Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Störung des Gottesdienstes (turbatio sacrorum) heißt das Delict, welches begangen wird, wenn jemand durch Thätlichkeiten oder Drohungen die Ausübung des Gottesdienstes einer im Staate bestehenden Religionsgenossenschaft absichtlich verhindert, oder in einer Kirche oder an einem andern, zu religiöser Versammlungen bestimmten Orte zur Zeit des Gottesdienstes vorsätzlich Lärm oder Unordnung (namentlich durch Verbal- oder Realinjurien gegen den functionirenden Geistlichen) erregt. Die ersten christlichen Kaiser statuirten gegen dieses Vergehen sehr strenge Strafen; so erklärten Honorius und Arcadius (398) und Marcian (451) die turbatio sacrorum für ein Kapitalverbrechen und setzten die Todesstrafe auf dasselbe (l. 10, Cod. 1, 3; l. 5, Cod. 1, 12). Justinian milderte jedoch diese Strenge, indem er zwei Arten der turbatio sacrorum unterschied und nur die schwerere derselben, die Störung oder Verhinderung des Gottesdienstes oder einer Procession mit dem Tode, die Beleidigung des Bischofs oder eines Clerikers während des Gottesdienstes oder einer Procession dagegen mit körperlicher Züchtigung oder dem Exil bestrafte (Nov. 123, 31). Auch die karolingische Gesetzgebung bestimmte bei Thätlichkeiten gegen Cleriker in der Kirche die Entrichtung eines dreifachen Wehrgelds und setzte überdies den königlichen Bann darauf (s. Mon. Germ. hist. Leg. Sect. II, Capit. reg. Franc. I, 281; II, 60). Gratian verwies in seinem Dictum zu c. 29, C. XVII, q. 4 auf die Gesetze im ersten Buch des Codex Justinianeus. Mit excummunicatio ferendae oder latae sententiae oder interdictum ab ingressu ecclesiae ipso jure bedrohen gleich dem zweiten Concil von Lyon (s. c. 2 in VI 3, 23) mittelalterliche Synoden bewaffnetes Erscheinen in der Kirche, Störung des Gottesdienstes durch unpassendes Benehmen u. dgl. (s. z. B. Mansi XXIII, 1160; XXV, 1074; XXVI, 462 sq.). Im neuern Kirchenrecht hat Pius V. 1566 in der Constitution Cum primum einzelne hierher gehörige Vergehen mit bestimmten, jetzt aber unpraktischen Strafe (Geldbußen, bzw. Prügelstrafe, Exil) bedroht. Das Tridentinum und Particularsynoden weisen theils arbiträre, theils feste Strafen gegen die turbatio sacrorum auf (s. Trid. Sess. XXII, Decret. de observ. et evitand. in celeb. missae; Hardouin X, 452. 690. 828. 1425. 1460. 1564; vgl. Hinschius, Kirchenrecht V, 763 f.). Auch hat die staatliche Gerichtspraxis seit dem 16. Jahrhundert mit den delicta mixta und selbst einzelnen delicta mere ecclesiastica die turbatio sacrorum wieder mehr und mehr in ihren Bereich gezogen. Dabei ist die deutsche Gerichtspraxis der mildern Verordnung Justinians gefolgt und hat auf dem Grunde derselben folgende Theorie ausgebildet: I. Die Todesstrafe darf nur bei der allerschwersten Art der turbatio sacrorum verhängt werden, wenn nämlich 1. der Geistliche nicht bloß mit Worten und Zeichen, sondern mit körperlicher Mißhandlung beleidigt wurde, und dieses 2. in der Kirche und 3. während Ausübung seiner kirchlichen Functionen geschah, und zwar so, daß 4. die Unterbrechung oder völlige Aufhebung des Gottesdienstes die Folge war. II. Fehlt eines dieser vier Requisite, so darf die Strafe des Schwertes nie verhängt werden. War aber die turbatio sacrorum mit besonders erschwerenden Umständen und großem Ärgerniß verbunden, so soll auf Landesverweisung und körperliche Züchtigung erkannt werden. III. Bestand die Störung des Gottesdienstes in bloßen Verbalinjurien gegen den Geistlichen, so tritt eine arbitäre Strafe, gewöhnlich Gefängniß oder Geldbuße, ein, deren Große von der Schwere der Beschimpfung, dem verursachten Ärgerniß, der mehr oder minder bedeutenden Unterbrechung des Gottesdienstes abhängt. IV. Zänkereien und Streitigkeiten der Kirchenbesucher unter sich, wodurch die Functionen des Geistlichen und die Andacht der Anwesenden gestört werden, sollen mit Gefängniß oder Geldstrafen nach dem Ermessen des Richters belegt werden. Waren die Streitigkeiten mit großem Tumult oder gar mit Schlägereien verbunden, so ist das Strafmaß bedeutend zu erhöhen (vgl. B. Carpzov, Jurisprudentia eccles. seu consist. 3, 8: De poenis sacra turbantium). Die moderne Gesetzgebung betrachtet ebenfalls die Religionsdelicte als vom Staate zu bestrafende Vergehen, ist aber in der Androhung von Strafen milder. So bedroht das Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich § 167 die Störung des Gottesdienstes im angegebenen Sinne mit Gefängniß bis zu drei Jahren; dazu bestimmt § 196, daß bei Beleidigung eines Religionsdieners, während er in Ausübung seines Berufes begriffen ist, oder wenn dieselbe in Beziehung auf seinen Beruf begangen wurde, außer dem unmittelbar Betheiligten auch dessen amtliche Vorgesetzte das Recht haben, den Strafantrag zu stellen. Ähnliches statuirt das österreichische Strafgesetz vom 27. Mai 1852, §§ 122b. 303. (Vgl. noch Kohler, Studien aus dem Strafrecht I, Mannheim 1890, 183 ff.; Liszt, Lehrbuch des deutschen Strafrechts, 7. Aufl., Berlin 1896, 386 f.)

[Sägmüller.]


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