Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Velum (auch velamen) heißt eine Hülle oder ein Behang von gewebtem Stoffe, der im kirchlichen Dienste sowohl aus praktischen und ästhetischen als auch besonders aus symbolischen Gründen zur Ausstattung der Cultusstätte und der Geräthe sowie im Ornate der liturgischen Personen mannigfache Verwendung findet. Im Alterthum und das Mittelalter hindurch waren die größeren Kirchen mit solchen Behängen ungemein reich ausgestattet; der neuern Zeit sind sie zum großen Theile fremd geworden, obwohl die kirchlichen Bestimmungen sie kennen und wünschen. Von der nachconstantinischen Zeit an wurden die Eingänge zur Kirche im Äußern bei festlichen Gelegenheiten mit Stoffbehängen geschmückt und die Thüröffnungen tagsüber an der Innenseite mit frei herabhängenden, über dem Thürsturze befestigten Teppichen geschlossen, die ein geräuschloses Kommen und Gehen ermöglichten und den Kirchenraum vor eindringendem Staube, Luftzug und anderen Unannehmlichkeiten sicherten. Diese Einrichtung, die in den Ländern des Südens sich noch jetzt findet, ersetzte die im Norden beliebten Windfänge. An den Säulenarcaden, den Umfassungsmauern des Kirchenschiffes und namentlich des Sanctuariums dienten solche Behänge zum Abschlusse und, wie die oft kostbar ausgestatteten Dorsalien der spätern Zeit, zum festlichen Schmuck (vgl. Grisar, Gesch. Roms und der Päpste im Mittelalter I, Freiburg 1900, 375 ff.). Die Lesepulte zu beiden Seiten des Altars, die bischöfliche Cathedra und die Sitze der Geistlichkeit wurden ebenso bekleidet. Vor dem Altare und rings um denselben hingen zwischen den Säulen des Ciboriums bewegliche Teppiche, die Tetravelen, welche vom Beginne des Canons bis zur Communion den Altar und die heilige Handlung den Blicken der Gläubigen entzogen; ihr Vorbild hatten sie in der Ausstattung des jüdischen Tempels (Marc. 15, 38. Luc. 23, 45). Solchen Schmuck im Äußern und Innern der Kirche, insbesondere Bekleidungen in den wechselnden liturgischen Farben für den Altar (das pallium altaris; s. d. Artt. Antependium und Pallium IX, 1317), für die Kanzel und die am Altare benöthigten liturgischen Bücher verlangen auch jetzt noch das Missale (Rubr. gen. 20) und das Cerim. Episc. (1, 12, 2. 15. 18 und 2, 24, 4); in Gebrauche sind sie jedoch nur in einzelnen Kirchen. Bei der Feier der heiligen Messe ist der Kelch bis zur Opferung und nach der Communion mit einem Behange von Seide (velum sericum) ringsum bedeckt, und im feierlichen Hochamte mit Ausnahme der Requiemsmessen hat der Subdiacon die Patene von der Opferung bis zum Pater noster mit dem Schultervelum verhüllt zu halten. Als Ehrenerweis für das hochheilige Sacrament ist der Speisekelch (Ciborium [s. d. Art.], pyxis) mit einem weißen Velum und das Tabernakel mit dem zeltartigen Conopöum (s. d. Art.) zu umkleiden. Aus demselben Grunde soll der Priester zur Ertheilung des sacramentalischen Segens, und wenn er das heilige Sacrament in der Procession oder zu einem Kranken trägt, ein Schultervelum von weißer Seide anlegen. Das einer kleinen Kreuzfahne ähnliche sogen. Vorsatzvelum zur Verhüllung des ausgestellten heiligen Sacramentes ist nur in Deutschland bekannt. In der Mailänder Kirchenprovinz ist auch der Taufstein mit einem Conopöum bekleidet. Gleichfalls zur Bezeigung der Ehrfurcht ist bei der Altarweihe die Kapsel, welche die Reliquien umschließt, bis zur Beisetzung in das Sepulcrum des Altars mit einem Velum verhüllt. Zunächst einen ästhetischen Grund hat es, daß der Bischof im feierlichen Dienste während einzelner Chorgesänge das Gremiale (s. d. Art.) trägt, daß der Acolyth die Mitra mit einem Schultervelum (mappa serica oblonga; Cerim. Episc. 1, 11, 6) hält, daß die Gefäße mit den Ölen (s. d. Art. IX, 713) zur Weihe am Gründonnerstage verhüllt vor den Bischof gebracht, und daß bei Exequien die Tumba (s. d. Art.) oder der Sarg mit dem Todtentuch verdeckt werden. Eine symbolische Bedeutung hat die Verhüllung der Crucifixe und Bilder in den Kirchen während der Passionszeit, sowie das Hunger- oder Fastentuch (s. d. Art.), das mancherorts im Mittelalter zur Fastenzeit zwischen Chor und Schiff aufgehängt wurde. (Vgl. Fr. Bock, Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters III, Bonn 1871, wo »die stoffliche Ausstattung des Altares, des Chores und des Langschiffes« ausschließlich und ausführlich behandelt wird.)

[K. Schrod.]


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