Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Savonarola, Girolamo, Ord. Pr., der große kirchlich-politische Agitator von Florenz, war geboren den 21. September 1452 zu Ferrara, wo sein Vater, ohne ein besonderes Amt zu bekleiden, in glücklichen, unabhängigen Verhältnissen lebte. Erschüttert durch die Bußpredigt eines Augustinermönches, entschloß sich der Jüngling in seinem 22. Jahre, die Welt zu verlassen; ohne Vorwissen der Eltern begab er sich nach Bologna und trat dort als Novize in das Kloster der Dominicaner ein, zu denen ihn außer deren großem Ruf auch seine Liebe und Verehrung gegen den hl. Thomas von Aquino hinzog. Im J. 1482 kam Savonarola zum ersten Mal nach Florenz in’s Kloster S. Marco, welches bald der Schauplatz seines öffentlichen Wirkens werden sollte. Hier hielt er die Fastenpredigten, fand aber keinen Beifall. Sein Vortrag, die heisere Stimme, die hastigen Gesten befriedigten so wenig, daß die geräumige Kirche bald leer stand. Von seinen Ordensoberen abberufen, begab er sich 1485 nach Brescia, wo er die Apoxalypse auslegte, eine Beschäftigung, die für die Geschichte seines ganzen innern und äußern Lebens von dem größten Einfluß geworden ist. In diesem Buche glabute er vorzugsweise die Geschicke des Geschlechtes, unter dem er lebte, vorgezeichnet. Es war ein Gedanke, der ihn nicht verließ: noch niemals habe sich die Kirche in einem so schlimmen Zustande befunden als gerade damals. In solchen Zeiten und bei so betrübten Aussichten wendet man sich gerne an die apocalyptischen Weissagungen, um zu erforschen, ob nicht bald die Geschicke der Bösen sich erfüllen und die Strafgerichte hereinbrechen. Daß Savonarola ein baldiges Eintreten dieser Katastrophe zuversichtlich erwartete, zeigen seine ersten Voraussagungen – Prophetien nannten es seine Anhänger. Wie einst über Ägypten, so lauten sie, so werde über das jetzt lebende Geschlecht Gottes Strafe kommen. Es sei sehr wahrscheinlich, daß Gott sich endlich der Völker erbarmen werde, die noch in den Finsternissen des Heidenthums sitzen; die Völker des Abendlandes dagegen werde er noch einmal mahnen, dann der Strafe übergeben. Solche Strafe aber riefen besonders Päpste, Bischöfe und wltliche Fürsten durch ihr ganz unordentliches Leben über sich herab. Von welcher Art diese sog. Weissagungen gewesen sind, braucht kaum gesagt zu werden. Tiefgehende Krisen im Leben ganzer Völker und auch der Menschheit werden wohl immer durch eine mehr oder minder starke Ahnung in der Seele ernster, tief fühlender Menschen sich ankündigen. Schon die Überzeugung, daß das allgemeine Verderben auf den Gipfel gestiegen, legt den Schluß auf eine bald eintretende Katastrophe als einen beinahe sichern nahe. Aber Savonarola ließ sich von Schwärmerei und Selbstüberschätzung verleiten, solche natürliche, immerhin unsichere Vorausahnung für höhere Eingebung zu halten. Im J. 1489 kam er zum zweiten Male nach Florenz, wo er von nun an seinen bleibenden Wohnsitz hatte. Seine Predigten über die Apocalypse erzielten jetzt einen gewaltigen Erfolg. Seine Rede war, wie von den Zeitgenossen berichtet wird, nicht gelehrt, nicht künstlich noch den Ohren schmeichelnd, wie man sie zur Mediceer-Zeit so gern hörte, sondern unmittelbarer Erguß des erregten Gefühls in biblische Ausdrücke gefaßt. Wenn der Redner die apocalyptischen Bilder entrollte und daraus mit donnernder Stimme die kommenden Plagen verkündigte, so geschah es wohl, daß selbst hochgebildete Männer wie Graf Pico von Mirandula (s. d. Art.) erschauderten und ihnen die Haare sich sträubten. Oft brach die Menge in lautes Weinen aus, und die Nachschreiber seiner Predigten mußten die Feder niederlegen, weil sie vor der innern Bewegung nicht mehr fortfahren konnten. Bald hatte die Familie der Mediceer erfahren, wessen sie sich zu versehen habe, wenn Savonarola’s Einfluß steige. Man konnte es nicht läugnen, der reichen und kunstliebenden Familie der Mediceer verdankte damals Florenz zum großen Theil seine Blüte. Ein Kreis berühmter Gelehrten und Künstler hatte sich um sie gesammelt, und so entwickelte sich ein reges wissenschaftliches und künstlerisches Leben in der Stadt. Aber es fehlte diesem glänzenden Leben das religiöse Fundament, die christliche und kirchliche Weihe; es waren nur zeitliche Interessen, welche die Gemüther beschäftigen und öffentlich zur Geltung kamen. Es war das restaurirte Heidenthum, das in Kunst und Wissenschaft dominirte, das auch dem öffentlichen Leben seinen Stempel aufdrückt.e Lorenzo von Medici, das HAupt der Familie, war immer ein besonderer Gönner von S. Marco gewesen, und die jeweiligen Vorsteher des Klosters hatten ihrem Wohlthäter stets auch die geziemende Erkenntlichkeit erwiesen. Savonarola war der erste Prior, der sich dieser Höflichkeitspflicht entzog, ja nicht einmal zum Antritte seines Amtes dem Fürsten der Stadt seine Aufwartung macht. Lorenzo that, als bemerkte er solche Unfügsamkeit nicht. Er spendete seine Wohlthaten nach wie vor. Ja, um dem Prior zuvorzukommen und ihn zu einer Unterredung zu veranlassen, kam Lorenzo eines Tages selbst in’s Kloster und legte, um gesehen zu werden, ein bedeutendes Geschenk in den Opferkasten. Aber Savonarola vertheilte kalt die geopferten Goldstücke, ohne sich um den in der Kirche weilenden Wohlthäter weiter zu kümmern. Vielmehr predigte er jetzt heftiger als je gegen die MEdiceer und gegen die unter ihrem Einfluß entstandenen florentinischen Zustände, besonders auch gegen den maßlosen Cult des antiken Heidenthums. Wie sehr er dem Beherrscher von Florenz auch als Gegner Achtung einflößte, ergibt sich aus der Thatsache, daß, als im April 1492 Lorenzo dem Tode nahe war, er den geistlichen Beistand des strengen Sittenpredigers begehrte. (Über die Streitfrage, ob Savonarola die Absolution an die Bedingung geknüpft habe, daß Lorenzo der Stadt Florenz ihre alte republikanische Verfassung zurückgebe, was der Mediceer aber verweigert habe, vgl. u. A. Perrens, Hist. de Florence I, Paris 1888, 537 s. Der Verfasser selbst nimmt an, Lorenzo habe Savonarola rufen lassen, nicht um zu beichten, sondern um seinem Sohne das Wohlwollen des einflußreichen Mannes zu verschaffen; er habe ihn auch nicht um die Absolution, sondern bloß um den Segen gebeten.) Für die Reinheit seines Eifers legte übrigens Savonarola dadurch Zeugniß ab, daß er die beabsichtigte Reform bei den Seinen begann. Er bewirkte, daß S. Marco und andere toscanische Klöster sich von der lombardischen Congregation des Dominicanerordens trennten und mit Bewilligung des Papstes in eine eigene Congregation zusammentraten (1493), worin die ursprüngliche Regel mit aller Strenge beobachtet werden sollte. Es wurden demnach alle Besitzungen des Klosters zurückgegeben, die Laienbrüder mußten ein Handwerk treiben, damit jeder noch einen zweiten Ordensbruder ernähren könne, die Cleriker aber wurden an’s Studium der Theologie verwiesen. Savonarola wurde der erste Generalvicar; leider beschränkte er sich aber auch fernerhin nicht auf das kirchliche Gebiet, sondern lietß sich immer mehr zu politischen Agitationen hinreißen. Im J. 1494 verkündete er, es werde ein Mann die Alpen übersteigen und nach Italien kommen, dem Cyrus ähnlich; Italien möge nicht auf seine Burgen und Festungen vertrauen, die ohne alle Schwierigkeit von ihm würden genommen werden. Außerdem sagte er den künftigen Umsturz der Florentiner Regierung voraus, die erfolgen werde, sobald der König der Franzosen nach Pisa komme. Gemeint war der sittenlose, abenteuerliche König Karl VIII., an dessen nur auf Eroberung berechneten Heereszug nach Italien der schwärmerische Mönch die Hoffnung einer Reformation von Kirche und Staat knüpfte. Das Heranziehen Karls VIII. gegen die florentinische Grenze gab das Signal zum Sturme gegen die Mediceer. Lorenzo’s Sohn, Pietro, wegen seiner Härte und seines unsittlichen Wandels längst verhaßt, wurde mit den Seinen aus Florenz vertrieben (1494). Unterdessen hatte sich eine von den Florentinern abgeschickte Gesandtschaft in’s Lager Karls nach Pisa begeben. Savonarola machte den Sprecher. Er begrüßte den König als den Gesandten Gottes, der das in dem höhern Auftrag gekommen sei, die Laster zu unterdrücken, die Tugend zu ehren, was schief, gerade zu machen, und was veraltet, zu erneuern. Bald darauf zog Karl VIII. in Florenz ein, nicht als Reformator, wohl aber als Geißel; er wußte seine Soldaten nicht im Zaume zu halten, stand sogar im Begriffe, ihnen die Plünderung zu erlauben. So mußte jetzt Savonarola selbst bei dem Reformator um baldigen Abzug seiner Truppen flehen. Der König zog ab; nun mußte man daran gehen, das Staatswesen zu ordnen. Nach Savonarola’s Plan sollte Florenz eine Verfassung erhalten, die eine seltsame Mischung von Theokratie und Demokratie war. Christus sollte das Haupt der Republik werden und unter diesem Haupte das souverände Volk die Verwaltung führen. Um das ganze Volk nicht bei jeder Gelegenheit zusammenberufen zu müssen, sollten aus der Mitte des Volkes Männer gewählt werden, welche als der große Rath die laufende Verwaltung besorgten. Gegen einen Usurpator soll der Staat einschreiten; würde er dennoch sich gegen den Willen des ganzen Volkes oder mit erzwungener Zustimmung desselben behaupten, so darf jeder aus dem Volke ihn wie einen Feind umbringen, denn das Volk aht gerechten Krieg gegen ihn. Das Volk also ist Herrscher, es ist Stellvertreter Christi des Königs, es soll über die Pflege der Gerechtigkeit wachen. Von Florenz soll dann die Erneuerung der Kirche ausgehen, die in Besserung der Menschen bestehen werde, nicht aber in Änderung des Glaubens, des evangelischen Gesetzes oder der Kirchengewalt. Um seine Grundsätze wenigstens im kleinern Kreise durchzuführen, stiftete Savonarola eine Bruderschaft, aus jungen Leuten bestehend, die sich zum fleißigen Besuche des Gottesdienstes, zum öftern Empfange der Sacramente, zur Meidung von Schauspielen, Maskeraden u. s. w. verpflichteten. Einzelne besonders dazu aufgestellte Mitglieder der Congregation, Inquisitori genannt, mußten jeden Sonntag nach der Vesper durch die Straßen wandern und – wo nöthig mit Beihilfe der weltlichen Gewalt – alle Karten, Würfel etc. wegnehmen. Begegneten sie einer kostbar gekleideten Jungfrau, so ermahnten sie dieselbe im Namen Christi, des Königs dieser Stadt, diese kostbaren Gewänder abzulegen. Man klopfte dann an den Thüren der Vornehmen: »Eure Karten, eure Spieltafeln, eure Partituren, eure Salben, eure Spiegel, eure Haarlocken – alle die fluchwürdigen Gegenstände gebt her im Namen Gottes und der heiligen Jungfrau!« Das Kloster S. Marco war bald ein großartiges Magazin voll solcher Luxusgegenstände. Während des Carnevals nun errichtete man auf dem Platze der Signorie ein großes Gerüst; da lagen ausländische Modegegenstände, Porträts schöner Florentinerinnen, Spielgeräth, Schönheitsmittel, dann auch Werke erotischer dichter: Tibull, Catull, Properz, Petrarca, Boccaccio, jedes auf seiner besondern Stufe; zu oberst saß die Figur des Carneval. Unter dem Gesange frommer Lieder wurde das Ganze verbrannt. Soweit war dem Reformator Alles gelungen. Jetzt aber wandte sich sein Glück. Der officiell protegirte Rigorismus, das unerträgliche Eingreifen in häusliche und alterliche Rechte, mußte ihm viele Feinde machen; den Mediceern war er ohnehin verhaßt, und jetzt trat der Papst noch gegen ihn auf, weniger weil Savonarola Alexanders VI. lasterhaftes Leben rücksichtslos auf der Kanzel angriff, als vielmehr deßhalb, weil der exaltirte Mönch unter Berufung auf sein Prophetenamt für die dem Papste feindliche französische Politik eintrat. Zunächst verfuhr man von Rom aus mit aller Rücksicht gegen Savonarola; in einem recht freundlich gehaltenen Breve vom 25. Juli 1495 wurde er aufgefordert, nach Rom zu kommen, damit dort die göttlichen Offenbarungen, deren er sich rühmte, untersucht würden. Savonarola antwortete ausweichend, indem er sich mit seiner schwächlichen Gesundheit entschuldigte und auch auf die Nachstellungen seiner Feinde hinwies. Der Papst befahl ihm nun, sich des Predigens zu enthaltne. Der Mönch gehorchte eine Zeitlang; als aber im Februar 1496 die Signoria ihn dringend aufforderte, die Kanzel wieder zu besteigen, entsprach er ihrem Verlangen, und von nun an richteten sich seine Predigten vorzugsweise gegen die Sünden Roms. Diesem Ungehorsam und den fortgesetzten Schmähungen gegenüber zeigte Alexander VI. große Geduld. Erst im November 1496 erließ er ein Breve, worin Savonarola bei Strafe der ipso facto eintretenden Excommunication befohlen wurde, das Kloster von San Marco mit der jüngst vom heiligen Stuhle geschaffenen toscanisch-römischen Congregation zu vereinigen; auf diese Weise suchte der Papst dem Unfug in Florenz zu steuern. Aber Savonarola verweigerte auch dieser Anordnung den Gehorsam und donnerte immer heftiger gegen das »verruchte« Rom. Da befahl Alexander VI. endlich in einem vom 12. Mai 1497 datirten Breve, welches an die einzelnen Klöster in Florenz gerichtet war, die Excommunication gegen Fra Girolamo zu verkünden. Der überspannte Prophet erklärte sofort in einem an alle Christen gerichteten »Briefe« die Excommunication für »ungültig, sowohl vor Gott wie vor den Menschen«, doch enthielt er sich vorläufig der geistlichen Functionen; indeß nahm er unter dem Schutze der Signoria dieselben Weihnachten 1497 wieder auf, auch wandte er sich jetzt behufs Abhaltung eines allgemeinen Concils an die christlichen Herrscher, um Alexander VI. als Simonisten, Ketzer und Ungläubigen absetzen zu lassen. Das der Stadt durch den Conflict mit dem Papste große Nachtheile erwuchsen, wurden allmälig auch in den Kreisen der Regierung die Sympathien für den ungehorsamen Mönch immer geringer. Die Entscheidung brachte endlich ein vereiteltes »Gottesurtheil«. Savonarola hatte in seinen Predigten sich bereit erklärt, zum Beweis für den übernatürlichen Charakter seines Prophetenthums durch’s Feuer zu gehen; das veranlaßte den Minoriten Francesco von Apulien zu dem Anerbieten, die Feuerprobe gegen den Gebannten zu bestehen. Savonarola suchte sich derselben zu entziehen; dagegen viele seiner Anhänger, namentlich der Dominicaner da Pescia, waren zu der Feuerprobe bereit. Trotzdem Alexander VI. die Sache zu verhindern suchte, gab die Regierung zum Gottesurtheil ihre Zustimmung, indem sie hoffte, durch dasselbe von dem ihr unbequem gewordenen Propheten befreit zu werden. Am Morgen des 7. April 1498 war ganz Florenz auf den Beinen, das merkwürdige Schauspiel zu sehen, das unter Leitung der Signoria vor sich gehen sollte. Gegen Mittag zogen die Predigerbrüder in feierlicher Procession auf den Platz; ihren Zug schloß Savonarola, die heilige Eucharistie in einem Gefäß mittragen. Die Minoriten waren bereits zur Stelle; von ihrer Seite hatte sich Giuliano Rondinelli erboten, mit Domenic da Pescia die Feuerprobe zu bestehen. Das Schauspiel sollte beginnen. Aber der Dominicaner wollte das Crucifix mit sich in das Feuer nehmen. Dieses wollten die Minoriten nicht zugeben. Die Dominicaner dagegen erklärten, darauf zu bestehen, es sei denn, daß man ihrem Ordensbruder gestatte, das heiligste Sacrament mit in die Flammen zu tragen, und Savonarola unterstützte hierin die Seinigen, indem er die Erklärung beifügte, im schlimmsten Falle würden ja nur die Accidentien verbrennen. Darin aber wollte man natürlich nicht nachgeben. Über dem Streite war es Abend geworden, und die Signoria befahl beiden Parteien, den Platz zu verlassen. Savonarola’s und seiner Anhänger Verhaltne hatte bie der großen Mehrheit der Zuschauer den schlechtesten Eindruck gemacht; das benutzten seine Gegner, die Volksmassen den Dominicanern abwendig zu machen, ja zum Angriff auf letztere vorzugehen. Es kam zu Unruhen, in deren Verlauf das Kloster S. Marco gestürmt wurde; um der Bewegung ein Ende zu machen, ließ die Regierung Savonarola nebst zwei anderen Dominicanern (Fra Domenico und den Somnambulen Fra Silvester) verhaften und den Papst um die Vollmacht bitten, dieselben richten zu dürfen. Obwohl Alexander VI. sich bemühte, die Sache nach Rom zu ziehen, ward der Prozeß doch zu Florenz begonnen; zwei päpstliche Delegirte nahmen an demselben Theil. Die Geständnisse, welche Savonarola im Laufe des Prozesses angeblich ablegte, sind völlig werthlos, da sie durch die Folter erpreßt und überdieß zum Theil noch gefälscht wurden. Nach den Prozeßacten hat er u. A. bekannt, dßa er kein Prophet sei und seine Weissagungen nicht von Gott stammten. Am 22. Mai wurde den Brüdern das Urtheil verkündigt, dahin lautend, daß sie zuerst erhängt, dann ihre Leichname verbrannt werden sollten. Sie hörten es gefaßt und ergeben. Am nämlichen Abend noch legten sie ihre Beichte ab und empfingen am folgenden Morgen das Sacrament, wobei Savonarola noch einmal feierlich seinen Glauben an die wesentliche Gegenwart Christi betheuerte und den unter Brodsgestalt gegenwärtigen Heiland bat, seinen Tod als eine Genugthuung für alle Sünden anzunehmen, womit er von seinen kindlichen Tagen an ihn beleidigt. Auf dem letzten Gange wurde ihnen noch durch den päpstlichen Commisar der vollkommene Ablaß in articulo mortis angeboten; sie nahmen ihn demüthig und dankbar an. Die letzten Worte Savonarola’s, bevor er die Leiter bestieg, waren eine Mahnung an seine Anhänger, sie möchten an der Art seines Todes kein Ärgerniß nehmen, sondern bei der Lebensregel verharren, die er ihnen vorgezeichnet, und im Frieden mit einander leben. So ging der Mann unter (23. Mai 1498), der so lange mit der MAcht seines Wortes Florenz, ja Italien bewegt; die große und edle Kraft, die unstreitig von Anfang an in ihm gewohnt und ihn zu einem wahren Reformator befähigte, war schon früher in ihm untergegangen, damals nämlich, da er es vorzog, den Weg der Geduld und des Gehorsams auch gegen unwürdige Vorsteher zu verlassen und lieber den Weg der Gewaltthätigkeit und Auflehnung einzuschlagen. In unserem Jahrhundert hat man ihn der Geschichte zum Trotz auf dem Lutherdenkmal zu Worms zu den Füßen Martin Luthers gesetzt. Wie unberechtigt das war, geht schon aus obiger Darstellung hervor und ist ausführlich in der Schrift: Kirche oder Protestantismus? 3. Aufl., Manz 1883, 69 ff. dargethan worden (vgl. auch Jahresb. der Geschichtsw. I [1878], 325. 360). Savonarola’s Hauptwerk Triumphus crucis, das er herausgab (Florenz 1497), als er schon von Alexander VI. excommunicirt war, spricht seinen Glauben an die göttliche Einsetzung des Primates und das unfehlbare Lehramt des Papstes in der entschiedensten Weise aus. Freilich wurde er als »Häretiker, Schismatiker und Verächter des heiligen Stuhles« verurtheilt; als Häretiker indeß nur wegen des Verbrechens der Insordescenz (s. d. Art.) und wegen der angemaßten Prophetenrolle (vgl. Zeitschrift f. kath. Theol. IV [1880], 398). Von seinen Schriften sind später auf den Index gekommen (mit Zusatz donec corrigantur) der Dialogo della verità (prophetica, 1497 gedruckt) und 15 Predigten aus den Jahren 1496–1498 (Reusch, Index I, 369). Vgl. J. F. Pico della Mirandola, Vita Savonarolae, ed. Quétif, Paris. 1674; Burlamacchi, Vita del Fra G. Savonarola, ed. Mansi, Lucca 1761; Perrens, Hieronymus Savonarola, aus dem Französ. übersetzt von Schröder, Braunschwieg 1858; Villari, Gesch. G. Savonarola’s u. s. Zeit, aus dem Ital. von M. Berduschek, Leipzig 1868, 2 Bde.; Cappelli, Fra G. Savonarola e notizie intorno il suo tempo, Modena 1869; Cosci, G. Savonarola e i nuovi documenti intorno al medesimo, in Arch. stor. ital., IV. Ser. IV [1879], 282 sgg.; Gherardi, Nuovi docum. e studi int. a G. Savonarola, 2. ed., Firenze 1887; Pastor, Gesch. der Päpste III, Freib. 1895, 133 ff. 377 ff.; Procter, Il domenicano Savonarola e la riforma, Milano 1897; Ferretti, Per la causa di fra Girol. Savonarola: fatti e testimonianze, Milano 1897. Weitere Literatur bei Gherardi 11–35 und bei Chevalier, Rép. u. Suppl. s. v.)

[Kerker.]


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