Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.


[Bd. 11, Sp. 678] Staat kann im Sinne des Aristoteles, der zuerst die Grundbegriffe des Staates eingehend un mit bleibenden Resultaten untersucht hat, bezeichnet werden als eine vollkommene, natürliche Gemeinschaft. Er ist eine Gemeinschaft, d. h. eine dauernde moralische Vereinigung Vieler zu einem gemeinsamen Zweck; darin kommt er überein mit allen anderen Gemeinschaften oder Gesellschaften (beide Ausdrücke nehmen wir als gleichbedeutend). Er ist ferner eine natürliche Gemeinschaft, d. h. eine solche, welche aus den Anlagen und Bedürfnissen der menschlichen Natur sich nothwendig ergibt, und zwar in der Weise, daß ihr Zweck und bis zu einem gewissen Grade auch ihre Verfassung durch die Natur vorgezeichnet und dem Belieben der Menschen entzogen ist; hierdurch wird der Staat nicht nur von den freien menschlichen Gesellschaften unterschieden, sondern auch von der christlichen Kirche, die zwar nicht vom Belieben der Menschen abhängt, aber auch kein Product der Anlagen der menschlichen Natur, sondern das Werk der freien Güte Gottes ist. Endlich wird der Staat eine vollkommene Gemeinschaft genannt, um ihn von den sonstigen natürlichen Gesellschaften, namentlich von der [Bd. 11, Sp. 679] Familie, zu unterscheiden. Jede menschliche Gesellschaft besteht um eines Zweckes willen und wird durch diesen Zweck in ihrem Wesen bestimmt; sie soll dem Menschen irgend ein Gut erreichen helfen, dessen er bedarf, und das er aus sich allein nicht zu erreichen vermag. Diejenige Gesellschaft nun kann eine vollkommene heißten, welche bezweckt, daß der Mensch ausreichend mit allem versehen sei, dessen er zu seinem Leben auf Erden bedarf. Eine solche Gesellschaft ist aber der Staat, den man mit Aristoteles (Polit. 3, 9) auch eine Gemeinschaft von Familien und Gemeinden zum Zweck des glücklichen und tugendhaften Lebens nennen kann.

1. Der Ursprung des Staates ist nach dem Gesagten nicht in einer freien Vereinbarung der Menschen zu suchen, wie Grotius, Pufendorf und besonders Th. Hobbes und J. J. Rousseau annahmen, sondern in den Neigungen und Bedürfnissen der menschlichen Natur. Schon die unläugbare Thatsache, daß wir immer und überall die Menschen staatlich organisirt antreffen, mag diese Organisation auch noch so unvollkommen sein, widerlegt die Ansicht, der Staat sei ein Erzeugniß menschlicher Willkür. Der Mensch ist ein ζῶον φήσει πολιτικόν, ein von Natur aus auf den Staat hingeordnetes Sinnenwesen, wie ihn Aristoteles genannt. Er ist von sich aus ein äußerst hilfloses Wesen, das nur den geringsten Theil dessen, was ihm nöthig ist, sich selbst zu verschaffen vermag; andererseits hat er den Drang und die unbegrenzte Fähigkeit, sich zu vervollkommnen. In diesem Ungenügen der menschlichen Natur liegt die Wurzel jeder menschlichen Gesellschaftsbildung, und jede Gesellschaft bezweckt in irgend einer Beziehung diesem Ungenügen abzuhelfen. Die erste und nothwendigste Gesellschaft, welche dieser Wurzel entspringt, ist die Familie, die dem Menschen das Dasein gibt und schon bis zu einem gewissen Grade für seine Bedürfnisse zu sorgen vermag. Aber sie genügt nicht. Naturnothwendig vereinigen sich die Familien zu größeren Gemeinswesen, zunächst zu Gemeinden, endlich zu vollkommenen Staaten, in denen der Mensch alles zu seinem Leben Erforderliche findet. Die Gesellschaftsbildung fängt also vom Einfachern und Unvollkommenern an und schreitet zu immer zusammengesetzteren Gemeinschaften fort. Im Staate, der die anderen Gesellschaften (Familie und Gemeinde) voraussetzt und in sich aufnimmt, kommt diese Bildung zum Abschluß. Er ist in der natürlichen Ordnung die vollkommenste Gemeinschaft, muß also auch den vollkommensten Zweck haben, und dieser kann kein anderer sein, als dem Ungenügen des Menschen allseitig abzuhelfen, soweit dieß die Unvollkommmenheit alles Menschlichen zuläßt.

2. Da der Staat dem Menschengeschlechte nothwendig und mithin vom Schöpfer der Natur gewollt ist, so folgt, daß auch die Staatsgewalt, an sich betrachtet, unmittelbar von Gott stammt. Wenn Gott den Staat wollte, so mußte er auch [Bd. 11, Sp. 680] alles wollen, was zum Staate nothwendig ist. Dazu gehört aber die Staatsgewalt, d. h. das Recht, die Glieder des Staates zur Mitwirkung am Gesammtwohle zu verpflichten. Wo viele Menschen gemeinsam einem Ziele zustreben, wird immer eine große Verschiedenheit der Ansichten über die Mittel und Wege zum Ziele vorhanden sein. Es muß also jemand da sein, der berechtigt ist, allen dieselben Verhaltungsmaßregeln vorzuschreiben, damit auf diese Weise ein geordnetes, einheitliches Zusammenwirken zu Stande komme. Außerdem muß jemand das Recht haben, Sicherheit und Ordnung aufrechtzuerhalten, diejenigen, welche die Anderen in ihren Gütern und Rechten nicht achten, in ihre Schranken zu weisen, die entstehenden Streitigkeiten auctoritativ zu schlichten, dasjenige wahrzunehmen, was für die Gesammtheit nothwendig ist und ohne seine Fürsorge nicht geschehen würde. Man begegnet deßhalb auch immer und überall bei allen, selbst den rohesten Völkerschaften irgend einer allgemein anerkannten höchsten Auctorität, und wenn ein Streit um diese Auctorität entsteht, so betrifft er nie die Auctorität selbst, sondern bloß den Besitz derselben. Das Nähere über die Staatsgewalt und die durch Vertheilung der Staatsgewalt auf verschiedene Träger entstehenden Staatsformen s. in d. betr. Art.

3. Zweck des Staates ist die gemeinsame, öffentliche Wohlfahrt. Der Staat soll alle Güter beschaffen, die jedem seiner Glieder nothwendig oder nützlich sind, aber von den einzelnen Individuen und Familien nicht genügend erreicht werden können. Das ergibt sich aus dem, was über den Ursprung des Staates gesagt wurde. Der Grund, der immer und überall zur Staatenbildung führt, ist das Ergänzungsbedürfniß der Familien und Gemeinden; demselben abzuhelfen ist also auch die Aufgabe und der Zweck des Staates. Man kann auch sagen, Zweck des Staates sei, die Bedingungen zu schaffen, die erforderlich sind, damit alle Glieder des Staates ihr wahres irdisches Glück erreichen können. Er soll ihnen, soweit es geschehen kann, und zwar allen, die Möglichkeit dieses Glückes darbieten. Der Inbegriff dieser Bedingungen bildet das öffentliche Wohl im Unterschiede zum Privatwohl. Letzteres besteht im Besitze alles dessen, was der Mensch in seiner Lebensstellung vernünftigerweise bedarf; dazu gehören nicht nur die zur Erhaltung des Lebens erforderlichen äußern Güter, sondern auch die inneren Güter des Leibes und der Seele, ganz besonders sittliche Tugenden, ohne die wahres Glück nicht bestehen kann. Diese Privatwohlfahrt soll der Staat nicht direct selbst besorgen, das ist jedermanns eigenste Aufgabe; wohl aber soll er einen gesellschaftlichen Zustand herbeiführen, in dem so viel als möglich Allen Gelegenheit geboten ist, ihr wahres irdisches Wohl durch freie Selbstthätigkeit zu erreichen. Dieses Ziel muß der Staat bei allen seinen Gesetzen und Einrichtungen beständig im Auge haben. Er ist nicht da für einige Wenige [Bd. 11, Sp. 681] oder nur für eine Partei, sondern für alle seine Angehörigen, und er soll allen die Möglichkeit bieten, in irgend einem Berufe und bis zu einem gewissen Grade glücklich zu werden. In diesem Sinne sagt Papst Leo XIII. in seinem Rundschreiben Immortale Dei vom 1. November 1885: »Der Mensch ist von Natur aus auf das gesellschaftliche Leben hingeordnet; denn da er, auf sich allein angewiesen, das zur Erhaltung und Vervollkommnung seines Lebens und zur Ausbildung seines Geistes Nothwendige nicht zu erreichen vermag, so hat Gott dafür gesorgt, daß er zur gesellschaftlichen Vereinigung mit Anderen geboren werde, und zwar nicht nur in der Familie, sondern auch im Staat, der allein dem Menschen alles zum Leben Nöthige ausreichend darbieten kann« (civitas »suppeditare vitae sufficientiam perfectam sola potest«). – In den Bedingungen, deren Gesammtheit die öffentliche Wohlfahrt ausmachen, lassen sich zwei Elemente unterscheiden. Die erste und wesentlichste Bedingung ist Sicherheit und Ordnung. Jeder muß in seinem Lebe, seiner Ehre, seiner Freiheit und seinen sonstigen natürlichen oder wohlerworbenen Rechten geschützt werden, so daß die Anderen nicht wider seinen Willen in seine Rechtssphäre eingreifen. Die Gerechtigkeit ist die Grundlage der Staaten. Auch der Staat selbst darf sich nicht über diese Rechte seiner Glieder beliebig hinwegsetzen. die zweite Bedingung der allgemeinen Wohlfahrt ist das Vorhandensein all der Einrichtungen, die erforderlich sind, damit jeder im Staate sich das in geistiger und leiblicher Beziehung Nothwendige verschaffen könne. Der Staat soll also nach Möglichkeit und Erforderniß der Umstände die Privatthätigkeit fördern und unterstützen. Dieß kann geschehen z. B. durch Errichtung von Verkehrswegen und Verkehrsmitteln (Straßen, Eisenbahnen, Kanäle, Tunnels u. s. w.), ferner durch Eröffnung neuer Handelswege, durch Förderung von Industrie, Kunst und Gewerbe, durch Eröffnung von Schulen und Unterrichtsanstalten der verschiedensten Art, soweit die Privatthätigkeit nicht ausreicht. Indem wir als Zweck des Staates Schutz und Förderung der Privatthätigkeit bezeichnen, ist die Grenze zwischen öffentlicher und Privatthätigkeit principiell gezogen. Die Privatthätigkeit hat aus sich den Vortritt, und erst wo dieselbe nicht ausreicht, um das für die Gesammtheit Nothwendige oder Nützliche zu beschaffen, setzt die öffentliche Thätigkeit ein. Hält man an diesem unzweifelhaften Principe fest, so ist der staatlichen Allregiererei, den staatlichen Monopolen genügend der Weg versperrt. Nachhelfen und fördern heißt nicht die Privatthätigkeit unterbinden oder unmöglich machen.

4. Die Behauptung, der Zweck des Staates sei die Beschaffung derjenigen Güter, welche der Gesammtheit nothwendig sind, aber ohne den Staat nicht genügend erreicht würden, bedarf jedoch einer Einschränkung. In der rein natürlichen Ordnung [Bd. 11, Sp. 682] der Dinge würde sie uneingeschränkt gelten; in der übernatürlichen Ordnung aber, in der wir thatsächlich leben, hat Christus die Kirche gestiftet und mit der Sorge für die religiösen Angelegenheiten betraut. Deßhalb gehören jetzt auch diejenigen religiösen Aufgaben, welche in der rein natürlichen Ordnung vielleicht dem Staate zufallen würden, der Kirche an. Die Kirche ist von Christus als vollkommene, selbständige religiöse Gesellschaft gegründet. Ihr ist der Auftrag ertheilt, alle Völker zu lehren, die Sacramente und sonstigen Gnadenmittel zu verwalten und dadurch die Menschen zu heiligen und zur ewigen Seligkeit zu führen. Deßhalb schulden ihr in religiösen Dingen alle Getauften Gehorsam, und ist sie hierin vom Staate vollständig unabhängig. trotzdem will Gott an und für sich nicht die Trennung von Kirche und Staat. Der christliche Staat soll sich zwar nicht direct selbst in die religiösen Angelegenheiten mischen, wohl aber soll er die Kirche in der Erfüllung ihrer Aufgabe schützen und unterstützen, und zwar in seinem eigenen Interesse. Der Staat schuldet die Pflege der Religion dem Schöpfer, der sein Herr und Wohlthäter, sein letztes Ziel und Ende ist; er schuldet sie den Untergebenen, die der Religion zu ihrem wahren irdischen Wohle bedürfen und ohne gemeinsame öffentliche Religionsübung leicht in der Religiosität erschlaffen; er schuldet sie endlich sich selbst, da nur auf dem Grunde wahrer Religiosität die Tugenden blühen, ohne welche ein Gemeinwesen nicht bestehen kann. Da ihm nun durch Christi Anordnung die directe Pflege der Religion entzogen ist, so soll er wenigstens indirect dieselbe pflegen, indem er die Kirche in ihrer Wirksamkeit schützt und fördert.

5. Aus dem über den Ursprung und Zweck des Staates Gesagten lassen sich die Bestandtheile und das Verhältniß des Staates zu denselben genauer bestimmen. Die individualistische Auffassung, die namentlich durch Rousseau in Umlauf gesetzt wurde, sieht im Staate nur eine Menge gleichberechtigter Individuen, die durch eine gemeinsame Centralgewalt zusammengehalten und regiert werden. Danach wären also die unmittelbaren Bestandtheile des Staates die Individuen. Dagegen betrachtet die richtige Auffassung mit Aristoteles den Staat als ein organisches Ganze, dessen unmittelbare Elemente nicht die einzelnen Individuen, sondern die Familien und in weiterer Entfaltung die Gemeinden und Provinzen sind. Die Individuen sind unmittelbar Glieder der Familie, und nur die Repräsentanten der Familie, d. h. diejenigen, die entweder schon Häupter einer Familie sind oder wenigstens die unmittelbare natürliche Befähigung dazu besitzen, also alle erwachsenen, selbständigen Männer, sind unmittelbar Glieder des Staates. Deßhalb sind an und für sich nicht nur die Kinder, sondern auch die Frauen von den politischen Rechten ausgeschlossen, weil sie unmittelbar dem Haupte der Familie unterstehen und nur als Glieder der Familie in [Bd. 11, Sp. 683] den Staatsverband einbegriffen sind. Von den Kindern sagt Papst Leo XIII. in seinem Rundschreiben De conditione opificum: »Genau gesprochen gehören die Kinder nicht durch sich selbst, sondern durch die Familie, in der sie geboren wurden, als Glieder zum Staate.« Dasselbe gilt auch von der Frau, deren naturgemäßer durchschnittlicher Beruf es ist, als Gattin und Mutter unter der Leitung des Mannes zu stehen. Hieraus folgt, daß die unmittelbare Sorge für die Frau und für die Erhaltung und Erziehung der Kinder nicht Sache des Staates, sondern des Familienvaters ist. Die Staatsgewalt hat allerdings das Recht und die Pflicht, auch die Kinder und Frauen in ihren Rechten zu schützen, wenn sie vom Vater mißachtet würden; so lange dieß aber nicht geschieht, ist die Familie in ihren inneren Angelegenheiten selbständig. Erst wo die freie Selbstthätigkeit der Familie nicht ausreicht, soll die öffentliche Thätigkeit der Gemeinde und des Staates nachhelfend und ergänzend eingreifen. (Vgl. R. v. Mohl, Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften, Erlangen 1855 – 1858, 3 Bde.; Ders., Encyklopädie der Staatswissenschaften, 2. Aufl., Tübingen 1872; Th. Meyer, Die Grundsätze der Sittlichkeit und des Rechts, Freiburg 1868; Id., Institutiones juris naturalis I, Friburg. 1885; Trendelenburg, Naturrecht auf dem Grunde der Ethik, 2. Aufl., Leipzig 1868; Ahrens, Naturrecht oder Philosophie des Rechtes und des Staates, 6. Aufl., Wien 1870 – 1871, 2 Bde.; Walter, Naturrecht und Politik, 2. Aufl., Bonn 1871; Bluntschli, Die Lehre vom modernen Staat, 5. Aufl., Stuttgart 1876, 3 Bde.; Lasson, System der Rechtsphilosophie, Berlin 1882; L. v. Hammerstein, Kirche und Staat vom Standpunkte des Rechtes, Freiburg 1883; Holtzendorff, Encyklopädie der Rechtswissenschaft, 5. Aufl., Leipzig 1890; Stöckl, Lehrbuch der Philosophie III, 7. Aufl., Mainz 1892, 377 ff.; Gutberlet, Ethik und Naturrecht, 2. Aufl., Münster 1893; Cathrein, Moralphilosophie II, 2. Aufl., Freiburg 1893, 409 ff.; H. Pesch, Liberalismus, Socialismus u. christliche Gesellschaftsordnung, Freiburg 1893 – 1896; Paulsen, System d. Ehtik, 3. Aufl., Berlin 1894; A. M. Weiß, Sociale Frage und sociale Ordnung, 3. Aufl., Freiburg 1896 [Apol. d. Christenthums IV].)

[V. Cathrein S. J.]


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