Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 9, Sp. 2013]Philippus Neri, der hl., Stifter des Oratoriums, ward am 21. Juli 1515 zu Florenz als Sohn vornehmer Eltern geboren. Schon seine kindlichen Tugenden trugen ihm den Titel Pippo buono ein; auch in den Studien zeichnete er sich vor seinen Altersgenossen aus. Die Vermögensverhältnisse der Eltern waren nicht glänzend. Gerne gingen sie deßhalb auf den Wunsch eines nahen Verwandten von väterlicher Seite ein, Philipp als Fortsetzer seines Geschäftes und als Erben seines großen Vermögens zu haben. So kam der Jüngling mit 18 Jahren nach San Germano bei Monte Cassino, wo Romolo Neri ein bedeutendes Handelsgeschäft betrieb. Lieber als die Geschäftsstube war ihm aber ein Kirchlein der heiligsten Dreifaltigkeit, das in stiller Einsamkeit auf einem Felsen zwischen zwei Bergspitzen in der Nähe von Gaëta am Mittelmeer erbaut war. Bald stand Philipps Entschluß fest, alle irdischen Bestrebungen aufzugeben, um sich ganz dem Dienste Gottes zu widmen. Wie er früher in Florenz sich von den Dominicanern in San Marco hatte leiten lassen, so holte er sich jetzt Rath bei den Mönchen von Monte Cassino, und ohne auf die Wünsche der Eltern und die Bitten des reichen Oheims zu hören, begab er sich nach Rom. Dort fand er Aufnahme im Hause eines reichen Florentiners Galeotto Caccia, der in der Nähe der Kirche des hl. Eustachius wohnte und ihn zum Erzieher seiner beiden Söhne wählte. Gleichzeitig studirte Philipp an der Sapienza und bei den Augustinern mit großem Erfolge Philosophie und Theologie (1534–1537). Seine Wohnung und Nahrung war hier wie sein ganzes späteres Leben hindurch äußerst ärmlich. Ersatz fand er in der Fülle himmlischen Trostes, von dem er bei Tag und bei Nacht in seinen Betrachtungen überströmte. Aus Liebe zu Gott gab er sogar seine Studien auf, verkaufte seine Bücher zum Besten der Armen und verlegte sich hauptsächlich auf die Werke christlicher Nächstenliebe. Wie großartig und erfolgreich sein Wirken auf diesem Gebiete war, davon zeugt heute noch die Bruderschaft von der allerheiligsten Dreifaltigkeit (s. d. Art. Dreifaltigkeit n. 3), die er im J. 1548 mit seinem frommen Beichtvater Persiano Rosa von Palestrina zur Versorgung der zahllosen Rompilger und der genesenden Kranken in’s Leben rief. Im [Bd. 9, Sp. 2014] Jubiläumsjahre 1625 wurden in dem Hospitale der Bruderschaft gegen 600 000 und beim Jubiläum 1825 noch über 250 000 Pilger verpflegt (vgl. Morichini, Istituti di pubblica Carità 1, 7 [Rom. 1870]). Tiefste Quelle dieser rastlosen Nächstenliebe Philipps wie überhaupt all seiner Tugenden und seines ganzen Wirkens war die ihm eigenthümlich, glühende Gottesliebe. Während er am Tage mit Gesinnungsgenossen die nothleidende Menschheit aufsuchte, durchwachte er ganze Nächte in den Vorhallen der Kirchen oder in den Katakomben, die schon längst sein Lieblingsaufenthalt geworden. Dort war es auch, bei der Basilika des hl. Sebastian, wo er in den Tagen unmittelbar vor dem Pfingstfeste 1544 von solcher Liebesglut entbrannte, daß sich sein leibliches Herz erweiterte und zwei Rippen aus ihrer natürlichen Lage mit Gewalt emporbog. Diese Erscheinung blieb sein Leben hindurch äußerlich sichtbar und war mit außerordentlich starkem Herzklopfen verbunden. Daß Philipp nach diesem Ereignisse noch 50 Jahre lebte, ließ sich nach dem Urtheile der Ärzte auf keine natürliche Weise erklären. (Vgl. Görres, Christliche Mystik II, 6 ff.) – Obschon Philipp noch Laie war, wirkte er schon damals in apostolischer Weise nicht bloß durch sein Beispiel, sondern auch durch fromme Gespräche und durch Predigten. In seiner Demuth dachte er nicht daran, Priester zu werden; näher trat ihm vielmehr der Gedanke, sich in die Einsamkeit zu heiliger Betrachtung zurückzuziehen. Nachdem ihm jedoch der Beichtvater den Rath, und dann, als sich seine Demuth noch weigerte, den Befehl gegeben, die heiligen Weihen zu empfangen, ließ er sich am 23. Mai 1551 zum Priester weihen. Nun verließ er das Haus des Caccia und zog in das bei der Kirche des hl. Hieronymus (S. Girolamo della Carità, nahe beim Palazzo Farnese) gelegene Priesterhaus, wo Persiano Rosa mit wenigen anderen Priestern wohnte. Diesen schloß er sich an und begann von seinem dürftigen Zimmer aus ein seeleneifriges Wirken im Stillen durch Spendung des Bußsacramentes, fromme Unterredungen und schlichte, einfache Predigten; daneben setzte er die christlichen Liebeswerke unverdrossen fort und leitete Priester und Laien dazu an. Um diese Zeit kamen nach Rom die Nachrichten von dem wunderbaren Wirken und dem heiligen Tode des hl. Franz Xaver (s. d. Art.). Man kann es sich leicht vorstellen, daß auch Philipp sich für die Bekehrung der Millionen armer Heiden entflammte und sich darnach sehnte, in Indien sein Blut für den Glauben zu vergießen. Sein Beispiel begeisterte Andere, und schon hatte er eine Anzahl von 20 Gefährten gefunden, die ihm dorthin folgen wollten. Doch der Rath gotterleuchteter Männer machte es Philipp klar, daß Rom und Rom allein das Feld seiner apostolischen Thätigkeit sein solle. In Rom hatte allerdings schon längst eine wahre Erneuerung des kirchlichen Lebens ihren Anfang genommen. Trotzdem schien gerade Philippus Neri von der [Bd. 9, Sp. 2015] göttlichen Vorsehung vor vielen anderen großen und heiligen Männern, die in Rom lebten und wirkten, berufen, die ewige Stadt durch ein 50jähriges Apostolat im besten Sinne des Wortes zu reformiren. Das war seine Lebensaufgabe, die er ganz erfaßte und glücklich zu Ende führte. Es bildete sich bald um ihn ein Kreis von Schülern und Gutgesinnten, die er erst in seinem Zimmer, später, als die Zahl wuchs, in einem größern Oratorium zu frommen, geistlichen Übungen um sich sammelte. Dieß war der unscheinbare Anfang des Oratoriums für die Laien und der Congregation des Oratoriums für Priester. Zu seinen ersten Schülern gehörten Cäsar Baronius (s. d. Art.) und Francesco Maria Tarugi, ein Neffe Julius’ III. und Marcellus’ II., der später in der Congregation zu Rom und Neapel wie in der Kirche überhaupt als Erzbischof von Avignon, legatus a latere in Frankreich und Cardinal eine bedeutende Rolle spielte. Tarugi war auch der Lieblingsschüler des Heiligen, der ihn wegen seiner feurigen Beredsamkeit dux verbi nannte. Da die Anzahl der Besucher des Oratoriums von Tag zu Tag zunham, bediente sich Philipp zu den geistlichen Conferenzen nun auch seiner besten Schüler, die, wenn auch noch Laien, mit ihm und neben ihm nach seiner Weisung einfache, ungekünstelte Predigten über das Leben der Heiligen und praktische Sittenlehren oder Vorträge über einen Stoff aus der Kirchengeschichte hielten. Damals schon wurde Baronius von Philipp die Kirchengeschichte zugetheilt, die er 30 Jahre lang ununterbrochen in San Girolamo della Carità, in San Giovanni dei Fiorentini und schließlich in Santa Maria in Vallicella in seinen Predigten vortrug. Siebenmal ließ ihn Philipp immer von Neuem das ganze Gebiet durcharbeiten und in seinen Vorträgen behandeln. Ohne es selbst zu ahnen, ward Baronius so zu dem berühmten Kirchenschriftsteller herangebildet, bis er endlich vom hl. Philippus Neri den ausdrücklichen Befehl erhielt, seine Annalen zu schreiben. – Die täglichen Übungen, denen Männer und Jünglinge in den Nachmittags- und Abendstunden im Oratorium unter Philipps Leitung oblagen, waren Gebet, geistliche Unterredungen und Predigten. Dazu kamen noch einige Male in der Woche körperliche Bußwerke und später geistliche Gesänge besonders für Sonn- und Festtage, die von Philipp in die Musik eingeführten sogen. Oratorien. Eine besondere fromme Übung, welche Philipp mit großem Erfolg empfahl, war die Kirchenfahrt, der Besuch der sieben Hauptkirchen Roms, welche er selbst schon in früheren Jahren mit Vorliebe gemacht hatte. Nun machte er sie als Führer großer Processionen, denen sich nicht bloß die Besucher des Oratoriums, sondern außer einer großen Volksmenge auch viele Priester und Ordensleute, besonders Dominicaner und Kapuziner, anschlossen. Unter Gebeten und Gesängen zog der Heilige mit vielen Hunderten von Kirche zu Kirche, wobei in fünfen derselben [Bd. 9, Sp. 2016] eine Predigt an die Menge gerichtet wurde. Besonders zweimal im Jahre veranstaltete er diese Pilgerfahrt: am sogen. »fetten Donnerstag«, um die Menge von den sündhaften Belustigungen der Carnevalstage abzuhalten und dafür einen Ersatz zu bieten, und in der Osterwoche. Doch blieb sein Wirken nicht ohne Gegner. Durch den großen Anhang und das Ansehen, welches er, ohne es zu suchen, allmälig gewann, wurde er Anderen verhaßt und von denselben angeklagt. Der damalige Cardinalvicar Pauls IV., noch herber und strenger als der Papst selbst, verbot daraufhin Philipp das Beichthören auf einige Wochen, sowie jede religiöse Übung ohne besondere Erlaubniß, zugleich mit der Drohung, ihn vor Gericht zu stellen. Philipp gehorchte, doch bald ward er gerechtfertigt, und Paul IV. bezeugte ihm sein Wohlwollen, indem er bedauerte, daß man Philipp so ungerecht behandelt habe. Ohne Haß gegen seine Widersacher begann Philipp mit neuem Eifer sein apostolisches, reformatorisches Wirken, das sich bald auf alle Klassen der Bevölkerung Roms erstreckte und von Rom aus weite Kreise schlug. In Rom wurde er in der That Allen Alles, vom Papste angefangen bis zu den Kindern auf dem Spielplatze. Von den Pöpsten, unter deren Regierungszeit Philipp wirkte, waren es besonders der hl. Pius V., Gregor XIII., Sixtus V., Gregor XIV. und Clemens VIII., die ihn wie einen Vater verehrten, ihm zum Zeichen der Liebe und Hochachtung selbst die Hand küßten oder ihn um Rath fragten. Er aber verläugnete auch den Päpsten gegenüber weder seinen apostolischen Freimuth, noch auch die ihm eigenthümliche Heiterkeit, die, bei aller Welt bekannt und beliebt, noch heute in zahlreichen Anekdoten weiterlebt. Es konnte auch nicht ausbleiben, daß die Päpste daran dachten, einem Manne wie Philipp den Purpur zu verleihen. Mehrere Male unter Gregor XIV. und Clemens VIII. war ihm der Cardinalshut zugedacht. Philipp aber weigerte sich hartnückig, und seiner Demuth gelang es, der hohen Würde zu entgehen. Gregor XIV. sandte ihm förmlich das rothe Biret in die Vallicella (1590); scherzend sandte er es dem Papste zurück. – Von den vielen großen Cardinälen des 16. Jahrhunderts gehörten die meisten und besten zu Philipps Freunden und Schülern, die bei ihm ein und aus gingen, die sich bei ihm Raths erholten, deren Seelenführer er war. Auch zu manchen der vornehmsten Adelsfamilien Roms hatte Philipp nicht bloß nahe Beziehungen, sondern war auch für diese Kreise ein gesuchter Beichtvater. Überhaupt war der Beichtstuhl in seinem Zimmer vielleicht der Ort, von wo er am segensreichsten wirkte; verstand er es doch, die Seelen oft wunderbarerweise zu durchschauen und zu leiten. So war es denn auch sein süßester Trost, unermüdlich stunden- und tagelang im Beichtstuhl auszuharren. Auf dem Gebiete der kirchlichen Kunst und Wissenschaft war sein Einfluß nicht minder [Bd. 9, Sp. 2017] von großer Bedeutung zum Besten der Kirche. Wie schon erwähnt, verdanken die Annalen des Baronius ihm ihre Entstehung; außerdem gab er den Anstoß zur Erforschung der Katakomben, und hervorragende wissenschaftliche Werke über dieselben wurden von Schülern des Heiligen bald nach dessen Tode herausgegeben. Die ganze damalige Predigtweise, die im Argen lag, reformirte er durch sein und seiner Schüler Beispiel. Giovanni Pierluigi Palestrina (s. d. Art.) war Philipps Beichtkind und Freund und starb in seinen Armen. Überhaupt waren die ersten Musiker Roms für Philipp und besonders für seine geistlichen Dramen, die Oratorien, thätig. Sie sollten ein Gegengift gegen das damalige Theater sein und erreichten auch ihren Zweck. Philipp selbst besaß ein reiches philosophisches und theologisches Wissen, und wenn er im ersten Feuereifer selbst seine Bücher verkauft hatte, so nahm er als Priester das Studium wieder auf; davon zeugt sowohl seine Privatbibliothek, welche heute noch einen kleinen Theil der von ihm gegründeten Vallicellana ausmacht, als auch das Urtheil gelehrter Cardinäle, welche ihn in wissenschaftlichen Fragen zu Rathe zogen und über die Tiefe und Gründlichkeit seiner Bildung staunten. Was er an eigenen schriftstellerischen Arbeiten besaß, hat er in seiner Demuth am Ende seines Lebens verbrannt. Nach seinen Biographen schrieb er mit großer Leichtigkeit Verse in lateinischer und italienischer Sprache, die von italienischen Fachmännern sehr gelobt wurden. Erhalten sind nur noch drei Sonette aus seiner Jugendzeit, die allerdings nicht von großem poetischen Werth sind, und außerdem eine Sammlung seiner Briefe, welche 1751 zu Padua erschien, jedenfalls aber nicht vollständig ist. Wenn der Heilige so gelehrt mit den Gelehrten war, war er noch viel mehr und viel lieber klein mit den Kleinen. Was er für die Armen und Kranken that, ist schon erwähnt. Er that ihnen aber nicht bloß selbst Gutes, sondern leitete auch seine Schüler und Freunde, die Vornehmsten nicht ausgenommen, an, eigenhändig in den Krankenhäusern und überall, wo die Noth es erheischte, Werke christlicher Liebe zu üben. Die Kinder aber waren seine Lieblinge. Sie fühlten sich unwillkürlich von dem liebevollen Vaterherzen Philipps angezogen, und keiner der Hausgenossen wagte, sie von ihm zu trennen, mochten sie auch vor den Thüren der Patres noch so großen Lärm vollführen. Was ihn dabei leitete, sagte er selbst mit dem Worte: »Gerne würde ich ihnen gestatten, Holz auf meinem Rücken zu spalten, damit sie nichts Böses thun.« Auf der Straße strömten sie ihm in Schaaren zu, und an schönen Frühlingstagen führte er dann die Jugend hinaus in den Garten von San Onofrio unter die berühmte Tasso-Eiche, ward dort Kind mit den Kindern, froh mit den Frohen und nahm selbst an ihren kindlichen Spielen freudig Antheil. So gewann der Heilige das Herz der Jugend, das er mit Tugend [Bd. 9, Sp. 2018] und Reinheit zu schmücken, zu kindlicher Verehrung der von ihm selbst so innig geliebten Gottesmutter Maria zu begeistern verstand. Dem eigentlich politischen Leben stand der Heilige fern. Doch ist bekannt, wie er am Ende seines Lebens unter Clemens VIII. zur Aussöhnung und Freisprechung Heinrichs IV. durch Baronius (s. d. Art.) wesentlich beitrug. Um so näher stand Philipp den Heiligen, welche Rom im 16. Jahrhundert innerhalb seiner Mauern sah. Der hl. Ignatius von Loyola, der hl. Karl Borromäus, der hl. Felix von Cantalicio, mit dem er nach der bekannten Erzählung auf offener Straße um die Palme in der Verdemüthigung stritt, der hl. Camillus von Lellis, auch die hl. Katharina von Ricci, die ehrw. Ursula Benincasa und selbst der hl. Franz von Sales, alle verehrten und besuchten Philipp als Freund und Berather oder als ihren Seelenführer und Leiter, alle sahen zu ihm auf wie zu einem hellleuchtenden Beispiel der Vollkommenheit. Beinahe 33 Jahre wirkte so der Heilige bei San Girolamo della Carità. Unterdessen verwirtklichte sich die Hauptstiftung desselben, in der sein Geist und sein Wirken fortleben sollte, fast gegen seinen Willen. Im J. 1564 nämlich wurde Philipp von seinen Landsleuten, den Florentinern in Rom, ersucht, die Leitung ihrer dortigen Kirche San Giovanni in der Nähe der Engelsbrücke zu übernehmen. Da er sich weigerte, nöthigte ihn Papst Pius IV. dazu, Wohnung und Oratorium jedoch durfte Philipp selbst in San Girolamo behalten. Darum ließ er einige seiner Schüler, wie Baronius und Tarugi, zu Priestern weihen und gab diesen den Auftrag, die Kirche San Giovanni dei Fiorentini nach seinen Weisungen zu verwalten. Diesen schlossen sich nun einige andere Jünger des Heiligen an, so daß in der That schon bei San Giovanni eine kleine Genossenschaft unter Philipps Leitung ein gemeinsames Leben führte und seeleneifrig wirkte. Täglich kamen diese Schüler Philipps nach San Girolamo zu den gewohnten Übungen, bis zehn Jahre später (1574) die Florentiner bei ihrer Kirche das Oratorium errichteten, worin jetzt die geistlichen Übungen vorgenommen wurden. Philipp sträubte sich noch immer dagegen, selbst eine Congregation zu stiften, wurde aber bald durch die Verhältnisse bei San Giovanni und die Rücksicht auf seine Schüler dazu gezwungen. Im J. 1575 erwarb er deßhalb die Kirche S. Maria in Vallicella, ließ die alte Kirche niederreißen und in großartigem Maßstabe eine neue aufbauen, welche heute noch unter dem Namen Chiesa nuova (neue Kirche) dasteht. Das Oratorium von San Giovanni wurde verlassen, und die Schüler Philipps siedelten nach S. Maria in Vallicella in einen mächtigen Neubau über, in dem auch bald eine gediegene Bibliothek, die Vallicellana, von Philipp eingerichtet wurde. Durch Bulle Gregors XIII. vom 15. Juli 1575 dazu ermächtigt, errichtete der Heilige dann endlich daselbst seine Congregation für Weltpriester unter dem Titel Congregation des Oratoriums (s. u.). [Bd. 9, Sp. 2019] Philipp selbst verblieb auch jetzt in seiner armen Zelle bei San Girolamo; er wollte nicht als Haupt und Stifter der neuen Congregation erscheinen, bis er schließlich auf Befehl des Papstes am 22. November 1583 in der neuen Residenz seine Wohnung nahm. Dort erwählten ihn alle Mitglieder trotz seines Sträubens zum Generalobern auf Lebenszeit. Mit väterlicher Milde und heiliger Klugheit leitete nun Philipp noch beinahe zehn Jahre die junge Congregation nach den Regeln, die in San Giovanni und theilweise schon in San Girolamo im Gebrauche gewesen, zum Besten und zur Freude seiner Söhne und ganz Roms. 1593 legte er sein Amt nieder, und die Congregation erwählte Baronius zu seinem Nachfolger. Doch bis zu seinem Tode galt er als die Seele und der Vater der ganzen Congregation. – Das Leben des hl. Philippus Neri ist reich an wunderbaren, übernatürlichen Begebenheiten, reich an Wundern und Weissagungen, die von Männern wie Baronius eidlich bezeugt sind. Außer dem schon oben Erwähnten sei hier noch der Todtenerweckung des 14jährigen Fürsten Paolo Massimo (1583) gedacht, deren Gedenktag heute noch alljährlich am 16. März sogar mit einer eigenen Messe in der Hauskapelle des Fürsten Massimo gefeiert wird. Ekstatische Zustände besonders bei der Feier der heiligen Messe mehrten sich im Leben des Heiligen, je mehr sich dasselbe dem Ende näherte. Stundenlang verharrte er dann in Verzückung vor der heiligen Communion. Um dabei den Blicken Anderer zu entgehen, hatte er sich die Erlaubniß erbeten, in seinem Zimmer die heilige Messe lesen zu dürfen, und selbst den Bruder, der ihm zur Messe diente, entließ er zeitweilig, damit dieser nicht, wie er sagte, durch seine »Narrheiten« in der Arbeit gestört werde. Seine Gottesliebe erstrahlte nach außen in dem süßen Lächeln des ehrwürdigen Greises, in der Freudigkeit und Fröhlichkeit, mit der Philippus Neri selbst seinem Gott diente und allen Anderen den Dienst Gottes so angenehm und leicht zu machen verstand. Zum schönsten Accorde aber vereinigten sich diese beiden Grundtöne seines Lebens: Herzensfreudigkeit und Liebesglut an dem Tage, den er schon längst bestimmt als seinen letzten vorausgesagt. Am Frohnleichnamsfeste 1595 las er die heilige Messe in seiner Privatkapelle. Doch anstatt das Gloria stille zu beten, brach sein Herzensjubel durch, und er sang laut den Gesang der Liebe und der Freude von Anfang bis zu Ende. Den ganzen Tag saß er noch im Beichtstuhle: ein guter Hirte. Bald nach Mitternacht starb er, am 26. Mai, 80 Jahre alt. Schon 1615 ward er selig und 1622 von Gregor XV. heilig gesprochen. Rom hat ihm die Dankbarkeit immerfort treu gewahrt. Keiner von den vielen Heiligen Roms ist dort heute noch nach dem hl. Petrus und neben dem hl. Aloysius so volsthümlich wie der hl. Philipp Neri. Der 26. Mai gilt als ein Volksfest, an dem Alt und Jung, Groß und Klein die Reliquien und die [Bd. 9, Sp. 2020] Zimmer des Heiligen in und bei der Chiesa Nuova aufsucht. Benedict XIII. machte seinen Todestag zum gebotenen Festtag für Rom, und seit 1726 bis zur Einnahme Roms (1870) erschienen die Päpste alljärlich mit ihrem Hofstaate an diesem Tage in der sogen. Cavalcata zur Feier der heiligen Geheimnisse und zur Verherrlichung des hl. Philippus Neri an seinem Grabe. Mit Recht trägt er, selbst vor den anderen großen Männern und Heiligen Roms im 16. Jahrhundert, nach dem Urtheil der Geschichte wie im Munde des Volkes den Beinamen des Apostels von Rom. – Das Leben des hl. Philippus Neri wurde beschrieben von P. Antonio Gallonio, Priester des Oratoriums, Schlüler des Heiligen und Verfasser mehrere Viographien von Heiligen (es erschien 1600 zu Rom); von P. Girolamo Barnabei, Oberen des Oratoriums zu Rom (diese beiden Biographien wurden, mit Noten der Bollandiesten versehen, vollständig aufgenommen in AA. SS. Boll. Maii VI, 460 sqq.); von P. Pietro Giacomo Bacci, Priester der Congregation des Oratoriums (Rom 1622); in neuerer Zeit von Cardinal Capecelatro (deutsche Bearbeitung von Lager, Freiburg 1887). Außerdem vgl. noch Card. Wiseman, Panegyric of St. Philipp Neri, London 1856; Moroni, Diz. XXIV, 296 sgg.; Reumont, Geschichte der Stadt Rom III, 2, 498 ff.

Nach dem hl. Philippus Neri werden zwei Congregationen benannt, von denen jedoch nur die eine von ihm selbst gegründet wurde. Es ist dieß die schon oben erwähnte Congregation der Priester des Oratoriums, auch einfach Oratorianer oder Philippiner genannt. nachdem dieselbe 1583 unter Gregor XIII. errichtet war, erhielt sie erst 17 Jahre nach dem Tode des Stifters ihre geschriebenen Constitutionen, da der Heilige in seiner Demuth sich stets geweigert hatte, solche niederzuschreiben. Unter dem Nachfolger des hl. Philipp, Baronius, wurden die Regeln, wie sie zu Lebzeiten des Heiligen schon längst im Gebrauch gewesen, mit großer Pietät festgestellt und darauf von Papst Paul V. im Jahre 1612 bestätigt. Die Congregation hatte den ZWeck, das Wirken des heiligen Stifters in seinem Geiste nach Kräften fortzusetzen. Die eigentlichen Mitglieder waren Weltpriester, doch finden Laien als dienende Brüder auch Aufnahme. Ein Hauptmittel zur Erreichung des Zwecks war das Oratorium für Laien, wie es nach der Einrichtung des hl. Philipp in Rom auch bis 1870, wo die italienische Regierung der Congregation ihr Eigenthum wegnahm, bestand. Die Kleidung war anfänglich die der damaligen römischen Weltpriester und besteht so heute noch als eigenthümliche Ordenstracht der Philippiner. Die ganze Verfassung trägt einen freien, republikanischen Charakter. Philippus Neri wollte keine neuen Bande anlegen, der Geist der Liebe sollte herrschen, das Leben der ersten Christen so viel als möglich in der Congregation erneuert werden. Jedes Haus besteht unabhängig von allen anderen [Bd. 9, Sp. 2021] für sich und wählt sich selbst seinen Obern auf drei Jahre. Einen Generalobern gibt es nicht, nur mit Philipp hatte man die Ausnahme gemacht und ihn auf Lebenszeit dazu erwählt. Die einzelnen Mitglieder werden weder durch Gelübde noch Eid an die Congregation gebunden und können austreten, wann sie wollen. Auch ein Gelübde der Armut besteht nicht. Alle Mitglieder steuern zum gemeinsamen Unterhalt nach Kräften und dem Ermessen des Obern bei. – Wie der hl. Philippus Neri sich lange der Gründung einer Congregation widersetzt hatte, so wollte er auch nicht, obgleich man ihn vielfach darum bat, Niederlassungen in anderen Städten errichten. Doch auch hierzu ward er genöthigt. So zählte die Congregation bei seinem Tode sieben Häuser; außer Rom, Neapel, das unter Tarugi sehr blühte, San Severino, Lucca, Fermo, Palermo und Camerino. Nach dem Tode Philipps wuchs sie rach im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts. In Italien und Sicilien allein wurden über 100 Häuser errichtet; Spanien hatte 21, Portugal 6, Frankreich 8. Die Stiftung des Cardinals Berulle (s. d. Art.) darf jedoch nicht als Zweig der Congregation des hl. Philipp angesehen werden. Außerdem gab es einzelne Häuser in Österreich, Tirol, Bayern und in den west- und ostindischen Missionen, besonders auf der Insel Ceylon. Heute jedoch ist die Congregation durch die Ungunst der Zeiten, was die Anzahl der Häuser und Mitglieder angeht, sehr zurückgegangen. Es finden sich hauptsächlich noch Niederlassungen in mehreren Städten Italiens und in einigen Spaniens. Daß aber der Geist und die Regel des hl. Philipp auch in unseren Tagen noch lebenskräftig, davon zeugt das frische Reis, welches die Congregation um die Mitte dieses Jahrhunderts (1848) in Englang trieb und das heute noch in London und Birmingham blüht. Männer wie Cardinal Newman, der die Congregation nach England verpflanzte, nachdem er sich in Rom selbst mit dem Leben und den Regeln der Oratorianer bekannt gemacht, und Will. Faber, berühmt durch seine ascetischen Schriften, die vom Geiste des hl. Philipp Neri durchweht scheinen, zierten daselbst die junge Pflanzung. Überhaupt hat die Congregation zu jeder Zeit durch Wissenschaft oder Frömmigkeit hervorragende Männer zu den Ihrigen gezählt. Viele von ihnen wurden zu den höchsten kirchlichen Würden erhoben und nicht wenige gaben dabei rührende Beispiele der Demuth nach dem Vorbildes des hl. Philipp, so daß sie nur, wie z. B. Baronius, unter Androhung der Excommunication zur Annahme des Purpurs zu bewegen waren. Die beiden ersten Cardinäle aus der Congregation waren Francesco Maria Tarugi von Montepulciano und Cesare Baronio von Sora; bede ernannte Clemens VIII. (1596). Innocenz X. machte 1645 zum Cardinal: Orazio Giustiniani, der seit 1632 Custos der vaticanischen Bibliothek gewesen und die Geschichte des Concils von Florenz geschrieben. Dieser Letztere war es auch, welcher [Bd. 9, Sp. 2022] dem hl. Philipp die erste Kirche zu Carbognano erbaute. Der Fürst Leandro Colloredo ward Cardinal unter Innocenz XI.; Luigi Belluga Bischof und Cardinal unter Clemens XI.; Filippo Caracciolo Cardinal unter Gregor XVI. und zuletzt unter Leo XIII. Newman und Capecelatro. Außerdem gab die Congregation der Kirche verschiedene tüchtige Bischöfe bis in die neuesten Zeiten. Mehrere Namen von Gelehrten sind oben schon aufgezählt; wir fügen noch hinzu: Francesco und Tommaso Bozio, Odorico Rinaldi und Giacomo Laderchi, die beiden Fortsetzer der Annalen des Baronius, Giovanni Severano und Paolo Aringhi, die beiden Herausgeber der Roma sotterranea von Antonio Bosio, und aus neuerer Zeit Augustin Theiner. – Über die Congregation der Philippinerinnen s. d. Art. (Vgl. Giovanni Marciano, Memorie istoriche della Congregazione dell’ Oratorio, Napoli 1693–1702, 5 voll.; Villarosa, Scrittori Filippini, Napoli 1837–1842, 2 voll.; Moroni, Diz. XXIV, 279 sgg.)

[Jos. Hilgers S. J.]


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