Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Sunniten und Schiiten, Namen der beiden Richtungen im Islam, welche sich durch ihre Stellung zur Sunna oder Tradition unterscheiden. Die erstgenannten bezeichnen sich selbst als die Rechtgläubigen und brandmarken ihre Gegner als Sectirer. Sie sind (mit etwa 175 Millionen) unter den Anhängern Mohammeds die bei weitem größere Mehrheit; zu ihnen gehören die Bewohner der europäischen und asiatischen Türkei, Arabiens, Nordafrika’s und einige osttürkische Völkerschaften. Schiiten dagegen (etwa 10 Millionen) sind vorzugsweise die Mohammedaner Persiens, wo im Anfange des 16. Jahrhunderts Ismaʿil, der Begründer der Sefiden-Dynastie, die schiitische Lehre als Staatsreligion erklärte, ferner zum großen Theil die in Indien ansässigen Mohammedaner, sowie einige Tatarenstämme. Der Name Schiiten stammt von dem arabischen Worte Shiʿa, Partei, Secte; Sunniten dagegen von Sunna, Gesetz, Brauch, Sitte, Regel, speciell die auf Äußerungen oder Handlungen Mohammeds zurückgehenden, Anfangs nur mündlich sich vererbenden, später aber auch schriftlich fixirten, das religiöse und gesetzliche Leben der islamischen Gemeinde normirenden Gesetze und Regeln. Da das Wort Schiʿa in späterer Zeit die ihm ursprünglich nicht eignende gehässige Nebenbedeutung »Secte, Schisma oder Häresie« erhielt, so ist es erklärlich, daß die Schiiten selbst sich niemals diese Bezeichnung beilegen, vielmehr sich dagegen entschieden verwahren; und ferner wäre es verkehrt, wenn man – wie es vielfach geschieht – aus der Gegenüberstellung von Schiiten und Sunniten schließen wollte, die ersteren seien principielle Gegner der Sunna oder Überlieferung. Auch gegen diesen Vorwurf haben die Schiiten zu allen Zeiten mit Recht protestirt; denn sie verwerfen nicht die Sunna überhaupt, sondern nur diejenige Sunna, zu welcher sich die orthodoxen Mohammedaner bekennen. Sie besitzen selbst auch eine reichhaltige Traditionsliteratur, halten aber nur diejenigen Überlieferungen für glaubwürdig und verbindlich, welche auf den Kalifen Ali und seine Familie zurückgehen. Im Allgemeinen darf man behaupten, daß die schiitische Literatur noch unzuverlässiger und an tendenziösen Erfindungen und Fälschungen reicher ist als die sunnitische; haben doch die Schiiten sogar den Koran (s. d. Art.) nachträglich durch eine auf Ali bezügliche Sure bereichert.

Das Schisma innerhalb des Islam hat, wie im Vorhergehenden schon angedeutet, seine Veranlassung in einer politischen und dynastischen Frage, und seine Entstehung reicht bis in den Anfang der moslemischen Zeit zurück. Es handelt sich nämlich um die verschiedene Stellung, welche die beiden Religionsparteien zu Ali, dem Schwiegersohne des Propheten und vierten Kalifen, einnehmen. Während nach sunnitischer Orthodoxie keine persönliche Qualität des Propheten, also auch nicht das Imâmat, d. h. die höchste geistliche und weltliche Gewalt über die gesammte islamische Gemeinde, ein Gegenstand der Vererbung sein konnte, vielmehr die Berechtigung zu dieser Würde nur durch den Consensus der Gesammtheit bedingt ist, halten die Schiiten daran fest, daß das Imâmat von Mohammed zunächst auf Ali, nach des letzteren Tode auf seinen ältesten Sohn Hasan, dann auf den jüngern Sohn Husain und weiterhin auf die directen Nachkommen des letztern sich vererbt habe. In der Regel zählen die Schiiten zwölf solcher Imâme (weßhalb sie auch die »Secte der Zwölfer« genannt werden), deren zwölfter und letzter, Mohammed ben Hasan mit dem Beinamen al-Mahdi (der Rechtsgelehrte), in seinem zwölften Lebensjahre spurlos verschwand, aber nach dem Glauben der Schiiten nicht gestorben ist, sondern an einem verborgenen Orte fortlebt, um am Ende der Tage wieder zu erscheinen und dann aller Ungerechtigkeit und allem Elende auf Erden ein Ende zu machen. Aus dem eben Bemerkten ist es begreiflich, daß die Schiiten die drei ersten Kalifen Abu Bekr, Othman und Omar als Usurpatoren betrachten, deren feierliche Verfluchung sogar ein wesentliches Moment des schiitischen Glaubensbekenntnisses bildet. Aber auch die auf Ali folgenden Kalifen der omajjadischen und abbassidischen Dynastie gelten den Schiiten als illegitim. In erster Linie richtete sich ihr Haß gegen die Omajjaden. War es doch der Begründer dieser Dynastie, Muʿâwijja (661–680), gewesen, welcher den ersten Bürgerkrieg innerhalb des Islam entfesselt, die Fahne der Empörung gegen Ali erhoben und sich auf hinterlistige und gewaltsame Weise in den Besitz der Herrschaft gesetzt hatte. Auf Veranlassung seines Nachfolgers Jezid I. (680–683) war der edle Husain bei Kerbela niedergemetzelt und auch dessen älterer Bruder Hasan vergiftet worden. Ein besseres Verhältniß zwischen Sunniten und Schiiten hätte man unter der abbassidischen Dynastie erwarten sollen. Abgesehen von der genealogischen Verwandtschaft zwischen den Abbassiden und den Aliden, hatten die ersteren die Besiegung der Omajjaden zum großen Theile der thatkräftigen Unterstützung von Seiten der Aliden zu verdanken. Gleichwohl wurde unter den ersten abbassidischen Herrschern die in ihren Hoffnungen getäuschte und deßwegen zu Aufständen geneigte alidische Partei nicht glimpflicher behandelt als die Omajjaden. Wohl aber zeigten einzelne der späteren Abbassiden eine Vorliebe für die Aliden. Am weitesten ging in dieser Beziehung Maʾmūn (813–833), welcher nicht nur die schwarze Fahne der Abbassiden gegen die grüne der Aliden vertauschte, sondern sogar einem Nachkommen Ali’s, dem »siebentem Imām« Ali ben Musa (al-Rida), eine seiner Töchter zur Ehe gab. Wie wenig aber solche Maßregeln geeignet waren, eine Aussöhnung zwischen den beiden Parteien herbeizuführen, beweist der Umstand, daß das Vorgehen des Maʾmūn einen Aufstand der Sunniten zur Folge hatte, welcher dem Schwiegersohn des Kalifen das Leben kostete (817). Auch in der Folgezeit kam der schiitische Fanatismus immer wieder von Neuem zum Ausbruche. Übrigens bildete bei manchen der dem Halbmonde unterworfenen Völker die schiitische Anhänglichkeit an Ali und seine Familie nur einen Vorwand, um ihrer Auflehnung gegen das ihnen von den Arabern auferlegte drückende Joch ein gesetzlich religiöses Relief zu verleihen. Solange freilich die Schiiten sich mit einer platonischen Verehrung Ali’s, bezw. der von ihm abstammenden Imāme begnügten, blieben sie von der zur Herrschaft gelangten sunnitischen Partei ziemlich unbehelligt. Sobald sie aber in offene Opposition gegen das ihnen verhaßte Regiment traten, erfolgten blutige Zusammenstöße, welche regelmäßig mit der Niederlage der Schiiten endigten. Dazu bildeten sich auch innerhalb der letzteren in der Folgezeit verschiedene Gruppen, deren Shahrastanī hauptsächlich fünf unterscheidet, die aber wiederum in zahlreiche Unterabtheilungen zerfallen. Bei einigen dieser schiitischen Parteien nahm die Verehrung Ali’s den Charakter der Überschwänglichkeit an, indem sie ihn nicht nur Mohammed gleich, sondern noch über denselben stellten. Von schiitischer Seite wurde sogar die Behauptung aufgestellt, nicht Mohammed, sondern Ali sei von Gott zum Propheten und Verkündiger der wahren Religion auserwählt worden, und nur durch ein Versehen des Engels Gabriel sei die göttliche Botschaft an Mohammed statt an Ali gelangt. Schließlich artete die Verehrung Ali’s in eine wahre Vergötterung desselben aus, indem man unter dem Einflusse altpersischer und buddhistischer Anschauungen Ali geradezu als eine Incarnation der Gottheit betrachtete. Zu diesen extremen Schiiten, welche überdieß höchst gefährliche communistische Ideen in ihr theologisches System aufnahmen, gehörten auch die im Mittelalter wegen ihrer Greuelthaten berüchtigten Assassinen und die jetzt noch in Syrien lebenden, wahrscheinlich aus der Secte der Manichäer hervorgegangenen Nosairier. Auch dei bekannte, in Syrien und im Hauran ansässige Secte der Drusen (s. d. Art.) bildet nur einen Ausläufer der extremen Schiʿa. – Während diese ultraschiitischen Secten von dem ursprünglichen Islam nur wenig beibehielten, besteht zwischen den gegenwärtig die bei weitem größere Mehrheit bildenden gemäßigten Schiiten und den Sunniten in Bezug auf die eigentliche Glaubenslehre kein wesentlicher Unterschied. Beide Parteien bekennen sich zu dem Grunddogma des Islam: »Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist der Gesandte Allas«; nur fügen die Schiiten diesem Bekenntnisse die Worte hinzu: »und Ali ist der Vertraute (oder Freund) Allahs«. In einigen Fragen des Glaubens, z. B. bezüglich der Prädestination und der menschlichen Willensfreiheit, huldigen die Schiiten einer freiern Auffassung und nähern sich der durch die Secte der Muʿtaziliten vertretenen rationalistischen Richtung. Auch die Differenzen bezüglich der gesetzlich religiösen Pflichten betreffen fast nur unwesentliche Äußerlichkeiten, z. B. die Frage, ob die Anfangsworte der ersten Sure laut oder leise gesprochen werden müssen, und ob bei der religiösen Waschung das Waschen der Füße im Nothfalle durch die Reinigung der Fußbekleidung ersetzt werden dürfe. So kleinlich derartige Streitfragen für unsere Auffassung immerhin sein mögen, so bilden sie dennoch bei den Vertretern der beiden Parteien den Gegenstand der heftigsten Controverse. Hierhin gehört auch dei Verschiedenheit in dem Rufe des Muessin, durch welchen die Gläubigen an ihre Gebetspflicht erinnert werden (s. d. Art. Islam VI, 1002). Von den bekannten vier sunnitischen Schulen (s. VI, 994 ff.) steht im Allgemeinen die der Schafiiten der schiitischen am nächsten. Einen Gegenstand besonderer Verehrung und das Ziel der Wallfahrten bilden bei den Schiiten die Gräber Ali’s und seiner Nachkommen; der Besuch dieser heiligen Stätten ist bei den Schiiten fast an die Stelle der sunnitischen Pilgerfahrten nach der Kaaba (s. d. Art.) und dem Grabe des Propheten getreten, und zahlreiche, selbst in weit entfernten Ländern wohnende Schiiten wählen bei jenen Gräbern ihre letzte Ruhestätte, namentlich beim Grabe des Ali in Nadjaf (bei Kufa), bei dem des oben erwähnten siebenten Imâms Ali al-Nida (in Tūs) und vor Allem zu Kerbela, wo Husain, Ali’s jüngster Sohn, seinen Tod gefunden hatte. Alljährlich wird an letzterem Orte in den zehn ersten Tagen des Monats Muharram das Fest der Trauer um Husains Tod begangen, wobei große Processionen und eine theatralische Darstellung der Leidensgeschichte Jusains stattfinden. Die Sunniten feiern nur den 10. Muharram und geben diesem Tage selbstverständlich eine ganz andere Bedeutung (s. eine ausführliche Beschreibung des schiitischen Muharramfestes bei Th. P. Hughes, A Dictionary of Islam, 2. ed., Lond. 1896, 407 to 417). Ein den Schiiten eigenthümliches Fest wird am 18. des letzten Monats gefeiert zur Erinnerung an eine angebliche Äußerung Mohammeds, nach welcher dieser Ali an dem Teiche Chumm feierlich als seinen Nachfolger proclamirt haben soll. (Vgl. im Allgemeinen die im Art. Islam angegebne Literatur, sowie als Hauptquelle für unsere Kenntniß der islamitischen Secten Shahrastani’s Kitāb al-milal wal-nihal, herausgegeben von Cureton, London 1842–1846, auch Bulak 1263 d. H. [1846], deutsche Übersetzung von Haarbrücker, Halle 1850–1851, 2 Thle. Von anderen hierhin gehörigen Schriften seien besonders hervorgehoben: v. Tornauw, Das moslim. Recht nach den Quellen dargestellt, Leipzig 1855; Querry, Droit musulman, recueil de lois concernant les musulmans shyites, Paris 1871, 2 vols.; Ign. Goldziher, Beiträge zur Literaturgeschichte der Schiʿa und der sunnitischen Polemik, in den Sitzungsber. der kaiserl. Akad. d. Wissensch. LXXVIII [1874], 439 ff.; Ders., Die Zahiriten, ihr Lehrsystem und ihre Geschichte, Leipzig 1884; Ders., Mohammedanische Studien, Halle 1889–1890, 2 Bde.; Aug. Müller, Der Islam im Morgen- und Abendland, Berlin 1885–1887, 2 Bde. Ein Verzeichniß der schiitischen Literatur bietet Mohammed ben al-Hasan al-Tusî [gest. 1073 n. Chr.], herausgeg. von A. Sprenger und Mawlawy Abd. al-Haqq, in der Bibl. Indica, fasc. 60. 71. 91. 107, Calcutta 1853–1855.)

[Fell.]


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