Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




[Bd. 10, Sp. 647]Quadrivium und Trivium heißen an den mittelalterlichen Schulen die beiden Stufen, auf welchen die Schüler die septem artes liberales lernten, d. h. die Unterrichtsfächer, welche der freie Mann sich anzueignen hatte, wenn er auf höhere Bildung Anspruch machen wollte. Das trivium führt diesen Namen, weil die Lehrer ursprünglich an den trivia, den Knotenpunkten der Straßen, Schule hielten; quadrivium (zuerst bei Boethius, De artihm. 1, 1) dagegen ist mißverständlich dem Worte trivium nachgebildet, indem man beide Bezeichnungen von der Zahl der Unterrichtsfächer hergeleitet dachte, welche auf jeder Stufe gelehrt wurden. Die Unterstufe, das trivium, umfaßte nämlich die drei sprachlichen Fächer: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, welche deßhalb auch artes triviales (sermocinales; rationales) genannt wurden; die Oberstufe, das quadrivium, dagegen die vier mathematischen Disciplinen: Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie, die sog. artes quadriviales (reales). Der Studienkreis der septem [Bd. 10, Sp. 648] artes liberales, in den römischen Schulen die Encyklopädie genannt, ist zuerst in den LL. IX disciplinarum des M. Barro umschrieben. Hier sind, der traditionellen Hochschätzung der Heilkunde und dem römischen Interesse für Bauten entsprechend, noch Medicin und Architektur behandelt. Derartige encyklopädische Werke schuf das Mittelalter mehrere, welche die Schulen beherrschten. Augustin bedachte die Artes zu behandeln (Retract. 1, 6); seine Absicht kam aber nur theilweise zur Ausführung in der Schrift De musica (De grammatica, De dialectica und De rhetorica sind unächt). Die meist gebrauchte Encyklopädie schrieb Martianus Capella (s. d. Art.). Cassiodor (s. d. Art.) compilirte in seiner Schrift De artibus et disciplinis liberalium artium die vorhandenen Unterrichtswerke. Den ganzen Inhalt des gangbaren Wissens umfassen die Originum sive Etymologiarum LL. XX des hl. Isidor von Sevilla (s. d. Art. VI. 973). Sein Werk findet sich in vielen Auszügen und Überarbeitungen. Ähnlich gestaltet ist des Rabanus Maurus (s. d. Art.) Werk De universo. Für Frauenunterricht schrieb die Äbtissin Herrad von Landsperg (s. d. Art. Hohenburg) ein mit Musikbeilagen und Bildern versehenes Sammelwerk, den Hortus deliciarum. Mehr pädagogischer Natur ist das Didascalion des Hugo von St. Victor (s. d. Art.). Von umfassendem Wissen zeugt das große Speculum naturale, doctrinale, historiale (morale ist von anderer Hand beigefügt) des Vincentius von Beauvais (s. d. Art.). Im 13. Jahrhundert schrieb Brunetto Latini, der Lehrer Dante’s, den Grand Trésor, die erste Encyklopädie in einer modernen Sprache. Das letzte berühmte, die artes in dialogischer Form behandelnde Lehrbuch des Mittelalters ist die Margaritha philosophica des Karthäusers Gregor Reisch (s. d. Art.) — Die Siebenzahl der artes, als der sieben Säulen der Weisheit, der sieben Stufen der Erhebung des Geistes, die Analogie der sieben Planeten, sieben Tugenden, bildet oft den Gegenstand der Reflecion und des Witzspiels. Eine bildliche Darstellung beschreibt Alcuin. Die Fassung in Memorialverse bezeichnet die canonische Geltung des Systems:

Lingua, tropus, ratio, numerus, tenor, angulus, astra.

Häufiger noch das Verspaar:

Gram loquitus, Dia vera docet, Rhe verba colorat,
Mus canit, Ar numerat, Geo ponderat, As colit astra.

Die Reihenfolge der Fächer ist bei M. Capella (nach Varro): 1. Grammatik, 2. Dialektik, 3. Rhetorik, 4. Geometrie, 5. Arithmetik, 6. Astronomie, 7. Musik. Bei Cassiodor dagegen: 1. Grammatik, 2. Rhetorik, 3. Dialektik, 4. Geometrie, 5. Musik, 6. Geometrie, 7. Astronomie. Letztere Ordnung blieb die Regel, doch erscheint die Musik bisweilen an siebenter Stelle (Raban. Maur., De inst. cler. [Bd. 10, Sp. 649] 3, 21. 24). Dem Unterricht in den freien Künsten ging der Elementarunterricht voraus. Er bestand in der Erlernung des Lesens mittels Steinchen oder Blätter, auf denen die einzelnen Buchstaben verzeichnet waren, in weiterer Leseübung am Psalterbuch, dann im Schreiben auf Wachstäfelchen, dem das Schönschreiben auf Pergament folgte. Der höhere Unterricht dauerte acht Jahre und darüber, wobei die meiste Zeit dem Trivium zufiel. Die Beschäftigung mit den Fächern des Quadriviums war weder in den verschiedenen Schulen gleichartig, noch an derselben Schule für alle Schüler. Die besonderen Bedürfnisse, das vorhandene Lehrpersonal und die Bibliothek, die Talente und Neigungen der Schüler ließen das eine Fach vor dem andern in den Vordergrund treten. – Neben den Encyklopädien dienten die zahlreichen Bearbeitungen der einzelnen Disciplinen als Lehrmittel. Sie sind zum großen Theil in katechetischer Form, in Fragen und Antworten abgefaßt. Manche sind in Verse gebracht; breite Darstellung und knappe Kürze bis zu tabellischer Übersicht finden sich. Viel benutzt sind besonders die Fachschriften des Boethius, Beda, Alcuin und Gerbert. Lehrweise, Unterrichtsgang, Privatlectüre und Schulleben schildert anschaulich die Abhandlung »Wie man vor tausend Jahren lehrte und lernte, dargestellt an einem Zeitgenossen des hl. Meinrad, Walafrid Strabo« (Jahresbericht über die Erziehungsanstalt des Benedicitinerstiftes Maria-Einsiedeln 1856-1857; trotz der Versicherung des Verfassers, er habe das Material mühsam aus Strabo’s und dessen Zeitgenossen Schriften zusammengesucht, wird die Abhandlung zuweilen irrthümlich als Übersetzung eines Tagebuchs Walafrid Strabo’s aufgefaßt; Auszug bei Kellner, Erziehungsgeschichte I, Essen 1880, 149–163).

I. Das Trivium umfaßte im Mittelalter Sprachlehre, Lectüre der Schulschriftsteller, praktisches Schriftwesen und Philosophie. 1. Grammatik heißt bei Rabanus Maurus (De inst. cler. 3,18) »die Kunst, die Dichter und Geschichtschreiber zu erklären, richtig zu sprechen und zu schreiben. Sie ist der Anfang und die Grundlage der freien Künste«. Das erste Lehrbuch hierin war allgemein die Ars minor von Aelius Donatus, dem Lehrer des hl. Hieronymus. Da sie für römische Schüler geschrieben war, mußte sie für Nichtrömer erst zuecht gemacht werden, weßhalb sie vielerlei Commentare und Überarbeitungen hervorrief. Auf Donat folgte die Institutio de arte grammatica des Priscianus, für reifere Schüler berechnet. Oft benutzt wurden die Grammatiken von Diomedes, Charisius, Pompejus, Nicomachus, Dositheus, Victorinus, Pseudo-Augustinus und Asper. In Frankreich erscheinen im spätern Mittelalter vorzüglich Smaragdus, Sedulius, Erchambert von Hirschau, Remigius von Auxerre, der Italiener Gunzo, Lambert von Poitiers, Johannes Garlandus, Ebrard von Béthune. Im 12. und 13. Jahrhundert beherrschen die Commentare des Peter Helias, vom [Bd. 10, Sp. 650] 13. Jahrhundert ab das Doctrinale des Minoriten Alexander von Ville-Dieu in der Normandie die Schulen. Da die Bücher selten und theuer waren, hatte in größeren Schulen die Mehrzahl der Schüler keine Handexemplare. Der Lehrer sprach vor, die Schüler lernten durch wiederholtes Nachsprechen. Anderes wurde auf die Wachstafeln geschrieben und außer der Schule memorirt. »Da man nach dem Gehör schrieb, ohne die Wörter zu sehen, so wurden sie oft wunderlich genug geschrieben« (Kellner I, 151). Die Einübung der Regeln besorgten theils die Lehrer, theils ältere Schüler, indem »sie deutsch größere und kleinere Sätze vorsprachen, die sogleich lateinisch auf Wachstafeln geschrieben wurden« (ebd. 151). Später folgten zahlreiche dictamina, stilistische Ausarbeitungen in Prosa und Versen. – Da die Grammatik selbst lateinisch geschrieben war, so mußte sie im Anfang erst Wort für Wort in der Landessprache verständlich gemacht werden, bis die Schüler so weit im praktischen Gebrauch des Lateinischen geübt waren, daß die lateinische Erklärung genügte. Zur Erleichterung versahen Lehrer und Schüler ihre Exemplare mit Bemerkungen in der Landessprache. Mehrere solche deutsch glossirte Grammatiken sind erhalten (s. Steinmeyer und Sievers, Die althochdeutschen Glossen, Berlin 1879 und 1882, 2 Bde.). In den höheren Cursen der Grammatik wurden Etymologie, Metrik und Orthographie besonders gelehrt. An Lehrschriften fehlte es nicht. Besondere Pflege erfuhr die Orthographie wegen ihrer praktischen Bedeutung für das Abschreiben der Bücher. Cassiodor sammelte eifrig die älteren Werke darüber und schrieb selbst noch im Alter von 93 Jahren eine Abhandlung De orthographia. Auch Beda und Alcuin schrieben Anweisungen. Die Herstellung correcter biblischer und liturgischer Texte wurde seit dem 8. Jahrhundert mit großer Sorgfalt betrieben, wobei die früher vernachlässigte Interpunction wieder mehr Beachtung fand (Alcuini Ep. 112, bei Jaffé, Bibl. Rer. Germ. VI, 459; Vita S. Theogeri 1,9, in den Mon. Germ. hist. Scriptt. XII, 451). Als erste Lectüre der Grammatikschüler dienten in der Regel die nach dem antiochenischen Rhetor Aphthonios gefertigte Fabelsammlung des Avianus und eine Sammlung von Sittensprüchen, disticha Catonis, von denen Othlo (Liber proverb., bei Pez, Thes. anecd. III, 2, 487) klagt, daß sie omnes pene magistri legere solent ad prima puerorum documenta. Unter den Schulclassikern nahm Virgil den ersten Rang ein (vgl. Comparetti, Virgil im Mittelalter [aus dem Italienischen übersetzt], Leipzig 1875). Donat und Priscian hatten zu seiner dominirenden Stellung beigetragen, da sie ihm vorzüglich die Beispiele entnahmen; letzterer gibt in einer eigenen Schrift Anleitung zur Verwendung des Virgil für den grammatischen Unterricht. Stellenweise trug man Bedenken gegen den Gebrauch [Bd. 10, Sp. 651] heidnischer Dichter und ersetzte sie durch christliche, den Spanier Juvencus, den Cälius Sedulius und besonders durch den spanischen Dichter Prudentius, den christlichen Virgil (s. d. betr. Artt.). Doch finden sich Classiker-Abschriften in allen Katalogen alter Bibliotheken. Hugo von Trimberg, Schulvorsteher in Bamberg um 1250, führt folgende Autoren an, die er mit seinen Schülern gelesen habe: Virgil, Horaz, Ovid, Juvenal, Persius, Statius, Homerus Latinus, Boethius, Claudianus, Sedulius, Juvencus, Arator, Prosper, Prudentius, Cato, Avian, Maximian (Bericht der k. Akad. d. Wissensch. zu Berlin 1854, 144). Von den Prosaikern werden Cicero, Seneca, Sallust, Livius erwähnt, nicht aber Cäsar und Tacitus. Einleitungen (accessus ad poetas) und Commentare, die freilich bei den Hilfsmitteln der Zeit äußerst dürftig und voller Irrthümer waren, wurden ebenfalls gebraucht; so zu Virgil vorzüglich die Commentare des Servius Honoratus, in den gallischen Schulen auch die des Macrobius und des Afrikaners G. Fabius Fulgentius. Alphabetisch oder sachlich geordnete Vocabularien fehlten in keiner Schule; an ihrer Verbesserung wurde fortwährend gearbeitet. Der Curs der Grammatik, mit der Lectüre Virgils an der Hand eines Commentars, besonders des reichhaltigen Macrobius, gab bereits eine für die Zeit bedeutende formale Bildung und positives Wissen. Daher gingen nach absolvirter Grammatik manche junge Adelige nach Hause oder wurden von ihren Eltern abgeholt, um als Knappen die ritterlichen Künste zu lernen, zu denen die Klosterschule keine Anleitung gab (Kellner I, 154). (Vgl. H. Keil, Grammatici latini, Lipsiae 1855–1880, 7 voll.; Eckstein, Geschichte des lateinischen Unterrichts im Mittelalter, in Schmids Encyklopädie des gesammelten Erziehungs- und Unterrichtswesens, 2. Aufl., IV, 228–239; Thurot, Notices et extraits pour servir à l’histoire des doctrines grammaticales au moyen âge, Paris 1868; Reichling, Alexandri de Villa Dei Doctrinale, in Kehrbachs Mon. Germ. Paed. XII, Berlin 1893.)

2. Die Rhetorik hatte im Mittelalter von ihrer einstigen herrschenden Stellung in den römischen Schulen viel verloren. Rabanus Maurus (De inst. Cler. 3, 19) meint, »es genüge, wenn die jungen Leute sich damit beschäftigen, und von diesen nicht alle, die zum Dienste der Kirche erzogen werden, sondern solche, welche noch nicht ein wichtigeres oder ihr ohne Zweifel vorzuziehendes Fach beschäftigt. Denn wenn ein scharfer und feuriger Geist abgeht, so erwirbt man Beredsamkeit eher durch Lesen und Anhören beredter Männer als durch Regeln der Rhetorik«. Als Lehrbücher dienten Pseudo-Augustin, Beda, auch die Schriften Cicero’s. Eine St. Galler Rhetorik findet sich bei Hattemer, Denkmale des Mittelalters III, St. Gallen 1844–1849, 560–585. Alcuins Rhetorik ist ein Auszug aus Cicero mit aristotelischen [Bd. 10, Sp. 652] Zusätzen, wodurch freilich die Klarheit des römischen Redners nur gelitten hat. Im 12. Jahrhundert schrieb Stephan von Rouen für seine Schüler in Bec ein Handbüchlein. Guibert von Nogent (s. d. Art.) schrieb über Kanzelberedsamkeit (Liber quo ordine sermo fieri debeat). Statt weitschweifiger theoretischer Unterweisung und declamatorischer Übung pflegte die Schule die Kunst des correcten Ausdrucks in praktischen Dingen, den Geschäftsstil. Die Fertigkeit, Briefe und Urkunden rechtlichen und geschäftlichen Inhalts richtig anzufassen, galt als das wichtigste Ziel der »Rhetorik«. Das dictamen prosaicum wurde in den mannigfaltigsten erdichteten Geschäften und Rechtshändeln geübt. Muster dafür wurden gesammelt; Formelbücher und Briefsteller finden sich zahlreich. Zu den ältesten gehören die Formulae Andegavenses (6. Jahrhundert) und die zwei Bücher Formeln des Mönches Marculf (s. d. Art. Formelbücher IV, 1607 ff.). Theoretische Anleitungen schrieben Alberich von Montecassino und Bischof Benno von Meißen (s. d. Art.). Die Beschäftigung mit den Rechtsfällen brachte es mit sich, daß an vielen Schulen ein förmliches Rechtstudium hier eingefügt wurde. (Vgl. auch Halm, Rhetores latini minores, Lipsiae 1863).

3. Die Dialektik stellt Alcuin der Rhetorik gegenüber: Illa verba contrahit, ista distendit. Er definirt sie als disciplina rationalis quaerendi, diffiniendi, disserendi, etiam vera a falsis discernendi potens. Als Theile nennt er: Isagoge, Categoriae, Syllogismorum formulae et diffinitiones, topica, periermeniae (Alcuin., De dialect. c. 1). Diese Eintheilung gibt den regelmäßigen Unterrichtsgang an. Das Studium gründete sich hauptsächlich auf die Schriften des Boethius (s. d. Art.), seine Übersetzung der Isagoge des Porphyrius und der logischen Schriften des Aristoteles. Nebst Alcuins Dialektik ist Gerberts Abhandlung De ratione et rationabili das beste Probestück der philosophischen Studien des frühern Mittelalters. Aus Gerberts Schule erzählt Richer (s. Mon. Germ. hist. Scriptt. III, 617): »Zuerst erklärte er die Isagoge, d. h. die Einleitung des Porphyrius zu den Kategorien des Aristoteles nach der Übersetzung des Rhetors Victorinus und hernach auch nach der des Manlius Boethius. Sodann erklärte er das Buch des Aristoteles von den Kategorien oder Prädicamenten und machte seine Schüler in angemessener Weise mit den Schwierigkeiten des Buches Periermenios, d. h. de interpretatione, bekannt. Hierauf trug er die Logik, d. h. die Lehre von den Beweisquellen, vor, welche Tullius aus dem Griechischen in’s Lateinische übersetzt, der Consul Manlius aber durch einen Commentar in 6 Büchern erläutert hat. Ebenso fleißig las und erklärte er die 4 Bücher von den kategorischen und die 3 von den hypothetischen Schlüssen, das Buch von den Definitionen [Bd. 10, Sp. 653] und von den Eintheilungen.« Disputierübungen werden schon früh bezeugt bei Rabanus und Thangmar, dem Lehrer des hl. Bernward von Hildesheim. Dem Geist der Zeit entsprechend bilden vorwiegend theologische Gegenstände den Stoff dialektischer Übungen. Das Auftreten von Häresien, deren Widerlegung logischen Scharfsinn und dialektische Gewandtheit erforderte, begünstigte die Verbindung von Dialektik und Theologie. Dieß begründete das Überwiegen der Dialektik im Trivium auf Kosten der Grammatik. Der dialektische Maßstab ward allmälig auch in der Exegese der heiligen Schrift angewendet. Die grammatisch-literarische Bildung sowie die Kenntniß und Lectüre der Alten ging zurück. Mit dem Aufblühen der Scholastik an den Universitäten nahm das theologisch-speculative Interesse gegenüber dem grammatisch-exegetischen überhand. Einzelne Freunde der antiken Literatur fanden sich zwar noch allenthalben; besonderer Pflege erfreute sie sich stets in den Schulen von Orleans und Chartres. Die großen Theologen der Scholastik bereicherten die Dialektik mit zahlreichen, werthvollen Schriften. Bec (s. d. Art.) in der Normandie, wo Lanfrank als Prior und sein schüler Anselm als Abt waltete, galt als die berühmteste Schule der Dialektik. (Vgl. Prantl, Gesch. der Logik im Abendlande II, Leipzig 1861; Stöckl, Gesch. der Philosophie des Mittelalters, Mainz 1864–1866, 3 Bde.)

II. Das Quadrivium steht bei den Schriftstellern des Mittelalters im Rufe großer Schwierigkeit. Bei den vorhandenen Lehrmitteln setzte ein einigermaßen erfolgreiches Studium der mathematischen Fächer höhere Befähigung und ausdauernden Fleiß voraus. Doch wurde an allen Schulen darin Unterricht ertheilt und genommen, weil Musik und Computus, die wesentlich zur Bildung gehörten, wenigstens einige arithmetische und und astronomische Vorkenntniß erheischten.

1. Die Anfangsgründe der Arithmetik fielen in den Elementarunterricht. Das Fingerrechnen, das viel Zeit und Übung erforderte, wird von den Anleitungen zum Computus (s. d. Art. Zeitrechnung) vorausgesetzt. Rabanus Maurus (De comp. 6, 10) beschreibt die Darstellung der Zahlen durch Fingerstellungen. Schriftlich zu rechnen brachte bei der Schwerfälligkeit der lateinischen und griechischen Zahlzeichen keinerlei Erleichterung. Ein Beispiel von Multiplication findet sich bei Alcuin (De cursu et saltu lunae, bei Migne, PP. lat. CI, 987); Beispiele von Division s. bei Hankel, Zur Gesch. der Mathematik, Leipzig 1874, 56. Beide Operationen mussten in lange Reihen von Additionen aufgelöst werden. Das beliebteste Lehrbuch war Boethius’ De arithmetica, eine Überarbeitung der Εἰσαγωγὴ ἀριϑμετική des Nicomachus von Gerasa. Was Beda, Alcuin, Raban, Helperich, Wilh. von Hirschau, Hermann der Lahme über den Computus geschrieben hatten, wurde im Arithmetikunterricht benutzt. Beispielsammlungen enthält eine angebliche [Bd. 10, Sp. 654] Schrift Alcuins (Proposit. ad acuend. juv., Migne l. c. CI, 1145 sqq.). Eigentliche Fortbildung erfuhr die Disciplin erst durch Abbo von Fleury, Adelard von Corvey, Gerbert und Roger Baco. Gerbert construirte nach dem Muster der Alten zur Erleichterung der Division und Multiplication einen Rechentisch, abacus, mit festen Einern, Zehnern und Hundertern und 1000 beweglichen Zeichen (Richerius, in den Mon. Germ. hist. Scriptt. III, 618). Die Benutzung war freilich schwierig. Heriger, Hermann der Lahme, Raoul von Laon schrieben über den Abacus. – Das Mittelalter hat zwar den aprioristischen Charakter der Mathematik richtig erkannt, aber erst die Berührung mit den Arabern hob den Betrieb. Die eben erfolgte Einführung des indisch-arabischen Zahlensystems beschreibt der gelehrte Vincentius von Beauvais kurz, ohne eine Ahnung von dessen Bedeutung zu haben. Eigenthümlich ist dem ganzen Zeitraum die an Plato erinnernde Vorliebe für mystische Deutung der Zahlen, besonders in der heiligen Schrift (Rabanus Maurus, De inst. cler. 3, 22). (Vgl. Cantor, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik I [bis 1200] und II [bis 1668], Leipzig 1885–1886, 2 Thle.; Günther, Geschichte des mathemat. Unterrichts im Mittelalter, in Mon. Germ. Paed. III, Berol. 1887.)

2. Die Geometrie tritt im Quadrivium am wenigsten hervor, weil sie für das vorwiegend geistliche Interesse der Zeit die wenigsten Anknüpfungspunkte bot. An manchen Schulen wurde sie sogar durch die Geographie ganz ersetzt. Schon Cassiodor (De inst. div. litt. c. 25) hatte das Studium der Kosmographie des Julius Orator empfohlen. Isidor (Orig. l. 14 et 15) und Rabanus (De univ. l. 9–14) widmen in ihren Encycklopädien der beschreibenden und physikalischen Erdkunde größere Abschnitte. Aus dem 8. Jahrhundert stammt ein Wessobrunner Geographiebüchlein (Mon. Boica VII, 373), aus dem 9, Jahrhundert das Compendium des Iren Dicuil. Landkarten waren noch aus den römischen Schulen vorhanden und wurden fleißig vermehrt und verbessert. (Vgl. Lelewel, Géogr. du monyen âge, Bruxelles 1852, 4 vols.; Vivien St.-Martin, Histoire de la géogr., Paris 1873; Peschel, Geschichte der Erdkunde, 2. Aufl., München 1877; Kretschmer, Die physikalische Erdkunde im Mittelalter, Wien 1889.) – Auch naturkundliche Studien wurden eingefügt. Zahlreiche Glossen über Gegenstände der Naturkunde sind erhalten (Hattemer, Denkmale I, 285). Zoologische Kenntnisse verbreitete der oft bearbeitete Physiologus, in dem Thiereigenschaften und religiöse Lehren in Parallele gesetzt werden. Eine Art Encyklopädie der Naturkunde ist das Werk des Minoriten Bartholomäus Anglicus aus Suffolk (De proprietatibus rerum) in 14. Jahrhundert, von dem zu Ende des 15. Jahrhunderts viele lateinische, dann [Bd. 10, Sp. 655] französische, englische, niederländische und spanische Ausgaben existirten. (Vgl. J. Carus, Gesch. der Zoologie, München 1872.) Die Geometrie selbst konnte sich bei der Schwerfälligkeit der römischen Zahlzeichen, sowie der Unbestimmtheit und Verschiedenheit der Maße nicht heben. Erst aus den arabischen Schulen kam Förderung. (Vgl. Klimpert, Gesch. der Geometrie, Stuttgart 1888.)

3. Die Musik war von den Schülern lange praktisch geübt, ehe sie Gegenstand des Studiums wurde. Tüchtige Kenntniß und Übung darin war wesentliches Erforderniß der Bildung (Isid. Orig. 3, 16). Der Unterricht in Instrumenten ist von St. Gallen bezeugt. Seit Gregor war Rom die erste Schule des Kirchengesanges. Karl d. Gr. schickte Sänger zur Ausbildung dahin und berief italienische Meister. Metz und später St. Gallen wurden als Sängerschulen berühmt (P. A. Schubiger, Die Sängerschule St. Gallens vom 8. bis 12. Jahrh., Einsiedeln 1858). Praktische Fertigkeit machte erst den Cantor; um Musikus zu sein, bedurfte es der theoretischen Ausbildung im Quadrivium. Des Boethius 5 Bücher De musica (deutsch von O. Paul, Leipzig 1872), aus griechischen Quellen geschöpft, bilden für alle Schriftsteller des frühen Mittelalters die Quelle. Odo von Clugny, Notker, Regino von Prüm, Berno von Reichenau, Huchald von St. Amand, Guido von Arezzo stützen sich auf ihn. Der Unterricht war schwierig. Die Neumenschrift (s. d. Art. Neumen) bezeichnete zwar den Tonwechsel, aber ohne sichere Bestimmung der Intervalle. Huchald versuchte schon die Anwendung des Liniensystems, in das er die Textsilben vertheilte. Gerbert führte durch geschickte Verwendung des Monochords Erleichterungen ein. Einen wesentlichen Aufschwung nahm die Musik mit Erfindung des festen Noten- und Liniensystems durch Guido von Arezzo (s. d. Art.) (Vgl. d. Art. Musik.)

3. Die Astronomie war unentbehrlich für die kirchliche Zeitrechnung und daher an allen Schulen in Übung. Das Himmelsgewölbe ist nach der allgemeinen Ansicht des Mittelalters in steter, schneller Bewegung von Ost nach West, und nur die Gegenbewegung der Planeten bewahrt es vor Einsturz. Rabanus meint, sämmtliche Sterne entlehnten ihr Licht von der Sonne. Isidor unterscheidet (Orig. 3, 27) Astronomie und Astrologie; letztere theilt er wieder in naturalis und superstitiosa. Im Unterricht gingen Theorie und Beobachtung neben einander her. Am ausführlichsten wurde behandelt, was zur Kalenderberechnung gehörte. Außer den computistischen Schriften (Übersicht bei G. Meier [s. u.] 9) werden als Unterrichtsmittel erwähnt: Plinius, Hyginus, Dionysius, die Phaenomena des Alexandriners Aratus in der lateinischen Bearbeitung des Cäsar Germanicus. Ptolemäus erscheint erst im 12. Jahrhundert wieder. Der scharfsinnige Gerbert erdachte eine Reihe von Instrumenten, um die astronomischen Lehren zu veranschaulichen. Durch ihn und [Bd. 10, Sp. 656] Abbo von Fleury verliert der Unterricht seine Schwerfälligkeit. (Vgl. Mädler, Gesch. der Himmelskunde, Braunschweig 1872–1873, 2 Bde.; Wolf, Handbuch der Astronomie, ihrer Geschichte und Literatur, Zürich 1891 u. 1892, 2 Bde.)

Die feststehenden Fächer des Triviums und des Quadriviums umschlossen der Kreis des höhern Wissens. Geographie und Naturkunde, Geschichte und Rechtslehre wurden in der Regel bei gegebener Gelegenheit eingefügt. Außerdem erscheint im Grammatikunterricht bisweilen Griechisch, besonders in Südgallien, Irland und, wohl von dorther eingeführt, in Bayern. In St. Gallen waren immer des Griechischen kundige München (ellenici fratres). Als Lehrbuch diente die Chrestomathie des Dositheus, die eigentlich für griechische Rechtsstudenten geschrieben war, die Latein lernen wollten, und eine mangelhafte Grammatik nebst Wörterverzeichnis enthielt. Einige Kenntniß des Griechischen beim Clerus setzen die Concilien voraus, da sie für reisende Cleriker Begleitbriefe (s. d. Art. Literae commendatitiae) vorschrieben, die mit griechischen Chiffern versehen waren. Recht und Heilkunde, Malerei und Bildhauerei wurden im Einzelunterricht gegeben oder in besonderen Schulen gelehrt. – Wie das ganze innere Leben das Mittelalters, so ruhte auch die Bildungsarbeit auf religiösem Grunde. Die Hodegetiker kennen als würdigen Zweck des Studium nur Gottesdienst und christliche Selbstvervollkommnung. Deßhalb werden auch die profanen Fächer vielfach in religiösem Gewande und immer in ihren Beziehungen zur heiligen Wissenschaft gelehrt (vgl. Hugo von St. Victor, Didaskalion 1, 9, in der Bibliothek der kathol. Pädag. III [1890], 165). (Vgl. noch Günthner, Gesch. der literar. Anstalten in Bayern I, München 1810; Daniel, Classische Studien in der christlichen Gesellschaft, Freiburg 1855; Ozanam, La civilisation chrétienne chez les Francs, Paris 1861; Maitre, Les écoles épiscop. et monast. de l’occident, Paris 1866; Drane, Christian schools and Christian scholars, London 1867, 2 vols.; Wattenbach, das Schriftwesen im Mittelalter, Leipzig 1871; Ebert, Allg. Gesch. der Literatur des Mittelalters, Leipz. 1874–1887, 3 Bde. [1. Bd., 2. Aufl. 1889]; v. Liliencron, Über den Inhalt der allgemeinen Bildung zur Zeit der Scholastik, München 1876; Specht, Gesch. des Unterrichtswesens in Deutschland bis zum 13. Jahrhundert, Stuttgart 1885; G. Meier, Die sieben freien Künste im Mittelalter, Einsiedeln 1886–1887, 2 Progr.; Healy, Insula sanctorum et doctorum, or Irelands ancient schools and scholars, Dublin 1891; Denk, Gesch. des gallo-fränkischen Unterrichtswesens, Mainz 1892; Willmann, Didaktik I, Braunschw. 1894.)

[Siebengartner.]


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