Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Schwärmerei im Allgemeinen ist eine den natürlichen und übernatürlichen Normen der Geistes- und Willensthätigkeit zuwiderlaufende Richtung des Seelenlebens unter habituellem Einflusse von Phantomen und Leidenschaften. In minderem Grade gibt sie sich kund durch eine ihren objectiven Werth weit überragende Anhänglichkeit und Hingebung an Personen oder Sachen, oder als excentrische Liebhaberei, welche gepflegt wird mit Hintansetzung anderer, gleich oder noch höher berechtigter Interessen. Je bedeutungsvoller die Gebiete sind, auf welchen sich die schwärmerischen Bestrebungen bewegen (z. B. Politik und Religion), desto mehr beherrschen sie das ganze Seelenleben und drücken ihm das Gepräge der Sonderlichkeit oder des Separatismus und der Abnormität auf. Der unter dem Banne der Schwärmerei stehende Mensch ignorirt oder verläugnet mehr und mehr die objective Wirklichkeit und schafft sich selbst seine Ideale; was mit diesen nicht ganz und gar im Einnklange steht, existirt für ihn nicht. Er concentrirt sich ganz auf sich selbst, glaubt nur das, was er selbst zusammengedacht hat, gehorcht nur den Eingebungen seiner Eigenliebe, Ehrsucht und Selbstsucht. Über sich kennt er keine Auctorität; dagegen will er, daß Alles sich seinen Anschauungen und Phantasiegebilden anpasse, und er möchte sie, insoweit ihm Macht gegeben ist, allen Anderen aufzwingen. Lebhafte, ungezügelte Phantasie im Dienste rücksichtslosen Eigendünkels und unabgetödteter Leidenschaft ist die fruchtbare Quelle hochgradiger Schwärmerei. – Am meisten Unheil verursacht die Schwärmerei, wenn sie auf dem religiösen Gebiete zur Entfaltung kommt.

I. Wesen der religiösen Schwärmerei. Der religiöse Schwärmer verfällt unter dem Einflusse von Ideen, welche seiner individuellen Seelenstimmung oder seinen natürlichen Neigungen vorzüglich zusagen, dem Irrwahne, er stehe in ganz ungewöhnlichen Beziehungen zu Gott, der ihn außerordentlicher Offenbarungen würdige, oder ihm eine außerordentliche Mission gegeben habe, oder ihn auf ganz singulären, nur ihm verständlichen Wegen zum ewigen Ziele führen wolle. Die religiösen Anschauungen, in welche ein solcher Schwärmer sich hineinlebt, sind ihm vielfach dazu dienlich, sich über unbequeme Anforderungen des Sittengesetzes hinwegzuhelfen, nicht selten sogar, der größten Immoralität einen Schein von Heiligkeit zu verleihen. Andererseits schreckt er in seinem Hange zum Auffallenden und Absonderlichen auch vor widernatürlichen Selbstpeinigungen nicht zurück, wenn sie ihm den Nimbus eines Auserwählten Gottes sichern. Ganz auf sich isolirt und der Objectivität in unversöhnlichem Gegensatze gegenüberstehend, wird der religiöse Schwärmer zum Fanatismus getrieben. Er will sich mit jedem Mittel, gleichviel ob recht oder verwerflich, behaupten und für sich Propaganda machen. Er weiß sich Anhang zu verschaffen durch die Freiheit und die Nahrung, welche seine Anschauungen mehr oder weniger den Leidenschaften bieten, und durch den Schein des Wundersamen und Außerordentlichen, womit sie sich umkleiden. Hat ja für Tausende das Ungewöhnliche, Seltsame und Abenteuerliche besondere Anziehungskraft, namentlich wenn es sich zugleich als Freibrief gegen die durch Gesetz und Sitte den Leidenschaften gesetzten Schranken darbietet. Gelingt es der Schwärmerei, Macht zu gewinnen, so nimmt sie den Kampf auf gegen die bestehende kirchliche, damit aber auch gegen die sociale Ordnung. Sie ist in ihrem Wesen revolutionär und macht auch vor der staatlichen Auctorität nicht Halt, es müßte denn diese ein Interesse darin finden, sich zu ihrer Verbündeten zu machen. – Wer göttlicher Sendung sich rühmen will, bedarf auch der Legitimation durch göttliche Wunder, welche zur Bestätigung seiner Lehre und seiner an die Welt gestellten Forderungen gewirkt sind. So oft daher religiöse Schwärmerei sich auszubreiten trachtet, sucht sie sich zu empfehlen durch vorgebliche Wunder, und crasser Aberglaube macht sich immer in ihrem Gefolge geltend. Es ist auch leicht begreiflich, daß dämonische Gewalten, soweit Gott es zuläßt, willig den schwärmerischen Secten zu Diensten sind und (manchmal gehüllt in die Gestalt der Engel des Lichtes) deren Treiben in Nachäffungen der Werke Gottes fördern, um das Reich Christi soviel als nur möglich zu schädigen. Aber so weit wie das Licht von der Finsterniß sind die Wunder des Evangeliums und der Heiligen entfernt von den wunderlichen Erscheinungen, welche nicht selten die religiöse Schwärmerei begleiten. Die Heiligkeit des Lebens ist das erste Wunder, welches Gott in seinen begnadigten Auserwählten der Welt vor Augen treten läßt, ehe er sie durch wunderbare Werke seiner Allmacht als seine Gesandten beglaubigt. Sie selbst legen auf diese Werke für ihre Person keinen Werth, und die geringste übernatürliche, wahrhaft verdienstliche Tugendübung halten sie für kostbarer in Ansehung ihrer selbst als jede Wundergabe. Je mehr sie Gott der letztern würdigt, um so mehr verdemüthigen sie sich. Sie erflehen es als die größte Gnade, Gott möge alles Außerordentliche von ihnen hinwegnehmen und sie vor aller Welt verbergen. Ihre Wunderwerke sind stets Werke der Liebe für zeitliches oder ewiges Heil der Mitmenschen ohne jedes eigene Interesse. Die wahren Auserwählten Gottes können es nicht ertragen, daß man ihrer Wunder gedenke, und fliehen alles, was nur ihrer eigenen Verherrlichung dienen könnte. Sie vergessen sich selbst, und die Seele ihres Thuns ist Selbstverläugnung; daher üben sie unbedingten Gehorsam, und der einfache Willensact ihres Seelenführers bewirkt ihre augenblickliche Rückkehr aus der höchsten Ekstase. – Ganz im Gegentheil ist Ausgang und Endziel für alles, was die Schwärmerei anstrebt und wirkt, Selbstsucht, Stolz und Ostentation, Tyrannei gegen diejenigen, über welche sie Macht gewonnen hat, Haß bis zum Mord und zur Vernichtung aller, die ihr entgegen sind. Ihr Auftreten kennzeichnet Christus selbst mit den Worten (Matth. 24, 24): Surgent pseudochristi et pseudoprophetae, et dabunt signa magna et prodigia, ita ut in errorem inducantur, si fieri potest, etiam electi. Sie meint der hl. Paulus, wenn er an Timotheus schreibt (1 Tim. 4, 1–5): In novissimis temporibus discedent quidam a fide, attendentes spiritibus erroris et doctrinis daemoniorum, in hypocrisi loquentium mendacium, et cauteriatam habentes suam conscientiam, prohibentium nubere etc., und sie sind es, die der hl. Judas bezeichnet (Jud. 18 f.) als die angekündigten illusores, secundum desideria sua ambulantes in impietatibus; als solche, qui segregant semetipsos, animales, Spiritum non habentes.

II. Geschichte der religiösen Schwärmerei. Unverkennbar trägt nach der obigen Charakteristik jede häretische Secte mehr oder weniger den Keim der Schwärmerei in sich. Auch die Verzerrungen der natürlichen Religion im Heidenthume erzeugten Schwärmereien, und zwar nicht ohne diabolischen Einfluß, wie die heiligen Väter sich vielfach aussprechen. Man denke z. B. an die dionysischen Orgien und die griechischen Mysterien, das Gebaren der Pythia, die Aufzüge der tanzenden Derwische, den Fanatismus der Buddhisten und der Brahmanen u. s. w. Im engern Sinne aber sind auf dem Boden des Christenthums diejenigen Secten als schwärmerische zu bezeichne, welche in ihrer Irrlehre bis zur Verläugnung der Vernunftwahrheit und des Naturgesetzes gehen und an die Stelle des von Vernunft und Glauben gelehrten Verhältnisses des Menschen zu Gott das Resultat der von ungezügelter Leidenschaft beherrschten Phantasie treten lassen. Schwärmerische Secten waren demnach

1. in den ersten Jahrhunderten die dem Antinomismus (s. d. Art.) huldigenden Gnostiker (s. d. Art.), welche Freiheit von jeder Schranke eines Gesetzes lehrten und übten. Als ihr Vorläufer ist Simon Magus (s. d. Art.) mit seiner Secte anzusehen. Karpokrates (s. d. Art.) und sein Sohn Epiphanes gaben den antinomistischen Grundsätzen die rücksichtsloseste Entfaltung bis zum vollen Communismus und zur vollen Geschlechtsgemeinschaft. Aus scheinbar entgegengesetzter Doctrin kamen zu gleichen Folgerungen die Enkratiten (s. d. Art.) und die Anhänger des Marcion (s. d. Art.). Indem diese die Sünde als einen Bestandtheil der leiblichen Natur selbst ansahen, mußten sie dieselbe für unvermeidlich und nothwendig halten. Während sie einerseits die strengste Ascese forderten, namentlich gänzliche Enthaltung vom Weine, von aller animalischen Nahrung und von der Ehe, übten sie unter dieser Hülle eines heiligen Lebens den abscheulichsten Cultus des Fleisches. Bei ihnen sowie bei den Ophiten (s. d. Art.) tritt hiermit schon ein Dualismus zwischen einem guten und einem bösen Principe zu Tage, deren jedes nothwendig wirkt und auch den Menschen zu dem ihm entsprechenden Thun nöthigt. Der Dualismus fand seine größte Entwicklung bei Mani (s. d. Art.), dessen System vom Ende des 3. Jahrhunderts bis in’s späte Mittelalter unermeßlich verderblich wirkte. Einen Zweig der schlimmsten Art dieses Giftbaumes bildeten die Priscillianisten (s. d. Art. Priscillian) im 4. bis 6. Jahrhundert. Eine besondere Art von Schwärmerei seit dem 2. Jahrhundert war der Montanismus (s. d. Art.). Sein Urheber rühmte sich einer besondern Prophetie in wunderbaren Ekstasen und behauptete, nur mit ihm und seinem Anhange sei der heilige Geist, dessen volle Ausgießung erst jetzt stattgefunden habe; die katholische Kirche sei eine fleischliche, von Gott abgefallene. Zwei Prophetinnen, Prisca und Maximilla, gaben sich gleich Montanus als Werkzeug des heiligen Geistes aus und erregten durch ihre im Zustande der Ekstase gemachten Weissagungen allgemeines Aufsehen. Der Kirche machte diese Secte großen Laxismus zum Vorwurfe, namentlich im Punkte der Fastendisciplin, der Gewährung einer zweiten Ehe, der Bußdisciplin und der Gestattung der Flucht zur Zeit der Verfolgung. In vielen Beziehungen sind die Novatianer (s. d. Art. Novatianisches Schisma) mit diesen Anschauungen im Einklang. Einer unheilvollen Art der Schwärmerei begegnen wir im 4. Jahrhundert in den Circumcellionen (s. d. Art.), einem Zweige der Donatisten (s. d. Art.), der vorzüglichsten schismatischen Secte der alten Zeit. Sie theilten mit den Montanisten den unnatürlichen Rigorismus, lehnten sich auf gegen alle Obrigkeit und gaben sich dem Wahne hin, gewaltsamer Tod sei das Gott Wohlgefälligste, weßhalb sie in großer Zahl sich selbst das Leben nahmen oder Andere durch Bitten, Geldleistung oder Zwang zu ihrer Tödtung zu bewegen suchten. Schwärmerisch sind endlich noch zu nennen die Chiliasten (s. d. Art. Chiliasten), welche von einem tausendjährigen Reiche voller Freiheit vom Gesetze, schrankenloser Befriedigung der sinnlichen Begierden und Reactivirung des jüdischen Cultus träumten.

2. Im Mittelalter führten theils die in manchen Ländern fortwuchernden häretischen Anschauungen der ältern Zeit, theils der besonders in den Städten mächtig zur Geltung kommende demokratische Geist und Freiheitsdrang, theils der Einfluß der ungläubigen, namentlich arabischen Philosophie zu Sectenbildungen mit dem Gepräge religiöser Schwärmerei. Als Vorwand dieses Treibens diente vielfach die eingerissene Verweltlichung und Unsittlichkeit des Clerus. Die einen dieser Secten erhoben sich unter Berufung auf göttliche Inspiration mit roher Gewalt gegen die gesammte kirchliche Ordnung der Lehre und der heiligen Sacramente, namentlich gegen die heiligste Eucharistie, gegen das Priesterthum und das kirchliche Vermögensrecht, drohten aber auch der socialen Ordnung Verderben. So Tanchelm (s. d. Art.) aus Brabant (1115–1124), welcher sich als Sohn Gottes und Verlobten der seligsten Jungfrau ausgab, großer Unsittlichkeit fröhnte und vielen Anhang gewann. Der hl. Norbert (s. d. Art.) predigte gegen ihn. Zu ähnlichem verbrecherischen Beginnen verführte der schwärmerische Schmied Manasses viel Volk, das er in eine Bruderschaft sammelte, mit einer Weibsperson als heiligster Jungfrau und zwölf Aposteln an der Spitze. Ein anderer Demagoge solcher Art war Eon (Eude) de l’Estoile (s. d. Art.) in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, welcher sich als Gottes Sohn, Richter der Lebendigen und der Todten und Theilnehmer an der Weltregierung Gottes erklärte, die Kirchen und Klöster stürmte und ihr Gut in den wüstesten Schwelgereien verpraßte. – Die größte Macht gewannen aber in dieser Zeit (seit 1104) die Petrobrusianer (Henricianer) im südlichen Frankreich, deren Oberhaupt der abgesetzte Priester Petrus de Bruys (s. d. Art.) und nach dessen Tode der Diacon Heinrich von Lausanne (s. d. Art.) aus dem Benedictinerorden waren. Diese Sectirer gaben den nächsten Anstoß zu den oben genannten unheilvollen destructiven Bewegungen. Sie gingen Allen voran in Verwerfung der Kindertaufe, der heiligen Messe und des öffentlichen Gottesdienstes überhaupt, des Priestercölibates und des kirchlichen Fastens. Heinrich war anfänglich ein eifriger und auch gegen sich selbst sehr strenger Bußprediger, wurde aber durch seine Erfolge beim Volke verblendet, ein schwärmerischer Aufwiegler, welcher der ganzen bestehenden Ordnung den Krieg erklärte. Der hl. Bernhard predigte gegen ihn mit großem Erfolge. – Wie weit Arnold von Brescia (s. d. Art.) und die Arnoldisten die Irrthümer der vorgenannten Sectirer theilten, ist nicht erwiesen. Dagegen ist gewiß, daß sie vollständige Armut als wesentlich nothwendig für die Kirche forderten. Kein Cleriker, der zeitlichen Besitz habe, könne selig werden. Werde ein Priester oder Bischof ausschweifend oder weltlich gesinnt, so verliere er die priesterlichen Gewalten und den priesterlichen Charakter. Es sei ein verdienstliches Werk, der Kirche ihr zeitliches Gut zu entziehen, selbst durch Raub oder Diebstahl. Arnold selbst starb 1155 durch Henkershand. Einem vollständigen Socialismus und Communismus huldigten um dieselbe Zeit in Frankreich die Capuciaten, welche sich für ihr allem göttlichen und menschlichen Rechte widerstreitendes Treiben auf Erscheinungen der Mutter Gottes beriefen. – Unter die schärmerischen Secten, die mit rohem Fanatismus ihre Ziele verfolgten, gehören von der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts an die Waldenser (s. d. Art.) oder Armen von Lyon, deren Stifter Petrus de Vaux (Valdo, Valdus) gewesen ist. Unter Vorgeben des göttlichen Berufes, in der Kirche die evangelische Vollkommenheit auf Grund der Armut wiederherzustellen, lösten die Waldenser sich mehr und mehr von der kirchlichen Auctorität und auch von der weltlichen Obrigkeit los, verwarfen das besondere Priesterthum in der Kirche, vindicirten das Predigtamt sowie die Erklärung der heiligen Schrift auch den Laien und hegten socialistische und communistische Tendenzen. Einer dualistischen, gnostisch-manichäischen Richtung huldigten die Luciferianer (s. d. Art.), welche Lucifer als ein gutes göttliches Wesen verehrten, das einst noch zum Siege über den »ungerechten Gott« gelangen werde. Ihren Namen rechtfertigten sie auch durch Laster aller Art, Idolatrie obenan. (Die Stedinger [s. d. Art.] sind oft mit Unrecht zu den Luciferianern gerechnet worden; ihnen fällt hauptsächlich nur die Auflehnung gegen den Erzbischof von Bremen zur Last.) – Eine andere Classe von religiösen Schwärmern des Mittelalters bildeten im 13. Jahrhundert diejenigen Sectirer, welche sich besonderer göttlichen Erleuchtungen über die Zukunft des Reiches Gottes auf Erden in Erklärung der geheimen Offenbarung rühmten (Apocalyptiker). Dahin gehören besonders Abt Joachim von Fiore (s. d. Art.) und die Joachimiten (Petrus Johannis Olivi [s. d. Art.] kann nur mit Vorbehalt dazu gerechnet werden), sowie die Apostelbrüder (s. d. Art. Apostoliker I, 1143 f.). Allen diesen apocalyptischen Secten ist die Annahme gemeinsam, die vollkommene Kirche (die des heiligen Geistes) sei erst in Zukunft zu erwarten; daher ihre Auflehnung gegen die römische Kirche. – Pantheistisches Gepräge war den Brüdern und Schwestern des freien Geistes (s. d. Art.) eigen, deren Häupter Amalrich von Bena und David von Dinan (s. d. Artt.) waren. Derselben Richtung gehörte Simon von Tournai (s. d. Art.) an. – Den alten Manichäismus mit allen seinen gegen Religion, Sittlichkeit und Societät gerichteten Doctrinen und Consequenzen erneuerten die Bogomilen, Katharer und Albigenser sowie die Passagier (s. d. betr. Artt.).

3. Die sogen. Reformationszeit gab Irrlehren gleich denen der mittelalterlichen schwärmerischen Secten unter Zusammenwirken günstiger Factoren Ausgestaltung und Ausbreitung in weitestem Umfange. Den Häuptern der Reformation, Luther und Zwingli voran, eignete in hohem Grade alles, was die religiöse Schwärmerei kennzeichnet, und ihre gesammte Lehre und Wirksamkeit trug den fruchtbaren Keim zahlreicher schwärmerischer Secten in sich. Die erste derselben, welche besonders im Münsterlande entsetzliche Verwüstungen anrichtete und, nachdem sie dort ausgerottet worden war, sich weithin über Deutschland verbreitete, ohne nach Außen ihr Zerstörungswerk fortsetzen zu können, war die der Wiedertäufer (s. d. Art.). Schon um die Mitte des 15. Jahrhunderts hatte sich in Böhmen die Secte der Böhmischen Brüder (s. d. Art.) gebildet, welche husitischen Anschauungen huldigten. Sie suchten später Einigung mit Luther, doch kam diese nicht zu Stande. Eines ihrer Häupter war der als Schulmann von der liberalen Welt über Gebühr verherrlichte, der Schwärmerei sehr ergebene Johann Amos Comenius (1592 bis 1670) aus Brumau in Mähren, mit welchem ein äußerst fanatischer Schwärmer, der sich fortwährender Offenbarungen rühmte, Nicolaus Dabricius aus Straßnitz in Mähren (1597–1671), enge verbunden war. Letzterer benutzte allen seinen Einfluß bei Hoch und Nieder zur Aufwiegelung gegen das Haus Habsburg und endete durch Henkershand. Ein vorzügliches Haupt der auf dem Boden der »Reformation« stehenden socialen Revolution und einer der verrufensten religiösen Schwärmer, welcher den Wiedertäufern nahe stand, war Thomas Münzer (s. d. Art.). Von den vielen anderen Schwarmgeistern, welche die kirchliche Revolution hervorbrachte, und welche alle Einem Geiste der Verneinung entsprangen, können hier nur einige genannt werden. Menno Simonis (s. d. Art.), vorher katholischer Pfarrer in Friesland, 1536 Anabaptist, Stifter der Mennoniten (Taufgesinnten), suchte auf dem Wege der Belehrung und mit Mäßigung die christliche Gesellschaft in die neuen von ihm erträumten Verhältnisse einzuführen, während sein Zeitgenosse Dietrich Battenburg, vormals Bürgermeister im Holländischen, mit Feuer und Schwert alle Menschen in das »bereits mit ihm in die Welt gekommene Reich der Auserwählten« hineinzwingen wollte. Canonicus Kaspar Schwenkfeld (s. d. Art.) aus Ossig in Schlesien rief mit dem Prediger V. Krautwald die Secte der Schwenkfeldianer in’s Leben, sagte allem äußern Kirchenthume ab und wollte nur von einem innern spiritualistischen Christenthume wissen; im Übrigen aber harmonirte er wenig mit Luthers Doctrinen. Sebastian Franck (s. d. Art.) aus Donauwörth wollte ein spiritualistisches Christenthum auf ganz pantheistischer Grundlage aufbauen. Die Antitrinitarier Joh. Denk aus Bayern und Ludwig Hätzer (s. d. Artt.) aus der Pfalz verbanden mit den Irrthümern der Wiedertäufer viele andere Häresien, wie die Läugnung der Gottheit Christi, der Heilswirkung durch Sacramente, der Ewigkeit der Höllenstrafen, Annahme einer einstigen Erlösung der Teufel u. s. w. Ein Gesinnungsgenosse dieser war Johann Campanus (s. d. Art.) in der zweiten Hälfte des 16 Jahrhunderts. Derselben Zeit gehörte an der sächsische Pastor Valentin Weigel (s. d. Art.), Haupt der Weigelianer, dessen Lehre sich als Erneuerung eines pantheistischen Gnosticismus darstellt. Seine Speculation hatte er großentheils den mystischen Schriften des Dionysius und des Theophrastus Paracelsus, eines Arztes in der Schweiz, entnommen, welcher die Theologie mit Physik und Chemie zu verschmelzen suchte, jedoch 1541 in Salzburg als Katholik starb. Die Ideen der beiden Letztgenannten, namentlich den theosophischen Pantheismus mit einem Ansatze von Dualismus, bildete der durch seine Schriften sehr einflußreich gewordene Schuster Jacob Böhme (s. d. Art.) in Görlitz weiter aus. Er rühmte sich vieler schon in der Jugend erhaltenen Offenbarungen und des Besitzes einer nur Wenigen mit ihm gemeinsamen Geheimlehre. Dieß gab Anlaß zur Sage von einem Geheimbunde, dessen Stifter Rosenkreuz sei (daher der Name Rosenkreuzer; s. d. Art.), und welcher viele verborgene Naturgeheimnisse und den Stein der Weisen besitze. – Ein Hauptgegenstand der Phantastereien der Schwarmgeister war zu jeder Zeit das Ende der Welt, und als Gewähr für dieselben mußte ihnen die geheime Offenbarung dienen. Auch im 16. Jahrhunderte fehlt es nicht an solchen Apocalyptikern. Es seien beispielsweise genannt der Schwabe Michael Stifel (s. d. Art.) in Eßlingen und der Thüringer Johannes Kose. Ähnlichen Träumern begegnen wir zur Reformationszeit auch außerhalb Deutschlands; so einem antitrinitarischen Deisten Jean Bodin in Frankreich, dem Maler David Jorisz (s. d. Art. Joristen), einem Antitrinitarier in Holland, und eben daselbst der in weiten Kreisen bekannten und sehr verschieden beurtheilten Chiliastin Bourignon (s. d. Art.) sammt ihrem hauptsächlichen Vertheidiger Prediger Pierre Poiret (s. d. Art.); dem Heinrich Niklas, Schüler des Wiedertäufers David Georg in England, welcher das ganze Wesen der Religion auf das Gefühl der göttlichen Liebe allein reducirte, weßhalb sich seine Anhänger Kinder der Liebe oder Familisten (s. d. Art.) nannten. In England sammelte sich auch der Calvinist Halket einen Anhang mit dem Vorgeben, über ihn erst sei der Geist des Messias gekommen.

4. In der zweiten Hälfte des siebenzehnten und im achtzehnten Jahrhundert gewann im deutschen Protestantismus der von Philipp Jacob Spener (s. d. Art.) in’s Leben gerufene und von seinen Schülern A. H. Francke (s. d. Art.), Breithaupt und Paul Anton und der Universität Halle geförderte Pietismus (s. d. Art.) Verbreitung und Einfluß. Derselbe war die Reaction gegen den trostlosen Lehrbegriff des Lutherthums und wandte sich unter Beiseitesetzung des Dogmas ganz nur der Übung des Christenthums zu. Religion ist ihm nur Sache des Herzens. Nothwendige Folge dieser Anschauung mußte ein jeder soliden Grundlage entbehrender Mysticismus, eine fruchtbare Quelle religiöser Schwärmerei, werden. Daher Erscheinungen wie die des Chiliasten Joh. Wilhelm Petersen (s. d. Art.), Superintendenten in Lüneburg, und seiner Frau in Verbindung mit der »Seherin« Rosamunde von Asseburg; des Würtemberger Hofpredigers Hedinger und seiner Schule; der Inspirationsgemeinden besonders in der Wetterau (unter Einfluß von aus Frankreich vertriebenen Camisarden [s. d. Art.]), in welchen ein allgemeiner Geist der Weissagung herrschte, und der Chiliasmus in möglichst phantastischer Weise ausgestaltet wurde; des Joh. Konrad Dippel (s. d. Art.) aus Frankenstein bei Darmstadt, eines ebenso flachen Rationalisten als abenteuerlichen Aftermystikers; des Daniel Klesch, eines geborenen Ungarn (1624–1697); des Joh. Georg Gichtel (s. d. Art.), eines fanatischen Schwärmers in der von Böhme eingeschlagenen Richtung. Als besonders fruchtbarer Boden für Schwärmer ist das Wupperthal bekannt (vgl. F. W. Krug, Kritische Geschichte der protestantisch-religiösen Schwärmerei, Sectirerei und der gesammten un- und widerkirchlichen Neuerung im Großherzogthume Berg, bes. im Wupperthale, Elberfeld 1851). Hierher gehört E. Ch. Hochmann aus Hochenau in Niederösterreich; er machte zuerst mit der genannten Bourignon und Pierre Poiret in den Niederlanden gemeinsame Sache, huldigte sodann einem protestantisirten Quietismus des Molinos (s. d. Art.) und wurde das Haupt der schienbar ganz der Selbstabtödtung ergebenen »Schmachtfeinen«, zum Unterschiede von den »Schwelgfeinen«, dem Anhange des oben erwähnten Dippel. Er hatte besonders eifrige Verbündete an einem gewissen Hofmann (gest. 1746) und Gerhard Tersteegen (s. d. Art.). Ganz verrufen wurde die Secte des Elias Eller (s. d. Art.) oder der Zioniten in Ronsdorf von 1724 an. Hauptanhänger desselben war eine Zeitlang der Prediger Schleiermacher von Elberfeld, deßgleichen die Bäckerstochter Anna von Buchel, eine vorgebliche Seherin und Prophetin, mehr eine Betrogene als eine Betrügerin. Dem Wupperthale gehörten auch an Dr. Samuel Collenbusch (s. d. Art.), welcher mit dem Prediger Menken (1768–1831) eine ganz neue Glaubenslehre zu Tage förderte und dafür einen Anhang zu gewinnen wußte; ebenso die Pseudo-Krummacherianer (s. d. Art. Krummacher), zu deren Irrthümern wohl ohne seinen Willen der Prediger Krummacher in Elberfeld durch seine Predigten über die Gnadenwahl Anlaß gegeben hatte. Besondere Bedeutung erhielten die aus den Mährischen Brüdern hervorgegangenen Herrnhuter, deren Stifter der sächsische Graf Nicolaus Ludwig von Zinzendorf (s. d. Art.) war. – In Holland entstand ein Gemisch von Spinozismus und Mysticismus (pantehistischem Spiritualismus), vorzüglich gefördert durch den Prediger Friedrich von Leenhoff, Wilhelm Deurhoff (s. d. Art.) zu Amsterdam, Pontian von Hattem, Isaac Verschooren und die mit ihm verbündete Mirjam Vos, den apostasirten Jesuiten Johannes Labadie (s. d. Art.) sammt der gelehrten A. M. von Schürmann und dem zu Handevith in Schleswig geborenen Friedrich Breckling. – In Italien trieb der berüchtigte Alchymist und Betrüger Giovanni Francesco Borro (s. d. Art.) sein Unwesen. – In der Schweiz waren unter zahlreichen Separatisten besonders berüchtigt die Brüggler im Kanton Bern, die sich unter Verkündigung der nahen Ankunft des Herrn der ärgsten Zügellosigkeit überließen. Hieronymus Köhler (1754 durch Henkershand gestorben) und sein Bruder Christian waren ihre Stifter. – Besonders fruchtbar an Secten schwärmerischer Natur waren in dieser Periode England und Amerika. Dahin gehören zunächst die vielgestaltigen Baptisten (s. d. Art.), zu deren Entstehung holländische Wiedertäufer in England den Anstoß gegeben haben mögen. Seit 1834 fanden sie auch im protestantischen Deutschland Eingang; in Hamburg durch den dortigen Kaufmann Oncken. Sodann seien genannt die Quäker (s. d. Art.), die sich vorzüglich in Nordamerika verbreiteten und sich, wenn auch in geminderter Zahl, bis jetzt erhalten haben. Aus den Quäkern gingen hervor die Shakers (s. d. Art.). Abarten von ihnen waren die Anhänger der Anna Lee aus Manchester, die 1774 mit ihr nach Amerika auswanderten und dort die Colonie Neulibanon für die Philadelphische Gesellschaft oder die wahre Familie Christi bildeten. – Weiter gehören hierhin die Anhänger der Johanna Southcote, »der Brautengel des Lammes«, welche zur Mutter des Messias bestimmt zu sein vorgab (s. d. Art. Sabbatarier, ob. 1444). Im 18. Jahrhundert ist die vorzüglichste religiöse schwärmerische Secte die der jetzt noch weit verbreiteten und besonders in England und seinen Colonien und in Nordamerika einflußreichen Methodisten (s. d. Art.). Von geringerer Bedeutung sind die Swedenborgianer (s. d. Art.), welche sich die »Kirche des neuen Jerusalem« nennen und den schwedischen Bergrath Emmanuel Swedenborg, einen wohlmeinenden, aber höchst phantastischen Schwärmer, zu ihrem Urheber haben. – In Rußland zählte Erzbischof Dimitry von Rostow schon am Anfange des 18. Jahrhunderts 200 verschiedene Secten, unter welchen es an Schwärmern nicht fehlte (s. d. Art. Raskolniken). – Wie der Protestantismus, so brachte auch der Jansenismus mancherlei Schwärmereien zu Tage; sie gehören zu den Secten, welche man unter dem Begriffe »Quietisten« (s. d. Art. Quietismus) zusammenfaßt.

5. Auch dem neunzehnten Jahrhundert fehlten seine Schwärmer nicht. Der Protestantismus brachte besonders in Großbritannien und Amerika fortwährend neue Secten dieser Richtung hervor. So entstand 1844 »das Haus der Liebe« oder Lampeter Brethren in Charlidge. Diese Häretiker erkennen keine menschliche Obrigkeit an, rühmen sich der Vereinigung mit dem heiligen Geiste, der allein ihr Herr und Regent sei, verwerfen jedes Gebet, üben volle Geschlechtsgemeinschaft und verkündigen den Tag des Gerichtes als angebrochen. John Darby in Plymouth gründete die Secte der Plymouthbrüder oder Darbysten (s. d. Art.), ein verjüngtes und modificirtes Quäkerthum; ihre Hauptsitze hat sie seit 1840 in Lausanne und im Waadtland. Größere Bedeutung gewann der Irvingianismus, gestiftet von Eduard Irving (s. d. Art.), welcher den Stempel des Pietismus und Aftermysticismus trägt und die Nähe des Antichristen und der zweiten Ankunft des Herrn und Chiliasmus predigt. Seti 1848 fand er auch mehr und mehr Aufnahme in Deutschland, namentlich durch den Marburger Professor Dr. Heinrich Thiersch und die beiden katholischen Priester der Diöcese Augsburg Decan Lutz und Domvicar Spindler. In Nordamerika, welches jeder religiösen Richtung volle Freiheit gewährt, konnte das protestantische Princip von der evangelischen Freiheit, der äußerlichen Zurechnung der Gerechtigkeit Christi und der Privatinspiration sich ungehindert in zahllosen Formen in alle seine Consequenzen entwickeln. Unter den dort entstandenen Secten ragt hervor die der Mormonen (s. d. Art.), die auch aus Europa und speciell Deutschland Zuzug erhielt. Communistischer und socialistischer Richtung und den Mormonen ähnlich sind die Perfectionisten (s. d. Art.). Andere schwärmerische Secten sind die Adventisten (s. d. Art.) und die als Vegetarianer lebenden Bibelchristen, welche sich buchstäbliche Beobachtung der Bibelworte angelegen sein lassen. – In Schweden trieben seit 1813 die Springer in Ingermanland und seit 1842 die »Rufenden Stimmen« ihr Unwesen, von welchen sich die Läsare (Leser) absonderten (s. Stimmen aus Maria-Laach VII [1897], 348 ff.). Norwegen hatte seine Haugeaner (von dem Bauern Nilsen Hauge; s. d. Art.), welche dem Unglauben der dortigen Pastoren gegenüber ein Laienpredigtamt einführten. – In der Schweiz führte 1824 die Schwärmerei zu den Wildenspucher Greueln (s. d. Art. Wildenspuch), indem die Bauerstochter Marg. Peter zu dem Wahne kam, sie müsse durch Peinigung und Kreuzigung sich und Andere retten. – Aufsehen erregte auch im Elsaß und in der Schweiz die aus Livland stammende Pietistin Frau v. Krüdener (s. d. Art.), die selbst auf Alexander I. von Rußland großen Einfluß gewonnen und ihn zur »heiligen Allianz« veranlaßt hatte. – In Ungarn bildete sich 1869 aus Calvinisten die Secte der Nazarener, welche die Kindertaufe verwarfen und das nahe Weltgericht verkündeten. – In Holland war zu Delft im J. 1797 die Gesellschaft Christo sacrum aufgetaucht, welche alle verschiedenen christlichen Confessionen zu einer allgemeinen Kirche vereinigen wollte, und 1825 entstanden die Necessitarier, deren Haupt Stoffelmüller war; sie verwarfen jeden Unterschied zwischen Gut und Bös und kannten keine sittliche Schranke. Ein anderer Schwärmer Veigebauer durchzog um dieselbe Zeit das Land. Eine communistische Secte in Uithoorn bei Amsterdam nannte sich Vadres-Goed, weil es ihr zufolge kein Privateigenthum gibt, sondern nur Eigenthum Gottes des Vaters. Auch der convertirte jüdische Dichter Da Costa fühlte den Beruf, Haupt einer Secte zu sein (1828). – Auch in Deutschland fehlte es nicht an Erscheinungen des Aftermysticismus. Ein gewisser Kohlbrügge (s. d. Art.), holländischer Candidat der Theologie, vermehrte die Wupperthaler schwärmerischen Genossenschaften, indem er 1848 in Elberfeld eine niederländisch-reformirte Gemeinde aus Elementen bildete, welche der Union von 1847 widerstrebten. In Königsberg entstand im J. 1835 unter Schönherr (s. d. Art.), Diestel und Ebel eine Art Muckerthum. – Der berüchtigte Prediger Martin Stephan (gest. 1846) bildete in Dresden eine Secte, und nachdem er sich in der Heimat unmöglich gemacht hatte, wanderte er im J. 1838 mit seinem Anhange nach Amerika aus, um dort als ihr »Bischof« das schmähliche Unwesen fortzusetzen. – In Würtemberg wurde der Pietismus gepflegt durch Hoffmann zu Leonberg, welcher 1818 zu Kornthal (s. d. Art.) eine »apostolische Gemeinde« zur Vorbereitung auf die nach Exegese Bengels des Ältern im J. 1830 zu erwartende zweite Ankunft Christi bildete. Sein Sohn Christoph (s. d. Art. Jerusalemsfreunde VI, 1368 ff.), Inspector der Schule bei Ludwigsburg, machte es sich in Weiterführung der Tendenzen seines Vaters zur Aufgabe, das mosaische Gesetz wieder zur Geltung zu bringen und in Palästina das »Volk Gottes« zu sammeln (1854). Bis dieß ermöglicht werde, ließ er sich mit seinen Anhängern in Kirschenhardthof bei Marbach nieder (1856) und begann 1869 von da aus die Gründung seiner Colonie im gelobten Lande. – Ein Convertit aus dem Judenthume, der Böhme Pick, gründete 1859 die Armenische Gemeinde, in welcher er den Mosaismus neu beleben und mit dem Christenthume verschmelzen wollte. Würtemberger Schwärmer waren auch die finsteren Michelianer (s. d. Art.), welche die Höllenstrafen läugneten unter Forderung strenger Buße, während der Pfarrer Pregizer (gest. 1824) seine Genossen (Pregizerianer) fortwährend mahnte, im Hinblick auf die streng lutherische Rechtfertigungslehre keine Hölle zu glauben und sich voller Fröhlichkeit hinzugeben. Ein Theil der schwäbischen Pietisten war seit 1805 nach Amerika ausgewandert und hatte bei Pittsburg ein Gemeinwesen gebildet, in welchem der Bauer Rapp unbedingte Gewalt ausübte und unter der Firma der Gütergemeinschaft alles Eigenthum allein verwaltete. Sie nannten sich die Harmonisten (s. d. Art.). Ein gewisser Bernhard Müller (Proli), der zuerst in Offenbach als Prophet eine geistliche Weltmonarchie verkündet und wie ein Fürst gelebt hatte, entzog sich einer ihm drohenden Untersuchung durch Flucht nach Amerika und gesellte sich dem Rapp als sein Prophet bei. Er bildete aber eine Partei gegen Rapp, welcher sich durch großes Lösegeld seiner wieder entledigte. Mit dem Gelde gründete er »das neue Jerusalem«, hatte aber bald abgewirthschaftet. Ein anderer Theil Würtemberger Pietisten war 1818 und 1819, im Wahne, es nahe der jüngste Tag, nach dem Orient aufgebroche, um Jerusalem näher zu sein, ließ sich aber bewegen, im russischen Georgien Halt zu machen, wo sie acht Colonien gründeten. Ende der vierziger Jahre wollten diese zum großen Theile die Wanderschaft in’s heilige Land wiederum aufnehmen, wurden jedoch von der russischen Regierung nicht über die Grenze gelassen (s. d. Art. Jerusalemfreunde VI, 1367 ff.). – In Chemnitz finden wir 1855 die Secte des später im Irrenhause internirten Schusters Voigt unter dem Namen Psychographisten, welchem die »heiligen Männer« zugehörten, die sich eines unmittelbaren Verkehrs mit Gott brüsteten, aber volle Emancipation des Fleisches selbst ohne Scheu vor Blutschande übten.

Die katholischen Gegenden blieben in den ersten Decennien des 19. Jahrhunderts auch nicht immer frei von aftermystischen Schwärmereien. Die Zeit der Revolution beraubte die Gesellschaft der katholischen Institutionen, welche sonst in segensreichster Weise die Pflege der Religion übten; Rationalismus und Unglaube drangen in alle Kreise ein. Infolge dessen waren Geister, welche das Bedürfniß tieferer Religiosität und größerer Verinnerlichung fühlten, leicht für jede Kundgebung zu gewinnen, welche das Gepränge des Überirdischen an sich zu tragen schien. Aber von der allein sichern Führung des kirchlichen Gehorsams abgelöst, verfielen sie unvermeidlich auf dem dunkeln Gebiete der Mystik Täuschungen und Verirrungen, oft der schlimmsten Art. So gerieth der katholische Pfarrer Aloys Henhöfer (s. d. Art.) zu Mühlhausen an der Würm (in Baden), welcher schon während seiner Studien ohne die hierzu nöthige Anleitung mystische Theologie betrieben hatte, in die Schlingen des schlimmsten Pietismus durch den Schreiner Brugier, trat in die engste Verbindung mit der Brüdergemeinde zu Kornthal und apostasirte schließlich (1823) mit einem Theil der Gemeinde, den Freiherrn von Gemmingen in Steinegg an der Spitze. Die Vorsteher der acht katholischen Gemeinden im Gemmingen’schen Gebiete aber blieben treu trotz der gewaltthätigsten und schändlichsten Mittel, welche zu ihrer Losreißung von der Kirche angewandt wurden. Vorübergehende Erscheinungen ähnlicher Art am Rhein und Main waren ein gewisser Armbruster, welcher seine Phantastereien in der Schrift »Die sieben Posaunen« zum Besten gab, und die verrückte Christina Gorius, welche sich für inspirirt vom heiligen Geiste ausgab und ihre vermeintlichen Offenbarungen veröffentlichte. Am 16. April 1823 warnte das bischöfliche Generalvicariat in Bruchsal vor den Schriften aller oben genannten Sectirer. – Der in Böhmen geborene Priester Thomas Pöschl (1806–1837) begründete im Bisthum Linz die schwärmerisch-chiliastische Secte der Pöschlianer (s. d. Art.). – Eine mystisch-rationalistische Häresie, welche, um Gott im Geiste anzubeten, Kirchen, Cultus und Sacramente verwarf, Gott nur auf freiem Felde verehrt wissen wollte und Ehe und Krieg für unerlaubt erklärte, entstand in der untern Steiermark; nach dem Pfarrer Maurer in Loipersdorf (gest. 1817), welchen sie für den neuerdings incarnirten Gottessohn hielten, heißen ihre Anhänger Maurerianer. – In Kärnthen begegnen uns die Michaelsritter, Anhänger der Schwärmerin Agnes Wirsinger, welche seit 1811 sich einbildete, einen besonders vertrauten Verkehr mit Maria und St. Michael zu haben, bei dem frommen Propst Joh. Holzner (gest. 1818) in Gmünd Anklang fand und in ihren Anhängern den Wahn weckte, St. Michael werde mit seinem Schwerte die Unreinen ausrotten, sie aber schonen und ihnen die Erde zum Erbtheil geben. Die Manharter (s. d. Art.) traten mit denselben in Verbindung, und ihr Priester Hagleitner ward ein Michaelsritter. Die Manharter selbst waren im Grunde nur Schismatiker, ähnlich den Salpeterern (s. d. Art.) im südöstlichen Schwarzwalde. – Schwärmerisches Unwesen in Bayern hat zwischen 1790 und 1840 in der Diöcese Augsburg arges Unheil angerichtet, worüber ausführlich in den Artt. Boos, Feneberg, Goßner, Lindl, Völk gehandelt ist. – Außerhalb Deutschlands begegnet uns in der französischen Diöcese Bayeux unter dem Namen »Werk der Barmherzigkeit« eine schwärmerisch-häretische Secte, deren Haupt Vintras hieß. Gregor XVI. censurirte ihre Lehren als gottlose Erfindungen und Aberwitz (8. November 1843), und drei Provinzialconcilien (1849) wiederholten das Verwerfungsurtheil über dieselbe. In Italien gab sich 1847 zu Casale in Piemont Grignoschi als in die Welt gekommener Christus aus, der neuerdings gekreuzigt werden müsse, um die Kirche von ihrer Knechtschaft und den Irrthümern zu befreien. Dieser höchst sittenlose Mensch und sein Anhang scheint mit dem ebenso schändlichen Sectirer Romano in der Schweiz verbunden gewesen zu sein.

6. Schwärmerei der schlimmsten Art blieb der neuesten Zeit vorbehalten. Sie wurde vorbereitet durch den Spiritismus (richtiger Spiritualismus; s. d. Art.), dessen Anfänge aus Amerika stammen. Hier waren es vorzüglich die Swedenborgianer (s. d. Art.), welche behaupteten, Beziehungen mit der Geisterwelt zu unterhalten. In weiterer Entwicklung tauchte der nekromantische Spiritismus auf, d. h. die von einzelnen Personen vorgegebene Macht, Verstorbene mit den Lebenden in den innigsten Rapport zu versetzen und zu Mittheilungen in sinnlich wahrnehmbarer Weise zu veranlassen. Eine der ersten Formen, unter welchen solche erfolgten, war das Tischrücken (seit 1848); später schrieb der citirte Geist mit schnell geführter Hand des Mediums die Antwort auf oder gab dieselbe wohl gar mündlich. Dazu gesellten sich zuletzt Medien, denen es gegeben war, die Geister in Menschengestalt zu sehen, ihre Sprache zu hören und mit ihnen zu reden. Der Spiritismus gewann schnell die weiteste Ausdehnung und erhielt vollkommene Organisation. Es entstanden Spiritistengemeinden, die unter einander in Verbindung traten, und die Verbände des einen Landes einigten sich mit denen anderer. Seit 1852 fand der Spiritismus Eingang in Europa; der nekromantische Spiritismus wurde nicht bloß in Genf und anderen Metropolen des Protestantismus, sondern auch im katholischen München schwunghaft betrieben. Die Bischöfe haben wiederholt ihre warnende Stimme gegen dieses Unwesen erhoben. Wohl mag ein Theil der spiritistischen Erscheinungen auf Rechnung unbewußter oder bewußter Täuschung zu setzen und Anderes aus natürlichen Kräften erklärbar sein, jedenfalls ist aber die Möglichkeit und die Gefahr einer Einmischung dämonischer Mächte vorhanden (vgl. d. Artt. Somnambulismus und Spiritualismus). Überhaupt zieht sich durch die ganze Geschichte der Schwärmerei, wie ein rother Faden bald klar und bewußt, bald unklar und verhüllt, die manichäisch-dualistische Anschauung von einem dem Menschen freundlich gesinnten Principe, welches von einem andern bekämpft und unterdrückt wird, aber schließlich den Sieg erlangt, Das erstere ist dasjenige, welches zur Befriedigung alles sinnlichen Begehrens volle Freiheit bietet, das andere der Gott des Christenthums. Ihren Gipfel erreicht die schärmerische Gottlosigkeit in der Anbetung des erstgenannten Princips, d. h. im Satanscult. Wie weit freiliche die Mysterien des Bösen sich in Wirklichkeit bereits erstrecken, und wie nahe die Zeit ist, wo (Offb. 20, 3) der Geist des Abgrundes losgelassen wird, entzieht sich einstweilen sicherer Kenntniß. Nur warnen kann man vor den mit größter Sicherheit auftretenden sogen. Enthüllungen von angeblich bekehrten früheren Freimaurern oder Satansverehrern (Leo Taxil, Margiotta, Hacks, der apocryphen Miß Diana Vaughan; vgl. [Linzer] Theol.-prakt. Quartalschrift 1897, 82 ff.), da solche theils uncontrolirbare, theils offenkundig unsinnige Mittheilungen zusammen mit dem ganzen Gebahren der betreffenden »Enthüller« der guten Sache nur schaden können. [Diese Warnung war schon geschrieben, ehe sie durch bekannte Vorgänge gerechtfertigt wurde.]

[Pruner.]


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