Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Storch (Stork, Pelargus, Ciconia), Nicolaus, ein religiös-politischer Schwärmer des 16. Jahrhunderts, wurde geboren in Zwickau, wo er beim Beginne der lutherischen Neuerung als Tuchweber arbeitete. Als im J. 1520 Thomas Münzer (s. d. Art.) seine Umsturzideen in Zwickau zu predigen begann, fand er an Storch einen sehr rührigen Gesinnungsgenossen. Der bibelkundige Tuchmacher, dem Münzer das Zeugniß ausstellte, daß er die heilige Schrift besser verstehe als alle Priester, gewann bald durch seine Winkelpredigten zahlreiche Anhänger; besonders verstand er es, in den niederen Schichten des Volkes sich Geltung zu verschaffen. Er rühmte sich göttlicher Offenbarungen und erklärte sich dazu berufen, an Stelle der alten Gesellschaftsordnung ein neues Reich Christi zu gründen. In diesem Reiche sollte kein äußerer Cultus, kein äußeres Gesetz mehr gelten, keine weltliche Obrigkeit befehlen; alle Menschen sollten einander gleich, alle Güter gemeinsam, alle sollten Priester und Könige sein. Zwölf Apostel und 72 Jünger, als deren Herr und Meister Münzer galt, wurden ausgewählt. Schon drohte ein Aufruhr auszubrechen, da verbot der Magistrat Münzer das Predigen und ließ viele Tuchknappen in das Gefängniß werfen. Storch selber wurde Ende 1521 vor den Rath gefordert, um sich wegen einiger Irrlehren über Taufe und Ehe zu verantworten. Er erschien jedoch nicht, sondern begab sich mit zweien seiner Genossen nach Wittenberg, um dort sein neues Evangelium zu verkünden. Auf Melanchthon, dem sie ihre seltsamen Ansichten vortrugen, machten die Zwickauer Propheten einen tiefen Eindruck; namentlich setzten ihn ihre Einwendungen gegen die Kindertaufe in nicht geringe Verlegenheit. Storch betrachtete damals die Frage von der Taufe noch als eine untergeordnete; als er aber ein Jahr später mit dem Kölner Schwärmer Dr. Gerhard Westerburg nach Wittenberg zurückkam, sprach er, wie Luther berichtet, von nichts Anderem mehr als von der Taufe der Kinder. Es wird ihm denn auch die Einführung des Wiedertaufens zugeschrieben. In den Jahren 1522 bis 1524 durchstreifte Storch das Thüringer Land, in Städten und Dörfern seine Lehre ausstreuend; er wurde hier ein Haupturheber des Bauernkrieges (s. d. Art.). Im Sommer 1524 erschien er in Straßburg; seine Anwesenheit machte sich dort bald bemerkbar, und es begann in den unteren Handwerkerkreisen sich zu regen. Da ließ der Rath, der dadurch auf ihn aufmerksam wurde, Storch verhaften und wies ihn gleich darauf aus der Stadt. Auf seinen Irrfahrten gelangte er nun nach Hof im Voigtlande, wo er mehrere Monate sich aufhielt und von Manchen als ein Prophet verehrt wurde. Während des Bauernkrieges im J. 1525 entkam er heimlich nach München und starb dort noch in demselben Jahre im Spital als ein unbekannter Fremdling. (Vgl. R. Bachmann, Niclas Storch, der Anfänger der Zwickauer Wiedertäufer, Zwickau 1880. Dazu die zahlreichen Berichtigungen und Ergänzungen von G. Kawerau, in d. Theol. Literaturzeitung 1880, 558–561; Janssen, Gesch. des deutschen Volkes II, 18. Aufl. [1897], 231 f.)

[N. Paulus.]


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