Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Vesper (vesperae, ἑσπερινόν) heißt derjenige Theil des canonischen Officiums, der das letzte Tagesviertel von der Non bis zum Anbruche der Nacht, die Abendzeit (vesper, vespera), heiligen soll. Im Alterthum hieß diese Gebetsform auch vespertina oratio und der Bezeichnung der Tageshoren (Prim, Terz u. s. w.) entsprechend hora duodecima, sowie mit Rücksicht auf Luc. 1, 10 und auf die bei dem Canticum übliche Incensation hora incensi. Ein Anklang an diese Bezeichnung und an die Incensation hat sich in dem Versus erhalten, der in der freien Zeit des Kirchenjahres (per annum) vom Hymnus zum Canticum überleitet (am Samstag: Vespertina oratio etc., am Sonntag und den übrigen Wochentagen: Dirigatur … oratio mea sicut incensum etc.). Von dem Anzünden der Lichter, das die Tageszeit erforderte, nannte man diese Hore lucernarium (ἐπιλύχνιον); diesen Namen trägt noch jetzt im ambrosianischen Brevier ein kurzes Responsorium, welches die Vesper eröffnet. Werden die einzelnen Horen auf das Leiden des Herrn bezogen, so entspricht die Vesper der Abnahme Christi vom Kreuze; Vesperae deponunt, sagt der alte Memorialvers. In Deutschland werden denn auch die bildlichen Darstellungen dieses Momentes und besonders der seligsten Jungfrau, welche unter dem Kreuze den Leichnam ihres Sohnes hält, Vesperbild genannt. – Wie das Morgenlob (laudes matutinae), so wurde auch die Abendhore vom 2. Jahrhundert an unter Theilnahme der Gläubigen öffentlich und feierlich begangen. Wo, wie in Collegiat-, Stifts- und Klosterkirchen, das Stundengebet öffentlich gehalten wird, ist der Vesperdienst besonders feierlich; auch da, wo kein Chordienst stattfindet, ist, zumal in Deutschland, der Vesperdienst an Sonn- und Feiertagen vielfach Übung des Volkes geblieben. – Seitdem die Complet, welche Anfangs als Privatgebet in Übung kam, zunächst in den Klöstern die den Tag abschließende öffentliche Hore geworden ist, und die klösterliche Disciplin die Vesper so früh ansetzte, daß zur Mahlzeit, welche erst nach jener eintreten durfte, Lampen nicht mehr benöthigt waren, verschob sich die Vesper von der Abendzeit in den Nachmittag bis zur Zeit der Non, und die Non auf den Ausgang des Vormittags; so wurde es Brauch, auch im öffentlichen Chordienst die Vesper bereits in der ersten Hälfte des Nachmittags zu begehen und an den größeren Ferien die Conventualmesse de tempore an die Non anzuschließen. Als es im Laufe des 14. Jahrhunderts Sitte wurde, die Hauptmahlzeit Mittags zu halten, hielt man in der Fastenzeit die Vesper bereits vor der Mittagsstunde; der Gebrauch ist dann durch die Rubrik so geregelt worden, daß vom Samstag vor dem ersten Fastensonntage bis Ostern mit Ausnahme der Sonntage die Vesper auch im Chordienste ante comestionem gebetet werden soll. – Die Vespern des Sonntages und der Ferien sind im »Psalterium« des Breviers enthalten; die in einzelnen Festzeiten wechselnden Stücke sind im Proprium de tempore angegeben; die Vesper der Heiligenfeste ist dem Proprium oder Commune Sanctorum zu entnehmen. Da der liturgische Tag mit der Vesperzeit beginnt und schließt, so beanspruchen die Feste vom festum semiduplex an eine erste Vesper zum Beginn und eine zweite Vesper zum Schluß ihrer Feier; der das Fest eröffnenden (ersten) Vesper ist eine größere Feierlichkeit als der zweiten eigen (vgl. Cerim. Epp. 2, 1). Wie zwei sich unmittelbar folgende Feste je nach ihrem Range ihre Vespern an oder in einander fügen, ergibt sich aus den Rubriken des Breviers und der Concurrenz-Tabelle. – In ihrem Bau entspricht die Vesper durchaus den Laudes. Auf die gewöhnlichen Eingangsgebete (Pater, Ave, Deus in adjutorium etc.) folgen fünf (im monastischen Officium vier) Psalmen mit ihren Antiphonen, das dem Feste oder der Festzeit eigene Kapitel mit dem Hymnus und dem Versus, das Canticum Magnificat mit seiner Antiphon, die Oration mit den etwaigen speciellen und allgemeinen Commemorationen (suffragia); an den Ferien und niederen Festen werden vor der Oration die preces eingelegt; die Schlußversikel sind dieselben wie bei den übrigen Horen. Auf die Vesper der Wochentage, mit dem Sonntag beginnend, vertheilen sich die Psalmen 109–147, mit Ausnahme von vier Psalmen, welche im Wochenpsalterium bereits Verwendung gefunden haben. An den Festen treten meist die Sonntagspsalmen ein, wobei in der Regel der letzte Psalm wechselt; einige der höchsten Feste, die Feste der heiligen Mutter Gottes, der Jungfrauen und Frauen sowie das Todtenofficium haben eigene Vesperpsalmen. Wie bei den Laudes das Benedictus, so ist in der Vesper der marianische Lobgesang Magnificat das täglich, auch in der Todtenvesper wiederkehrende Canticum. Die Melodie desselben ist feierlicher als der der Psalmen; während dasselbe gesungen wird, werden, wie bei der feierlichen Messe, der Altar, die Officianten, der Chor und die Gläubigen incensirt.

[K. Schrod.]


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