Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Vorsehung, göttliche (auch Fürsehung, Vorsorge, Fürsorge; providentia, gubernatio, cura; πρόνοια, ἐπιμέλεια), heißt im weitesten Sinne jede Fürsorge Gottes für die Geschöpfe; im engern Sinne die göttliche Weltregierung, d. h. die Hinlenkung der Welt zu ihrem von Gott bestimmten Ziele; im engsten Sinne endlich der dieser Weltregierung zu Grunde liegende ewige Weltplan Gottes. Zur nähern Erläuterung ist zunächst zu handeln vom I. Begriff der göttlichen Vorsehung im Einzelnen. Als überweltliche, unendliche, persönliche Ursache der Welt hat Gott zu derselben eine dreifache Beziehung. Er ist zunächst als Weltschöpfer ihr Urheber; alle Wesen sind durch seine Allmacht aus dem Nichts in’s Dasein gerufen, verdanken ihm ihren Ursprung und ihr ganzes Sein. Gott ist ferner als Welterhalter das Princip des Bestandes und der Dauer aller geschaffenen Wesen, und durch die unmittelbare Mitwirkung mit dem Wirken der Geschöpfe die erste Ursache aller Thätigkeit, der Bewegung, des Lebens, der ganzen Entwicklung derselben. (Vgl. d. Artt. Concursus divinus, Gott und Schöpfung.) Weil sodann die Welt in ihrem Sein, ihrem Fortbestand und ihrem Wirken von Gott als ihrem Princip wesentlich abhängig ist, so muß sie es auch in der Erreichung ihres von Gott selbst mit Absicht und Bewußtsein intendirten Endzieles sein. Gott lenkt und leitet als Weltregierer alle geschaffenen Dinge in solcher Weise, daß die Welt wirklich ihre Bestimmung erreicht; regieren, leiten und lenken bedeutet ja eben die Hinleitung zum rechten Ziele: »So wird auch das Schiff gelenkt, indem es durch die fürsorgliche Thätigkeit des Schiffsführers auf dem richtigen Wege unbeschädigt in den Hafen geführt wird« (S. Thomas, De regim. princ. I, 14). Diese Thätigkeit Gottes heißt »Vorsehung« im engern Sinne, während die Providenz im weitesten Sinne auch die Erhaltung der Geschöpfe sowie die Verursachung alles creatürlichen Wirkens einschließt. Die letzterwähnte, allgemeinere Auffassung der Vorsehung tritt in der kirchlichen Sprache und Lehre in den Vordergrund, wo immer es sich nicht um eine wissenschaftliche Erklärung und Scheidung der Begriffe conservatio, concursus und providentia, sondern um Darlegung der katholischen Lehre von der absoluten, allseitigen und fortdauernden Abhängigkeit der Creatur vom Schöpfer handelt, und wo irrige Ansichten zurückgewiesen werden sollen, welche zwar nicht die schöpferische Thätigkeit, wohl aber jeglichen Einfluß Gottes auf die Menschen und auf die Welt im Allgemeinen läugnen (s. u. II). So betont der römische Katechismus (1, 2, 21 und 22), daß nicht nur »das Dasein aller Dinge allein durch die Allmacht, Weisheit und Güte Gottes bewirkt werden konnte«, sondern auch »nach Vollendung des Schöpfungswerkes« »die göttliche Vorsehung alle geschaffenen Dinge beständig begleitet und sie mit derselben Kraft erhält, womit sie in’s Dasein gerufen sind«; daß diese Vorsehung sowohl »Alles erhält und regiert«, als auch Ursache »aller Bewegung und Wirksamkeit der Geschöpfe ist«. In demselben Sinne erklärt das Vaticanum gegen den modernen Naturalismus: »Alles, was Gott erschaffen hat, erhält und regiert er durch seine Vorsehung« (Constit. dogm. de fide cath. c. 1). Ähnlich sagt der hl. Thomas: Duo sunt effectus gubernationis, scilicet conservatio rerum in bono, et motio earum ad bonum (S. th. 1, q. 103, a. 4, c). Im engsten Sinne des Wortes, welcher an die ursprüngliche Bedeutung von providere und providentia, προνοέω und πρόνοια, »vorwärts sehen, in die Ferne sehen, Vorherwissen, Vorhersehen« sich anschließt, bezeichnet die Vorsehung den der Weltregierung zu Grunde liegenden, von Ewigkeit her von Gott festgestellten Weltplan, oder die Hinordnung der Dinge zum Ziele in der göttlichen Erkenntniß (vgl. S. Thom., S. th. 1, q. 22, a. 1, c). Die Auffassung der Vorsehung als Weltregierung weist sowohl auf diese ewige »Ordnung der Dinge in Gott«, in der göttlichen Erkenntniß oder Idee hin, als auch auf die thatsächliche Ausführung des göttlichen Weltplanes in den Geschöpfen; mit anderen Worten, die Begriffe providentia und gubernatio sind objectiv identisch, obwohl sie sich (nach unserer Auffassungsweise; s. darüber d. Art. Gott V, 874 f.) verhalten wie Ursache und Wirkung. Die Regierung der Welt ist ein Ausfluß der unendlichen Weisheit Gottes, welche die Dinge nicht einem blinden Gesetz oder Fatum unterworfen sein läßt, sondern alle erschaffenen Wesen, die einzelnen wie die Gesammtheit derselben, dem von Gott selbst in seinem ewigen Rathschluß vorgesehenen Endziele zuführt, alles das vorhersehend, was dessen Verwirklichung bedingt: Zahl und Beschaffenheit der Dinge, ihre inneren Kräfte und ihre Beziehungen zu einander, die einzelnen Umstände und Bedingungen, unter welchen die Geschöpfe handeln sollen und wirklich handeln. Als ratio ordinandorum in finem, als maßgebender Grund der Hinordnung aller Dinge zu ihrem Ziele ist demnach die Vorsehung zunächst ein Act der göttlichen Erkenntniß; sie setzt aber ebenso nothwendig einen göttlichen Willensact voraus, welcher jenen Zweck und die zu dessen Erreichung führenden Mittel von Ewigkeit her gut heißt und in der Zeit die actualis providentia oder cura de rebus creatis, die thatsächliche Hinleitung der Dinge zu ihrem Ziele, die eigentliche gubernatio bewirkt. Diese Erklärung entspricht daher auch genau dem Ausdrucke, um nicht zu sagen der Definition der heiligen Schrift: Tua, Pater, providentia gubernat (Weish. 14, 3); sowie der Begriffsbestimmung, in welcher der Aquinate neben der »ewigen Weltordnung« auch die zeitliche Bethätigung der Providenz in’s Auge faßt (Ad providentiae curam duo pertinent: scilicet ratio ordinis, quae dicitur providentia et dispositio; et executio ordinis, quae dicitur gubernatio. Quorum primum est aeternum, secundum temporale; S. th. l. c. ad 2; vgl. C. gentes 3, 64). Dieselbe steht auch im Einklang mit der Beschreibung, welche das Buch der Weisheit von dem Wesen und Wirken der Vorsehung in ihrem Verhältniß zur schöpferischen und erhaltenden Thätigkeit Gottes entwirft. Weil das ganze göttliche Wirken von dem göttlichen Erkennen, von der unendlichen Weisheit geleitet und getragen wird, so ist eben diese Weisheit, indem sie allen Dingen Dasein, Bestand und Wirken verleiht, die Schöpferin und Beleberin aller Dinge (Sapientia omnium artifex [Weish. 7, 21]). Sie ist auch die Vorsehung und Fürsorge, welche als Ordnerin und Gesetzgeberin aller Dinge, als sapientia disponens, von Ewigkeit her »Alles anordnet« und dieser Weltordnung gemäß, gleichsam durch Messen, Zählen und Abwägen aller Dinge, jedem einzelnen seinen Platz in der Schöpfung anweist, ihm seine zweckmäßige Organisation verleiht und zugleich alle Wesen trotz ihrer Verschiedenheit zu einem harmonischen Ganzen vereinigt (Omnia in mensura et numero et pondere disposuisti; ebd. 11, 21). Darum ist sie auch die Alles vermögende Beherrscherin und Lenkerin, die ausführende und lenkende Vorsehung, die sapientia gubernans, welche »kein Hinderniß kennt«, »Alles sieht und durchschaut« (… quem [spiritum] nihil vetat … omnia prospiciens [ebd. 7, 22. 23], die bei dem unerschöpfllichen Reichthum ihrer Mittel und vermöge ihrer vollkommenen Erkenntniß aller Verhältnisse Alles dem göttlichen Weltplan dienstbar macht, der auch das Hinderniß zum Mittel wird, um unter Wahrung der den regierten Wesen und insbesondere den vernünftigen Creaturen eigenthümlichen Selbständigkeit mit unwiderstehlicher Kraft und unfehlbarer Sicherheit ihre weisen Absichten auszuführen (Attingit a fine usque ad finem fortiter et disponit omnia suaviter; ebd. 8, 1). – Nun lehren aber Vernunft und Glaube, daß Gott selbst wie der Urgrund so auch das Endziel aller göttlichen Werke, daß die Offenbarung der Güte und Vollkommenheit Gottes, daß Gottes Ehre und Verherrlichung (gloria Dei externa) durch alle Creaturen, die vernunftlosen wie die vernünftigen (gloria objectiva und gloria formalis), wie der erste Beweggrund, so auch der Endzweck der ganzen Schöpfung ist; der Endzweck, zu welchem alle Geschöpfe ihrer Natur nach hingeordnet sind (finis operis), den Gott zugleich kraft seines freien Wollens und Wirkens beabsichtigt (finis operantis) und kraft seiner Allmacht unfehlbar erreicht. Mit diesem unbedingten und nothwendigen Endziel (finis primarius) ist der Absicht Gottes und der Natur der Sache nach das Wohl der Geschöpfe, insbesondere der vernünftigen, als untergeordneter und (in Anbetracht des creatürlichen freien Willens) bedingter Zweck (finis secundarius) auf’s Innigste verbunden, da die Geschöpfe als Abbilder der göttlichen Güte gerade in der Verherrlichung Gottes ihre eigene Güte und Glückseligkeit finden (vgl. 2 Cor. 4, 15). Die göttliche Vorsehung wird demnach mit Recht definirt als die göttliche Weltregierung, als die Hinordnung und Hinleitung aller geschaffenen Dinge zu dem in dem ewigen Weltplane vorgesehenen Endziele der Verherrlichung Gottes. – Aus dem Gesagten ergibt sich das Verhältniß der Vorsehung zu den anderen, besonders den sogen. relativen Attributen Gottes. Die Beziehung, welche die Weltregierung zu den äußeren Werken Gottes als solchen ausdrückt, ist eben nur eine Offenbarung und Bethätigung anderer göttlichen Eigenschaften und kann daher auch nur in ihrem Lichte verstanden und gewürdigt werden. Sie offenbart die Allgegenwart und besondere Innewohnung Gottes in den Creaturen, in dem alle »leben, sich bewegen und sind« (Apg. 17, 28), dessen Geist Alles »erfüllt, trägt und durchdringt, auch das Innerste der Herzen« (Weish. 1, 6–9); die Allmacht des in der Ordnung der Natur wie der Gnade »allmächtigen Königs und allherschenden Gottes« (Eccli. 1, 8), dem »nichts unmöglich oder schwierig« (Gen. 18, 14), »dessen Willen nichts widerstehen kann« (Esther 13, 9), der eben deßhalb »sich Aller erbarmt, weil er Alles kann« (Weish. 11, 24); die Allwissenheit, deren »Augen viel heller sind als die Sonne und die verborgensten Tiefen, auch die geheimsten Falten des Herzens durchschauen« (Eccli. 23, 28), die daher auch von Ewigkeit her alles Mögliche und Wirkliche, alles Denken und Thun der Creatur, alles Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige, auch die freien Willensacte der vernünftigen Geschöpfe vollkommen erkennt; die göttliche Güte, welche »alles liebt, was da ist, und nichts haßt von dem, was sie gemacht hat« (Weish. 11, 25), die »den Kleinen wie den Großen geschaffen hat und Allen gleiche Sorge widmet« (ebd. 6, 8), die die Sünde und den Sünder verabscheut (ebd. 14, 9), aber zugleich nicht den Tod, sondern das Leben, nicht den Untergang, sondern die Rettung eines jeden Sünders will (Ez. 18, 23. 2 Petr. 3, 9); die Gerechtigkeit, die als oberste Gesetzgeberin die vernunftlosen Geschöpfe in ihrer Entwicklung und in ihrem Wirken leitet, den vernünftigen Geschöpfen die Norm ihrer freien Thätigkeit durch das natürliche wie das übernatürliche Sittengesetz, durch die Vernunft wie durch die Offenbarung vorschreibt und »jedem vergilt nach seinen Werken« (Offb. 2, 12). – Die oben erwähnte Verschiedenheit in der Auffassung der Vorsehung erklärt es auch, warum der hl. Thomas in der Summa theol. die Providenz als göttlichen Erkenntniß- und Willensact zunächst (S. th. 1, q. 22) unter den Attributen, quae respiciunt simul intellectum et voluntatem, sodann als gubernatio rerum nach der Lehre von der Schöpfung (ib. q. 103) und in der Summa c. gent. (3, 64 sqq., bes. 71–83) bei Erklärung des Endzieles der Schöpfung bespricht. Nach seinem Beispiele behandeln die meisten Theologen die Vorsehung bei der Lehre von Gott und den göttlichen Attributen (De Deo Uno); die von Anderen vorgezogene Verweisung derselben in den Tractat über Gottes Werke (De Deo creante et elevante) ist nach dem Gesagten sicher ebenso berechtigt.

II. Beweise für die Existenz der göttlichen Vorsehung. 1. Die Vernunft vermag zunächst auf doppelte Weise des Waltens der göttlichen Vorsehung gewiß zu werden, nämlich 1. a posteriori, indem sie aus der in der Welt in den einzelnen Creaturen wie in der Gesammtheit derselben sich kundgebenden Ordnung, Zweckmäßigkeit und Einheit das Dasein eines die Welt nach bestimmten Gesetzen regierenden, unendlich vollkommenen intelligenten Wesens erschließt (der sog. physico-theologische oder teleologische Gottesbeweis; s. d. Art. Gott V, 867); 2. a priori, indem sie, das Dasein Gottes voraussetzend, aus der unendlichen Weisheit, Güte und Macht der ersten Ursache mit Nothwendigkeit folgert, daß Gott sowohl den einzelnen geschaffenen Dingen ihren besondern Zweck, wie auch allen insgesamt ein gemeinsames Endziel anwies und sie mit den zur Erreichung dieses Zieles geeigneten Mitteln ausstattete (vgl. S. Thom. S. th. 1, q. 103, a. 1 und C. gent. 3, 75). Dieser Beweis ist nach Clemens von Alexandrien so einleuchtend, daß die Läugnung der Vorsehung nicht nur eine Verläugnung der christlichen Glaubenslehre ist (Strom. 1, 11, 52), sondern auch die Läugnung des Daseins Gottes selbst einschließt und daher nicht so sehr Widerlegung als Strafe verdient (ib. 4, 15, 122); ja es ist strafwürdig, überhaupt Beweise für eine so evidente Wahrheit zu fordern (ib. 5, 1, 6). Ebenso ist nach Lactantius die Läugnung der Providenz nur im Munde des Atheisten denkbar; daher enthalte Epikurs Weltanschauung einen innern Widerspruch, weil er einerseits das Dasein Gottes annehme, andererseits behaupte, es gebe keine göttliche Weltregierung (De ira Dei 9). – Zu beiden Vernunftbeweisen kommt dann 3. der indirecte Beweis der deductio ad absurdum, indem, wie schon Cicero ausführt, die Verwerfung des Glaubens an die göttliche Fürsorge alle Religion und darum auch das Fundament der menschlichen Gesellschaft untergräbt (De natura Deorum 2; De legibus 2, 4 sqq.). Denselben Gedanken spricht der hl. Augustinus aus (De util. cred. 16), und Lactantius kleidet Cicero’s Ausspruch nur in die christliche Sprache, wenn er sagt: Quid contemptius dici potuit in Deum? (De ira Dei 8.)

2. Die heilige Schrift enthält nicht nur die deutlichsten Beweise für die Existenz und das Wirken der Providenz; sie ist geradezu das Buch der göttlichen Vorsehung, deren Lob sie sozusagen in jedem Worte verkündet, deren ununterbrochene Thätigkeit für die Creatur in der natürlichen und übernatürlichen Ordnung sie eingehend beschreibt, als deren Werke sie die Geschichte der Welt und der Menschheit von der Erschaffung der Dinge bis zum »großen Tage des allmächtigen Gottes« (Offb. 16, 14) darstellt. Folgende Zeugnisse, in denen zugleich die besonderen Merkmale der göttlichen Fürsorge im Wesentlichen ausgedrückt sind, mögen hier ausdrücklich erwähnt sein. Die Weltregierung ist eine ihrer Natur nach göttliche Thätigkeit, »denn es ist kein anderer Gott als du, der du Sorge trägst für Alles« (Weish. 12, 13); sie erstreckt sich auf alle geschaffenen Dinge, auch auf die geringsten: sie kleidet das Gras und die Lilien auf dem Felde (Matth. 6, 28. 30); ohne ihren Willen oder ihre Zulassung fällt kein Sperling vom Dache (ebd. 10, 29); sie leitet auch das, was den Menschen nur als Werk des Zufalls erscheint (Spr. 16, 33); ihre besondere Fürsorge gilt dem Menschen, und zwar sowohl seinen geistigen als auch seinen leiblichen Anliegen und Bedürfnissen (Matth. 6, 25; 10, 30); sie bezieht sich auch auf die freien Handlungen, mit denen die vernünftigen Geschöpfe ihrem Ziele zustreben (Spr. 16, 9; 21, 1); sie weiß alle Ereignisse so zu leiten, daß sie den Menschen zum Heile dienen (Gen. 50, 20. Job 1, 21. Röm. 8, 28); die Vorsehung wird von denen, die sie »finden wollen«, klar erkannt als Leiterin der Geschichte der Nationen (Apg. 17, 24–28) sowie als besonders liebevolle Hüterin ihrer bevorzugten Werkzeuge und Organe (z. B. Josephs, Moses’, Jobs, Davids, Daniels; im Neuen Bunde der Apostel, überhaupt der Kirche); sie lenkt das Weltall wie der Steuermann das Schiff (Weish. 14, 3 ff.); ihre Fürsorge ist vergleichbar der »des Adlers, der seine Jungen zum Fluge lockt und über ihnen schwebt« (Deut. 32, 11); sie ist so groß, ja ungleich größer als die Liebe der Mutter, sie »trägt und nährt Sion in ihrem Mutterschoße«, und zwar »bis in’s Alter, bis zum Ende seiner Tage« (Is. 46, 3 f.; vgl. 49, 15).

3. Die kirchliche Überlieferung war naturgemäß zu allen Zeiten in ihren verschiedenen Erscheinungsformen, in der Lehre der Väter und der Theologen, im Bewußtsein der Gläubigen, im praktischen Bekenntniß und in den ausdrücklichen Erklärungen des apostolischen Lehramtes nur der laute und getreue Wiederhall dieser Sprache der Vernunft und des Gotteswortes. Die Apologeten der ersten Jahrhunderte beweisen gegen die Vielgötterei der Heiden und gegen den Dualismus der Gnostiker und Manichäer, gegen den Fatalismus der Epikureer und Stoiker, daß der von den Christen angebetete, der im Alten wie im Neuen Testament verkündete, über Engel und Menschen in gleicher Weise herrschende Gott kein anderer sei als der Eine Schöpfer und Regierer des Weltalls, der allein die Geschicke der Menschen lenke und ihre Gebete erhören könne. So nennen Tertullian und Minucius Felix die Ausrufe der Heiden »Deus magnus«, »Deus bonus«, »quod Deus dederit«, »Deus videt«, »Deo commendo«, »Deus mihi reddet« ein Zeugniß der Seele für den Gott der Christen und seine allwaltende Vorsehung, oder »die mit dem gläubigen christlichen Bekenntniß gleichbedeutende Sprache des Volkes« (Tertull. Apol. 17; vgl. die ganze Schrift De testimonio animae; Minuc. Felic. Octav. 18); Athenagoras preist mit den Worten der griechischen Weltweisen den »Allmächtigen« als den »Schöpfer und fürsorgenden Vater des Universums« (Legat. 5. 6); Theophilus von Antiochien belehrt Autolycus, daß der in seiner Majestät unendliche und unbegreifliche Herr aller Dinge klar erkannt werde »aus seiner Vorsehung und seinen Werken, wie die Seele aus den Bewegungen des Körpers, der Steuermann aus den Bewegungen des Schiffes« (Ad Autol. 5); Irenäus legt unter Berufung auf Plato dar, daß »Gottes Vorsehung Alles umfaßt«, daß »ihrer rächenden Gerechtigkeit diejenigen nicht entgehen können, welche das göttliche Gesetz verachten« (Adv. haer. 3, 25); Lactantius (De mortibus persecutorum); Salvianus (De vero judicio et providentia Dei) und Augustinus (De civ. Dei, bes. l. 1) erblicken ein vollgültiges Zeugniß für die besondere göttliche Fürsorge den Christen gegenüber in den Strafgerichten, welche sie über die Feinde der Kirche verhängt. – Lehrer der griechischen Kirche betonen mit besonderer Wärme in ihren paränetischen, ascetischen und moralischen Schriften den Glauben an die Vorsehung als ein wirksames Motiv lebendigen Gottvertrauens inmitten aller Verfolgungen, frommer Ergebenheit in allen Leiden und Widerwärtigkeiten des Erdenlebens. In diesem Sinne weist Cyrill von Jerusalem bei Erklärung des Taufsymbols in seiner gewohnten, ebenso ernsten und klaren wie herzlichen Weise die Katechumenen auf die »über Heiden, Häretiker und Dämonen sich erstreckende Herrschaft der Vorsehung« hin, in deren Hand die Anschläge der Bösen ein Werkzeug des Heiles für die Gläubigen sind (Catech. 8, 4). Unerschöpflich im Lobe der Providenz ist Chrysostomus. Δόξα τῷ ϑεῷ πάντων ἕνεκεν: diese die unbedingte Hingebung in die Fügungen Gottes ausdrückenden Worte waren der Wahlspruch seines Lebens; sie waren die letzten, die über seine sterbenden Lippen kamen, als er den Mühsalen des Exils erlag; sie begegnen uns daher auch sozusagen auf jeder Seite seiner Reden und Sendschreiben. Zu unerschütterlichem Vertrauen auf die Vorsehung ermahnt er die Antiochener in den Tagen der Noth, wo die Stadt die Rache des beleidigten Theodosius fürchtete, indem er acht Gründe aufzählt, weßhalb selbst die größten Heiligen, wie Paulus und Timotheus, von manchen Trübsalen heimgesucht wurden (Hom. 1 de statuis). Seinen ob schwerer Seelenleiden nahezu verzweifelnden Freund Stagirius tröstet er durch den ebenso beredten wie rührenden Hinweis auf die stets von Liebe und Güte geleiteten Absichten der göttlichen Fürsorge (De providentia ad Stagirium LL. III); in der festen und thatkräftigen Überzeugung, daß Gott die Anfeindungen des Feindes der Seelen nur zuläßt, um unsere Krone desto schöner zu gestalten, sieht er eine der sichersten Waffen gegen alle Versuchungen (De diabolo tentatore hom. III). Während er selbst, »an dem ödesten Orte der ganzen bewohnten Erde« (Ep. 234) das Brod der Verbannung essend und durch körperliche Leiden nahezu aufgerieben, in dem Gedanken an die unerforschlichen Rathschlüsse der väterlichen Fürsorge des Himmels stets neue Trostgründe findet, wird er nicht müde, die Seinen in der Heimat durch Darlegung dieser Wahrheit zu gleicher Ergebenheit und Standhaftigkeit zu ermuntern (Liber ad eos, qui scandalizati sunt ob adversitates, quae contigerunt). Ist es ja auch ein Schüler des großen Bekenners und Dulders, der gelehrte Theodoret von Cyrus, der in seinen herrlichen »Zehn Reden über die Vorsehung« (De providentia orat. X) eine der gründlichsten Widerlegungen des Deismus bietet, welche uns die alte Kirche überliefert hat. – Durch die wunderbarsten Fügungen der Vorsehung und zuletzt durch ihre geheimnißvolle Mahnung Tolle, lege (Confess. 8, 12, 2) zum Glauben geführt, wurde der hl. Augustinus auch ihr größter Lobredner in der lateinischen Kirche. Hatte die Vorsehung ihn ja auch erkoren, daß er als Dolmetscher der ganzen Kirche das stets geordnete und einheitliche göttliche Walten sowohl in der natürlichen Schöpfung (gegen Epikureer und Manichäer) als auch besonders in der übernatürlichen Ordnung der Gnade (gegen die Pelagianer) vertheidige. Seine »Bekenntnisse« sind ein fortlaufender Dankeshymnus an die anbetungswürdigen Rathschlüsse der weisen und liebevollen Weltregierung. Die Worte, in denen Augustinus selbst Zweck und Inhalt der Confessiones zusammenfaßt, gelten zugleich für alle seine zahllosen Schriften: De malis et de bonis Deum laudant justum et bonum (Retract. 2, 6, 1). Die sogen. Probleme der Vereinbarkeit der göttlichen Vorsehung mit der menschlichen Freiheit, mit dem physischen und moralischen Überl, mit der ungleichen Vertheilung der irdischen Glücksgüter, mit dem Zufall und mit den Wundern – alle diese und ähnliche Einwendungen, durch welche der Dualismus und Fatalismus von jeher das katholische Dogma anzufechten suchten, hat Augustinus mit gewohnter Schärfe beantwortet und dadurch schon im Voraus die Sophismen des modernen Nationalismus, Deismus und Pessimismus siegreich widerlegt. Darum stehen auch der hl. Thomas und die ganze Scholastik nicht nur bei der systematischen und speculativen Erklärung der Prädestination oder der Providenz in der übernatürlichen Gnadenordnung (s. u. n. III), sondern auch bei der Darlegung der Lehre von der Vorsehung im Allgemeinen, was die grundlegenden Principien anbelangt, mehr noch als auf den übrigen Gebieten der heiligen Wissenschaft auf den Schultern des afrikanischen Meisters. In ihm hört man also besonders in diesen Fragen die ganze Schule und die ganze Kirche, die Widerlegung von Epikur und Faustus wie die von Spinoza und Bayle, von Voltaire und Schopenhauer. »Es ist eine thörichte Anmaßung,« so belehrt der hl. Augustinus die Weltverbesserer, »in der Welt, in Gottes Werkstätte, an ihren Einrichtungen nörgeln zu wollen, weil der beschränkte Menschenverstand deren Grund und Zweck nicht begreift, während man bei einem menschlichen Künstler die Zweckmäßigkeit seiner Werkzeuge voraussetzt, auch ohne deren Bestimmung und Gebrauch zu kennen«: In officina non audet vituperare fabrum, et audet reprehendere in hoc mundo Deum! (In Ps. 148, 12; vgl. De Gen. c. Manich. 1, 16, 25; zur Erklärung s. S. Thom. De verit. q. 5, a. 5). Wir Menschen sprechen von Zufall, wenn etwas gegen unsere Absicht geschieht oder wenn wir den Grund eines Ereignisses nicht erfassen; dem Walten der allwissenden Vorsehung aber sind alle in der Schöpfung wirkenden Kräfte untergeordnet: Quo vult Deus, illuc lucet ignis … quidquid ergo hic accidit contra voluntatem nostram, noveris non accidere nisi de voluntate Dei … (In Ps. 148; s. dazu S. Thom. C. gent. 3, 74; und S. theol. 1, q. 22, a. 2). Dieß gilt von allen Dingen ohne Ausnahme, im Ganzen sowohl wie im Einzelnsten; auf alle erstreckt sich Gottes Vorsehung, die gerade in den unscheinbarsten die höchste Bewunderung verdient: Creat minima corpore … ut majori attentione stupeamus agilitatem muscae volantis, quam magnitudinem jumenti gradientis … (De Gen. ad litt. 3, 14); Deus magnus est in magnis, nec parvus in minimis (Serm. 119 De temp.). Vom Schicksal im Sinne von Fatum sollte kein Christ reden. Ein solches gibt es weder in der Geschichte der Völker noch im Leben der einzelnen Menschen: Divina providentia regna constituuntur humana; wer dieses Walten der Vorsehung durch das Wort Fatum ausdrücken will, sententiam teneat, linguam corrigat (De civ. Dei 5, 1). Das Wunder liegt zwar nicht innerhalb der Grenzen der gewöhnlichen Ordnung der Natur und der Gnade, aber keineswegs außerhalb des göttlichen Weltplanes; es entspricht daher dem unabänderlichen Gesetze der Abhängigkeit aller Dinge von dem Herrn des Weltalls: Deus contra solitum cursum naturae facit, sed contra summam legem nullo modo facit, quia contra seipsum non facit (C. Faustum 26, 3; vgl. S. Thom. S. th. 1, q. 105, a. 4). Kein Übel kann Gott als solches wollen und wirken, nur das Gute wird von ihm positiv beabsichtigt und bewirkt; aber alles Übel und alles Böse steht unter der Herrschaft und Leitung seiner Vorsehung und ist in den Plan ihrer ewigen Rathschlüsse aufgenommen. Die physischen Übel oder vielmehr die dem Sein und Wirken creatürlicher Dinge anhaftenden Defecte will Gott nur indirect, als Mittel zu höheren Zwecken: Neque Deus omnipotens … cum summe bonus sit, ullo modo sineret mali aliquid esse in operibus suis, nisi usque adeo esset omnipotens et bonus, ut bona faceret etiam de malo (Enchir. 11; s. S. Thom. S. th. 1, q. 22, a. 2). Nicht alles irdische Glück ist Lohn, aber Gott lohnt auch das Gute, welches die Bösen thun; so erlangten die Römer trotz ihrer Verderbniß die Herrschaft über die Welt (De civ. Dei 1, 5). Die Leiden dieser Welt sind in der gegenwärtigen Ordnung der Vorsehung eine Strafe der Erbsünde (In Joa. hom. 55). Manche irdische Trübsal ist auch bei den Gerechten eine Strafe persönlicher Sünde; besonders straft Gott schon hienieden die schwächliche Nachgiebigkeit den Sünden Anderer gegenüber: Nec mihi videtur haec parva causa, quare cum malis puniantur et boni (De civ. Dei 9, 3). Auf alle Fälle sind solche Heimsuchungen auch den Guten heilsam vel ad perficiendam vel ad confirmandam vel ad probandam virtutem (C. Faustum 22, 20), überhaupt als Hinweis zum Himmel: ut … beatitudo vera et perpetua et desideretur ardentius et instantius inquiratur (De Trinit. 13, 16, 20). Das sittlich Böse will Gott weder direct noch indirect, auch nicht als Mittel, um dadurch etwas Gutes zu erreichen. Er verbietet es durch das Sittengesetz, läßt es aber zu, d. h. hindert es nicht, sic res conditas administrans, ut eas agere suos motus sinat (De civ. Dei 7, 30); er könnte und würde es aber auch nicht einmal zulassen, wenn er es nicht zum Guten zu lenken und so dem Endzwecke der Schöpfung dienstbar zu machen wüßte, wie z. B. nach Gottes Rathschluß der Ehrgeiz der Römer dem Reiche Christi die Wege bereitete (ibid.). So dient jede Bethätigung der menschlichen Freiheit dem Plane der Vorsehung: Creatorum sprituum voluntates bonas adjuvat, malas judicat, omnes ordinat … (ib. 5, 9). Die Bösen können, wenn sie auch noch so sehr gegen Gottes Willen handeln, die Absichten des höchsten Weltregierers nicht vereiteln (De preaedest. sanct. 16, 33). So wird also in Allem nicht nur Gottes Allmacht, Weisheit und Gerechtigkeit, sondern auch seine Güte verherrlicht: Nam ipsa est illa mirabilis Dei bonitas, qua bene utitur etiam malis vel angelis vel hominibus. Quum enim ipsi vitio suo mali sint, ille de malo eorum benefacit (In Ps. 104). Für Weiteres sei hier auf die eingehende Darlegung der patristischen und scholastischen Lehre von der Vorsehung bei Petavius, Dogm. theol. I, 8, 1–6, und Thomassin, Dogm. theol. II, 7, bes. c. 9–22 verwiesen. Der so bestimmten, so klaren und zugleich die praktische Wichtigkeit des Glaubens an die Vorsehung so eindringlich betonenden Sprache der ganzen Tradition gegenüber ist es merkwürdig, wenn der protestantische Theologe Kaftan in seiner »Dogmatik« (Freib. 1897, 235 ff.) schreibt: »Der Vorsehungsglaube ist eine Frucht des rechtfertigenden Heilsglaubens«, »die Betonung desselben als eines wesentlichen Moments der specifisch christlichen Frömmigkeit ist eine Eigenthümlichkeit der in der Reformation begründeten Art, das Christenthum aufzufassen«; »der praktische Vorsehungsglaube kommt nicht zu Wort«, weder in der »alten« noch in der »mittelalterlichen« Kirche. Die ganze Darlegung beruht auf einer Verkennung des eigentlichen Fragepunktes, auf der von Kaftan als selbstverständlich vorausgesetzten Identität des Vorsehungsglaubens mit dem specifisch protestantischen Heilsglauben, mit dem sogen. Fiducialglauben; sie ist demnach im Grunde ein schlagender Beweis für den traditionellen Charakter des in der katholischen Kirche stets gelehrten und praktisch bethätigten Glaubens an die Vorsehung. In wohlthuendem Gegensatz zu diesen Behauptungen eines Vertreters der »liberalen« Theologie steht die ausführliche Darstellung, welche A. von Oettingen in seiner, der Erklärung des Vorwortes gemäß »in positiv kirchlicher Richtung sich bewegenden« »Lutherischen Dogmatik« (II, München 1900, 334–355) über die Weltregierung gibt.

Das kirchliche Lehramt sah sich vor dem Vaticanum nie veranlaßt, durch eine besondere Glaubensentscheidung die von der Vernunft so klar bewiesene, in der heiligen Schrift so nachdrücklich gelehrte, von der Tradition so einmüthig bezeugte, in der beständigen Lehrverkündigung im ganzen Leben, in der Sprache und in der Liturgie der Kirche so deutlich ausgeprägte, in dem religiösen Bewußtsein der Gläubigen so lebendige Lehre von der allumfassenden und allwirksamen Fürsorge der göttlichen Weltregierung festzustellen. Diese ist eben ihrem innersten Wesen nach die unentbehrliche Grundlage alles lebendigen Verkehrs mit Gott, aller Gottesverehrung, alles Gottvertrauens und darum auch aller wahren Frömmigkeit, überhaupt aller praktischen Religion; sie war daher auch von jeher ein Fundamentaldogma des Christenthums. Wohl hat die Kirche jederzeit die Irrthümer, welche durch Läugnung oder Verkümmerung der menschlichen Freiheit und der sittlichen Verantwortlichkeit, durch Entstellung des wahren Gottesbegriffs den Vorsehungsglauben verdunkelten und gefährdeten, in bestimmter Weise verworfen (s. d. Artt. Abälard, Albigenser, Bajus, Eckhart, Jansenius der jüngere, Prädestination, Priscillian); aber Gegenstand einer ausdrücklichen Glaubensdefinition wurde die Regierung der Welt durch ein überweltliches unendliches Wesen erst dann, als auch die Existenz dieses Wesens in gleicher Weise von der Kirche ausgesprochen wurde, als nämlich im 19. Jahrhundert infolge des vielfach zum Grundsatz des modernen Staatsrechts erhobenen socialen Abfalls vom Christenthum sich immer mehr die dem Cardinal Hosius (s. d. Art.) zugeschriebene Prophezeiung bewahrheitete, daß alle Irrlehren schließlich in ihrer letzten Consequenz, im Atheismus, enden würden. Die Reaction gegen die Folgen des alle sittliche Freiheit ertödtenden sogen. sittlichen Fatalismus (s. d. Art.), zu dem sich auch die Reformatoren, an erster Stelle Luther, und noch entschiedener Zwingli und Dalvin bekannten, führte schon in der letzten Hälfte des 16. Jahrhunderts protestantische Gegner der Unduldsamkeit der englischen Staatskirche zu der rationalistischen Auffassung des Verhältnisses Gottes zur Welt, welche seitdem im Gegensatze zum Theismus unter dem Namen Deismus (s. d. Art.) bekannt ist. Unter Berufung auf die »Vernünftigkeit der Religion« suchten die Koryphäen dieser Schule (s. d. Artt. Blount, Cherbury, Tindal, Toland) dem religiösen »Freidenkerthum« (Freethinking), der Zerstörung aller praktischen Religion, dadurch Vorschub zu leisten, daß sie den Einen und persönlichen Gott zwar als Weltschöpfer, nicht aber als Welterhalter und Weltregierer anerkannten. Gott, so sagte man, überlasse die Welt sich selbst und dem Triebwerke von Gesetzen und Kräften, die er von Anfang an in sie hineingelegt; er sei nicht nur von der Welt verschieden, sondern auch geschieden, es sei ihm also auch gleichgültig, ob ihm die Menschen Verehrung zollen oder nicht. In Frankreich vertraten den deistischen Standpunkt Rousseau, Voltaire, Diderot (s. d. Artt.) und überhaupt die Encyklopädisten; in Deutschland bildet er den Grundgedanken der religiösen Anschauungen von Lessing und Kant (s. d. Artt.). Als praktischer Materialismus, der in der Welt ein jeder göttlichen Einwirkung gegenüber verschlossenes Ganze erblickt und keine andere Entwicklung und Bestimmung des Menschen kennt als diejenige, welche er mit seinen rein natürlichen, ihm angeborenen Mitteln und Kräften erreichen kann, ist der Deismus die bevorzugte Religion der Freimaurerei geworden, welche sich seiner als Maske bedient, um desto erfolgreicher jede positive Religion zu untergraben. Gerade dieser Umstand bewog die Bischöfe des vaticanischen Concils, nach Verurtheilung der verschiedenen Formen des Atheismus den für Religion und Sitte gleich gefährlichen Deismus noch deutlicher und nachhaltiger zu treffen, als es schon durch Pius IX. im Syllabus geschehen war (vgl. Syll. prop. 2: Neganda est omnis Dei actio in homines et mundum). Dem ursprünglichen Schema der Constitution De fide, c. 1: De Deo rerum omnium Creatore, wurden daher gemäß dem Vorschlage einiger Väter der Synode folgende Sätze beigefügt und auch in den Text der Decrete aufgenommen: Universa vero, quae condidit, Deus providentia sua tuetur atque gubernat, attingens a fine ad finem fortiter et disponens omnia suaviter. Omnia enim nuda et aperta sunt oculis ejus, ea etiam, quae libera creaturarum actione futura sunt. Durch letztern Satz sollte nach der Erklärung des Referenten (Bischofs Gasser von Brixen) der zweifelhaften und unbestimmten Ausdrucksweise gewisser katholischen Theologen (unter anderen Günthers) die Spitze abgebrochen, und die dogmatisch feststehende Lehre von dem göttlichen Vorherwissen aller Dinge, auch der zukünftigen freien Handlungen (futura libera), klar hervorgehoben werden. (Vgl. Coll. Lac. VII, 105, emendatio 8ª; vgl. 83. 99. 109. 1671.)

III. Erläuterungen der Lehre von der göttlichen Vorsehung und Folgerungen daraus. 1. Weil die Religion wesentlich in der theoretischen und praktischen Anerkennung der Beziehungen des Menschen zu Gott besteht, so sind für das religiöse Bewußtsein die Namen Gott und Vorsehung identisch. Gerade darum war die göttliche Weltregierung stets die besondere Zielscheibe der Angriffe des Unglaubens, »mehr als irgend eine andere Eigenschaft Gottes«, wie Bossuet (Sermon sur la Providence) bemerkt. Der im letzten Jahre vom religiösen Skepticismus zum Glauben zurückgekehrte französische Akademiker Brunetière bestätigte dieses Urtheil in seiner kürzlich (am 30. Jan 1900) vor Cardinälen und Prälaten in Rom gehaltenen, vielbesprochenen Rede, deren Gegenstand lautete: La modernité de Bossuet. Er feiert darin den Adler von Meaux mit Recht als den großen »Lobredner der Vorsehung« und nennt die Lehre von der Providenz unter Berufung auf seine eigene Erfahrung das »Bollwerk des Christenthums«, dessen Überwindung für die Jünger Voltaire’s, denen vor Allem das pflichtgetreue Leben unter den Augen des allwissenden Weltregierers ein Stein des Anstoßes sei, den »Fall der ganzen Festung« bedeute. Bossuet verdiene gerade deßhalb den Namen eines »modernen« Kämpen für das Christenthum, weil er die Trugschlüsse der sogen. modernen Wissenschaft gegen die Vorsehung schon vor mehr als 200 Jahren in ihrer ganzen Nichtigkeit aufgedeckt habe. Derselbe Brunetière erklärte schon vor 5 Jahren in der Revue des deux Mondes CXXVII [1895], 97 ss., daß die Wissenschaft, welche sich einbilde, die Welträthsel ohne den Glauben an einen göttlichen Schöpfer und Regierer der Welt lösen zu können, mit allen ihren Systemen »Bankerott gemacht« habe.

2. Wenn Vernunft und Glaube mit solcher Klarheit einerseits die Thatsache der göttlichen Weltregierung, andererseits sowohl die absolute Weisheit wie auch die aus Gottes Unendlichkeit und aus der Beschränktheit aller geschaffenen Erkenntniß sich nothwendig ergebende Unergründlichkeit der göttlichen Rathschlüsse bezeugen, so ist es nicht nur unchristlich, sondern auch unlogisch, in den Einwürfen des Deismus gegen jene Wahrheit etwas Anderes zu sehen als die Sisyphusarbeit einer nie ruhenden und dabei stets egoistischen Sophistik. Bossuet sagt sehr treffend in seinem Traité du libre arbitre (4): »Es muß uns stets als erste Regel der Logik gelten, die einmal klar erkannten Wahrheiten nie preiszugeben, so groß auch die Schwierigkeiten sein mögen, die sich dagegen zu erheben scheinen. Im Gegentheil, wir müssen dann um so krampfhafter, wenn ich so sagen soll, die beiden Enden der Kette in der Hand halten, wenn wir auch nicht immer das Mittelglied sehen, welches die Verbindung herstellt.«

3. »Es wäre Gott gegenüber eine sehr schlecht angebrachte Schmeichelei,« bemerkt in geistreicher Weise der hl. Hieronymus (In Habacuc 1), »und wir würden zugleich unsere eigene Würde sehr gering achten, wollten wir behaupten, daß Gottes Vorsehung sich nicht nur auf alle Dinge, sondern auch ganz in derselben Weise auf die vernünftigen wie unvernünftigen Geschöpfe erstrecke.« Der diesen Worten zu Grunde liegende Gedanke rechtfertigt in Bezug auf die Wirksamkeit der göttlichen Vorsehung sowie auf die Verschiedenheit ihres Objectes die Unterscheidung der providentia generalis, specialis, specialissima, je nachdem sie a. alle Geschöpfe ohne Ausnahme, b. die vernünftigen, freien, in besonderer Weise zur Verwirklichung des Endzweckes berufenen, c. die dieses Ziel wirklich erreichenden Creaturen (die Auserwählten) umfaßt (vgl. S. Thom. S. th. 1, q. 22, a. 2, ad 4 et 5; De verit. q. 4, a. 5; C. gent. 3, 75).

4. Auf dem Unterschiede zwischen der natürlichen und übernatürlichen Ordnung beruht die Eintheilung in providentia naturalis und supernaturalis. Die natürliche Vorsehung erstreckt sich auf alles, was mit der Schöpfung als solcher nothwendig zusammenhängt; die übernatürliche auf jene Zwecke und die ihnen entsprechenden Mittel, welche über die Ordnung der Schöpfung hinausgehen. So ist die Prädestination (s. d. Art.) im engern Sinne des Wortes nichts Anderes als die göttliche Vorsehung bezüglich der übernatürlichen Heilsordnung, d. h. die Hinordnung der vernünftigen Creatur zu ihrem übernatürlichen Endziele der Verherrlichung Gottes in der seligen Anschauung durch die einer solchen Erhebung entsprechenden Gnadenmittel. – Darum ist auch die Incarnation die erhabenste Offenbarung der Vorsehung, der »von Ewigkeit her in Gott verborgenen Rathschlüsse der mannigfaltigen Weisheit Gottes« (vgl. Eph. 3, 8–12). Wie die natürliche Ordnung die Kundgebung der durch die bloße Vernunft erkennbaren, »unsichtbaren« Größe Gottes bezweckt (Röm. 1, 20), so ist der Zweck der Vorsehung in der übernatürlichen Ordnung die »Verkündigung der unerforschlichen Reichthümer Jesu Christi« (Eph. 3, 8), die Offenbarung des Geheimnisses der unendlichen Liebe, welche in Christus »erschienen« (Tit. 3, 4) und Gegenstand der übernatürlichen Erkenntniß geworden ist. Christus ist daher der Mittelpunkt des göttlichen Weltplanes, »Alles ohne Ausnahme ist ihm unterworfen« (Hebr. 2, 8). Demnach ist der Endzweck »aller Creatur, die im Himmel ist und auf Erden«, die Glorie dessen, der »auf dem Throne sitzt«, durch die Verherrlichung »des Lammes, das geschlachtet worden ist vom Anbeginne der Welt« (Offb. 5, 12). Daher auch das besondere Walten der Vorsehung Israel gegenüber: Finis enim legis Christus (Röm. 10, 4). Vor Allem aber folgt hieraus die einzigartige Stellung, welche die Kirche als Braut und mystischer Leib des Herrn, als depositorium dives (S. Iren., Adv. haer. 3, 4) aller Gnadenschätze des Erlösers in den ewigen Rathschlüssen der Vorsehung einnimmt (vgl. Franzelin, De Ecclesia christi th. 20). – Im Einzelnen s. in Bezug auf die übernatürliche Vorsehung besonders die Artt. Erlösung, Gnade, Kirche, Prädestination, Rechtfertigung.

5. Christus, »der hinabstieg auf die Erde, ist derselbe, der auch hinauffuhr über alle Himmel, damit er Alles erfülle« (Eph. 4, 10). Nicht nur als Gott, sondern auch als Menschensohn erfüllt er Himmel und Erde; er erfüllt die Welt mit seinem Namen, mit seinem Gesetze, mit seinem Lichte, mit seiner Gnade; nichts, kein einzelner Mensch und kein Volk kann sich der Sphäre seines Einflusses entziehen. Gesetzt als Eckstein, ist er für die Einen ein Stein der Ehre, für Andere ein Stein des Anstoßes und Ärgernisses, für Alle ein Prüfstein (1 Petr. 2, 6 ff.). Die Geschichte der Menschheit, die Geschichte der Nationen und vor Allem die Geschichte der Kirche ist nur die Geschichte und gleichsam das Leben Jesu Christi, der »Alles erfüllt«. Folgt daher aus dem Begriffe der göttlichen Weltregierung, daß es die Aufgabe jedes Geschichtsforschers ist, die Weltgeschichte als die Verwirklichung des ewigen Weltplanes, der Verherrlichung Gottes durch die Nationen, aufzufassen, und in der Geschichte der Menschheit und der Völker den Finger Gottes zu erkennen, so ist dieß in weit höherem Maße bei dem christlichen Historiker der Fall. Denn nach ihrem »wahren christlichen Begriffe ist die Geschichte der in der Zeit sich entwickelnde ewige Plan Gottes mit der Menschheit, sich in ihr durch Christum eine würdige Verehrung und Verherrlichung zu bereiten, hervorgegangen aus freier Huldigung der Menschen selbst« (s. Möhler, Gesammelte Schriften und Aufsätze, herausgegeben von Döllinger II, Regensburg 1840, 263). Niemand hat diese Aufgabe der christlichen Geschichtsphilosophie tiefer erfaßt, niemand sie großartiger gelöst als die beiden großen Lobredner der göttlichen Vorsehung: der hl. Augustinus in seinen 22 Büchern über das Reich Gottes (De civitate Dei) und Bossuet in seinem Discours sur l’histoire universelle. Wie Gott »Alles den Füßen seines Sohnes unterworfen hat« (Hebr. 2, 8), so hat er ihm auch die Völker als solche »zum Erbtheil übergeben« (Ps. 2, 8). Den politischen Naturalismus sowohl als auch den historischen Fatalismus unserer Tage hat schon der Völkerapostel gebrandmarkt durch seine unzweideutige Lehre, daß der Regierer der Welt jedem Volke seine Stunde bestimmt, seine Grenzen angewiesen, seine Aufgabe zugetheilt, seine Mitwirkung zur Verwirklichung des göttlichen Weltplanes vorgezeichnet hat und sie alle richten wird, je nachdem sie mehr oder weniger gethan haben für oder gegen die Ehre dessen, welchen er als Richter gesetzt hat, weil er der Menschensohn ist (Apg. 17, 26. 31). Christus regnat – das ist somit die von Gott gegebene unabänderliche Constitution aller christlichen Staaten, eine Grundwahrheit ihrer Verfassungen, die keine irdische Macht, kein Majoritätsbeschluß umstürzen kann. Je offener daher eine Nation diesen Wahlspruch auf ihre Fahne schreibt, je mehr sie ihn auch durch einen socialen Cult des Königs der Jahrhunderte bethätigt, um so sicherer zieht sie den besondern Schutz der Vorsehung auf sich herab. Verbannt hingegen der Staat die Religion aus seiner Gesetzgebung und überhaupt aus seinen öffentlichen Einrichtungen, ist er atheistisch, wie die naturalistische Schule es nennt, so weist er den Schutz der Vorsehung direct zurück, indem er erklärt, Gott nicht zu kennen und seines Beistande nicht zu bedürfen; und wie er sich auf diese Weise den Ruf der Juden aneignet: Nolumus hunc regnare super nos (Luc. 19, 14), so übernimmt er damit auch die schwere Verantwortung und Strafe, welche die rächende Hand der Vorsehung schon hier auf Erden, wo die Geschichte der Völker als solcher ihren Abschluß findet, über die gentes apostatrices (Ez. 2, 3), über den Frevel der nationalen Apostasie verhängt. (Vgl. Lessius, De perfect. div. l. 9; Ruiz, De prov., disp. 1–4; Scheeben, Dogm. I, Freiburg 1873–1875, 657–664; Heinrich, Dogmatik V, 2. Aufl., Mainz 1888, 313–368; Chr. Pesch, Prael. dogm. II, 2. ed., Friburg. 1899, 166–173, und überhaupt die Hand- und Lehrbücher der Dogmatik und Apologetik. Über das providentielle Walten der Vorsehung in der Geschichte s. Zschokke, Theologie der Propheten des A. T., Freiburg 1877, 141 ff.)

[Jos. Schröder.]


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