Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Tyrannenmord ist die von einem Privatmanne im öffentlichen Interesse vollzogene Tödtung eines Tyrannen, wobei letzteres Wort in der von Alters her üblichen zweifachen Bedeutung gebraucht sein kann. Man bezeichnet damit nämlich 1. den Usurpator, welcher widerrechtlich den legitimen Souverän verdrängt und sich selbst in den Besitz der höchsten Gewalt gesetzt hat. Ein solcher ist ein Hochverräther und Verbrecher gegen das öffentliche Wohl. So lange er im Zustande des Angriffes gegen die Staatsordnung sich befindet, ist diese zur Nothwehr gedrängt und wird mit vollem Rechte der Gewalt Gewalt entgegenstellen. Gibt es kein anderes Mittel, den Feind des Staates unschädlich zu machen, als seine Tödtung, so ist sie erlaubt, und zwar zunächst dem legitimen Souverän nach ordentlichem Gerichte, dann aber, insoweit es diesem unmöglich ist, seine Richtergewalt über ihn auszuüben, einem jeden seiner Unterthanen; letztere handeln in diesem Falle nicht als Privatpersonen, sondern in Kraft eines ipso facto ihnen übertragenen Mandates der Staatsgesellschaft gegen ihren öffentlichen Feind. In diesem Sinne lehren die alten Theologen die Erlaubtheit des Tyrannenmordes (vgl. S. Thom. In 2 Sent. dist. 44, q. 2, a. 2, ad 5; ähnlich Suarez, Defens. fid. 6, 4, 7). Ist der Usurpator aber in den ruhigen Besitz der Staatsgewalt gekommen und darin so befestigt, daß die legitime Herrscherfamilie durch neue Kämpfe gegen ihn nichts zu erreichen vermöchte als beständige Verwirrung und Schädigung der Gesellschaft, so muß sie um des Gemeinwohles willen von der gewaltsamen Geltendmachung ihres Rechtes abstehen. – »Tyrann« wird aber 2. auch ein rechtmäßiger Herrscher genannt, welcher, statt seine Regentenpflichten zu erfüllen, die Gewalt mißbraucht zur Ungerechtigkeit und zum Ruine seines Volkes. Auch in Regenten dieser Art haben manche Auctoren öffentliche Feinde des Volkes und seine ungerechten Angreifer und Bedrücker erkennen zu müssen geglaubt, und deßwegen den Unterthanen das Recht der Notwehr bis zur Tödtung gegen sie vindicirt; so im 12. Jahrhundert Johann von Salisbury (Polycraticus 3, 15; 4, 1; 8, 17) und zu Anfang des 15 Jahrhunderts der Franciscaner Jean Petit. Das Concil von Konstanz (1415) verurtheilte diese Lehre als häretisch in dem Satze: Tyrannus potest et debet licite et meritorie occidi per quemcunque vasallum et subditum, etiam per clanculares insidias et subtiles blanditias vel adulationes, non obstante quocunque praestito juramento seu confoederatione facta cum eo, non spectata sententia vel mandato judicis cujuscunque (vgl. d. Art. Johannes Parvus VI, 1748). Von da an gab es nur mehr wenige katholische Theologen, welche, übrigens immer unter großen Beschränkungen, einer gewaltsamen Beseitigung tyrannischer Regenten das Wort redeten. Darunter war ein einziger Jesuit, der Spanier Joh. Mariana (s. d. Art), dessen Buch De rege et regis institutione (1599) so wenig beanstandet wurde, daß König Philipp III. es genehmigte und die Widmung desselben annahm. Mariana verlangte, das Volk solle die Tyrannei so lange als möglich ertragen; erst wenn der Herrscher über alle göttlichen und menschlichen Rechte sich hinwegsetze, solle das Volk zusammentreten und ihm es wehren, und wenn alle Mahnungen fruchtlos blieben, ihn als öffentlichen Feind erklären und tödten. Wenn ein derartiges Gericht über den Tyrannen nicht förmlich gehalten werden könne, das ganze Volk aber darin einig sei, daß der Herrscher nur ein öffentlicher Feind sei, so dürfe jeder, dem die Möglichkeit gegeben sei, als Vertreter des Volkes die gebührende Strafe vollstrecken, doch nur mit offener Gewalt, nicht mit Gift oder Meuchelmord. Dabei erklärt Mariana, dieß sei seine persönliche Überzeugung, er sei sich aber seiner Irrthumsfähigkeit bewußt und wolle dankbar eine bessere Belehrung annehmen. Durchaus ungerechtfertigt ist aber die Bezichtigung der Gesellschaft Jesu, als wenn der Tyrannenmord bei ihr Ordenslehre sei. Kein anderer Jesuit stimmte Mariana zu; der Ordensgeneral Claudius Aquaviva (s. d. Art.) gebot alsbald nach Erscheinen des genannten Buches die Correctur der anstößigen Stellen und erließ am 6. Juli 1610 unter Androhung der schärfsten Strafen das Verbot, daß jemals ein Mitglied der Gesellschaft heimlich oder öffentlich lehre, es dürfe irgend jemand unter dem Vorwande der Tyrannei einem Regenten nach dem Leben streben oder ihn tödten (Instit. Soc. Jesu II, Rom. 1870. 51). Eigenthümlich dagegen ist die Lehre von der Erlaubtheit des Tyrannenmordes mehreren der sogen. Reformatoren. Luther lehrt, nicht ein Privatmann, wohl aber die Gesammtheit der Unterthanen solle sich gegen einen Regenten erheben, der wider Recht und Billigkeit nur nach seinem Gefallen handele, und ihn umbringen wie einen andern Mörder und Straßenräuber (Sämmtliche Werke LXII, Frankfurt a. M. und Erlangen 1854, 201 f. 206 f.). Noch schärfer und entschiedener vertheidigt Melanchthon den Tyrannenmord als das Gott angenehmste Opfer, das man schlachten könne (Corp. Ref. III, Halis 1836, 1076). Die Koryphäen des Zwinglianismus und Calvinismus treten ebenso entschieden dafür ein (s. Janssen, Geschichte des deutschen Volkes V [1886], 537 ff.). – Verschieden von der Lehre der Erlaubtheit des Tyrannenmordes ist die ehedem den katholischen wie protestantischen Auctoren gemeinsame Lehre, das tyrannisch regierte Volk dürfe gegen den Tyrannen sich erheben, ihm den Krieg erklären und ihn entweder vertreiben oder vor das Gericht stellen (s. hierüber Suarez, De bello s. 8, n. 2). Sie ist eine Folgerung aus der mittelalterlichen Auffassung (welche aber nichts gemein hat mit der im Deismus und Materialismus wurzelnden Lehre von der Volkssouveränität), Gott habe die Regierungsgewalt in dem Volke niedergelegt, für dessen Wohl sie eingesetzt sei. Das Volk bestimme ihren Träger. Mache sich dieser des strafbarsten Mißbrauches derselben zum Verderben des Volkes schuldig, so könne dieses die Gewalt wieder an sich nehmen und den Tyrannen ihrer verlustig erklären, aber nur durch ordentliches Gerichtsverfahren. Der hl. Thomas spricht sich auch hierfür aus, insoweit es geschehen kann, ohne noch größere Übel für das Gemeinwohl herbeizuführen (S. theol. 1, 2, q. 96, a. 4 in corp. et ad 3; 2, 2, q. 42, a. 2, ad 3; q. 69, a. 4: Sicut licet resistere latronibus, ita licet resistere malis principibus, nisi forte propter scandalum vitandum). An sich hat der hl. Thomas von der Regentengewalt die erhabenste Anschauung (z. B. De regimine princ. 1, 12: Hoc igitur officium rex se suscepisse cognoscat, ut sit in regno, sicut in corpore anima et sicut Deus in mundo), und von dem erwähnten Rechte eines Volksgerichtes über den tyrannischen Regenten redet er (ib. c. 6) nur als von dem äußersten und einzigen Mittel, das Verderben von der Staatsgesellschaft abzuwenden. Falls eine Bekämpfung des Tyrannen nicht möglich wäre, ohne über den Staat noch größere Übel zu bringen, müsse man geduldig die Tyrannei tragen als eine Buße für die Sünden des Volkes und beten. Wenn die Sünde, diese Quelle alles Übels, getilgt sei, werde Gott Hilfe schicken. – Die Anschauung vom Rechte des Volkes, dem Tyrannen activen Widerstand entgegenzusetzen, hat auch in der neuen Zeit noch ihre Vertreter gefunden und darunter Männer, welche nicht einmal Katholiken, geschweige denn Jesuiten sind, wie Dahlmann, Ahrens, Bluntschli, Rob. v. Mohl. Pius IX. dagegen hat im Syllabus als falsch und irrthümlich die aus der Lehre von der Volkssouveränität abgeleitete These erklärt, legitimis principibus obedientiam detrectare, imo et rebellare licet (Prop. 63). Damit ist den Unterthanen einzeln und in ihrer Gesammtheit das Recht einer Erhebung gegen den Fürsten und eines Gerichtes über ihn abgesprochen. Das natürliche Recht, actuellen widerrechtlichen Angriffen auf die Güter der Unterthanen activen Widerstand entgegenzusetzen (die sog. Nothwehr; s. d. Art.), wird damit natürlich nicht berührt. Bei den modernen Verhältnissen der constitutionellen Staaten sind übrigens derartige Vergewaltigungen durch Fürsten kaum denkbar, so daß die besprochene Frage sehr geringe praktische Bedeutung hat. (Vgl. Walter, Naturrecht und Politik, 2. Aufl., Bonn 1871, § 358 ff.; Hergenröther, Kathol. Kirche und christl. Staat, Freiburg 1872, 475 ff.; Duhr und Schlecht, im Hist. Jahrb. 1893, 107 ff.; Reusch, Beiträge zur Geschichte des Jesuitenordens, München 1894, 1 ff.; Cathrein, Moralphilos. II, 3. Aufl., Freiburg 1899, 661 ff.; Duhr, Jesuiten-Fabeln, 3. Aufl., Freiburg 1899, 659 ff.)

[Pruner.]


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