Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Räthe, evangelische, nennt die Moraltheologie gewisse im Evangelium empfohlene, aber nicht pflichtgemäß gebotene Mittel der Tugendübung, durch welche ein besonderer Grad christlicher Vollkommenheit erreicht wird. 1. Unterschied zwischen Pflicht und Rath; die evangelischen Räthe im Einzelnen. Die Aufgabe, welche Gott seinem Reiche auf Erden und jedem Gliede desselben gestellt hat, ist Gerechtigkeit und Heiligkeit (vgl. 3 Mos. 11, 44. 1 Petr. 1, 16. 1 Thess. 4, 3). Nur eine heilige Kirche will Christus haben (Eph, 5, 26. 1 Petr. 2, 9). Die Gerechtigkeit besteht aber in der vollen Hingebung an Gottes Willen, in dem Willen, alles zu thun, was Gott will und wie er es will. Heiligkeit ist die Vereinigung mit Gott, welche die Willensgleichförmigkeit mit Gott, die Gerechtigkeit, zur Voraussetzung hat, aber in der Erhebung des Menschen zum Leben Gottes durch Gott bewirkt wird. Je mehr die durch die Gnade geheiligte Seele den Willen Gottes erkennt und ihm sich hingibt, desto mehr nimmt ihre Gerechtigkeit zu; die Erfüllung des göttlichen Willens verdient aber ihrerseits auch stets Wachsthum der Heiligkeit durch die Gnade. Die Bedingungen nun, ohne welche Gerechtigkeit, Willenseinheit mit Gott überhaupt nicht oder wenigstens nicht nach allen Beziehungen stattfinden könnte, sind Gegenstand eines den menschlichen Willen absolut bindenden Gebotes, welches durch die göttliche Strafgerechtigkeit sanctionirt ist. Denselben sich demüthig im Glauben an diese Sanction aus der daraus hervorgehenden Furcht, aber auch aus Liebe des stets liebenswürdigen und in Wohlthun liebenden heiligsten Willens Gottes unterwerfen, ist der Anfang der Vollkommenheit (vgl. Ps. 110, 10). Je mehr die Liebe der Heiligkeit Gottes das herrschende Motiv der Gesetzeserfüllung wird, desto mehr schreitet die Vollkommenheit voran, bis sie am Ende in vollkommener Gottesliebe zum Hunger und Durste nach Gerechtigkeit wird. Danach zu streben ist Pflicht für alle Menschen gemäß dem Worte des Heilandes: »Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist« (Matth. 5, 48). In Ansehung aller Verhältnisse des freien Handelns aber, bezüglich deren der göttliche Wille dem menschlichen nicht beschränkend und bindend entgegentritt, ist diesem Freiheit gewährt; zugleich stellt sich indeß der Seele das als vollkommener dar, worin die Liebe Gottes, die das Wesen und die Seele aller Vollkommenheit ausmacht, mehr bethätigt und alles Andere ihr untergeordnet wird. Dieß erscheint dann nicht als Bedingung der Willenseinheit mit Gott überhaupt, als Gebot, aber als Grund einer vollkommenen Gerechtigkeit und Heiligkeit, und daher als Rath. Daraus ergibt sich, daß es neben dem Herrschaftsgebiete des Gesetzes, dessen Erfüllung für Erreichung des ewigen Endzweckes eine moralische Nothwendigkeit ist, ein ungemein weites Gebiet für die freie Bethätigung der Liebe gibt in sogen. supererogatorischen Werken. Auf diesem ergehen ohne Unterlaß an die Seele die Einladungen jenes göttlichen Erbarmens, welches sich in der Welterlösung nicht begnügte mit dem, was zu dieser nothwendig war, sondern mit einem Übermaße der Liebe eine überreiche Erlösung gewährte. Ist die Liebe zu jener Vollendung gediehen, daß sie sich nicht mehr innerhalb der Schranken des Gesetzes nur bewegt, so verbindet sie mit dem Hunger und Durste nach Gerechtigkeit auch die Nachahmung der göttlichen Barmherzigkeit in Opfern für Gott und um Gottes willen für den Nächsten. Im Gesetze der Gnade soll die Liebe des Erlösers Seele, Norm und Beweggrund des Handelns sein, und deßhalb ist ein Hauptvorzug desselben vor dem des Alten Bundes, daß im Neuen gar Vieles der freien Wahl der Liebe anheimgegeben bleibt, während im Alten Alles durch Gesetzesstrenge geregelt ist. So sagt der hl. Thomas (S. Th. 1, 2, q. 108, a. 4): Resp. dic., quod haec est differentia inter consilium et praeceptum, quod praec. importat necessitatem, consilium autem in optione ponitur ejus, cui datur; et ideo convenienter in lege nova, quae est lex libertatis, supra praecepta sunt addita consilia; non autem in veteri lege, quae erat lex servitutis. Oportet igitur, quod praecepta novae legis intelligantur esse data de his, quae sunt necessaria ad consequendum finem aeternae beatitudinis, in quem lex nova immediate introducit; consilia vero oportet esse de illis, per quae melius et expeditius potest homo consequi finem praedictum. (Vgl. hl. Franz v. Sales, Theotimus 1, 8, c. 6, und besonders Bellarminus, De membr. eccl. mil. 2, 7.) Die rechte Ordnung des sittlichen Handelns, ohne welche es kein Heil gibt, ist nun diese, daß Gott über Alles geliebt wird, und nichts außer ihm, als nur um seinetwillen und im Einklange mit seinem Gesetze. eine höhere, aber nicht zum Heile nothwendige, daher nur gerathene Übung der Liebe aber ist es, auf das geschaffene Gut zu verzichten, um Gott ungehinderter zu lieben und ungetheilt sich und alle seine Vermögen ihm zu weihen. Jeder Rath im Tugendleben hat zum Gegenstande irgend ein Opfer eines geschaffenen nicht unmittelbar zu Gott in Beziehung stehenden Gutes, deren drei sind, nämlich: das außerpersönliche des Besitzes – das sinnliche des Genusses – das persönliche Gut des Vorranges vor Anderen. Wie alle ungeordnete Liebe oder Begierlichkeit auf diese gerichtet ist als Augenlust, Fleischeslust und Hoffart des Lebens, so gibt es eine dreifache gerathene Liebesthätigkeit, die besteht in nicht gebotener Losschälung von irdischem Gute (freiwilliger Armut), von sinnlichem Genusse (freiwilliger Abtödtung des Fleisches und vollkommener Reinheit), von einem an sich berechtigten eigenen Willen (freiwilligem Gehorsam). Sie kann geübt werden entweder nur vorübergehend in einzelnen Acten (Thom. Aquin. l. c.: Puta cum homo dat aliquam eleemosynam pauperi, quando dare non tenetur, consilium sequitur, quantum ad factum illud; similiter etiam quando aliquo tempore determinato a delectationibus carnis abstinet, cons. seq. pro tempore illo; similiter etiam quando aliquis non sequitur voluntatem suam in aliquo facto, quod licite posset facere, cons. seq. in illo casu etc.), oder aber als Lebensregel, um die ewigen Güter um so sicherer zu gewinnen; letzteres sind die evangelischen Räthe im engern und eigentlichen Sinne (S. Thom. l. c.: Quod homo totaliter ea quae sunt mundi, abjiciat, non est necessarium ad perveniendum in finem praedictum: quia potest homo utens rebus hujus mundi, dummodo in eis finem non constituat, ad beatitudinem aeternam pervenire; sed expeditius perveniet totaliter bona hujus mundi abdicando, et ideo de hoc dantur consilia Evangelii), nämlich die freiwillige Armut, die stete Jungfräulichkeit und der vollkommene Gehorsam (S. Bonavent. Breviloq. 5, 9). Diese Räthe bilden nicht selbst die Vollkommenheit, sind aber ein vorzügliches Mittel, die Vollkommenheit in immer höherem Grade zu erlangen. Durch sie wird ja die Seele zumeist befreit von den Hindernissen gänzlicher Hingabe an Gott; durch sie bringt der Mensch sich selbst und alle seine persönlichen und außerpersönlichen Güter Gott ganz zum Opfer und verdient dafür reichen Zuwachs an Gnaden (S. Thom. c. Gent. 3, 130; S. Th. 2, 2, q. 184, a. 3: Per se quidem et essentialiter consistit perfectio christianae vitae in caritate, principaliter quidem secundum dilectionem Dei, secundario autem secundum dilectionem proximi, de quibus dantur praecepta principalia divinae legis. … Instrumentaliter perfectio consistit in consiliis, quae omnia sicut et praecepta ordinantur ad caritatem, sed aliter et aliter etc.).

2. Kirchliche Lehre über die evangelischen Räthe. Diese drei Räthe betont die heilige Schrift des Neuen Bundes ganz vorzüglich, und daher heißen sie »evangelische«. So redet Christus von der freiwilligen Armut oder Hingabe alles irdischen Besitzes in der Liebe Gottes und des Nächsten nicht als von einer Bedingung, um das ewige Leben zu erlangen. Dem reichen Jüngling, der ihn fragt, was dazu nothwendig sei, sagt er nur: Serva mandata. Aber als Mittel der Vollkommenheit bezeichnet er ihm seine Nachfolge in freiwilliger Armut: Si vis perfectus esse, vende, quae habes, et da pauperibus, et habebis thesaurum in coelo, et veni, sequere me (Matth. 19, 16 bis 21). Er verspricht auch diesem zum Zwecke einer höhern Vollkommenheit, als sie in der Beobachtung der Gebote liegt, gebrachten Opfer einen besondern Lohn außer dem für treue Erfüllung der Gebote verheißenen ewigen Leben, erklärt also die Armut als ein opus supererogatorium (vgl. Marc. 10, 17–30. Luc. 18, 18–22. 29. 30). Der hl. Petrus verstand die Worte seines göttlichen Meisters sogleich in diesem Sinne und fragte daher, worin der den Aposteln dafür bestimmte besondere Lohn bestehen werde, daß sie Alles verließen und ihm nachfolgten. Der Herr gab ihm solchen kund mit dem Beisatze, sie würden das ewige Leben dazu erlangen (Matth. 19, 27–29). In ähnlicher Weise redet der göttliche Heiland (ebd. v. 11. 12) von der Jungfräulichkeit als von einem Leben, dessen nicht alle fähig sind, und welches nur als ein besonderes Mittel, das Himmelreich zu gewinnen, von jenen gewählt wird, welchen Gott hierzu Gnade und Beruf gegeben hat: Non omnes capiunt verbum istud, sed quibus datum est. Ganz klar erläutert der heilige Apostel Paulus (1 Cor. 7, 25–38) den Sinn dieser Worte, wenn er sagt: De virginibus praeceptum Domini non habeo; consilium autem do, tamquam misericordiam consecutus a Domino, ut sim fidelis, und die Vortheile aufzählt, welche das jungfräuliche Leben für den vollkommenen Dienst Gottes bietet. – Gehorsam endlich ist von Christus verlangt als die erste Bedingung seiner vollkommenen Nachfolge, wie sie seine Apostel zu üben hatten. Si quis vult post me venire, abneget semetipsum et tollat crucem suam, et sequatur me (Matth. 16, 24). Jene, welche in nächster Nähe mit ihm sein und an seiner Heiligkeit Antheil erhalten wollen, müssen den Eigenwillen aufgeben; darin besteht die Selbstverläugnung. Sie müssen sich gefallen lassen, was dieser und die selbstsüchtige Natur nicht für sich wählen möchte; abhängig von einem andern Willen, müssen sie stets bereit sein, sich zu beugen unter das, was dieser bestimmt, und mögen sie dadurch auch gekreuzigt werden. Dieß ist das dritte Mittel der höchsten Vollkommenheit und das kostbarste Opfer, weil mit dem Eigenwillen der ganze Mensch sich opfert, während die Armut nur Geld und Gut, die Jungfräulichkeit aber nur den Leib Gott hingibt (S. Thom. l. c. 2, 2, q. 186, a. 8; vgl. auch d. Art. Gehorsam). Das einfache Wort, womit Christus seine Apostel und damit alle berufen hat, die zur höchsten Gleichförmigkeit mit ihm auserwählt sind, sequere me, läßt sich auch füglich als Aufforderung zum unbedingten Gehorsam verstehen, und so hat er dann den reichen Jüngling mit der Armut zugleich zum vollkommenen Gehorsam eingeladen. Daher beruft sich auch der hl. Thomas auf diese Stelle des Evangeliums, wenn er vom klösterlichen Gehorsam handelt (l. c. a. 5). – Von einem Werke über Gebühr, das der Apostel selbst gethan hat, redet er auch 1 Cor. 9, 4 ff. Er beanspruchte nämlich nicht, wie er berechtigt war, seinen Unterhalt von den Gemeinden, für die er arbeitete, sondern er lebte von seiner Hände Arbeit. Die Kirche hat jederzeit die obigen Aussprüche der heiligen Schrift im Sinne von »Räthen« größerer Vollkommenheit erklärt und die gegentheiligen Behauptungen der Häretiker verworfen (vgl. c. 3 in VI, 5, 12; c. 1 Clem. 5, 11). Speciell bezüglich der heiligen Virginität wurde vom Concil von Trient (Sess. XXIV, can. 10) als Dogma ausgesprochen, der jungfräuliche Stand oder Cölibat sei vollkommener als der Ehestand.

3. Die evangelischen Räther als wesentlicher Theil des Ordensstandes. Das Glaubens- und Liebesleben, welches der heilige Geist im mystischen Leibe Jesu, in der mit Christus in innigster Lebenseinheit verbundenen Kirche Gottes unwandelbar erhält, hatte auch jederzeit zugleich mit dem Priesterstande zu seiner schönsten Blüte den Stand der Vollkommenheit, den Ordensstand, dessen Glieder sich zur Beobachtung der evangelischen Räthe verpflichten. Christus führte auf Erden nur ein Leben der Armut, Jungfräulichkeit und des Gehorsams in unendlicher Vollkommenheit. Er setzt im allerheiligsten Sacramente in engster Verbindung mit seiner Braut, der Kirche, dieses Leben fort bis zum Ende der Tage. Diese muß am Leben ihres Bräutigams theilnehmen, und darin erweist sie sich als heilig, daß an ihr dasselbe immerdar offenbar wird in der Nachfolge des armen, jungfräulichen, gehorsamen Königs des Reiches Gottes, aber auch in den daraus hervorgehenden reichen und herrlichen Früchten der Verherrlichung Gottes und des Wohlthuns für die menschliche Gesellschaft. Wo dieser Erweis des in Wahrheit und Gnade und Heiligkeit wirkenden Gottes fehlt, da ist auch Er nicht, da ist sein Reich, seine Kirche nicht. Die Kirche kann nie sein ohne den Glauben, die Hochschätzung und die Übung der evangelischen Räthe und ohne einen Stand, dessen Angehörige die dauernde Verpflichtung auf sich nehmen, durch Beobachtung derselben sich ganz Gott zu weihen (status religiosus). Dieser Stand kann in seinen äußeren Formen sich verändern je nach den Verhältnissen der Zeiten und der Länder. Aber zu seinem Wesen gehört immer und überall freiwilliger Verzicht auf jedes Recht an zeitlichen Gütern, auf die Ehe und auf freie Verfügung über eigenes Handeln (S. Thom. l. c. 2, 2, q. 186, a. 3–5), mithin Übernahme strenger Verpflichtung zur Armut, Jungfräulichkeit und Gehorsam für das ganze Leben. Würde diese Verpflichtung eingeschränkt auf eine bestimmte Zeit, so würde dadurch kein status begründet. Es gehören darum auch wesentlich zum status religiosus die drei ewigen Gelübde der evangelischen Räthe, abgelegt in die Hände der Kirche, welche im Namen Gottes das ihm dargebrachte volle Opfer der Person acceptirt (vgl. d. Art. Orden).

4. Gegner der Lehre von den evangelischen Räthen. Alle, welche gegen das heilige Sittengesetz der Kirche auftraten, erwiesen sich auch in irgend einer Weise als Feinde der evangelischen Räthe. Unter den Irrlehrern der ersten Jahrhunderte sind es besonders gnostische Secten, welche die Enthaltsamkeit von der Ehe als Gebot erklärten (z. B. die Enkratiten [s. d. Art.]). Andere hielten Alle zur Armut für verpflichtet, so die Pelagianer (s. S. Aug. Ep. 157 [al. 89], 23). Der hl. Hieronymus hatte gegen Helvidius, Vigilantius und Jovinian die Verdienstlichkeit der heiligen Jungfräulichkeit zu vertheidigen (Lib. adv. Helvid.; Libri duo adv. Jovin.; Lib. c. Vigil., bei Migne, PP. lat. XXIII, 183 sqq.; Ep. ad Rip. de Vig. 109, bei Migne l. c. XXII, 906 sqq.; vgl. S. Aug. De bono conjug.; De haer. 56. 82. 84). Jovinian (s. d. Art.) war der Luther des 4. Jahrhunderts; er sprach gleich diesem den guten Werken jeden Werth ab und verwarf die evangelischen Räthe. Unter den späteren Häretikern sind besonders zu erwähnen Wiclif (s. d. Art.), welcher behauptete, der Clerus dürfe kein Eigenthum haben, die Klöster aber seien des Teufels Erfindung. Das Concil von Trient (Sess. XXV De reg. et monial.) hat in herrlichster Weise der hohen Bedeutung des Ordensstandes gegenüber den verwerflichen Lehren der Reformatoren Zeugniß gegben und durch die weisesten Gesetze für Heilighaltung desselben Sorge getragen. Der Protestantismus, welcher jede innere Heiligung der Seele, jede Verdienstlichkeit der guten Werke, ja sogar deren Existenz und Möglichkeit im Zustande des erlösten Menschen, und überdieß alle Freiheit des Menschen, insoweit das auf das ewige Heil abzielende Handeln in Frage kommt, verläugnet, kann nicht das mindeste Verständniß für evangelische Räthe haben und muß diese und Gelübde und Orden consequent total verwerfen (s. Möhler, Symbolik § 22 f.; Neue Untersuchungen § 49 ff.). Dasselbe gilt vom Jansenismus (s. Petavius, De poenitent. 4, 10 [gegen Arnauld]). Ebenso wenig kann der Rationalismus ein vollkommenes Opferleben auch nur als vernünftig ansehen, da er nichts wissen will von der freien Liebe eines persönlichen Gottes und dem Opferleben des menschgewordenen Gottes; oder ein Leben der Buße und Entsagung, da er die vernünftige Natur als an sich vollkommen erkennt und Sündenfall ihm nur ein Märchen ist. Die Natur vermag das heldenmüthige Leben der Räthe nicht zu begreifen. Apud homines hoc impossibile est, apud Deum autem omnia possibilia sunt (Matth. 19, 26). Die rationalistische Moral beruht nur auf der »praktischen Vernunft«, und diese ist absolut. Wo und inwieweit sie sich geltend macht, thut sie es nothwendig und mit Nöthigung. Bei solchen Grundsätzen kann von Freiheit, aber auch von Gesetz keine Rede sein, am allerwenigsten von einem sittlichen Rathe. Die autonome absolute Vernunft fällt praktisch zusammen mit Gesetzlosigkeit. Mit den antikatholischen Lehren tritt darum immer auch die Leidenschaft in Verbindung, und dieser ist es wohl zumeist zuzuschreiben, wenn von den evangelischen Räthen und den Klöstern auch behauptet wird, sie seien dem socialen Wohle im Wege und müßten deßhalb verworfen werden. Wer vorurtheilsfrei die Culturgeschichte der christlichen Zeit verfolgt, muß schon vom Standpunkte der Erfahrung aus zur Überzeugung kommen, jedes Kloster sei eine unschätzbare Wohlthat für die Societät, die beschaulichen Orden nicht ausgenommen. Auch sie nützen durch ihre Hinopferung für die idealsten Güter ungemein; ihr Beispiel trägt mächtig dazu bei, viele Menschen vor dem Versinken in den Materialismus zu schützen, und welchen Segen bringt ihr Gebets- und Bußleben über die Welt! Auch sie haben stets eine offene Hand zur Hilfe für Nothleidende aller Art. Von unberechenbarem Gewinn für die Gesellschaft sind aber auch die evangelischen Räthe außer dem Kloster. Die Hochschätzung der Jungfräulichkeit und ihre Pflege durch jene, welche hierzu sich berufen fühlen, ist der sicherste Schutz der Heiligachtung der Ehe und der physischen und moralischen Grundlagen der Familien (s. d. Artt. Cölibat und Jungfräulichkeit). Nichts ist ferner mehr im Stande, das Bewußtsein der Pflicht, jedem das Seinige ungeschmälert zu lassen und zu geben, lebendig zu halten und zur Linderung fremder Noth anzueifern, als die katholische Lehre von der Verdienstlichkeit freiwilliger Opferung dessen, was man besitzt. Und gewiß hat sich Familie und Staat und Kirche und jede gesellschaftliche Ordnung an dem evangelischen Rathe vollkommenen Gehorsams einer sehr wirksamen Stütze zu erfreuen (s. d. Art. Armut).

5. Verpflichtung der evangelischen Räthe. Die Gegner der katholischen Glaubenslehre erheben gegen die evangelischen Räthe den Einwurf, daß die betreffenden Stellen der heiligen Schrift, insofern man in ihnen eine von Gott geoffenbarte Norm des vollkommenen Handelns finden will, als Gebot für Alle interpretirt werden müßten. Es falle ja dann deren Einhaltung unter das allgemeine Gebot der Gottesliebe, welches befiehlt, Gott zu lieben über Alles, und alles, was der Mensch hat und vermag, zu seiner Liebe aufzuwenden. Darauf ist zu antworten, daß das Gebot der Gottesliebe schon erfüllt wird, wenn man erstens Gott jedem andern Gute unbedingt vorzieht; sodann die geschaffenen Güter als seine Gabe dankbar anerkennt und in deren Gebrauch seine Ehre sucht; endlich mit denselben und bezüglich ihrer, je nach dem Stande, welchem man angehört, das thut, was Gott als sein Gebot geoffenbart hat, und unterläßt, was er als Sünde verboten hat. Mit diesem Gebote der Liebe aber ist immer noch freies Opfer der Liebe vereinbar, dessen Unterlassung vor Gott nicht schuldbar, dessen Darbringung aber hohen Lohnes würdig macht. Die göttliche Kundgebung, welches diese Opfer seien, kann füglich als Rath bezeichnet werden. – Es wird ferner die Frage aufgeworfen, wie es denn von Seiten Gottes einen Rath geben könne. Wer einmal erkenne, Gott lade ihn mit seiner Gnade zu etwas Vollkommenerem ein, was nicht Inhalt eines strengen Gebotes ist, dürfe ja doch solche Einladung nicht zurückweisen; auch sie sei für den Menschen so gebieterisch, daß er sich ihr nicht entziehen dürfe. Darauf ist zu erwiedern, daß es gewiß schwere Sünde wäre, derartige Einsprechungen mit formeller Verachtung zurückzuweisen. Ferner wäre jemand, der die Überzeugung hat, sein Heil stehe in großer Gefahr, wenn er in der Welt bleibt, anstatt in das Kloster zu gehen, wohl verpflichtet, dieß in Ausführung zu bringen (S. Alphons. Lig., Theol. mor. 5, n. 78). Was aber in diesem Falle verpflichtet, ist direct nicht der evangelische Rath, sondern das Gebot, daß zum nothwendigsten Zwecke, Rettung der Seele, alle nothwendigen Mittel anzuwenden sind. Für die fragliche Person würde eben das, was sonst nur Gegenstand eines Rathes ist, unter obiger Voraussetzung ein solches nothwendiges Mittel sein. Erkennt man aber nur, daß man sich der erforderlichen Qualificationen zum Ordensleben erfreut, und fühlt sich zu demselben einerseits auch angeregt, hat aber andererseits keinen genügenden Grund, sein Heil in der Welt für besonders gefährdet zu halten, so hat man volle Freiheit, das eine oder das Andere zu wählen. Wer das nur Gerathene nicht thut, sündigt also nicht; freilich wird er auch nicht jener Gnaden theilhaftig, die er sich verdient hätte, wenn er dem Rathe gefolgt wäre. Wer dagegen die Überzeugung hat, er habe keinen Beruf zum Kloster, für den besteht auch kein göttlicher Rath, in den Stand der Vollkommenheit einzutreten. Er hat dann auch keinen Anspruch auf die für die schweren Pflichten desselben nothwendigen Gnaden und brächte somit im Falle der Ordensprofeß seine Seele in große Gefahr. Wer endlich sich für berufen hält, aber vorläufig durch andere nothwendige Obliegenheiten abgehalten ist, Aufnahme in ein Kloster zu suchen (s. S. Thom. l. c. 2, 2, q. 189, n. 6; vgl. aber Quodlib. 10, a. 9), handelt pflichtgemäß, wenn er, bis dieselben erloschen sind, noch in der Welt bleibt. Jeder Zwang zum Eintritt in den Ordensstand ist von Seiten der Kirche verboten, aber andererseits auch jede unberechtigte Verhinderung des Eintrittes (s. d. Art. Ordensprofeß IX, 991). (Vgl. Bellarm., Controvers. de membris eccl. milit. 2, c. 7 sqq.; Schwane, De opp. supererogat. et consil. evang., Monast. 1868; Alb. M. Weiß, Apologie des Christenthums V, Freiburg 1889, 174–184 u. 384–437, sowie die Werke über Moraltheologie, z. B. Lehmkuhl I, 7. ed., Friburg. 1893, n. 484 sqq.; Marc n. 2128.)

[Pruner]


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