Das ist ein Artikel aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon.




Weihrauch wird sowohl die duftende Räucherung (geweihter Rauch) bei dem Gottsdienste als auch der dazu dienende Stoff genannt. Der ächte Weihrauch ist das Harz der in Indien einheimischen Boswellie (Boswellia serrata und Boswellia glabra, Libanus thurifera). Sein Name לְבֹנָה (daher λίβανος, libanum und olibanum) rührt von der klaren Färbung der an der Luft erstarrten Tropfen, die Namen ϑυμίανα (von ϑύω, opfern, räuchern), thus und incensum von seiner Verwendung bei dem Gottesdienste her; die Räucherung selbst heißt in der liturgischen Sprache incensatio, thurificatio. Die Griechen und Römer wie die Juden in Palästina bezogen den Weihrauch aus Arabien; seine eigentliche Heimat war ihnen unbekannt. Während der edelste Weihrauch über Arabien in die Türkei gelangt, kommen weiter nach Europa hinein meist nur geringere Sorten, die wieder in eine bessere (Libanum electum) und eine geringere (Libanum commune) unterschieden, mit einheimischem Harz vermischt, wenn nciht damit ganz ersetzt werden. Für den liturgischen Gebrauch verlangt das Cerim. Episc. 1, 23, 3 reinen, wohlriechenden Weihrauch, gestattet aber auch, daß demselben anderes Räucherwerk in geringerer Quantität beigemischt werde. Zur Räucherung bei der Glockenweihe wird von dem römischen Pontificale thymiama, thus et myrrha gefordert. Im mosaischen Gottesdienste war der Weihrauch einer der vier Bestandtheile des Räucherwerkes, welches als Morgen- und Abendopfer auf dem Altare dargebracht wurde, und bildete mit Öl und Salz die Beigabe zu den Speiseopfern, wurde aber für sich allein nicht verwendet. Im heidnischen Culte der Perser, Ägypter, Griechen und Römer wurde der Weihrauch sowohl allein als auch mit anderen Stoffen vermischt als Opfergabe verbrannt. Christen, welche sich an einer solchen Räucherung betheiligt hatten, die thurificati, galten als Abtrünnige. Daß in den ersten Jahrhunderten die Christen in Afrika, wie die übrigen Völker um das Mittelmeer, im bürgerlichen Leben den Weihrauch zu Räucherungen verwendeten, bezeugt Tertullian (De coron. milit. 10). Die Frage aber, ob auch im christlichen Gottesdienste vor dem 4. Jahrhunderte die Incensation stattfand und auf apostolische Tradition zurückzuführen sei, wird kaum zu entscheiden sein, da die Gründe, welche für und gegen diese Annahme geltend gemacht werden, nicht zwingend sind. Als jedoch das Christenthum frei geworden war und die Gefahr nicht mehr obwaltete, die gottesdienstliche Räucherung im heidnischen Sinne zu deuten, mußte das Vorbild der Magier (Matth. 2, 11), deren Besuch in Bethlehem mit der Darbringung ihrer Gaben in zahlreichen Katakombenbildern den Gläubigen vor Augen stand, das Opfer des Zacharias (Luc. 1, 9) und die Darstellung des himmlischen Rauchopfers in der Apocalypse (5, 8; 8, 3) die Verwendung des Weihrauchs in der Liturgie nahe legen und empfehlen. Das älteste Zeugniß für die Incensation des Altars bietet wohl (Pseudo-) Dionysius (De hier. eccl. 3, 3, bei Migne, PP. gr. III, 428). Die Liturgien des hl. Jacobus und des hl. Marcus kennen die dreimalige Räucherung bei der Meßfeier; diese Liturgien reichen jedoch in der Form, in welcher wir sie besitzen, nicht über das 5. Jahrhundert hinauf. Der älteste römische Ordo, der dem 7. Jahrhundert angehört, schreibt bereits die Räucherung bei dem feierlichen Aufzuge des Bischofs zum Altare vor. In der römischen Kirche scheint die Incensation zum Evangelium schon frühe gebräuchlich gewesen zu sein; in Gallien war sie zum Evangelium und Offertorium im 9., in Rom zum Offertorium im 11. und vor dem Introitus im 12. Jahrhundert in Übung. Bei Processionen mit Reliquien, bei Beerdigungn, bei der Weihe von Kirchen und Glocken ist sie schon im frühen Mittelalter bezeugt; im canonischen Officium zum Benedictus und zum Magnificat erscheint sie im 13. Jahrhundert mancherorts als altes Herkommen; zur Elevation und zur Aussetzung des hochheiligen Sacramentes ist sie seit dem 14. Jahrhundert in Übung gekommen. Die Einlegung des Eihrauchs durch den Celebranten und dessen Incensation erscheint zuerst im sechsten römischen Ordo; zur Zeit des W. Durandus (s. d. Art.) wurden auch die Cleriker incensirt (Rat. div. off. 4, 8, 2). Die liturgische Räucherung, welche sich bis zum Ausgange des Mittelalters allmälig entwickelt hat, fand ihre feste Regelung durch die liturgischen Bücher und deren nachtridentinische Reform.

Zum Zwecke der Incensation wird der Weihrauch mit einem kleinen Löffel in ein an Kettchen schwebendes und leicht zu schwingendes Gefäß, das sogen. Rauchfaß (s. d. Art.), auf glühende Kohlen gestreut, während das segnende Kreuzzeichen darüber gemacht und bei dem Offertorium ein Gebet, sonst aber der kurze Segen: Ab illo benedicaris, in cujus honore cremaberis, gesprochen wird (soll das hochheilige Sacrament allein incensirt werden, so unterbleibt diese Segnung). Das geschlossene Rachfaß wird sodann in einem oder mehreren einfachen oder Doppelzügen gegen die zu beräuchernde Person oder Sache, bei dem Offertorium auch über und um die Oblaten, bei der Altarweihe über den Altar und die Consecrationskreuze geschwungen. – Die Incensation dient, wie die kirchlichen Cerimonien überhaupt, zunächst zur Erhöhung der gottesdienstlichen Feier, welche dadurch gewissermaßen in eine höhere, geweihte Atmosphäre erhoben wird. Sie hat aber vorzugsweise auch eine symbolische Bedeutung. Der in der Feuersglut sich verzehrende, in duftendem Rauche aufsteigende und Wohlgeruch verbreitende Weihrauch ist nämlich, wie bei dem Gottesdiesnte der Völker des Alterthums, auch für die christliche Anschauung das natürliche Symbol und zugleich die Bethätigung des Gebetes, insbesondere der Anbetung Gottes, wie auch der Verehrung von Personen und Gegenständen, denen mit Beziehung auf Gott besondere Reverenz gebührt. Dieß gilt zunächst von der Incensation des hochheiligen Sacramentes, welche der Incensator stets knieend vornimmt; weiterhin von der Incensation der sogen. Reliquien Christi, des Crucifixes, des Evangeliums, des Altares, dann auch der Reliquien und Bilder von Heiligen, der zwölf Chrisamkreuze bei der Kirchweihe, endlich auch von der Incensation des Bischofs, des Celebranten, des am Gottesdienste betheiligten Clerus und Volkes. Weil diese Incensationen Ehrenerweise sind, so hat derjenige, welcher sie vornimmt, vor und nach denselben sich gegen die Person oder den Gegenstand zu verneigen, denen der honor incensi gilt. Die Incensation ist endlich auch ein Sacramentale zur Segnung und Heiligung von Personen, Sachen und Orten; als solches schließt sie sich in der Regel an die Aspersion mit Weihwasser an und wird in der Form des Kreuzes, meistens eines Gabelkreuzes (in medio, a dextris et a sinistris) vorgenommen. Bei der Altarweihe sollen die wiederholten Räucherungen in Verbindung mit der Lustration und Salbung, sowie das Verbrennen der eigens gesegneten Weihrauchkörner über den fünf Weihekreuzen das benedicere, sanctificare et consecrare der Opferstätte, welches in den Weihegebeten erfleht wird, bewirken. Weihekraft hat die Incensation über und um die Hostie und den Kelch bei dem Offertorium und die Räucherung der Glocke bei ihrer Segnung. Sie ist Lustration zur Läuterung und zur Fürbitte für die Verstorbenen, wenn sie über die Leiche, das Grab und die Tumba gemacht wird, wobei das Pater noster zu recitiren ist. In Deutschland ist ziemlich allgemein auch die Incensation der in das Grab eingesenkten Leiche, wozu ein beosnderer Gebetsspruch kommt, als eigener Act dem Beerdigungsritus eingefügt. Den einzelnen Incensationen kann übrigens die Bedeutung eines Actes der Verehrung oder aber einer Segnung nicht ausschließlich beigelegt werden; beide Bedeutungen greifen meist in einander, wie beispielsweise die Incensation des Altars, der Personen im Gottesdienst als Ehrenerweis, aber auch als Sacramentale aufgefaßt werden kann.

Weihrauch wird, ohne daß er verbrannt würde, nur in zwei Fällen in der Liturgie verwendet: in die Osterkerze werden bei ihrer Weihe am Charsamstage fünf gesegnete Weihrauchkörner in Kreuzesform eingefügt, wie zur Erinnerung an die Specereien, welche dem Leibe des Herrn im Grabe beigegeben waren. Sodann werden den Reliquien, die der Bischof für die Weihe von Altären oder Altarsteinen eigens verschließt und versiegelt, drei Weihrauchkörner als Zeichen der Verehrung beigelegt.

[K. Schrod.]


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