an den Papst gewiesen, indem er seinerseits ein Urtheil verwiegerte und beifügte: »Zu all dem ermahnen wir dich, verehrtester Bruder, daß du dich dem, was der heilige Bischof von Rom schreibt, in Gehorsam unterwerfest; denn der hl. Petrus, der auf seinem Stuhle sowohl lebt als vorsitzt, gibt denen, welche suchen, die Wahrheit des Glaubens. Denn wir können bei der Sorge für den Frieden und den Glauben ohne die Zustimmung des römischen Bischofs nicht entscheiden« (Ep. 25, bei Migne, PP. lat. LIV, 739). An Leo übersandte endlich auch Flavian von Constantinopel ein Schreiben über die Vorgänge daselbst und zugleich die Synodalacten gegen Eutyches. Dieß war kein leeres Compliment von Seiten Flavians; er war dazu streng verpflichtet, wie aus dem Briefe Leo’s an Kaiser theodosius II. zu ersehen ist (Ep. 24, bei Migne ib. 735; vgl. [Bd. 9, Sp. 1416] Ep. 23). Kein anderer Bischof in der Welt als der Bischof von Rom konnte so über und an den Patriarchen von Constantinopel schreiben. Beachtenswerth dabei ist, daß Leo nicht ein einziges Primatialrecht beanspruchte (Ep. 23), das von Flavian nicht ausdrücklich anerkannt worden wäre (Ep. 26). Unterdessen ordnete Leo Legaten nach Constantinopel ab mit Schreiben an Theodosius II., an Pulcheria, die Archimandriten von Constantinopel, an die bereits nach Ephesus ausgeschriebene Synode und an Flavian. Letzteres Schreiben (Ep. 28), die bekannte Epistola ad Flavianum, der sog. Tomus S. Leonis, genoß Jahrhunderte lang ein solches Ansehen in der gesammten Kirche, wie vielleicht kein anderes kirchliches Document des christlichen Alterthums. Gregor d. Gr., der bekanntlich die vier ersten allgemeinen Synoden mit derselben Ehrfurcht verehrte wie die vier heiligen Evangelien, stand nicht an, den dogmatischen Brief Leo’s an die Seite der vier ersten Synoden zu stellen. »Wer sich herausnimmt, gegen den Glauben dieser vier Concilien und gegen den Tomus und die Definition des Papstes Leo … zu sprechen, sei im Banne« (Lib. VI, Ep. 2, bei Migne, PP. lat. LXXVII, 795). – Flavian hatte als Richter erster Instanz einen Mönch seiner Diöcese verurtheilt; die Sache wurde sodann von beiden Parteien nach Rom gebracht als an eine höhere Instanz, und die Entscheidung war, daß der Spruch über Eutyches und seine Lehre endgültig bestätigt, der Prozeßgang aber theilweise getadelt wurde. – Am 8. August 449 trat die Synode in Ephesus zusammen (s. d. Art. Dioscur). Leo hatte an dieselbe ein Schreiben gerichtet (Ep. 33), der Kaiser habe, der göttlichen Ordnung Rechnung tragend, sich vor Allem an die Auctorität des apostolischen Stuhles gewandt, um gleichsam von Petrus zu erfahren, was das rechte Bekenntniß von Christus sei. Weil aber die Heilung derartiger Übel nicht vernachlässigt werden dürfe und der Kaiser in gottesfürchtiger Gesinnung eine bischöfliche Versammlung wolle, damit jeder Irrthum durch ein feierlicheres Urtheil (pleniore judicio) vernichtet werden könne, habe er seine Legaten abgeordnet, welche an seiner Statt der Versammlung beiwohnen und mit den Concilsvätern in gemeinsamer Sentenz festsetzen sollten, was dem Herrn gefalle. Aus dem ganzen Ton des Briefes geht evident hervor, daß er es nicht dem Gutdünken der Synode überläßt, von seinen Weisungen abzugehen; in Bezug auf den Glauben ist sein Tomus maßgebend; nur in Bezug auf Eutyches ist eine gewisse Freiheit belassen, falls er seinem Versprechen in Allem sich der päpstlichen Lehre anzuschließen, nachkomme. – Hätte die Synode die erhaltenen Befehle befolgt, so wäre sie nicht die Räubersynode geworden. Fast jeder einzelne der Gründe, welche später auf dem Concil von Chalcedon (s. d. Art.) zur Absetzung Dioscurs führten, ist ein Beweis für den Glauben jener ehrwürdigsten Versammlung des Morgenlandes an den Primat des römischen [Bd. 9, Sp. 1417] Bischofs (vgl. Mansi VI, 1046 und 1098). Dioscur, klagte man, habe verhindert, daß der Brief Leo’s an Flavian verlesen wurde; er habe Eutyhces wieder in seine Stellung eingesetzt, »nachdem der Bischof von Rom entschieden hatte, was recht ist«; »er habe seinen Mund aufgethan wie ein toller Hund gegen den apostolischen Stuhl selbst« und habe versucht, den heiligsten Vater Leo zu excommuniciren u. s. w. Die Sentenz der Synode zu Chalcedon wurde verkündet von Paschasinus, der dazu vom Concil ersehen war, weil er »mit der Auctorität des hl. Leo« bekleidet sei und die Stelle desselben vertrete. Dieselbe lautete: »Deßwegen (d. h. wegen der oben angeführten Gründe) hat Leo, der heiligste und gebenedeite Erzbischof von Groß- und Alt-Rom, durch uns die gegenwärtige heilige Synode, zugleich mit dem hochheiligen und preiswürdigen, seligen Apostel Petrus, welcher der Fels und das Fundament der katholischen Kirche und das Fundament des orthodoxen Glaubens ist, ihn (Dioscur) seines Episcopates entkleidet und der priesterlichen Würde entsetzt.« Das Urtheil wurde unterschrieben von den Bischöfen, die vielfach noch beifügten, daß sie dem Urtheil des apostolischen Stuhles beistimmten. – Die Absetzung des Patriarchen von Alexandrien, des zweithöchsten Kirchenfürsten der Christenheit, ist sicher ein Act der höchsten kirchlichen Jurisdiction. Der hl. Athanasius erzählte ein Jahrhundert früher, Julius I. habe verlangt, daß »ein gerechtes Urtheil über einen Bischof von Alexandrien« von Rom allein erwartet werden müsse; Athanasius selbst war von einer Synode abgesetzt worden, und der Papst hatte das Urtheil für null und nichtig erklärt. Nun wurde wieder ein Bischof von Alexandrien abgesetzt, und das Urtheil wurde von der ganzen Welt als zu Recht bestehend anerkannt, weil er durch die Auctorität des Stuhles Petri abgesetzt wurde. – Die wenigen Bischöfe, welche den Gewaltthaten des Alexandriners auf der Räubersynode sich nicht blindlings fügen wollten, waren daselbst mißhandelt und abgesetzt worden. So Plavian von Constantinopel, der sehr bald den Mißhandlungen erlag, aber erst nachdem er eine Appellation an den Papst eingelegt hatte (vgl. Grisar, Zeitschr. f. kath. Theol. VII [1883], 191 ff.). Auch Theodoret, der gelehrte Bischof von Cyrus, appellirte (s. Migne, PP. lat. LIV, 845) in Ausdrücken an den apostolischen Stuhl, welche bezüglich seiner Auffassung von dern Gewalt Roms keinen Zweifel belassen. Wenn der hl. Paulus, der Herold der Wahrheit, … sich an den großen Petrus gewandt habe, so eile seine Wenigkeit zum apostolischen Throne, damit man von dort Heilung für die Wunden der Kirche erhalte; denn dem römischen Stuhle komme in allen Dingen der vorrang zu (διὰ πάντα γὰρ ὑμῶν τὸ πρωτεύειν ἁρμόττει). Hierauf werden die Prärogativen, welche den heiligen Stuhl zieren, aufgezählt, nämlich die Fülle der Gaben des heiligen Geistes, Reichthum dun Glanz, die Führerschaft über die [Bd. 9, Sp. 1418] ganze Welt (τῆς οἰκουμένης προκαϑημένη), der Glanz des Glaubens wie in den Tagen der Apostel, die Gräber der gemeinsamen Lehrer der Wahrheit, Petrus und Paulus (οὗτοί τε ὑμέτερον περιφανέστατον ἀπέφηναν ϑρόνον). Nachdem Theodoret dann seinen Fall vorgelegt, erklärt er: »Allein ich erwarte die Sentenz von Eurem apostolischen Throne.« Er wünscht zu wissen, ob er sich mti dem ungerechten Urtheil zufrieden geben solle oder nicht. »Denn ich erwarte Euer Urtheil, und wenn Ihr mir befehlen solltet, mit dem gefällten Entscheide zufrieden zu sein, werde ich es thun.« Vorher schon hatte er gesagt: At ego apostolicae sedis vestrae exspecto sententiam et oro atque obtestor sanctitatem tuam, ut mihi rectum et justum tribunal vestrum invocanti opem ferat jubeatque ad vos venire et doctrinam meam apostolicis vestigiis inhaerentem ostendere. Der Entscheid in Rom fiel jedenfalls zu seinen Gunsten aus, da Theodoret auf dem Chalcedonense als vollberechtigtes Synodalmitglied anerkannt wurde (Hefele, C.-G. II, 425. 478). – Das Rechtsprechen zu Gunsten ungerecht abgesetzter Bischöfe war nur Ein Theil der Aufgabe des Papstes; ihm stand nach dem schönen Worte des Kaisers Valentinian III. beides zu, das Gericht über die Bischöfe und über den Glauben (περί τε πίστεως καὶ ἱερέων κρίνειν; Ep. 55 [Migne l. c. 857]; vgl. Ep. 56). – Letzteres war das Wichtigste. Denn nach der Räubersynode war Rettung nur zu erhoffen von Rom, wo, wie Theodoret sagt (Ep. 148), »noch ein Funke der rechten Lehre« erhalten ward, oder »richtiger, nicht ein Funke, sondern eine gewaltige Fackel, die den Erdkreis anzünden und erleuchten konnte«. Leo täuschte die auf ihn gesetzte Hoffnung nicht. Er und nur er vermochte die griechische Kirche fast gegen ihren Willen zu retten. Zunächst verwarf er im October 449 die Beschlüsse der Räubersynode, und sie blieben verworfen für alle Zukunft; sodann betrieb er am Hofe Theodosius’ II. die Berufung einer neuen Synode in Italien (Epp. 43–51. 53. 54–61. 69–71); ferner verweigerte er dem neuen Bischof von Constantinopel, Anatolius, die Approbation, bis er durch Annahme des dogmatischen Schreibens an Flavian seine Rechtgläubigkeit bewiesen habe (Epp. 69. 70). Die schriftliche Annahme desselben (quam ecclesia universalis amplectitur; Ep. 88) ward endlich überhaupt als eine nothwendige Vorbedingung zur Wiederaufnahme in die Kirche von den Bischöfen gefordert. Einzelne Bischöfe wie ganze Synoden unterschrieben dasselbe mit Freuden und traten damit wieder in den allgemeinen Kirchenverband; nur das Urtheil über Dioscur von Alexandrien, Juvenal von Jerusalem und einige Andere hatte sich der Papst reservirt. So standen die Sachen, bevor die Synode zu Stande kam, welche vom Kaiser Marcian nach Nicäa (Chalcedon) ausgeschrieben war, damit sie unter der Auctorität des apostolischen Stuhles (τοῦ αὐϑεντοῦντος), der die Oberaufsicht [Bd. 9, Sp. 1419] über den göttlichen Glauben ahbe die erforderlichen Entscheidungen treffe (Epp. 73. 76; vgl. Ep. 5). Der Papst stimmte der Abhaltung der Synode zu, forderte aber ausdrücklich, daß seine Legaten den Vorsitz führen sollten, was er als ein Recht derselben beanspruchte (Epp. 89. 93), und ferner, daß sein dogmatisches Schreiben allein als maßgebende Norm für die Glaubensentscheidungen gelten solle. So schrieb Leo an die Synode; so hatte er früher schon an Theodosius II. geschrieben (Ep. 44); so schrieb er wiederholt an den Kaiser Marcian, der unterdessen den Thron bestiegen hatte (Epp. 82. 90. 94). Die Glaubensfrage durfte somit von dem Concil nicht als eine offene, d. h. als eine durch den dogmatischen Brief noch nicht endgültig und auctoritativ entschiedene, von Neuem behandelt werden. Es stand demnach der Synode nicht frei, eine davon abweichende Glaubensentscheidung zu erlassen. Auf der Synode von Chalcedon, welche am 8. October 451 eröffnet wurde, führten der Vorschrift Leo’s gemäß seine Legaten den Vorsitz und setzten Dioscur und seine Anhänger ab. In der zweiten Sitzung wurden das nicänische Glaubensbekenntniß mit dem Zusatz des Concils von Constantinopel, zwei Briefe Cyrills und endlich das dogmatische Schreiben Leo’s verlesen und mit der Acclamation aufgenommen: »Das ist der Glaube der Väter, das der Glaube der Apostel. So glauben wir alle. Petrus hat durch Leo gesprochen.« Der Brief Leo’s galt bei der Synode als Glaubensnorm, von der sie nicht abweichen dürfe. Denn als die kaiserlichen Commissarien die Bischöfe aufforderten, ein schriftliches Bekenntniß aufzusetzen, erklärte die Synode wiederholt und einstimmig: »Eine andere Glaubenserklärung macht niemand; wir versuchen und wagen dieß nicht.« Eine andere Glaubenserklärung aufzusetzen sei nicht erlaubt; auch der Canon verbiete es. Aus zwei Gründen also wies man es ab, eine neue Glaubnesformel aufzustellen: erstens sei dieß gegen den kirchlichen Canon (der Synode von Ephesus), und zweitens sei vom Papst bereits die Entscheidung erlassen, welche für die Synode Glaubensregel und Vorschrift sei. – Indeß gab es doch einige Bischöfe Illyriens und Palästina’s, welche immer noch mit ihrer Unterschrift zögerten. Die Frage war aber nicht, ob einzelne Stellen im Briefe Leo’s mti anderen Stellen in den Briefen Cyrills, die von Papst Cölestin und dem Ephesinum approbirt waren, übereinstimmten, sondern wie sie in Harmonie zu bringen seien. Es wurden dann einzelne Bischöfe, welche den Brief Leo’s schon unterschrieben hatten, beauftragt, die noch zögernden in der Wohnung des Bischofs Anatolius des Nähern zu unterrichten. »Die Commission hatte also weder den Auftrag noch die Absicht, den Brief Leo’s einer Prüfung, deren Resultat Annahme oder Verwerfung sein könnte, zu unterziehen. Der Zweck der Commission ergibt sich deutlich aus den Worten: … ἵνα ωἱ ἀμφιβάλλοντες διδαχϑῶσιν … πρὸς [Bd. 9, Sp. 1420] διδασκαλίαν τῶν ἀμφιβαλλομένων, und die Absicht der Mitglieder erhellt genügend daraus, daß sie alle bereits schriftlich ihre Zustimmung zum Briefe Leo’s gegeben hatten« (Katholik 1872, I, 141 f.). Diejenigen, welche jetzt unterrichtet wurden, erklärten später ihre Zustimmung. – In der dritten Sitzung wurde der Brief Leo’s in feierlicher namentlicher Abstimmung von der Synode ohne eine vorausgehende synodale Prüfung angenommen. Als Grund wurde angegeben, die darin enthaltene Lehre stimme überien mti der Lehre der drei vorausgehenden allgemeinen Synoden, was allerdings eine Art Prüfung, oder richtiger, Vergleichung waren die Bischöfe in ihrer Eigenschaft als Glaubensrichter nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet; dieselbe involvirte aber keineswegs ein Recht, die päpstliche Entscheidung eventuell auch verwerfen zu können. – Noch einmal drohte dem Glauben eine ernstliche Gefahr, als in der fünften Sitzung die Majorität der Concilsväter für eine zweideutige Formel sich entscheiden zu wollen schien. Das entschiedene Auftreten der päpstlichen Legaten rettete die Orthodoxie, indem sie die Synode vor die Alternative stellten: entweder Verwerfung einer von Leo’s Lehre materiell abweichenden Formel, oder augenblickliche Auflösung der Synode. Der Glaube Leo’s siegte; von demselben wollte und durfte die Synode nicht abweichen. Wer aber hätte einer Concilsmehrheit gegenüber eine solche Alternative aufstellen dürfen als der mit apostolischer Auctorität ausgestattete Legat? Petrus hatte durch Leo gesprochen und Leo durch seinen Legaten. – In der Folgezeit gab das Chalcedonense noch oft genug Veranlassung, daß der Primat in Action treten mußte. Es hat jedoch hier keinen Zweck, dieß wie auch die spätere Geschichte des Papstthums weiter zu verfolgen. Die Auffassung des christlichen Alterthums über diesen Gegenstand ist klar. Man dachte sich den Apostelfürsten Petrus als in seinen rechtmäßigen Nachfolgern auf dem Stuhle von Rom fortlebend und fortregierend, als obersten Gesetzgeber in Sachen des Glaubens und der kirchlichen Disciplin, als höchsten Wächter und Lehrer der Orthodoxie, als höchste richterliche Instanz in der Kirche, und dieß alles infolge göttlicher Bestimmung. Eben das ist auch die Lehre, welche das Vaticanum definirt hat.

C. Bekämpfung des Primates der römischen Päpste. Geläugnet wurde der Primat des hl. Petrus und seiner Nachfolger, der römischen Bischöfe, während des ganzen christlichen Alterthums nie. Gelegentliche Mißachtung einer päpstlichen Entscheidung, Widerspruch gegen dieselbe Auflehnung gegen den einzelnen Träger der Gewalt, Ungehorsam gegen die von Gott gesetzte Auctorität ist noch nicht formelle Läugnung derselben. Von der griechischen Kirche wurde die Primitialgewalt der Bischöfe von Alt-Rom auch damals nicht geläugnet, als sie sich in unseligem Schisma von der [Bd. 9, Sp. 1421] lateinischen Kirche trennte. Scharf bekämpft wurden die Päpste von ihren Gegnern im Investiturstreit, in den Kämpfen mit den Staufen und anderwärts. Es waren meist persönliche Schmähungen, ab und zu vermischt mit sehr irrigen Ansichten über die kirchliche Gewalt; aber eine grundsätzliche Läugnung des Primates enthielten sie nicht. Grundsätzliche Läugner der Primatialrechte entstanden dem Papstthum erst im 14. Jahrhundert, als Marsilius von Padua, Johannes de Janduno, Ubertino von Casale, Wilhelm von Occam (s. d. Artt.) und andere Fraticellen die Sache Ludwigs des Bayern (s. d. Art.) gegen die Päpste von Avignon mit der ihrigen verquickten. Die gefährlichste Krisis jedoch, welche das Papstthum zu bestehen hatte, war die unselige Zeit des großen abendländischen Schismas. Das Gefährliche lag, von manchem Andern abgesehen, darin, daß nicht etwa bloß erklärte Feinde der Kirche, sondern gerade die bestgesinnten Männer wie Heinrich von Langenstein, Petrus d’Ailly, Nicolaus von Clemanges, Gerson, Nicolaus von Cusa (s. d. Artt.) und Andere zur Hebung des Schismas Mittel und Wege vorschlugen, die, wie Gerson nach Erlaß der Konstanzer Decrete sagte, einen Tag früher von der Christenheit noch als häretisch verworfen worden wären. Aber gerade die verzweifelten Anstrengungn, mit welchen man den unzweifelhaft legalen Träger der Primatialrechte suchte, beweisen, wie sehr die Christenheit von der göttlichen Einsetzung des Primates und dessen Nothwendigkeit in der Kirche überzeugt war. Den Todesstoß erhielt die conciliare Bewegung des 15. Jahrhunderts auf dem allgemeinen Concil von Florenz und dem fünften Lateranconcil (s. d. Artt.) durch die constitutionen Laetentur coeli (1439) bezw. Pastor aeternus (1516). – Dann erfolgte die sogen. Reformation, welche so viele herrliche Kirchen vom Centrum der Einheit, vom Stuhle Petri, losriß und schließlich unter ihren Anhängern nur noch ein einziges einigendes Band, die schroffe Opposition gegen das Papstthum, hat. – Innerhalb der Kirche erhob sich im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts eine gefährliche Opposition gegen den heiligen Stuhl, dessen Prärogativen man zwar nicht schlechtweg läugnete, aber doch so zu vermindern suchte, daß der wahre Jurisdictionsprimat über die Gesammtkirche sich verflüchtigte; es waren die Systeme de sGallicanismus, Regalismus, Febronianismus, Rationalismus, welche die Entscheidungen des allgemeinen vaticanischen Concils nothwendig machten.

Die Literatur über den päpstlichen Primat ist fast unübersehbar. Zwei Sammelwerke ermöglichen einigermaßen eine Übersicht. Das erste ist die 20 (mit dem Registerband 21) Großfoliobände umfassende Bibliotheca maxima Pontificia Rocaberti’s (Juan Thomas de Rocaberti de Perelada; gest. 1699), Dominicanergenerals, Erzbischofs von Valencia und Großinquisitors. Das Werk erschien zu Rom 1695–1699 und [Bd. 9, Sp. 1422] bietet authores melioris notae, qui hactenus pro S. Romana Sede tum theologice tum canonice scripserunt, fere omnes. Es umfaßt in alphabetischer Ordnung etwa 120 Auctoren, welche zu Gunsten des Primates gegen dessen verschiedene Bekämpfer vom 9. bis zum 17. Jahrhundert einschließlich sich einen bleibenden Namen erwarben. Theils sind es gnaze Monographien, theils die auf den Primat bezüglichen Tractate und Stellen aus theologischen und canonistischen Schriften. Hier mögen wenigstens die Namen der bedeutenderen Auctoren dieses Sammelwerkes in chronologischer Folge stehen: Agobardus (gest. 840), Anselm Badagius (gest. 1086), hl. Thomas von Aquin (gest. 1274), Ägidius Romanus de Colonna (gest. 1316), Alexander de S. Elpidio (um 1325), Barlaam (gest. 1348), Alvaro Pelayo (gest. 1352), Thomas Waldensis (gest. 1430), Gennadius (gest. um 1459), hl. Antonin (gest. 1459), Peter de Monte (gest. 1457), Juan de Turrecremata (gest. 1469), Cataldini Boncompagni (gest. um 1470), Angelo de Clavasio (um 1480), Sylvester Prierias (um 1520), Pietro Mich. Cesare Delphino (gest. 1525), Jacobatius (gest. 1528), Cypriano Beneto (um 1530), Cajetan (gest. 1534), Joh. Faber (gest. 1531), Gasparre Contarini (gest. 1542), Albert Pighius (gest. 1543), Eck (gest. 1543), Reginald Pole (gest. 1558), Canus (gest. 1560), Dom. Soto (gest. 1560), Thomas Campeggio (gest. 1564), Onofrio Panvini (gest. 1568), Camillo Campeggio (gest. 1579), Cunerus Petri (gest. 1580), Franz de Vargas (gest. 1580), Diego Simancas (gest. 1583), Lelio Jordano (gest. 1583), Lindanus (gest. 1588), Annibale Grassi (gest. 1590), Thomas Stapleton (gest. 1598), Boetius Epo (gest. 1599), Gregor de Valencia (gest. 1603), Bañez (gest. 1604), Alonso de Castro (gest. 1610), Possevino (gest. 1611), Fr. Peña (gest. 1612), Coquäus (gest. 1615), Suarez (gest. 1617), Bellarmin (gest. 1621), Nic. Coeffeteau (gest. 1623), Fr. Agricola (gest. 1624), Becanus (gest. 1624), M. Antonio Capelli (gest. 1625), Cribanius (gest. 1629), Tanner (gest. 1632), Balduin de Jonghe (gest. 1634), Aug. Oregius (gest. 1635), Duval (gest. 1638), Fragosus (gest. 1639), Cea (gest. 1640), Gravina (gest. 1643), Santarelli (gest. 1649), Barbosa (gest. 1649), Marius (gest. 1652), Petavius (gest. 1652), Petricca a Sonnino (gest. 1673), Gonet (gest. 1681), Chr. Lupus (gest. 1681), Pauluzzi (gest. nach 1682), Schelstrate (gest. 1692), Brancati (gest. 1693), Thomassini (gest. 1695), Sfondrati (gest. 1696), Astorini (gest. 1703). – Das zweite Sammelwerk aht den Titel Romanus Pontifex tamquam Primas ecclesiae et Princeps civilis e monumentis omnium saeculorum demonstratus. Addita amplissima literatura. Auctore Aug. de Roskovány, episcopo Nitriensi, Nitriae 1867–1879, 16 voll. Ein Theil dieses Werkes enthält die Literatur über [Bd. 9, Sp. 1423] den Primat von den ersten Jahrhunderten an bis zur Gegenwart (1879). In den Bänden I, 633–704; II, 444–822; III, 603–851; IV, 509–884 werden mehrere tausend Bücher und Schriften (auch Erzeugnisse der periodischen Presse) über den Primat nach den Titeln und meistentheils mit einer kurzen Würdigung ihres Werthes bibliographisch aufgezählt. Die Literatur der drei letzten Jahrhunderte ist sachgemäß nach Decennien, und zwar die Schriften pro et contra, zusammengestellt. In den folgenden Bänden sind Nachträge und die neuesten Erscheinungen aus der Primatliteratur verzeichnet. Der XV. Band enthält einen Generalindex. Im XVI. Band gibt der Verfasser eine neue verbesserte Auflage seines 1834 erschienenen Werkes De primatu Romani Pontificis. – Besondere Empfehlung verdienen außer den bereits oben genannten Auctoren folgende Werke: A. Kempeneers, De Rom. Pontificis primatu ejusque attributis, Lovan, 1841 (Diss.); M. D. Bouix, Tract. de papa, Paris 1868–1870, 3 voll.; Schneemann, Der Papst das Oberhaupt der Gesammtkirche, Freiburg 1867; Hettinger, Die kirchliche Vollgewlat des apostolischen Stuhles, Freiburg 1873. – Luke Rivington, The Primitive Church and the See of Peter, London 1894, gibt eine vorzügliche Apologie des Primates in den ersten Jahrhunderten der Kirche gegen die neuesten Angriffe der Anglicaner. Einen ähnlichen Zweck verfolgte T. W. Allies, The Throne of the Fisherman, London 1887.

[Jos. Blötzer S. J.]


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