Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.


[Bd. 11, Sp. 1433] Tetragrammaton, der in neuerer Zeit Jehova (s. d. Art.) ausgesprochene, aus den vier Buchstaben יהוה bestehende Gottesname, an welchen sich ein mehrfacher jüdischer Aberglaube knüpft. Letzterer, dessen Anfänge in vorchristlicher Zeit liegen, dessen volle Ausbildung aber durch die Kabbalá (s. d. Art.) erfolgte, bezieht sich auf die Aussprache, bezw. auf den Gebrauch, auf die Herkunft des Tetragrammatons und auf die Deutung seiner einzelnen Buchstaben. Die Tradition der Juden, seit dem Tode des Hohenpriesters Simon des Gerechten (310 – 291) sei das Tetragrammaton nicht mehr ausgesprochen worden, ist keine einheitliche, obschon Philo und Flavius Josephus die Unaussprechlichkeit des Gottesnamens mit aller Schärfe behaupten; die Pharisäer lehrten gegenüber den Samaritanern, welche dafür שמא (der Name) lasen, und gegenüber den Sadducäern unter Berufung auf Richt. 6, 12 und Ruth 2, 4, daß das Aussprechen beim Gruß erlaubt sei (Mischna Berach. 9, 5). Auch die LXX haben wohl die Aussprache des Tetragrammatons gekannt, und dasselbe nur aus theologischen Gründen umschreibend durch Κύριος wiedergegeben; denn die Übersetzung durch ὁ ὤν mußte ihnen bei der zu ihrer Zeit in Ägypten bekannten griechischen Philosophie bedenklich erscheinen, die Belassung des Wortes aber in seiner hebräischen Aussprache hatte bei seiner Wichtigkeit in einer griechischen Übersetzung keinen rechten Sinn. Weiterhin zeigen dann die Angaben der Kirchenväter und selbst heidnischer Schriftsteller über die Aussprache des Gottesnamens, sowie der Gebrauch des Tetragrammatons auf Abraxasgemmen, daß die Nichtanwendung keine allgemeine war. Als aber der Sadducäismus keine Bedeutung mehr hatte, wurde es unter den Juden allgemeine Sitte, das Tetragrammaton nicht mehr zu gebrauchen. Die Masoreten trugen diesem Gebrauche Rechnung, indem sie in dem Bibeltext den Buchstaben יהוה die Vocale von Adonai bezw. von Elohim gaben. Maßgebend war vielleicht eine stillschweigende Polemik gegen das Christenthum, welches in dem Κύριος des Alten Testaments öfters den Messias erblickte. Seitdem wurde die Lehre des Judenthums über das Tetragrammaton immer verwickelter und abergläubischer. Man unterschied neben dem Tetragrammaton ein zwölfbuchstabiges [Bd. 11, Sp. 1434] Wort für Gott, welches an die Stelle des Tetragrammatons getreten sei, um dieses vor Entweihung zu schützen; die Lehre von dem zwölfbuchstabigen Gottesnamen beruht auf dem dreimaligen Vorkommen des Tetragrammatons im Priestersegen (Num. 6, 24 – 26), anstatt dessen man dreimal einen andern Ausdruck gesprochen habe. Aber auch das zwölfbuchstabige Wort sei profanirt und daher durch das zweiundvierzigbuchstabige (das der Hohepriester am Versöhnungsfest ausgesprochen haben soll; vgl. jedoch Bacher, Die Agada der babylonischen Amoräer, Straßburg 1878, 17 ff.) und durch das zweiundsiebenzigbuchstabige (so viele Buchstaben zählt Ex. 14, 21) ersetzt. Eine Differenz besteht dabei in der jüdischen Überlieferung darüber, ob die Bezeichnung schem hammephorasch (s. d. Art. Jehova) nur vom Tetragrammaton gilt oder auch auf dessen Surrogate auszudehen ist. – Man schrieb der Kenntniß und Aussprache des geheimen Gottesnamens eine wunderbare Kraft zu: Christus habe die Krankenheilungen und Todtenerweckungen dadurch gewirkt, daß er das Tetragrammaton über die Kranken und die Todten ausgesprochen habe (vgl. Toledoth Jeschu, herausgegeben von Edman, Upsala 1857 [Disser.], 9 ff.). Der Zauberer David Elroy (s. d. Art.) vollendete nach Benjamin von Tudela (Itin., ed. Asher I, 125) einen Weg von zehn Tagen innerhalb eines einzigen Tages infolge der Kraft, welche das ausgesprochene Tetragrammaton ihm verlieh. — Über den Ursprung des Tetragrammatons lehrt die Kabbalá, daß es auf Adam infolge übernatürlicher Offenbarung zurückgehe. Die einzelnen Buchstaben desselben wurden mannigfach gedeutet. Da der Buchstabe ה sich darin zweimal findet, so kommen in dieser Beziehung meistens nur drei Buchstaben zur Geltung. Die Welt ist durch eine Verkörperung der drei Buchstaben יהו entstanden und zwar durch eine sechsfache, da nach der Permutationsrechnung drei Buchstaben sechsmal umgestellt werden können. Das Geheimniß in der Bedeutung des Tetragrammatons zeigt sich auch darin, daß es die Buchstaben in sich vereinigt, welche gewissermaßen die Geister der anderen sind; denn es besteht aus lauter Buchstaben, die sämmtlich zugleich als Vocale verwendet werden (s. Jehuda Hallevi’s [s. d. Art.] Cusari, hrsg. und übersetzt von D. Cassel, 2. Aufl., Leipzig 1869, 303 f.). Ferner sind die drei Buchstaben יהו Symbole für die drei hervorragendsten Sephiroth (vgl. d. Art. Kabbalá VII, 8). Christliche Apologeten sahen in dieser Ansicht die Lehre von der Trinität (Raim. Martini Pug. fid., Lips. 1687, 499). Auch die Zahlensymbolik der Kabbalá wurde verwendet. Das Tetragrammaton enthält die Zahl 10 zweimal (י = zehn; zweimal ה à fünf) und die Zahl 6. Die Zahl 10 bezeichnet die Fülle alles Wissens und aller Weisheit, die Zahl 6 die den Dingen innewohnende Macht und die [Bd. 11, Sp. 1435] alles Gute schaffende Kraft (diese Ansicht findet sich schon bei Philo, Vita Moys. 3, 11. 14). Auch die Temura (s. d. Art. Kabbalá VII, 13) fand bei dem Tetragrammaton Anwendung, indem z. B. der folgende Buchstabe anstatt des vorhergehenden gesetzt wurde, so dass כוזו = יהוה wäre. (Vgl. noch Lexicon pentaglotton, concinnatum a Valent. Schindlero, Hanoviae 1612, 1491 sq.; Decas exercitationum philologicarum de vera pronuntiatione nominis Jehova. Cum praef. H. Relandi, Trajecti ad Rhenum 1707; A. Geiger, Urschrift und Übersetzungen der Bibel, Breslau 1857, 261 ff.; A. Söder, Über den alten Gottesnamen Jave, in der Tübinger Theol. Quartalschrift 1886, 202 ff.)

[Hoberg.]


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