Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Wahrhaftigkeit ist diejenige moralische Tugend, welche den Menschen antreibt, sein Reden und Handeln in voller Übereinstimmung mit seinem Erkennen und seiner Gesinnung zu erhalten und zwischen dem innern Seelenleben und seiner Kundgebung nach Außen keinen Widerspruch zu dulden. Sie ist eine virtus specialis, weil dieses ihr Object specifisch verschieden ist von dem Objecte aller übrigen moralischen Tugenden (S. Thom. S. th. 2, 2, q. 109, a. 2; S. Aug. Enchir. n. 22). Die vernünftige, nach Gottes Ebenbild geschaffene Natur trägt in sich das Bewußtsein, daß die rechte Ordnung die Harmonie zwischen ihr und ihrer Selbstäußerung unbedingt fordere. Es ist diese ein Moment der Nachbildlichkeit Gottes, dessen Offenbarung nach Außen volle Gleichförmigkeit mit seinem allerheiligsten Sein, Erkennen und Wollen ist. Widerspruch zwischen dem, was man in seinem Innern trägt, und dem, was man nach Außen kundgibt, ist dem vernünftigen Wesen so widernatürlich, daß man ihn nie an sich ohne inneres Widerstreben wollen, sondern sich seiner nur als eines Mittels bedienen kann zur Gewinnung eines Vortheiles oder zur Schädigung des Nächsten, die man als vortheilhaft für sich oder Andere erkennt, oder zu Scherz und Unterhaltung. – Die Wahrhaftigkeit kommt besonders zur Geltung gegenüber den Mitmenschen. Denn im gesellschaftlichen Verkehre und zu seinen verschiedenen Zwecken bedient man sich vorzüglich des Wortes, und das sociale Wohl ist in hervorragender Weise abhängig von der gegenseitigen Zuverlässigkeit des Wortes als des Trägers der Wahrheit und der Treue: Non possent homines ad invicem convivere, nisi sibi invicem crederent tanquam sibi invicem veritatem manifestantibus (S. th. l. c. a. 3, ad 1). Sie fällt aber nicht ihrem Wesen nach in das Gebiet der commutativen Gerechtigkeit, gleich als hätte man ein strictes Recht, ohne specielle Rechtstitel von Anderen die Mittheilung dessen zu fordern, was ihnen bekannt ist. Die Vorenthaltung der Wahrheit kann fehlerhaft sein, die Lüge ist es immer, aber ein strictes Recht Anderer wird dadurch an und für nicht verletzt. Non haec virtus attendit debitum legale, quod attendit justitia, sed potius debitum morale, in quantum scilicet ex honestate unus homo alteri debet veritatis manifestationem (S. th. l. c. a. 3). Es ist Pflicht der Wahrhaftigkeit, nichts zu sagen, was nicht vollkommen wahr ist, das heißt nicht ganz der innern Überzeugung und Erkenntnis entspricht, und in diesem Sinne befiehlt Christus: estote simplices sicut columbae. Und der hl. Thomas sagt, man bezeichne diese Tugend auch als simplicitas, »Einfalt«, per oppositum duplicitati, qua scilicet aliquis aliud habet in corde et aliud ostendit exterius … unum praetendit et aliud intendit (ibid. a. 2, ad 4). Aber es ist Sache der Klugheit, nicht immer alles zu sagen, was man weiß und denkt, und darum verlangt der göttliche Heiland zugleich, daß man klug sei wie die Schlangen (Matth. 10, 16).

Die schon in der natürlichen sittlichen Ordnung begründete Pflicht, in Allem wahrhaftig zu sein, ist uns auch auferlegt durch das evangelische Gesetz. Christus erklärt die Wahrhaftigkeit als ein Kriterium der Zugehörigkeit zu Gott, Lügenhaftigkeit aber als Signatur der gottfeindlichen Gewalten und ihrer Werke (Joh. 8, 44). In gleicher Weise erklären immer die Apostel die Tugend der Wahrhaftigkeit als ein hervorragendes Siegel Gottes (Röm. 3, 4. Offb. 19, 11) und heilige Pflicht seiner Kinder (Eph. 4, 25). Die Wahrhaftigkeit als solche wird dadurch verletzt, daß man etwas durch Wort oder Zeichen als seine Überzeugung oder Gesinnung erklärt, was dieß nicht ist. Sie hat also zu ihrem Gegensatze per defectum nur die Lüge (s. d. Art) und die Heuchelei. Verheimlichung der Wahrheit ist eigentlich nie gegen die Wahrhaftigkeit, ist aber dann sündhaft, wenn irgend eine andere Pflicht nicht erfüllt werden kann ohne die Kundgebung irgend einer Thatsache oder Wahrheit. So erklärt es sich, warum die reine Mentalrestriction immer sündhaft ist, welche sich von der Lüge nicht unterscheidet, warum aber die restrictio non pure mentalis erlaubt sein kann, da sie nur Verheimlichung einer Wahrheit ist (s. d. Art. Reservatio mentalis). Wahrhaftigkeit wird auch häufig gebraucht im Sinne von Treue in gemachten Versprechungen. Durch deren Erfüllung wird die Wahrhaftigkeit des gemachten Versprechens erwiesen.

Gegensatz per excessum gegen die Wahrhaftigkeit ist Offenbarung dessen, was man verpflichtet ist, geheim zu halten (S. Lig. Theol. mor. 4, n. 969 sqq.). Man unterscheidet a. naturrechtliches Geheimniß (secretum naturale), d. i. alles, was gemäß seiner Natur Geheimhaltung erfordert und nicht geoffenbart werden kann, ohne für sich oder für Andere bedeutende Nachtheile herbeizuführen, sei es, daß man zufällig oder durch unerlaubte Mittel zu dessen Kenntniß gekommen ist; b. versprochenes Geheimniß (secretum promissum), alles für dessen Geheimhaltung man sein Wort gegeben hat; c. anvertrautes Geheimniß (secretum commissum), alles, was jemandem nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit und gegen die Verpflichtung, zu schweigen, anvertraut worden ist. Das secretum naturale kann in Allgemeinen nicht ohne stricte Ungerechtigkeit verletzt werden; ob schwer oder läßlich dabei gesündigt wird, hängt von der Größe der Schädigung ab, welche durch die Offenbarung des Geheimnisses der an der Geheimhaltung interessierten Person zugefügt wird. Pflicht aber ist die Offenbarung des Geheimnisses, wenn sie nothwendig ist zur Verhütung eines großen öffentlichen Unheils oder zur Sicherung einer dritten Person gegen eine ihr drohende ungerechte Verfolgung, oder wenn die legitime Obrigkeit Untersuchung anstellt und zur Mittheilung des geheimen Sachverhaltes oder zur Zeugnißablegung auffordert. Unter das secretum naturale fällt auch das Briefgeheimniß. Es ist eine Rechtsverletzung, fremde versiegelte Briefe zu öffnen, oder schon offene, die jemand verloren hat oder irgendwo liegen gelassen oder als unleserlich von sich geworfen hat, während ihr Inhalt sich noch entziffern läßt, zu lesen, und was man dadurch erfahren hat, zum Nachtheile des Schreibers oder des Adressaten oder einer dritten Person zu weiterer Kenntniß zu bringen. Alle öffentliche Treue wäre gefährdet, wenn das Briefgeheimniß nicht unverletzlich wäre. Der legitimen Obrigkeit ist es jedoch gestattet, Briefe zu öffnen, wenn sie mit Grund vermuthet, daß dieselben Dinge enthalten, deren Kenntniß zum Schutze des öffentlichen Wohles nothwendig ist. Ebenso wenig ist es unrecht, wenn jemand aus fremden Briefen einen ungerechterweise gegen ihn geplanten Anschlag zu erfahren sucht, oder wenn Eltern und Vorgesetzte aus Briefen sich Kenntniß von dem verschaffen, was Kinder und Untergebene gegen ihre Pflicht vor ihnen geheim halten wollen. – Das secretum promissum für sich allein verpflichtet nur sub fidelitate und nicht unter schwerer Sünde, außer es würde die Verletzung bedeutende Schädigung des Promissars oder dritter Personen bewirken. Hat der Promissar eine Gegenleistung versprochen und vollzogen, so wird jedenfalls für den Promittenten seine Pflicht der Geheimhaltung zu einer Gerechtigkeitspflicht. – Das secretum commissum verpflichtet an sich betrachtet strenger als die beiden anderen, weil es auf einem onerosen Vertrage beruht. Keine übernommene Geheimnißpflicht aber (weder secretum promissum noch commissum), und hätte man sich auch durch einen Eid verbindlich gemacht, kann von der Pflicht entbinden, das zu offenbaren, was nach göttlichem Gesetze kundgegeben werden muß, wie ungerechte, verderbliche Anschläge oder Unsittlichkeit und Ärgernisse, welche ohne Anzeige nicht beseitigt werden können.

Am strengsten bindet das Berufsgeheimniß, ein durch Quasicontract auferlegtes und übernommenes secretum commissum des Arztes, Geburtshelfers, Chirurgen, Advocaten, in Gewissensangelegenheiten befragten Theologen und Seelsorgers, da jede Verletzung desselben den betreffenden Stand und Beruf selbst um das für das öffentliche Wohl unumgänglich nothwendige Vertrauen bringen müßte. Nur wenn außerdem die höchsten Interessen der Kirche oder des Staates oder dessen, der das Geheimniß anvertraut hat, gefährdet wären, darf man davon Gebrauch machen. Das Beichtgeheimniß ist nicht einfach nur als eine Species des Berufsgeheimnisses anzusehen, sondern beruht im Sacrament und auf übernatürlicher göttlicher Anordnung, welche absolut und unbedingt jede Offenbarung ausschließt (s. d. Art. Beichtsiegel).

Ein anvertrautes und sei es auch wichtiges Geheimniß einem verschwiegenen Manne unter dem gleichen Siegel der Verschwiegenheit mittheilen, mag allerdings an sich noch keine schwere Sünde sein (Lugo, De just. et jure disp. 14, sect. 9, n. 147), wenn nicht dem, zu dessen Gunsten die Geheimnißpflicht übernommen wurde, besonders viel daranliegt, daß gerade vor diesem die Sache geheim gehalten werde. Allein eine derartige Mittheilung ist nie zu billigen, wenn nicht außerordentliche Verhältnisse sie rechtfertigen. – Die Frage, ob von der Pflicht des Geheimnisses die Abwendung eigenen großen Schadens entbindet, dürfte wie folgt zu beantworten sein. Handelt es sich um ein secretum promissum, so ist das Versprechen in dem Falle nicht bindend, wenn der drohende Schaden bei Ablegung des Versprechens nicht vorhergesehen wurde und so groß ist, daß, falls er geahnt worden wäre, das Versprechen sicher unterblieben wäre. Hat sich aber der Promittent ausdrücklich obligirt, zu schweigen, selbst wenn ihm der Tod drohen würde, so ist nach Sporer, Laymann u. A. dieses Versprechen nicht bindend, weil es einer directen Preisgebung des Lebens gleichkäme, während Lugo, Lessius u. A. darin nur Zulassung der Gefährdung des Lebens in heldenmüthiger Liebe erkennen. Was das secretum commissum betrifft, so kann der, welcher das Geheimniß anvertraut, nicht verpflichten, daß es mit eigenem großen Schaden gewahrt werde. Nur wenn aus seiner Offenbarung großes Unheil für das Gemeinwohl erwachsen würde, müßte man, selbst mit eigenem großen Schaden, schweigen.

[Pruner.]


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